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Marta trägt ein großes Geheimnis in sich, von dem Lilo nichts weiß und das an Lilos siebzehntem Geburtstag gelüftet werden wird. Es hat etwas mit ihrem Vater zu tun, der nicht von dieser Welt ist. Marta hatte ihrer Tochter erzählt, dass der Vater schon sehr zeitig gestorben sei, also hatte das Mädchen in all den Jahren auch kaum Fragen über ihn gestellt. Doch das sollte sich bald ändern. Auch der neue Schüler Caspar hat etwas damit zu tun. Caspar gehört, wie Lilos Vater, zu den übersinnlichen Wesen und hat den Auftrag, Lilo auf die Wahrheit vorzubereiten. Dabei verliebt er sich in sie und sie sich in ihn. Als Lilo die Wahrheit erfährt, wird ihr Vertrauen zu ihrer Mutter und zu Caspar erschüttert, der sie in dem Glauben gelassen hatte, ein Mensch zu sein. Lilo erfährt nicht nur, dass ihr Vater lebt und wer er wirklich ist, sie muss sich auch entscheiden, wo sie in Zukunft leben will: Entweder sie geht mit ihrem Vater und Caspar oder sie bleibt bei ihrer Mutter und Ben auf der Erde. Wie wird Lilo sich entscheiden und hat die Liebe zwischen Caspar und ihr eine Chance?
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Seitenzahl: 173
Veröffentlichungsjahr: 2013
www.tredition.de
BIRGIT SUPPAN
Voices
Birgit Suppan wurde 1977 in Wien geboren und wuchs später mit ihren drei Geschwistern in Niederösterreich auf. Nach der Schulzeit war sie lange Zeit als Zahnarzt-Assistentin tätig, bis eine neue Lebenseinstellung, sie auf einen anderen Lebensweg leitete und sie die Leidenschaft zum schreiben entdeckte.
Der Ursprung dieses Romans liegt bereits in ihrer Kindheit. In den darauf folgenden Jahren, in denen sie durch Bücher, und Reisen in verschiedene Länder, das Glück hatte mehrere Kulturen kennen und lieben zu lernen, vervollständigte sich diese Geschichte und wurde zu diesem Roman.
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Für meinen Mann, der wichtigste Mensch und Wegbegleiter in meinem Leben.
Er hat mir gezeigt, dass man alles im Leben erreichen kann, wenn man fest daran glaubt.
Birgit Suppan
Voices
Roman
© 2013 Birgit Suppan
Lektorat, Korrektorat: Schreibwerkstatt.at Nr.33,
Doreen Westphal
Umschlaggestaltung : Herold Design
Fotograf: Manuel Polomini
weitere Mitwirkende: Christina Wohlmuth,
Jürgen Suppan
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN: 978-3-8495-4382-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
In einem kleinen Ort, in der Nähe von Wien, lebte ein Mädchen, das auf den Namen Lilo hörte. Lilo war ein sehr aufgewecktes und schönes Mädchen. Sie bewohnte mit ihrer Mutter und deren Partner ein kleines Haus, das an einen Wald grenzte.
Dieses Haus war wirklich sehr klein, eher ein Häuschen, aber für drei Personen reichte es. Außerdem wurde seine bescheidene Größe durch einige Besonderheiten wettgemacht.
Um zum Haus zu kommen, musste man nämlich durch eine verwunschene Allee von Kastanien gehen, die diesen Weg je nach Jahreszeit immer anders aussehen ließen – und jede Jahreszeit war etwas Wunderschönes, sagte Lilos Mutter immer. Die Kastanienallee war damals auch der Grund gewesen, warum sie dieses Haus unbedingt gewollt hatte. Als ob man in eine andere Welt gehen würde, hatte sie gemeint.
Lilo hörte ihrer Mutter, die übrigens Marta hieß, sehr gern zu, denn ihrer Meinung nach besaß sie ein besonderes Talent zum Erzählen. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Mutter einen Buchladen führte.
In diesem Laden fand sich eine umfangreiche Abteilung zu Mystik. Alles, was unter den Aspekt Mythos fiel, interessierte Marta: Außerirdische und vergangene Hochkulturen wie z. B. die Mayas oder Ägypten, aber auch verschiedene Glaubensrichtungen gehörten dazu.
Und natürlich war auch Lilo diesem Thema verfallen!
Aber weiter zum Haus.
Hatte man also die verwunschene Allee hinter sich gelassen, kam man an einen schmiedeeisernen Zaun mit dazu passendem Tor, das ziemlich verschnörkelt war und oben mit einem Halbbogen abschloss.
Wenn man das Tor öffnete, ging man vier mit Natursteinfliesen bedeckte Stufen hinauf. Das Haus selbst war ein altes Holzhaus, aus dunklen und breiten Brettern errichtet, und hatte diese typisch kleinen Kastenfenster, wie sie bei so alten Häusern üblich sind. Helle Holzrahmen umrandeten die Fensterchen und ihre tannengrünen Läden.
Betrat man das Haus, kam man in einen engen Flur. Rechterhand gelangte man über eine steile und knarrende dunkle Holztreppe in den oberen Teil des Hauses, mit drei Zimmern: dem Schlafzimmer von Marta und ihrem Partner Ben, Lilos Zimmer und dem gemeinsamen Bad. Im unteren Teil des Hauses breitete sich hinter dem Flur und einer kleinen Toilette ein wirklich nettes und gemütliches Wohnzimmer aus, das nur durch eine bunte Glasschiebetür von der Küche getrennt war, die im Landhausstil eingerichtet war, mit Möbeln aus Kiefernholz, so wie die meisten Möbel im Haus.
Etwas Besonderes waren noch die Kachelöfen. In jedem Raum befand sich einer und jeder sah anders aus. Heutzutage würden solche Öfen sicher ein Vermögen kosten, doch in früheren Zeiten waren sie die einzige Wärmequelle im Haus, im Winter unentbehrlich.
Das Häuschen passte einfach perfekt zu dieser Familie.
Lilo war 16 Jahre alt, ein Mädchen mit ungewöhnlich blauen Augen, azurblau, und dieses Blau durchliefen ganz feine, weißliche Schlieren. Fast konnte man meinen, Lilo hätte blauen Marmor in ihren Augen.
Sie war schlank und hochgewachsen, die Größte in ihrer Klasse. Ihre goldblonden Haare waren schulterlang. Sie war sehr beliebt, vor allem bei den Jungs, aber auch bei den Dorfbewohnern. Man kannte sie, seit die Mutter mit ihr als damals Dreijährige in die kleine Ortschaft gezogen war.
Lilo liebte ihr dörfliches Zuhause. Sie konnte es sich einfach nicht vorstellen, in einer Stadt zu leben, wo es ihrer Meinung nach zu wenig Natur und zu wenig frische Luft gab, dafür zu viel Gestank und Autolärm. Deswegen war sie der Überzeugung, dass sie da, wo sie war, genau am richtigen Platz sei.
Sie genoss ein sehr freies Leben, denn ihre Mutter hielt nicht viel von strenger Erziehung und so hatte sich zwischen ihnen eine innige Freundschaftsbeziehung entwickelt mit viel Vertrauen und ohne Geheimnisse.
Oberstes Motto von Marta war: Man kann über alles reden. Und so hielt sie es auch mit Lilo. Die konnte in der Tat alles mit ihrer Mutter besprechen. Auch für Marta war das natürlich von Vorteil, denn so wusste sie über das Leben ihrer Tochter Bescheid. Eine Freundschaftsbeziehung eben.
Lilo kam auch bestens mit Ben aus, dem langjährigen Lebensgefährten ihrer Mutter. Er mischte sich kaum in die Erziehung ein und versuchte auch nicht, die Vaterrolle zu übernehmen.
Da ihre Mutter kurze, braune Haare hatte und auch braune Augen, war Lilo der Auffassung, dass sie wohl ihrem Vater ähnlich sehen müsse, den sie leider nie kennen gelernt hatte, weil er gestorben war, als sie noch ein Baby war.
Marta war eine kleine und zierliche, jedoch sehr schrille Person. Sie kleidete sich besonders ausgefallen und hatte fast zu jedem Outfit den passenden Hut und Schmuck. Ihre Kleidung war eine Mischung aus den Kulturen, die sie schon besucht hatte, wie z. B. Guatemala, Spanien und Ägypten.
Ben war ein großer Mann. Er hatte langes, schwarzes Haar und ein kantiges Gesicht mit braunen, großen Augen … und: Er trug Indianerblut in sich, was sein Aussehen deutlich prägte. Seine Wurzeln waren ihm sehr wichtig und auch die Kultur seiner Vorfahren. Er besaß, so wie Marta, eine intensive spirituelle Ader.
Auch wenn beider Größe unterschiedlich war, ergänzten sie sich geistig und mental perfekt.
„Gring, Gring, Gring!“
„Der blöde Wecker“, hörte man Lilo verschlafen murmeln, während sie mit ihrer rechten Hand nach dem Lärmmacher tastete, um ihn abzuschalten. Sie blieb noch fünf Minuten liegen, um auch ihren Geist wach zu bekommen. Denn der brauchte immer etwas länger.
Als Lilo so dalag und an die Zimmerdecke starrte, die mit Sternbildern wie dem großen und kleinen Wagen verziert war, ging ihre Zimmertür leise auf.
Eine ruhige, gedämpfte Stimme flüsterte ihren Namen. Es war ihre Mutter.
„Lilo! Bist du wach?! Du musst aufstehen, sonst kommst du zu spät in die Schule!“
Lilo hob den Kopf und grinste ihre Mutter an.
„Ja, ich bin wach und komme auch gleich runter. Nur noch einen kleinen Moment.“
Marta nickte ihrer Tochter zu und ging wieder hinunter in die Küche, um das Frühstück fertig zuzubereiten. Ohne Frühstück ging ihr nämlich niemand aus dem Haus!
Währenddessen wälzte sich Lilo aus ihrem Himmelbett, das rundherum mit weißen Leinen bezogen war. Lilo war auf keinen Fall ein Morgenmensch. Ihre blauen Augen waren kaum zu sehen, so schwer waren sie vor lauter Müdigkeit aufzubekommen. So taumelte sie, noch halb verschlafen, ins Badezimmer, um sich zu waschen. Kaltes Wasser ins Gesicht war immer gut zum Munterwerden. Aber Lilo ging noch einen Schritt weiter und nahm jeden Morgen eine kalte Dusche, um das gewünschte Ergebnis schnell zu erreichen. Das wirkte immer! Der verlockende Kaffeeduft breitete sich bereits im ganzen Haus aus, er drang bis zu ihr ins Bad. Lilo trabte die Treppe hinunter und lief in die Küche.
Marta und Ben saßen schon am Frühstückstisch und warteten auf sie. Die erste Mahlzeit des Tages war die wichtigste, fand Lilos Mutter, und deswegen war der Tisch gedeckt wie für ein Festmahl. Es gab alles, was das Herz begehrte: Toast, weichgekochte Eier, Wurst, Käse, Obst …. Kaffee und frisch gepresster Orangensaft durften natürlich auch nicht fehlen.
„Guten Morgen, Vietnam“, rief sie und lachte.
Marta schüttelte den Kopf: „Du bist vielleicht ein verrücktes Huhn, Mädchen!“
Ben sah Marta an und lachte: „Naja, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“
Während Lilo sich einen Kaffee einschenkte, schaute sie verwegen zu ihrer Mutter. „Siehst du Mutti, ganz deine Tochter, nur in blonder Ausführung!“
„Na, da bin ich ja beruhigt“, erwiderte Marta und gab ihrer Tochter einen leichten Klaps auf den Hintern.
„Und, Lilo“, fragte Ben, „hast du dir schon überlegt, was wir an deinem siebzehnten Geburtstag unternehmen wollen!?“
„Nein! Da habe ich doch noch Zeit“, stammelte Lilo, während sie ein weichgekochtes Ei verputzte. „Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt etwas unternehmen möchte. Ist ja nur der siebzehnte Geburtstag. Nichts Besonderes. Dafür lass ich es dann zu meinem Achtzehnten so richtig krachen“, fügte sie lächelnd hinzu und steckte sich noch ein Stück Nektarine in den Mund.
Lilos Mutter wurde jedes Mal, wenn Lilo über ihren Geburtstag sprach, traurig. Als ob sie es eigentlich gar nicht wollte, dass Lilo älter wurde und eventuell einmal ihr Zuhause verlassen würde. Vor Lilo und Ben verbarg sie aber ihr Unbehagen, denn sie wollte nicht, dass die beiden davon etwas mitbekamen.
Jetzt hüpfte Lilo von ihrem Stuhl.
„So, ich muss los, sonst komme ich noch zu spät in die Schule“, grinste sie ihre Mutter an, „und das wollen wir doch nicht.“
„Nein, das wollen wir nicht“, erwiderte Marta lächelnd und reichte ihrer Tochter die Jeansjacke.
Lilo liebte alles, was mit Jeansstoffen zu tun hatte. So war jede Hose in ihrem Schrank eine Jeans, und zwar in jedem Design: klassisch, verwaschen oder zerrissen, dazu jeweils in langer und in kurzer Ausführung. Auch mehrere Jeansjacken besaß sie. Sogar ihre Schuhe, die sie sich in letzter Zeit immer selber nähte, waren aus Jeansstoff.
Kaum hatte sie ihre Schuhe an, rannte Lilo hinaus und schwang sich auf ihr rot-silbernes Fahrrad. Auf dem Rücken ihren Schulrucksack, natürlich auch aus Jeansstoff, radelte sie los. Richtung Schule.
Marta schaute ihr noch nach, wie sie durch die Baumallee flitzte, und ging dann wieder ins Haus, um sich auch für die Arbeit fertig zu machen.
Als Lilo die Allee hinter sich gelassen hatte, radelte sie noch etwa zehn Minuten auf einer Landstraße entlang, die nur von Feldern umgeben war. Das genoss sie immer besonders auf ihrem morgendlichen Weg in die Schule. Die Ruhe vor dem Sturm sozusagen. Es dauerte nicht lange, bis sie das Dorf, in dem auch die Schule stand, erreichte.
Heute war ein besonderer Tag.
Ein neuer Schüler sollte in die Schule kommen. Alle waren schon sehr neugierig, wie er aussehen würde. Vor allem die Mädchen. In einer so kleinen Ortschaft kam es nicht allzu oft vor, dass ein neuer Schüler in die Schule kam. Fast so etwas wie ein kleines Weltwunder.
Lilos Freunde, Emely, Tim und Sandra, warteten vor der Schule schon auf sie.
Emely war Lilos beste Freundin. Die beiden waren schon im Kindergarten unzertrennlich gewesen. Tim und Sandra waren in der Grundschule dazukommen.
Emely hatte welliges, rotes, langes Haar. Ihr porzellanartiges Gesicht war mit lauter kleinen Sommersprossen bedeckt und ihre Augen waren grün. Sie war von zierlicher Gestalt und wirkte dadurch sehr zerbrechlich. Aber der Schein trügte, denn jeder, der sie besser kannte, wusste, dass sie einen, wenn sie wütend wurde, mit ihrer Schlagfertigkeit in Grund und Boden reden konnte. Emely hatte anders als Lilo nicht so eine lockere Kindheit gehabt. Ihre Eltern waren sehr streng und lebten Emelys Meinung nach teilweise noch im vorigen Jahrhundert. Deswegen suchte sie sooft sie konnte Zuflucht bei Lilo, die sie um ihr Zuhause beneidete und auch um ihre Mutter und um Ben, was sie gar nicht oft genug zum Ausdruck bringen konnte.
Tim und Sandra waren Zwillinge. Doch wenn man das nicht wusste, kam man nie drauf. Die beiden sahen sich nämlich überhaupt nicht ähnlich. Das Einzige, was beide gemeinsam hatten, war ihr Geburtstagsdatum.
Sandra war ein ruhiges, leicht molliges Mädchen mit braunen Haaren, die ihr bis zum Kinn reichten, und grüngrauen Augen. Tims Haare waren blond und gelockt, wie bei einem Engel, er hatte blaugraue Augen und war groß und sehr schlank, so schlank, dass man ständig das Bedürfnis verspürte, ihm etwas zu essen zu geben. Besonders Lilos Mutter bewirtete Tim immer reichlich, wenn er bei ihnen zu Besuch war.
Sandra war, wie gesagt, eine ruhige Person, während Tim sehr temperamentvoll war und also meistens das Sagen hatte bei den beiden. Das wäre sein Recht, meinte er, weil er vor seiner Schwester das Licht der Welt erblickt hatte und damit der Ältere war. Auch wenn es sich dabei nur um ein paar Minuten gehandelt hatte. Sandra ließ ihren Bruder gewähren, machte aber trotzdem, was sie wollte.
Lilo sah die drei schon von weitem auf der Treppe vor der Schuleingangstür sitzen und warten. Sie winkte ihnen und legte mit ihrem Fahrrad noch einen Zahn zu.
„Guten Morgen! Wartet ihr schon lange auf mich?!“, fragte sie, als sie bei ihren Freunden ankam.
„Nein, erst seit gestern, du Schnecke“, scherzte Emely grinsend.
Lilo lachte ihrer besten Freundin zu: „Na, du bist aber lustig, du Scherzkeks!“
Tim und Sandra schüttelten den Kopf: „Was sich liebt, das neckt sich“, tönten sie fast im Chor.
Tim sah Emely und Lilo an, trat einen Schritt zurück und fragte scherzhaft: „Und ihr zwei seid sicher, dass ihr nicht lesbisch seid!?“
Der Schritt war aber eindeutig nicht groß genug, denn schneller, als er schauen konnte, hatte er von beiden, und zwar links und rechts, einen Klaps auf seinen blondgelockten Hinterkopf bekommen.
Sandra krümmte sich vor Lachen und sah zu Tim, konnte aber vor Lachen kaum reden: „Na, du Hahn im Korb! Wird Zeit, dass du spurst, sonst kann’s passieren, dass du noch richtig eine abbekommst!“
Während alle vier so vor sich hinscherzten, rollte ein dunkelblauer Mercedes heran. Der Wagen blieb vor der Schule stehen und die hintere Autotür öffnete sich.
Ein hochgewachsener Junge mit langen, brünetten Haaren stieg aus dem Wagen. Er hatte eine Sonnenbrille auf und war ziemlich lässig gekleidet. Als er an ihnen vorbeistolzierte, grinste er Lilo mit einem breiten Lächeln an und nickte ihr freundlich zu.
Lilo machte große Augen. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Schließlich kannte sie diesen frechen Kerl nicht. Emely gab Lilo einen leichten Stoß und sagte: „Das ist sicher der Neue! Wow, der sieht ja richtig gut aus! Kommt wir gehn in die Klasse, dann werden wir’s ja gleich wissen.“
Die vier machten sich auf den Weg Richtung Klasse und setzten sich auch sofort auf ihre Plätze. Tim saß mit seiner Zwillingsschwester zusammen und Lilo mit Emely.
Die meisten Jugendlichen waren schon da. Auch Dagmar, die viele für eine verwöhnte, eingebildete Tussi hielten. Sie hatte eine super Figur, ihre Haare waren schwarz und reichten ihr bis zum Hintern. Dagmars Eltern waren stinkreich und deswegen glaubte sie, ihr gehöre die ganze Gemeinde mit all den Bewohnern, besonders der Jugend darin. Sie hatte das Sagen in der Klasse und kaufte sich ihre Freunde. Wenn einer aus der Reihe tanzte, dann hatte der nichts zu lachen. Das war auch der Grund, warum sie und Lilo nicht miteinander auskamen, denn Lilo und ihre Freunde ließen sich so einen Unsinn nicht gefallen und ordneten sich dieser Dagmar-Diktatur einfach nicht unter.
Doch das war nicht der einzige Grund für Dagmars Abneigung Lilo gegenüber: Lilo war von den beiden die weitaus Hübschere und hatte eine viel größere und positivere Ausstrahlung. Das ärgerte Dagmar natürlich ungemein, denn Ausstrahlung ließ sich nicht kaufen.
Lilo wusste Bescheid über Dagmars Ärger und es schmeichelte ihr irgendwie. Sie war auch der Meinung, dass man sich die wichtigen Dinge im Leben nicht kaufen konnte.
Nach und nach füllte sich die Klasse.
Und da stand er plötzlich vor der Tafel, der Neue, und schaute seine Mitschüler durch seine Sonnenbrille hindurch an. Herr Krammer, der Klassenlehrer, bat ihn, sich vorzustellen und die Sonnenbrille abzunehmen, was der Neue auch tat. „Mein Name ist Caspar Weiss und ich bin Austauschschüler aus Kapstadt, Südafrika. Meine Eltern sind Österreicher und waren der Meinung, ich sollte einmal in meinem Leben sehen, wo meine Wurzeln sind.“
Lilo glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als sie plötzlich feststellte, dass Caspar die gleiche Augenfarbe hatte wie sie! Auch diese ungewöhnliche blaue Marmorfarbe. Und sie war offensichtlich nicht die Einzige, der das aufgefallen war: Die ganze Klasse, samt Lehrer, hatte es bemerkt. Alle starrten Lilo und Caspar verwundert an, als wären sie Aliens.
Lilo war das furchtbar peinlich. Sie hasste es, im Mittelpunkt zu stehen, und so senkte sie ihren inzwischen rot gewordenen Kopf.
Emely wandte sich ihr zu: „Seid ihr zwei verwandt?“ Lilo schüttelte wortlos den Kopf: „Nicht dass ich wüsste, und hör auf damit, es reicht schon, dass alle so komisch schauen!“
Währenddessen hatte sich Caspar auf den einzigen freien Platz in der Klasse gesetzt, und der war ausgerechnet hinter Lilos und Emelys Bank.
Lilo bekam an diesem Tag nicht sehr viel vom Lernstoff mit. Sie hoffte nur, dass der Unterricht bald vorüber wäre.
Als die Glocke endlich läutete, hüpfte Lilo ohne nach links und rechts zu schauen von ihrem Platz und stürmte aus der Schule. Sie stieg auf ihr Fahrrad und raste wie auf der Flucht zum Buchladen ihrer Mutter.
Am Nachmittag half Lilo ihrer Mutter immer im Laden aus. Sie war zuständig für die Geschichten, die sie den Kindern in der Märchenstunde vorlas. Es kamen regelmäßig sehr viele Kinder, um Lilo zuzuhören, denn das Vorlesen beherrschte sie genauso gut wie Marta.
Wenn Lilo Geschichten vorlas, hatte man das Gefühl, live dabei zu sein. Die Märchen, die sie vorlas und erzählte, waren nicht die typischen Geschichten. Es waren Märchen aus allen Kulturen der Welt. Am meisten verlor Lilo sich in den alten Indianermärchen, in denen das Gleichgewicht der Welt im Vordergrund stand. Wie beispielsweise das Märchen, als die Tiere beschlossen, den Menschen zu helfen ihren Platz auf der Erde zu finden und zu überleben.
„Hallo, mein Kind“, begrüßte Marta ihre Tochter. „Wie war die Schule heute? Und ist der Neue gekommen? Neugierde befriedigt?!“
Lilo erwiderte etwas gereizt: „Ja, ist er! Aber so interessant ist das auch wieder nicht und außerdem habe ich keine Zeit, mich mit dir darüber zu unterhalten. Nicht böse sein, aber ich muss noch eine Geschichte heraussuchen, die ich den Kindern heute vorlesen möchte.“
