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Ausgerechnet tiefster Schwarzwald - geht's noch? Das bedeutete für meinen Bruder und mich einen Sommer am A.... der Welt. Und es kam noch schlimmer. Wir machten dort nämlich keinen Urlaub, sondern zogen für immer ins letzte Kaff. Ganze 23 Häuser. Der Ortskern: ein Zigarettenautomat! In einer Sache waren Jan und ich uns ausnahmsweise einmal einig: Wir wollten zurück nach Düsseldorf in unser altes Leben. Sofort! Einen Plan hatten wir auch. Nämlich so lange rumzunörgeln, bis unsere Eltern genervt einknickten und wir wieder in die Großstadt durften. Doch ständig schlechte Laune zu haben, kann einen auf Dauer ganz schön nerven. Und eigentlich waren manche Leute im Dorf ja auch ganz nett. Besonders dieser Chrissi, die muskelbepackte Sportskanone mit dem Beliebte-Leute-Lächeln. Ob ich bei dem eine Chance haben würde? Immerhin fahre ich Treppenlift statt Vespa. Das sagt alles, oder? Ich finde mein Leben gerade jedenfalls echt voll behindert, Alter! Fazit: Ein überraschend witziger Jugendroman übers Loslassen und Ankommen. Für alle mit Lust auf Porzellankatzen, Lagerfeuer, wilde Kühe, Eimersaufen und allem, was dazugehört. Bonus: Ausführliches Begleitmaterial mit Aufgaben und Übungen zu Inhalt und Themen wie Liebe, Selbstfindung, Inklusion und Diskriminierung Auch zum Einsatz im schulischen Kontext + Kurzfassung und Begleitmaterial in Großdruck und einfacher Sprache Sammle Punkte auf Antolin.de Ein Buch vom Verlag edition riedenburg, Salzburg Alle unsere Bücher findest du auch im Internet.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für meine innig geliebten Kinder und den besten Mann: meinen.
DAS BUCH IN GANZER LÄNGE
Kapitel 1: Porzellankatzen-Probleme
Kapitel 2: Was so läuft – oder eher fährt
Kapitel 3: Der Anfang – Ich will nicht umziehen
Kapitel 4: Die Fahrt – Glotzen, bis das Licht ausgeht
Kapitel 5: Das neue Haus – Fernblick und Heimweh
Kapitel 6: Zeit, „Scheiße!“ zu schreien
Kapitel 7: Winken, bis der Bus kommt
Kapitel 8: Das lahmste Fahrgeschäft der Welt
Kapitel 9: Eimersaufen auf dem Bauernhof
Kapitel 10: Kalter Bach und coole Jungs
Kapitel 11: Feuerstahl braucht jeder mal
Kapitel 12: Zopf gegen Nacktschnecke
Kapitel 13: Eine Bootsfahrt, die ist lustig
Kapitel 14: Der Regenbogenfluorit
Kapitel 15: Das Konzert – Polieren, bis es glänzt
Kapitel 16: Glückskekse
Kapitel 17: Die Prinzessin am Wasserfall
Kapitel 18: Brücken bauen
Kapitel 19: Porzellankatzen und Hinkefüße
Kapitel 20: Lesen, lesen und nochmal lesen
Kapitel 21: Beinahe eine Porzellankatze
Kapitel 22: Das Rennen meines Lebens
Kapitel 23: Zu doof für eine alleine
Kapitel 24: Tränen lügen nicht
Kapitel 25: Heubodenfest und Eimersaufen
Kapitel 26: Neue Schule, neues Glück
BEGLEITMATERIAL
ÜBUNGEN IM KLASSENVERBAND
1. Warme-Dusche-Spiel
2. Personen raten
3. Gefühle-Memory
4. Stärken-Tabelle
Rezept „Emilys Spezial-Stockbrotteig“
DAS BUCH IN EINFACHER SPRACHE
Kapitel 1: Porzellan-Katzen-Probleme
Kapitel 2: Was so läuft – oder eher fährt
Kapitel 3: Der Anfang – Ich will nicht umziehen
Kapitel 4: Die Fahrt – Glotzen, bis das Licht ausgeht
Kapitel 5: Das neue Haus – Fern-Blick und Heim-Weh
Kapitel 6: Zeit, „Scheiße!“ zu schreien
Kapitel 7: Winken, bis der Bus kommt
Kapitel 8: Das lahmste Fahr-Geschäft der Welt
Kapitel 9: Eimer-Saufen auf dem Bauernhof
Kapitel 10: Kalter Bach und coole Jungs
Kapitel 11: Feuer-Stahl braucht jeder mal
Kapitel 12: Zopf gegen Nackt-Schnecke
Kapitel 13: Eine Boots-Fahrt, die ist lustig
Kapitel 14: Der Regenbogen-Fluorit
Kapitel 15: Das Konzert – Polieren, bis es glänzt
Kapitel 16: Glücks-Kekse
Kapitel 17: Die Prinzessin am Wasser-Fall
Kapitel 18: Brücken bauen
Kapitel 19: Porzellan-Katzen und Hinke-Füße
Kapitel 20: Lesen, Lesen und nochmal lesen
Kapitel 21: Beinahe eine Porzellan-Katze
Kapitel 22: Das Rennen meines Lebens
Kapitel 23: Zu doof für eine alleine
Kapitel 24: Tränen lügen nicht
Kapitel 25: Heu-Boden-Fest und Eimer-Saufen
Kapitel 26: Neue Schule, neues Glück
Wer hat‘s erfunden? Über die Autorin
Also, ich weiß gar nicht genau, wie ich anfangen soll. Na ja, vielleicht musst du das Buch für die Schule lesen. Oder du bist einfach neugierig. Willst wissen, was für ein Buch das ist, wie ich lebe und was so los ist.
Oder irgendeine Tante war zu Besuch und hat dir das Buch mitgebracht und nun weißt du nicht, ob du es lesen sollst oder nicht. Kann auch sein. Von alten Tanten kriegt man manchmal komisches Zeug. Ich habe mal eine Porzellankatze bekommen. Nicht so schlimm, denkst du jetzt.
Da habe ich schon Blöderes bekommen, denkst du vielleicht auch. Klar, kann sein.
Ich habe, als ich die Porzellankatze bekommen habe, einen Riesenfehler gemacht. Weil ich nicht mit den Folgen gerechnet habe. Ich habe nämlich nicht nur „Danke!“ gesagt, sondern auch „Ich mag Katzen.“
Es stimmt, ich mag Katzen. Aber ich hätte das nicht sagen sollen. Meine Tante verstand nämlich: „Ich mag PORZELLANkatzen.“ Und seitdem bekomme ich jedes Mal, wenn sie kommt, eine Porzellankatze von ihr. Jetzt habe ich schon siebzehn Stück.
Und es werden immer mehr!
Neulich hat mir sogar meine Mutter eine mitgebracht. „Die sammelst du doch“, meinte sie zu mir und stellte sie lächelnd zu den anderen sechzehn ins Regal. Stell dir das mal vor! Im Bücherregal in meinem Zimmer stehen siebzehn Porzellankatzen vor den Büchern. Jeder der zu mir kommt, muss denken, ich sei voll behindert. Also im Sinne von bescheuert. Das Teekesselchen zu behindert, wie behindert.
Das bin ich leider auch noch. Voll behindert. Was? Fragst du jetzt. Voll behindert, Alter? Was soll denn die Scheiße? Nee! Das meine ich nicht! Nicht voll behindert, Alter! Sondern ich bin voll behindert. Schwerbehindert sagt man auch im Amtsdeutsch. Und, als ob das nicht reichen würde, denken alle, die in mein Zimmer kommen, dass ich Porzellankatzen sammle. Peinlich!
Jetzt willst du wahrscheinlich wissen, wie behindert ich wirklich bin und so. Na gut. Ich fange mal an. Falls du jemals zu mir zu Besuch kommen solltest, musst du mir versprechen, dass du mir keine Porzellankatze mitbringst. Am besten guckst du nicht mal die Katzen im Regal an, dann kann ich mir vorstellen, du hättest sie übersehen. Außer du magst Porzellankatzen und sammelst die in Echt. Dann schenke ich dir alle meine Katzen und verspreche, dass ich dein dunkles Geheimnis – die Porzellankatzen-Sammelleidenschaft – für mich behalte.
So, jetzt endlich: Hallo! Mein Name ist Mia. Ich bin fünfzehn Jahre alt. Auch, wenn es so aussieht: Ich sammle keine Porzellankatzen. Ich gehe in die zehnte Klasse der Joshua Juchri Gesamtschule hier in der Nähe von Marienberg.
Also, ich gehe nicht wirklich zur Schule. Das heißt: Ich gehe natürlich schon zur Schule, nur ich fahre eben meistens dorthin. Weil ich kaum laufen kann. Wer sagt denn heute noch „Ich besuche die zehnte Klasse der Joshua Juchri Gesamtschule ...“? Niemand. Außer in einer Bewerbung für ein Praktikum vielleicht.
Naja, egal.
Jedenfalls sitze ich im Rollstuhl, wie man so sagt. Obwohl das Quatsch ist. Natürlich sitze ich zwischendurch im Rollstuhl, weil ich nicht frei laufen kann, doch ich sitze ja nicht immer im Rollstuhl. Ich sitze auch mal auf dem Sofa, liege im Bett oder im Garten auf der Wiese. Im Sommer natürlich. Im Winter nicht.
„Ich sitze im Rollstuhl.“
Das hört sich so an, als würde ich nichts anderes machen. Einfach nur immer im Rollstuhl sitzen und Porzellankatzen sammeln.
Eigentlich müsstest du dann sowas wie: „Hallo, ich heiße Anna und ich gehe zu Fuß.“ sagen, falls du laufen kannst.
Und das sagst du bestimmt nicht, wenn du dich vorstellst.
Wahrscheinlich heißt du auch gar nicht Anna. Das war nur ein Beispiel. Du verstehst mein Problem trotzdem, oder?
Von mir erwartet man, dass ich sage: „Hi, ich bin Mia, ich sitze im Rollstuhl.“ Niemand erwartet, dass jemand sagt: „Hi, ich bin Julian und ich gehe zu Fuß.“ Das wäre verrückt. Klar. Wieso muss ich das dann so sagen, das mit dem Rollstuhl? Ich könnte natürlich auch sagen: „Hallo, ich bin Mia, und zur Fortbewegung nutze ich außer Haus meist einen Rollstuhl, da mir das freie Laufen behinderungsbedingt nicht möglich ist.“ Das wäre auch irgendwie bekloppt.
Ich finde, eigentlich muss ich gar nichts sagen, weil jeder den Rollstuhl unter meinem Hintern sieht und dann Bescheid weiß. Außer ein Blinder natürlich. Dem würde ich schon sagen, dass ich im Rollstuhl sitze, damit er nicht dagegen rennt.
Wahrscheinlich würde der Blinde dann sagen: „Wieso soll ich gegen deinen Rollstuhl rennen, nur weil ich blind bin? Dann würde ich gegen alles andere auch rennen. Tue ich aber nicht. Ich habe doch meinen Blindenstock.“
Und das würde auch stimmen.
Ich glaube, ich würde es trotzdem sagen. Dann wüsste der Blinde, dass ich auch behindert bin. Es fühlt sich nämlich manchmal wirklich blöd an, die einzige Person mit Behinderung im Raum zu sein. Da wird man echt beglotzt. Sollte mir je das Taschengeld ausgehen, kann ich mich garantiert gegen Geld beglotzen lassen.
Findest du bescheuert? Ich auch. So glotzen die Leute einfach gratis. Ist auch nicht besser. Die meisten machen das wahrscheinlich gar nicht extra. Die sehen mich und denken dann so etwas, wie „Das arme Kind!“ oder „Was sie wohl hat?“ oder „Ich muss meine Cousine mal wieder anrufen.“
Und glotzen dabei in Gedanken weiter.
Mein Vater meint, dass mindestens die Hälfte der Leute „Boah, was für ein hübsches Mädchen!“ denkt. Ich glaube das nicht. Ich versuche schon, gut auszusehen. Ich meine, ich bin fünfzehn und ich möchte irgendwann mal einen Mann, Kinder, ein Haus und einen guten Job haben und so. Ganz normal eben. Du willst doch auch nicht für immer allein sein, oder? Eben!
Wo war ich? Ich quatsche zu viel. Sorry. So bin ich halt. Kann ich nichts gegen machen. Mia, fünfzehn, Rollstuhl. Genau. Ich habe eine Spastik. Irgendwann hat mein Hirn zu wenig Sauerstoff bekommen. Dabei ist einiges kaputt gegangen. Trotzdem hatte ich Glück: Ich kann mich bewegen, nur eben nicht so gut. Meine Beine sind am schwersten betroffen. Meine Arme und Hände sind ziemlich gut. Ich kann sogar schreiben. Meine Schrift ist allerdings so hässlich, dass ich eigentlich nur Ärztin oder SoWi-Lehrerin werden kann. Mal sehen.
Lehrerin fände ich gar nicht so schlecht. Drei Monate Ferien im Jahr! Da brauche ich natürlich Abi. Ob das klappt? Keine Ahnung. Meine Noten sind so mittelmäßig. Ich bin eher faul. Obwohl, eigentlich stimmt das nicht. Ich strenge mich schon richtig an, damit ich alles irgendwie schaffe. Nur will ich nicht, dass das alle merken. Falls ich dann was nicht schaffe, denken die anderen, dass ich einfach zu faul war und nicht zu doof.
Faul ist besser als doof! Weil man könnte, wenn man wollte. Bei den anderen sieht alles immer so leicht aus. Die lernen bestimmt nicht wie bekloppt. Oder?
Ob die das auch von anderen denken? Wer weiß!
In der Schule, in Deutsch, schreiben wir natürlich auch Aufsätze und Interpretationen und so ein Zeug. Ich darf die Texte dann auf dem Tablet tippen, weil ich nur so lahm schreiben kann.
Ja, okay. Und weil meine Schrift so hässlich ist.
Darum geht es jetzt nicht. Ich wollte eigentlich was anderes. Ich meine, ich weiß schon, dass eine Geschichte einen Anfang, einen Höhepunkt, ein Ende und vorher so eine aufgebaute Spannung haben muss. Klimax und so. Jetzt hast du schon ein paar Seiten gelesen und bisher: nichts als Gelaber!
Ich weiß. Sorry. Ich quatsche eben gerne. Du willst, dass das Buch endlich richtig anfängt oder hier zu Ende ist?
Verstehe ich.
Ich wollte halt nur, dass du weißt, wer ich so bin, bevor es richtig losgeht. Damit du alles richtig verstehst. Weil das, was ich so erlebt habe, das ist wirklich krass. Mal krass lustig, mal krass scheiße und manchmal wirklich nur richtig krass.
Wenn ich einfach sofort begonnen und drauflosgeschrieben hätte, läge das Buch jetzt vielleicht schon im Müll. Dann hätte ich vielleicht so begonnen:
Heute war einfach nichts los. Totale Langeweile! Mia, 15, versuchte, sich ein Buch aus ihrem Bücherregal zu nehmen. Sie schob ihre siebzehn Porzellankatzen zur Seite und griff nach ihrem Lieblingsschmöker. Er war nach hinten, ganz an die Wand, gerutscht. Mia legte die Bremsen ein, stützte sich mit der linken Hand am Handlauf ihres Rollstuhls ab und drückte sich nach oben. Geschafft! Sie schlug das Buch wahllos auf, denn sie konnte überall zu lesen beginnen. Mindestens zwanzigmal hatte sie ihr Lieblingsbuch schon gelesen ...
Fürchterlich! Nicht mit mir. Nee! So kann man echt nicht anfangen. Habe ich zum Glück auch nicht.
Das ist also die Geschichte von mia – Ähhh. Schlechter Witz. Okay. Das ist also die Story von mir, Mia, fünfzehn, behindert.
Alles fing damit an, dass mein Vater befördert wurde. Eigentlich eine tolle Sache. Fast doppelt so viel Gehalt wie vorher.
Super! Eigentlich. Denn für die Beförderung mussten wir umziehen. Von der Stadt aufs Land. Von Düsseldorf nach Marienberg. Ein winziges Kaff in Baden-Württemberg. So klein, dass man es auf Google Earth kaum sieht.
Man muss echt ranzoomen wie bekloppt, bis man die 23 Häuser sehen kann. Es gibt auch keine Straßennamen. Der Ort ist die Straße. Es gibt nur Marienberg 1 bis 23. Die sind auch noch durcheinander, weil das erste Haus, das gebaut wurde, einfach die Nummer „1“ bekommen hat und dann immer so weiter. Ganz egal, wo die nächsten Häuser gebaut wurden.
Tja, meine Eltern haben Haus Marienberg Nummer 7 gekauft. Direkt im „Ortskern“. Das heißt, zwischen dem Zigarettenautomaten und der Kapelle. Pünktlich zu Beginn der Sommerferien sollte der Umzug starten. Das war das einzig Gute. Vielleicht.
Weil nämlich die Ferien in Baden-Württemberg später anfangen als die in NRW, erwarteten mich ganze zehn Wochen Ferien. Zehn Wochen können unheimlich lang oder echt unheimlich lang sein. Du verstehst den Unterschied, oder? Ich klammerte mich also an das bisschen Hoffnung auf unheimlich lange Ferien.
„Mia, das Haus in Marienberg wird dir bestimmt gefallen. Du hast ein ganz tolles Zimmer im Gartengeschoss. Von dort aus kannst du direkt auf deine eigene kleine Terrasse fahren. Das wird super!“, sagte Papa und schleppte ungefähr den hundertsten Umzugskarton an mir vorbei zum Lastwagen.
Böse blickte ich ihm hinterher.
Als ob! Ich war mir sicher, mitten in der Pampa zwischen Kuhfladen und Einöde, da würde es mir bestimmt nicht gefallen.
Niemals!
Jan wollte auch nicht umziehen. Sonst sind wir praktisch nie einer Meinung. Mein großer Bruder ist ein blöder Hund. Mit seinen Muckis und seinem Surfertyp-Lächeln. Der tut immer so, als sei ich ein Baby. Dabei bin ich nur zweieinhalb Jahre jünger als er.
Einmal musste er mich mit ins Kino nehmen, als er mit seinen Freunden losziehen wollte. Mama meinte, ich sollte auch mal raus. An mir lag das echt nicht. Seitdem nennt er mich liebevoll seinen „Klotz am Bein“. Arschloch!
Naja, jedenfalls wollte Jan wirklich genauso wenig umziehen wie ich. Also haben wir ausnahmsweise zusammengehalten und gemeinsam gebettelt und gejammert.
Geholfen hat es nichts.
Von wegen „Geld ist nicht alles“! Wenn Papa und Mama das gerafft hätten, hätten sie die Bude in Marienberg nie gekauft. Jan und ich durften nicht mal mit aussuchen. In einer Nacht-und-Nebel-Hauruck-Aktion haben sie das Haus gekauft.
„Ein echter Glücksfall!“, fand Mama.
Weil ein Arbeitskollege von Papa da wen kannte, der wusste, dass da einer in Marienberg das Haus seiner toten Tante verkaufen wollte.
Na super! Und dann war die Tante auch noch uralt gewesen und hatte deshalb einen Treppenlift durchs ganze Haus gehabt. Genau das richtige für mich. Wenn das kein Zeichen war!
Mama und Papa waren jedenfalls total begeistert. Jan und ich nicht. Wieso auch?
„Jan?“, rief Mama. „Wo bist du? Wir brauchen dich! Du musst uns tragen helfen.“
Nichts. Keine Reaktion.
„Jaaan! Komm runter!“, schrie nun auch Papa.
„Bin auf dem Klo!“, kam da eine gedämpfte Stimme von oben.
„Nee, oder?“ Papa schüttelte genervt den Kopf.
„War ja klar!“, meckerte Mama.
Eine Viertelstunde und unzählige Kisten später kam Jan dann doch noch vom Klo.
Papa zeigte auf eine Kiste. „Da! Und sei vorsichtig, die ist sauschwer. Vielleicht nimmst du dir lieber ein Hündchen.“
Ein Hündchen, ist so eine Art Rollbrett zum Transport von schweren Sachen. Kein echtes, armes Hündchen. Nur, damit du es weißt. Meine Eltern sind manchmal bekloppt. Doch nicht so sehr, dass sie ihre Umzugskartons von Hunden schleppen lassen. Dafür haben sie Jan, den dummen Hund.
Jan murmelte irgendwas Unfreundliches und machte sich auf zum Schuppen. Ein Hündchen, also Rollbrett, suchen. Es dauerte und dauerte. Jan ließ sich Zeit. Er wollte nicht umziehen.
Schließlich kam er wieder in den Flur. Ohne Hündchen. Dann ging er zum Karton und hob ihn versuchsweise an. Er war wirklich sauschwer. Jan setzte den Karton stöhnend ab und schaute sich suchend um. Sein Blick fiel auf mich. Er lächelte plötzlich.
„Nein!“, sagte ich fest. „Auf gar keinen Fall! Vergiss es!“
Jan packte den Karton und wuchtete ihn auf meinen Schoß. Dann schob er den Rollstuhl mit der Kiste, die mich langsam zerquetschte, ganz entspannt zum Umzugswagen.
Als Papa ihn entgeistert anschaute, zuckte Jan nur mit den Schultern und meinte: „Mia wollte unbedingt helfen.“
„Du *****!“, dachte ich mir.
Statt das laut zu sagen, lächelte ich gequält und säuselte: „Ja, ich möchte ganz schnell nach Marienberg. Da habe ich Jan dann ganz für mich alleine. Das wird bestimmt toll, Brüderchen! Oder?“
Wenn Blicke töten hätten können, wäre die Geschichte bereits an dieser Stelle zu Ende gewesen. Passiert ist zum Glück nichts.
Nach Stunden der Packerei, in denen mein blöder Bruder mich immer wieder als rollende Unterstützung für schwere Kisten benutzte, waren wir endlich fertig. Unser gesamtes Hab und Gut war ordentlich im Laster verladen.
„Bereit?“, fragte Papa. „Dann kann es ja losgehen.“
Wir waren nicht bereit.
Das war egal.
„Das war nur eine rhetorische Frage!“, meinte Papa und fügte achselzuckend hinzu: „Es nützt alles nichts, das Haus hier ist verkauft. Uns bleibt nur das neue Haus in Marienberg.“
„Das wird bestimmt ganz toll! Die Natur, die gute Luft und der Schnee im Winter!“, versuchte Mama, die Stimmung zu retten.
„Als ob!“, brummte ich unwillig.
Papa legte die Bremsen an meinem Rolli ein, löste den Gurt und hob mich ins Auto. Da saß ich nun widerwillig und musste mit. Papa stieg in den Laster, den er extra für den Umzug gemietet hatte. Dreimal war er an den vergangenen Wochenenden schon mit Mama hin- und hergefahren. Das hier war nun die letzte Fuhre.
Mama und Jan stiegen zu mir ins Auto.
Dann ging es wirklich los.
Ich war irgendwie total aufgeregt, weil ich nicht wusste, was uns erwarten würde. Ich wusste nur: Ich fahre jetzt in ein Kaff am A der Welt und da muss ich dann leben. Ob es mir passt oder nicht.
Genervt schaute ich aus dem Fenster und sah die Welt eilig vorbeifliegen. Bald kam mir nichts mehr bekannt vor. Alles war fremd. Sogar die Bäume am Fahrbahnrand. Immer mehr Kiefern, dann Tannen und Fichten.
Die Landschaft wurde hügeliger. Im Rückspiegel konnte ich Papa am Steuer des Umzugswagens sehen. Wie festgeklebt hing er praktisch an unserer Stoßstange. Aus dem Radio trällerte irgendeine bescheuerte Lala-Melodie.
„Mach das aus!“, stöhnte ich. „Können wir nichts Vernünftiges hören?“
„Klar. Können wir“, Jan nickte und verband sein Handy über Bluetooth mit dem Autoradio. Erst wollte ich protestieren, doch wenn ich ehrlich bin, hat mein Bruder eigentlich einen guten Musikgeschmack. Also ließ ich ihm seine Lieder.
Dieses Mal war die Auswahl besonders. Ganz viele traurige, wehmütige Lieder.
„Muss das sein?“, meckerte Mama.
„Habe ich extra für die Fahrt zusammengestellt.“ Jan blickte trotzig zu Mama.
„Passt ja auch!“, sagte ich und wunderte mich, dass ich ihm half. Naja, war schließlich ein Scheißtag für uns beide.
Wir fuhren und fuhren.
Langsam wurde es dunkel. Die traurigen Lieder mischten sich mit der Dunkelheit zu einem Brei.
Ich konnte kaum noch atmen.
„Fenster auf!“, rief ich nach vorn.
Mama öffnete das Fenster und frische, würzige Heuwiesenluft strömte herein. Ahh, das roch sooo gut! Ich musste lächeln. Schnell verkniff ich mir das Lächeln wieder.
Nicht, dass Mama noch auf die Idee kam, mir würde hier irgendwas gefallen. So war es nämlich nicht. Echt nicht. Nur der Geruch, okay. Sonst? Nichts!
Dann begannen die Serpentinen. In engen Kurven schlängelten wir uns die Berge hoch. Rechts und links nur Wald und Dunkelheit. Straßenlaternen gab es hier nirgends. Mama fuhr langsamer, schlich förmlich den Berg hoch.
„Boah, ist das ein Schleichweg oder was? Oder warum schleichst du plötzlich so lahm den Berg hoch?“
„Wahrscheinlich will das Auto auch nicht nach Marienberg und fährt deshalb so lahm“, antwortete ich auf Jans Bemerkung.
„Still!“, zischte Mama. „Ich muss mich konzentrieren. Papa kann mit dem Laster auch nicht schneller.“
Konzentrieren? Wieso? Warum war Mama plötzlich so gestresst? Die Straße war leer. Es gab nur unser Auto und Papas Laster.
Dann, ganz plötzlich, wurde es taghell. Geblendet blinzelte ich und schaute von hinten durch die Frontscheibe. Links Berg, rechts Abgrund.
Ahh! Die Straße war so unglaublich schmal!
Das Auto, das uns vor der Haarnadelkurve entgegenkam, passte gerade so an uns vorbei.
Im Rückspiegel sah ich, dass Papa seinen Außenspiegel einklappte. Der Typ im anderen Wagen machte es Papa nach. Dann passten sie beide aneinander vorbei. Puh!
Erschrocken sah ich zu Jan. Er machte auf cool, nickte mir zu und meinte: „Tja, die Straße hier ist nichts für Babys!“
„Warum fährt der Idiot mit Fernlicht? Der hat mich so geblendet. Seid froh, dass ich nicht noch etwas weiter nach rechts ausgewichen bin.“ Mama war ganz aufgeregt. Ich auch.
„Ich habe immer gesagt, Schwarzwald ist kacke. Ihr wolltet unbedingt umziehen“, beschwerte ich mich.
Mama reagierte nicht.
Sie ignorierte mich einfach!
So was hasse ich. Wenn Leute mich einfach ignorieren.
Dann trat Mama auf die Bremse. Nicht sanft wie sonst. Auch nicht feste. Nein, volle Kanne.
Mit quietschenden Reifen kamen wir zum Stehen. Jan, der wie ein Affe vornübergebeugt an seinem Handy gehangen und Netz gesucht hatte, wippte durch den Ruck nach vorn. Mit einem leisen „Tock“ klatschte Jans Stirn an das Armaturenbrett.
„Au!“, stöhnte Jan und schob ein „Alles okay!“ nach, um Mama zu beruhigen.
Doch Mama schien ihn gar nicht zu bemerken. Sie starrte nur wie hypnotisiert nach vorn. Jan und ich folgten ihrem Blick. Im Licht der Scheinwerfer, direkt vor unserem Auto, stand ein Reh. Ein echtes Reh. Wir glotzten, als hätten wir noch nie ein Reh gesehen, und das Reh glotzte einfach zurück. Es war bescheuert. Fast, wie wenn ich mit meinem Rollstuhl durch die Einkaufsstraße fahre und alle mich anglotzen. So ist das also, wenn man nicht weggucken kann.
Unangenehm.
Ich konnte trotzdem nicht weggucken und glotzte einfach weiter. Dabei hatte ich schon oft Rehe im Wildpark gesehen und sogar gefüttert. Doch das hier, mitten auf der Straße, in der Nacht, im Wald, das war etwas ganz anderes. Irgendwie unheimlich.
„Meint ihr, ich habe es erwischt?“, wisperte Mama.
„Nein“, hauchte Jan.
„Warum flüstert ihr?“, fragte ich vorsichtshalber, auch eher leise.
„Keine Ahnung“, sagte Mama dann schon viel gefasster. „Jan, steig aus und jag es weg. Wir müssen weiter!“
„Ich? Wieso ich?“, war Jan plötzlich gar nicht mehr so cool.
„Soll ich etwa?“, fragte ich herausfordernd und freute mich, dass ich ausnahmsweise mal nicht das Baby war.
Jan öffnete das Fenster und rief „Husch! Husch!“
Das Reh glotzte uns einfach weiter an, wie eine der Porzellankatzen in meinem Regal.
Da hatte Mama die rettende Idee: Sie machte die Scheinwerfer aus und wartete kurz.
Als sie das Licht wieder anmachte, war das Reh weg.
„Im Licht erstarrt!“, sagte Mama und fuhr wieder los.
„Wie Jan, wenn er ein Reh sieht!“, gluckste ich.
„Haha!“, ärgerte sich Jan und drehte sich zu mir. Dann musste er auch lachen. Lachen ist gut gegen einen großen Schreck. Und, du kannst mir glauben, das mit dem Reh war ein Megaschreck.
Die letzten dreißig Minuten vergingen ohne Zwischenfälle. Weil es kein Netz gab, konnten wir nur die zwei Lieder hören, die Jan irgendwann mal runtergeladen hatte. „Highway to Hell“ und „Anne Kaffeekanne“. „Anne Kaffeekanne“ natürlich nur, um mich zu nerven.
Nach den Schreckmomenten auf der Bergstraße gefiel mir „Anne Kaffeekanne“. Es war irgendwie beruhigend. Das behältst du bitte für dich. Klar, oder?
Jedenfalls kamen wir dreißig Minuten später in Marienberg an. Erst merkte ich das gar nicht, weil ich nur einen einsamen Bauernhof erkennen konnte. Dann sah ich endlich ein Zeichen von Zivilisation! Eine Straßenlaterne zeigte an, dass hier so etwas wie ein Ort sein musste. Acht oder neun Häuser später kam eine zweite und vorerst letzte Straßenlaterne, dahinter eine kleine Kapelle. Und hinter der Kapelle, da war es endlich: unser Haus. Endlich, weil mir schon der Hintern vom Sitzen wehtat, nicht weil ich mich aufs Haus gefreut hätte.
Mama lenkte das Auto in unsere Einfahrt und hielt irgendwo im Nirgendwo. Papa parkte auch und kam zu uns herüber.
„Geschafft!“, rief Papa. Glücklich reckte und streckte er sich.
Er kam zu mir, hob mich aus dem Sitz und trug mich ins neue Haus.
Schon der Flur im Eingangsbereich war größer als mein altes Zimmer. Auch das riesige Wohnzimmer mit Kachelofen sah nicht schlecht aus. Und das, obwohl es noch nicht richtig eingerichtet war. Immerhin gab es schon eine große Wohnlandschaft aus dickem Leder, die richtig bequem aussah. Papa legte mich auf die Couch.
Ahhh. Endlich liegen! Das Ding war wirklich total gemütlich. Ich rollte mich auf den Bauch und stützte mich mit den Händen ab, um meinen Rücken durchzubiegen. Das tat gut! Ich hatte das Gefühl, bei der langen Fahrt beinahe einen Buckel bekommen zu haben.
