Vollzeitstelle - Patrick Kasper - E-Book

Vollzeitstelle E-Book

Patrick Kasper

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Beschreibung

Alfred Hammerer ist ein von innerer Ruhe geprägter Mensch, dessen Zufriedenheit sämtliche Bereiche seines beschaulichen, aber glücklichen Lebens durchflutet. Dieser Zustand ehrlich empfundenen Wohlbehagens gerät jedoch ins Wanken, als er Knall auf Fall seinen Job verliert und sich plötzlich mit existenziellen Fragen konfrontiert sieht, die sich bislang weit außerhalb seines Gedankenspektrums befanden. Nicht imstande, sein emotionales Gleichgewicht zu bewahren, beginnt er, seine Überlegungen in Tagebuchform niederzuschreiben, um der aufkeimenden und undefinierbaren Finsternis, die sich in seinem Herzen ausbreitet, auf den Grund zu gehen. Noch weiß er nicht, dass er alsbald eine neue Arbeitsstelle von höchst ominöser Natur antreten wird, in deren Rahmen sein Körper und Geist auf eine harte Prüfung gestellt werden.

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Seitenzahl: 135

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhaltsverzeichnis

Pro domo

Tag X

Frühstück mit Bernhard

Schlafenszeit

Selbstdisziplin

Müßiggang

Auswärts essen

Eine Erkenntnis

Freunde

Putzen & Musik

»Krankenstand«

Besuch

Warum eigentlich?

Realität

Monster

Sklaven

Wochenrückblick & Stellenanzeige

Spargel

Humoristische Einlage

Keine Antwort

Überschriften

Über vermisste Preiselbeeren

Einladung

Kapitel I

Kapitel II

Hin und her

Kapitel III

Wie eine Banane

Kapitel IV

Vorstellungsgespräch

Kleidung & Meinungen

Kapitel V

Kapitel VI

Erster Tag

Ein Bürojob

Die 1. Woche

Krawatte

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Montag

Lesen

Kapitel XI

Möglichkeiten zur Arbeitszeitnutzung: Ein detaillierter Report

Bandscheiben

Kapitel XII

Wi-Fi

Verkehrte Welt

Auf Besuch bei Freunden

Kapitel XIII

Verse im Wind

Kapitel XIV

Nutze die Zeit

Mundi perversum

Kapitel XV

Kein Mitarbeiter des Monats

Ein Kellner kennt keinen Schmerz

Ambitionen

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Labyrinth

Nostalgie

Kafkaesk

Kapitel XVIII

Erwischt

Neues Büro

Erfüllung

Kalt und kälter

Arbeiten

Kapitel XIX

Kapitel XX

Urlaub

Kapitel XXI

Kapitel XXII

Kapitel XXIII

Ausweglos

Aberwitziges

Vereinigung

Der Sprossenwirt

Kapitel XXIV

Festivitäten

Wahl

Eine Busfahrt

Besprechung

Kapitel XXV

Mitarbeiter des Monats

Mars

Oktober-Retrospektive

Kapitel XXVI

Mein Sessel

Entscheidung

Ω

Pro domo

Mein Name ist Alfred Hammerer, aber nennen Sie mich ruhig Alf, denn Alfred hat mich schon seit zwanzig Jahren keiner mehr genannt, und »Herr Hammerer« möchte ich schon gar nicht hören, denn einen unpassenderen Nachnamen könnte ich wohl kaum besitzen, da ich in meinem ganzen Leben noch nichts gehämmert oder abseits von Küche und Bar mit sonst irgendeinem Werkzeug erfolgreich gearbeitet habe. Da passt Alf um einiges besser zu mir, denn mit dem Wesen vom Planeten Melmac teile ich die stark behaarten Unterarme, die Knollennase, die Verfressenheit und die Bauernschläue. Nur Katzen esse ich nicht, und die Knollennase kommt – obwohl ich hin und wieder gerne einen hebe –, nicht vom Saufen, sondern wächst mir schon seit der Geburt im Obelix-Stil aus dem Schädel.

Zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen schreibe, weiß ich nicht mit Sicherheit, ob sie überhaupt jemand außer mir selbst zu Gesicht bekommen wird, doch seien es nur mein Nachlassverwalter, mein Anwalt oder vielleicht ein Sandler, der die losen Seiten aus einem Mistkübel fischt, so möchte ich diesem Werk dennoch gern ein paar einleitende Worte voranschicken.

Sie sind im Begriff, meine Tagebucheinträge, die vom 29. Februar 2016 bis zum 13. November 2016 entstanden sind, zu lesen. Ich habe an ihnen nichts verändert, hinzugefügt oder weggelassen. Es handelt sich auch nicht um ein abgetipptes Manuskript; keine unterbezahlte Sekretärin musste meine zuvor diktierten Selbstgespräche transkribieren; kein Kryptologe war notwendig, um meine grottenhässliche Handschrift, die ich in mein hübsch eingebundenes Büchlein gefetzt habe, zu entziffern. Und dennoch wird’s jetzt nicht romantischer, denn da ich vom ständigen Tellertragen und Masturbieren ohnehin schon unter wunden Gelenken leide, habe ich mich einst entschlossen, schlicht und ergreifend ein digitales Tagebuch zu führen. Allerdings nicht in Blog-Form; ich wollte mich nicht im globalen Katzenklo namens Internet auskotzen, sondern wollte mit meinen Gedanken erst einmal für mich sein, wollte erst den Schritt von mir selbst auf den Bildschirm und dann in die Welt hinauswagen.

Aber warum überhaupt? Warum diese Schreiberei, warum ein Tagebuch, warum eine solch abgedroschene Maßnahme im Leben eines beinahe erwachsenen Mannes? Nun, lassen Sie mich ein wenig ausholen.

Ich bin, das kann man ruhigen Gewissens behaupten, ein Mensch, der sich ein Leben ohne Musik nicht vorstellen kann. Doch ich möchte keine falschen Erwartungen wecken – ich bin weder ein talentierter Gitarrist, ein begnadeter Songwriter oder gar ein stimmlich einzigartiger Sänger. In mir schlummern weder ein Mercury, ein Presley noch ein McCarthy. Ich besitze weder die physische Präsenz eines Lindemanns noch die Ausstrahlung eines Sinatras. Auch die Gabe vollkommenen Komponierens gleich einem Mozart oder einem Händel ist mir nicht gegeben. Ebenso wenig kann ich klimpern wie ein Hendrix oder trommeln wie ein Felsenheimer, von der stimmlichen Performance einer Houston oder gar einer Turner ganz zu schweigen. Ich habe noch nicht einmal Ahnung von Musikgeschichte, von Tonleitern, Liedaufbau oder sonstigem theoretischen Fachwissen.

Doch ich bin leidenschaftlicher Hörer, Mitschwinger, Fußwipper, Fingerschnipser, Summer und Mitkreischer. Eine Autofahrt ohne Metallica ist kaum denkbar; ein lauschiger Abend am Balkon ohne Creedance – keinesfalls!

Zugegeben, in meinen privaten Gemächern erklingen eher harte Gitarrenriffs, markige Schlagzeuge und wummernde Bässe; da ertönen vor dem Schlafengehen eher die ikonischen Melodien von Iron Maiden, AC/DC oder Black Sabbath, doch auch abseits meiner Lieblingspfade gibt es Musik, die sich immer wieder zu hören lohnt. Sei es nun, wenn ABBA über einen riskanten Flirt singen, wenn S.T.S. einen Fürstenfelder nach Wien schicken, wenn Billy Joel ein halbes Jahrhundert westlicher Geschichte herunterbetet oder wenn Bob Dylan wieder einmal an die Himmelspforte klopft.

So mancher Klassiker blieb mir aber auch sehr lange verborgen; beispielsweise You can call me Al von Paul Simon. Ein grandioses Lied, welches im deutschen Sprachraum aufgrund seiner fröhlichen Melodie ein ähnlich missverstandenes Dasein fristet wie Bruce Springsteens Born in the U.S.A. – jene Werke teilen das Schicksal, dass die eigentlich ernste Botschaft respektive der eher düstere Hintergrund im Rausch der euphorischen Klänge verloren gehen.

Ich habe You can call me Al erst vor knapp einem Jahr auf YouTube entdeckt und habe es seitdem bestimmt zweihundertmal gehört; mittlerweile könnte ich trotz gänzlicher Talentfreiheit wahrscheinlich sogar die Noten aufschreiben. Doch seine völlige Brillanz entfaltet das Lied erst, wenn man auch das dazugehörige Video sieht, in welchem Paul Simon, seines Zeichens ein eher schmächtiger Winzling, vom breiten Hünen und beliebten Komiker Chevy Chase flankiert wird, der in diesem Clip voller Inbrunst den Gesang des eigentlichen Musikers imitiert, während ebenjener beleidigt und deprimiert auf seinen Einsatz wartet und seine diversen Instrumente zusammenklaubt. Der schwungvolle Rhythmus des Liedes lässt leicht vergessen, dass es eigentlich von einem Mann handelt, der sich in einer veritablen Lebenskrise befindet, und, was soll ich sagen, da ging es mir zu Beginn meiner Aufzeichnungen nicht anders. Nach außen hin fühlte ich mich so, wie sich dieses Lied präsentiert: leichtfüßig, glücklich, sorglos, eigentlich zufrieden. Doch wenn man nur ein bisschen an der spielfreudigen Gitarre, der fidelen Flöte und den beschwingten Trompeten vorbeihörte, wenn man nur ein wenig ins Innere schaute, dann vernahm man das leise Rumoren, dann spürte man das allmähliche Bröckeln des Fundaments, man sah die Risse im System, und man begann endlich, auf den Text zu hören.

Die Musik scheint mir ein überaus geeigneter Weg zu sein, tief sitzende Gefühle auszudrücken, denn auch Paul Simon dürfte damals mit der einen oder anderen Unsicherheit gehadert haben, als er diesen Evergreen komponierte. Nur zu gerne wäre ich auch solch ein kreativer Kopf, solch ein gesegneter Mensch, der sich sein eigenes künstlerisches Ablassventil schaffen kann, welches er bei Bedarf einfach aufzudrehen und somit den immer höher steigenden Druck zu entschärfen vermag.

Was gäbe ich darum, auf irgendeine Weise diesen großen Künstlern auf ihrem Weg in die Ewigkeit zu folgen. Ein Cash müsste man sein, ein Jackson, eine Enya. Ich verzehre mich nach dieser Gabe, diesem ganz besonderen Blick auf die Welt, wie ihn nur wenige Menschen zum Ausdruck bringen können, möchte meinen Schmerz und meine Freude irgendwie artikulieren, doch meine Bemühungen ersticken in Alltag und Lethargie …

Da mir nun leider nicht das Talent eines Elton John oder eines Louis Armstrong innewohnen – und auch weder Bildhauerei, Malerei noch Ausdruckstanz Optionen für mich sind –, helfen mir persönlich Selbstgespräche am meisten. Ich laufe in meinem Wohnzimmer auf und ab, gehe spazieren, lege mich auf die Couch, trete in die Pedale meines komplett verrosteten Fahrrades, setze mich aufs Klo – und dann rede ich minuten- oder gar stundenlang über die Themen, die mir im Kopf herumspuken. Ich denke und denke und überlege und zerdenke jede Kleinigkeit in jede mögliche Richtung. Ich imitiere Dialoge, diskutiere mit fiktiven Gesprächspartnern, stelle mir Figuren aus meinem realen Leben vor, die sich mit mir unterhalten und was sie entgegnen würden; ich wäge Argumente ab und reize mein Hirn beinahe bis zur Implosion – und ich höre erst auf, wenn ich zu einem Resultat gelange.

So habe ich das schon als Jugendlicher gemacht, und so mache ich das auch heute als Dreißigjähriger noch; das hat immer hervorragend funktioniert.

An dieser Stelle werde ich nicht den Aufwand betreiben, zu erklären, dass ich aufgrund leidenschaftlich geführter Monologe dennoch kein introvertierter Sonderling bin, der lediglich mit seinen Schwedenmöbeln über Akne- und Ejakulationsprobleme spricht, nie vor die Türe geht und abseits der Gesellschaft in der emotional abgeschotteten digitalen Welt vor sich hinsiecht. Ich halte es lediglich für gesund – auch, wenn man ein vollkommen integrierter Bestandteil eines funktionierenden Menschenapparates ist und ebenso wahrhaftige Freundschaften pflegt –, hin und wieder auf sich selbst zu hören und dem eigenen Geist dann auch zu antworten. Wenn das mehr Menschen akzeptieren und umsetzen würden, dann würde sich die Welt ein paar Missverständnisse und Scherereien ersparen, da bin ich mir sicher.

Jetzt bin ich aber immer noch die Erklärung schuldig geblieben, warum ich mich letztendlich doch dazu entschieden habe, meine Gedanken in ein Tagebuch zu pressen. Eine legitime und simple Frage, die sich doch nicht so einfach beantworten lässt. Vielleicht habe ich zu oft und zu intensiv mit mir selbst debattiert; womöglich haben sich zu viele Lösungen und Welten aufgetan, auf dass ich alsbald drohte, den Überblick zu verlieren.

Eventuell habe ich auch gespürt, dass meinem Leben bald signifikante Änderungen widerfahren sollten, und dass das bisherige Gebrabbel nun nicht mehr ausreichen würde, um die anstehenden Herausforderungen zu meistern; wer kann das schon so genau sagen …

Bevor ich die Zeilen schrieb, die Sie im Begriff sind zu lesen, habe ich noch nie Tagebuch geführt; ich hatte auch noch nie ein Freundschaftsbüchlein besessen, meine Sorgen in kleine Gedichte verpackt oder in hochfrankierten Briefen ans Christkind geschickt. Ich hatte nie etwas davon gehalten, meine Probleme nach außen zu tragen oder gar schriftlich zu verewigen. Ich wollte meine Unzulänglichkeiten und Bedenken stets aus der Welt schaffen anstatt sie ihr zu hinterlassen.

Natürlich gibt es den einen oder anderen Freund, mit dem man über allerlei Privates und Intimes sprechen kann, und wenn man sich gerade in einer stabilen Liaison befindet, dann kann man selbstverständlich seinem hoffentlich geduldigen Partner die Ohren abkauen. Doch seien wir ehrlich: letzten Endes können Kumpels wie Verwandte nur selten wirklich helfen – auch, wenn Zuhören per se ja schon eine Hilfe ist –, denn sie kämpfen alle mit ihrem eigenen Alltag, müssen ihre eigenen Hürden meistern und gegen ihren eigenen Betonklumpen, der sie in den Abgrund zieht, ankämpfen.

Und ein Psychiater? Psychologe? Arbeitsmediziner? Selbst Menschen, die sich beruflich mit den Ergüssen anderer beschäftigen, müssen sich eingestehen, einem recht eingeschränkten Wirkungsbereich unterworfen zu sein. So empfand ich das zumindest bei meinen Marathon-Sitzungen mit studierten Seelenklempnern und überbezahlten Soziologen. Selbst, wenn ich mich gut beraten, geborgen und sogar verstanden fühlte – wirklich gebracht hat mir das alles nichts.

Möglicherweise habe ich ja deshalb begonnen, diesen Therapie-Ersatz zu schreiben, dieses Tagebuch, wenn man es so nennen will. Für ein paar krude Sätze, so dachte ich mir, braucht man ja auch kein großartiges Talent; um einen Stift in die Hand zu nehmen verlangt es weder nach der Kreativität eines Thomas Spitzers noch nach dem Charisma eines Keith Richards.

Jedenfalls gab es diesen Stein des Anstoßes, dieses unbarmherzige Gefühl, welches sich schon eine ganze Zeit lang eingeschlichen hatte, welches schon eine halbe Ewigkeit unter der Oberfläche brodelte und geduldig auf seinen Einsatz wartete. Ich vermag es kaum zu beschreiben. Meine Existenz wird auf die nächste evolutionäre Stufe gehievt, doch es scheint keine natürliche Entwicklung, kein wahrhaftiger Prozess zu sein, sondern vielmehr die ultimative Perversion eines ganzen Organismus; die Mutation wurde in Gang gesetzt und mein Dasein wird sich allmählich in eine Persiflage seiner selbst verwandeln.

Ich spüre diese unheilvolle Bedrohung schon sehr lange, und auch, wenn ich diese schlafenden Hunde nicht selbst geweckt habe, so war es eben eine andere Macht, die sie aus ihrem Schlummer gerissen hat, und da wurde es plötzlich spannend; da brach von einer Sekunde auf die andere etwas aus mir heraus und verwandelte mein Leben in eine regelrechte Farce. Dieses Gefühl war letzten Endes der Grund, warum ich zu Feder und Papier, äh, zu Tastatur und Bildschirm griff, und weshalb Sie jetzt etwas über diese Erfahrungen lesen können.

Der besagte Ausbruch geschah am 29. Februar 2016, und erst, als diese reinigende Naturkatastrophe wieder ihr Ende fand, als die bebende Welt endlich wieder in Einklang mit sich selbst war, am 13. November 2016, da habe ich mein digitales Tagebuchdokument ein letztes Mal gespeichert, habe den Laptop zugeklappt und nie wieder ein einziges Wort geschrieben – mit Ausnahme eben dieser wenigen Zeilen.

Und die Tatsache, dass diese Erfahrungen nun hier Schwarz auf Weiß stehen und dass sie jemand wie Sie lesen kann, verdanken wir nur meiner Geltungssucht, die mir einst sagte, dass der ganze Scheißdreck doch gar keine therapeutische Wirkung haben kann, wenn man ihn nicht in die Welt hinauskatapultierte. Ich hatte lange genug im stillen Kämmerlein für mich alleine schwadroniert, und wenn ich mit dieser Tradition schon brechen würde, dann aber auf ganzer Linie.

Also, los geht’s …

29.02.2016

Tag X

Heute war ein ereignisreicher Tag; kosmisch betrachtet nicht unbedingt ein beschissener Tag, aber doch ein durchwachsener; einer von der Sorte, den man gerne noch einmal und doch nie wieder erleben möchte. Ein Tag, dem eine tiefere Bedeutung entwachsen könnte, der den Beginn einer Offenbarung markieren könnte, doch man mag es noch nicht exakt zu verorten, ist sich über das Geschehen und seine Folgen noch nicht im Klaren.

Zum einen hatte ich heute Jubiläum; seit fünfzehn Jahren mache ich diesen Job nun schon; seit fünfzehn Jahren zwinge ich mich in gebügelte Hemden und lackierte Halbschuhe, um meinen Gästen ihr Schnitzel und ihren Mostspritzer nachzutragen.

Und zum anderen bin ich jetzt seit fast acht Jahren im selben Betrieb. Wahnsinn! In der ersten Märzwoche 2008 habe ich beim Sprossenwirt in Eggenberg, Graz, angefangen – eine halbe Ewigkeit in dieser Branche.

Im Restaurant ist heute so einiges passiert. Zum Beispiel hat mir die Schwerkraft einen Strich durch meine ansonsten recht saubere Kellnerbilanz gemacht, als ein Dessert zu Bruch ging.

Ich möchte mich nicht rausreden, aber eigentlich hätte es nicht passieren dürfen, denn ich war gerade richtig in Fahrt, befand mich zu hundert Prozent im viel zitierten Flow, habe mich gut gefühlt, habe trotz erhöhtem Gästeaufkommen und Personalmangel den Überblick bewahrt und alles im Griff gehabt. Und trotzdem ist es passiert. Zack! Bumm! Mit einem lauten Knall hatte sich der herrliche Eiskaffee in ein unansehnliches Gemisch aus bräunlicher Pampe und glänzenden Splittern verwandelt; Vanilleeis und Espresso verbanden sich zu einem abstrakten Gemälde; die dezenten Farben nur durchbrochen von den Krümeln der zerbröckelten Waffeln und von den Glasstücken, die das diffuse Licht der Deckenleuchten reflektierten.

Und schuld war eine hauchdünne Gurkenscheibe, die ihrem ursprünglichen Verwendungszweck als Salatdekoration überdrüssig geworden war, und die sich nunmehr als perfide Stolperfalle direkt vor der Küchentür versucht hatte. Ich konnte mir ein leises Fluchen zwar nicht verkneifen, doch im Grunde brachte mich dieser unglückliche Zwischenfall nicht sonderlich aus dem Konzept.

Zu diesem Zeitpunkt wusste ich ja auch noch nicht, dass es einer dieser Tage werden sollte, an denen man eigentlich optimistisch und motiviert am Frühstückstisch startet, beim Mittagessen zum Alkoholiker wird und während des Abendbrotes schon am eigenen Galgen bastelt.

Zugegeben, so schlimm war’s auch nicht, aber immerhin hat mir dann auch noch ein überdrehtes Kind vor die Füße gekotzt, ich habe aufgrund eines auf mich zustürmenden Schäferhundes eine Frittatensuppe verschüttet, und dann hat auch noch der Gläserspüler den Geist aufgegeben. Aber was soll’s, das hätte ich alles verkraftet; da habe ich als langjähriger Kellner, Restaurantfachmann, Maître – wie auch immer man uns nennt –, da habe ich als grinsender Porzellanständer, wandelnder Geldwechselautomat und sporadischer Seelsorger schon weit Schlimmeres erlebt.