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Kann man sein Schicksal selbst lenken? Lále, als kleines Mädchen von der Mutter verlassen, zieht es auch als Erwachsene vor, niemandem zur Last zu fallen, und bringt es im Alleinsein fast zur Perfektion. Mit ihrer überbordenden Phantasie und übersteigerten Sensibilität schafft sie sich eine eigene Welt, in der sie zwar nicht glücklich ist, aber doch heimisch. Als sie, hauptsächlich um ein Kind zu bekommen, eine Verbindung mit Pit eingeht und mit ihm in die Provinz, in die Nähe seiner Eltern zieht, treffen Welten aufeinander. Die Ungarin Lále heiratet in eine deutsche Familie ein, die so bieder und engstirnig ist, dass sie die feenhafte fremde Frau, die Bücher liebt und mit ihrem Sohn ungarisch spricht, von Anfang an instinktiv ablehnt. Lále bemüht sich um die Gunst der Familie, aber die hat längst beschlossen, dass Pit sich von Lále trennen und deren gemeinsames Kind behalten wird. Lále hat nur noch ein Ziel: Sie muss weg. Nach heimlichen Vorbereitungen flieht sie mit ihrem Sohn nach Berlin, um einen neuen Anfang zu wagen. Aber sie hat nicht damit gerechnet, dass der von ihrem Verrat tief gedemütigte Pit Rache nehmen will … Ein fesselnder, tief berührender Roman — und eine beeindruckende literarische Stimme.
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Seitenzahl: 325
Veröffentlichungsjahr: 2010
Léda Forgó
Vom Ausbleiben der Schönheit
Roman
Zwiebelhaut
Nebenstille
Zwischenlandung
Danksagung
Sie wurde rot, als sie sich auf den Stuhl schob. Sie knöpfte ihren Mantel auf. Alle hier wussten, was sie vorhatte. Mit dem Ellbogen stieß sie an die Nachbarin zu ihrer Rechten. Die hatte dasselbe vor. Noch hätte Lále gehen können. Niemand schaute zu ihr her. So tun können, als ob sie etwas vergessen hätte. Einigen lagen glänzende Boris Becker und Angelina Jolie auf dem Schoß. Andere starrten einfach in die Luft. Obwohl ihre Blicke denselben Raum kreuzten wie Láles, wirkten sie weit weg. Lále bewunderte diesen inneren Nachdruck, mit dem sie sich inmitten des Geschehens so weit fort hatten katapultieren können.
Sie hätte auch anrufen und sagen können, dass sie krank geworden war. Das wäre gar keine Lüge gewesen. Irgendwie war sie ja auch krank. Sie hätte den Termin verschieben können. Verschieben ging nicht. Dann absagen.
Die sonnige Altbauwohnung war gefüllt mit Frauen, obwohl es erst acht Uhr in der Früh war. Die Tageszeit wurde von den Lichtverhältnissen verfälscht. Das Licht war gelblich warm und gemütlich, wie an einem frühen Nachmittag. Beinahe ließ die Wohnungsatmosphäre vergessen, dass man in einer Praxis saß und dass es dafür einen Grund gab. Das Parkett knarrte, und Lále fielen die Pantoffeln ihrer Großmutter ein. Eine unwillkürliche innere Wärme ließ ihr Möbel und Gesichter vertraut vorkommen. Alle schienen in sich zu ruhen. Sie überkam die vage Sehnsucht, mit den hier Anwesenden innige Zeiten zu verbringen, eine Art Kommune, in einmaliger und kollektiver Nähe.
Als sie vor zehn Minuten aus der U-Bahn gestiegen war, hatte sie versucht, schnell aus der nach Urin riechenden Unterführung ans Licht zu gelangen. Sie wich ein paar sich gegenseitig anpöbelnden Obdachlosen aus, sprang über Scherben und versuchte eine Drohung in Graffiti-Form nicht zu ihrem Verstand durchzulassen. Sie hatte Angst.
Oben angelangt, wurde sie beinahe von einer kinderwagenschiebenden Frau überrollt. Nachdem sie einem nicht abbrechen wollenden Autokonvoi zugesehen hatte, überquerte sie die Straße. Zweimal versank sie fast bis zum Knöchel in Pfützen. Sie schimpfte und wurde um ein Haar von einem schwarzen Rucksack getroffen, den ein Jugendlicher wild über seinem Kopf kreisen ließ. Auf ihren bösen Blick hin wieherten die Schüler. Die Autos fuhren mit knatternden Motoren. Pfützen spritzten, Bremsen quietschten, Fußgänger sprangen auf den Bordstein zurück. Sie lief an einem Baklava-Laden vorbei und schluckte, nicht einmal Kaffee durfte sie trinken. Ein dünn gewordener Dönerspieß drehte seine Runden. Künstliche Palmenbäume einer Cocktailbar logen, nicht dort zu sein, wo sie waren. Darunter Bambustische und Bänke, feucht, leer. Aus breiten Einfahrten bogen Lieferwagen, und plötzlich lag dort der Eingang, den sie suchte, mit dem Schild des Kreuzberger Arztes. Am Ort westdeutscher Verherrlichung von Verkommenheit, mit dem Berliner Eigengeschmack von Kälte mit einer herben Winduntermalung.
Als sie die Räume betrat, hatte sie sich sofort behaglich gefühlt. Jetzt aber blitzte ihr die Ursache auf, warum sie hier saß. Sie hatte einen Termin, um ein Stück von sich loszuwerden. Musik, Herzschläge. Sie hatte einen Termin, aber noch keine Entscheidung.
Eine Krankenschwester betrat das Zimmer von der anderen Seite, beugte sich zu einer ins Leere starrenden Frau, sprach sie sanft an, sie fuhr dennoch zusammen. Hinter dem Schwesternrücken tat sich der noch nicht betretene Raum auf, alle spähten dorthin, als stünde da der verheimlichte Weihnachtsbaum. Die Frau stand auf und raffte hastig den bodenküssenden Mantel und ihre Handtasche zusammen, deren Riemen sich sogleich nacheinander wieder von ihren Schultern lösten. Im Gesicht der Schwester saß ein Lächeln, als ob sie tiefe Freude empfinden würde, diese Frau hier anzutreffen. Als hätte sie schon lange gewartet. Auf sie.
Den anderen nickte die Schwester freundlich zu, dass sie sich allesamt willkommen fühlen mussten.
Die Tür ging zu, Lále starrte auf den leeren Platz der Abgeholten, riss den Kopf hoch, als die Tür wieder aufging. Diesmal streckte eine etwas ältere Frau den Kopf herein, schaute in die Runde, als suchte sie eine Kandidatin für eine Quizshow. Ihr Blick traf Láles, die erneut errötete. Aber die Hand der Ärztin, die herangetreten war, berührte das Nachbarknie. Lále ließ ihren Blick sinken und hörte das Rattern im eigenen Brustkorb. «Kommen Sie mit?», fragte die Ärztin die Auserwählte mit einer solchen Nachsicht in der Stimme, dass Lále gerne für jeden Buchstaben ein Vermögen bezahlt hätte, gälten die Worte ihr. «Wir müssen noch kurz miteinander reden. Sie müssen sich jetzt nicht so übereilt entscheiden.» Die Frau stammelte etwas. «Na, kommen Sie!»
Wieder ging die Tür zu. In Lále breiteten sich Dankbarkeit und Hoffnung aus. Hier wird man umsorgt. Sie konnte kaum erwarten, gefragt zu werden. Sie würde mit der vernünftigen Ärztin ihre Zweifel einer Inventur unterziehen und zu dem Schluss gelangen, dass sie dieses Kind wollte. Plötzlich war sie sich trotz aller Hindernisse sicher. Sie brannte darauf, es mitzuteilen, sie wollte die Stationen ihres Gangs nach Canossa aufmalen, die Reaktion auf diesem taktvollen Gesicht verfolgen. Sie wollte Mitleid und Anteilnahme. Nur einmal. Nur ganz kurz. Und dafür, dachte sie, war sie am richtigen Ort. Sie war gespannt wie vor einem Auftritt. Sie war voller Eifer, fast platzte sie vor Ergebenheit, alles richtig zu machen, zu zeigen, dass sie kein Kind unnötig töten ließ. Dass sie anders war als die um sie herum Sitzenden.
Lále hieß nicht Lále. Sie hieß Lábán Lenke. Lále ergab sich aus den ersten zwei Silben ihres Vor- und Zunamens. Alle, selbst ihre Großmutter Tamama, nannten sie Lále. Nur ihre Mutter hatte sie stets Lábán Lenke gerufen. Immer beim vollen Namen. Verniedlichte und verzärtelte man Kinder, blieben sie auf ewig die Idioten, die sie waren, meinte sie.
«Warum heiße ich Lábán?», hatte Lále ihre Mutter gefragt.
«Weil du auf meinem Bein gesessen hast.»
Lábán heißt auf Ungarisch «auf dem Bein von jemandem». Bestimmt nicht auf dem meiner Mutter, dachte Lále. Sie konnte sich nicht erinnern, je dort gesessen zu haben.
Kosenamen zu verwenden war wie Spielen. Ein winziges Antippen – weich und kurz, ausreichend, um das am anderen Vertraute wachzurufen. Eine Silbe nur oder vielleicht zwei konnte man leicht vor sich hin skandieren, und es entstand ein Gebet, das die vermisste Person beinahe heraufbeschwor. Wie sie Tama ma ma ma ma gestammelt hatte, wenn sie krank war. Der ganze Name dagegen klang nach Ermahnung oder Hohn. Láles Mutter nannte alle Leute beim Kosenamen, nur sie nicht. Und die, über die sie sich lustig machte.
Als Lále nach Deutschland zog, hatte sie überlegt, wie sie sich nennen sollte. Damals hätte es die Möglichkeit gegeben, aus Lále Lenke werden zu lassen, wie das ihre Mutter ursprünglich gewollt hatte. Aber auf Deutsch Lenke zu sein war wieder anders. Der Name klang ein bisschen wie «Linke», was politischen Köpfen sympathisch klingen mochte, aber es könnte auch bedeuten, dass sie eine linkische Person war, plump und taktlos. Dann gab es diesen neumodischen Internetausdruck: «Ich schick dir einen Link!» Oder hatte Lenke etwas mit «lenken» zu tun? Beeinflussen und manövrieren? Sie sah Rennfahrer mit dickem Schutzhelm – nur die Augen lebendig – und rhetorisierende Politiker, die vor einem Stehpult gestikulierten. Sie verzog das Gesicht. Sie fühlte sich nicht wie eine Lenke. Sie war Lále und fertig.
Die Schwester holte Lále. Zwar lächelte sie auch diesmal, aber jetzt wirkte es wie ein schwacher Abdruck. Entweder war sie des Lächelns müde geworden, oder sie mochte Lále nicht. Plötzlich hatte Lále Zweifel, ob die Frau sie verstehen würde. Sie setzte Lále auf einen Stuhl und verschwand. Eine Liege wurde vor dem Zimmer vorbeigeschoben. Lále versuchte zu erkennen, ob sie die darauf schlafende Frau aus dem Warteraum kannte. Aber sie hatte nur wenige Sekunden, bevor die Liege aus dem Bild rollte, und sah nur Haare und die zugedeckte Silhouette. Gleich würde die Ärztin zu ihr kommen. Gleich wäre Lále dran.
Die Schwester kam zurück, setzte sich ihr gegenüber an den Computer und stellte Fragen. Es wird alles protokolliert, dachte Lále. Hier darf nichts auf die leichte Schulter genommen werden. Dann schwieg die Krankenschwester. Sie schien auch zu warten. Sie stand auf, öffnete die Tür, schaute mehrmals hinaus, um die Zeit zu überbrücken, holte Dinge aus dem Schrank, bereitete ein kleines Tablett vor, sicher für die Ärztin. Sie stellte das Tablett neben Lále auf einen Tisch. Dieser Frau wollte Lále nichts mehr sagen. Die fällt hier keine Entscheidungen. Lále hoffte auf das schmale Gesicht der Ärztin in der Türöffnung. Die Schwester nahm ihren Arm. Nach ein paar Versuchen würde sie sowieso die Ärztin kommen lassen. Ihre Venen waren schwer zu finden. Lále sah, dass die Schwester Flüssigkeit in die Spritze zog. Die Tür ging auf. Lále drehte sich strahlend um. Endlich konnte sie etwas sagen. Die Ärztin stand dort.
Sie fühlte den Einstich in ihrer Armbeuge. Sofort breitete sich ein großflächiges ätzendes Brennen auf ihrer Haut aus, so heftig, dass sie überlegte, sich zu beschweren.
Sie setzte sich auf und begann die Kleidungsstücke über ihre aufgedunsenen Gliedmaßen zu ziehen. Ihr Hirn fühlte sich klebrig an. Wo sie genau war, wusste sie nicht. Sie bewegte sich umsichtig aus Furcht vor Schmerz. Denn was sie wusste, war, dass es ihr nicht gelungen war, der Ärztin die Änderung ihrer Absichten mitzuteilen. Um die Tragweite dessen zu begreifen, schwamm das Trapanal noch zu hochprozentig in ihrem Blut.
Die Schwester schien ihre Vene getroffen zu haben. Als sie ins Hosenbein stieg, entdeckte sie eine dicke Binde in ihrem Höschen. Wer hatte so einen Job, in Höschen von Ohnmächtigen zu kramen? Ob ihr der Mund offen gestanden hatte wie einer Toten? Der Kopf verrenkt und etwas zur Seite gerutscht, vielleicht waren sogar die Augen einen Spaltbreit geöffnet, aber man sah nur das Weiße – wie bei einer vergifteten Ratte. Daheim angelangt, schlief sie ein paar Stunden. Dann lag sie wach. Obwohl sie nur lag, stahl sich die Zeit schnell davon. Als das Telefon klingelte, hob sie mechanisch ab. Die barsche Sekretärin der katholischen Pfarrei meldete sich mit ungewöhnlicher Lebendigkeit in der Stimme. «Frau Lábán, wunderbare Nachrichten, die Pfarrei ist bereit, für Ihr Kind monatlich fünfhundert Euro zu zahlen.»
In Láles Brustkorb steckte etwas von der Größe einer alten, sperrigen Kommode.
«Frau Lábán?»
«Es gibt kein Kind mehr.» Ihr Hals war trocken, und ihre Stimme klang wie eine Tonbandaufnahme.
«Oh. Das tut mir sehr leid…», die Stimme der Sekretärin büßte Farbe ein. Sie schwiegen beide, die Telefonanlage der katholischen Kirche zählte die Sekunden. Lále hatte für solche Situationen keine Floskel bereit. Sie legte auf.
Auf die katholische Kirche war sie verfallen, als sie nach finanzieller Unterstützung für ihr Kind gesucht hatte. Auf Tamamas Frage nämlich: «Mit welchem Geld willst du das Kind ernähren?», bekam sie Schweißausbrüche. Studienabbruch, Erwerbsunfähigkeit, Zwangsrückumsiedlung nach Ungarn zu Tamama, die sie und ihre Brut von ihrer lachhaften Rente zu verköstigen hätte.
War der Erzeuger kein Deutscher, stand einem Neugeborenen vom Staat keine finanzielle Unterstützung zu. Hätte ein unbekannter Deutscher sie vergewaltigt, hätte der deutsche Staat auch kein Erbarmen gehabt: nur Vaterschaftstest oder Anerkennung zählten. Aber ihr Kind wüchse doch hier auf, argumentierte Lále, es würde Deutsch als Muttersprache sprechen, und sollte es einmal was auf die Beine stellen, das Ansehen Deutschlands vermehren – umsonst.
Sie suchte nach Pseudovätern. Ein entfernter Bekannter hatte sich sogar angeboten, den Ungeborenen als seinen Sohn anzuerkennen. Aber die bei einem Anwalt verbrachte Stunde ließ ihn erblassen und von seinen Absichten zurücktreten: An Erbrecht hatten sie nicht gedacht. Dann überlegte sie, ob sie bei Weheneintritt nicht über den Zaun der amerikanischen Botschaft klettern sollte, um dort zu gebären und ihrem Kind zumindest die amerikanische Staatsangehörigkeit zu sichern. Schließlich rief sie bei der katholischen Kirche an, immerhin predigte sie immer gegen Abtreibung, jetzt konnte sie was tun. Aber die Sekretärin klang eher skeptisch, und dass sie einen eventuellen Rückruf in Aussicht stellte mit dem Fehlen jeglicher Herzlichkeit in der Stimme, bewertete Lále als eine Methode des Abschüttelns. Dass sie tatsächlich zurückrief, schockierte sie. Es war zu spät.
Beim Duschen schaute sie zum ersten Mal an ihrem Körper hinunter. Schwarz verfärbt rann das Wasser ihre Beine hinab. Der Unterbauch war stark geschwollen. Sie dachte an das offensichtliche Geheimnis, das hinter einer solchen Wölbung steckte. Doch dann durchschoss es sie: Nur noch der Schorf war da. Trotz befiel sie. Vielleicht war ihre Intuition genauer als chirurgische Instrumente. Oder vielleicht war das Ungeborene stärker als alle, die mit Geräten oder Kleinmut nach seinem Leben trachteten.
Pável rief an. Er sprach sanft. Sie heulte, er seufzte. Sie heulte noch mehr. Er flüsterte alte Zärtlichkeiten. Sie sagte, ihr Leben wäre wie in der Mitte eines Vakuums. Pável sagte: «Oh, Lálelein, oh, Lálelein!»
Seine letzten Auftritte waren von anderer Art gewesen. Immerhin war er gekommen, hatte sich zu Hause davongestohlen. Aber er hatte mit drohender Stimme gezischt, die immer wieder in Abscheu und Häme umschlug, hatte sie dazu bewegen wollen, das Kind abzutreiben. Ihr erschien es unwahr, je von ihm liebkost worden zu sein. Selbst ihre Sehnsucht, von ihm schwanger zu werden, kam ihr vor wie von jemand anderem erzählt. Aber sie war schwanger geworden. Dass er ausgerechnet jetzt wieder zärtlich war und sie tröstete wegen dem, was er von ihr verlangt hatte, schmerzte.
Einige Tage nach der Abtreibung kaufte sie einen Schwangerschaftstest. Sie schaute auf den Urinfleck, der es nicht mehr in sich hatte, das Lackmuspapier zu verfärben. Jeglicher Trost, Wunder, Kunstfehler wurde ihr versagt, man riss ihr Wärmeschichten vom Leib und schaute zu, wie sie im eisigen Sturm mit bloßer Haut zurechtkam.
Im einundzwanzigsten Jahrhundert, wusste Lále, sucht man Linderung fern von sich, aber ohne sich aus den eigenen vier Wänden hinausbewegen zu müssen. Sie würde die Liebe von nun an selbst in die Hand nehmen. Sie wollte vergessen. Und wenn vergessen nicht ging, sich rächen. Sie wollte sich mit anderen amüsieren und es Pável wissen lassen, auch wenn sie wusste, dass Pável dadurch nicht untergehen würde.
Sie meldete sich bei einer kostenlosen Online-Partnervermittlung an und vereinbarte Blind Dates mit drei Personen.
Der Erste war Chemiker. Er hatte ein vernarbtes Gesicht. Sicher ist er gehänselt worden, und das hat sein Einfühlungsvermögen geschärft. Dass sein Haarschnitt von keinem Friseur stammte, bezeugte, dass er zu Vertrauen fähig war. Zumindest der Person gegenüber, die ihn verunstaltete. Er hatte die Beine lässig übereinandergeschlagen, was fast schon intellektuell wirkte. Bloß saß in seinem Mundwinkel ein spöttisches Lächeln, das nie aufhörte, egal was sie sagte. Sein Pullover war braun-schwarz mit maschinegestrickten Mustern. Eine weitere befremdliche Tatsache war, dass er sich mit ihr in der Uni-Mensa verabredet hatte. Und jetzt holte er sich, ohne sie zu fragen, ob sie etwas wollte, auf einem betagten Tablett Bohneneintopf, der nach Spülmittel roch, und fünf dicke Scheiben Brot. Mit gesundem Appetit begann er zu essen.
Was für eine traurige Gestalt im Vergleich zu dieser wunderbaren Auslese an menschlicher Köstlichkeit namens Pável. Als sie wieder zu Hause war, löschte sie sein Profil von der Liste ihrer Bekannten.
Der Zweite war sechs Jahre jünger als sie. Sein Gesicht wirkte unfertig. Seine Gliedmaßen schlenkerten um ihn herum. Am Garderobenständer schlug er sich den Kopf an, sein Rucksack blieb an der Tischkante hängen und riss den nicht geleerten Aschenbecher der vorherigen Gäste mit. Seine Turnschuhe schätzte sie auf mindestens Größe fünfundvierzig. Er hatte schmale Füße und zog die Schnürsenkel fest zusammen. Er wollte Raumfahrt und Planktologie studieren, eine Partnervermittlung auf die Beine stellen und nebenbei als Discjockey arbeiten. Als er zahlte, holte er die letzten Cents aus dem Portemonnaie. Den Rest musste sie ergänzen, obwohl er unbedingt für sie zahlen wollte. Sein Gesicht lief rot an, er entschuldigte sich tausendmal und erklärte, in ein paar Tagen Geld zu bekommen. Sie liefen ein paar Straßen gemeinsam. Der Junge hätte Pávels Sohn sein können. Sie malte sich den Spott in seinem Gesicht aus, sollte sie mit diesem tollpatschigen Geschöpf auftauchen, das die Ich-Phase der Kindheit noch nicht hinter sich gelassen zu haben schien, er badete im eigenen Licht, ohne um die eigenen Lächerlichkeiten zu wissen. Mit so einem aufgeblasenen Jüngling sollte sie erscheinen, nein.
Auf der Fahrt zu ihrer dritten Verabredung übermannte eine heftige Unlust Lále, und sie stieg nicht aus. Dann entschied sie, doch zurückzulaufen. Diese Minuten widerwilligen Gehens würden sie in den kommenden Jahren nicht mehr loslassen. Wieder und wieder würde sie sie in Sekunden und Zehntelsekunden zerlegen, um ihre Entscheidung, doch hinzugehen, nachvollziehen zu können.
Am vereinbarten U-Bahn-Ausgang wimmelte es von Wartenden. Einige konnte sie wegen Alter oder abweichendem Geschlecht ausschließen. Eine Gestalt in Baseballmütze taxierte sie. Die Gestalt schmunzelte mit einer verzeihenden Überlegenheit, als ob er alles über jeden wüsste, am besten aber das, was man von sich selbst keineswegs erahnen konnte. Als ob er auch hinter allem Dreckigen das Gute und Wahre erkennen konnte. Ein Menschenfreund. Sie wandte den Blick ab. Es musste jemand sein, der sie nach der Gesetzmäßigkeit von Blind Dates keineswegs ansprechen würde. Sie hörte ihren Namen. Sie errötete und sagte den seinen, noch bevor sie sich umdrehte. Kurz waren sich ihre Blicke nah, nur der Schirm war dazwischen, wie ein Tunnel zwischen zwei Augenpaaren.
Sie stiegen Treppen. Von jeder Seite strömten Menschen ans Licht. In ihren Ohren dröhnten Gedanken. Sie setzten sich in die Fischbar Moor. Es roch nach Dosenmais. Sie trank Tee, er trank Bier. Als sein Wortschwall nicht abbrach, löste sich ihre Angst. Sie verfolgte die felsigen Gebärden, mit denen er die Jeansjacke aufhängte. Als er die Kappe abnahm, rutschten seine Augen zur Gesichtsmitte und wirkten belanglos. Die angehende Glatze verschob die Proportionen. Obwohl der Mann unablässig redete, konnte Lále zwischen seinen Worten keine Brücken schlagen.
Seit drei Jahren war sie in Deutschland. Nach fünf Wochen hatte sie begonnen, ihr erstes Buch zu lesen, hatte jedes Wort nachgeschlagen. Auch später noch blätterte sie öfter im Wörterbuch, um zu prüfen, ob es Wörter gab, von denen sie noch nie gehört hatte. Je weniger sie fand, desto ungestümer suchte sie. Sie sprach mit einem unverkennbar ungarischen Akzent und benutzte Wendungen wie ein archaischer Reisebericht. Dem Orthopäden blieb die Spucke weg, als sie ihm, während er auf ihrer Kniescheibe herumdrückte, ausgefeilt ihre Beschwerden beschrieb. Das war ein Jahr nach ihrer Ankunft gewesen.
Jetzt, während sie auf die krummen Finger starrte, die das Bierglas von beiden Seiten umklammerten, fragte sie sich, ob er die gleiche Sprache sprach. «Ickes» und «Wattens» bröckelten durch seinen Lautebrei, und Lále malte sich dicke Wattewolken am Horizont aus, die sich bald auf die Fischbar Moor senken und alle Insassen ersticken würden.
Nach weniger als einer Stunde entkam sie und rief von der U-Bahn aus eine alte Klassenkameradin an, die von ihrem Budapester Schreibtisch aus italienische Anzüge neuesten Schnittes kaufte und verkaufte. «Schrecklich, schrecklich», klagte Lále in den Hörer, «niemals!»
Nie wieder sollte sie erleben, dass die Fischbar Moor geöffnet hatte. Immer würden die Scheiben von nun an finster sein. Das rote Schild mit den weißen Buchstaben unbeleuchtet und verschmutzt, der einfältig gezeichnete Fisch blind und tot, obwohl er im Sprung abgebildet war. Es war seltsam unwirklich, je dort gesessen zu haben.
Was dagegen wirklich und nah erschien, war die Brücke, auf der Pável und sie unterwegs immer haltgemacht hatten. Pável wollte die Strecke zwischen zwei Orten schnell hinter sich bringen, Lále alles festhalten. Während sie minutenlang auf der Brücke stehen und ins Wasser schauen konnte, flüsterte er Lále bettelnd ins Ohr, dass er gehen wolle. Lále lächelte, mehr nicht. Das zweifache Gewölbe des Bietigheimer Viadukts verdoppelte sich im Wasser. Er nahm sie beim Arm, aber die Muskeln leisteten Widerstand. «Ich gehe», sagte er. Von ihr keine Reaktion. «Ciao!», rief er und entfernte sich zwei Schritte. Dann lief er hastig los. Wenn er über die Schulter sah, dass sie immer noch da stand, bremste er ärgerlich seinen Schritt, und Lále holte ihn irgendwann ein. Im Treppenhaus stiegen sie gemeinsam bis zum Dachgeschoss. Láles Wangen glühten. Pável schimpfte, seine Finger wären Eiszapfen.
In der kleinen, spärlich eingerichteten Wohnung, die in jeder Ecke das Bildnis von Pávels weißer Haut trug, erlitten sie Müdigkeitsanfälle. Ihr Zusammensein begann dort, wo es normalerweise aufhört. Das Ende des eigentlichen Geschlechtsakts war der Auftakt. Als die Triebe schon befriedigt waren, begann das hochprozentige Erfahren. Berühren und immer wieder neu feststellen, dass die Wucht nicht wich, wenn die Hand die fremde Haut betastete. Noch nie war sie von jemandes Haut so besessen gewesen. Egal an welchem Ende des Körpers sie die Reise begann. Und wenn sie auftauchte und zum Gesicht zurückkehrte, stieß sie auf seinen Blick. Ein Kinderblick, dachte Lále, wild und zart und doch lüstern.
In jeder Phase des Tages konnten sie schlafen. Die Morgen und Nachmittage flossen zu einer Mischung zusammen.
Sie gingen zum Gymnasium, wo Pável mit seinen Schülern einen Zeichentrickfilm produzierte. Lále, die an der Kunstakademie Animation studierte, assistierte ihm. Für einen Zeichentrickfilm über einen Mistkäfer, eigentlich ein Nebenprodukt, ein Scherz, hatte Pável einen internationalen Preis bekommen, und er zuckte mit den Schultern, wenn man ihn danach fragte. Lále und Pável tauchten bei den Schülern mit geschwollenen Nachmittagsschlaf-Gesichtern auf, als kämen sie selbst aus einer sagenumwobenen Welt wie ihre Helden. Im Studio waren die Fensterscheiben verdunkelt. Lále atmete die Nähe vieler Körper, kollidierte mit Gliedmaßen, manchmal mit fremden, manchmal mit Pávels. Seine erkannte sie blind. Sie saß im wohligen Kollektiv. Auf der Leinwand tanzten Figuren, die überzeichnete Züge von Pável trugen. Nach dem Film knipste er das Licht an und erklärte, alle hörten ihm gebannt zu, Láles Blick sprang von Auge zu Auge, um bei Pável zu landen. Jeder musste die Nähe zwischen ihnen wahrnehmen, dachte Lále, aber niemand war indiskret genug, um eine Frage zu stellen. Manchmal erhaschte sie einen wissenden Blick, aber vielleicht interpretierte sie ihn nur falsch, schließlich war sie verblendet von einer Hormonüberschwemmung schlimmster Sorte, evolutionsbedingt und altersgerecht.
Nach Studioschluss saßen sie jeden Abend im Chapeau Claque. Ihre Hände suchten einander auf dem schwarzen Tisch. Der Schaum auf den Gläsern, die Bluse der Kellnerin waren die einzigen weißen Tupfen im vollkommen schwarz eingerichteten Raum. Sie bestellten heiße Schokolade und baten um das Schachbrett, über dem Lále saß wie früher als Kind. Sie hatte eine der Polgár-Töchter werden wollen. Alle drei hatten von klein auf mit ihrem Vater Schach gespielt, alle drei waren Champions geworden und standen weit oben auf der Weltrangliste. Lále hatte ihre Mundwinkel und ihr Nagelbett wund gekaut, fiebernd neue Wege für die Figuren suchend, war aber immer enttäuscht worden. Tamamas Spiel hatte sie nie durchbrechen können. Jetzt spielte sie leichtsinnig, sie betastete die Figuren gern, die Pável gerade absetzte. Er ärgerte sich. Sie bedrängte ihn. Über dem Schachbrett berührten sich ihre Köpfe.
Sie waren zwar miteinander beschäftigt, aber sie präsentierten auch ihre Liebe vor Dritten, der Öffentlichkeit, vor Unbekannten. Sie suchten nach der Integration als Liebespaar, die wegen Pávels Eheversprechen gegenüber einer anderen nicht bewilligt sein sollte, und auch wegen ihres Arbeitsverhältnisses nicht. Im Chapeau Claque holten sie sich täglich die Billigung ihrer Verbindung.
Sie redeten, um die Zeit hinauszuzögern. Um die Vorfreude in die Länge zu ziehen. Um die Berührungen, die im Dachgeschoss folgen würden, an Süße und Tiefe zu steigern. Die Gedanken des anderen konnte man genauso verzehren wie dessen Haut. Im Kopf begann der Körper.
Sie mochte, wie er sich bewegte, seine hellen Farben, die winzigen Falten auf dem sonst ungewöhnlich glatten Gesicht. Die milden Speckstreifen, seinen Nabel und vielleicht am meisten den Mund, sanft und fleischig. Ihr gefielen die Fratzen, die er schnitt, seine Geheimratsecken, die schmale Nase, die lächerlichen Härchen auf der Brust, die Hände mit peinlich sauberen Nägeln, wie er telefonierte, laut, den Hörer einige Zentimeter vom Ohr fernhaltend, und wie er gierig kaute. Sie konnte seine schlechten Witze gut leiden, seine Ungeduld, seinen Akzent, und es störte sie nicht, wenn er sich nach anderen Frauen umdrehte oder mit der Kellnerin flirtete. Selbst das, was ihm an ihr gefiel, an wen sie ihn erinnerte, was für Phantasien sie in ihm weckte, wollte sie erschließen. Jedes seiner Hirngespinste wollte sie sich einverleiben, seine Gedanken denken. Sie wollte er sein.
Sie hatten nur eine Liege, ein Kopfkissen und eine Decke, und wenn sie darunter lagen, sahen sie durch das Dachfenster in den Himmel. Lále mochte die Stimmung der winzigen Wohnung, die ausgefüllt war mit dem Versprechen auf künftige Wonnen. Glück, meinte Lále, war eine Mischung aus Schmerz, Vorfreude und dem Wiederkäuen geträumter Träume. Glück war bleiern. Glück war einprägsam, hing einem nach und verhinderte neues Glück. Wollte man Glück im Hinblick auf Kommendes benennen, müsste es Jammer heißen.
Abends suchten sie im alten, schrankgroßen Radio nach Musik. Die Sender raschelten, Fetzen von Musik, die sie gerne gehört hätten, aber immer wieder verloren. Einen einzigen Sender mit erträglicher Musik konnten sie halbwegs sauber empfangen. Sie ließen sich die Musik übers Gesicht laufen und schauten einander zu, wie die Töne ihre Züge glätteten. Er nahm sie bei der Hüfte. Stockend kamen sie in Bewegung. Als die Musik abbrach, waren sie wie ein rohes Fleischstück am anderen. Als hätte man die letzte Folie, die zwischen ihnen steckte, fortgerissen.
Obwohl sie sich ja voneinander hätten lösen können, blieben sie reglos stehen wie Schaufensterpuppen, denen jemand die Rümpfe zueinandergedreht und die Gliedmaßen aneinandergelegt hatte. So standen sie, bis neue Musik Impulse in ihre Muskeln schickte. Immer wieder froren sie in den Pausen ein. In gespannter Erwartung, was ihnen das nächste Musikstück bringen würde. Sie sprangen von einem Jahrzehnt ins andere, von Schnelligkeit ins Behäbige und tanzten, die Musik allmählich überhörend.
Hier wollte Lále aufhören, sich zu erinnern. Sie lag auf ihrem Bett und ließ einfach Minuten in die Unendlichkeit quellen. Der Fernseher flackerte blau. In der Küche entstand eine Skyline aus Pizzatellern. Sie stand auf, lehnte sich aus dem Fenster und sah die Menschen nicht. Pável konnte dort unmöglich vorbeilaufen. Weil er tausend Kilometer entfernt war. Nach kurzer Zeit verpuffte jeder Vorsatz zur Verdrängung. Aber das Telefon blieb stumm. Bloß einmal sollte er noch anrufen. Für einen halben Satz und um nichts zu sagen. Bald wurde egal, wer es war, wenn nur irgendwer anrief. Das Telefon hüllte sich in Schweigen. Mit dem Fuß angestoßen, toste es metallisch. Lále versenkte es unter der Bettdecke.
Irgendwann rief der Mützenträger aus der Fischbar Moor an. Lále verzieh ihm, dass nur er es war. Der Stillstand war etwas aus den Fugen geraten. Sie verabredeten sich. Wie andere es taten, die etwas aus ihrem Leben machten. Sie kochte, wartete und war ernüchtert, als er erschien. Eine Weile ertrug sie sein Gerede, konnte aber ihre üble Laune nicht verheimlichen. Dann schickte sie ihn fort. Aber immer wieder. Rief er an. Und lud sie ein. Sie gingen ins Kino. Er unternahm Ausflüge mit dem Auto. Sie fuhr mit, durch wechselnde Landschaften. Sie schliefen in Hotels. Lále roch an fremden Seifen. Lále träumte. Aus dem Mützenträger wurde Pit. Pit sah ihr zu. Lále spürte seinen Blick auf der Haut.
Aber mit ihrer Trübsal konnte er nichts anfangen. Rüttelte ein stummes Flennen sie, hielt er sie und wartete auf einen günstigeren Wind. Sie schloss die Augen, um zu vergessen, wessen Arme sich um sie schlossen. Ihre Lunge, Herz und Leber wurden zu einer zähen Masse, die alles verstopfte und sich verhärtete. Sie flehte auf Ungarisch, tot sein zu dürfen. Aber sie war invalide im Gegensatz zu Selbstmördern, sie wollte den Job des Selbsttötens nicht. Schlicht tot wollte sie sein. Geschenkt. Und weil sie unfähig war, tot zu sein, ließ sie wieder Pávels Worte zu: «Einmal Kinder, niemals Selbstmordgedanken.» Er hatte es gesagt, als Lále von ihrem frühkindlichen Sterbenwollen sprach, und wahrscheinlich hatte er es längst vergessen. Aber in Láles Hirn war jeder Buchstabe haften geblieben. Er konnte ja nicht wissen, dass gedankenlos Dahingesagtes für Lále zur heiligen Schrift werden sollte. Er konnte nicht wissen, dass sie diesen Satz auf sich selbst anwenden würde. Er konnte nicht wissen, dass Lále, indem sie sich von einem anderen Mann schwängern ließ, immer noch ihre Sehnsucht nach ihm verkündete. Sie hörte auf zu weinen und schälte sich aus Pits Armen. Auf einmal war um sie herum alles federleicht. «Würdest du mit mir ein Kind kriegen?», fragte sie.
«Ja», sagte er.
Sie legte sich neben den fremden Körper. Sie rechnete Empfängnis. Sie mimte Lust. Sie kaufte Schwangerschaftstests. Von ihrem Kummer redete sie nie. Wurde er übermächtig, trank sie. Spätestens nach zwei Tagen konnte sie wieder aufatmen. Eine weitere Zwiebelhaut des Schmerzes wurde abgezogen.
Am Frühstückstisch gab es eine Nähe zwischen ihr und ihm, die entsteht, wenn man das Bett miteinander teilt. Und klaffte eine Ferne, die sich auftut, weil die zweite Nachthälfte die Geschehnisse der ersten schon wieder vergessen macht. Lále schob die Suppenschale vom Vorabend zur Seite, damit der Jasmintee, der zu lange gezogen hatte und ernüchternd bitter war, Platz hatte, und musterte Pits Tanz vor den Küchenschränken. Seine Gliedmaßen waren dünn, besprenkelt mit Haarherden. Seine Beckenknochen stachen so markant heraus, als hätte jemand einer Ken-Puppe die Beine falsch herum eingeschraubt. Er setzte sich zu ihr und spitzte den Mund über der heißen Tasse, dass er Lále an einen Schließmuskel erinnerte. Hätte sie doch nur eine Spur Gefallen an ihm gefunden, hätten die Bilder der Nacht Glücksähnliches in ihr aufschimmern lassen können. Nichts schimmerte, außer einer milden Gänsehaut. Das Ausbleiben der Schönheit zu ertragen war nicht schwer, wenn sie ihn nur nicht berühren musste. Im Bett hatte er ein nervöses Vibrieren, das nicht nachließ. Er wirkte wie ein grinsender Clown, der auch einmal etwas vom Braten des Königs abkriegt. Es war, als wolle er ihr sagen: Wenn du es tust – selber schuld. Lále tat es, weil sie es einmal so beschlossen hatte. Nicht aufgrund eines Verlangens. Wenn er auf ihr lag, bedeckte er sie mit seinem Zittern. Sein magerer Körper, nach Unkraut riechend, in einem Krampf, der endlich abklang.
Sie schaute über der Teetasse aus dem Fenster. Hier vom Seitenflügel aus konnte sie in den Flur des Vorderhauses sehen, wo ein Mann gerade sein Fahrrad die Treppen hinuntertrug. Kaffeegeruch umfing sie. Pits Knie knackten, als er sich streckte, um zwei Kaffeetassen aus dem Schrank zu holen. Auf den Untertellern rankte sich Zwiebelmuster. Er hatte keine Milch. Lále würgte gerade den ersten Schluck hinunter, als sie Schlüsselgeräusche hörten. Sie rannte ins Wohnzimmer, wo ihre Kleider verstreut herumlagen. Als sie wieder in die Küche kam, räumte eine Frau die Suppenschalen in die Spülmaschine, und ein Mann hämmerte an der Wand.
Pit hatte seine Eltern nackt empfangen. Sie okkupierten mit ihren Tüten die Küche und gaben ihm mit gleichgültiger Nachsicht in der Stimme die Anweisung, er solle sich etwas überziehen.
«Ach, Ungarn», sagte der Vater, während er den grauenhaften Kaffee ohne Zaudern schluckte. «Ungarn!», setzte er die Tasse ab. Lále sah, dass seine Züge sich verkrampften. «Dobri djen!», rief er dann plötzlich, als ob er soeben persönlich nach langer Unterdrückung die Demokratie proklamiert hätte. Sie schwieg höflich, und als die Erwartung im triumphierenden Blick des Vaters nicht nachließ, sagte sie: «Das ist kein Ungarisch.»
Durch die Familie, die ihr zuteilwurde, wuchs ihre Sehnsucht nach Tamama. Sie öffnete immer misstrauisch das kleine Fenster an der Wohnungstür, wenn es klingelte. Alle je an Kleinrentnern verübten Verbrechen waren in Tamamas Kopf gespeichert. Jedes unbekannte Gesicht in der Straße betrachtete sie argwöhnisch, jede überflüssige Bewegung fand sie verdächtig. Bückte sich jemand, um etwas aufzuheben, vermutete sie ein Messer in dessen Stiefelschaft.
Sie hatte enggeschnittene Augen und dunkle Haut, von unzähligen winzigen Falten überzogen. Lále liebte ihren Duft, diese Mischung aus diversen Reinigungsmitteln. Tamama hatte Lále häufiger geküsst, als ihr das damals angenehm gewesen war, und hatte ihre Liebe mit peinlichen Ausdrücken bekundet. Aber eine Winzigkeit hatte ausgereicht, um sie zu kränken und verstummen zu lassen. Bis zu einer Woche dauerten die Schweigesequenzen an. Tamama wich Láles Blick aus, und Lále, die sich nicht entschuldigen konnte, lauerte auf Symptome der Linderung.
Pits Eltern waren viel jünger als Tamama, aber die hochtoupierte Frisur der Mutter, die löchrige Strickjacke, das schrille Parfüm erinnerten Lále an die Großmutter. Auch die unruhige Art des Vaters, der immer etwas tun musste, aber mehr Schaden anrichtete, als dass er nützte. Sie hatten die gleiche Art, nichts fortzuwerfen, Eigentum und materielle Werte zu schätzen, und sie waren auch akribisch reinlich und hatten ihre Kinder früher geohrfeigt.
Pits Eltern waren älter als Láles Mutter, aber sie verfügten über Eigenschaften, die sie ihrer Mutter gern überschrieben hätte. Zum Beispiel pflegte die Mutter anscheinend liebend gern Pits Wäsche und rief ständig an, um keinen Augenblick aus seinem Leben zu verpassen.
Oft wurde auch eine Schwester erwähnt, von Pit und auch von den Eltern, und eines Tages stand sie unerwartet mit ihren Kindern vor der Tür. Zunächst traten die Kinder ein, mit rötlich weichen Wangen. Lále war beeindruckt von ihrem zutraulich fragenden Blick und der unvergleichlichen Anmut ihres zarten Alters. Danach kam sie wie nachgeworfen, die Schwester, das Gesicht reizlos, die Stimme rau, Pit oder den Kindern gegenüber war keine herzliche Regung zu entdecken. Sie war, als hätte man ihr die Essenz entzogen, wie einem saftigen Gericht die Flüssigkeit, sie war ein zäher Gulaschlappen.
Um ihr Entsetzen abzuschwächen, weil niemand außer ihr entsetzt zu sein schien, beschloss Lále, alles Alarmierende zu übersehen.
Pit arbeitete für eine Windkraftwerk-Firma. Es war keine große Firma. Der Eigentümer war kaum älter als Pit, lebte in Prenzlauer Berg, besuchte die gleichen Internetseiten wie Pit, segelte in seiner Freizeit und schwärmte für die gleichen Erfindungen, die auch Pit faszinierten. Lále dachte, dass die beiden nur ein Haar voneinander trennte. Sie hätten Freunde sein können, wäre Pit nicht sein Laufbursche gewesen, der immer dann einsprang, oft nachts oder am Wochenende, wenn der Firmeneigentümer schlief oder Zeit mit seiner Familie verbrachte. Aber jetzt hatte Pit auch jemanden, jetzt hatte Pit Lále, und wenn das Telefon mitten in der Nacht klingelte, weil sich irgendeine Windmaschine verdreht hatte, kam Lále sich übergangen vor. Pit hatte ein ansehnliches Gehalt, aber der Eigentümer hatte Millionen. Er hätte sicher auch mehr dafür bezahlt, liegen bleiben zu können.
Lále mochte Windräder. Die Landschaften, in denen sie standen, erinnerten sie oft an die Puszta, die sie allerdings nur aus pathosbeladenen Gedichten aus ihrer Budapester Zeit kannte. Reglose Luft und Weite – wie ein ausgetrocknetes Meer. In den Gedichten herrschte Sommerhitze, flimmerten Fata Morganen. In der Ferne ein Glänzen, als ob es dort Wasser gäbe.
Je näher sie heranfuhren, desto gespenstischer fand Lále das tiefe rhythmische Röhren. Aus Telefonaten wusste sie, wie viel Gewicht sich in der enormen Höhe drehte, nachdem es wie Lego aufgebaut worden war. Sie fuhren durch ausgestorbene Gegenden. Oft verwandelte die Landschaft sich jäh. Und das Wetter. Sie liebte es, wenn der helllichte Tag sich verdunkelte und Regen aufs Autodach prasselte. Es war eine Dunkelheit, die man glaubte berühren zu können. Sie hatte Dichte und Gewicht. Die Lichter löschte sie nicht ganz, sondern dimmte sie nur.
Abends kamen Pit und Lále in Pensionen und Stadtrandhotels an, manchmal scheinbar außerhalb der Zivilisation, manchmal unweit einer Stadt, in die sie dann zum Essen hineinfuhren. Tischdecken wechselten sich ab, Tellerformen, Gerüche, Blickwinkel, Kellnerarme. Pit erzählte, wie die Karriere seines Chefs begonnen hatte, von dessen schlichten, aber epochalen Einfällen, die ihn reich gemacht hatten. Pit träumte davon, selbst Einfälle zu haben.
Lále sang im Auto, was sie bei Pável nie getan hatte. Sie hatte keine Hemmungen, es war ihr gleich, ob sie ihm gefiel. Und Pit konnte den Blick kaum von der auf Ungarisch singenden, dunkelhäutigen Frau an seiner Seite reißen. Wenn sie ihn ansah, erzählte er Lále mit einem verlegenen Lächeln, würde er in ein schmales schwarzes Loch rasen. Dann lachte er, weil sie deutsch sang, und ließ das Auto auf der leeren Straße Slalom fahren. Auch wenn er nicht Pável war – Lále mochte, dass sie ihm gefiel.
Sie probierten, was die Küchen hergaben, nicht alles war vorzüglich, und grinsten über die Reaktion des anderen. Sie trugen Geschichten aus ihrer Kindheit im jeweiligen Land vor, von der Wende, und fanden viel Gemeinsames. Sie lachten, obwohl ihre Erinnerungen oft jämmerlich waren. Er berichtete von alten Damen, nicht immer damenhaft, aus dem Altenheim, in dem er gearbeitet hatte. Er erzählte charmant und respektvoll, Lále erfuhr, wie er Greisenhintern gewaschen und sich mit Engelsgeduld hatte beschimpfen lassen.
Immer wieder fühlte sie sich wohl, und immer wieder fühlte sie sich elend. Wenn es sie überkam, verschwanden die gesammelten Fastglücksmomente. Pit konnte dafür oder dagegen nichts tun. Lále bemerkte sein hilfloses Zappeln. Sie schluckte die Gewissensbisse hinunter, ihn bis heute nicht über ihre Seelenschluchten informiert zu haben. Unmöglich konnte sie Pit von Pável erzählen. Noch unmöglicher war es, nicht an Pável zu denken. Und keineswegs brachte sie es fertig, Pit in dem Maße zu mögen wie Pável mühelos von Anfang an. Obwohl sie das gerne, lieber als alles andere, gewollt hätte. Wenn sie lachten, wenn sie sang, war Pável kurzzeitig ausgeblendet. Es waren keine sehr häufigen Augenblicke. Aber sie sollten sich vermehren. Als sie tatsächlich schwanger wurde, war Lále schockiert. Dass sein Samen von ihrer Eizelle erfasst worden war, bewertete sie als einen paradoxen chemischen Vorgang. Angewidert betrachtete sie Pits Hände und sein Kinn und brach bei dem Gedanken in Schweiß aus, dass sie einen kleinen Pit in sich tragen könnte. Aber sie trieb nicht ab. Von der Richtigkeit dieser Entscheidung war sie keineswegs überzeugt. Sie lag am rechten Rand des französischen Bettes, und es graute ihr davor, dass er einen Zentimeter näher rücken könnte. Erlöst wurde sie, wenn er einschlief. Sie horchte auf seinen Atem.
Einmal leuchtete auf ihrem Display Pávels Name auf. Das Erstaunen war größer als die Aufregung, mit der sie für so einen Fall gerechnet hatte. Ein paar Sekunden schaute sie auf dem Display dem Klingeln zu, aber an Gefühl rückte nichts nach, so drückte sie die Annahmetaste.
Nach seinem «Wie geht’s?» kam Láles «Gut». Und das war es schon. Leises Atmen. Dann plötzlich ausführliche Informationen über seine neuste Produktion. Er gebrauchte die gleichen Wendungen wie damals, setzte die gleichen Witze ein. Lále fragte ihn nicht nach Frauen, obwohl dies das Einzige war, was sie interessiert hätte. Knapp teilte sie ihm die Schwangerschaft mit und erkannte seine Erleichterung an der freundlichen Reaktion. Sie hasste ihn dafür. Ihr Körper, schwanger, erinnerte sie an die andere Schwangerschaft. Aber Pável war nicht mehr Bestandteil ihres Lebens. Der Einzige, der ihr tatsächlich versprach, sich an sie zu binden und bei ihr zu bleiben, war der Zellhaufen in ihrem Bauch.
Pável erlaubte sich eine obszöne Andeutung darüber, dass er schon immer gerne mit schwangeren Frauen geschlafen habe. Falls sie sich demnächst in Ungarn aufhalten würde. Daraufhin verabschiedete sich Lále frostig, was Pável nicht daran hinderte, sich ausführlich über seine Pointe zu freuen. Dass Lále nicht mitlachte, erklärte er sicher mit der schlechten Leitung.
Pável verbot ihr nicht, Pit zu lieben. Lále hatte schlicht keine Kapazitäten. Indem sie bei ihm blieb, betrog sie die Natur, Pit und auch das Kind.
Ihre Exmatrikulationsbescheinigung heftete sie zu den restlichen Uni-Unterlagen. Sie strich über die Stempel, mal tintenblau mit verblassten Lücken im Kreis, mal bunt aufgeklebt. Als sie sie damals erhielt, fand sie die deutschen Unterlagen schön. Sie schaute sich die langen ausländischen Worte an, die sie damals noch nicht verstehen konnte. Die etwas über sie verkündeten – es war, als hätte man ihr einen Schlüssel zu sich selbst in die kirschrote Mappe gelegt.
