Vom Dunkel ins Licht - Baby Halder - E-Book

Vom Dunkel ins Licht E-Book

Baby Halder

0,0
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Im Alter von sieben Jahren von der Mutter im Stich gelassen, wächst Baby Halder in armen und zerrütteten Familienverhältnissen auf. Mit zwölf Jahren muss sie einen doppelt so alten Mann heiraten. Mit dreizehn – selbst noch ein Kind – wird sie zum ersten Mal Mutter. Ihr Ehemann behandelt sie schlecht und schlägt sie. Baby Halder entschließt sich, ihren Mann zu verlassen. Sie steigt mit ihren Kindern in den Zug nach Delhi und findet eine Stelle als Haushaltshilfe. Obwohl sie nur wenige Jahre selbst zur Schule gegangen ist, beginnt sie, ihre Lebensgeschichte zu schreiben – ermutigt durch ihren Dienstherrn Prabodh Kumar, der ihr Erzähltalent entdeckt. Ihr Buch wird eine Sensation und geht um die Welt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 333

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Cover for EPUB

Über dieses Buch

In armen und zerrütteten Verhältnissen aufgewachsen, wird Baby Halder mit zwölf Jahren verheiratet, mit dreizehn zum ersten Mal Mutter. Ihr Mann misshandelt sie. Doch Baby Halder kämpft sich frei. Sie verlässt ihren Mann und entdeckt, ermutigt durch ihren Dienstherrn, ihr Erzähltalent. Ihr Buch wird eine Sensation und geht um die Welt.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Baby Halder wurde wahrscheinlich 1973 in Westbengalen geboren. Bereits als Kind verheiratet, floh sie als junge Erwachsene nach Delhi und schlug sich als Hausangestellte durch. Ihre Autobiografie wurde 2002 in Indien publiziert und seither in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Zur Webseite von Baby Halder.

Annemarie Hafner, promovierte Indologin und Historikerin, hat insbesondere zu Problemen der Sozial- und Kulturgeschichte Indiens im 19. und 20. Jahrhundert geforscht.

Zur Webseite von Annemarie Hafner.

Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Baby Halder

Vom Dunkel ins Licht

Kein ganz gewöhnliches Leben

Autobiografischer Bericht

Aus dem Englischen von Annemarie Hafner

E-Book-Ausgabe

Draupadi @ Unionsverlag

HINWEIS: Ihr Lesegerät arbeitet einer veralteten Software (MOBI). Die Darstellung dieses E-Books ist vermutlich an gewissen Stellen unvollkommen. Der Text des Buches ist davon nicht betroffen.

Impressum

Dieses E-Book des Draupadi-Verlags erscheint in Zusammenarbeit mit dem Unionsverlag.

Die bengalische Originalausgabe erschien 2004 unter dem Titel Aalo Andhari.

Die englischsprachige Ausgabe erschien 2006 unter dem Titel A Life Less Ordinary bei Zubaan, New Delhi, Indien.

Die deutsche Erstausgabe erschien 2008 im Draupadi Verlag, Heidelberg.

Die deutsche Übersetzung von Annemarie Hafner wurde von Barbara DasGupta mit der Bengali-Ausgabe verglichen.

Originaltitel: A Life Less Ordinary (2006)

© für die bengalische Ausgabe, Baby Halder 2004

© für die englische Übersetzung, Urvashi Butalia 2006

© by Draupadi Verlag, Heidelberg 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: The Hindu Archives

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30225-9

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)

Version vom 28.05.2024, 02:53h

Transpect-Version: ()

DRM Information: Der Unionsverlag liefert alle E-Books mit Wasserzeichen aus, also ohne harten Kopierschutz. Damit möchten wir Ihnen das Lesen erleichtern. Es kann sein, dass der Händler, von dem Sie dieses E-Book erworben haben, es nachträglich mit hartem Kopierschutz versehen hat.

Bitte beachten Sie die Urheberrechte. Dadurch ermöglichen Sie den Autoren, Bücher zu schreiben, und den Verlagen, Bücher zu verlegen.

http://www.draupadi-verlag.de

[email protected]

E-Book Service: [email protected]

www.unionsverlag.com

Unsere Angebote für Sie

Allzeit-Lese-Garantie

Falls Sie ein E-Book aus dem Unionsverlag gekauft haben und nicht mehr in der Lage sind, es zu lesen, ersetzen wir es Ihnen. Dies kann zum Beispiel geschehen, wenn Ihr E-Book-Shop schließt, wenn Sie von einem Anbieter zu einem anderen wechseln oder wenn Sie Ihr Lesegerät wechseln.

Bonus-Dokumente

Viele unserer E-Books enthalten zusätzliche informative Dokumente: Interviews mit den Autorinnen und Autoren, Artikel und Materialien. Dieses Bonus-Material wird laufend ergänzt und erweitert.

Regelmässig erneuert, verbessert, aktualisiert

Durch die datenbankgestütze Produktionweise werden unsere E-Books regelmäßig aktualisiert. Satzfehler (kommen leider vor) werden behoben, die Information zu Autor und Werk wird nachgeführt, Bonus-Dokumente werden erweitert, neue Lesegeräte werden unterstützt. Falls Ihr E-Book-Shop keine Möglichkeit anbietet, Ihr gekauftes E-Book zu aktualisieren, liefern wir es Ihnen direkt.

Wir machen das Beste aus Ihrem Lesegerät

Wir versuchen, das Bestmögliche aus Ihrem Lesegerät oder Ihrer Lese-App herauszuholen. Darum stellen wir jedes E-Book in drei optimierten Ausgaben her:

Standard EPUB: Für Reader von Sony, Tolino, Kobo etc.Kindle: Für Reader von Amazon (E-Ink-Geräte und Tablets)Apple: Für iPad, iPhone und Mac

Modernste Produktionstechnik kombiniert mit klassischer Sorgfalt

E-Books aus dem Unionsverlag werden mit Sorgfalt gestaltet und lebenslang weiter gepflegt. Wir geben uns Mühe, klassisches herstellerisches Handwerk mit modernsten Mitteln der digitalen Produktion zu verbinden.

Wir bitten um Ihre Mithilfe

Machen Sie Vorschläge, was wir verbessern können. Bitte melden Sie uns Satzfehler, Unschönheiten, Ärgernisse. Gerne bedanken wir uns mit einer kostenlosen e-Story Ihrer Wahl.

Informationen dazu auf der E-Book-Startseite des Unionsverlags

Inhaltsverzeichnis

Cover

Über dieses Buch

Titelseite

Impressum

Unsere Angebote für Sie

Inhaltsverzeichnis

VOM DUNKEL INS LICHT

WidmungVorwortKein ganz gewöhnliches LebenNach einer Weile brachte mich Baba zurück zur …Etwa zwei Monate nachdem ich von Baba zurückgekommen …Schließlich kam der Tag der Abreise. Anstelle des …Worterklärungen

Anmerkungen

Mehr über dieses Buch

Über Baby Halder

Über Annemarie Hafner

Andere Bücher, die Sie interessieren könnten

Zum Thema Indien

Zum Thema Frau

Zum Thema Asien

Widmung

Ich musste in einem Wörterbuch nachschlagen, um die Bedeutung von »Widmung« zu verstehen. Aber es reichte nicht aus, nur das Wort zu verstehen, ich musste auch wissen, wie man jemanden aussucht, dem man etwas widmet, und warum. Also sah ich verschiedene Bücher an. Einige waren Freunden und geliebten Menschen gewidmet, einige Schwestern, andere Vätern. Ich fand auch heraus, dass es Schriftsteller gab, die viele Bücher geschrieben hatten, und jedes war einer anderen Person gewidmet. Aber ich? Ich habe nur dieses eine Buch, wem soll ich es widmen? Ich kann es jemandem widmen, den ich kenne, jemandem, den ich achte. Aber wenn ich mich für eine Person entscheide, stoße ich am Ende die anderen vor den Kopf. Es gibt so viele Leute, denen ich mein Buch widmen könnte, wie meinen gurus Ramesh Goswami, Ashok Prasoon Chatterji, Ashok Seksaria, Prabodh Kumar … aber dann frage ich mich, ob das gut wäre? Wenn ich es tue, lachen sie wahrscheinlich über mich, denn es ist ihr Buch – mehr als meines. Was nun?

Während diese Gedanken in meinem Kopf kreisen, fällt mir auf, dass es mir ohne meine Lehrerinnen und Lehrer, die mich in der Schule die Bengali-Sprache und -Literatur lehrten, nicht möglich geworden wäre, überhaupt etwas zu schreiben. Deshalb habe ich beschlossen, ihnen dieses Buch zu widmen.

Baby Halder

Vorwort

Urvashi Butalia

Baby Halders bewegender und wunderbarer Lebensbericht war seit seiner Veröffentlichung fast ständiges Thema in den indischen Medien. Zunächst auf Hindi erschienen, ist er bald in viele weitere Sprachen übersetzt worden. Baby – das ist übrigens wirklich ihr Name, anfangs wohl ein Spitzname, jedoch kann sie sich nicht erinnern, dass ihr je ein »richtiger« Name gegeben wurde – ist heute eine junge Frau von fünfunddreißig Jahren und Mutter von drei Kindern. Im Kindesalter von der eigenen Mutter verlassen, von ihrem lieblosen Vater mit kaum dreizehn an einen vierzehn Jahre älteren Mann verheiratet, zum ersten Mal Mutter im Alter von vierzehn und schließlich gefangen in einer von Gewalt bestimmten Ehe – das ist Babys Geschichte; und sie ist kein Einzelfall. Es ist die Geschichte tausender Frauen überall auf der Welt. Das Außergewöhnliche ist Babys Stärke und Entschlossenheit, ihr mutiger Beschluss, nicht in einer Ehe zu bleiben, in der sie ständig missbraucht wird, sondern gemeinsam mit ihren Kindern ein neues Leben anzufangen. Vor allem aber zeichnet sie sich durch ihre völlige Hingabe an die eine Sache aus, die ihr immer besonders am Herzen gelegen hat: den Drang zu lesen und zu schreiben.

Die Geschichte einer Frau, die einem Leben voll Mühsal und Armut entflieht, ist der Hauptinhalt dieses Buches. Zudem ist es ein Buch über das Lesen, ein Buch über Bücher, ein Buch von Hoffnung und Verzweiflung. Es ist kein literarisch anspruchsvolles Werk. Die Autorin hat wenig Schreiberfahrung und lernt erst Schritt für Schritt beim Schreiben selbst. Ihre Prosa ist manchmal stakkatohaft, manchmal gestelzt, dann plötzlich wunderbar fließend, expressiv und elegant. An diesem Buch ist viel rätselhaft für den Leser, der nicht mit der Welt vertraut ist, die Baby beschreibt – einer Welt, in der Gewalt fast alltäglich zu sein scheint. Die Stimme, die von dieser Gewalt erzählt, tut dies dementsprechend ohne Melodramatik, ohne Selbstmitleid, in einem merkwürdig sachlichen Ton. Teil der so erzählten Welt ist ein breites Netz von Verwandten und Bekannten, die Baby unterstützen, aber auch unterdrücken. Manchmal geht das eine nahtlos in das andere über.

Babys Darstellung ihres Lebens beginnt mit der Kindheit. Aus dem zurückschauenden Blickwinkel einer Erwachsenen erscheint diese als eine teilweise idyllische, teilweise schwere, aber in vielerlei Hinsicht einfach zu kurze Zeit. Ehe sie dafür ein Bewusstsein erlangt, wird sie zur Heirat gedrängt und ins Erwachsenendasein gestoßen. Der Übergang von einem Lebensabschnitt zum anderen äußert sich für Baby zunächst lediglich durch den Tausch von Kleid gegen Sari. Während ihr Vater und andere Verwandte ihre Hochzeit aushandeln, serviert sie Essen und Trinken, ohne die geringste Ahnung davon, dass es ihre Zukunft ist, über die diskutiert wird. Schließlich, erschöpft vom vielen Herumlaufen, findet sie einen Moment zum Ausruhen und Nachdenken. Ihre Kindheit zieht an ihr vorüber: »Arme Baby! Was ist noch über sie zu sagen? Stellen Sie sich eine so kurze, so flüchtige Kindheit vor, dass Sie sich hinsetzen können, und das Ganze ist in kaum einer halben Stunde in Gedanken an Ihnen vorbeigezogen! … Baby erinnert sich an ihre Kindheit, sie genießt jeden Augenblick, beleckt sie genau wie eine Kuh ihr neugeborenes Kalb und kostet jede Stelle.«

Die Nostalgie einer weit zurückgelassenen Kindheit verschwindet jedoch schnell, wenn die Erzählung zur Beschreibung von Babys späterem Leben übergeht und den Leser zu dem Augenblick führt, in dem sie die Entscheidung trifft, ihren Mann zu verlassen. Sie geht nach Delhi, ängstlich, ihre Kinder bei sich, und bringt es schließlich fertig, einen Job zu finden. Der letzte Teil ihrer Geschichte erzählt vom spannendsten Teil ihres Lebens, in dem sich aus ihrer Tätigkeit als Haushaltshilfe ihre Verwandlung in eine Schriftstellerin mit einzigartiger Stimme entwickelt.

Baby Halder arbeitet heute noch als Haushaltshilfe in einem Haus in Gurgaon, in der Nähe von Delhi. Ihr Arbeitgeber Dr. Prabodh Kumar Srivastava ist gleichzeitig ihr Mentor, und es ist seiner Mithilfe zu verdanken, dass sie eine Schriftstellerin geworden ist. Prabodh Kumar kommt selbst aus einer Literatenfamilie. Sein Großvater Premchand war einer der bekanntesten indischen Autoren. Seine Romane und Kurzgeschichten beschreiben einen Teil des großen sozialen Umbruchs im frühen 20. Jahrhundert und der indischen Unabhängigkeitsbewegung. Baby kam eines Tages, bei der Suche nach einer Arbeitsstelle, zu dem Haus von Prabodh Kumar und begann, für ihn als Haushaltshilfe zu arbeiten. Da sie darauf eingestellt war, sich als Angestellte immer möglichst unauffällig zu verhalten, überraschte es Baby, als ihr Arbeitgeber mit ihr sprach, nach ihrem Leben fragte und sie nicht als Untergebene behandelte. Im Laufe der Zeit bemerkte Prabodh Kumar, dass Baby seinen Bücherregalen besondere Aufmerksamkeit schenkte. Sie staubte die Bücher sorgfältig ab, reinigte sie sehr vorsichtig und schaute sie sehnsuchtsvoll an. Und das war das Zeichen für ihn, sie zuerst zum Lesen und dann zum Schreiben zu ermutigen. Das Ergebnis ist das Buch, welches vor Ihnen liegt: Kein ganz gewöhnliches Leben (veröffentlicht in Englisch als A Life Less Ordinary und in Hindi und Bengali als Aalo Andhari, Vom Dunkel ins Licht).

Ich wurde auf Babys Buch aufmerksam, als ich einen kurzen Bericht darüber in einer lokalen Zeitschrift und im Internet las. Im Bericht wurde erwähnt, dass Baby in einem Haus in Gurgaon lebt und arbeitet und dass die Hindi-Publikation ihres Buches großen Zuspruch gefunden hatte. Gurgaon ist ein großer, weit ausgedehnter urbaner Dschungel. Eine Haushaltshilfe namens Baby Halder in solch einer großen, reichen, anonymen Stadt aufzufinden, war mehr oder weniger zum Scheitern verurteilt. Haushaltshilfen bewohnen eine Schattenwelt von nahezu unsichtbaren Leuten, ohne deren Hilfe das urbane Mittelklasse-Indien nicht überlebensfähig wäre. Probiert man Einzelne von ihnen ausfindig zu machen, dann weiß man von vornherein, dass man etwas geradezu Unmögliches versucht. Dennoch konnten wir in Babys Fall zumindest einem Hinweis nachgehen, und das war die Verbindung zu Premchand. Nachdem andere Mitglieder der Familie von Premchand ausfindig gemacht werden konnten (das Netzwerk der urbanen Mittelklasse-Intellektuellen ist äußerst machtvoll), war es mir möglich, durch sie den Weg zu Baby zu finden. Ich erkannte in ihr von Anfang an eine Frau von außergewöhnlicher Gradlinigkeit, Klugheit und Mitgefühl. Mit der Zeit lernten Baby und ich einander näher kennen, und ihre anfänglichen Befürchtungen und Bedenken gegenüber »einer Außenstehenden«, die sich in ihr Leben drängt, gingen allmählich in Vertrauen und echte Freundschaft über. Auf dieser Grundlage ist meine Übersetzung von Babys Geschichte ins Englische entstanden.

Durch eine kuriose Verflechtung der Dinge ist Babys Übersetzerin auch ihre Verlegerin. Unser Hauptanliegen bei Zubaan ist es, als Verlegerinnen von Büchern von und über Frauen eine Plattform zu schaffen, die es Frauen ermöglicht, sich Gehör zu verschaffen. Wir wollen diejenigen, die normalerweise im Abseits stehen, zum Sprechen ermutigen. Obwohl wir diese eindeutige, durchaus politische Ausrichtung unserer Verlagsarbeit auch nach außen hin vehement vertreten, wissen wir doch, dass es selbst für uns etwas Besonderes ist, Werke von Schriftstellerinnen wie Baby zu veröffentlichen. Nicht nur, dass sie größtenteils unsichtbar sind, auch hatten viele, tatsächlich wohl die meisten von ihnen, nicht das Privileg der Bildung. Auch wenn sie zu vielen Dingen etwas zu sagen hätten, ist es ihnen oftmals nicht vergönnt, sich literarisch ausdrücken zu können. So war es für uns außerordentlich wichtig, Babys Buch zu veröffentlichen: Diese Art von Buch ist es, von der Verlegerinnen wie wir träumen. Es ist ein Buch, das uns viel Neues vermittelt hat. Von der Autorin und Protagonistin haben wir viel gelernt. Und heute ist Kein ganz gewöhnliches Leben ein internationaler Erfolg, genau so wie es dem Buch zukommt. Wir von Zubaan werden es außerdem immer als besonderes Privileg empfinden und stolz darauf sein, dass wir ein Buch veröffentlichen durften, das in verschiedenster Hinsicht inspirierend gewesen ist – ein Buch, das uns daran erinnert, dass es noch so vieles gibt, das über das Leben von Frauen gesagt und geschrieben werden muss.

Kein ganz gewöhnliches Leben

Bis ich vier Jahre alt war, lebte ich mit meinem Vater und meiner Mutter, meinen Brüdern und meiner Schwester irgendwo in Jammu und Kaschmir. Baba arbeitete dort. Es war ein schöner Ort mit großen, hohen Bergen und vielen verschiedenen Blumen. Von dort brachte uns Baba nach Murshidabad. Nach einer Weile wurde Baba nach Dalhousie versetzt, wo wir dann wohnten. Dalhousie erinnerte mich sehr an Jammu und Kaschmir. Schnee fiel vom Himmel, die Flocken wirbelten herum wie ein Bienenschwarm und ließen sich sanft auf dem Boden nieder. Wenn es regnete, war es unmöglich, das Haus zu verlassen. Dann spielten wir einfach drinnen. Oder wir beobachteten von unseren Fenstern aus, wie der Regen fiel. Wir liebten Dalhousie, und wir blieben eine ziemlich lange Zeit dort. Wir gingen jeden Tag draußen spazieren. Wir waren so glücklich, die Blumen auf den Hängen zu sehen. Wir spielten zwischen den Blumen alle möglichen Spiele, und manchmal überspannte ein Regenbogen die Berge und füllte mein Herz mit Freude.

Wir weinten, als Baba uns wieder nach Murshidabad brachte, wo mein älterer Onkel, unser Jetha, lebte. Baba mietete ein Haus und schickte uns Kinder in die Schule. Dann verließ er uns und ging wieder seiner Arbeit nach. Jeden Monat schickte er Geld, um unsere Haushaltskosten zu bezahlen. Zuerst kam das Geld regelmäßig, aber dann gab es allmählich Lücken von mehreren Monaten. Ma hatte sehr große Mühe zurechtzukommen: wie sollte sie auch? Nach einer Weile lagen sogar lange Lücken zwischen seinen Briefen. Ma schrieb viele Briefe an ihn, aber es kam nie eine Antwort. Baba war so weit weg, dass Ma nicht einmal zu ihm hinfahren konnte. Sie war sehr besorgt, aber trotz aller Schwierigkeiten ließ sie nicht zu, dass wir aufhörten, die Schule zu besuchen.

Mehrere Jahre vergingen, ehe Baba wieder heimkam. Wir freuten uns so sehr, ihn zu sehen. Aber nach einem Monat oder zweien war er wieder weg. Eine kurze Zeit schickte er regelmäßig Geld nach Hause, aber dann begann das alte Spiel von Neuem. Ma war so ärgerlich und frustriert, dass sie es oft an uns ausließ. Sie bat unseren Jetha um Hilfe, aber der hatte es schwer genug, seine eigene Familie über Wasser zu halten. Inzwischen wurde Didi, meine ältere Schwester, erwachsen, und das war eine weitere Sorge, die Ma bedrückte. Ma bat Babas Freunde um Hilfe, aber keiner von ihnen war in der Lage, sich mit einer weiteren Familie zu belasten. Ma dachte auch daran, eine Arbeit anzunehmen, aber das hätte bedeutet, das Haus zu verlassen – was sie nie getan hatte. Und vor allem, was konnte sie arbeiten? Ein anderes ihrer Kümmernisse war: Was würden die Leute sagen? Aber sich darum zu kümmern, was die Leute sagen, hilft nicht, den leeren -Magen zu füllen, nicht wahr?

Dann tauchte Baba eines Tages unerwartet auf. Ma brach in Tränen aus, als sie ihn sah. Und wir alle fingen auch an zu weinen. Mein Jetha und andere aus der Nachbarschaft taten ihr Bestes, Baba zu erklären, dass es nicht richtig war, einfach so wegzugehen, aber er ließ sich nicht überzeugen. Er verließ Ma einfach und ging wieder fort. Sie regte sich schrecklich auf. Ich war etwas besser dran als sie, weil ich wenigstens ein paar Freunde hatte, insbesondere Tutul und Dolly, mit denen ich immer reden konnte und die mich sehr gern hatten.

Nachdem Baba wieder weggegangen war, schrieb er ein Weilchen später einen Brief und teilte mit, dass er bald aus der Armee ausscheiden und nach Hause kommen würde. Wir waren überglücklich, aber als Baba schließlich heimkam, schien er überhaupt nicht froh darüber, die Armee verlassen zu haben. Er sprach weder richtig mit uns noch mit Ma, und er verlor wegen kleinster Dinge die Beherrschung. Wir fingen nun an, uns vor ihm zu fürchten, und gingen ihm aus dem Weg – wenn wir ihn kommen sahen, schlichen wir davon.

Didi wurde erwachsen, und Ma hörte nicht auf, sich ihretwegen Sorgen zu machen. Eines Tages schrieb mein Onkel, der jüngere Bruder meines Vaters, aus Karimpur, dass er eine mögliche Partie für sie gefunden hätte. Sobald er den Brief gelesen hatte, packte Baba ein paar Sachen zusammen, nahm meine Schwester und fuhr dorthin, ohne jemandem etwas zu sagen. Ma war wirklich aufgebracht. Sie sagte immer wieder, dass sie so nicht mehr leben könne. Sie fragte Gott, wann sie in ihrem Leben Frieden haben würde. Das alles war schließlich zu viel für sie, und eines Tages ging sie mit Kummer im Herzen und meinem kleinen Bruder in ihren Armen einfach von zu Hause weg.

Zuerst dachten wir, dass sie nur wie gewöhnlich zum Markt gegangen wäre. Aber als sie auch nach ein paar Tagen nicht zurückkehrte, wurde uns klar, dass etwas nicht stimmte, und wir alle fingen an zu weinen. Unser Jetha, der in der Nähe wohnte, versuchte uns zu beruhigen und sagte, dass sie vielleicht ihren Bruder besuchte und bald zurückkäme. Als sie fortging, war Baba in Karimpur, und als er vier Tage später zurückkam, fragte er, was sie gesagt habe, bevor sie uns verließ. Wir erzählten ihm, dass sie gesagt hatte, sie gehe zum Markt. Er lief dann zu ihrem Bruder, um nach ihr zu suchen, aber sie war nicht dort. Er suchte alle Orte ab, an die sie möglicherweise hätte gehen können, aber es gab keine Spur von ihr. Er wusste absolut nicht mehr weiter – er hatte überall gesucht und war nun wirklich besorgt, weil es keine weitere Möglichkeit gab.

Schließlich schlug jemand vor, dass er einen guni-vaid zu Rate ziehen sollte. Also tat Baba das. Er machte es dann immer so: Jemand schlug etwas vor, und er ging los und tat es. Er tat überhaupt alles, was ihm jemand riet, denn er wusste – genauso gut wie die Leute in unserer Nachbarschaft – warum sie gegangen war. Und jeder machte ihn verantwortlich und sagte, dass sie nicht gegangen wäre, wenn es sich nur um ein kleines Gezänk gehandelt hätte. Diese Dinge nahmen uns sehr mit, aber es gab nicht viel, was wir hätten tun können. Baba war auch unglücklich. Die quälenden Sorgen hatten ihn sehr verändert. Ihm ging es auch sehr um Didi. Wie konnte ein erwachsenes Mädchen im Hause bleiben, wenn die Mutter fortgegangen war? Didi war gar nicht so alt – gerade fünfzehn oder so. Aber Baba war nicht bereit zu warten, und er verheiratete sie einfach, damit die Leute nicht darüber reden konnten.

Erst nachdem meine Schwester weg war, fühlten wir uns wirklich mutterlos. Als für Didi der Augenblick gekommen war zu gehen, weinte sie und sagte: »Wenn Ma uns nicht verlassen hätte, dann träfe mich jetzt wohl nicht dieses traurige Los.« Und zu Baba gewandt fuhr sie fort: »Du schickst mich fort, aber nun hast du die Verantwortung, auf meine kleinen Geschwister aufzupassen. Sie haben ja jetzt niemanden außer dir.« Didi ging, und unsere Probleme fingen erst richtig an. Baba blieb ja nie zu Hause. Manchmal gab er uns Geld und sagte: »Kocht euch etwas und lernt fleißig.«

Wir litten Not, aber trotzdem gingen wir zur Schule. Ich hatte in der Schule eine gute Freundin, deren Mutter mich oft nach Hause einlud und mir etwas zu essen gab und mich sogar aufforderte, bei ihr zu bleiben. Unser Schuldirektor war auch sehr freundlich zu mir. Er schenkte mir Hefte und Bleistifte, und er veranlasste seine Tochter, mich kostenlos zu unterweisen, nachdem Ma uns verlassen und unser zusätzlicher Unterricht aufgehört hatte.

Ich liebte die Schule ebenso wie ich unser Zuhause hasste. Ich wollte nie nach Hause gehen – dort gab es keinen, der meine Arbeit so schätzte wie meine Lehrer in der Schule. Es gab keinen Anreiz, dorthin zu gehen. Die Tage, an denen kein Unterricht stattfand, dehnten sich endlos. Mir fehlten Ma und Didi so schrecklich, dass ich davonlief, sobald ich eine Chance hatte, mit meinen Freunden zu spielen. Ich liebte es, mit ihnen zu spielen! Wir spielten kit-kit, lukochuri, rumalchuri und hüpften nach Herzenslust – und die Stunden vergingen wie im Flug.

Ich fehlte keinen Schultag und ließ es keinen merken, dass ich mit leerem Magen in die Schule gekommen war. Ich fürchtete mich zu sehr vor Baba, um ihm zu sagen, dass nichts zu essen da war. Eines Tages kam eine Freundin zu uns, um mich abzuholen, so dass wir zusammen zur Schule gehen konnten. Ich machte mich schnell fertig. Meine Freundin sagte, dass ich etwas essen sollte, bevor wir gingen, und ich platzte heraus, dass nichts zu essen da war. Baba hörte das. Ich wusste nicht, dass er zu Hause war, sonst hätte ich nichts gesagt. Als ich an jenem Tag aus der Schule heimkam, schlug er mich so heftig, dass ich drei Tage lang nicht aufstehen konnte, und noch viele mehr, ehe ich mich in der Lage fühlte, wieder zur Schule zu gehen. Meine Lehrer und Freunde kamen, um sich nach mir zu erkundigen.

Sobald mein Dada, mein großer Bruder, etwas älter war, entschied er, nicht mehr bei Baba leben zu wollen, und ging, um bei Pishi-ma, meiner Tante, zu wohnen, obwohl auch sie nicht wohlhabend war und gerade so ihr Auskommen hatte. Zu Hause waren jetzt nur noch Baba, ich und mein kleiner Bruder. Unser Jetha dachte, man könne unsere Familie am besten wiederherstellen, wenn er Baba dazu brächte, wieder zu heiraten. Als er das vorschlug, widersetzte sich Baba zuerst, aber dann gab er sehr schnell nach.

Meine Stiefmutter hörte Baba nie zu. Sie gab uns nie regelmäßig zu essen, sie schlug uns oft ohne Grund, und sie erzählte Baba Lügengeschichten über uns, sodass er uns ebenfalls schlug. Baba war nicht bereit, uns anzuhören, und es gab Zeiten, in denen er uns nicht einmal ansah. Wir konnten nichts machen. Als Jetha merkte, was vor sich ging, rief er Baba zu sich und erklärte ihm, bevor er die Kinder bestrafe, solle er wenigstens herausfinden, ob sie im Unrecht seien. Nachdem ihm das gesagt worden war, begann Baba sich zu ändern. Er begriff, dass nicht alles wahr war, was unsere Stiefmutter ihm über uns erzählte. Aber von dem Augenblick an, da er ihre Aussagen in Frage stellte, verschlimmerte sich die Lage zu Hause noch viel mehr. Jedes Mal, wenn es unerträglich wurde, brachte er sie zu ihrem Bruder und ließ sie da. Dort versuchten ihr Vater und Bruder oft, sie zur Vernunft zu bringen, aber wenn sie wieder bei uns zu Hause eintraf, war alles wie immer. Sie gab uns weder ordentlich zu essen, noch behandelte sie uns gut. Die Dinge wurden so schlecht, dass wir – und sogar Baba – zuweilen gezwungen waren, unsere Mahlzeiten selbst zu kochen. Da wir immer noch sehr klein waren, verbrannten wir uns dabei manchmal die Finger. Während das alles so weiterging, fing Baba irgendetwas an – ein Geschäft vielleicht –, das ihn für zwei, drei Tage am Stück von zu Hause fernhielt. Wenn er zurück war, hörte er dann von uns, dass wir nichts Richtiges zu essen bekommen hatten.

Tage und Wochen und Monate vergingen auf diese Weise. Dann verkündete Baba eines Tages plötzlich, dass er nach Dhanbad zu einem Vorstellungsgespräch für einen Job als Chauffeur fahren müsse. Er sagte es Jetha, als er ging, und erst einen Monat später kam er wieder zurück. Er war nur wenige Tage zu Hause, bevor er wieder wegfuhr und uns in Jethas Obhut zurückließ. Und dieses Mal war er viele Monate lang fort. Er schickte uns auch kein Geld, und wir waren in großer Not. Eines Tages tauchte er aus heiterem Himmel wieder auf und brachte uns beide und unsere Stiefmutter nach Dhanbad, wo er eine Dienstwohnung erhalten hatte. Mein Bruder und ich wurden wieder zur Schule geschickt. Er kümmerte sich nicht darum, uns Bücher und Hefte zu kaufen, aber wir kamen irgendwie zurecht. Ich liebte die Schule und lernte eifrig, weswegen mich auch in dieser Schule alle gern hatten. Ich weiß nicht genau, wofür Baba das Geld ausgab, das er verdiente, aber ich weiß, dass er trank und dass dies viel schlimmer geworden war, nachdem meine richtige Ma uns verlassen hatte.

Wir waren erst kurze Zeit in Dhanbad, als Baba einen Job in einer Fabrik in Durgapur bekam. Er ließ uns bei einer Freundin, die ihn wie eine Schwester mochte, und ging nach Durgapur. Obwohl nicht blutsverwandt, war sie wirklich gut zu uns, aber als das Geld zur Neige ging, das Baba ihr für unsere Kosten dagelassen hatte, war sie sehr beunruhigt. Was sollte sie jetzt tun? Nach langem Nachdenken entschied sie, dass es am besten wäre, meinen Bruder und mich zu ihrem Vater zu schicken und meine neue Ma zu deren Bruder. Während sie all das erledigte, war das Kali-Puja-Fest herangekommen. Die Tante ging zur Puja-Feier. Am Puja-Abend trug jeder neue, bunte Kleidung, und es herrschte eine allgemeine Festtagsstimmung. Aber nicht für uns. Mein Bruder und ich saßen auf unserer Türschwelle, beobachteten alles und weinten.

Ich war wirklich böse auf Baba. Seinetwegen mussten wir uns alle möglichen Sachen von den Leuten anhören. Sie sagten: Obwohl ihr Eltern habt, seid ihr gleichwohl Waisen; und euer Vater arbeitet irgendwo weit weg, und … wenn man keine Mutter hat, hat man niemanden!

Baba kam einige Tage nach Kali Puja zurück. Es war Mitternacht. Wir schliefen alle, aber als wir seine Stimme hörten, schreckten wir aus dem Schlaf. Er rief uns und verkündete die gute Nachricht, dass Ma zurückgekehrt war. Das machte uns sehr glücklich. Ich fragte ihn immer wieder, wo sie sei, und er sagte: »Wenn ihr beide sie treffen wollt, dann müsst ihr jetzt mit mir kommen.« Dann belog er unsere neue Ma. Er sagte: »Ich gehe zu deinem Vater. Nimm morgen früh den Zug und triff mich dort. Ich möchte jetzt gleich weggehen. Es gibt hier ein paar Leute, denen ich Geld schulde.« Er fügte hinzu: »Wenn die mich sehen, fordern sie die Bezahlung, und ich habe kein Geld, sodass es am besten ist, im Dunkeln wegzugehen.« So belog er sie, nahm uns mit und ging. Als wir nach Durgapur kamen, stellten wir fest, dass die Frau, die Baba unsere Mutter genannt hatte, eine ganz andere Mutter war. Ich sagte zu meinem Bruder: »Was meinst du, wie viel wir noch ertragen müssen?« Und er begann zu weinen. Unsere dritte Mutter konnte es nicht ertragen, ihn weinen zu sehen. Sie nahm ihn in die Arme und tröstete ihn. Da dachte ich, dass sie uns vielleicht lieb haben würde, aber es kam ganz anders.

Baba ließ unsere dritte Mutter nicht aus dem Haus gehen. Ihr war nicht einmal erlaubt, zum Hahn zu gehen, um Wasser zu holen. Wenn Wasser gebraucht wurde, wurden wir geschickt. Und wir fürchteten uns so sehr vor Baba, dass wir nicht wagten, etwas zu sagen. Die Leute in unserer Nachbarschaft bedauerten uns sehr, aber sie konnten auch nichts tun. Die Schwester dieser Mutter, das heißt, unsere Tante, war eine sehr einfache und liebevolle Frau. Sie war uns sehr zugetan. Manchmal nahm sie uns mit zu sich nach Hause, aber Baba mochte das nicht. Sie versuchte, ihrer Schwester zu sagen, sie solle uns besser behandeln, aber unsere dritte Ma sagte: »Was kann ich machen? Ich tue doch nur, was ihr Vater sagt.« Uns schien, dass sie etwas dagegen hatte, wenn ihre Schwester uns mit zu sich nach Hause nahm.

Baba hatte uns nach Durgapur gebracht, aber er verlor kein Wort darüber, wann wir wieder zur Schule gehen würden. Ich hatte mich so daran gewöhnt, zur Schule zu gehen, dass ich einmal, nachdem die ganze Hausarbeit getan war, dennoch mit anderen Kindern aus unserer Nachbarschaft zur Schule ging. Aber Baba passte das nicht. Eines Tages sah mich eines der Mädchen aus der Nachbarschaft am Ende unserer Straße stehen und weinen. Sie erzählte es Baba. Er kam und fragte mich, warum ich weinte, und unter Schluchzen fragte ich ihn: »Wo ist unsere Ma? Warum hast du uns gesagt, sie ist wiedergekommen? Diese Ma ist ja gar nicht unsere richtige Ma.« Babas Blick fiel plötzlich auf die Münze, die ich in meiner Hand hielt, und er fragte mich, was das war. Da musste ich ihm sagen, dass es die Zehn-Paisa-Münze war, die Ma mir in die Hand gedrückt hatte, an dem Tag als sie wegging, und dass ich mich jedes Mal an Ma erinnerte, wenn ich sie ansah.

Baba wurde traurig. Sanft fragte er mich, was mein Bruder und ich uns wünschten. Ich sagte, dass ich lernen wollte. Ein paar Tage danach schickte mich Baba zu Jetha und sagte, ich sollte bei ihm bleiben und dort in die Schule gehen. Aber er hatte überhaupt nicht bedacht, dass Jetha nicht viel Geld übrig hatte, dass seine Gesundheit nicht besonders gut war und dass es unfair war, ihm diese Last aufzubürden. Als ich dort war, merkte ich, dass es keine Möglichkeit gab, mit dem Lernen weiterzumachen. So beschloss ich, wenigstens meine alten Schulfreundinnen ausfindig zu machen. Zuerst besuchte ich Tutul. Sie war gerade aus der Schule gekommen und freute sich wirklich, mich zu sehen. Ich nannte ihre Mutter immer Kaki-ma, und als sie mich sah, begrüßte sie mich und kochte schnell etwas Essen für uns beide. Kaki-mas Freundlichkeit erinnerte mich an meine eigene Mutter, und meine Hand hielt inne, während ich aß. Als Kaki-ma fragte, was los sei, sagte ich ihr, wenn meine Mutter da wäre, hätte sie mir mit derselben Sorgfalt und Liebe Essen gegeben. Kaki-ma sagte lediglich: »Ja, Kind, aber was soll man tun? Es ist dein Schicksal, keine Mutter zu haben, obwohl du eine hast.«

Nach dem Essen plauderten Tutul und ich, und dann gingen wir los, um unsere andere Freundin Dolly zu treffen. Dolly war ein Brahmanen-Mädchen und sehr hübsch. Unsere Väter kannten einander. Eines Tages, als Dollys Vater mich nach Baba fragte, berichtete ich ihm alle Neuigkeiten und erzählte auch alles über mich. Dollys Vater sprach mit dem Schuldirektor, der mich kannte, weil ich eine Schülerin seiner Schule gewesen war. Ich war wirklich glücklich, als er mich aufforderte, vom nächsten Tag an in die Schule zu kommen. Und so ging ich wieder zur Schule.

Aber nun tauchte ein anderes Problem auf. Weil ich jetzt bei Jetha lebte, hatte meine dritte Ma Mühe, mit all den Haushaltspflichten zurechtzukommen. Und eines Tages kamen Baba und sie zu Jetha, um mich wegzuholen. Jetha weigerte sich, mich gehen zu lassen, und sagte: »Sie geht zur Schule und macht ihre Sache so gut, ich lasse sie nicht weggehen.« Aber Baba bestand darauf und sagte viele schreckliche Sachen zu ihm. Am Ende gab Jetha nach, aber er sagte ihnen, wenn sie mich unglücklich machten, würden sie selbst niemals glücklich werden.

Sie holten mich von Jetha weg, und wieder hörte mein Unterricht auf. Nun dachte ich nur noch an zwei Dinge: Ob ich schlief oder wach war, meine Gedanken kreisten unaufhörlich um meinen Unterricht und meine Mutter. Ich hatte gehört, dass ein Übermaß an Sorge Leute krank macht, und tatsächlich geschah das mit mir. Baba brachte mich in ein Krankenhaus, aber die Ärzte waren außerstande zu sagen, was mir fehlte. Das beunruhigte Baba, und er rief einen anderen Doktor dazu. Diesem erzählte ich alles, was mich bekümmert hatte, und er war sehr böse auf Baba und schalt ihn.

Allmählich ging es mir besser. Während ich immer noch im Krankenhaus war, wachte ich eines Tages am Morgen auf und bemerkte, dass mein Laken feucht von Blut war. Ich war ängstlich und begann zu weinen. Die Schwester hörte mich und sah nach, was geschehen war, aber ich war so verängstigt, dass ich nichts sagen konnte. Dann sah sie das Laken und fragte mich, ob mir schon früher so etwas passiert wäre. Ich sagte Nein, und sie verstand den Grund meiner Furcht. Ein paar Leute hatten sich versammelt, und sie alle lächelten. Patientinnen in den anderen Betten versuchten, mir zu erklären, es gebe keinen Grund zur Sorge, das geschehe, wenn Mädchen erwachsen werden. Der Doktor kam und sagte, dass ich jetzt wohlauf sei und nach Hause gehen könne. Ich bat die Schwester, noch ein paar Tage bleiben zu dürfen, aber sie sagte, dass mir nichts fehlte und dass alles in Ordnung wäre, wenn ich ihre Anweisungen befolgte.

Baba kam und holte mich nach Hause. Als meine neue Ma mich sah, blickte sie mich irgendwie nachdenklich an. Ich nahm ein Bad, und als ich fertig war, bemerkte ich, wie sie meine blutige Kleidung ansah. Ich erzählte ihr, was im Krankenhaus geschehen war, und dann schien mir, dass sie Baba etwas sagte – auch er sah ein wenig bedrückt aus, sagte aber nichts. Jedes Mal wenn ich ihn ansah, schien er über mich nachzudenken, aber ich hatte nicht den Mut zu fragen, was in ihm vorging.

Und wieder machte ich mir Sorgen um meinen Unterricht. Vielleicht verstand Baba, was mich innerlich beschäftigte, dennoch sagte er nichts, weil er wusste, dass Ma nicht wollte, dass er mit mir darüber redete. Ich wurde immer wieder von ihrem Verhalten überrascht. Manchmal war sie so liebevoll zu meinem Bruder und mir, und dann plötzlich waren wir die Ursache von Spannung und Konflikt zwischen ihr und Baba, und das ganze Haus wurde zu einem Schlachtfeld. Babas Benehmen hatte sich auch verändert. Er schimpfte nicht mehr mit mir, und wenn ich etwas falsch machte oder mir Fehler unterliefen, sagte er einfach: »Du bist kein Kind mehr. Du solltest besser aufpassen.« Er sagte mir so oft, dass ich kein Kind mehr war, dass ich mich selbst langsam fragte, ob ich vielleicht erwachsen geworden war.

Ich begann Anzeichen zu bemerken, die mir sagten, dass dem wirklich so war. Eines Tages saß ich auf dem chowki und las laut. Als ich plötzlich aufsah, bemerkte ich, wie Baba mich konzentriert beobachtete. Er hörte aufmerksam zu, was ich las. Als er merkte, dass ich ihn ansah, fragte er mich, ob ich gerne bei meiner Pishi-ma wohnen würde. Ich gab keine Antwort. Ich weiß nicht warum, aber er sagte nichts. Wenn ich früher nicht geantwortet hätte, wenn er fragte, hätte er mich streng gescholten.

Ich glaube, dass auch der Junge, der im Hotel hinter unserem Haus lebte, genau wie Baba dachte, dass ich jetzt erwachsen war. Jedes Mal wenn ich mich im Zimmer niederließ, um zu lesen, stellte ich fest, dass er mich von seinem Fenster aus beobachtete. Wenn ich ging, um Wasser draußen vom Hahn zu holen, kam auch er und schaute mir zu. Eines Tages bemerkte ich, dass er mit meinem Bruder sprach und auf mich zeigte. Ich denke, dass er nach mir fragte. An einem anderen Tag sah ich, wie er eine Freundin über mich ausfragte, mit der ich zu spielen pflegte. Danach kam sie und erzählte es mir und fragte: »Warum will dieser Junge alles über dich wissen?«

»Was ist so seltsam daran? Jeder hier will alles über jeden wissen. Aber sage Baba nichts von ihm – er schlägt mich sonst.« Sie fuhr fort, mich anzulächeln, als ob sie etwas wüsste, das ich nicht weiß – deshalb musste ich das hinzufügen.

Diese Freundin von mir hieß Krishna. Sie war klein und hellhäutig und hatte einen leicht schiefen Zahn, aber sie sah trotzdem gut aus. Ihre Schwester Mani war auch reizend. Wir drei hatten zusammen Unterricht. Ich erinnere mich, dass es eines Tages keinen Strom gab und wir beim Licht einer Petroleumlampe saßen und lernten. Ich versuchte, die Lampe ein bisschen zu bewegen, und das heiße Glas versengte das Knie des Lehrers! Ich fürchtete mich zu Tode! Ich dachte, nun würde er es Baba sagen, und dann bekäme ich Prügel – aber er tat nichts dergleichen. Er blieb einfach ruhig. Obwohl er dem Vorfall keine Bedeutung beimaß, fuhren Krishna und Mani fort, mich daran zu erinnern und mich zu necken.

Sie müssen auch ihrem Vater von mir erzählt haben, denn eines Tages sprachen ihr Vater und meiner viel über mich und meinen Bruder. Ihr Vater fragte Baba, warum er seine Kinder nicht Kinder sein ließe. »Warum schimpfen Sie die ganze Zeit mit ihnen«, fragte er, »warum lassen Sie sie nicht spielen, wenn sie wollen? Sie halten sie immer davon ab, zu spielen oder hinauszugehen … Sie sind doch schließlich noch Kinder: Müssen Sie sie die ganze Zeit mit Hausarbeit beschäftigen? Glauben Sie nicht, dass sie wie alle Kinder hinausgehen und spielen wollen? Ihre Tochter fürchtet sich so vor Ihnen, dass sie es Ihnen nicht einmal zu sagen wagt, wenn sie krank ist. Und überhaupt, was würde es helfen, selbst wenn sie es sagte? Das weiß sie auch. Sagen Sie mir: Ist es recht, sich so wenig um sie zu kümmern?«

Krishnas Vater hatte nicht Unrecht. Es schien, als habe meine Mutter alle Freude aus unserem Leben mitgenommen, als sie ging. Baba erlaubte mir nicht, Armreifen zu tragen; ich durfte mit niemandem reden, mit niemandem spielen und oft nicht einmal das Haus verlassen. Ich fürchtete mich so davor, geschlagen zu werden, dass ich nur Gelegenheiten abpasste hinauszugehen und zu spielen, wenn ich wusste, dass er nicht da war und mich nicht aufhalten konnte … Ich war damals erst elf oder zwölf Jahre alt, und ich dachte, dass niemand so unglücklich sein konnte wie ich. Ich glaubte, nur ich wüsste, was es bedeutet, die Mutter zu verlieren. Manchmal, wenn ich über Ma nachdachte, meinte ich, hätte uns Baba an ihrer Stelle verlassen, dann ginge es uns nicht so schlecht. Was hatte Baba uns schließlich gegeben, außer Furcht? Ich dachte, dass es wahrscheinlich keine Kinder gebe, die ihren eigenen Vater ebenso sehr fürchteten wie wir. Schon sein Äußeres mit dem runden, vollen Gesicht, der großen, stämmigen Gestalt und seinem riesigen Schnurrbart wirkte auch auf andere furchteinflößend.