Vom Einhorn soll ich Grüße sagen - Rolf Krauss - E-Book

Vom Einhorn soll ich Grüße sagen E-Book

Rolf Krauss

0,0

Beschreibung

Mitten im närrischen Treiben des Rheinlandes lässt Jakobus all seine Masken fallen. Er will seine Träume nun endlich verwirklichen und eine abenteuerliche Suche beginnt, in der ihm Geistwesen helfen, die ihn beschützen. In Gestalt von Tieren begleiten sie ihn auf seinem gefahrvollen Weg. Stufe um Stufe führt ihn dieser hinauf bis in die Berge. Am letzten Gipfel angekommen, erkennt Jakobus seine eigenen, inneren Abgründe. Um sie zu überwinden, muss er ein Seil suchen, das es nicht gibt ... In märchenhaften Bildern erzählt der Autor auf poetische Weise die Geschichte einer inneren Wandlung. Obwohl zeitlos weist sie in der jetzigen Krise eine geradezu verblüffende Aktualität auf: Die Suche nach Wahrheit wird zum Kampf um innere Freiheit und das Ringen um die Schönheit und die Güte, ja die Seele selbst.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 79

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



„Ich könnte noch einen anderen Vergleich gebrauchen. Wenn Sie einen Seiltänzer auf dem Seile sehen, dann haben Sie das Bewusstsein, dass er jeden Augenblick herunterfallen kann nach links oder nach rechts.

Dass Sie seelisch selber auf einem solchen Seile gehen, nach links und rechts abstürzen kann jeder Mensch seelisch, davon ist im gewöhnlichen Leben kein Bewusstsein vorhanden, weil man links und rechts den Abgrund nicht sieht. Er ist aber da.“

Rudolf Steiner

Wie soll ich so eine Geschichte bloß anfangen?“ – „Na, mitten in der Maskerade, das passt doch! Jetzt sogar noch mehr als vorher … was hast du gesagt, wann war das noch mal?“ – „In den Achtzigern des letzten Jahrhunderts!“ – „Und wo?“ – „Begonnen hat damals alles in der Nähe von Bonn … und zwar im Frühjahr mitten im Karneval. Auch wenn es sich so anhört, als sei alles bloß ein Märchen, steckt doch weit mehr dahinter, als die meisten wohl glauben werden.“ – „Das macht ja nichts. Es bleibt doch jedem selber überlassen, was er darin sehen will, und wenn er es bloß für ein Märchen hält, so wollen wir hoffen, dass es ihm wenigstens gefällt. Also Jakobus, erzähl uns deine Geschichte, die wie ein Märchen klingt!“

W er bist du denn?“, fragte das kleine rote Teufelchen. Neugierig stupste es ihn dabei mit dem Ellenbogen in die Seite. Gerade wollte er etwas erwidern, da spielte die Kapelle einen Tusch. Ein blondes Engelchen mit zerzaustem Flügelpaar nippte an einem Sektglas und rief: „Damenwahl!“

„Endlich!“, rief die Chinesin, schnappte sich einen Löwen und rannte mit ihm, vor Vergnügen quietschend, aufs Parkett.

„Na, du süßer Hanswurst, willst du nicht auch ein Tänzchen mit mir wagen?“, gurrte das rote Teufelchen verlockend. Auffordernd rollte sie mit den blitzenden Äuglein und zeigte unverhohlen ihre weiblichen Reize. Mittlerweile schien ihr die vorherige Frage ziemlich gleichgültig zu sein. Doch dafür blickte sie ihn jetzt umso verführerischer von der Seite her an. „Nicht jedem bietet sich so eine günstige Gelegenheit, weißt du!“, flüsterte sie ihm mit sanfter Stimme ins Ohr. „Nein danke – es tut mir leid. Ich bin zu müde. Viel zu müde von dem ganzen Firlefanz und der Maskerade. Ich wollte sowieso gerade gehen.“ – „Na, du bist mir ja einer – ein richtiger …“ – „Hanswurst!“, meldete sich der Engel schnippisch zu Wort. „Halt du dich da raus!“, knurrte das Teufelchen wütend und wurde nun auch im Gesicht ganz rot. „Das geht dich gar nichts an, du dumme Gans!“ – „Er gefällt dir wohl, der komische Kauz!“, freute sich der Engel über seinen unerwarteten Erfolg und zog drauf das Teufelchen kräftig an den Hörnern. „Du Biest!“, schrie das Teufelchen und wurde nur noch wilder. „Ich reiß dir alle Federn einzeln aus!“ – „Was? Wegen einem solchen Hanswurst, einem Niemand, willst du dich mit mir prügeln? Da lachen ja die Hühner!“ An der Bar brüllte alles lauthals auf vor Lachen. „Du hast recht!“, lenkte das Teufelchen besänftigend ein. „Ich hole mir lieber einen richtigen Clown. Der hier ist mir viel zu melancholisch. Entschieden zu melancholisch. Tschüs, Wurstel!“ Sie klopfte ihm brüderlich auf die Schulter und machte sich davon. Nur ein paar Meter weiter schnappte sie sich einen Mönch und verschwand mit ihm in dem schwitzenden, grölenden Gedränge. An der Bar kicherten immer noch einige und zwinkerten sich eifrig mit Blick auf Jakobus zu. Doch der bemerkte von alldem nichts mehr. Hastig hatte er sein Glas ausgetrunken und bahnte sich nun mühsam einen Weg durch das trunkene, taumelnde Meer vermummter Gestalten.

Er war schon beinahe an der Treppe angelangt, da zupfte ihn jemand von hinten an der gelben Pluderhose. Als er sich umdrehte, grinste ihm das Teufelchen direkt ins Gesicht. „Es war nur ein Spaß!“, gluckste sie. „Ja, ich weiß“, antwortete Jakobus und drehte sich rasch um. „Du, sei mir nicht böse – ja?“, rief ihm das Teufelchen noch hinterher. „Schon gut! Mach dir nichts draus!“, murmelte Jakobus. Begleitet von platzenden Luftballons und umhersurrenden Luftschlangen, ging er an einem betrunkenen Marsmenschen vorbei zum Ausgang.

Draußen dämmerte es bereits, als Jakobus schleppend die Stufen zum Park hinabstieg. Allmählich verebbte der Lärm hinter ihm. Das Gelächter, die Musik und mit ihr all die bunten, grotesk lärmenden Gestalten verschwammen, mischten sich mit den milchigen Schwaden der Frühe, lösten sich auf und verschwanden völlig aus seinem Bewusstsein. Missmutig schlurfte Jakobus dahin. „Ach, wenn ich doch nur wie so manch anderer wäre, mich einfach bloß vergnügen könnte, ohne lange nachzudenken. Erfolgreich meinen Weg in dieser Welt gehen könnte auf vorgegebenen Wegen. Schön und stark und ohne Zweifel! Doch das bin ich nicht, und auf meine Fragen find ich keine Antwort. Was nur ist der wahre Sinn des Lebens, wenn alle Freuden nur von kurzer Dauer, Gedanken sich am Ende doch nur wie im Kreise drehen und die Gefühle uns wie auf einer Achterbahn der Leidenschaften von Augenblick zu Augenblick beherrschen?“

Mitten im närrischen Treiben des Rheinlandes hatte ihn wieder einmal diese seltsame Stimmung von trauriger Niedergeschlagenheit ereilt. „Die anderen haben ja recht“, dachte er.

„Wer bin ich denn schon? Ein Niemand, der sich an Karneval verkleidet und versucht, sich in fremder Leute Federn lustig zu machen. Was hätte ich ihr auch antworten sollen? Dass ich es selber nicht weiß? Dass ich nicht weiß, wer ich bin und was ich mit all der Sehnsucht und den Sternen in mir anfangen soll?“

Ärgerlich kickte er eine leere Cola-Dose zur Seite. Scheppernd schlitterte das zerbeulte Ding über den Asphalt und blieb irgendwo im Rinnstein liegen. Da wurde Jakobus erst bewusst, wie still es um ihn herum geworden war. Kein Vogelgesang, kein Motorengeräusch, kein menschlicher Laut. In der Zwischenzeit war er wie im Traum an der Uferallee angelangt. Schläfrig trieb der Fluss dahin. Die Bäume nur noch schemenhafte Gestalten. Auch sie unerbittlich schweigend, verdrossen und beharrlich. Düster umwitterte Riesen am Rande des knirschenden Kiesweges.

„Ich wüsste schon eher, wer ich nicht bin!“, dachte Jakobus, die Hände tief in den Manteltaschen vergraben. Plötzlich fand er Gefallen an dieser Idee. Ja, der Einfall stimmte ihn geradezu heiter.

„Ich bin nicht, der ich bin! Sag einer mir, wohin? Weiß niemand mehr den Sinn, sag selbst ich mir – ich bin!“

Ausgelassen begann er, Kieselsteine in den Fluss zu kicken. Für jeden Stein, der in hohem Bogen in das schlammige Wasser plumpste, fiel ihm wieder etwas Neues ein, etwas, das er ganz bestimmt nicht war.

„Ich bin zum Beispiel kein Storch“, dachte er und schmunzelte bei dem Gedanken, wie es wohl wäre, ein solcher zu sein, still in sich hinein. Und – er zog den Personalausweis aus der Tasche – auch ganz bestimmt nicht die Nummer so und so viel mit den Anfangsbuchstaben JV.

„V“ das könnte heißen „Vogelfrei“ und das „J“ von Jakobus, das klingt ein wenig auch nach Jammertal – selbst wenn Gott ihn gut beschützt, den Jakobus – was der Name ja im Grunde angeblich heißen soll. Jakob, der den Engel an der Ferse hielt und die Himmelsleiter bis nach oben stieg. Das Ganze also quasi vogelfrei und ohne Absicherung wie der Tanz auf einem dünnen Seil! Au wei! Abrupt hielt er im Schritt inne.

„Was soll ich mit all den bunten Röcken, wenn mir keiner davon passt!“ Kaum gesprochen, warf er auch schon die rote, runde Clownsnase mitsamt der gelben Pluderhose in hohem Bogen in den Fluss. Hemd und Strümpfe, Schuhe und Mantel flogen hinterher. Mit einem Grasbüschel wischte er sich dann noch schnell die verschmierte Farbe aus dem Gesicht. Jetzt war Jakobus schon merklich wohler zumute. Gewiss, es war kalt, eiskalt sogar, aber es tat gut, Wind und Wetter und sich selbst einmal so deutlich und intensiv zu spüren. Nackt, aber nicht schutzlos zu sein.

Etwas in ihm lächelte, etwas, das alle unnützen Häute abgeworfen hatte. Nirgends fanden sich noch Schuppenreste. Alles hatte der dämmernde Morgen begierig aufgeleckt. Keine Spur blieb mehr von alledem übrig – nun, da sich der Nebel leise lichtete.

Jakobus lachte. Fröhlich hüpfte er den Sonnenstrahlen entgegen. Wie ein Füllen sprang er daher, unbändig vor Freude in tobendem Lauf. Am Fluss entlang und immer weiter, weiter. Wenn ihn jetzt jemand beobachten würde, dächte bestimmt jeder, er wäre verrückt geworden. Aber Jakobus war ja auch verrückt! Natürlich war er ver-rückt, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes! Ja, jetzt war er ganz woanders als sonst.

Entrückt in eine andere Dimension sphärischer Wahrnehmung, welche ihm einen unverhüllten Blick in den Spiegel seiner Seele ermöglichte, darin er die Größe und Majestät, aber auch all das Elend und die Schmach seiner Existenz erkannte, sodass er zutiefst über sich selbst erschrak.

Denn es war in gleichen Maße erhebend wie niederschmetternd, der eigenen Wahrheit ungeschminkt ins Auge zu blicken; hinter die Masken und Fassaden zu schauen und dem Quell von Gut und Böse, der ganzen Welt darin zu begegnen. All seine Masken hatte Jakobus abgelegt.

Nun war er bereit, sich endlich einmal selbst zu entdecken. Zum ersten Mal in seinem Leben war er wirklich auf dem richtigen Weg.

„Vielleicht lebt in deinen Träumen ja etwas, das wirklicher ist, als alles, was du sonst von dir zu sagen weißt“, tönte es aus seinem Inneren herauf. „Fürwahr, der Traum ist wirklicher als all das, was ich jemals zu sein glaubte. Denn ist nicht das Unmögliche nur das Mögliche, an das wir bisher noch nicht die Kraft hatten, mit ganzem Herzen zu glauben …?

Dies ist das Gelobte Land, welches es aufs Neue zu entdecken gilt!