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Marie Antoinette, Königin von Frankreich wird zum Tode verurteilt. Die berittenen Boten, die diese Nachricht von Paris nach Frankfurt transportierten, benötigten mehrere Tage. 1849, die deutsche Nationalversammlung überträgt Friedrich Wilhelm IV., König von Preußen, die Frankfurter Kaiserkrone. Die Nachricht gelang von Frankfurt nach Berlin innerhalb einer Stunde. Telegraphie, Telefon und Automobil veränderten nachhaltig unsere Zeit. Die drei miteinander verknüpften Erzählstränge über Werner von Siemens, Philipp Reis und Bertha & Carl Benz begnügen sich nicht damit die Entwicklungsphasen dieser Erfindungen zu folgen, sondern zeigen vielmehr die unterschiedlichen Charaktere dieser Erfindertypen, die ungestüm und vielseitigen Persönlichkeiten, ihre Ängste, Zweifel und Nöte aber auch Leidenschaften und visionären Ideen, die diese Erfindungen erst möglich machten. Gründlich recherchierte Fakten und historische Daten sind das Fundament für dieses lebendige, authentische und anschauliche Portrait einer Epoche, in der mutige Perönlichkeiten Neuland betraten und sich die Vorstellungen von Zeit und Raum tiefgreifend veränderten. Sie leiteten das Ende der Langsamkeit ein.
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2019
Ortrud Toker
Vom Ende der Langsamkeit – Ein Forscherroman
ISBN 978-3-96320-033-5
© 2019 Henrich Editionen,
ein Unternehmen der Henrich Druck + Medien GmbH, Frankfurt am Main
eBook 1/2019
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Gesamtherstellung und Verlag:
Henrich Druck + Medien GmbH, Frankfurt am Main
Layout: Henrich Druck + Medien GmbH
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Ortrud Toker
2019
Vom Ende der Langsamkeit
ein Forscherroman
Der Maler Jacques-Louis David stand am Fenster und schaute über die Dächer von Paris. Er wartete. Nervös streifte sein Blick den wolkenverhangenen Himmel und der kühle Herbstmorgen verdüsterte seine Gedanken. Es waren stürmische Zeiten des Umbruchs. Die Revolution in vollem Gang.
Anfang Juli war sein Freund Jean Paul Marat heimtückisch erstochen worden und David wollte ihm mit seinem Gemälde ein Denkmal setzen. Täglich hatte er an dem großformatigen Ölbild gearbeitet, kühn die obere Hälfte der Bildfläche in dunkler Farbe gehalten, darunter lag sein Freund in der Badewanne, die frische, noch blutende Stichwunde unter dem Schlüsselbein sichtbar, den Brief der Royalistin Charlotte Corday in der linken Hand, die sich Zutritt zu seiner Wohnung verschafft hatte und den Wehrlosen kaltblütig ermordete. Marats rechter Arm hing leblos zu Boden, die Schreibfeder – sein Instrument des Ausdrucks und revolutionären Protestes – fest mit den Fingern umklammert.
Noch heute, am 16. Oktober, wollte David das Bild derPariser Bevölkerung präsentieren. Der Tod lag in der Luft und forderte seine Opfer. Wieder schweifte sein Blick hinaus auf die Straßen von Paris.
Sobald er den Wagen erkennen konnte, tunkte er die bereitliegende Zeichenfeder ins Tuschefässchen und warf mitraschen Bewegungen die Umrisslinien aufs Papier. In wenigen schwungvollen Strichen erfasste er die traurige Gestalt, diegerade an seinem Fenster vorbei gefahren wurde. Der Karren war auf dem Weg zum Revolutionsplatz.
Die Frau saß stolz, in gerader Haltung auf dem offenenGefährt. Sie trug ein einfaches, schmuckloses Kleid und auf dem Kopf die Haube, die sie als Witwe kennzeichnete. Ihre Hände waren hinter dem Rücken verschränkt, der Kopf geneigt. Die Augen hielt sie gesenkt, den Blick starr auf den Boden geheftet. Nichts an ihr erinnerte an den Glanz und die Pracht vergangener Tage.
David beeilte sich, denn der Henkerskarren war schon fast vorüber und seinem Blick entschwunden. Die Skizze war noch nass, flüchtig hingeworfen, dem kurzen Moment des Passierens entrissen. Die Frau hatte nur noch wenige Augenblicke zuleben. Die Hinrichtung fand um zwölf Uhr statt.
In der Freien Reichsstadt Frankfurt am Main, mehr als fünfhundert Kilometer von Paris entfernt, konnten die Bürger am 26. Oktober 1793 in der „Frankfurter Kaiserlichen Reichsoberpostamtszeitung“ Numero 171 folgendes lesen:
„Die Greulthat ist begangen. – Die Menschheit beleidigt worden. Die Tochter Marien Theresiens, die geliebte Marie Antoinette, Königin von Frankreich, in deren Sonnenschein ehemals der Franzos lebte und webte, sank von ihrer glänzenden glücklichen Höhe in die Klauen rasender Ungeheuer. Gestern Abend wurde sie zum Schein noch einmal verhöret, und dann zum Tode verurtheilt. Heute Morgen ist sie hingerichtetworden.
Die näheren Umstände, die diesen Mord begleiteten, ungeklärt. Nur so viel: sie war standhaft bis zum letzten Augenblick, und starb als eine Königin ...“
Die Bewohner Frankfurts erhielten diese Meldung an einem Samstag. Zu diesem Zeitpunkt war Marie Antoinette bereits zehn Tage tot und in einem Massengrab verscharrt.
Die Boten auf ihren Pferden, die diese Nachricht ungefähr fünfhundertundsiebzig Kilometer von Paris bis nach Frankfurt am Main transportierten, benötigten dafür mehrere Tage. Dies war der Takt der Zeit.
Fast fünfzig Jahre später lag der junge ArtillerieoffizierWerner Siemens auf einer harten Pritsche in seiner Zelle und wartete ungeduldig auf das Morgengrauen. Hinter dem Fenstergitter war es noch dunkle Nacht. Seine Gedanken richteten sich auf den heutigen, bald anbrechenden Tag, wo er endlich den entscheidenden Versuch starten wollte.
Notdürftig hatte er sich hier in der zwar geräumigen, aber doch äußerst kargen Zelle, ein Laboratorium eingerichtet.Wiederholt strich Werner sich durch das störrische, widerspenstige Haar, das sich sofort, nachdem die Hand es freigab, wieder aufrichtete.
Es half alles nichts. Er war kribbelig und angespannt. Zu dumm, dass er hier fest saß, in der gefürchteten Festungsanlage von Magdeburg, schön gelegen, mitten auf einer Insel in der Elbe. Doch dafür hatte der Fünfundzwanzigjährige keinen Sinn. Sein Geist war unruhig, denn er wusste nicht einmal, wie lange seine Haftstrafe dauern würde. Werner rechnete mitmindestens einem halben Jahr. Ihm war bewusst, dass viele der Mitgefangenen extrem hart arbeiteten. Sie wurden bei Erdarbeiten und im Steinbruch eingesetzt, wo sie vor Karren gespannt, den Schutt abtransportieren mussten. Hinzu kamen mangelhafte Ernährung und jämmerliche hygienische Bedingungen. Auspeitschungen, Brandzeichnungen, Strangulationen, Erschießungen und Vierteilungen standen auf der Tagesordnung. Als ein Mann des Militärs genoss Werner hingegen die Privilegien höher gestellter Personen, denen man erhebliche Vergünstigungen und Erleichterungen gewährte, unter anderem größere und hellere Zellen; einige durften sogar ihre Diener mitbringen und Besuch empfangen.
Die missliche Lage war ärgerlich, aber Werner wollte das Beste daraus machen und war fest entschlossen, die Zeit nicht unnütz verstreichen zu lassen, sondern die Gefangenschaft seinen Experimenten zu widmen. Das Duell seines Freundes, der wie er Artillerieoffizier war, und ihn gebeten hatte, ihm alsSekundant gegen den herausfordernden Infanterieoffizier beizustehen, war glimpflich ausgegangen. Diese Duelle, die die Zwistigkeiten hitzköpfiger Soldaten verschiedener Waffengattungen klären sollten, wurden meistens ohne größere Blessuren überstanden. Doch dieses Mal kam es leider zur Anzeige und einem kriegsgerichtlichen Nachspiel. Der preußische Staat ging inzwischen unbarmherzig gegen Duellanten vor. Die gesetzlichen Strafen waren streng, wurden jedoch fast immer durch eine bald darauf folgende Begnadigung gemildert.
Werner richtete sich auf und blickte durch das kleine vergitterte Fenster. Noch waren keine Anzeichen der Morgendämmerung zu erkennen. Er zwang sich zur Ruhe. „Besser Hammer als Amboß sein, in schweren Zeiten, wo womöglich alles drauf und drunter geht“, hatte sein Vater ihm geraten, bevor Werner Ostern 1834 mit gerade siebzehn Jahren den elterlichen Gutshof verlassen hatte und sich auf Wanderschaft von Schwerin nach Berlin begab. Dort erhoffte er einen der begehrten Plätze auf der preußischen Artillerie- und Ingenieurschule zu ergattern. Das Leben der Eltern auf dem Gut Menzendorf war von großen Entbehrungen geprägt und bestand aus harter Landarbeit. Allein ein Scheffel Weizen kostete einen Gulden, eine unerhörte Summe, so dass eine kostspielige Ausbildung für Werner nicht in Betracht kam, zumal er zahlreiche Geschwister hatte.
Die militärische Laufbahn war vielversprechend, die Grundausbildung zum Offizier solide. Dazu kam, dass die Artillerie als Bodenstreitkraft des Heeres mit großem Geschütz und Kanonen ausgestattet war, was ihn schon früh faszinierte.
Ein Grinsen huschte über Werners spitzbübisches Gesicht als er sich daran erinnerte, wie er sich mit Bruder Hans und selbstgefertigten Flitzebögen auf die Jagd nach Krähen und Raubvögeln gemacht hatte und, wenn es zum Streit kam, die brüderlichen Konflikte durch gespielte Duelle entschieden werden mussten. Dafür hatten sie flink die gefiederten Pfeile mit einer angespitzten Stricknadel aus Mutters Nähkorb zur scharfen Spitze umfunktioniert und damit aufeinander gezielt.
Die Aufnahmeprüfung in Berlin war anspruchsvoll. Wie sehr hatte er sich vor den Prüfungsfragen in Geographie gefürchtet, die neben Mathematik, Geschichte und Französisch abverlangt wurden. In Mathematik konnte er glänzen, Geschichte klappte so lala. Doch die unleidliche Geographie bereitete ihm Bauchschmerzen. Bei der Prüfung fragte der strenge Hauptmann nach der Lage von Tokay, während er mit strammen Schritten auf und ab marschierte. Keiner rührte sich. Die Stimmung war angespannt. Der Hauptmann zupfte an seinem Ziegenbart und wurde zornig. Werner, der in der letzten Reihe saß, fiel ein, dass seiner kranken Mutter einst der Tokayer Wein zur Genesung verordnet wurde, den man landläufig auch den Ungarnwein nannte. Mutig rief er „in Ungarn, Herr Hauptmann!“ und sofort erhellte sich dessen Miene „Aber, meineHerren, sie werden doch den Tokayer Wein kennen!“
Dieser glückliche Umstand rettete Siemens und so gehörte er schließlich zu den vier Besten, die die Aufnahmeprüfung bestanden hatten.
Nur sein gekräuseltes, hellbraunes Haar widerstrebte jedem militärischen Reglement. Selbst das Magdeburger Bier, welches er sich zur Glättung und Bändigung ins Haar schmierte, – ein Ratschlag eines Kameraden – half nur bedingt. Kaum getrocknet, büxten, zum Entsetzen seiner strengen Vorgesetzten, die rebellischen Locken wieder aus. Gerne dachte er an diese trotz harter Exerzitien unbeschwerte und glückliche Zeit zurück, besonders auch an seinen Freund William, den er bei der reitenden Artillerie kennengelernt und dessen klarer Verstand und aufrichtiges, zuverlässiges Wesen ihn sofort in Bann gezogen hatte. Eine arbeitsreiche, herrlich intensive Zeit war das und die Freundschaft zu William eine stete Bereicherung.
Bei den Schießübungen erfuhr Werner zum ersten Mal seine technische Begabung, denn während sich die Kameradenabmühten, fiel ihm alles leicht. Dann entdeckte er seine Liebe zur Wissenschaft. Mathematik, Physik und Chemie fesselten ihn zunehmend, er spürte, dass große Umwälzungen in Gang waren.
Am Horizont blitzten helle Lichtstreifen auf und tauchten die Zelle in ein rötliches Licht. Siemens sprang auf die Beine, wusch sich in der Waschschüssel die Hände und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Endlich konnte es losgehen.
Auf dem kleinen Holztisch arrangierte er Drähte, Glasgefäße, Kolben und Phiolen, füllte Flüssigkeiten um und brachte alles in die gewünschte Ordnung.
Immer wieder aufs Neue war es ein spannendes Erlebnis, zu erforschen wie verschiedene Materialien, Stoffe und Flüssigkeiten miteinander und aufeinander reagierten. Da konnte man schon abenteuerliche Erfahrungen machen! Hatte er doch vor einigen Monaten in seiner guten Stube Schmerzvolles erleben müssen. Gewöhnlich hantierten die Soldaten beim Entzünden von Kanonenladungen mit offener Flamme und hielten die heiße Lunte einfach in der Hand, was zu Verbrennungen führte. Auf der Suche nach besseren und ungefährlicheren Möglichkeiten, experimentierte Siemens mit anderen Zündmitteln. Er hatte von Versuchen gehört, bei denen kleine Metallröhrchen mit Explosivstoff gefüllt wurden, die sich dann erst beim Herausziehen eines kleinen Drahtes entzündeten. Das weckte Werners Forschungsdrang. Da er kein geeigneteres Gefäß zur Hand hatte, mischte er in einem leeren Pomadentöpfchen mit dickemPorzellanboden einen wässrigen Brei aus Phosphor und Kali. Bevor er das Haus verließ, stellte er den Topf gut zugedeckt in eine kühle Fensterecke. Gleich nach seiner Rückkehr schaute er nach, ob der Topf noch an seinem Platz stand, was – gottlob – der Fall war. Als er jedoch vorsichtig das Schwefelholz herauszog, mit dem er die breiige Masse verrührt hatte, kam es zueinem gewaltigen Knall und einer Explosion, die ihm den Militärhelm vom Kopfe schlug, die Fensterscheiben samt Rahmen zersplitterte und ihn vor Schreck erstarren ließ. Sekundenlang blieb er wie angewurzelt stehen, bevor er sah, dass Zeigefinger und Daumen bluteten und sich eine böse Blase gebildet hatte. Überall im Zimmer war das pulverisierte Porzellan des Töpfchens wie Puderzucker verstreut. Dazu stank es fürchterlich.
Als es ihm plötzlich möglich war, die Luft frei durch beide Ohren sausen zu lassen, wurde Werner klar, dass nun auch das zweite Trommelfell geplatzt war. Das erste war bereits während einer Schießübung zerstört worden.
Wie gut, dachte er, dass Mutter das nicht miterleben musste. Dass ihr das erspart geblieben war, ihn so jämmerlich zu erleben, von Kopf bis Fuß bestäubt, verletzt und blutend. Der Kummer würde sie quälen und ihm die Schamesröte ins Gesicht treiben. Jäh durchzuckte ihn der Gedanke an seine geliebte Mutter. Sie war Rückgrat und Herz der großen Familie und als sie im Sommer 1839 im Alter von siebenundvierzig Jahrengestorben war, ließ sie den Vater hilflos, mit materiellen Sorgen und einer großen Kinderschar zurück. Werner hatte nur einen älteren Bruder, Ludwig, auf den niemand zählte und über den selbst die Eltern nicht sprachen, da er als missraten galt. Danach kam Schwester Mathilde, zwei Jahre älter als Werner, der am 13. Dezember 1816 geboren wurde. Darauf folgten wie die Orgelpfeifen seine jüngeren Geschwister: Hans und Ferdinand, Wilhelm, Friedrich, Carl, Franz und Walter. Otto war erst drei Jahre alt als Mutter starb, Sophia vier und Walter sechs. Den begabten Bruder Wilhelm hatte Werner mit nach Magdeburg genommen und ihn auf die Gewerbe- und Handelsschule gebracht. Im Januar 1840, nur ein halbes Jahr nach dem Tod der Mutter starb auch sein Vater, der gramgebeugt den Verlustseiner Frau nicht verwinden konnte. Die zwölf Geschwister wurden auseinander gerissen. Der Schmerz darüber überfiel Werner immer wieder heftig und völlig unvorbereitet. Was sollte nur aus all seinen Geschwistern werden. Als Familienvorstand fühlte er eine große Verantwortung.
Die akute Taubheit nach der Explosion verhinderte, dassSiemens das energische Klopfen an der Zimmertür hörte und erst als sich eine aufgebrachte und entsetzte Menschenmenge in seine kleine Stube drängte, gewahrte er, wie viel Glück er gehabt hatte. Die Nachbarn waren herbeigeeilt, da sie irrtümlicher Weise annahmen, er hätte sich erschossen.
Tatsächlich lag die Ursache des Unglücks an seinem arglosen Zugehburschen, der beim Aufräumen den Topf in der Fensterecke vorfand, diesen bedenkenlos zum Trocknen in die Ofenröhre setzte und ihn dann, kurz vor Werners Rückkehr, flugs an seinen ursprünglichen Platz zurückstellte.
Mittlerweile war es taghell in der Zelle. Das Fenstergitter zerteilte den Gefängnisboden in regelmäßige flimmernde Lichtquadrate. Werner warf einen Blick hinaus und dachte daran, dass 1806 die Truppen Napoleons vor der Festung gestanden hatten und obwohl die Preußen an Soldaten und Offizieren weit überlegen waren, hatte sich der damalige Kommandant entschlossen, die Festung zu übergeben. kurioserweise kam es nicht dazu, denn die Franzosen zogen 1814 kampflos wieder ab. Nachdem Paris bereits gefallen war, hatten sie noch einen freien Abzug nach Frankreich ausgehandelt. Siemens schüttelte leicht den Kopf und wandte sich seinen Apparaten zu. Er schwitzte leicht.
Wie gut, dass er geistesgegenwärtig auf dem Weg zur Zitadelle in einer Chemikalienhandlung die Gerätschaften und das Zubehör gekauft hatte. Der freundliche junge Mitarbeiter des Geschäftes, dem anscheinend die Abwechslung sehr willkommen war, hatte ihm versprochen, die restlichen gewünschten Utensilien höchstpersönlich in die Festung einzuschmuggeln und auch nachfolgende Botendienste zu übernehmen.
Siemens überprüfte nochmal die gesamte Anordnung. Vor kurzem erst hatte er von den Studien eines Herrn Jacobi erfahren, dem gelungen war, Kupfer auf andere Materialien niederzuschlagen. Dies reizte ihn sogleich zur Nachahmung und auf Anhieb glückte das beschriebene Verfahren bei der ersten Anwendung. Aber Siemens wollte mehr, ahnte er doch, dass sich hier möglicherweise eine Tür in völlig neue, noch unerforschte Gebiete öffnete. Zudem machte ein Herr Daguerres aus Frankreich von sich reden, der augenscheinlich allein aus Sonnenlicht Bilder zu erschaffen verstand. Eine ungeheuerliche Erfindung, wofür der Franzose Mandé Daguerres – so sagte man – unlösliche Gold- und Silbersalze verwendet hatte. Das wollte Siemens nun überprüfen und für seine Zwecke nutzen.
Inzwischen waren alle Dinge an ihrem Platz. Siemens kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich, damit ihm nichts entging.
Draußen ertönte Stimmengewirr von geschäftigem Treiben, doch Werner ließ sich davon nicht ablenken. Behutsam steckte er einen neusilbernen Löffel in die Lösung und hielt die Luft an. Sein Warten wurde schon bald belohnt. Unglaublich, was jetzt geschah. Vor seinen Augen begann sich der Löffel zu verwandeln und in nur wenigen Minuten erstrahlte seine Oberfläche im reinsten, schönsten Goldglanz und blinkte im Tageslicht. Ein großartiger, erhebender Augenblick. Siemens erfüllte eine unbändige Freude, als er die Bedeutung dessen erkannte, was ihm da mit Hilfe des galvanischen Stromes gelungen war. Er konnte es kaum glauben. Tatsächlich war es ihm geglückt, Metall zu vergolden. Siehst du, dachte er, selbst im kleinsten Raum kann man die Welt verändern! Dabei hörte er schon die Stimme seines Freundes William Meyer, der diesen Erfolg in seiner ureigenen Art achselzuckend und trocken kommentieren würde. „Wieder mal Sau beim Pech gehabt, Werner!“
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht vonSiemens‘ Experiment und nicht lange, da stand ein geschäftstüchtiger Magdeburger Goldschmied in seiner Gefängniszelle und verhandelte über die Rechte auf die Anwendung des Verfahrens. Wenig später konnte man den Juwelier pfeifend und triumphierend, den Vertrag vor sich herfächelnd, mit federndem Gang die Zitadelle verlassen sehen. In seinen Gedanken glitzerten schon die Broschen und Ketten, die er nun veredelt und verfeinert, in pures Geld verwandeln konnte. Tja, das war sein Tag und dank dieses krausköpfigen Erfinders war er ein gemachter Mann. Das Herz des Juweliers hüpfte noch höher, als er sich die funkelnden, glückstrahlenden Augen seiner Kundinnen beim Betrachten der Schaufensterauslagen vorstellte. Seine Phantasie schlug Purzelbäume beim Ausmalen zukünftiger Luxusartikel. Was würde er nun alles vergolden und versilbern! Selbst Gegenstände aus billigstem Metall konnten überzogen und aufgewertet werden, üppiger Halsschmuck ebenso wie Trauringe, Uhren und Besteck. Mit einem Streich würde er zum angesehendsten und wohlhabendsten Besitzer eines florierenden Juweliergeschäftes der Magdeburger Innenstadt.
Siemens Überlegungen waren ganz anderer Natur und gingen viel weiter. Die 50 Louisdor, die er für diesen Handel von dem Goldschmied bekommen hatte, würde er in Gänze in die Verbesserung und Erweiterung dieses Verfahrens für technische Anwendungen investieren. Er brauchte dringend zahlungskräftige Geldgeber, denen er seine Rechte an dem Vergoldungsverfahren verkaufen konnte. Hierzu würde er sich wohl auf Reisen begeben müssen, sobald er aus dem Gefängnis entlassen wurde.
„Herrgott Sakrament“, fluchte Schwarzlose, als die Postkutsche zum wiederholten Mal unsanft über ein Schlagloch fuhr und die unbefestigte Straßenlage nicht abgefedert wurde. „Das stößt einem noch die Seele aus dem Leib, mit diesen harten Sitzen hier, so hart wie Stein. Und mein Rücken ist jetzt schon ganz steif“, jammerte er weiter und rieb sich mit den Händen das Steißbein, während er hörbar die Luft herausblies. Dabei lag Paris erst wenige Meilen zurück und die anstrengende Heimreise nach Berlin noch vor ihnen. Werner schaute geistesabwesend in die Landschaft, die in horizontalen Bändern an ihnen vorbei zog. Braune Felder, grüne Wiesen, dunkle Wälder, am Himmel dicke Schraffuren von Weiß und Blau.
Werner hatte seinem Bruder Wilhelm in London einen Besuch abgestattet, mit dem Hintergedanken, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Zum einen wollte er Wilhelm unterstützen, der versuchte, in London geschäftlich Fuß zufassen und zugleich wollte er auch mit seiner eigenen Erfindung weiter kommen. Wilhelm hatte versucht, Werners Goldpatent zu verkaufen. Als sich dabei unvorhergesehene Verwicklungen abzeichneten, rief er den älteren Bruder zu Hilfe. Doch die Angelegenheit war verfahren. Werner konnte nichts ausrichten. Die jähe Erkenntnis war für ihn äußerst schmerzhaft. Er musste einsehen, dass es nur eine Seite der Medaille war, eine Erfindung zu machen und patentieren zu lassen. Eine ganz andere Geschichte war es jedoch, diese Erfindung in großem Maßstab zu produzieren und zu vertreiben. Geeignete finanzkräftige Fabrikanten zu finden, stellte ein unüberwindbares Hemmnis dar. Werner befand sich – leider ohne ein zufriedenstellendes Ergebnis erzielt zu haben - auf der Rückreise. Sein Offiziersstatus ließ ihm nicht viel Zeit für aufwändige Reisen. Er war gründlich ernüchtert.
Schwarzlose hatte er im kleinen Pariser Hotel kennengelernt, wo er im achten Stockwerk ein enges Dachzimmer bezogen hatte. Ja, im Nachhinein war es eine Schnapsidee gewesen. Anstatt direkt von London aus zurück nach Berlin zu reisen, hatte er sich in Brüssel spontan entschieden, den Umweg über Paris zu nehmen, um dort die gerade stattfindende Industrieausstellung zu besuchen. Völlig ohne Erfolg und Erkenntnisgewinn wollte er nicht zurückkehren. Vielleicht fand er Inspiration, wenn er sich einen Überblick verschaffte, was sich an technischen Neuigkeiten so bot. Wieder einmal waren es seine Ungeduld und Neugier, die ihn umdisponieren ließen. Von seinem Brüsseler Hotel aus hatte Werner dann unverzüglich seinem Bruder Wilhelm in London einen Brief geschickt, mit der Bitte ihm schnellstmöglich Geld nach Paris zu senden. Gewisssenhaft fügte er die Adresse der zukünftigen Unterkunft in Paris bei, damit auch alles seine Richtigkeit hatte. Dann erst machte er sich auf den Weg. Die Reise von Brüssel nach Paris auf dem Hochsitz einer Postkutsche war ermüdend und dauerte zwei volle Tage, zudem fand er eine von Messebesuchern völlig überlaufene, laute und stinkende Großstadt vor. Jeden Morgen wartete er ungeduldig im Foyer des Hotels auf das Eintreffen der dringend benötigten Geldmittel aus London. Dort traf er auf Schwarzlose, der ebenfalls auf Nachrichten und finanzielleUnterstützung von Zuhause wartete und so taten sie sich zusammen.
„Ich brauch jetzt mal nen Schluck“, sagte Schwarzlose „Werner, hol doch mal den Schnaps aus meiner Reiseapotheke“. Siemens tat wie ihm geheißen und öffnete die lederne Reisetasche seines Freundes. Was hatte der nicht alles eingepackt. In dem mit weinrotem Samt ausgeschlagenen Kästchen mit den Reisemitteln standen säuberlich aufgereiht Fläschchen an Fläschchen: Rhizinusöl neben Riechsalz, Äther, Brechwurzel und Lavendelöl, sogar ein Pfeffersäckchen lag dazwischen und endlich entdeckte er die Flasche mit dem Kräuterschnaps. Schwarzlose genehmigte sich einen ordentlichen Schluck und entspannte sich sichtlich.
„Ah, tut das gut! Probier doch auch mal“, er streckte Siemens die Flasche entgegen. Siemens roch daran, schüttelte sich und lehnte dankend ab. „Nichts für mich“, sagte er. Schwarzlose gab nicht auf, „Das ist ein wahrer Geheimtipp. Hab ich persönlich von einem kuriosen Herrn, einem Hubert Underberg aus Rheinberg. Dieser sammelt seit vielen Jahren verschiedene Kräuter und Wurzeln aus aller Herren Länder und destilliert deren Bitterstoffe zu diesem auserlesenen, ganz besonderen Saft, der soll uns laut Herrn Underberg helfen, unsere arg durchgeschüttelten Mägen zu beruhigen. Funktioniert, wie ich finde, äußerst wohltuend und ist eine glänzende Geschäftsidee dazu.“
Schwarzlose schien zufrieden, rieb sich mit der einen Hand weiter am Rücken, während er das Fläschchen nach dem Füllstand überprüfte.
„Jetzt gibt’s doch diese chaussierten Kunststraßen“, wechselte er abrupt das Thema, gerade als der Wagen wieder einen Sprung machte und die Achsen ächzten. Fast wären sie mit ihren Köpfen an die Wagendecke gestoßen und der Schnaps verschüttet worden.
„Diese Chausseen sind schnurgerade wie mit dem Linealgezogen und breit wie Flüsse. Da geht’s bestimmt viel komfortabler und auch viel rascher voran“, lobte er und nahm gleich noch mal einen kräftigen Schluck. Siemens nickte zustimmend, denn auch er hatte bereits von dieser luxuriösen Chaussee gehört, die in Holstein Altona mit Kiel verband. „Eine beachtliche und aufwändige Ingenieursleistung“, sagte er, „alles nur aus gehauenen Steinen gebaut und zudem ein teures Vergnügen“, gab er seinem Freund zu bedenken „das Chausseegeld wird, soweit ich gehört habe, direkt auf der Straße an den Chausseehäusern erhoben, erst dann öffnet sich der Schlagbaum. Nur was für Leute mit entsprechendem Portemonnaie“, er rieb die Finger aneinander, „also nichts für unsereins!“
Auf dem Kutschendach bellte der Hund des Postillions, die Pferde galoppierten mittlerweile gleichmäßiger über die Ebene. Siemens nahm seinem Freund die Schnapsflasche aus der Hand und stellte sie in die braune Ledertasche zurück. Schwarzlose hatte sich inzwischen zurück gelehnt und es sich so gut es ging bequem gemacht. Er schnurrte leise vor sich hin.
Was war das für eine schwere Zeit in Paris gewesen. Beide mussten – ohne ausreichende finanzielle Mittel – lernen, sich in dieser fremden und überfüllten Stadt durchzuschlagen. Jeden Tag fragten sie an der Hotelrezeption nach, ob denn die Geldsendungen eingetroffen wären, nur um dann enttäuscht und mit knurrenden Mägen ziellos durch die Straßen von Paris zu streunen, elend wie herrenlose Hunde. Außerdem drücktenSiemens Zukunftssorgen. Sein Besuch bei Bruder Wilhelm in London hatte ihm klar vor Augen geführt, dass es nicht ausreichte, sich alleine auf den Erfindungsreichtum zu verlassen. Das war naiv und unvorsichtig, wie er jetzt einsah. Bevor ein Verfahren und die entsprechenden Geräte Marktreife erlangten, galt es unvorhergesehene technische Probleme zu lösen sowie Herstellungsmodalitäten und Organisation zu bedenken. Eine im Vorfeld unkalkulierbare und wacklige Sache, die einenlangen Atem und langfristige Finanzierungspläne erforderte. Das galt nicht nur für Werners Goldpatent, auch mit einem von ihnen beiden entwickelten Druckverfahren für Kupferplatten sowie einer rotierenden Schnellpresse für Zinkdrucke ging es nicht voran.
Siemens war dank dieser Überlegungen in einer nachdenklichen und ernsten Verfassung als er Paris erreichte. Und dann noch das Malheur mit den nicht eintreffenden Geldmitteln.
Schwarzlose räusperte sich und, als hätte er die Gedanken Werners lesen können, sagte er unvermittelt „Tja, ohne Geld ist alles Nichts“, er wandte sich Siemens zu „da sollte man sich doch ein Beispiel an dem alten Rothschild aus London nehmen. Der wusste Geld zu machen, der Schlaufuchs!“
Siemens horchte auf. „Aha! Was meinst du?“
„Nun“, Schwarzlose schluckte vor Aufregung „er benutzte, um schneller zu sein als seine Konkurrenten, eigene Brieftauben für den Transport der Aktienkurse. Die sind nicht so schwerfällig wie unsere Ackergäule hier, sondern fliegen geschwind mit dem Wind durch die Lüfte, die wertvollen Informationen sicher in einer kleinen Kapsel am Vogelfüßchen verschraubt.“
Siemens hatte davon auch schon gehört, allerdings in einer etwas anderen Variante. Schwarzlose fuhr fort: „Tja, und Rothschild unterhielt die Taubenschläge direkt auf den Dächernseiner Bankhäuser, denn Tauben fliegen ja immer nur zurück, nach Hause in ihren Heimatschlag, das muss man natürlich bedenken. Aber so kam es, dass Nathan Mayer bereits vor dem britischen Premierminister wusste, dass Napoleon bei Waterloo geschlagen worden war. Stell dir vor! Der wusste das vor dem Premierminister! Und, was hat er getan? Er behielt sein Wissen ganz für sich und verkaufte alle seine Aktien. Seine Anleger, die das beobachteten, folgten ihm darin, dumm wie Schafe und gierig wie Wölfe verkauften auch sie ihre Anteile, in der Annahme, Nathan Mayer wüsste mehr als sie, was er wohl tat, aber in einem anderen Sinn. Die Anleger befürchteten die britische Niederlage und dachten, Rothschild befände sich bereits imgesicherten Besitz dieser Information.“
Schwarzlose schwitzte und fuhr sich mit einem Taschentuch über die Stirn, bevor er fortfuhr. „Aber weit gefehlt! Kaum war der Kurs der Papiere im Keller, kaufte Mayer Rothschild klammheimlich alles wieder auf und konnte, sobald die frohe Kunde vom Sieg der Briten eintraf, gewaltige Gewinne einstreichen...“
Schwarzlose holte tief Luft, bevor er fast triumphierend hinzufügte: „Tja, Wissen ist Macht! Und schafft einen gewaltigen Vorsprung.“
„Schon raffiniert“, entgegnete Siemens zögernd, „ja, gewiss sehr pfiffig. Aber, falls diese Geschichte stimmt, und daran hege ich erhebliche Zweifel, auch äußerst abstoßend und unloyal.“ Schwarzlose runzelte die Stirn. „Wieso Zweifel? Glauben Sie mir etwa nicht?“
„Nun“, antwortete Siemens, „ich habe in London die Geschichte etwas anders gehört.“
„Und? Das wäre?“, fragte Schwarzlose etwas angesäuert.
„Nathan Mayer Rothschild hat angeblich schon längerWellingtons Streitkräfte finanziert, indem er unter anderem Gold über den Ärmelkanal schmuggelte und damit die Armee gegen Napoleon stark machte“.
„Ach, sei es wie es will“, wehrte Schwarzlose ab, „da dichtet jeder was dazu und schmückt nach Belieben aus. Da beißt die Maus keinen Faden ab, dass dieser Rothschild so oder so ein Aufsteiger und rücksichtsloser Profiteur war.“
Im Grunde stimmte Siemens seinem Freund zu und bei genauerer Betrachtung wuchs seine Abscheu. „Wie kann man nur mit anvertrauten Geldern so eigennützig und unverantwortlich umgehen!“ Dieses Verhalten widersprach tatsächlich all seinen Grundwerten.
Aber Tauben zum schnellen Transport von Informationen zu nutzen, das war eine famose Idee! Eine elegante und zuverlässige Möglichkeit, die ihn überzeugte.
Gerade dachte er wieder daran, dass Schwarzlose und erimmerhin fast vierzehn Tage in Paris auf ihr Geld warten mussten, völlig hilflos den Umständen ausgeliefert. Erst als das Geld dann endlich in Paris eintraf, klärte sich der Sachverhalt auf. Der Hausknecht des Brüsseler Hotels hatte schlicht das Porto unterschlagen, welches Siemens ihm vertrauensvoll für den Brief an den Bruder in London gegeben hatte. Die Brüsseler Postbehörde hatte den unfrankierten Brief daher gar nicht abgeschickt, sondern darüber Wilhelm in London in Kenntnis gesetzt und aufgefordert, das fehlende Porto zu senden, falls er den Brief erhalten wolle. Erst als Wilhelm dann das Porto nach Brüssel gesendet hatte, wurde ihm Werners Brief mit der Pariser Adresse und der Bitte um Geld nach London geschickt. Dann erst konnte Wilhelm das Gewünschte ausführen. Wie umständlich, langwierig und bürokratisch das Übermitteln von Geld doch war, dieses ganze zeitraubende Procedere!
Und wie bitter der Hunger und das ungewisse Warten. Einsam und verloren hatten sie sich in Paris gefühlt und wäre Schwarzlose nicht mit seinen skurrilen Geschichten und seiner gutmütigen Art an seiner Seite gewesen, dann hätte es noch hoffnungsloser ausgesehen.
Nicht mal zum Besuch der Industrieausstellung, seinemeigentlichen Ziel in Paris, hatte er es geschafft. Alles war ihm verleidet.
„Brrr …“ die Kutsche kam zum Stehen. Schwarzlose undSiemens stiegen aus. Der Hund des Postillions sprang kläffend und freudig schwanzwedelnd um sie herum, während die Pferde umgespannt wurden. Siemens war es gar nicht recht, dass jetzt schon eine Pause eingelegt wurde, er wollte so schnell wie möglich zurück nach Berlin und sich seinen Geschäften widmen. Es gab so viel zu tun. Schwarzlose hingegen streckte sich genüsslich und strich sich über seinen Bauch. „Gegen einen Happen hätte ich jetzt nichts einzuwenden“, sagte er und stapfte bereits zur Poststation. Unwillig folgte ihm Siemens.
Sobald sie aber am rustikalen Holztisch in der warmen Schenke vor zwei gut gefüllten Bierkrügen saßen und Schwarzlose Brot, Butter und Käse bestellt hatte, stieg auch Siemens Laune.
„Weißt du“, sagte Werner, „ich denk’ so gerne an die Segelwettfahrt, die ich mit dem jungen Prinzen Friedrich Karl gemacht habe.“
„Wann hast du denn das gemacht?“ Schwarzlose staunte. „Hm“, Siemens dachte nach, „das war nach meiner Gefängnishaft in Magdeburg, da haben sie mich nach Spandau kommandiert. Zur Lustfeuerwerkerei.“ Siemens lachte. „Mehr haben sie mir damals nicht zugetraut als zündeln und qualmen. Aber da haben sie sich geschnitten. Zum Geburtstag der Kaiserin von Russland sollte ich im Park des Prinzen Friedrich Karl in Glienicke bei Potsdam ein Feuerwerk ausrichten. Es wurden keine Mühen und Kosten gescheut, so dass ich herrlich hohe Flammen auf dem Havelsee erzeugen konnte. Die geladenen Gäste staunten nicht schlecht, als es am Himmel blitzte und krachte und wundersame Blumen in den schillerndsten Farben hoch oben am Firmament zerplatzten. Ein Mordsspektakel! Alles dank der allerneuesten chemischen Forschung.“ Schwarzlose lauschte gebannt der Erzählung seines Freundes. Siemens fabulierte weiter. „Die allgemeine Freude über das Feuerwerk war so groß und der Prinz derart beeindruckt, dass er mich zu einem Segelwettrennen herausforderte. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und am nächsten Tag glitten wir geschmeidig wie die Aale völlig lautlos über den Fluss. Es ging eine kräftige Brise und so konnten wir Seite an Seite ordentlich Fahrt aufnehmen. Ein großartiges Erlebnis. Und das Tollste daran, ich konnte den Prinzen besiegen!“
Schwarzlose blieb vor Staunen der Mund offen. Auf der Oberlippe standen Reste von Bierschaum. „Potzblitz, was du schon alles erlebt hast“, sagte er schließlich und klopfte Siemens anerkennend auf den Rücken.
In der von Küchendämpfen und Rauchschwaden durchzogenen Gaststube herrschte ein munteres Treiben. Es wurde laut erzählt, viel gelacht, auf die Schenkel geklopft und getrunken.
Vor Schwarzlose stand nun ein großer Teller mit Käse,frischer Butter und Brot. Bevor er herzhaft zugriff, bestellte er noch flugs einen weiteren Krug Bier. „Das war gar nicht so schwer, den Prinzen zu besiegen“, nuschelte Werner und kicherte, „Friedrich Karl war damals gerade erst vierzehn Jahre alt!“
Als endlich das Posthorn zur Weiterfahrt ertönte, stiegen zwei vornehm gekleidete Damen mit ihnen ins Abteil. DieJüngere trug einen feinen Tuchmantel und einen Tüllschleier über dem Spitzenhäubchen, unter dem sie blass hervorlächelte, während die Ältere schnaufend Platz nahm. Schwarzlose riss sich angesichts der beiden Damen sichtlich am Riemen, zog seinen Bauch ein und grüßte äußerst charmant. Kaum hatten die Sattelgäule den Wagen scheppernd wieder in Gang gesetzt, zog die junge Dame ihre Handschuhe aus. Siemens sah ihre schlanken Finger. Sie waren sehr weiß und hübsch. Mit einer graziösen Bewegung zog sie ein kleines Büchlein aus ihrerTasche und schlug es auf.
„Gestatten Sie, wenn ich Sie anspreche“, Schwarzlose blickte die Mitfahrerin an „aber ist es Ihnen denn tatsächlich möglich, während der Fahrt zu lesen, geehrtes Fräulein?“
Die Angesprochene schlug ihren Schleier zurück und blickte ihm gerade in die Augen. Dann zog sie leicht die fein geschwungenen Augenbrauen zusammen und nickte: „Aber gewiss, der Herr, ich bin nicht so empfindlich und diese Lektüre kann ich gar nicht aus der Hand legen, behandelt sie doch auf höchst unterhaltsame Manier so eine Reise, wie wir sie gerade unternehmen“. Zum Beweis klemmte sie einen Finger zwischen die aufgeschlagenen Seiten, klappte das Buch zu und tippte auf den Titel. Schwarzlose beugte sich nach vorne, um besser sehen zu können und buchstabierte stotternd „Monographie der deutschen Postschnecke. Aha, sehr originell!“, und las weiter, „von einem Ludwig Börne, erschienen 1829 im Campe Verlag,Hamburg“.
„Gewiss, der Autor, Herr Börne, war ein kluger Kopf, der mit spitzer Feder zu formulieren verstand und zudem über einebeachtliche Portion Humor verfügte“, sagte sie begeistert und fuhr lebhaft fort, „gerne will ich Ihnen etwas daraus vorlesen, meine Herren, damit Sie besser begreifen.“
Sie schlug das Buch wieder auf und fing sogleich an: „In Heidelberg hielten wir uns nicht lange auf“, so schreibt er hier „ich hatte nur Zeit, sechs Professoren, den Schlossgarten und die nächsten Umgebungen der Stadt zu besuchen“, sie lachte fröhlich. „Ist das nicht vortrefflich beschrieben? Fühlen wir nicht mit ihm, während unsere Kutschfahrt betulich langsam vorangeht, gezogen von müden Gäulen und einem beschwipsten Postillion?“
Schwarzlose nickte zur Bestätigung heftig mit dem Kopf wie ein altes Zirkuspferd und trippelte dabei ganz aufgeregt mit den Füßen.
„Jetzt mal sachte, liebe Ernestine, immer mit der Ruhe“, mischte sich nun die korpulente grauhaarige Dame ein. „Alle Welt macht sich lustig und schimpft über die treuen, verlässlichen Pferde und den Postbetrieb. Aber diese neumodische Erfindung, die gerade überall in höchsten Tönen gepriesen wird, diese schnaubende und stinkende Dampfmaschine, die sich durch die Landschaft zwischen Paris und Orléans gräbt wie eine nimmersatte gefräßige Raupe, das ist doch ein Werk Satans.“
Verächtlich kräuselte sie ihren Mund und erhob dabei ihren runden Kopf.
„Ach, Mutter“, entgegnete die Jüngere, „die Fahrt war doch ulkig in dieser kraftvollen, großen Maschine und es passen so viele Menschen rein.“
„Ach was, mein Liebe. Dieses Getümmel und Lärmen.Dafür fehlt mir jedes Verständnis. Man kann gar nicht mehr in Ruhe und Beschaulichkeit die Landschaft betrachten“, entgegnete die Mutter heftig. „Alles fliegt nur noch vorbei, weicht zurück, flüchtig wie der Wind. Die Blumen werden zu Farbflecken, die Bäume zu Streifen und die Wolken verwischen ineinander. Ganz entsetzlich ist das. Mir wird ganz schwindlig, wenn ich bloß daran denke und der Magen hat sich mir herum gedreht. Nein, das kann nicht recht sein. Diese Eisenbahnen. Höllenmaschinen sind das. Und die harten Gleise zerschneiden die schönsten Gegenden und verschandeln die beste Aussicht.“
„Ach, Mutter“, seufzte die Tochter noch einmal und legte beschwichtigend ihre zarte Hand auf den Arm ihrer Begleitung.
„Ich kann daran nichts Falsches finden, endlich flotter voranzukommen. Schau, dieser Ludwig Börne brauchte fast 40 Stunden, um von Frankfurt nach Stuttgart zu gelangen, auf der Strecke hat er fünfzehn Stunden allein mit Warten und Rasten zugebracht, dazu noch ein schlimmes Unwetter und einen Achsenbruch überstanden. Alles vertane, verlorene Zeit.“
„Blödsinn ist das, was dieser Börne da schreibt, nichts als künstlerische Übertreibung“, widersprach die Mutter und zog den Pelz enger. „Wie kann man Zeit verlieren? Die Zeit ist doch kein gefülltes Gefäß, das auszulaufen droht. Blödsinn, sage ich da nur. Vertane Zeit, was soll das sein?“
Schwarzlose und Siemens hielten sich zurück, lag ihnen doch nichts daran, in einen Disput zwischen Mutter und Tochter verwickelt zu werden. Auch die beiden schwiegen jetzt und es kehrte Stille ein. Man konnte nur noch das Getrappel der Pferde hören, das Klappern der Räder und das Quietschen der Wagenfenster in ihren Fugen. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Die junge Dame las weiter in ihrem Buch. Siemens erinnerte sich an seinen Fußmarsch, damals als siebzehnjähriger Bursche von Schwerin nach Berlin. Er dachte an die Hitze und Ödnis der Landschaft, den trockenen Hals und seine brennenden Füße. Die Riemen des schweren Lederranzens drückten auf seinem Rücken. Das war schon sehr beschwerlich gewesen. Werner wusste, dass auch in Deutschland eifrig Eisenbahnlinien gebaut wurden, nachdem 1835 die eingleisige pfeilgerade Strecke zwischen Nürnberg und Fürth unter großem Hallo von einer jubelnden Menschenmenge eingeweiht worden war. Es gab auch schon eine Verbindung von Berlin nachPotsdam, von der er gehört hatte. Ja, er war auch der Meinung, dass Europa dringend ein modernes Transportsystem benötigte. Die Industrie entwickelte sich rasant, Güter und Menschenwaren ständig unterwegs und mussten immer weitere Strecken bewältigen.
Leise, regelmäßige Schnarchgeräusche verrieten, dass Schwarzlose inzwischen eingeschlafen war. Der Kopf der Mutter war sichtlich nach vorne gesunken, der kleine Biberpelz um ihren Hals verrutscht. Auch sie schien ein Nickerchen zumachen.
Siemens blickte nach unten und sah die modisch geschnürten Stiefeletten der Tochter, die von ihrer Lektüre hochblickte und ihn direkt anschaute. Sie hatte etwas Wildes und Ungestümes im Ausdruck, was ihn reizte. Keine glatte Schönheit im landläufigen Sinn, das war sie nicht. Siemens fühlte eine warme Welle in sich aufsteigen. Ach, wie herrlich musste es sein, so ein duftendes Weib im Arm zu halten. Eine richtige Frau, ein weibliches Gegenstück. Dieser Gedanke weckte Sehnsucht in ihm, das war erregend und schön. Sie lächelte ihn an, sagte aber nichts. Er war etwas verlegen und registrierte eine leise Spannung. Was mochte sie wohl in ihm sehen, fragte er sich. Einen schneidigen, gut gekleideten Offizier, mit offenem Geist und Struwwelkopf?
Plötzlich summte eine Wespe durch einen Spalt des Wagenfensters, drehte mehrere kleine Schleifen und Kreise, bevor sie durch das andere Fenster wieder verschwand. Ernestine hatte vor Schreck die Luft angehalten und brach dann vor Erleichterung in ein amüsiertes Kichern aus. Siemens war glücklich. Ein wunderbarer Augenblick.
Ernestine legte ihr Buch zur Seite und schaute ihn an.
„Wollen Sie mal sehen, was ich aus Paris für meine Familie mitbringen werde?“ fragte sie und als Werner mit trockenem Hals nickte, zog sie ein schmales, fast quadratisches, edel schimmerndes Etui aus ihrer Tasche. Sie klappte das Etui mit einem klickenden Geräusch auf und drehte es in seine Richtung.
Der Eindruck war überwältigend. Siemens blickte auf ein täuschend echtes Abbild seiner Mitfahrerin. Es war ein Porträt Ernestines. Unter einer Glasscheibe, umrahmt von einem aufwändig gestalteten Passepartout mit Goldkordel, blickte sie ihn klug und ernst an, etwas unscharf, ohne schmückendes Beiwerk, schlicht vor einem diffus dunklen Hintergrund. Die Farbe fehlte, aber alles schien in ein warmes Goldlicht getaucht. Die Intensität und frappierende Naturnähe überraschte ihn. Ihr Blick war energisch nach vorne gerichtet, die etwas verwilderten Haare offen herabfallend, ihre gerade Nase, die hohen Wangenknochen und die herzförmigen Lippen täuschend echt, ganz und gar unsentimental. Der helle zarte Teint und ihr schmaler Hals leuchteten heraus, während ihr Kleid und die Schultern mit dem Hintergrund verschmolzen. Eine irritierende Wiederholung der Wirklichkeit!
Sichtlich genoss Ernestine seine Überraschung. „Erstaunlich, nicht wahr? Das ist ein Lichtstich auch Daguerreotypiegenannt, nach dem Namen des Erfinders“, sagte sie schließlich, „man muss nicht mehr wochenlang bei einem Kunstmaler stillsitzen für ein Porträt in Öl. Nein, heutzutage geht man zueinem Photographen ins Studio. Das ist eine aufregende Sache. Ja,gewiss, dort muss man auch Geduld mitbringen. Ach, starr wie eingegipst musste ich unter einem sonnigen Glasdach ausharren. Es war so stickig und heiß, ganz schrecklich. Der Photograph hatte etliche seltsame Geräte und Hilfsmittel, zum Beispieleinen ganz grässlichen Kopfhalter und so eine Art Korsett, das dem Körper Halt verleihen sollte, damit man sich nicht zu sehr bewegt, da sonst das ganze Bild verrutscht und die Aufnahme verwischt.“
Ernestine flüsterte mit vor den Mund gelegter Hand und schüttelte sich leicht angewidert bei dieser Schilderung. „Das habe ich alles abgelehnt und mich lieber konzentriert. Ein spektakuläres Erlebnis. Die Aufnahme selbst dauert nur wenigeMinuten, aber eine Sitzung genügt.“ Sie war ganz erhitzt.
So hatte also Daguerres Erfindung bereits die Menschenerreicht und sie verzaubert, dachte Siemens. Sie gingen jetzt bequem zu einem Photographen, um ein begehrtes Abbild ihrer selbst zu erhalten.
„Und es ist auch viel billiger als ein Ölgemälde von einem Künstler“, schwärmte Ernestine weiter.
Eigenartig, dachte Siemens, man konnte sich jetzt also selbst von außen betrachten, ganz so wie andere einen sahen, unverfälscht und anders als im flüchtigen Spiegelbild oder durch die Interpretation eines Malers. Man konnte sich jetzt selbst sehen als eine momentane Person, die sich kurz nach der Aufnahme schon wieder veränderte und verwandelte. Sonderbar, so ein Zeitanhalteapparat!
„Aber hat das klassische Gemälde eines guten Künstlers vielleicht nicht doch eine größere Ausdruckskraft?“ fragte Siemens skeptisch. Ernestine dachte nach und strich mit dem Zeigefinger über einen ihrer Nasenflügel, bevor sie antwortete.
„Ach, ich sehe darin eigentlich überhaupt kein Problem“, sagte sie schließlich unbekümmert, „man kann ja beides haben und schauen Sie mal, so eine Photographie, die braucht nicht viel Zeit. Keine tage- oder sogar monatelangen Sitzungen mehr. Vielleicht hat bald jeder so ein Bild von sich in der Tasche, das wäre doch interessant, finden Sie das etwa nicht?“
Werner zögerte. Er war nicht so leicht zu überzeugen. Noch einmal schaute er auf das feine Etui mit der Daguerreotypie. Unbenommen ein überwältigender Anblick. Und doch fehlte ihm an dieser festgefrorenen Realität etwas. Im Grunde fehlte ihm genau das, was er an dieser Frau, die ihm so lebendig gegenüber saß, so anziehend und liebenswert fand: ihre störrische Wildheit, das feurige Aufblitzen ihrer Augen, ihre eigenwillige Gestik. All genau das fehlte!
Der Abzug war doch nur ein Schatten ihrer äußeren Hülle. Ihr Wesen war keineswegs darin erfasst. So verblüffend real die Abbildung schien, war es doch eine gewollte, künstlich in Szene gesetzte Pose, zu parfümiert nach seinem Geschmack.
Als der Postwagen über eine Schwelle hüpfte, fiel der Biberpelz der Mutter zu Boden und Schwarzlose verschluckte sich. Beide wachten erschrocken auf und Schwarzlose fragte mit aufgerissenen Augen. „Sind wir schon da? Ist was passiert?“
„Nein, lieber Freund, nichts“, beruhigte ihn Siemens und musste zu seinem großen Leidwesen feststellen, dass die beiden Damen bereits begannen, hektisch ihre Reiseutensilien zusammen zu raffen. Der zauberische Moment mit Ernestine war vorbei.
Tatsächlich stiegen Mutter und Tochter an der nächsten Haltestelle aus, verabschiedeten sich höflich, Ernestines und Werners Blicke kreuzten sich ein letztes Mal, dann wünschten die Damen eine gute Weiterreise und verschwanden. Die beiden jungen Herren haben die angenehme Reisegesellschaft nie wieder gesehen und auch Schwarzlose ging, kaum in Berlin eingetroffen, seine eigenen Wege.
Siemens unterzog sich einer aufrichtigen Gewissensprüfung. Es war nicht zu leugnen, er war unzufrieden mit sich. Dieser Besuch in London vor rund einem Jahr war ohne handfestes Resultat geblieben,aufwändig und die reinste Zeitverschwendung. Er hatte eingesehen, dass er leichtsinnig Hirngespinsten und Wunschbildern nachgejagt war. Der Weg einer Erfindung aus der geschützten Laborexistenz hin zu marktwirtschaftlicher Reife war mitunter lang und mühsam. Wie kurzsichtig er doch gewesen war. So konnte es nicht weitergehen. Es stieß ihm sauer auf. Ich bewege mich auf die Dreißig zu und sollte endlich vernünftig werden, dachte er und ging mit ausholenden Schritten energisch die Allee Unter den Linden entlang. Die Sonne stand hoch und gleichgültig am hellen Himmel. Er nahm einen tiefen Atemzug, die Luft tat ihm gut. Während des Laufens konnte er gut nachdenken. Das flatterhafte Jagen nach Erfindungen kann nicht das Fundament meiner Lebensplanung sein, überlegte er weiter, zumal ich große Verantwortung trage. Meine Brüder sind mir anvertraut und aus ihnen soll allen was rechtes werden, dachte er.
Werner passierte gerade das Zeughaus, als sein Blick von der Architektur gefangen genommen wurde. Was waren das hier für prächtige Bauten. Die neue Universität, das königlichePalais und das nach dem Brand wieder aufgebaute Opernhaus bildeten ein gelungenes Ensemble. Berlin war doch eine aufstrebende Stadt, groß und schön, und ich mittendrin, dachte er beim Weitergehen. Es gab so viele Möglichkeiten.
Werner befand sich auf dem Weg zu einer Männergesellschaft im Kupfergraben und bog jetzt links am Kanalufer ab. Schon stand er vor dem herrschaftlich barocken Bürger-Palais mit der Hausnummer 7. Ehrfürchtig betätigte er den großen gusseisernen Ringklopfer an die Pforte und sein Herz pochte heftig, doch ehe er darüber nachdenken konnte, flog die Tür bereits auf und ein gut gelaunter Gustav Magnus nahm ihn in Empfang. „Wie schön, Siemens, dass Sie trotz der Hitze zu uns gefunden haben! Herein mit Ihnen.“
Während sie gemeinsam durchs dunkel getäfelte Foyer schritten und sich Siemens Augen langsam an den Helligkeitsunterschied gewöhnten, empörte sich der glattrasierte Physiker belustigt. „Die Leute drängt es bei diesem Kaiserwetter doch alle nach draußen. Das Café Kranzler hat seit Neuestem eine Straßenterrasse eröffnet. Dort sitzen die Menschen an der staubigen Straße, trinken ihren Kaffee und schauen nutzlos in die Gegend“, dabei öffnete er die Tür zum Salon, in dem sich schon einige Mitglieder in kleinen Gruppen angeregt miteinander unterhielten und fügte kopfschüttelnd hinzu, „Was ist das nur für eine verrückte Mode! Im Freien sitzen zu wollen, hier im Norden. Solch ein Unfug! Als gäbe es nicht ernsthafte Themen und Aufgaben in der Welt. Aber treten Sie näher, Siemens, der Vortrag geht gleich los“.
Werner war dankbar, dass er durch die Vermittlung des generösen Gustav Magnus in den Kreis junger, talentierter Naturforscher und Berliner Physiker aufgenommen wurde. Hiererhoffte er sich Anschluss und Anregung für eine solide wissenschaftliche Orientierung. Er wollte mehr Tiefe und Stabilität in seinem Leben, hatte er doch bisher auf zu vielen Hochzeiten getanzt. Die Leichtigkeit und der Übermut der frühen Jahrewaren verflogen.
„Bevor die heutige Veranstaltung beginnt, habe ich die vornehme Aufgabe, mit Ihnen gemeinsam zu entscheiden, welchen würdigen Namen wir unserer Versammlung geben möchten“, eröffnete Gustav Magnus nach der Begrüßung die Runde. Der junge Hermann Ludwig Helmholtz, mit einem ernsten Gesicht, meldete sich zu Wort „Das Einfachste ist oft das Beste. Ich schlage vor, wir nennen uns die ‚Physikalische Gesellschaft‘“.
Nach kurzer Abstimmung mit Handzeichen war die Sache beschlossen und der Physiologe Emil Du Bois-Reymond begann mit seinem Vortrag über tierische Elektrizität am Beispiel elektrischer Fische. Siemens hörte fasziniert zu und war noch ganz in Gedanken, als Magnus ihm einen Mann seines Alters vorstellte. „Das ist Johann Halske, ein durchaus begabter Feinmechaniker“. Sie schüttelten sich die Hände und Siemens fand sofort Gefallen an dem sympathischen Halske, erleichtert, dass nicht nur Wissenschaftler zugegen waren. Johann Georg Halske trug das feine Haar nach hinten gekämmt. Seine Gesichtszüge waren klar geschnitten, mit einer ausdrucksvollen Nase undeinem direkten Blick. Wenn er sprach, vertiefte sich das Grübchen auf seinem Kinn.
„Die reine Theorie und das ausschließliche Reden reichen mir nicht“, begann Werner das Gespräch mit dem schüchternen Mann, „Ich frage mich vielmehr, welchen Nutzen die Menschen davon haben könnten und wie wissenschaftliche Erkenntnisse dabeihelfen, die Gemeinschaft als solche weiter zu bringen. Verstehen allein befriedigt mich nicht, ich will die Welt gestalten und verändern.“ Halske nickte zustimmend und schluckte, bevor er entgegnete. „Ganz recht. Auch ich bin ein Mann der Praxis und beschäftigte mich mit den konkreten Problemen der Industrie. Daher führt mich mein Weg auch immer wieder zur polytechnischen Gesellschaft. Dort werden ebenfalls aktuelle Fragestellungen erörtert. Sehr zu meinem Gewinn. Gerne nehme ich Sie mal mit.“
