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VOM ENDE HER ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sich mit dem Individuum und seiner Existenz beschäftigen. Es sind Momentaufnahmen des Lebens, die sich als kleinste Zahnrädchen im großen Uhrwerk des Seins drehen. Scheinbar unbedeutend aber wirkmächtig entscheiden sie über Liebe, Freude, Leid und Tod. Wie in einem Theaterstück agieren die Charaktere in einer Welt, die zur Kulisse wird und das Handeln in den Mittelpunkt rückt. Vermeintlich frei, zeigt sich der Mensch vielmehr als Summe seiner Erfahrungen, Spielball seiner Gefühle oder einfach nur Sklave des Augenblicks.
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Seitenzahl: 116
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Wenn die Irrtümer verbraucht sind Sitzt als letzer Gesellschafter Uns das Nichts gegenüber.
Berthold Brecht
VOM ENDE HER ist eine Sammlung von Kurzgeschichten, die sich mit dem Individuum und seiner Existenz beschäftigen. Es sind Momentaufnahmen des Lebens, die sich als kleinste Zahnrädchen im großen Uhrwerk des Seins drehen. Scheinbar unbedeutend aber wirkmächtig entscheiden sie über Liebe, Freude, Leid und Tod. Wie in einem Theaterstück agieren die Charaktere in einer Welt, die zur Kulisse wird und das Handeln in den Mittelpunkt rückt. Vermeintlich frei, zeigt sich der Mensch vielmehr als Summe seiner Erfahrungen, Spielball seiner Gefühle oder einfach nur Sklave des Augenblicks.
Markus Bäcker wurde kurz nach der Mondladung im Rheinland geboren. Geprägt durch den geschichtlichen Reichtum dieser Region, verfolgt er eine Vielzahl an Interessen, was dem roten Faden in seinem Leben einen recht mäandernden Verlauf gibt. Vor ein paar Jahren griff er das Schreiben als Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen wieder auf. In seinen Arbeiten wirft er einen nüchternen Blick auf die Wirklichkeit und manchmal auch dahinter. Heute lebt er mit seinem Hund Campino in Andernach.
Begegnung zweier Toter
Waterloo kann warten
Einer von uns
Geteiltes Leid
Im Fegefeuer
Am Ende ist es nur eine Geschichte
Der strafende Engel
Fluch und Segen
Regen schlug ihr ins Gesicht und vermischte sich mit ihren Tränen, als sie vor die Haustür trat. Die frische Kühle der Nacht war angenehm, und langsam begannen sich ihre Gedanken wieder zu ordnen. Aber diese Ordnung würde nie mehr die Gleiche sein wie vorher, wie vor zwei Stunden. Ein seltsames Gefühl, von dem sie nicht wusste, ob sie es als Lachen oder als Weinen äußern sollte, entstand in ihrem Bauch und kroch in ihrem Hals empor.
‹Früher war vor zwei Stunden!›
Dieser Gedanke lähmte ihr Gehirn. Benommen begann sie, die nasse, im Licht der Laternen glänzende Straße entlang zu gehen. Sie spürte nicht, wie der Regen weniger wurde, denn ihre Gefühle hatten sich durch das Weinen erschöpft. Ziellos lenkte sie ihre Schritte in die Nacht hinein.
‹Heute habe ich wirklich einmal Glück gehabt›, sagte er zu sich selbst, während er mit Daniel im Gateway saß.
Das Bistro begann sich bereits zu leeren, als er über seinen Heimweg nachdachte. Er würde mit seinem neuen Auto nach Hause fahren, das er vor einigen Stunden recht günstig gekauft hatte. Als er heute Morgen in der Annonce den Preis gelesen hatte, hätte er es sich nicht träumen lassen, dass der Wagen in einem so guten Zustand war. Und nun saßen sie hier, um diesen Glücksgriff ein wenig zu feiern. Er hatte für seinen Freund ein paar Drinks ausgegeben und überschlug gerade im Kopf die Höhe der Zeche, während Daniel, der ihm gegenübersaß, einen weiteren Chivas Regal bestellte. Die schlanke, dunkelhaarige Bedienung trat an ihren Tisch. Als er ihre Stimme hörte, blickte er auf.
«Es tut mir leid, aber wir haben keinen Chivas mehr. Den Letzten hast du eben getrunken.»
Tatjana setzte ein verlegenes Lächeln auf, von dem er nicht zu sagen vermochte, ob es echt oder gespielt war, und wartete auf eine Reaktion.
‹Sie sieht einfach hinreißend aus, wenn sie so dasteht. Wahrscheinlich ist sie der Grund dafür, weshalb ich so oft in diesen Laden gehe.›
Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Daniel angetrunken zu lamentieren begann.
«Ihr habt keinen Chivas mehr? Dann muss ich mir eben meinen eigenen besorgen.»
Sie schaute ihn einen Moment lang verblüfft an.
«Damit musst du dich aber schon beeilen. Wir schließen nämlich in einer halben Stunde.»
Langsam hob sein Kumpel die Hand und deutete mit dem Zeigefinger auf ihn.
«Er hat sich heute einen tollen Sportwagen gekauft. Mit dem schafft er es locker in einer halben Stunde zur Autobahntanke und zurück.»
Noch bevor er sich der Tragweite dieser Bemerkung bewusst wurde, hatte sich Tatjana ihm zugewandt.
«Das schaffst du doch nicht wirklich?», fragte sie und blickte ihn unschlüssig an.
«Mit meinem neuen sollte das kein Problem sein.»
Mittlerweile hatte Daniel einen Schein und ein paar Münzen aus seiner Hosentasche hervorgeholt und ließ das Geld auf den Tisch fallen.
«Der Rest ist für den Sprit», fügte er schnoddrig hinzu.
Sie lächelte. Ohne sie aus den Augen zu lassen griff er nach seiner Jacke und stand auf.
Die Nacht lag ruhig und unbeweglich da. Der Regen hatte aufgehört. Das einzige wahrnehmbare Leben beschränkte sich auf ihren Körper. Einen Körper, den sie verlassen und vergessen wollte. Und mit ihm das sinnlos gewordene Leben, das ihrem Fleisch anhaftete. Fleisch, das Existieren bedeutete und wovor sie nicht weglaufen konnte. Man kann im Leben immer nur auf die Zukunft einwirken aber nicht auf die Vergangenheit. Doch die Existenz umfasst Beides. Man kann sie nur führen oder beenden. Leben oder sterben.
Die nasse Straße reflektierte das Licht der Scheinwerfer. Wie ein schwarzer Fluss lag sie vor ihm. Die Reifen hatten den direkten Kontakt zum Asphalt verloren. Ohne die Geschwindigkeit zu drosseln lenkte er den nun rutschenden Wagen geübt durch die zahlreichen Kurven. Musik drang laut aus den Lautsprechern und machte ihn für alle anderen Einflüsse unempfänglich. Das Fenster war eine Handbreit geöffnet und kühle Nachtluft wurde ins Wageninnere gepresst. Sie strich an seinen Haaren vorbei und verlor sich hinter ihm im Innenraum. Plötzlich setzte die Musik aus und er spürte den Luftzug an seiner linken Gesichtshälfte. Die Geräusche des Motors und der Reifen auf der nassen Fahrbahn fluteten seine Ohren. Die Geschwindigkeit wurde für einen Moment lang greifbar. Er blickte auf den Tacho. Einhundert Stundenkilometer. Das Risiko, das er in jeder Kurve einging, war zu ihm vorgedrungen. Vor ihm lag die nächste Kurve. Er bremste. Aus den Lautsprechern erklang wieder Musik. Seine Gedanken führten ihm ein Bild von Tatjana vor Augen und das Auto begann langsam wegzurutschen.
Licht, Wasser und Asphalt formten ein seltsames Bild. Risse gingen durch die Welt, und gleichzeitig verflossen die Bruchstücke wieder miteinander. Eine neue Ordnung war geschaffen, vor ihren Augen, außerhalb von ihr. Sämtliche Kraft schien ihren Körper verlassen zu haben. Ihre Schritte wurden langsamer. Sie fühlte sich leer. Alle Flüssigkeit ihres Körpers war an seine Oberfläche getreten und der Regen hatte sie abgewaschen. Nun lagen ihre Tränen auf dem Asphalt. Schon morgen würde ihre Trauer von achtlosen Menschen zertreten werden und verdunsten. Nichts blieb zurück, was an diese Nacht erinnern könnte. Ihr Leid würden auf ihre Erinnerung beschränkt bleiben, und es wäre ihre qualvolle Aufgabe, anderen Menschen, von denen sie sich Trost versprach, davon zu erzählen. Sie müsste sich offenbaren, für einen Augenblick geheuchelten Mitgefühls, da kein Mensch die Gefühle eines anderen Menschen wirklich nachempfinden kann. Es gab einfach niemanden auf der Welt der ihren Schmerz verstehen würde.
Rotes Licht war plötzlich auf der Fahrbahn. Rot wie Blut – Gefahr verheißend. Bremslichter. Augenblicklich trat er auf das Pedal und erstarrte in seiner Bewegung. Langsam näherte er sich dem anderen Auto. Die Zeit schien fast stillzustehen. Es war, als ob der Verstand den Wunsch hatte, die letzten Sekunden, bis zum Übergang ins Nichts, noch auskosten zu wollen. Er fixierte mit seinen Augen die Rückleuchten wie zwei Feuer spuckende Drachenhälse. Die Gefahr flutete ihm entgegen. Unwillkürlich begann er den Kopf zu wenden. Erst nach einer Weile merkte er, dass sein Wagen begonnen hatte sich querzustellen. Sein rechter Fuß glitt auf das Gaspedal. Der Wagen stabilisierte sich. Eine abrupte Lenkbewegung und sein Auto schoss an dem anderen Fahrzeug vorbei und steuerte als erstes in die Kurve. Ein erneutes Lenken und Bremsen, dann waren die Scheinwerfer auch schon aus seinem Rückspiegel verschwunden.
«Ich muss meinen eigenen Weg gehen.», hatte er gesagt. Ihr Hals war trocken. Sie hatten sich angeschrien.
‹Nach sieben Jahren ...›, dachte sie, ‹und das nach sieben Jahren!›
Mit diesen Worten hatte sie ihn angeklagt. Schmerzhaft war ihr klar geworden, dass sie kein Anrecht auf einen anderen Menschen besaß. Verzweifelt hatte sie ihn gefragt, wie er sich so einfach aus ihrem Leben stehlen konnte. Aus einem Leben, das seit sieben Jahren auf ihn ausgerichtet war.
«Ich habe eine Frau kennengelernt, die mich besser versteht als du es tust.»
Bei diesem Satz war sie weinend zusammengebrochen. Es gab keine Frau, die ihn besser verstand. Das war eine Lüge, und sie wusste es. Sicher war sie einfach nur jünger und fühlte sich besser an im Bett. Er hatte es einfach nicht gewagt, ihr die Wahrheit zu sagen.
«Jeder hat nur dieses eine Leben und muss versuchen, darin glücklich zu werden.»
‹Ja, werde glücklich. Amüsiere dich zu Tode. Du hast ja einen Anspruch darauf. Werdet alle glücklich, wenn das euer Ziel ist. Nehmt euch euer Recht. Aber wo bleibe ich? Was ist mit meinem Recht auf Glück?›
Das Schild einer Ortschaft tauchte im Scheinwerferlicht auf. Die Helligkeit der Straßenlaternen kündete von Leben. Leben, das man nur ahnte, aber nicht sah. Leben, das hinter Mauern existierte und sich in Schlafzimmern eingeschlossen hatte.
Sie setzte sich auf die Bank einer Bushaltestelle, atmete, erstarrte, hatte aufgehört zu denken. Einige Meter von ihr entfernt gingen Bahnschranken mit dem summenden Geräusch von Elektromotoren nieder. Die Signallampe tauchte die nasse Straße davor in ein rotes Licht.
Er begann seine Geschwindigkeit zu verringern, da sich am Ende der Ortschaft ein Bahnübergang befand. Sein Arm glitt nach vorne und seine Finger umspannten den Schaltknauf.
‹Ein Zug!›
Glasklar und unvermittelt schoss ihr dieser Gedanke durch den Kopf. Die Idee eines alles beendenden Zuges.
‹Mein Körper würde nicht einmal seine Geschwindigkeit verringern.›
Von Weitem konnte er schon die roten Warnleuchten des Bahnübergangs erkennen. Er schaltete einen Gang zurück.
‹Ich brauche nur aufzustehen und die wenigen Schritte bis zu den Gleisen zu gehen.›
Sie versuchte es, aber sie konnte sich nicht erheben. Der Gedanke war noch zu neu.
Der Motor drehte hoch, als er den zweiten Gang einlegte und die Kupplung kommen ließ.
Der Gedanke an den Zug faszinierte sie. Zu verlockend war die Vorstellung, alles hinter sich zu lassen. Es war der Ausgang aus den Ruinen ihrer Existenz. Was konnte sie auch anderes tun? Ihr ganzes Leben war sinnlos geworden. Sieben vertane Jahre. Sie war keine Dreißig mehr. Jetzt noch versuchen, den Richtigen zu finden? Sie wollte doch Kinder haben. Vor ihren Augen begann ihr die Zeit davon zu laufen. Ihr Leben lief davon. Unvermittelt drang ein Motorengeräusch an ihre Ohren. Sie wandte sich zur Seite und sah einen Wagen langsam die Straße entlang rollen. Ihr Blick kehrte zurück auf den feuchten Asphalt vor ihren Füßen.
‹Ich werde auf den nächsten Zug warten müssen.›
Immer langsamer werdend glitt das Auto die Nacht, um schließlich vor dem Bahnübergang zum Stehen zu kommen. Er zog die Handbremse an, und ließ seinen Blick zu der Schranke mit dem roten Licht wandern. Dann sah er nach links und nach rechts, um Ausschau nach dem angekündigten Zug zu halten. Aber dort war nur die erstarrte, undurchdringliche Dunkelheit. Nervös begann er, mit den Fingern der linken Hand auf den Lenkradkranz zu trommeln.
Das gleichmäßige, vibrierende Geräusch des Motors wirkte beruhigend auf sie. Der Hass begann aus ihrem Kopf zu weichen. Aber da ihm kein anderes Gefühl folgte, entstand eine Leere, die sie als angenehm empfand. Das Feuer der Wut war am Erlöschen, und nach und nach bevölkerten neue Gedanken ihren Geist. Doch sie alle kreisten nur um die eine zentrale Vorstellung: Den Zug. Sie saß da und gab sich dem schwebenden Gefühl ihrer Gedanken hin.
‹Warum mache ich das hier eigentlich?›, fragte er sich.
‹Um meinen neuen Wagen zu testen? Wegen Daniel? Natürlich nicht. Der einzige Grund, warum ich mitten in der Nacht vor diesem Bahnübergang stehe ist sie. Ich tue das alles nur, um sie zu beeindrucken. Ich riskiere mein Leben für eine Frau, die ich nicht wirklich kenne. Der Rest ist ein schwammiges, Gelatine-artiges Gefühl, das mir ihre Schönheit und meine Sehnsucht bereiten. Aber was kann ich erwarten? Ein Lächeln? Ihre Sympathie? Ich weiß es nicht. Ich suche doch nur eine Gelegenheit um sie anzusprechen – sie zu fragen, was sie an den Abenden macht, an denen sie nicht im Gateway arbeitet. Und ob sie nicht Lust hätte, einen davon mit mir zu verbringen. Das ist der wahre Grund warum ich jetzt hier bin, für die Hoffnung auf ein bisschen Glück.›
Ihre Liebe war tot, das wusste sie jetzt. Aber wann würde sie es begreifen? Wann würde sie diesen Satz aussprechen können, ohne dass ihre Stimme versagte? Wie konnte sie ihr Leben nur so auf einen Menschen fixieren, dass mit seinem Verschwinden auch ihr Leben zu Ende zu sein schien? Kurz nach ihrem Kennenlernen hatte sie zu ihm gesagt:
«Ich glaube nicht an die Liebe, die ein ganzes Leben andauert, aber insgeheim hoffe ich darauf.»
Im Laufe der Jahre hatte sie ihren Realitätssinn verloren und sich vollkommen der Hoffnung hingegeben. Und nun musste sie für ihren Wunsch nach Beständigkeit bezahlen. Sie hätte sich niemals diesem Verlangen hingeben dürfen. Aber kann man überhaupt Glück empfinden, wenn man sich zwingt, immer an das mögliche Ende zu denken?
‹Was weiß ich denn wirklich von ihr? Eigentlich nur den Vornamen. Aber was bedeutet der noch in unserer heutigen Zeit? Früher war der Vorname noch etwas sehr Privates, und Menschen, die sich damit anredeten, waren Freunde oder Bekannte. Heutzutage hat sich die Bedeutung ins Gegenteil verkehrt. Nun gewährt er Anonymität.›
Ihr fiel ein Sinnspruch aus ihrem Poesiealbum ein, den ihr eine Lehrerin vor langer Zeit einmal dort hineingeschrieben hatte:
Bedenke, dass die menschlichen Verhältnisse insgesamt unbeständig sind. Dann wirst du im Glück nicht zu fröhlich und im Unglück nicht zu traurig sein.
‹Wer sich das ausgedacht hat, kann wohl niemals wirklich geliebt haben.›
Die Frau die diese Zeilen aufgeschrieben hatte war schon seit vielen Jahren tot. Sie war mit Fünfunddreißig an Krebs gestorben.
