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In "Vom Gebet" entfaltet Origenes, einer der einflussreichsten Theologen der frühen Kirche, seine tiefgehenden Überlegungen zur Bedeutung und Praxis des Gebets. Der Text zeichnet sich durch seinen ergreifenden literarischen Stil aus, der sowohl philosophische Reflexionen als auch mystische Einsichten vereint. Origenes schildert das Gebet nicht nur als Akt der Kommunikation mit Gott, sondern als essenziellen Bestandteil des geistlichen Lebens, der den Gläubigen in eine intimere Beziehung zu seinem Schöpfer führt. In diesem Werk verbindet er scripturelle Argumentation mit persönlicher Erfahrung, was dem Leser einen facettenreichen Blick auf die Gebetspraxis eröffnet und den historischen Kontext der frühchristlichen Spiritualität widerspiegelt. Origenes, geboren um 185 n. Chr. in Alexandria, war ein bahnbrechender Denker, dessen Leben von theologischen Studien und einer tiefen Religiosität geprägt war. Als einer der ersten Systematiker des Christentums setzte er sich intensiv mit Fragen des Glaubens, der Ethik und der Hermeneutik auseinander. Seine umfassende Ausbildung in der Philosophie und seine Leidenschaft für die Schriften der Bibel haben ihn dazu inspiriert, die transformative Kraft des Gebets zu erkunden und zu dokumentieren. So wird deutlich, dass ein tiefes persönliches Engagement und intellektuelle Neugier Origenes' Motivationen prägten, die in diesem Werk zur Geltung kommen. Dieses Buch ist für jeden Suchenden von Spiritualität und für alle, die ihre Beziehung zu Gott vertiefen möchten, von bedeutendem Wert. Origenes' einzigartige Perspektive und seine ermutigenden, jedoch herausfordernden Einsichten machen "Vom Gebet" zu einer Pflichtlektüre für Theologen, Kirchenführer und jeden, der die Hierarchie des Gebets und seine transformative Kraft verstehen will. Entdecken Sie die Weisheit eines der größten Denker des Christentums und lassen Sie sich von seinen tiefgründigen Gedanken inspirieren.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Was dem Verständnis der sterblichen Vernunftwesen wegen seiner Größe und übermenschlichen Art und seiner unendlichen Überlegenheit über unsere dem Todesgeschick verfallene Menschennatur unerreichbar ist, das wird bei der unermeßlichen Fülle der von Gott auf die Menschen ausgegossenen göttlichen Gnade nach der Absicht Gottes erreichbar, indem Jesus Christus unter Mitwirkung des Geistes die unübertreffliche Gnade für uns vermittelt1. Während z.B. die Menschennatur den Besitz der Weisheit nicht erlangen kann, durch welche das All geschaffen ist - denn „alles“ hat nach David Gott „in Weisheit“ geschaffen2 -, so wird das Unerreichbare erreichbar durch unseren Herrn Jesus Christus, „der für uns Weisheit von Gott geworden ist und Gerechtigkeit und Heiligung und Erlösung3“. „Welcher Mensch nämlich wird Gottes Willen erkennen? Oder wer wird erfassen, was der Herr will? Denn die Gedanken der Sterblichen sind ohnmächtig, und unsere Absichten sind unsicher. Der vergängliche Leib beschwert ja die Seele, und das irdische Zelt lastet auf dem viel sinnenden Geist. Und mühsam nur deuten wir das Irdische, das Himmlische aber, wer hat es ausgespürt?4“ Wer könnte wohl leugnen, dass es für den Menschen unerreichbar ist, „das Himmlische auszuspüren“? Aber trotzdem wird dies Unmögliche durch die überragende Gnade Gottes möglich. Denn der „in den dritten Himmel Entrückte“ hat doch wohl den Inhalt der drei Himmel ergründet, da er „unaussprechliche Worte hörte, die wiederzugeben einem Menschen nicht gestattet war5“. Wer aber vermag zu sagen, dass es dem Menschen möglich sei, den Sinn des Herrn zu erkennen6? Aber auch dies gewährt Gott durch Christus 7, … wenn er ihnen den Willen ihres Herrn lehrt, der nicht mehr „Herr“ sein will, sondern zum „Freund“ wird für die, deren Herr er früher war. Aber wie auch keiner „der Menschen das Wesen des Menschen kennt, als der Geist des Menschen, der in ihm ist, so kennt auch keiner das Wesen Gottes, als nur der Geist Gottes8“. Wenn aber „keiner das Wesen Gottes kennt, außer der Geist Gottes“, so ist es unmöglich, dass der Mensch „das Wesen Gottes“ kennt. Überlege jedoch, wie auch dies möglich wird: „wir aber“, sagt (der Apostel) ,„haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir erkennen, womit uns Gott begnadet hat; wovon wir auch reden nicht in Worten, die menschliche Weisheit uns gelehrt, sondern in solchen, die der Geist uns gelehrt.9.“
Aber du gottesfürchtiger und arbeitsamer Ambrosius und du züchtige und mannhafte Tatiana, für die ich schon ein ähnliches Ausbleiben der „weiblichen Schwäche10“ wünsche, wie es bei Sara der Fall war, ihr beiden seid wahrscheinlich im unklaren, warum wohl die Einleitung diese Ausführungen über Dinge, die den Menschen unmöglich sind, aber durch die Gnade Gottes möglich gemacht werden, enthält, während doch unser Thema „Über das Gebet“ lautet. Nun bin ich überzeugt, dass zu den unmöglichen Dingen mit Rücksicht auf unsere Schwäche auch die Abfassung einer genauen und der Gottheit würdigen Gesamtlehre vom Gebet gehört: auf welche Weise man beten muß, welche Worte man im Gebet an Gott richten soll, welche Zeiten für das Gebet günstiger sind als andere11… [Auch Paulus,] der sich wegen „des Übermaßes der Offenbarungen“ dagegen verwahrt, „dass ihn jemand über das hinaus, was er von ihm sieht oder hört, einschätze12“, erklärt [offenbar] nicht zu wissen, „wie man beten solle“; denn „was wir“, sagt er13, „beten sollen nach Gebühr, das wissen wir nicht.“ Notwendig aber ist nicht nur das Beten an sich, sondern auch das Beten „wie es sich gebührt“ und das Beten „was sich gebührt“. Denn gesetzt auch, wir wären imstande, zu erfassen, was wir beten sollen, so bleibt dies doch unvollkommen, wenn wir nicht auch die rechte Art hinzunehmen. Was nützt uns aber die rechte Art, wenn wir nicht wissen, was wir beten sollen?
Das eine von diesen beiden Erfordernissen, ich meine den notwendigen Inhalt, das sind die Worte des Gebetes; die rechte Art aber, das betrifft den Zustand des Betenden. Beispielsweise beziehen sich auf den Inhalt des Gebets die Worte: „Bittet um das Große, und das Kleine wird euch zugelegt werden14“, und: „Bittet um das Himmlische, und das Irdische wird euch zugelegt werden15“ und: „Betet für die, welche euch mißhandeln16“, und: „Bittet also den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter hergebe zu seiner Ernte17“, und: „Betet, dass ihr nicht in Versuchung geratet18“, und: „Betet, dass eure Flucht nicht stattfinde im Winter oder am Sabbat19“, und: „Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern20“, und andere ähnliche Stellen. Auf die rechte Art des Betens beziehen sich folgende Worte: „Ich will nun, dass die Männer beten an jedem Ort, heilige Hände aufhebend, frei von Zorn und Bedenklichkeit; ebenso auch, dass die Frauen, züchtig in Kleidung21, sich schamhaft und besonnen schmücken, nicht mit Haargeflecht oder Gold oder Perlen oder kostbarem Gewand, sondern, wie es Frauen, die sich zur Gottesfurcht bekennen, ziemt, durch gute Werke22“. Über die rechte Art zu beten belehrt auch folgende Stelle: „Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dort daran denkst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altar und gehe zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und dann komm und bringe deine Gabe dar.23“ Welch größere Gabe könnte denn von dem Vernunftwesen zu Gott emporgesandt werden als ein Gebet voll Wohlgeruch, dargebracht von einem Gewissen, das keinen übeln Geruch von der Sünde her an sich trägt? Ferner (lehrt) die rechte Art (zu beten auch) diese Stelle: „Entziehet euch einander nicht, außer nach Vereinbarung auf einige Zeit, damit ihr euch dem Gebete widmen und dann wieder zusammen sein könnt, damit sich nicht der Satan über euch freue wegen eurer Unenthaltsamkeit24.“ Denn durch diese Dinge wird die rechte Art (des Betens) beeinträchtigt, wenn (nämlich) auch das Werk der ehelichen Geheimnisse - über die man schweigen muß - nicht ehrbar, bedächtig und ohne Leidenschaft vollbracht wird, indem die dort (in der Schrift) genannte „Vereinbarung“ das Unvereinbare der Leidenschaft beseitigt und die Unmäßigkeit vertilgt und den Satan an seiner Schadenfreude hindert. Ferner belehrt über die rechte Art des Gebets die folgende Stelle: „Wenn ihr euch zum Gebete stellt, so vergebet, wenn ihr etwas gegen jemanden habt 25.“ Auch diese Stelle bei Paulus: „Ein jeder Mann, der beim Beten oder Weissagen etwas auf dem Haupte hat, beschimpft sein Haupt; eine jede Frau aber, die beim Beten oder Weissagen das Haupt unverhüllt läßt, beschimpft ihr Haupt26“, gibt eine Anleitung zu der rechten Art des Betens.
Alles dies wußte Paulus und hätte noch viel mehr Stellen aus dem Gesetz und den Propheten und dem Vollinhalt des Evangeliums mit mannigfaltiger Erklärung jedes einzelnen Punktes beibringen können; da er aber sah, wie weit er auch nach allen diesen Kenntnissen hinter dem Verständnis dessen, was wir „nach Gebühr“ beten müssen, zurückblieb27, so sagt er nicht bloß in bescheidener, sondern auch in wahrhaftiger Gesinnung: „Das aber, was wir beten sollen nach Gebühr, das wissen wir nicht28.“ Und auch dies fügt er zu seinen Worten hinzu, woher das Fehlende für den ergänzt wird, der es nicht kennt, aber sich für die Ergänzung des Fehlenden in ihm würdig vorbereitet hat; er sagt nämlich: „der Geist selbst tritt mit unaussprechlichen Seufzern Gott gegenüber (für uns) kräftig ein. Der aber die Herzen erforscht, weiß, was der Sinn des Geistes ist, dass er nämlich nach Gottes Willen für Fromme eintritt29.“ Der Geist aber, der in den Herzen der Glückseligen „Abba, Vater!“ ruft30, der von den Seufzern „in dem (irdischen) Zelt“ genau weiß, dass sie imstande sind, die Gefallenen oder (vom rechten Wege) Abgewichenen „zu beschweren31“, (dieser Geist) „tritt mit unaussprechlichen Seufzern Gott gegenüber (für uns) kräftig ein“, indem er in seiner großen Menschenliebe und Mitempfindung unsere Seufzer auf sich nimmt. Da er aber gemäß der in ihm wohnenden Weisheit unsere bis „zum Staub32“ erniedrigte und in dem „Leibe der Erniedrigung33“ eingeschlossene Seele sieht, so „tritt er Gott gegenüber“ nicht mit den gewöhnlichen „Seufzern“, sondern mit gewissen „unaussprechlichen Seufzern kräftig (für uns) ein“, die mit den „unsagbaren Worten“ zusammenhängen, „welche auszusprechen einem Menschen nicht gestattet ist34“. Dieser Geist nun, der sich nicht begnügt, „Gott gegenüber (für uns) nur einzutreten“, steigert seine Fürsprache und „tritt (Gott gegenüber für uns) kräftig ein“, ich meine für „die Obsiegenden“, für Männer wie Paulus, welcher sagt: „Aber in allen diesen Dingen obsiegen wir35.“ Es ist aber natürlich, dass er einfach nur „eintritt“ für solche, die siegreich, und weder von der Art sind, dass sie „obsiegen“, noch auch umgekehrt von der Art, dass sie besiegt werden.
Mit der Stelle: „Das aber, was wir beten sollen nach Gebühr, das wissen wir nicht; aber der Geist tritt mit unaussprechlichen Seufzern Gott gegenüber (für uns kräftig ein36“, ist die andere verwandt: „Ich werde beten mit dem Geist, ich werde aber auch beten mit dem Verstand; ich werde lobsingen mit dem Geist, ich werde (aber) auch lobsingen mit dem Verstand37.“ Denn unser Verstand kann gar nicht beten, wenn nicht vor ihm der Geist gleichsam in Hörweite von ihm38 gebetet hat, (ebenso) wie er auch den Vater in Christus nicht mit dem Saitenspiel besingen und in schönem Takt und wohllautend und im rechten Maß und harmonisch lobpreisen kann, wenn nicht „der Geist, der alle Dinge, auch die Tiefen Gottes erforscht“, vorher diesen besungen und gepriesen haben wird, dessen „Tiefen er erforscht39“ und nach seinen Kräften erfaßt hat. Einer von den Jüngern Jesu ist sich, wie ich glaube, der menschlichen Schwachheit, die der rechten Art zu beten ermangelt, bewußt geworden und hat dies besonders damals erkannt, als er den Heiland in dem Gebet zum Vater einsichtsvolle und erhabene Worte aussprechen hörte, und hat deshalb zu dem Herrn, als dieser sein Gebet „beendet hatte“, gesagt: „Herr, lehre uns beten, so wie auch Johannes seine Jünger gelehrt hat.“ Die ganze Stelle aber lautet im Zusammenhang so: „Und es geschah, als er an einem Orte war und betete, als er aufgehört hatte, da sagte einer von seinen Jüngern zu ihm: Herr, lehre uns beten, so wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat40.“ …41 Sollte denn nun ein Mann, aufgewachsen in der Unterweisung im Gesetz und im Anhören der Worte der Propheten, dazu ein fleißiger Besucher der Synagoge, nicht in irgendeiner Weise zu beten verstanden haben, bis er den Herrn „an einem Orte beten“ sah? Aber diese Behauptung wäre widersinnig; denn er betete nach den Bräuchen der Juden, sah aber, dass er selbst für die Lehre vom Gebet einer größeren Einsicht bedurfte. Was aber konnte denn auch „Johannes seinen Jüngern, die von Jerusalem und von dem ganzen Judäa und der Umgegend zu ihm kamen, um sich taufen zu lassen42“, über das Gebet „lehren“, wenn er nicht entsprechend dem (Wort, dass er) „mehr als ein Prophet43“ sei, manches über das Gebet (geistig) schauen durfte, was er naturgemäß nicht allen, die getauft, sondern denen, die zu der Taufe noch unterrichtet wurden, im geheimen überlieferte?
Solche Gebete, die tatsächlich geistiger Art sind, da der Geist in dem Herzen der Frommen (zu Gott) betet, und die erfüllt sind von geheimnisvollen und wunderbaren Lehren, wurden (auch) aufgezeichnet; nämlich im ersten Buche der „Königreiche“ das Gebet der Anna, nur zum Teil, weil damals, als „sie lange vor dem Herrn betete, redend in ihrem Herzen44“, das ganze Gebet nicht aufgeschrieben wurde; ferner ist unter den Psalmen der 16. Psalm „Gebet Davids“ betitelt, und der 89. „Gebet von Mose, dem Mann Gottes“, und der 101.„Gebet von dem Armen, sobald er mutlos wird und vor dem Herrn seine Bitte ausschüttet“. Da diese Gebete wahrhaft im Geist entstanden und gesprochen waren, so sind sie auch von Lehren der Weisheit Gottes erfüllt, so dass man über ihren Inhalt wohl sagen könnte: „Wer ist weise und wird diese verstehen? und verständig, und wird sie erkennen45?“
Die Erörterung über das Gebet ist demnach eine so bedeutende Aufgabe, dass auch sie der Erleuchtung des Vaters bedarf und der Belehrung seines erstgeborenen Wortes selbst und der Einwirkung des Geistes auf eine dieser so bedeutenden Aufgabe würdige Erkenntnis und Darstellung. Daher bete und wünsche ich als ein Mensch, der sich nicht wohl anmaßt, das Gebet zu begreifen, vor der Erörterung des Gebetes den Geist zu erlangen, damit uns eine ganze vollständige und geistige Darstellung geschenkt werde und wir die in den Evangelien aufgezeichneten Gebete verstehen lernen. Wir wollen also nun mit der Erörterung des Gebetes beginnen.
Zuerst nun finde ich, soweit meine Beobachtung reicht, das Wort εὐχή an der Stelle der Schrift angewendet, als Jakob, „vor dem Zorn seines Bruders Esau fliehend, nach Mesopotamien“ wegging, gemäß den Warnungen des Isaak und der Rebekka46. So aber lautet das Schriftwort: „Und Jakob tat ein Gelübde47, indem er sprach: wenn Gott der Herr mit mir ist und mich auf diesem Wege, den ich wandle, behütet, und mir Brot zu essen und ein Kleid zum Anziehen gibt und mich wohlbehalten in das Haus meines Vaters zurückkehren läßt: so wird der Herr mein Gott sein, und dieser Stein, den ich als Mal aufgestellt habe, wird mir Gottes Haus sein; und von allem, was du mir gibst, werde ich dir den Zehnten entrichten48.“ …49
Hier ist auch zu bemerken, dass das Wort εὐχή (= Gebet und Gelübde), vielfach in seiner Bedeutung verschieden von προσευχή (= Gebet zu Gott), bei dem gebraucht wird, der mit einem Gelübde verspricht, er werde dies oder das tun, wenn er dies von Gott erlange. Freilich wird der Ausdruck auch für das verwendet, was wir nach unserem gewöhnlichen Sprachgebrauch so bezeichnen; z.B. fanden wir es so im Exodusbuch nach der Plage mit den Fröschen, der zweiten in der Reihe der zehn, …50 „Pharao berief den Mose und Aaron und sagte zu ihnen: betet für mich zum Herrn, dass er die Frösche von mir und meinem Volke wegnehme; so will ich das Volk entsenden, dass sie dem Herrn opfern.51“ Wenn aber jemand deshalb, weil der Pharao das Wort εὒξασθε (= betet) gebraucht, nicht glauben will, dass εὐχή außer der früher erwähnten Bedeutung (=Gelübde) auch die gewöhnliche (=Gebet) habe, so muß er auch die Fortsetzung der Stelle beachten, die so lautet: „Es sprach aber Mose zu Pharao: ordne an, wann ich für dich und deine Diener und dein Volk beten soll(= εὒξομαι), um die Frösche von dir und deinem Volk und aus euren Häusern zu entfernen; nur in dem Fluß sollen sie übrig bleiben52.“
Wir bemerken aber, dass bei den Stechmücken der dritten Plage, weder Pharao ein Gebet veranlassen will, noch Mose eins spricht 53. Bei der Hundsfliege aber, der vierten Plage, sagt er: “Betet nur für mich zum Herrn54”, als auch Mose sprach: “Ich werde von dir weggehen und zu Gott beten, und die Hundsfliege wird morgen von Pharao, seinen Dienern und seinem Volke weichen55”; und bald darauf (heißt es): “Mose aber ging weg von Pharao und betete zu Gott.56” Während ferner bei der fünften und sechsten Plage, weder Pharao ein Gebet veranlassen wollte, noch Mose betete, “sandte” bei der siebenten “Pharao (Boten) und berief den Mose und Aaron und sagte zu ihnen: ich habe jetzt gefehlt; der Herr ist gerecht, ich aber und mein Volk, wir sind gottlos. Betet nun zu dem Herrn, dass er die Donnerschläge und Hagel und Feuer aufhören läßt57; und bald darauf (heißt es):”Mose ging von Pharao weg zur Stadt hinaus und breitete seine Hände zu dem Herrn aus, und die Donnerschläge hörten auf58." Warum aber nicht wie bei den vorigen (Plagen) gesagt ist: “und er betete”, sondern “er breitete seine Hände zu dem Herrn aus”, ist passender an einer anderen Stelle zu untersuchen59. Bei der achten Plage aber sagte der Pharao: “Und betet zu dem Herrn, eurem Gott (für mich), dass er von mir diesen Tod abwende. Mose aber ging hinweg von Pharao und betete zu Gott60.”
Vielfach aber ist, wie gesagt 61, das Wort εὐχή nicht nach dem gewöhnlichen Sprachgebrauch (=Gebet) gesetzt, wie z.B. bei Jakob62 aber auch im Leviticus: „Der Herr redete zu Mose und sprach: rede mit den Kindern Israel und sage zu ihnen: wer ein Gelübde ablegt, so dass er den Schätzungswert seiner Person dem Herrn (gelobt), so wird der Schätzungswert des Mannes sein, von dem zwanzigsten bis zum sechzigsten Jahre wird sein Schätzungswert sein fünfzig Doppeldrachmen Silber nach dem heiligen Gewicht63“; und im Buche Numeri steht: „Und der Herr redete zu Mose und sprach: Rede mit den Kindern Israel und sage zu ihnen: Mann oder Weib, wer ein großes Gelübde ablegen will, um sich zur Sühnung dem Herrn zu weihen, so soll er sich des Weins und berauschenden Getränkes enthalten64“, und so weiter über den so genannten Nasiräer; dann kurz darauf: „Und er soll sein Haupt an jenem Tage heiligen, an welchem er dem Herrn geheiligt wurde (für) die Tage seines Gelübdes65“, und weiter kurz darauf: „Dies ist die Bestimmung für den, welcher ein Gelübde abgelegt hat: an welchem Tage er die Zeit seines Gelübdes erfüllt hat66“, und weiter kurz darauf: „und hierauf kann der Gottgelobte (wieder) Wein trinken. Dies ist die Bestimmung für den Geweihten, welcher dem Herrn sein Opfer wegen des Gelübdes dargebracht hat, abgesehen von dem, was (außerdem) seine Hand (an Opfern) findet, gemäß der Kraft seines Gelübdes, das er abgelegt hat nach dem Gesetz der Heiligung67“; und am Ende des Buches Numeri: „Und Mose redete zu den Stammeshäuptern der Söhne Israels und sprach: dies ist das Wort, welches der Herr angeordnet hat: Wer dem Herrn ein Gelübde ablegt oder einen Eid schwört zum Vertrag oder Vertragsbestimmungen wegen seiner Person trifft68, so soll er sein Wort nicht brechen; alles, was sein Mund gesprochen hat, soll er tun. Wenn aber ein Weib dem Herrn ein Gelübde ablegt oder eine Vertragsbestimmung über sich in dem Hause ihres Vaters in ihrer Jugend trifft, und ihr Vater ihre Gelübde und ihre Bestimmungen hört, die sie für ihre Person getroffen hat, und ihr Vater dabei schweigt, so sollen alle ihre Gelübde gültig sein und alle die Bestimmungen, die sie für ihre Person getroffen hat, für sie bestehen bleiben69“; darauf folgen noch einige gesetzliche Bestimmungen für ein solches Weib. In dieser Bedeutung (des Wortes εὐχή) steht in den „Sprichwörtern“ geschrieben: … 70 „[Ein Fallstrick] für den Mann ist es, (zu) schnell etwas von dem Eigenen zu geloben; denn nach dem Geloben kommt die Reue71“; und in dem Buch Ekklesiastes heißt es: „Besser nicht zu geloben, als zu geloben und nicht zu leisten72“; ferner in der Apostelgeschichte: „Bei uns sind vier Männer, die ein Gelübde auf sich haben73.“
Da nun das Wort εὐχή zwei Bedeutungen (Gebet und Gelübde) hat, so schien es mir angemessen, zuerst das, was es in den (heiligen) Schriften bedeutet, darzulegen. Dasselbe muß aber auch bei dem Wort προσευχή geschehen. Denn abgesehen von seiner gewöhnlichen und üblichen, vielfach vorkommenden Bedeutung (=Gebet) , wird dieses Wort in dem Bericht über Anna im ersten Buch der Königreiche auch für das verwendet, was wir nach unserem gewohnten Sprachgebrauch mit εὐχή (=Gelübde) bezeichnen. (Es heißt dort:) „Und Eli, der Priester, saß auf einem Stuhl an den Türpfosten des Tempels des Herrn. Und sie (Anna) war in ihrer Seele von bitterem Schmerz erfüllt und richtete ein Gebet an den Herrn (προσηύξατο) und vergoß viele Tränen. Und sie tat ein Gelübde (ηὒξατο εὐχήν) und sprach: Herr der (Himmels)mächte, wenn du die Niedergeschlagenheit deiner Magd ansiehst und meiner gedenkst und nicht vergissest deiner Magd und deiner Magd einen männlichen Sproß schenkst, so will ich ihn als Geschenk dem Herrn übergeben für alle Tage seines Lebens, und ein Schermesser soll nicht auf sein Haupt kommen74.“
Wenn es hierauf nun eurer Aufforderung76 entsprechend nötig ist. zuerst die Beweisgründe derjenigen auseinanderzusetzen, welche meinen, dass durch Gebete nichts erreicht würde, und deshalb das Beten für überflüssig erklären, so werden wir nicht zögern, nach Kräften auch dies zu tun, wobei jetzt das Wort εὐχὴ von uns in der allgemeineren und einfacheren Bedeutung gebraucht wird. …77 Diese Lehre ist nun so unangesehen und hat so wenig bedeutende Vertreter, dass von denen, welche eine Vorsehung annehmen und Gott an die Spitze des Weltalls stellen, sich durchaus niemand findet, der das Gebet nicht billigt. (Das Gegenteil) ist nämlich die Meinung entweder der reinen Atheisten, die das Dasein Gottes leugnen, oder derjenigen, die zwar Gott dem Namen nach annehmen, ihm aber die Vorsehung aberkennen. Freilich hat bereits die Wirksamkeit des Widersachers, der die gottlosesten Ansichten an den Namen Christi und die Lehre des Sohnes Gottes anknüpfen will, einige auch dazu überreden können, dass das Beten nicht nötig sei. Diese Ansicht vertreten die Leute, welche das sinnlich Wahrnehmbare gänzlich verneinen und weder Taufe noch Abendmahl gebrauchen, wobei sie den Sinn der (heiligen) Schriften verdrehen, als ob diese sogar dieses Beten nicht wünschten, sondern etwas anderes, in seiner Bedeutung von diesem ganz Verschiedenes lehrten.
