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Ein Huhn zieht aus, die Welt zu ändern Ohne Tageslicht und frischer Luft fristet das Huhn Molli ein eintöniges Leben in einem dicht gedrängten Massenstall. Als ihre einzige Freundin Bertha stirbt, hat sie nichts mehr zu verlieren – Molli wagt die Flucht! Sie kommt bei dem älteren Ehepaar Otterpohl unter, das privat Hühner hält. Hier zeigt ihr Huhn Betty, was ihr bislang verwehrt war: scharren, sandbaden und Eier ausbrüten, durch Maisfelder stolzieren und Schlager hören. Natürlich gilt es dabei, sowohl die Hackordnung als auch den Hahn Roland Kaiser zu berücksichtigen. Ein packender Abenteuerroman aus der Sicht eines entflohenen Huhns, der offenbart: Hühner und Menschen sind gar nicht so unterschiedlich.
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Seitenzahl: 469
Veröffentlichungsjahr: 2023
Molli fristet ein schrecklich eintöniges Leben in einem Massenstall. Tageslicht hat sie noch nie gesehen, frische Luft nie geatmet. Als ihre einzige Freundin Bertha stirbt, hat sie nichts mehr zu verlieren – Molli wagt die Flucht! Ein abenteuerliches neues Leben beginnt. Sie kommt bei den Schlager liebenden Otterpohls unter, einem älteren Ehepaar, das privat Hühner hält. Hier lernt Molli nicht nur bemerkenswerte Hühnerpersönlichkeiten kennen, sondern darf auch erleben, was ihr bislang verwehrt war: scharren, sandbaden und Eier ausbrüten, durch Maisfelder stolzieren und auf Bäume flattern. Dabei gilt es natürlich, sowohl die Hackordnung als auch den Hahn Roland Kaiser zu berücksichtigen.
Molli genießt ihre neue Welt, möchte sich aber auch gegen das Unrecht einsetzen, das ihr früher widerfahren ist. Sie fordert mehr – und hat eine grandiose Idee.
Molli Morgan
Vom Glück, auf Bäume zu flattern
Ein Huhn entdeckt die Welt
Roman
Zuerst war das Bankivahuhn, das Ur-Huhn aller Haushühner.
Aber auch das Ei war zuerst, denn das Ei stand am Anfang des Begehrens und nicht der Apfel.
Die Ur-Eier waren schon zugleich mit dem Huhn da: Das Huhn kommt bereits mit Tausenden Eizellen auf die Welt. Die Eier entwickeln sich im Huhn nur noch weiter. Aus dem Eierstock gleitet ein gereifter Dotter in den Eileitertrichter. Der Dotter bewegt sich nach unten, wird mit Eiklar umhüllt, dann kommen die beiden Hagelschnüre und die Eihäute hinzu. Zum Schluss wird Kalk auf das schalenlose Ei gespritzt, während es sich dreht.
Der Durchlauf im Ovidukt dauert fast einen ganzen Tag, bevor das Ei schließlich herausgedrückt wird, umhüllt von einer glänzenden Schicht, die vor Bakterien schützt, aber nicht vor dem Menschen. Wie andere Tiere gierte der Mensch nach den Eiern und raubte sie, denn in der freien Natur ist ein Ei ein nahrhafter Meteorit.
Ein Ei ist nicht Fisch, nicht Fleisch, es ist ein Ei.
Robust und zerbrechlich, schlicht und schön. Ein Ei läuft nicht weg. Es wird nicht erlegt. Stumm und wehrlos lässt es sich verschlingen.
Ein Ei ist vollkommen und genügt sich selbst. Es besitzt alles, was eine Eizelle braucht, um sich nach der Befruchtung in ein quicklebendiges Küken zu verwandeln: Proteine, Fette, Vitamine, Folsäure, Kalium, Magnesium, Eisen, Wasser.
Die Menschen stopften sich die Eier rein, und in die leeren Eier stopften sie wiederum die großen Fragen des Lebens. Hier fanden sie die Antworten.
Das Ei ist der Anfang. Brahma schlüpfte aus einem Ei und erschuf die Welt. (Dass Shiva, der Zerstörer, bei den Menschen beliebter ist als Brahma, der alles erschaffen hat, lässt tief blicken.) Anderen Erzählungen zufolge entsprang die Welt sofort einem Ei. Das Eiklar wurde zum Himmel, das Eigelb zur Erde.
Das Ei wurde vergöttert und angebetet. Es stand für Glück, Wohlergehen, Fruchtbarkeit und Auferstehung. So führte das Ei zum Untergang des Gallus gallus domesticus. Das Haushuhn verschwand nicht wirklich, es gab sogar immer mehr Hühner. Es verschwand nur aus den Augen. Zusammengepfercht in riesige Ställe, pressten ausgemergelte Hühner immer mehr Eier durch ihre Kloake.
Die Menschen dachten immer weniger an das Huhn, für das es kein Glück und kein Wohlergehen mehr gab. Die Eier waren jetzt unbesamt und nicht mehr fruchtbar. Sie waren nur noch Ei-Attrappen. Ovale Proteinkugeln, produziert zur Abfütterung der Menschheit. Sie entwickelten sich nicht zu quirligem Leben, sondern nach einiger Zeit zu Stinke-Eiern, mit denen man seine Gegner bewirft.
Die Menschen halten sich für die Krone der Schöpfung, für die Klügsten aller Klugen. Aber warum fehlt ihnen dann jeder Hauch von Logik? Selbst das dümmste Huhn weiß:
Man muss Hühner in Ehren halten.
Denn das Huhn stand am Anfang: Es legte das Ei, aus dem die Welt entsprang.
Bathilda Brahma
In Stall 2 war es immerhin besser als in einem nordkoreanischen Arbeitslager. Ich hatte genug zu essen und war nicht von Denunzianten umgeben. (Natürlich wurde mir erst später klar, dass es Nordkorea und dass es Denunzianten gab.)
Heute habe ich Angst vor dem Habicht und dem Fuchs, aber Freiheit muss man immer mit Gefahren bezahlen, sagt Bathilda. Viel schlimmer ist es, dieses Lied zu hören, in dem der Sänger sich wünscht, ein Huhn zu sein: Man habe nicht viel zu tun, man würde nur täglich ein Ei legen, man müsse nicht mehr ins Büro, wäre dämlich, aber froh und so weiter.
•nicht viel zu tun: Der bekloppte Sänger sollte mal selbst schwanger werden und jeden Tag ein Kind herausdrücken, dann wüsste er, dass man ausgesprochen VIELdamit zu tun hat, täglich ein Ei zu legen. Ich würde lieber ins Büro gehen!
•dämlich: So, wie das Wort Abschaum Menschen entmenschlicht, werden wir durch das Wort dämlich enthuhnigt. Man will in uns nur dummes Geflügel sehen.
•froh: Ja, das stimmt. Wir können froh sein. Wir können ebenso mutig sein, empört und stolz sein (zum Beispiel wenn unsere frisch geschlüpften Küken zum ersten Mal über die Wiese laufen). Und wir können glücklich sein – so, wie Menschen es auch sind.
Molli Morgan
Als Iniki, der schlimmste je aufgezeichnete Hurrikan, über Hawaii hinwegfegte, hatte es ihm Kauai, die älteste der Inseln, besonders angetan. Hier tobte er sich richtig aus. Er zerpflückte Häuser und Hühnerställe, denn er machte keinen Unterschied zwischen Menschen und Hühnern. Vor ihm waren alle gleich. Tausende Menschen verloren ihr Zuhause und Tausende Hühner ihre Behausung.
Kurz vor dem Sturm waren die Hühner nicht wie die Menschen evakuiert worden, sie galten wohl als nicht wertvoll genug. Sie wurden eingeschlossen und sich selbst überlassen. So saßen sie ängstlich in den Ställen und hörten es überall um sich herum krachen. Die dünnen Blechdächer wurden angehoben und weggerissen. Die Hühner blickten hoch zu dem dunklen, tobenden Himmel über sich. Iniki griff mit seinen riesigen luftigen Händen die Hühner, hob sie hoch, sah sie an, sah, dass sie gut waren, und pustete sie fort in den Wald.
Nach dem Sturm jammerten die obdachlos gewordenen Menschen und bauten ihre Häuser mühselig wieder auf. Die vogelfreien Hühner gackerten und verlustierten sich mit den Wildhühnern. Sie wurden fruchtbar und vermehrten sich.
Im Mittelalter bekamen vogelfreie Menschen keine Behausung. Und sie bekamen auch keine Bestattung. Wenn sie starben, wurden sie einfach den Tieren zum Fraß überlassen.
Vogelfrei zu sein, war eine ganz schlimme Bestrafung für die Menschen. Aber für die Hühner auf Kauai? Sie vermissten ihre stickigen Ställe nicht. Nun scharrten sie tagsüber im saftigen Boden, ließen sich die frische Luft um den Schnabel wehen, und nachts saßen sie auf Ästen und spielten Bäumchen wechsle dich. Die rauen Äste fühlten sich unter den Füßen angenehmer an als die verschmutzten eckigen Stangen im Stall, deren Kanten sich in den Ballen drückten. Und wenn die Hühner starben – wer bestattete schon ein Huhn? Feuerbestattung? Seebestattung? Man hätte die Hühner auch nicht bestattet, wenn sie im Stall tot umgefallen wären. Man hätte sie in den Kochtopf geschmissen. So what? Ob nun von Menschen oder von wilden Tieren verspeist zu werden, wenn man tot war – das interessiert doch kein Huhn!
Betty Blume
Jemand musste gegen meinen Kopf gepickt haben, denn mich durchfuhr ein starker Schmerz. Ich öffnete die Augen und sah neben mir zwei Beine. Mein Blick glitt weiter nach oben. Natürlich war es nicht Bertha, es war eine von den Hennen, die noch fast voll befiedert waren und sich für etwas Besseres hielten. Dabei war das hier gar nicht ihr Schlafplatz, und ich kannte sie auch nicht.
Die Henne fixierte mich weiter mit stechendem Blick. Wir starrten uns regungslos an. Auf einmal senkte sie den Kopf, um mich wieder zu picken. Ich schnellte vor und hackte ihr in den Fuß. Sie sprang auf und flatterte von der Ebene hinunter. Ich hatte mich hochgedrückt und gackerte ihr noch lange nach, so aufgeregt war ich!
Es dauerte, bis mein Herz nicht mehr so schnell klopfte. Der Platz neben mir war leer, und da kam mir Bertha in den Sinn. Ich streckte mein rechtes Bein und den rechten Flügel nach hinten, dann mein linkes Bein und den linken Flügel. Schließlich sah ich mich nach allen Seiten um. Hühner, Hühner, Hühner – und alle sahen gleich aus: braun. Nur hatten manche weniger Federn. Und je weniger Federn man hatte, desto öfter hackten die anderen auf einem herum. Manche Kämme waren zu lang. Sie hingen zu einer Seite herunter und bedeckten das Auge. Bertha konnte ich nirgends entdecken. Warum hatte sie nicht auf mich gewartet?
Da hinten kam gerade der Einsammler durch die Tür. Entweder war er heute früh dran, oder ich hatte viel länger geschlafen als sonst.
Der Einsammler ging langsam durch den Gang und schaute nach links und nach rechts. Manche Tote entdeckte er erst später, wenn sie schon nicht mehr wie richtige Hühner aussahen. Die Toten auf der höchsten Ebene und diejenigen, die weiter hinten lagen, fand er überhaupt nicht. Er nahm aber nicht nur die toten, sondern auch die halb toten Hühner mit, die nur still dalagen.
Ich lief die Rampe hoch und flatterte dann auf die höchste Ebene zu den Ablagekabinen. Von hier aus beobachtete ich ihn weiter. Diesmal war es der Kleinere. Die Hühner stoben vor ihm weg. Noch hatte er keine Toten gefunden. Er sah sich genauer um. Seine Stirn legte sich in Falten.
Jetzt beugte er sich in eine Ebene gegenüber und musterte ein Huhn. Es sah ganz normal aus, nur waren seine Augen geschlossen. Ich hatte auch noch nie ein totes Huhn mit offenen Augen gesehen. Wenn das Leben zu Ende ging, schienen wir uns von der Welt abzugrenzen, indem wir die Augen schlossen. Ich beugte mich vor. Aber von hier aus konnte ich nicht erkennen, ob es Bertha war. Ich flatterte rüber und landete direkt neben der Toten. In dem Moment wurde das Huhn aber schon an mir vorbeigezogen. Der Mann drehte sich um und warf den Körper in den Eimer. Ich ging ein Stück vor und blickte hinunter. Das Huhn war auf der Seite gelandet. Sein Gefieder war zwar ausgedünnt, aber es war auf der rechten Seite nicht ganz so federlos wie Bertha. Der Mann ging weiter, und ich zwängte mich an den anderen vorbei und lief ihm hinterher.
Es dauerte lange, bis er durch war. Bei jedem Körper hatte ich Bertha aber ausschließen können. Der Mann kehrte um, ging durch die große Tür, weiter durch den Vorraum (man konnte den Raum sehen, weil er nur durch ein Gitter abgetrennt war) und verschwand durch eine weitere Tür. Ich war ziemlich geschafft, aber auch froh: Bertha musste noch hier sein.
Bei den Wasserspendern fand ich einen freien Platz. Ich streckte meinen Kopf nach oben und drückte meinen Schnabel gegen den kalten Metallstift. Als es tröpfelte und das Wasser mir den Hals hinunterrann, kam mir auf einmal in den Sinn, dass die schwachen Hühner, die nicht mehr aufrecht stehen konnten, gar nicht mehr an das Wasser herankamen. Auch die Hühner, die nicht mehr auf eine andere Ebene – da pickte mir jemand in die Seite.
Ich drehte mich um. War es das Huhn von vorhin? Meine Halsfedern plusterten sich auf. Das streitlustige Huhn ließ sich davon nicht beeindrucken. Es sprang mich an, riss den Schnabel auf und versuchte, mich am Nacken zu packen. Vorhin hatte ich gemerkt, dass in die Füße zu picken erfolgreich war, also versuchte ich es noch einmal. Doch kaum hatte ich mich hinuntergebeugt, trat mir das Huhn von oben auf den Kopf. Meine Schnabelspitze knallte auf den Boden. Was für ein Schmerz! Ich sah nur noch schwarze Punkte, riss mich aber zusammen und pickte blind auf die Beine des Huhns ein. Einmal hatte ich wohl auch getroffen, denn ich hörte ein lautes Gackern. Allmählich lichteten sich die Punkte, und ich stellte fest, dass das Huhn sich verzogen hatte.
Neben mir tauchte ein anderes Huhn auf, und ich wollte Bertha gerade fragen, wo sie denn gewesen sei, als ich erkannte, dass dieses Huhn ganz anders aussah. Es nickte anerkennend und gackerte: »Recht so. Der hast du’s aber gegeben.« Dann watschelte es gemächlich davon.
Ich sah dem Huhn noch lange hinterher. Zwar war ich immer noch benebelt, aber die anerkennenden Worte bauten mich auf. Ich ging durch die Ebene und rannte die Rampe hoch bis nach ganz oben.
Die Einzelkabinen reihten sich endlos aneinander. Vor jeder Kabine hingen zwei dicke grüne Matten als Vorhänge. Ich steckte meinen Kopf hindurch. Die Kabine war leer, und ich ging hinein. Es fühlte sich jedes Mal komisch an, wie diese glatten Gummimatten dabei an mir entlangstrichen.
Der Boden war hier etwas weicher und leicht schräg. Hinten reichten große Metallzacken fast bis zum Boden, ein Ei passte aber noch darunter hindurch.
Ich drehte mich mit dem Rücken zu den Zacken, stellte mich breitbeinig hin und presste. Das Ei hatte mir schon die ganze Zeit schwer im Unterbauch gelegen. Die Eispitze war jetzt schon an der Luft. Ich ging in die Hocke, atmete tief ein und presste noch stärker. Endlich flutschte das Ei aus meiner Kloake raus und rollte weg.
Erleichtert legte ich mich hin und schlummerte fast ein. Bertha!, schoss es mir auf einmal wieder durch den Kopf. Ich erhob mich und verließ die Kabine.
Vor einigen Kabinen standen Hühner und verkündeten ihre geglückte Ei-Ablage. Das animierte andere Hühner zum Mitgackern. Ich sah in die Nachbarkabine. Dort saß ein Huhn und gackerte mich wütend an, dass ich es in Ruhe lassen solle. Schnell zog ich meinen Kopf wieder heraus und ging weiter. In die nächste Kabine schaute ich jetzt etwas vorsichtiger. Sie war leer. Es wiederholte sich: leer, ein wütendes Huhn, ein Huhn, das gerade presste und mich nicht bemerkte, leer, ein Huhn, das gerade ein Ei gelegt hatte.
In einer Kabine entdeckte ich ein schlafendes Huhn. Ich zog meinen Kopf wieder heraus und war schon auf dem Weg zur nächsten Kabine, als ich stehen blieb und umdrehte. Dieses Huhn wollte ich mir doch noch mal genauer ansehen. Ich drückte mich durch die Vorhänge und ging hinein. Es war eng, fast berührte ich das Huhn. Die Augen waren geschlossen, der Körper hob und senkte sich nicht. Nein, das war nicht Bertha. Ich wollte aber sichergehen und streckte meinen Hals an dem Körper vorbei. An der rechten Seite war das Huhn ziemlich kahl. Mir entfuhr ein entsetztes Gackern. Ich trat einen Schritt zurück und starrte weiter auf das schlaffe Huhn. War es etwa doch Bertha? Ein Gesicht sah mit geschlossenen Augen ganz anders aus. Zur Sicherheit hackte ich dem Huhn gegen den Kopf, aber es rührte sich nicht.
Ich gackerte, obwohl mir klar war, dass das Huhn mich nicht mehr hören konnte: »Hey, wach auf!« Und nach einer Weile gackerte ich: »Hey, steh schon endlich auf! Ich will ein Ei legen!« Nichts geschah, und schließlich verließ ich den Raum wieder. Ich hoffte, dass sich in der Kabine etwas veränderte, wenn Zeit vergangen war. Aber als ich den Raum wieder betrat, hatte sich nichts verändert. Ich streckte meinen Kopf vor, sah auf den Rücken, schaute dann weiter zu dem Schwanzgefieder, das kaum mehr vorhanden war.
Ich biss das Huhn in die Ohrscheibe und zog, aber es blieb regungslos. Es lebte wirklich nicht mehr. Welches Huhn würde sich denn schon fast die Ohrscheibe abreißen lassen, ohne einmal aufzugackern?
Alles um mich herum wirkte gedämpft, als hätte man mir etwas in die Ohren gestopft. Nicht nur in die Ohren, sondern als hätte man alles um mich herum vollgestopft. Als wäre kein Raum mehr vorhanden – und auch keine Zeit.
Jemand zog an meinen Schwanzfedern, die unter dem Vorhang bis in den Gang ragten. Wie immer, wenn an diesen Federn gerissen wurde, durchzog der Schmerz meinen ganzen Rücken. Ich presste den Schnabel zusammen. Die erste Schwanzfeder war ausgerupft. Die Feder gehörte nicht mehr zu mir. Da schien jemand Gefallen am Rupfen gefunden zu haben, denn nun ging es mit einer anderen Schwanzfeder weiter. Der Schmerz wurde fast unerträglich, aber ich verhielt mich ruhig. Ich wollte den Schmerz spüren, er brachte mich wieder zurück in die normale Welt.
Irgendwann wurde es mir dann doch zu viel. Nicht zu viel Schmerz, aber zu viel Gehässigkeit. Ich war schließlich noch nicht tot. Man konnte nicht alles mit mir machen! Ich sprang auf, drehte mich um und schnellte durch die Matten. Eine Henne sah mich entsetzt an. Ich pickte ihr fast ins Auge. Sie konnte sich gerade noch wegdrehen und flatterte nach unten. Dort verfolgte ich sie weiter. Ich sprang ihr auf den Rücken und biss ihr in den Nacken. Sie drehte sich um, und wir kämpften flügelschlagend und mit offenen Schnäbeln. Ich flatterte hoch und trat sie. Sie kippte um, stand wieder auf und rannte weg. Ich wollte sie nicht entkommen lassen, aber das Gedränge war zu groß. Ich verlor sie.
Neben mir war ein Metallpfeiler und nicht Bertha. Ich gehörte nun zu denjenigen, die niemanden hatten.
In der dunklen Phase konnte man die anderen Hühner nicht so gut erkennen. Auf allen Ebenen waren sie dicht gedrängt. Man konnte mit Tausenden zusammengepfercht und trotzdem allein sein. Allein. Niemand von ihnen scherte sich um mich. Keiner würde mich vermissen und nach mir suchen. Keiner würde mich aufmunternd anstupsen. Ich würde schlafen, aufwachen, trinken, essen, ein Ei legen, mich verteidigen, schlafen, aufwachen. Was sollte ich tun? Für mich konnte ich nichts tun, aber für Bertha. Ich musste sie aus der Kabine zerren, bevor der Einsammler kam, denn da suchte keiner nach toten Hühnern.
Bertha wollte mit mir zu den Ablagekabinen gehen. Ich konnte mich aber nicht rühren. So stark ich mich auch bemühte, aufzustehen – es ging nicht, und sie taperte ohne mich davon. Ich rief ihr hinterher, sie solle warten, aber sie hörte mich nicht mehr. Das laute Gegackere der anderen übertönte meine Rufe. Als sie nicht mehr zu sehen war, durchspülte mich die Verzweiflung. Das kann doch alles gar nicht sein, dachte ich, das träumst du doch nur. Du musst aufwachen, wach auf! Und als ich dann wirklich aufwachte, war der Traum vorüber, aber alles blieb wahr.
Überall lagen schlafende Hühner, schemenhaft, schablonenhaft. Im Schlaf sahen sie so unschuldig aus, nicht wie zänkische Furien. Wollte nicht jeder in Frieden leben? Niemand wollte ständig gepickt werden. Warum taten Hühner das also einander an?
Ich drückte mich von der Stange hoch, sprang auf die Ebene und lief an den vielen Körpern vorbei, die da zusammengesackt lagen und atmeten. Manche schnauften, manche schnarchten. Vielleicht träumten sie von einer Vertrauten.
Auf dem Gang vor den Kabinen lagen sie ebenfalls dicht aufgereiht. Viele schliefen am liebsten auf der obersten Ebene. Einige stieß ich aus Versehen an. Sie öffneten ihre Augen, starrten kurz vor sich hin und sackten gleich wieder in den Schlaf.
Ich wusste nicht mehr so genau, wo das tote Huhn lag, von dem ich hoffte, dass es nicht Bertha war. In der dunklen Phase konnte man noch weniger sehen. Wenn ich durch die Gummimatten hindurchlugte, erkannte ich nur, dass da ein Huhn lag. Aber was sollte da auch sonst liegen? Dann kam mir die Idee, zu prüfen, ob es atmete oder nicht.
In einer Kabine bewegte sich nichts. Es war ganz sicher das tote Huhn. Ich ging hinein, setzte mich und schlief ein.
Als ich aufwachte, lag sie noch genauso da. Ihr toter Körper zeigte mir, was ich verloren hatte: alles.
Ich stand auf, beugte mich vor und griff sie am Nacken. Sie roch nun ganz anders, nicht nach Bertha. Es war seltsam, sie in meinem Schnabel zu spüren. Stück für Stück ging ich rückwärts, an meinen Schwanzfedern spürte ich die Gummimatten. Ich zerrte weiter und war schon durch den Vorhang. Bertha befand sich zum größten Teil noch dahinter. Kurz hielt ich inne. Schließlich gab ich mir einen Ruck und zog sie heraus.
Ich ließ von ihrem Nacken ab, lief hinter sie, drückte meinen Kopf an ihren Hintern und schob sie nach vorn. Beim Schieben spürte ich etwas Hartes. Es war ein Ei, das noch in ihrem Legedarm steckte. Ich richtete mich auf und sah woandershin. Bertha war an Legenot gestorben. Stundenlange Krämpfe, ständiges Pressen, und das Ei war trotzdem nicht herausgekommen.
Denk nicht daran!, sagte ich mir. Tu, was zu tun ist! Ich beugte mich wieder hinunter, schloss die Augen und drückte meinen Kopf gegen eine Stelle neben ihrer Kloake. Ich schob sie immer weiter, bis ihr Körper über den Rand glitt und ich keinen Widerstand mehr spürte. Dann streckte ich meinen Hals vor und sah ihr nach. Sie fiel an allen Ebenen vorbei. Aufgeschreckte Hühner flatterten hoch, als ihr Körper aufschlug. Staub wirbelte auf, eine Zeit lang war die Sicht getrübt.
Da lag sie nun. Sie war so gefallen, dass ihre kahle rechte Seite oben lag. Als wollte sie mir den allerletzten Zweifel nehmen. Ich flatterte nach unten. Durch den Sturz hatte sich ihr Schnabel etwas geöffnet. Der offene Schnabel war besonders schlimm für mich. Als ich so reglos vor ihr stand und sie ansah, hätte ich am liebsten hilflos gepiepst wie ein Küken.
Eben noch war Platz gewesen, weil die Hühner auseinandergestoben waren. Jetzt aber kamen sie wieder und schauten neugierig, als hätten sie noch nie ein totes Huhn gesehen. Seltsamerweise hatte ich mir nie Gedanken über die Toten gemacht. Sie lagen einfach da, wurden angepickt, und wenn sie sich an gut einsehbaren Stellen befanden, wurden sie eingesammelt. Dann lagen irgendwann wieder andere tote Hühner herum. Es war mir nie in den Sinn gekommen, dass diese Hühner zu jemandem gehört hatten und dass dieser Jemand jetzt allein war. Ich hatte nicht gewusst, dass Hühner anderen Hühnern etwas bedeuteten. Für mich war es normal gewesen, dass Bertha da gewesen war. Ich hatte nicht gewusst, dass sie mir etwas bedeutet hatte.
Ein Huhn beugte sich hinunter und pickte ihr testend in den Nacken. Ich sprang hoch und stieß das Huhn zurück. Verdattert rannte es weg und rempelte dabei andere Hühner an, die jetzt verärgert gackerten. Ich war voller Wut. Wut füllte einen doch viel besser aus als Verlassenheit. Wut konnte man wieder rauslassen. Gegen Verlassenheit hingegen konnte man nichts tun. Sie drang immer tiefer ein bis in die Eingeweide.
Ich sah in die Gesichter der Schaulustigen und lief drohend auf ein Huhn zu, das zu nah an Bertha stand, aber es wich zurück und gab mir zu verstehen, dass es keinen Streit wollte. War noch jemand auf Ärger aus? Manche Hühner starrten weiter von den Ebenen herunter. Andere hatten sich schon wieder abgewendet. Sie putzten sich das Gefieder, als wäre nie etwas passiert.
Heute dauerte es lange, bis der Einsammler kam. Irgendwann ging die Gittertür aber endlich auf, und er sah sich um. Diesmal war es der Größere. Die Hühner auf dem Boden stoben zur Seite. Er entdeckte ein totes Huhn und warf es in den Eimer.
Langsam kam der Einsammler näher, bis er vor Bertha stehen blieb. Ich war nicht wie die anderen davongelaufen. Er beugte sich herunter und sah mich an. Ich rührte mich noch immer nicht. Als er nach Berthas Beinen griff, gackerte ich laut. Er ließ sie sofort wieder los und stand eine Weile nur da. Dann nahm er ihren Körper zwischen beide Hände und legte sie behutsam in den Eimer. Schließlich warf er mir einen kurzen Blick zu, richtete sich wieder auf, nahm Eimer und Schaufel und ging weiter.
Als er weg war, kamen die anderen Hühner zurück, und der Platz füllte sich wieder. Durch das Getrampel wurde alles aufgewirbelt: Staub, Schmutz und viele abgefallene, kleine Daunenfedern.
Meinem Körper fehlte jede Spannung, irgendwie war ich nicht mehr in mir. Während ich mich durch die Hühnermassen quetschte, überlegte ich, was ich tun könnte, um wieder in mir zu sein. Ich ging in die Knie und flatterte hoch. Das Flügelschlagen war anstrengend, so konnte ich mich aber wieder spüren und flatterte von Ebene zu Ebene bis nach ganz oben. Dort kam ich ziemlich geschafft an und merkte auch schon, wie es in meinem Unterleib zog. Zum Glück fand ich schnell eine leere Kabine. Kaum war ich drin, wurden die Krämpfe stärker. Ich drehte mich um, hockte mich breitbeinig hin und drückte. Das Ei wollte nicht herauskommen, mein ganzer Körper tat schon weh, sogar mein Kopf, und mir kam in den Sinn, ich ende jetzt so wie Bertha. Nein, das Ei musste raus, ich richtete mich auf, drückte meinen Po nach unten und presste weiter. Nach einer Ewigkeit glitt das Ei endlich durch die Kloake, und ich war erleichtert. Dann fiel mir ein, dass ich es doch behalten wollte, dieses Ei, das durch mich hindurchgewandert war. Es sollte mir Gesellschaft leisten. Als ich mich umdrehte, sah ich aber nur noch, wie es unter den Metallzacken hindurchkullerte und schließlich verschwand.
Ich drehte mich wieder nach vorn und starrte gegen die grünen Gummimatten. Innen und außen tat mir alles weh. Das Leben war zu zweit schon schwer genug gewesen. Bertha und ich waren ständig angegangen worden. Ganz allein würde ich es hier nicht mehr lange machen. Ich würde so enden wie die anderen einsamen Hühner.
In unserer Hühnervorstellung bestand die Welt aus drei Ställen: dem Kükenstall, Stall 2, in dem wir uns gerade befanden, und Stall 3. Alle Hühner in Stall 2 – jedenfalls fast alle – meinten, dass wir unbedingt durchhalten müssten, denn später in Stall 3 würde alles besser werden. Nur einige Pessimisten behaupteten, es gäbe gar keinen dritten Stall.
Welche Möglichkeiten hatte ich?
1)Ich könnte warten, bis wir alle in Stall 3 gebracht würden.
2)Ich könnte mich tot stellen und herausfinden, wohin die toten Hühner gebracht wurden.
3)Ich könnte versuchen zu entkommen. Ich würde dann entweder in den Kükenstall oder in Stall 3 gelangen.
Dann ging ich diese drei Möglichkeiten durch:
1)Ich wusste nicht, wann wir in Stall 3 kamen. Würde ich so lange durchhalten?
2)Ich wollte nicht in dem Eimer mit den Toten liegen. Beim Fallen durfte ich mich ja nicht mal mit den Flügeln abstützen, sonst bekam ich noch eins mit der Schaufel über den Kopf, weil ich noch eine Regung zeigte.
3)Die beiden anderen Ställe waren sicherlich angenehmer als Stall 2. Im Kükenstall würde ich mich als ausgewachsenes Huhn besser gegen Küken behaupten können, und in Stall 3 sollte sowieso alles besser sein.
Mir fiel noch eine weitere Möglichkeit ein, sozusagen 2a): Ich könnte mich anstatt tot einfach halb tot stellen. Dann würde der Einsammler mir mit der Schaufel auf den Kopf schlagen, und alles würde schwarz werden. Das schien mir am einfachsten. Ich müsste mich nur in den Weg legen und ein wenig blinzeln. Dafür müsste ich noch – ein Huhn lugte auf einmal durch die Gummimatten. Wir starrten uns eine Weile an. Dann gackerte es: »Ach, hier ist besetzt. Mach weiter!«
Das Huhn zog seinen Kopf wieder aus der Kabine, aber ich starrte noch lange gegen die Matten, als würde es dadurch wiederkommen. Es hatte so freundlich gewirkt, und es hatte gesagt: »Mach weiter!« Sicherlich hatte es gemeint, dass ich mich weiter aufs Eierlegen konzentrieren solle, aber man konnte es auch anders verstehen. Auf einmal war mir klar, dass ich mich für die dritte Möglichkeit entscheiden würde, die mit Abstand schwierigste. Soweit ich wusste, war das bisher noch nie einem Huhn gelungen: aus Stall 2 zu entkommen.
Das Licht wurde dunkler, und vor den Kabinen kehrte Ruhe ein. Jetzt konnte ich besser denken. Ich versuchte, die Schmerzen zu ignorieren, und überlegte mir einen Plan.
Am nächsten Morgen stellte ich mich in die Nähe der Gittertür. Manche Hühner waren auf Streit aus, weil das ihr Revier war. Ich duckte mich und verhielt mich unterwürfig. Bloß kein Aufsehen erregen. Dann war es so weit. Ich hockte mich hin, und es klappte auch: Diesmal flutschte das Ei problemlos heraus – mitten auf den Gang. Damit es niemand sah, blieb ich darauf sitzen. Wieso hatte ich das denn nicht schon immer so gemacht? Einfach woanders mein Ei abgelegt anstatt in diesen Kabinen? Hier kullerten die Eier nicht weg.
Nach langer Wartezeit kam endlich der Einsammler in den Vorraum. Es war leider nicht der Nette, der Bertha mitgenommen hatte. Schnell lief ich zur Gittertür.
Die Tür ging auf, der Mann trat in den Stall und blieb stehen. Auf dem Boden vor ihm lag mein Ei. Er stutzte, und ich huschte unbemerkt in den Durchgangsraum. Hier waren Eimer und andere Gegenstände abgestellt. Ich blickte wieder zu dem Mann. Er hatte nichts gemerkt, beugte sich herunter, hob das Ei auf und steckte es sich in die Jackentasche. Ohne sich umzusehen, drückte er die Tür zu und begann mit der Totensuche.
Ich schob einen leeren Eimer neben die andere Tür und sprang hinein. Einige Hühner hatten sich früher schon in Stall 2 gut versteckt. Sie glaubten nicht an Stall 3, und als alle weggebracht wurden, verkrochen sie sich und blieben unentdeckt. Nachdem wir neuen Hühner angekommen waren, versteckten sie sich noch eine Zeit lang, wenn Menschen in den Stall kamen, und irgendwann sahen wir Junghennen genauso aus wie diese Hühner, die schon länger da waren: verhärmt, mit vielen kahlen Stellen.
Mein Herz pochte mir bis zum Kropf, aber es beruhigte sich langsam, denn ich sah nur noch die graue Eimerwand vor mir. Irgendwann ging die Gittertür endlich auf. Ich hörte die Schritte des Einsammlers. Er blieb direkt neben mir stehen und schloss die äußere Tür auf. Das dauerte etwas, weil er noch Eimer und Schaufel in der anderen Hand hielt. Heute hatte es viele Tote gegeben, der Eimer war voll bis über den Rand. Er musste aufpassen, dass die gestapelten Körper nicht herunterfielen. Kaum stand die Tür einen Spalt weit offen, flatterte ich schon aus dem Eimer und an seinen Beinen vorbei – aber vor mir sah ich noch so einen Durchgang, bloß viel länger.
Hier war alles leer, ich entdeckte nur eine weitere Tür. Ich war gefangen. Der Mann fluchte. Er ließ die andere Tür hinter sich zufallen. Eimer und Schaufel stellte er ab. Dann kam er mit fuchtelnden Armen auf mich zu, und ich lief panisch hin und her.
Schließlich hatte er mich in eine Ecke gedrängt, und als ich an ihm vorbeiwollte, bekam er mich zu fassen. Ich pickte ihm in die Hand, und er verfluchte mich, obwohl ich durch seine Gummihandschuhe gar nicht hindurchkam.
Nun erwartete ich das Schlimmste: dass er mich in Stall 2 zurückbrachte. Aber er packte meine Beine und hielt mich kopfüber fest. Dann ging er zurück und holte Eimer und Schaufel.
Es fühlte sich komisch an, so nach unten zu hängen. Die Welt war umgedreht, ich baumelte hin und her. Meine Füße zeigten nach oben in die Luft, mein Kamm hingegen schwebte dicht über dem Boden. Ich hoffte, der Einsammler würde mich nicht fallen lassen. Er ging mit mir weiter bis zur nächsten Tür und öffnete sie.
Wir mussten nun in Stall 3 sein, denn den Kükenstall hätte ich wiedererkannt. Als er über den Hof ging, schwankte der Eimer, und ich sah (auch wenn die Welt nun verkehrt herum war), dass ein Huhn, das ganz oben lag, herunterfiel. Der Einsammler fluchte, setzte den Eimer ab und bückte sich. Dabei musste er seinen Griff gelockert haben, denn die Schaufel und auch ich rutschten ihm aus der Hand. Er schnappte sofort nach mir, aber ich war schon wieder auf den Beinen und rannte davon. (Später vermutete ich, dass er nicht ganz nüchtern gewesen war, denn er hatte nach vergorenen Kirschen gerochen, nur nicht so süß.)
Er lief mir hinterher, und ich raste panisch im Zickzack weiter. Irgendwann sah ich einen Zaun vor mir und dachte, jetzt kriegt er mich. Aber dann drückte ich mich vom Boden ab und flatterte auf die andere Seite. Der Einsammler blieb hinter dem Zaun stehen und brüllte mir mit erhobener Faust noch lange hinterher.
Was der Einsammler brüllte, hatte ich nicht verstanden, aber ich hatte begriffen, dass er sehr wütend war. Wut spürte man einfach. Vielleicht war Wut das Einzige, was wirklich alle gemein hatten.
Nachdem ich lange Zeit nur geradeaus gelaufen war, blieb ich endlich stehen und sah mich um. Das hier war also der gelobte Stall 3. Er war noch größer, als ich ihn mir vorgestellt hatte. Das Gerücht stimmte also: Wir alle würden mehr Platz haben. Aber gleich so viel? Hatte jedes Huhn so viel Platz, dass es die anderen Hühner gar nicht mehr sah? Ich konnte nämlich kein einziges entdecken. Wasserspender sah ich auch keine. Und die Kabinen zum Eierablegen? Wo sollten die denn sein?
Ich drehte mich um. Das große Gebäude da hinten musste Stall 2 sein. Er befand sich demnach in Stall 3?
Unter meinen Füßen bemerkte ich jetzt grüne Stoppeln. Ich musste schon die ganze Zeit auf ihnen gelaufen sein. Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, merkte aber nach ein paar weiteren Schritten, dass sie völlig ungefährlich waren. Sie fühlten sich sogar weich und angenehm an.
Ich wusste nicht, wohin. Klar war nur: ganz weit weg. Der Einsammler durfte mich nicht finden.
Unterwegs sah ich seltsame Gebilde mit vielen Armen und grünen Federn. Ich lief schnell an ihnen vorbei. Insgeheim spürte ich aber, dass sie mir nichts tun wollten.
Irgendwann musste ich kurz stehen bleiben und verschnaufen. Dabei fiel mir auf, dass die Luft hier in Stall 3 viel besser war. Es schwebte nicht so viel Staub herum, der in den Schnabellöchern und im Hals brannte. Es stank nicht nach Kacke (es heißt ja, dass man Gestank nach einiger Zeit nicht mehr rieche, aber bei mir war das nicht so). Diese vollkommen neuen Gerüche behagten mir. Es roch würzig und frisch. Die Umgebung war bunt: blau, grün, braun, gelb, weiß, rot. Nun fiel mir auch auf, dass das Licht anders war, nämlich viel heller. Ich sah nach oben. Da waren keine langen Röhren, sondern nur ein einzelnes rundes Licht. Es war so hell, dass ich, wenn ich es direkt ansah, schnell die Augen schließen musste. Mir kam es aber so vor, als könnte ich das Licht auch mit geschlossenen Augen spüren, als würde es mein Gesicht und meinen Körper wärmen.
Plötzlich bemerkte ich schon wieder etwas Seltsames. Diese Wesen ähnelten den Gebilden mit den dünnen Armen und den grünen Federn, aber sie waren noch viel größer. Ihre Arme befanden sich ganz oben, unten war eine dicke, braune Stange. Obwohl ich noch nie Bäume gesehen hatte, wirkten sie ebenfalls nicht gefährlich. Im Gegenteil – irgendwie strahlten sie Ruhe aus.
Inzwischen war mir ziemlich warm geworden. Ich spreizte die Flügel, hechelte durch den Schnabel und ging zu einem der Bäume. Darunter schien es kühler zu sein.
Ich sah hinunter zu meinen Füßen und scharrte. Den Drang danach hatte ich schon immer verspürt, aber nun merkte ich, dass der Boden hier genau richtig fürs Scharren war. Er fühlte sich nicht hart und glatt an, sondern weich und krümelig. Ich scharrte immer weiter, so viel Spaß machte mir das. Die Erde flog in hohem Bogen davon, und vor mir entdeckte ich auf einmal kleine weiße Kugeln. Ich pickte eine auf. Sie war delikat und cremig! Ich pickte auch die anderen Kugeln auf. Mit dem Schnabel wühlte ich noch etwas in der Erde, aber es war wirklich nichts mehr zu finden. Müde legte ich mich hin und schlief ein.
Als ich über mir ein Piepsen hörte, öffnete ich die Augen und fragte mich, wo ich war. Ich sah mich um. Dann fiel es mir wieder ein: Du bist doch in Stall 3! Aber was piepste da? Es klang ungewohnt melodisch und kam von oben. Da saß ein Küken. Es schaute neugierig zu mir herunter und drehte einige Male fragend seinen Kopf. Sein Bauch war gelb und der Kopf blau. Wie war es bloß so weit nach oben gelangt?
Ich gackerte: »Wieso bist du nicht im Kükenstall? Bist du auch geflohen?«
Das Küken schaute mich an, als wüsste es nicht, was es von mir halten sollte, und flatterte weg – und wie es flatterte! Es bewegte die Flügel gar nicht so häufig, zwischendurch glitt es wie eine Feder durch die Luft. Hoch hinauf ins Blaue flog es und immer weiter, bis ich es nicht mehr sehen konnte.
Während ich weiterlief, grübelte ich, wie es kam, dass ein Küken so gut fliegen konnte – besser als jedes erwachsene Huhn. Kein Wunder, dass es aus dem Kükenstall entkommen war.
In diesem Stall gab es viel Abwechslung. Jetzt liefen große brummende Tiere vorbei. Sie hatten keine normalen Beine wie wir, sondern vier runde. Irgendwann entdeckte ich Menschen. Ich hoffte, dass sie dem Einsammler nicht Bescheid gaben, wo er mich finden konnte.
Ich ging nun über eine harte graue Fläche, was nicht so angenehm war. Aber die grünen Flächen lagen jetzt hinter Zäunen. Es wurde immer heißer. Langsam wurde mein Hals trocken, es kratzte schon. Ich hoffte, bald auf einen Wasserspender zu stoßen.
Auf einmal stand etwas vor mir und starrte mich an. Die Augen waren wie beim Menschen nach vorne gerichtet. Das Tier war aber kein Mensch, sondern schwarz und flaumig wie ein Küken, so groß wie ich, aber nach hinten länger. Es hatte vier Beine und einen runden Kopf. Plötzlich riss es sein Maul auf und fauchte mich an.
Panisch rannte ich seitlich ins Grün. Die dünnen Arme der Sträucher bedrängten mich, aber das war mir egal. Ich zwängte mich trotzdem hindurch und ließ dabei bestimmt einige Federn. Dann ging es auf einmal nicht mehr weiter. Vor mir befand sich ein enges Gitter. Ich lief an diesem Gitter entlang, bis ich an einer Stelle ein Loch entdeckte, durch das ich hindurchpasste.
Hier musste ich mich noch durch weitere grüne Gebilde zwängen, bis ich schließlich auf einer Fläche aus grünen Stoppeln stand. Ich sah mich um, ob das Monster mir gefolgt war.
»Bist du in der Mauser?«, hörte ich und zuckte zusammen. Ich drehte meinen Kopf zurück. Vor mir stand ein Huhn.
Worin hatte sich das Huhn bloß gewälzt? Es war ja voller weißer Flecken. Sein Gefieder war aber ungewöhnlich dicht. Dem Huhn schien keine einzige Feder zu fehlen. Bei so einem perfekten Gefieder war das Huhn sicherlich bösartig. Das Huhn wendete seinen Kopf, um mich mit seinem rechten Auge besser mustern zu können. Dann drehte es seinen Kopf wieder nach vorn und richtete beide Augen auf mich.
»Es ist Sommer«, gackerte das seltsame Huhn weiter. »Wie kann man jetzt schon in der Mauser sein?«
Obwohl ich so aufgeregt war, spürte ich wieder meine trockene Kehle. Ich starrte verlegen zu Boden und sah wieder hoch. »Wo ist Wasser?«, krächzte ich.
Das seltsame Huhn lief nach rechts und dann geradeaus, da war so etwas wie ein flacher Eimer.
»Komm!«, rief es.
Vor dem Eimer blieb ich stehen. Da war wohl wirklich Wasser drin, aber nicht in Tröpfchen, sondern in einer Form, wie ich es noch nie gesehen hatte. Wie sollte man das denn trinken?
Das Huhn steckte seinen Schnabel in die Oberfläche, hob den Kopf wieder, streckte ihn in die Höhe und klappte seinen Schnabel einige Male schnell auf und zu.
Als ich meinen Schnabel ebenfalls in das glatte Nass stecken wollte, war da aber ein Huhn! Ich sprang zurück.
»Das bist du selbst«, hörte ich das seltsame Huhn sagen. »Du benimmst dich ja wie ein Küken!«
Also schob ich meinen Kopf vorsichtig über die Schüssel und betrachtete mich dann lange. Nach einer Weile merkte ich wieder, wie ausgetrocknet mein Hals war. Ich steckte meinen Schnabel ins Wasser. Brrr, war das kalt! Erschrocken zog ich ihn wieder heraus. Ich wollte mir aber keine Blöße geben, also schluckte ich mein Entsetzen hinunter und tunkte meinen Schnabel noch einmal in die Schüssel. Auch diesmal war es nicht gerade schön, aber es fühlte sich wenigstens nicht mehr so kalt an.
Trotzdem wusste ich nicht, wie ich trinken sollte. In Stall 2 waren die Wasserspender immer über unseren Köpfen gewesen, sodass das Wasser direkt in den Schnabel lief. Jetzt aber war es umgekehrt: Ich war oben, und das Wasser war unten. Ich schaute dem anderen Huhn genau zu. Dann öffnete ich meinen Schnabel und tauchte ihn erneut ein, schob den Kopf nach vorne, und das Wasser floss in meinen Unterschnabel wie auf eine Schaufel. Ich schloss den Schnabel und hob meinen Kopf in die Höhe. Ich öffnete und schloss meinen Schnabel. Das klappte wirklich. Das Wasser rann den Hals hinunter. Es schmeckte ganz anders als sonst. Nun steckte ich immer wieder meinen Schnabel in das merkwürdige Nass und trank. Meine Zunge und mein Hals wurden nach und nach befeuchtet, und ich fühlte mich klarer.
»Ich bin übrigens Betty. Betty Blume. Und wer bist du?«, fragte das Huhn.
Ich? Weil meine Freundin in Stall 2 (die ich erst im Nachhinein Bertha nannte) früher gemeint hatte, ich sei mollig (da war ich noch nicht so ausgerupft), antwortete ich: »Ich bin mollig.«
»Molli heißt du also, soso! Welche Rasse fängt denn überhaupt mit M an? Eine Madras bist du jedenfalls nicht, du bist nicht so aufrecht und kämpferisch.«
Was meinte sie? Dieses seltsame Huhn verwirrte mich immer mehr. Betty Blume fuhr fort: »Eine Marans bist du aber auch nicht. Unsere Chefin ist eine Marans.« Sie sah sich nach allen Seiten um und flüsterte: »Sie heißt Madame Maran. Sie lässt hinten das S weg, weil es dann eleganter klingt. Wir nennen sie aber heimlich ›Dickmadam‹, weil sie so fett ist!« Sie lachgackerte leise. Dann wurde Betty Blume wieder ernst, beäugte mich, zuckte mit dem Kopf hoch und runter und streckte ihn vor, als wollte sie mich auch von der Seite begutachten. »Also, Molli wer?«
Worauf wollte sie hinaus? Ich sagte: »Das erzähle ich dir später.« Das war immer eine gute Antwort auf alle Fragen, auf die man keine Antwort wusste.
»Aber nun sag doch endlich mal, warum bist du schon in der Mauser?«, gackerte Betty Blume. »Ich höre die Menschen im Sommer immer sagen, es gebe jetzt schon Lebkuchen und Spekulatius in den Läden und dass es ja auch jedes Jahr früher anfinge mit dem Weihnachtszeug. Aber das ist doch bei der Mauser nicht auch so, oder?«
Sie sprach immer noch in Rätseln. Aber die Hauptsache schien »Mauser« zu sein, also fragte ich sie, wann »hier« die »Mauser« denn üblicherweise sei.
Nun schaute das seltsame Huhn irritiert, senkte seinen Kopf und kratzte sich mit einem Fuß am Hals. Mit »hier« meinte ich diesen Bereich in Stall 3.
Betty Blume hob ihren Kopf und nickte schließlich, als sei ihr etwas eingefallen: »Ach, du bist nicht von hier. Dann kann das natürlich sein, dass du jetzt schon deine Federn verlierst, wenn die kalte Jahreszeit bei euch früher anfängt. Dann musst du ja von ganz weit weg kommen. Ich bin eigentlich auch nicht von hier. Meine Vorfahren stammen aus Schweden.«
Ich versuchte, nicht zu verwirrt auszusehen, und verzog keine Miene. Dann pickte ich auf dem Boden herum, obwohl es da nichts zu picken gab. Dabei reimte ich mir zusammen, dass »Mauser« wohl »Federn verlieren« bedeuten musste. Aber man verlor sie ja nicht einfach so. Die anderen rissen sie einem aus, man musste immer auf der Hut sein. Manche rissen sich auch selbst die Federn aus. Vielleicht musste man auch vor sich selbst auf der Hut sein.
Ich steckte meinen Kopf unter einen Flügel und tat so, als müsste ich mein Gefieder sortieren. Den Schnabel im Gefieder zu haben, beruhigte mich. Ich zog meinen Kopf wieder heraus und fragte: »Bist du schon länger in Stall 3?« Endlich konnte mir ein anderes Huhn hier alles erklären.
Betty Blume drehte sich um und sah zu einem rotbraunen Ding hinüber. In der Mitte war ein durchsichtiges Rechteck, als wäre dort Wasser.
»Wieso Stall 3?«, fragte sie.
»Ach, nichts«, sagte ich. Ich wollte ihr nicht verraten, dass ich aus Stall 2 geflohen war.
Betty Blume sah mich aber immer noch verständnislos an, dann blickte sie wieder zu dem rotbraunen Ding hinüber.
»Komm mit«, sagte sie und marschierte los.
Sie lief vor mir eine Rampe hoch und schlüpfte hinein. Als ich in das merkwürdige Ding hineinlugte, stellte ich fest, dass dies auch ein Stall war – nur viel kleiner. Ich trat ein und schaute mich um. Von außen drang Licht durch das Rechteck, das wie Wasser ausgesehen hatte. An der gegenüberliegenden Seite war auch noch eines. Unten lagen irgendwelche Stoppeln, sie hatten aber eine andere Farbe als die grünen von vorhin und fühlten sich etwas härter an. Ebenfalls unten befanden sich die Ablagekabinen, aber hier waren es nur zwei und keine endlose Reihe. Die grünen Gummimatten fehlten. Endlich verstand ich: Stall 3 war so groß, dass es darin kleinere Ställe gab.
In einem Behälter entdeckte ich etwas Essbares und bediente mich. Es schmeckte so ähnlich wie das Futter, das ich kannte. Aber hier waren die Stücke größer. Ich war so ins Picken vertieft, dass ich das Hereinkommen des anderen Huhns gar nicht bemerkte. Plötzlich hackte mir jemand gegen den Kopf.
»Das ist MEIN Futter!«, hörte ich.
Ich wich sofort zurück, aber die Henne sprang mich an. Ich wusste nicht, wie mir geschah, wehrte mich mit den Flügeln, kam aber nicht so richtig gegen sie an. Sie hatte ein dunkles Gefieder, einen harten Flügelschlag und einen sehr spitzen Schnabel. Ihre Halsfedern sträubten sich. Als sie mir schon wieder gegen den Kopf picken wollte, gelang es mir, sie in den Fuß zu hacken. Sie gackerte laut auf und zog sich zurück, aber nicht ganz. Sie baute sich wieder vor mir auf, spreizte ihre Schwanzfedern und hob ihre Flügel. Sie schimpfte: »Wer bist du überhaupt?«
Ich antwortete nicht. Stattdessen machte auch ich mich mit meinen Flügeln breiter, als ich war.
»Sie kommt von ganz weit weg«, warf Betty Blume ein.
»Woher?« Das Huhn starrte mich aber dabei weiter an und nicht Betty Blume.
»Sie kommt für Wiona«, meinte Betty, aber das wütende Huhn beachtete sie gar nicht mehr.
Es musterte mich abschätzig von oben bis unten. »Wie siehst du überhaupt aus?« Es rümpfte den Schnabel über so viel Hässlichkeit und kam schon wieder einen Schritt auf mich zu. »Wie können die Otterpohls uns nur so ein Huhn reinsetzen! Du bist doch krank! Verschwinde!«
Sie startete Scheinangriffe, blieb aber auf Abstand. Was war das doch für ein Biest! In Stall 2 hatte es zwar auch solche Furien gegeben, sie waren jedoch nicht viel stärker gewesen als ich. Gegen dieses Huhn würde ich aber niemals ankommen. Es war einfach zu groß und zu kräftig.
»Los«, sagte Betty. »Wir müssen uns verziehen.«
Sie lief aus dem Stall, die Rampe hinunter, quer über den Rasen. Ich folgte ihr die ganze Zeit bis zu einem runden Busch. Er war so dicht, dass man die Äste fast nicht sah, als sei alles eine grüne Masse. An einer Stelle hatte er einen runden Eingang. Im Inneren empfing uns eine große freie Fläche. Hier war es kühl. So abgeschottet in diesem grünlichen Licht fühlte ich mich sicher.
Als Betty Blume sich hinsetzte, lud sie mich mit einem ausgestreckten Flügel dazu ein, es ihr gleichzutun.
Sie sagte: »Das ist mein Wohnzimmer. Leider trinken wir Hühner keinen Tee, sonst hätten wir jetzt Teatime. Das wäre ein schöner Platz dafür, meinst du nicht auch?«
Sie erwartete aber keine Antwort, sondern zupfte an einer Wurzel vor sich, als müsse sie darüber nachdenken, wie sie beginnen sollte. »Das war Madame Maran.« Betty senkte ihre Stimme. »Ich hab doch gesagt: Sie ist die Chefin hier, und das macht sie immer mit den Neuen. Man kann ihr nur aus dem Weg gehen.« Sie drehte ihren Kopf zur Seite und strich eine Feder glatt. »Wie sagt man so schön? Aus den Augen, aus dem Sinn.«
»Was ist eine ›Chefin‹?«, fragte ich.
Betty hob ihren Kopf und sah mich mit großen Augen an. »In jeder Herde gibt es doch eine Chefin!«
Ich verstand immer noch nichts. Und was sollte eine »Herde« sein? Sie fügte hinzu: »Jemand, der das Sagen hat. Der ganz oben steht in der Gemeinschaft. Du weißt doch, dass wir Hühner eine Hackordnung haben. Das ist doch überall so!«
Aber davon wusste ich nichts.
»Du bist ja eine!« Betty sah mich an. »Ich weiß ja nicht, wo du herkommst. Du hast gesagt, von weither. Bei euch müssen die Hühner sehr komisch sein, aber na gut, ich erklär dir alles.«
Ich fragte mich, ob Betty Blume gar nicht aus Stall 2 kam?
»Ganz von Anfang an, als wärst du ein Küken?«, fragte sie. Es war aber wohl keine wirkliche Frage, denn sie schaute mich dabei gar nicht an, sondern starrte vor sich hin. »Von Anfang an also«, wiederholte sie. »Du weißt aber schon, dass du ein Huhn bist?«
Ob sie gleich wohl lauthals lachgackerte? Aber sie blieb ruhig.
»Ich bin kein Huhn!«, antwortete ich, und Betty sah mich an, als sei alles verloren.
»Ich bin doch ein Küken!«, fügte ich hinzu.
Betty Blume stutzte, es ratterte in ihrem Kopf. Dann gackerte sie laut los. »Du bist jedenfalls nicht auf den Schnabel gefallen!«, meinte sie. Überhaupt sei ich ein sehr lustiges Huhn, so schön gelachgackert hätte sie schon seit Langem nicht mehr, und lachgackern sei doch gesund.
Sie überlegte. Mir fiel auf, dass ihr Kamm viel niedriger war als bei anderen Hühnern. »Also …«, fing sie schließlich an.
Sie erzählte: Eine Hackordnung gebe es immer in einer Hühnerherde. Ich solle einfach mal genau nachdenken. Bei mir in der Herde habe es hundertprozentig auch eine Hackordnung gegeben. Es sei wie auf einer Leiter, ein Huhn säße ganz oben und die anderen weiter unten. Je weiter oben, desto besser. Dann könne man auf die unteren einhacken. Bei den Menschen sei es so ähnlich. Nur würden die sich mangels Schnabel nicht picken (sonst würden sie es wohl auch tun).
Ich schaute sie fragend an. Betty bemerkte meinen Blick und meinte: »Na, die Menschen machen es nicht so offensichtlich wie wir. Bei ihnen erkennt man die Hackordnung an ihrer Körpersprache und an ihrer Stimme. Hätten die Menschen einen Schnabel, wäre alles einfacher für sie.«
Eine Chefin habe aber auch Aufgaben. Als ranghöchste Henne müsse sie die anderen vor Gefahren warnen. Die Herde habe bis vor Kurzem aus sechs Mitgliedern bestanden, jetzt seien sie nur noch zu fünft. Dabei musste Betty Blume sich schütteln. Es dauerte eine Weile, bis sie weitererzählen konnte: Sie würden alle zusammen in dem rotbraunen Stall leben, seien dort aber vor allem, um Futter zu picken, Eier zu legen und natürlich, um zu schlafen. Nachts werde der Stall verschlossen. Das sei einerseits gut, andererseits schlecht. Gut sei es, weil kein Fuchs und kein Marder hereinkämen. Aber morgens möchte man halt früher raus. Die Menschen würden den Stall sauber machen, Futter, Wasser und manchmal Leckereien bringen, aber auch ihre Eier klauen. Die Menschen hätten außerdem eine Katze, die sei aber nicht gefährlich. Sie seien ja schließlich keine Zwerghühner. Ich als Küken solle jedoch vorsichtig sein, fügte sie schelmisch hinzu.
Apropos Menschen. Betty fragte mich, wie gut ich mit Menschen vertraut sei, und ich sagte, eigentlich gar nicht. Das habe sie schon vermutet. Deswegen müsse sie mir unbedingt etwas gackern: Einige von uns könnten die Menschensprache verstehen, denn wir seien den Menschen sehr ähnlich. Ich wartete auf ein Lachgackern, aber es kam nichts. Da ich immer noch nicht wusste, ob sie das ernst gemeint hatte, antwortete ich: »Ich gehöre bestimmt nicht zu den Hühnern, die die Menschensprache verstehen können.«
»Nicht so schnell. Du bist sprachbegabt. Ich habe Hühnerkenntnis, denn ich bin schon über drei Jahre alt!« Sie schaute mich an, als erwarte sie einen anerkennenden Blick. Ich sah sie aber nur fragend an. Waren »drei Jahre« sehr alt?
Sie wirkte etwas enttäuscht, weil ich keine großen Augen machte. Aber dann fiel ihr ein, dass ich doch ein Küken war, und sie erklärte mir, was Jahre, Monate, Wochen und Tage waren. Ich ging davon aus, dass »Tage« der Wechsel zwischen den hellen und den dunkleren Phasen waren. Sie stimmte mir zu und wiederholte: »Ich bin mir sicher, du gehörst zu den wenigen Hühnern, die die Menschensprache verstehen.«
Ich glaubte ihr nicht so ganz, aber sie wirkte, als sei sie sich sicher.
»Unsere Fütterer-Stallausmister-Eierklauer heißen Otterpohl«, sagte sie. Sie sah mich eindringlich an. »Aber jetzt zurück zur Menschensprache: Sprachbegabte Hühner wie du können sie mühelos erlernen. Du musst nur genau hinhören. Aber …«, sie streckte ihren Kopf ganz nah zu mir hin, »zeig ihnen bloß nicht, dass du sie verstehst. Weil, wenn die Menschen wüssten, dass wir sie verstehen können, würden sie uns sagen: Nicht über den Zaun flattern! Kack nicht auf den Rasen!Kack im Stall nur über den Kotbrettern! Scharre nicht auf dem Komposthaufen, runter vom Komposthaufen, lass den Komposthaufen in Ruhe und so weiter.«
Was war denn ein Komposthaufen? Er musste jedenfalls etwas sehr Wichtiges sein.
Betty gackerte: »Wir tun all diese Dinge trotzdem! Wir Hühner lassen uns keine Befehle erteilen! Weil wir nicht so dumm sind wie ihre anderen Tiere. Was finden die Menschen bloß an Hunden und Katzen?«
Ich wusste noch nicht mal, was Hunde sein sollten. Mir war aber klar, dass das seltsame schwarze Tier vorhin eine Katze gewesen sein musste. Aber wieso hatte man hier überhaupt so viel mit Menschen zu tun? In Stall 2 kamen sie nur kurz rein und sprachen nicht.
Betty wurde immer wütender und flatterte ein wenig mit den Flügeln: »Es reicht ja wohl, dass wir Eier legen müssen! Da brauchen wir doch nicht auch noch ›Sitz‹ und ›Platz‹ zu machen!« Sie starrte wütend vor sich hin und sah mich auf einmal an, als wäre sie gerade aufgewacht und würde mich entdecken. »Du!«, platzte es aus ihr heraus, und sie richtete ihren Schnabel auf mich. »Wie oft legst du ein Ei?«
Ich erstarrte. Anscheinend galt ihr Wutanfall plötzlich mir. Sie beruhigte sich aber schnell wieder und sagte: »Das habe ich ganz vergessen: Du bist ja in der Mauser und legst jetzt natürlich keine Eier. Aber sonst? Legst du nur im Sommer wie die anderen oder auch im Winter, so wie ich?«
Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte. Aber sie wartete auch gar nicht erst eine Antwort ab, sondern sprach nun von Osteoporose durch das viele Eierlegen, womit ich ebenso wenig anfangen konnte. Sie plusterte sich wieder auf vor Wut und wollte gerade mit ihrer Schimpftirade fortfahren, da sagte ich: »Ich lege jeden Tag ein Ei, fast jeden Tag jedenfalls. Und jetzt auch, in der … Mauser.«
Bettys Federn senkten sich wieder, und sie starrte mich mit offenem Schnabel an. Wann hatte ich das letzte Mal ein Ei gelegt?, fragte ich mich. Das war ja vor der Tür gewesen und schon lange her. Mir fiel aber ein, dass es noch dieselbe helle Phase war und somit immer noch derselbe »Tag«, wie Betty sagen würde. Mir kam es trotzdem so vor, als läge meine letzte Eiablage schon sehr lange zurück, ein halbes Hühnerleben.
»Wirklich jeden Tag?«, fragte Betty Blume und machte ein ungläubiges Gesicht.
»Heute«, gackerte ich, und es fühlte sich so neu an, »heute« zu sagen. »Heute habe ich schon ein Ei gelegt.«
»Aber du bist doch in der Mauser!«
Ich gab endlich zu, nicht wirklich zu wissen, was sie mit »Mauser« meinte. Betty machte wieder große Augen. Sie konnte nicht glauben, dass es Hühner gab, die jeden Tag ein Ei legten. Sie sagte: »Selbst Lisa Leghorn legt nicht so viele!«
Darüber hatte ich mir nie Gedanken gemacht. Alle legten schließlich in Stall 2 jeden Tag ein Ei. Ich war nie darauf gekommen, dass es anders sein könnte.
»Das kann –« Betty sah zum Eingang. Ein weißer Kopf lugte herein, der Hals war grau. Als ich den Kopf genauer betrachtete, war ich mir nicht sicher, ob er zu einem Huhn gehörte. Da waren weiße Flauschefedern auf dem Kopf, als hätte es sich das Po-Gefieder eines anderen Huhns aufgesetzt.
»Hallo, Helga!«, rief Betty. »Komm rein. Wir haben einen Neuzugang für Wiona. Das ist Molli. Ich erkläre ihr gerade, wie es bei uns so läuft.« An mich gewandt, sagte Betty: »Das ist Helga Haube.«
»Ist es in der Mauser?«, fragte Helga Haube und sah dabei Betty an, als wäre ich gar nicht da.
»Da, wo sie herkommt, beginnt die Mauser schon früher«, erklärte Betty.
»Wo kommt es her?«
Als ich immer noch nichts sagte, antwortete Betty: »Sie kommt von weither.«
»Von wo?«, fragte Helga Haube und schüttelte ihren Kopf, was sie noch komischer wirken ließ.
Darauf fiel Betty auch nichts ein. Sie sah mich auffordernd an. Stattdessen fragte ich: »Was hat sie da auf dem Kopf?«
Helga Haube sah säuerlich drein.
Betty sagte: »Du benimmst dich ja wirklich wie ein Küken. Das kann man doch nicht einfach so fragen – so vor ihren Augen. Du gackerst ja, wie dir der Schnabel gewachsen ist.«
Helga Haube senkte ihren Kopf und zupfte sich am Bauchgefieder, als würde sie das alles nicht hören.
Betty sagte: »Helga hat keinen Kamm wie wir, sie ist ein Holländisches Haubenhuhn. Es gibt viele verschiedene Haubenhühner und auch Hühner, die einen anderen Kamm haben als wir, also einen doppelten oder einen Erbsenkamm zum Beispiel. Mein Kamm ist ja auch sehr klein.«
Nun kam Helga Haube herein. Im Durchgang war es niedriger, und sie musste sich etwas ducken, denn sie war doch recht hochgewachsen. Ihr Körper war grau und schlank, überhaupt nicht plump. Sie hatte ein ungewöhnlich volles Gefieder – wie Betty und Madame Maran auch. Ohne mich nur einmal anzusehen, setzte sie sich neben Betty.
