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Die autobiografische Erzählung nimmt uns mit auf die Reise zurück in die Kindheit in den fünfziger Jahren im rheinischen Düsseldorf. Er ist ein fantasievoller Junge, der immer sofort nachspielen muss, was er erlebt hat. Er ist laut. Er ist jede freie Minute in Bewegung und genießt die Freiheiten seiner Kindheit in vollen Zügen. Er spielt mit seinen Freunden bei Wind und Wetter, er erlebt mit ihnen viele Sommer. Er erinnert sich an unbeschwerte Tage, hell und voller Glück. Gerd Pöhl beschreibt in seinem Buch die unendliche Geborgenheit, Liebe und Freiheit in den Tagen seiner Kindheit. Er erzählt facettenreich und lebendig, fantasievoll und berührend. Es ist eine Erzählung über Familie, Herkunft und die damalige Gesellschaft im Nachkriegsdeutschland zwischen Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Das in den Kindheitstagen erfahrene Glück lässt uns nicht mehr los, ein Leben lang.
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Seitenzahl: 249
Veröffentlichungsjahr: 2022
Für Okka, Henry, Neelia, Oscar und die ganze Familienbande
Gerd Pöhl
Vom Glück der frühen Jahre
Erzählung einer Kindheit
© 2021 Gerd Pöhl
Lektorat: Helga Wienand
Buchsatz von tredition, erstellt mit dem tredition Designer
ISBN Softcover: 978-3-347-45113-1
ISBN Hardcover: 978-3-347-45114-8
ISBN E-Book: 978-3-347-45115-5
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Gerd Pöhl, Jahrgang 1950, verlebte seine Kindheit in Düsseldorf und Umgebung. Als junger Erwachsener schrieb er für Tages- und Wochenzeitungen über gesellschaftliche und kulturelle Themen. Er entschied sich später nach Ausbildung und Bankfachwirtstudium aber für eine Tätigkeit in der Finanzwirtschaft.
Im Ruhestand entdeckte er seine Leidenschaft für das Schreiben wieder. 'Vom Glück der frühen Jahre' ist seine autobiografische Debüt-Erzählung.
Gerd Pöhl ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er lebt mit seiner Ehefrau im Rheinland und Schleswig-Holstein.
Das Glück ist schon da. Es ist in uns. Wir haben es nur vergessen und müssen uns wieder daran erinnern.
- Sokrates -
Eine Reise beginnt
Es ist Donnerstag. Ich sitze an meinem Schreibtisch. Darauf mein eingeschalteter Laptop. Neben mir mein zweiter Becher Kaffee. Ohne den werde ich nie so richtig munter. Ich habe eben das Fenster schon einmal weit geöffnet und lasse einen ganzen Schwall Morgenluft herein. Sie hat noch ein wenig von der Kühle der Nacht. Das tut gut. Ich kann so richtig durchatmen. Recht schnell wird gleich die Frühlingssonne mein Zimmer erobern und alles in Licht und Wärme tauchen. Nach dem frühmorgendlichen Trubel ist es jetzt in unserer Siedlung wieder ruhig geworden. Alle Schulund Kindergartenkinder, alle berufstätigen Nachbarn sind schon unterwegs. Keine Roller- oder Fahrradgeräusche, keine genervten Elternstimmen mehr, keine Garagentüren, die sich quietschend und knarzend öffnen, keine abfahrenden Autos, einfach Stille.
Da sollte ich eigentlich meine Gedanken sammeln können. Noch trägt das Manuskript auf dem Bildschirm vor mir nur einen Arbeitstitel. Noch habe ich keine Zeile geschrieben. Noch keinen Anfang im Sinn.
Meine erwachsene Tochter hatte mich vor einiger Zeit mit einer persönlichen Bitte überrascht. Sie meinte, ich sollte doch mal aufschreiben, was ich in meiner Kindheit und Jugend erlebt hätte. ‚Das geht sonst doch alles verloren‘, hatte sie noch hinzugefügt und mir dabei ein kleines Paket zugeschoben. Das Paket enthielt ein Buch. ‚Papa, erzähl mal‘, war es überschrieben. Und das Buch enthielt die Aufforderung, über Kindheit und Jugend Auskunft zu geben. Die Antworten zu den vielen Fragen, die in dem Buch zu Kindheit und Jugend gestellt wurden, sollte man darin gleich notieren.
Zunächst wusste ich nicht so recht, wie ich mit ihrer Bitte umgehen sollte. Geschichten und Erlebtes festzuhalten, dagegen spricht doch nichts. Ich fand das schon einmal eine richtig gute Idee. Nur das ‚Wie‘ beschäftigte mich noch eine ganze Weile.
Aber dann wurde mir klar, dass ich eigentlich nicht nur kurze Antworten auf vorformulierte Fragen geben, sondern alle meine Erlebnisse, meine Erinnerungen und meine Geschichten aufschreiben und selbst erzählen wollte.
Und so sitze ich am Schreibtisch und vor mir das noch leere Manuskript. Ganz auf das Erinnern einlassen muss ich mich. Eintauchen in das Vergangene, einmal Erlebtes noch einmal erleben und vielleicht durchleben.
Eine interessante und spannende Reise wird das werden, denke ich. Auf einmal habe ich sie vor Augen: erste Bilder von früher, die auch mit einem beginnenden Tag zu tun haben, einem Tag von unzähligen anderen Tagen, den ich vor vielen Jahren so erlebt habe. Die Erinnerungen sind auf einmal so stark, dass sie mich noch einmal den kleinen Jungen sein lassen. Ich kann mich noch einmal wiederfinden in meiner alten Umgebung und hineinversetzen in meine Gedanken, Empfindungen, alle meine Emotionen. Und jetzt gelingen auch die ersten Zeilen:
Ich war gerade wach geworden. Die Augen hielt ich noch geschlossen. Das waren so Momente zwischen Tag und Traum. Diese Momente liebte ich. Das genoss ich. Dieses wohlige Ausstrecken zwischen Kissen und Decke, dieses langsame Zurechtfinden in der Welt. Ich ließ mich dann langsam in den neuen Tag hineingleiten.
Ganz entfernt vernahm ich Stimmen, helle Kinderstimmen, dunkle Stimmen von Erwachsenen. Ich hörte hastige Schritte auf dem Pflaster, von weiter weg der Lärm vorbeibrummender Autos. Ab und zu ein lautes Hupen, aber auch ein zartes Bing, das von einer Fahrradklingel stammen musste. Es drang alles von der Weltdraußen durch die alten Holzfenster unserer Wohnung in meine Welt hier drinnen.
Es gab auch Augenblicke, da war es fast völlig still im Zimmer. Ich nahm nur noch das leise Gurren von Tauben, die wohl wieder auf dem Dachfirst des gegenüberliegenden Hauses saßen, und das Tschilpen und Zwitschern von Spatzen und Drosseln wahr. Sie hockten wieder zu Dutzenden in den Sommer-Linden, die mit ihren mächtigen halbrunden Kronen aus dunkelgrünen Blättern zu unseren Fenstern hineinschauten. Bald würden die Bäume blühen und tausende Blüten wieder ihren betörend aromatischen Duft verteilen.
Trotz der dunklen Gardinen, die noch zugezogen waren, kam es mir schon sehr hell im Zimmer vor. Dann sollte heute auch die Sonne scheinen und über das Grün der Linden vor unseren Fenstern müsste sich das tiefe Blau eines Sommer-Himmels geschoben haben.
Vielleicht war es nun doch an der Zeit, ein Auge zu riskieren. Ich blinzelte unter den Augenlidern hervor. Mir war so, als müsste ich mich erst wieder langsam in mein Zimmer zurückfinden. Ich öffnete die Augen ganz. Viel gab es in dem kleinen Zimmerchen eigentlich nicht zu sehen. In der Fensternische fand sich ein kleiner Hocker aus dunklem Holz mit geschwungenen Beinen und einem mit Stoff bezogenen Sitz. Gegenüber meinem Bett gab es noch ein kleines Schränkchen aus dunklem Holz. Den meisten Platz nahm aber die riesig große, bequeme Ausziehcouch ein, in der sich ein kleiner Junge wie ich es war, fast verlor.
Ich sprang schließlich aus dem Bett und lief zum Fenster. Die Gardinen rasch beiseite gezogen und auf den Hocker geklettert, um besser hinaussehen zu können. Tatsächlich ein märchenhaft wolkenloser Himmel. Ich öffnete das Fenster einen Spalt. Die Luft, die ins Zimmer drang, war schon angenehm warm. Das bedeuteteZeit für kurze Hosen. Und wenn es so warm war, brauchte es auch keine Schuhe. Und dann nach dem Frühstück zum Spielen mit den Freunden auf den Spielplatz am Haus.
Auf einmal werden die Bilder meiner Erinnerung jäh unterbrochen. Es hat plötzlich an der Haustür geklingelt.
Es wird die Post sein. Immer donnerstags kommt die dicke Wochenzeitung. Die Postbotin möchte die Zeitung ungern in den Briefkasten quetschen. Sie möchte sie lieber persönlich übergeben. Das nenne ich mal nett. Mein Schreiben habe ich schon beim ersten Klingelton unterbrochen. Ich stehe vom Schreibtisch auf und gehe schnell hinunter an die Tür. Es ist, wie ich vermutet habe. Freundlich lächelnd bekomme ich meine Zeitung überreicht. Ich lächele zurück.
Am Schreibtisch zurück, versuche ich, die losen Fäden der Erinnerungen wieder aufzunehmen.
Hoffentlich kommen die Bilder wieder. Denn die Bilder, so merke ich, nehmen mich gleichsam an die Hand und führen mich auf dem Weg zurück in die frühen Kinderjahre.
Welche Bilder haben wir eigentlich von unseren Eltern, unserer Familie, welche von unseren Freunden vor Augen, frage ich mich. Was hat unser Gedächtnis davon alles festgehalten und was nicht? Was haben wir behalten, an was können wir uns, wenn auch nur schemenhaft, erinnern? Und, an was wollen wir uns noch erinnern?
Auf einmal wird mir so richtig bewusst, auf was ich mich da eigentlich eingelassen habe. Das wird doch eine längere Reise werden. Eine Reise durch die zehn, elf Jahre meiner Kindheit. Ich, ein behütetes und verwöhntes Einzelkind, aufgewachsen im Nachkriegsdeutschland mit Eltern, die die Kriegsjahre als Erwachsene durchlebt und auf unterschiedliche Weise durchlitten hatten. Erinnerungen an einen kleinen Jungen, dem es durch das gerade beginnende deutsche Wirtschaftswunder an Nichts fehlen wird. Hautnah wird er auch die allgegenwärtige Behäbigkeit und Spießigkeit in der Gesellschaft, aber auch besonders in seiner Familie erleben.
Das wird, und da bin ich mir sicher, auf jeden Fall auch eine Reise mit einigen Überraschungen werden. Und was ich jetzt, wo die ersten Zeilen geschrieben sind, auch sicher weiß, ich will mich auf diese Reise einlassen.
Die Reihe von Bildern, die eben so abrupt unterbrochen wurde, sind mir auf einmal wieder vor Augen. Ich muss sie nur wieder zusammensetzen.
Hastig schlang ich mein Frühstück herunter, beinahe hätte ich noch den Becher mit kalter Milch umgeschüttet, der gewohnheitsmäßig zum morgendlichen Marmeladenbrot dazu gehörte. Ich wollte schließlich schnell zu meinen Freunden auf den Spielplatz. Denn was gab es Schöneres, als sich an so einem Tag mit den Freunden zu treffen, sich Spiele auszudenken und sich vielleicht auch etwas Verrücktes einfallen zu lassen. Und irgendetwas fiel uns immer ein. Hinter unseren Häusern waren am Morgen, als es noch kühl war, die Rasenflächen frisch gemäht worden. Es duftete bis in unsere Wohnung herrlich nach Heu.
Das versprach ein herrlicher Sommertag zu werden.
Montagskind
Der Vierte des Monats war kein besonderer Tag im September 1950. Der Himmel war herbstlich bewölkt. Mit Sonnenschein konnte man an diesem Tag nicht rechnen, eher mit vereinzelten Regenschauern. Es war nicht gerade kalt, aber auch nicht spätsommerlich warm. Ein richtiger Durchschnittstag eben. Der vierte September war im Übrigen ein Montag.
Am Sonntag dem dritten war der 74. Deutsche Katholikentag in Passau beendet worden und Giuseppe Farina hatte das Rennen um den Großen Preis von Monza auf Alfa Romeo gewonnen. Farina wurde Automobilweltmeister. Und die 24-jährige Susanne Erichsen freute sich in Baden-Baden an genau diesem Sonntag über ihre Wahl zur Miss Germany. Am darauffolgenden Montag gab es keine bemerkenswerten Meldungen. Keine. Nichts Spektakuläres, nichts Aufregendes. Weltweit.
Und doch sollte genau dieser Montag, dieser vierte September für ein Paar in Düsseldorf ein ganz besonderer Tag werden. Ein richtig glücklicher.
Das Glück erreichte das Paar in der Städtischen Klinik an der Flurstraße im Düsseldorfer Stadtteil Flingern. Am frühen Morgen, so gegen 05.30 Uhr, wurde dort eine Frau von einem gesunden Jungen entbunden. Die Frau war meine Mutter, Erna, ihr Mann Wilhelm, mein Vater. Der Junge, der es nur um wenige Stunden verpasst hatte, ein Sonntagskind zu werden, war ich. Sonntag hin oder her, das Sonntagskind-Sein, denke ich, wird sicherlich überschätzt. Mir sollte es auch als Montagskind gutgehen. Wenn auch nicht sofort.
Die Flurklinik, die im Volksmund etwas abschätzig auch als Kinderfabrik bezeichnet wurde, war zwar eine auf Entbindungen spezialisierte, aber durchaus angesehene Klinik. Meine Eltern hatten sie wohl auch aufgrund der recht kurzen Entfernung zu ihrer Wohnung gewählt.
An die eigene Geburt kann man sich, so glaube ich wenigstens, nicht wirklich erinnern. Das wäre in meinem Fall vielleicht auch besser gewesen. Meine Mutter hatte mir später erklärt, es wäre keine leichte Geburt gewesen. „Aber Herr Professor von den Steinen hat mir beigestanden“, ergänzte sie noch recht geheimnisvoll. Was an meiner Geburt tatsächlich nicht leicht gewesen war und wobei sie genau die Hilfe von Herrn Professor gebraucht hatte, blieb ihr Geheimnis. Darüber sprach sie nicht.
Wie ich später einem kleinen Büchlein entnehmen konnte, muss ich zur Geburt tatsächlich nicht sehr viel gewogen haben. Um die zwei Kilo hatte die Waage angezeigt. Ich war damit also ein sehr zarter und auch nicht sehr großer Säugling. Das mit der Zartheit sollte sich später durch eine mehr als gute Versorgung durch meine Eltern ändern, das mit der Größe nicht wesentlich. Woher hätte eine imposante Körpergröße kommen sollen? Sowohl meine Mutter als auch mein Vater waren recht klein.
Ich erhielt die Vornamen Gerd und Walter, Gerd unterstrichen. Im Nachhinein bin ich dankbar dafür, dass meine Eltern als Rufnamen Gerd gewählt hatten. Ich weiß allerdings nicht, wie sie ausgerechnet auf Gerd gekommen sind. Vielleicht war das in den fünfziger Jahren ein durchaus gebräuchlicher und beliebter Vorname. Was vielleicht aber auch so nicht stimmen kann, da ich später nur recht selten auf andere Gerds getroffen bin.
Wohl gänzlich anders wäre das in Schweden gewesen. Da ist Gerd oder Gert sogar ein beliebter weiblicher Vorname. Also ging das im Großen und Ganzen schon mit meinem Namen und der Geburt in Deutschland in Ordnung.
Bei Walter war die Wahl klar. Walter war eindeutig eine Reminiszenz an den Bruder meiner Mutter, der ihr Lieblingsbruder gewesen sein musste.
Auch an meinem Geburtsmonat konnte ich nichts aussetzen. Der September blieb immer frei von den großen Ferien und war, für ein Kind nicht gerade unwichtig, als neunter Monat im Jahr noch ausreichend weit von Weihnachten entfernt.
Für meine Eltern war der Tag meiner Geburt ein überaus wichtiger Tag. Ich war von beiden nicht nur erwartet, sondern, nach zunächst erfolglos gebliebenem Kinderwunsch, geradezu ersehnt worden.
Mein Vater Wilhelm war bei meiner Geburt bereits vierzig Jahre alt, meine Mutter Erna mit neununddreißig Jahren nicht viel jünger. Ihre späte Heirat war, einmal abgesehen von ihren sehr unterschiedlichen Lebenswegen, wie bei so vielen Paaren, den langen Kriegsjahren geschuldet.
Wie ich später als Schulkind erfahren sollte, war die Ehe meines Vaters mit Erna Luise, geb. Heinicke, seine zweite Ehe. Erna und er hatten sich kurz nach dem Krieg bei der gleichen Firma, den ‚Thompson-Werken‘ zunächst näher kennen- und dann recht schnell auch lieben gelernt. Sie heirateten im Mai 1946, genau ein Jahr nach Kriegsende. Es war so kurz nach dem Krieg eine sehr bescheidene Hochzeit und es gab auch nur wenige Gäste. Aber immerhin waren das Brautpaar und die Gästeschar für die damaligen Verhältnisse chic gekleidet. Getraut wurden die beiden in der Schlosskirche im Nachbarstadtteil Eller. Für die Braut gab es ihre Lieblingsblumen, einen großen Strauß herrlicher Margeriten. Angestoßen wurde am Abend im Kreis der Familie und den Gästen ganz schlicht, es gab Bowle. Das Paar lächelt jedenfalls sehr glücklich von den Bildern ihres Hochzeitstages.
Beide mussten dann vier Jahre warten, bis meine Mutter mit mir endlich schwanger war. Ich sollte das einzige Kind von Erna Luise und Wilhelm bleiben. Damit war erst einmal klar, dass ich als Einzelkind aufwachsen sollte. Was wiederum nicht so ganz stimmte. Wenn man alle ‚Pöhl-Kinder‘ zusammengezählt hätte, wären wir Kinder eigentlich zu dritt gewesen wären. Eine schöne Vorstellung, noch Geschwister zu haben. Diese Vorstellung erfüllte sich leider nicht so ganz.
Was meine ersten Monate als Säugling und später als Kleinkind angeht, bin ich als in den fünfziger Jahren Geborener mehr oder weniger allein auf das angewiesen, was mir meine Mutter und mein Vater oder andere Angehörige später von dieser Zeit erzählten. Geburten wurden damals noch nicht vom Vater mit einer ganzen Serie von Bildern oder durch Videoaufnahmen dokumentiert. Und ein Vater gehörte im Jahr 1950, wenn er denn überhaupt in der Klinik anwesend war, auf den Flur und schon gar nicht in den Kreissaal. Geburten waren allein Frauensache.
Für die Generation meiner Eltern war es auch keinesfalls üblich, über so ‚heikle‘ Themen wie Schwangerschaft und Geburt zu sprechen. Das machte man eben nicht, das war nicht schicklich. Da wurde aus Peinlichkeit und Scham, wenn überhaupt, nur knapp das Wesentliche erzählt. Alles andere blieb im Ungewissen.
Ich soll, so kam später dann doch heraus, in den ersten Wochen noch so schwach gewesen sein, dass man mich nicht in einer Kirche hätte taufen können. Was macht man also, wenn der Täufling nicht zur Kirche kommen kann, dann kommt halt die Kirche zum Täufling. Meine Eltern konnten es mit dem Pfarrer dann so vereinbaren, dass dieser mich einfach in unserer Wohnung taufte. Das klang für mich schon besonders und ein wenig spannend.
Außerdem muss ich als Säugling noch ernstlich krank gewesen sein. Was mir über meine ersten Lebensmonate berichtet wurde, betraf eine Erkrankung, die wahrscheinlich schon während der Schwangerschaft entstanden sein musste. Ich hatte bei meiner Geburt, und davon hatte man mir auch erst einmal nichts erzählt, ein schwach ausgebildetes, wohl nicht ganz ausgewachsenes Bauchfell. Das klingt erst zunächst recht harmlos, war es aber wirklich nicht. Ich hatte einen Leistenbruch. Obwohl ein einseitiger Bruch schon ausgereicht hätte, hatte ich natürlich einen doppelten, in der linken und der rechten Leiste.
Meine Eltern waren also, immer wenn einer dieser Brüche heraustrat, zu raschem Handeln genötigt. Der Bruch musste schnellstmöglich wieder zurückgedrückt werden. Das konnte nur ein Arzt machen. Also packten sie mich kurzerhand in Kissen und Decke und eilten zum Hausarzt, der zum Glück nur wenige hundert Meter von unserer Wohnung auf der nahegelegenen Hauptstraße seine Praxis hatte. ‚Da bleiben einem nur sechs Stunden‘, erzählten sie mir später noch unter dem Eindruck dieser Vorfälle, ‘dann wäre das für dich lebensgefährlich geworden‘. Natürlich hätte man einen Leistenbruch auch bei Säuglingen damals schon operieren können, aber da hatten meine Eltern das Operationsrisiko gescheut. Und was weiß ich, wie sie das 1950 hinbekommen hätten. Was heute mit sanfter Narkose und minimalem Eingriff möglich wäre, gab es damals so noch nicht.
Ich sollte aber großes Glück haben. Nach einigen Monaten muss es mir tatsächlich besser gegangen sein. Meine Eltern berichteten, es sei für sie ein ‚richtiges Wunder‘ gewesen. So beschrieben sie es jedenfalls.
Als unser Hausarzt zum wiederholten Male notfallmäßig bei mir den Bruch zurückgedrückt und so etwas wie ‚das müssen sie bei dem Kleinen jetzt aber endlich mal operieren lassen‘ gemurmelt hatte, wäre das mit dem Leistenbruch bei mir einfach vorbei gewesen. Von heute auf morgen. Ich kann mir gut vorstellen, wie glücklich sie danach gewesen sein mussten. Keine Notwendigkeit mehr mit dem Säugling über die Straße zum Arzt zu rennen und vor allem keine Ängste mehr!
Meine Eltern hatten für diese spontane Heilung selbstverständlich eine Erklärung. „Das hat sich bei dir irgendwie verwachsen“, meinten sie. Ich glaube allerdings, dass dies medizinisch gar nicht möglich ist. Aber egal. Es war jedenfalls vorbei. Dauerhaft. Und vielleicht hatten sie ja doch recht, mit dem Wunder.
Ich stelle mir vor, dass das für meine Eltern in den ersten Tagen mit mir als Baby sicherlich keine einfachen Erfahrungen gewesen sein müssen. Erklärlich, dass diese Erfahrungen sie noch einige Zeit begleiten mussten.
Da war es meine Mutter, die des Öfteren Angst hatte, mein Leistenbruch könnte wieder auftreten. Getrieben von dieser Sorge rief sie dann bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten: „Gerd darf aber nicht schwer heben“. Das war von ihr gut gemeint, ich fand das aber überhaupt nicht lustig. Ich fand das einfach peinlich. Allerdings hatte es meine Mutter dadurch erfolgreich verhindert, dass ich als Kind irgendetwas wirklich Schweres heben oder tragen musste. Gerd stand also meistens neben dem Geschehen. Gerd hatte einen Leistenbruch, und Gerd hatte frei.
Auch wenn der vierte September zurückblickend kein bemerkenswerter oder gar weltpolitisch entscheidender Tag war, neun Tage später sollte es in der Geschichte des jungen deutschen Staates schon etwas Wichtiges geben. Die erste Volkszählung des neuen demokratischen Staates. Meine Eltern dürften sich darüber mit Sicherheit keine weitergehenden Gedanken gemacht haben, dazu waren sie zu sehr mit ihrem Nachwuchs beschäftigt.
Ich aber war ohne jegliches Zutun bei dieser ersten Zählung bereits mit dabei, als ‚mitgezählter‘ Staatsbürger. Das war als Montagskind doch schon mal etwas.
Spurensuche
Ich bin auf der Suche. Ich habe bereits unzählige Alben durchstöbert und den Inhalt mehrerer Archivkartons durchgesehen. Ich finde Bilder von meiner Hochzeit, von den ersten Urlauben, von unseren Kindern. Wo aber gibt es etwas aus meinen frühen Kindertagen?
Dann der Fund. Ein kleines Büchlein. Ich blättere es durch. Das geht recht schnell, denn es enthält leider nur sehr wenige Bilder. Aber es sind genau die Bilder, die ich gesucht habe. Sie zeigen mich als Baby und Kleinkind.
Schon witzig, auf diesen Bildern sehe ich immer besonders herausgeputzt aus. Damals sagte man dazu auch ,geschniegelt und gestriegelt‘. Meine Eltern waren eben stolz und wenn sie mit ihrem Baby unterwegs waren, sollte es auch adrett aussehen. Und sie waren es auch: Meine Mutter im Kostüm, mein Vater immer im Anzug. Selbstverständlich fehlte zum Oberhemd auch nicht die Krawatte. Vielleicht dachten sie ja, dass, wenn man nur zwei- bis dreimal im Jahr für ein Foto posierte, sollte man auch so richtig Eindruck machen. Das ist ihnen wirklich gelungen.
Das kleine Büchlein hat einen schönen, dunkelroten Einband. Es ist passend mit ‚Unser Kind‘. überschrieben und aufgebaut wie ein kleines Album. Da es nicht sehr viele Seiten hat, war für die Bilder mehrerer Kindheitsjahre kein Platz. So sind die wenigen Fotos darin alle sehr sorgsam ausgewählt.
Sie zeigen die ersten Ausfahrten mit dem Kinderwagen, die ersten Ausflüge. Ich im Kinderwagen, daneben die stolzen Eltern unter einer riesigen, zugegebenermaßen sehr dekorativen Trauerweide beim Spaziergang. Dann wieder ich, mit Mutter und Vater im Rheinpark beim Nachmittagskaffee in einem schicken Restaurant. Und da hatten sie mich, um ihr Kind besonders gut in Szene setzen zu können, tatsächlich auf den Kaffeetisch gesetzt. Mitten drauf. Na ja.
Kommentiert wurden die Bilder selbstverständlich auch. Obwohl die Bilder für sich gesprochen hätten, bekamen sie Über- oder Unterschriften. Und die wurden in besonderer Schrift, richtiger Kunstschrift von einem Bekannten in das Büchlein gemalt. Es finden sich so wichtige Anmerkungen wie: „Erste Ausfahrt“, „Erster Ausflug zum Rhein“.
Im Nachhinein bewundere ich meine Eltern, wie sie mich, zu dieser Zeit immer angewiesen auf Bahn, Bus oder Zug als kleines Kind stets mitgenommen haben. Das konnten entweder die Ausflüge in die nähere Umgebung sein, wie etwa zum Rhein, oder auch weitere Fahrten, wie zu unseren Verwandten in die Pfalz. Ich war seit meinen jüngsten Tagen immer dabei, immer unterwegs, immer mitten im Geschehen.
Ich empfinde es schon ein wenig seltsam, was für ein Kind mich aus den alten Bildern anschaut. Und diese Bilder, alle in schwarzweiß, mit gezacktem Rand und winzig klein, sind mir, obwohl ich selbst darauf abgebildet bin, auf erstaunliche Weise fremd. So, als wäre darauf ein unbekanntes Kind abgebildet, als würden die Bilder von einem wildfremden Kind und nicht von mir erzählen.
Und dann wieder scheinen mir einige der eingefangenen Szenen und Situationen auf unerklärliche Weise greifbar und sehr nah zu sein. Da muss es in meinem Gedächtnis offensichtlich doch noch viele Bruchstücke und Fetzen von Erinnerungen aus den frühen Kindheitstagen geben. Und wenn ich dann länger bestimmte Bilder betrachte, dann fügen sich manchmal die Bruchstücke und Erinnerungsfetzen einem Puzzle gleich zu einem Ganzen zusammen.
Ein Bild erzählt, wie ich als kleiner Junge im Sauerland mit kurzer Hose durch hohes Gras streife. In meiner Vorstellung kommt es mir so vor, als spürte ich jetzt noch die kratzige Wolle auf den Oberschenkeln. Und ich hörte auch noch den kleinen Bach, wie er gleich hinter unserer Pension quer durch die Wiese gluckerte. Da müsste doch noch eine kleine Katze gewesen sein, denke ich, mit der ich auf dieser Wiese gespielt habe. Und richtig, auf dem nächsten Bild halte ich tatsächlich einen Stock ins Gras und das Dunkle am oberen Bildrand inmitten der Gräser könnte wirklich die Katze sein.
Es sind vage Erinnerungen. Aber es sind schöne Bilder, die da plötzlich wieder vor meinen Augen entstehen. Bilder von lichtdurchfluteten Tagen, Bilder vom durch-die-Wiesen-Streifen, auf einen mächtigen Ackergaul gehoben werden. Bilder vom Wandern mit meinen Eltern.
Ich fühle mich zurückversetzt in diesen Sommer im Sauerland, der ausgesprochen heiß gewesen sein muss. Ich habe plötzlich wieder einen Kloß im Hals und spüre meine, am Gaumen klebende, ausgetrocknete Zunge. Ich hatte als Kind nicht nur Durst, ich hatte unendlichen Durst. Der Durst kam schnell und unerbittlich, bereits nach den ersten Metern unserer Wanderung. ‚Habe Durst, trinken‘ oder ‚was trinken‘, war wohl das, was ich gerade noch flehentlich sagen konnte und was meine genervten Eltern nach der mitgenommenen Flasche kramen ließ.
Beim Nachdenken über das, woran ich mich als Kleinkind noch erinnern kann, fallen mir auch kurze Szenen und Bruchstücke von Erlebnissen ein, zu denen ich keine Bilder finden kann.
Hier bleibt mir nur das eigene Gedächtnis. Die wenigen Erinnerungen, die ich noch abrufen kann, sind zwar recht schemenhaft, aber sie sind da. Was mag daran wohl so wichtig gewesen sein, dass mein Gedächtnis diese Erlebnisse kurzen Schnappschüssen gleich über Jahrzehnte gespeichert hat. Ich weiß es nicht.
In einem Bild sehe ich mich auf dem Schoß eines älteren Erwachsenen sitzen. Ich muss da vielleicht um die zwei Jahre alt gewesen sein. Jedenfalls hat der Lümmel offensichtlich seinen Spaß daran, gegen eine aufgeschlagene Zeitung zu schlagen, die derjenige gerade lesen wollte. Und derjenige, der da in Ruhe die Zeitung studieren wollte und dabei seinen Enkel auf dem Schoß hatte, kann nur mein Opa gewesen sein. Dieses vage Bild ist alles, was ich an Erinnerung an ihn finden kann.
Es sollten nicht nur die ersten, sondern leider auch die letzten Erinnerungen an ihn bleiben. Er wird kurze Zeit darauf sterben.
Bruchstückhafte Erinnerungen habe ich auch noch, was den damaligen Garten unserer Familie angeht. Ich habe sogar noch den Eingang zum Schrebergartengelände vor Augen, auf dem meine Großeltern einen riesigen Obst- und Gemüsegarten hatten. Mit Sicherheit bin ich als kleines Kind oft von meinen Großeltern und Eltern in diesen Garten mitgenommen worden.
Ich sehe es noch deutlich. Es muss ein großes Metalltor in grüner Farbe gewesen sein, das das Gartengelände zur Straße hin abschloss. Und unmittelbar hinter dem Tor müssten hohe Ligusterhecken den Hauptweg zu den Schrebergärten umsäumt haben. Ich kann mich an das Grün, das links und rechts von mir in die Höhe schoss und auch noch an den Sandweg, der in die Anlage hereinführte, erinnern. Warum in der Welt kann ich mich daran noch erinnern? Das alles muss mich als kleines Kind offensichtlich sehr beeindruckt haben. Und wenn man den Heckenweg ganz durchging, für ein kleines Kind, das noch nicht lange alleine laufen konnte, war dies sicherlich eine unheimlich lange Strecke, kam man schließlich zu dem Garten von Oma und Opa. Der Garten war einer der letzten in der Gartenanlage dicht vor den Bahngleisen einer alten Güterzugstrecke, die von Mülheim an der Ruhr nach Troisdorf führte.
Ganz besonders hatte es mir das metallene Eingangstor angetan. Es gab eine große, kunstvoll gestaltete Klinke aus Eisen. Ich muss auf den Zehenspitzen stehend, mit meinen Händchen wohl so gerade an die Klinke des Tors gekommen sein. Jedenfalls weiß ich noch heute, wie genau sich diese besondere Metallklinke angefühlt hatte.
Damit der Eingang nicht offenstand, schwang das geöffnete Tor durch eine Feder gezogen wieder zurück, um dann hörbar ins Schloss zu fallen. Dieses ins-Schloss-fallen, dieses Geräusch, das ein sattes, metallisches Klacken gewesen war, hatte mich damals sehr beeindruckt. Ich würde dieses Geräusch wohl noch heute wiedererkennen können.
Nach allen diesen Erinnerungen, so denke ich auf einmal, muss ich diesen besonderen Ort meiner Kindheit einfach noch einmal aufsuchen. Und ich bin schon ein wenig gespannt, auf das, was ich zu sehen bekomme und auf das, was ich dort in meiner Erinnerung sehen werde.
Eigentlich ist die Teplitzer Straße gar nicht weit von meinem jetzigen Zuhause entfernt. Aber bislang hatte ich keinen Grund gehabt, mich dort noch einmal umzusehen. Jetzt haben mich die Bilder aus der Vergangenheit nun doch dazu überredet. Was wird noch von früher geblieben sein? Erkenne ich etwas wieder?
Die Straße selbst gibt es noch wie damals. Zu beiden Straßenseiten, da wo es früher größere Gärten gab, sind jetzt an die Stelle der Gärten, moderne, mehrgeschossige Wohnhäuser getreten. Nach Stadt sieht es da jetzt aus.
Und wo es einst zu den Schrebergärten ging und am Eingang dieses große grüne Tor stand, da stoße ich bei meinem Rundgang auf einen für die Anwohner angelegten Wendekreis. Daneben beginnt zwar heute noch eine überwiegend grüne Fläche. Sie ist aber nicht mehr so ursprünglich und wild bewachsen wie früher. Alles ist jetzt großstädtisch geordnet, mit einem asphaltierten Fuß- und Radweg und pflegeleichtem Grün ausgestattet. Kein großes Tor mehr, keine hohen Hecken hinter denen sich damals die Obstund Blumengärten mit den Lauben ihrer Besitzer versteckten. Einige wenige Gärten gibt es zwar noch, aber es sind Mini-Gärten. Sie wirken auf der großen Fläche seltsam verstreut und sind nur noch ein trauriger, grüner Rest des einstigen prächtigen Gartengeländes.
Was habe ich eigentlich erwartet? Habe ich tatsächlich damit gerechnet, dass ich dort alles noch so antreffe, wie es früher einmal war. Wahrscheinlich nicht.
Obwohl sich in den letzten Jahrzehnten das Bild der Straße und des Geländes geändert hat und fast nichts mehr an die alte Gegend aus den fünfziger Jahren erinnert, steigt in mir plötzliches ein merkwürdiges Gefühl auf. Ein Gefühl, das ich bisher von mir gar nicht kannte und von daher auch noch nicht so richtig einordnen kann.
Ich gehe zur Einmündung der Straße zurück und bleibe dort für einen kurzen Moment stehen. Wie wäre es, wenn ich mich jetzt noch einmal in die damalige Zeit versetzte?
Ich lasse mich nicht von rangierenden Autos, einigen Radfahrern und vorbeihastenden Fußgängern ablenken. Ich gehe erneut die Straße hinunter. Und ich bin ab jetzt noch einmal der kleine Junge, der durch diese Straße läuft.
Ah, gleich hier vorne auf der linken Seite, da müsste doch der verwunschene Garten einer guten Freundin meiner Oma mit seinen unendlich vielen Johannisbeersträuchern und dem immer etwas feucht-muffig riechenden Gartenhaus gewesen sein. Den Garten hatte ich später als etwas älteres Kind erlebt und durch die Erinnerungen an den Schrebergarten der Großeltern ganz vergessen. Aber richtig, ihn gab es hier ja auch noch.
Da hinten die große Tanne im Garten hinter dem neuen Wohnhaus, das könnte tatsächlich die Tanne gewesen sein, die damals genau neben dem Toilettenhäuschen stand. Mir fällt ein, dass ich, wenn meine Blase von dem vielen Obstsaft, den ich getrunken hatte, zu sehr drückte, in diesem Toilettenhäuschen gewesen war. Stilles Örtchen hatten meine Eltern das Häuschen immer freundlich umschreibend genannt. Das sogenannte stille Örtchen war nichts anderes als ein besserer Bretterverschlag mit einer schief in den Angeln hängenden Tür. Dahinter verbarg sich ein Plumpsklo, das außerdem während der warmen Sommermonate nicht gerade einladend roch. An einer Innenwand des Klos hingen an einer Schnur wie aufgefädelt klein gerissene Zeitungsseiten und neben dem nicht gerade einladenden Holz-Sitz erinnere ich mich noch an einen mit Kalk gefüllten Eimer, aus dem nach jedem Toilettengang eine Schaufel in die Grube gegeben werden sollte. Ich war, wenn ich die Fliegen auf dem Klo erfolgreich verscheucht und fertig gepinkelt hatte, jedes Mal mehr froh, wieder an der frischen Luft zu sein.
