Vom Integrierten zum Integrierer - Cirus Djavid - E-Book

Vom Integrierten zum Integrierer E-Book

Cirus Djavid

0,0

Beschreibung

Als politisch verfolgter Grundschullehrer und aktiver Sympathisant der Organisation für Menschenrechte flüchtete ich im Alter von 24 Jahren aus dem Iran und kam im Mai 1956 mit 50 US-Dollar in der Tasche in Köln an. Nach meiner Bewerbung wurde ich zum Studium an der Deutschen Sporthochschule Köln zugelassen. Wegen meiner unsicheren finanziellen Lage begann ich am dritten Tag meines Aufenthaltes zu arbeiten, worunter auch meine Studienleistungen litten. Im Jahre 1960 wurde ich als Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung aufgenommen. Nach Bewältigung meiner Integrationsprobleme schloss ich im Jahre 1962 mein Sportstudium an der Deutschen Sporthochschule Köln ab. Mein Wirtschaftsdiplom erwarb ich im Jahre 1965. Nach meiner Promotion im Jahre 1970 kehrte ich nach 15 Jahren in den Iran zurück, um das iranische Bildungswesen nach deutschem Vorbild zu modernisieren. Mit Unterstützung der Universität Köln und der Zusammenarbeit mit 22 deutschen Professoren gelang es mir, das iranische Bildungswesen zu reformieren, die 1. iranische Sporthochschule und diverse wissenschaftliche Zentren zu errichten. Mit dem Ausbruch der islamischen Revolution im Iran wurde ich wegen meiner Zusammenarbeit mit den deutschen Institutionen erneut politisch verfolgt. Ich folgte dem Ruf der Universität Hamburg und setzte meine wissenschaftlichen Lehrtätigkeiten an dieser Universität und der Universität der Bundeswehr im Fach „Soziologie der Länder der Dritten Welt“ fort. Neben meinen Lehrtätigkeiten realisierte ich diverse Integrationsprojekte für die iranischen MigrantInnen in Hamburg, die auch anderen MigrantInnen zugute kamen. So wurde ich „Vom Integrierten zum Integrierer“. Mein Pilotprojekt für die Integration aller MigrantInnen in Hamburg wurde in einer erweiterten Form von der zuständigen Behörde in Hamburg realisiert. Während meiner Lehrtätigkeit im Iran veröffentlichte ich zahlreiche wissenschaftliche Artikel und 5 Lehrbücher, darunter zwei Übersetzungen aus dem Deutschen für die iranischen Studenten. Mein Lebenswerk „Deutsch-Persisches Wörterbuch“ veröffentlichte ich in Hamburg im Jahre 1994.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 178

Veröffentlichungsjahr: 2014

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Autor: Professor Dr. phil. Cirus Djavid mit dem Talar der “University for Teacher Education“

„Zusammenleben ist Freude und Bereicherung, kann aber auch Zumutung sein. Zusammenleben unterschiedlicher Gruppen von Menschen mit unterschiedlicher Tradition, Kultur und Religion verlangt Toleranz auf beiden Seiten, verlangt Offenheit und die Bereitschaft, Neues anzunehmen. Dazu gehört auch die Bereitschaft, das eigene, das widerborstige und das sich nicht beugen wollende Moment ethnisch-kultureller Identität zu tolerieren.“

Johannes Rau

Inhalt

Vorwort

Abschnitt 1

Die Jahre vor meiner Flucht

Besuch des Pädagogischen Gymnasiums in Teheran

Kurzer Überblick über die allgemeine politische Lage Irans

„Nationale Front“, eine neue politische Macht im Iran

Meine politischen Aktivitäten

Besuch beim iranischen Premierminister Dr. Mossadegh

Meine Tätigkeit als Grundschullehrer

Staatsstreich gegen den Premierminister Dr. Mossadegh

16. Azar ( 07.12.1953 ) Überfall auf die Universität Teheran

Flucht der iranischen Intellektuellen ins Ausland (Gründung der „ Confederation Iranischer Studenten „ CIS“in Heidelberg)

Besuch des gegen Dr. Mossadegh gerichteten Militärtribunals

Meine Inhaftierung und Folterung

Vorbereitung meiner Flucht ins Ausland

Meine Flucht nach Deutschland

Meine Gedanken während des Fluges

Abschnitt 2

Meine Ankunft in Köln

Meine ersten Erlebnisse in Köln

Meine Arbeit als Werkstudent

Besuch der Lehrveranstaltungen von Herrn Prof. Dr. G. Weisser

Meine Tätigkeit als Dolmetscher

Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Carl Diem

Meine Unterkunft im Kofferraum eines Studentenwohnheims

Meine Aufnahme als Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung

Abschluss meines Sportstudiums

Integration der iranischen Studenten in Köln

Gründung der iranischen Studentenvereinigung e. V. in Köln

Das gemeinsame Seminar mit der Friedrich-Ebert-Stiftung

Besichtigung der Kölner Sozialeinrichtungen

Mitglied des 6. Studentenparlaments der Universität Köln

Mein erster Artikel über die Integration

Erwerb meines Wirtschaftsdiploms

1. Assistent von Herrn Prof. Dr. Paul Van der Schoot

2. Meine Dozentur an der Deutschen Sporthochschule Köln

3. Meine Lehrtätigkeit als Grundschullehrer in Köln

Soziologische Forschung im Iran

Erwerb meines Doktorgrades

Rückreise in den Iran

Abschnitt 3

Rückreise in den Iran

Reform des iranischen Bildungswesens nach deutschem Vorbild

Meine Dozentur an den Teheraner Universitäten

Meine Einsätze für die Erweiterung der deutsch- iranischen Kulturbeziehung

Errichtung der 1. iranischen Sporthochschule in Teheran

Besuch beim deutschen Bundesinnenminister Herrn Hans-Dietrich Genscher

Der offizielle Besuch des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt in Teheran

Meine Ernennung als 1. Rektor der Teheraner Sporthochschule

Mein Presseinterview in Köln

Die deutschen Professoren in Teheran

Mein Rücktritt als Rektor der Teheraner Sporthochschule

Errichtung des Fremdsprachenzentrums an der Universität für Lehrerausbildung in Teheran

Förderung des Frauensports im Iran

Gründung des deutsch-iranischen Jugendaustausches

Gründung des 1. iranischen Hockeyverbandes

Die Panasiatischen Spiele in Teheran (unterstützt vom Deutschen Olympischen Komitee)

Modernisierung des iranischen Bildungswesens

Besuch der „School of Education – University of California”

Zusammenarbeit mit der Universität zu Köln

Reise der Delegation des Deutschen Bundestages nach Teheran

Meine Nominierung zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse

Abschnitt 4

Erneute Flucht nach Deutschland

Gründe meiner erneuten Flucht

Meine Dozentur an der Universität Hamburg und der Universität der Bundeswehr

Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung

Meine Aufgaben als „Integrierer“ Gründung des Iranischen Kulturvereins e. V. in Hamburg

Integrationsziele des Iranischen Kulturvereins e. V.

Kulturdialoge mit den Deutschen

Konzertabend mit „Hamburger Camerata“

Errichtung der persischen Schule in Hamburg

Erteilung der persischen Sprache (Farsi) an den Hamburger Schulen

Aufnahme der persischen Sprache (Farsi) im Bundeswettbewerb Fremdsprachen

Zusammenarbeit mit Carl-Duisburg Center (CDC)

Gründung der Deutsch-Iranischen Jugendgemeinschaft in Hamburg

1. Kinderchor

2. Tanzgruppen der deutsch-iranischen Jugendgemeinschaft

2.1 Gruppe der iranischen Volkstänze

2.2 Gruppe der modernen Tänze

Förderung der deutsch-iranischen Sportbeziehung

Vorführung iranischer Volkstrachten

Förderung der Integration iranischer Migrantinnen

Das Deutsch-Persische Wörterbuch

Erfolgreiche Integration iranischer Jugend in Hamburg

- Studien und Fachausbildungen

- Sport

- Theater

- Gesang

- Musik

- Tanz und Ballett

- Die berufliche Kooperation der iranischen mit den deutschen Ärzten

Meine erneute Nominierung zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse

Errichtung der Interkulturellen Begegnungsstätte“Kulturhaus Pars e. V. „Hamburg

Integrationsziele und Aufgaben der „Interkulturellen Begegnungsstätte“

- Iran-Woche

- Deutsche Sprachkurse für MigrantInnen

- Pressekonferenz für die in Hamburg lebenden Migrantinnen

- Förderung der Allgemeinbildung der MigrantInnen

- Förderung der politischen Bildung der MigrantInnen

- Interkulturelle Dialogabende

Probleme der Migranten als Senioren

Dialogabende mit den deutschen SeniorInnen

Informationsgespräch mit Heide Simonis als Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein

Mein Modellprojekt. Integrationskurs für die iranischen MigrantInnen

Mein Pilotprojekt Integrationsprojekt für alle MigrantInnen und in Hamburg

A. Die Ziele meines Pilotprojekts:

B. Schwerpunkte des Pilotprojekts:

Fazit:

Namensregister

Vom Integrierten zum Integrierer „Integrationsprobleme eines Migranten in Deutschland und ihre Bewältigung“

Vorwort

In dem hier vorgelegten Buch geht es nicht nur um meine Autobiographie, sondern vielmehr um die Einsichten, die ich im Laufe der letzten Jahrzehnte aus der Bewältigung meiner eigenen Integrationsprobleme in Deutschland und meinen wissenschaftlichen und praktischen Auseinandersetzungen mit dem Begriff „Integration“ gewonnen habe. Weiterhin werden meine wertvollen Erfahrungen während der Förderung der deutsch-iranischen Kulturbeziehung sowie die erworbenen Kenntnisse aus meinen Lehrtätigkeiten und wissenschaftlichen Arbeiten an der Universität Hamburg und der Universität der Bundeswehr im Fach „Soziologie der Länder der Dritten Welt“ und die Anwendung der daraus resultierenden Ergebnisse für die Realisierung meiner Integrationsprojekte in der von mir errichteten „Interkulturellen Begegnungsstätte“ dargelegt, die nach Vorlage meines Pilotprojektes bei der Hamburger Behörde für die Integration aller MigrantInnen mit gewisser Veränderung praktiziert wurde und allen in Hamburg lebenden MigrantInnen zugutekam. So wurde die von mir vorgenommene Aufgabe als Integrierer erfüllt.

Das Ziel des vorliegenden Buches ist nicht nur das Themenfeld der Integration darzustellen, sondern vielmehr die bereits realisierten Projekte zu präsentieren, die zur Integration als einem gesamtgesellschaftlichen Prozess beigetragen haben.

Zum Schluss sei erwähnt, dass meine erworbenen Kenntnisse über die bestandenen Integrationsprobleme der Migrantinnen und Migranten und ihre Bewältigung mich veranlasst haben, mich während meiner 25-jährigen Einsätze und der Realisierung zahlreicher Projekte für den Abbau der Diskriminierung der Migrantinnen und Migranten und ihre Chancengleichheit in der deutschen Gesellschaft einzusetzen, um allen Migrantinnen und Migranten mit ihren vielfältigen Kulturen zu ermöglichen, sich am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Leben in Deutschland zu beteiligen.

Während meiner gesamten Integrationseinsätze räumte ich meinem persönlichen Interesse und meiner Geltung keine vorrangige Bedeutung ein. Bei allen meinen Einsätzen hatten die Interessen der Migrantinnen und der Migranten stets Vorrang. Meine Verantwortung den Migrantinnen und den Migranten gegenüber war nie abstrakt. In jeder Situation und vor jedem Problem suchte ich meine Aufgabe und ihre Lösung.

Mit diesem Buch möchte ich diejenigen Migrantinnen und Migranten ansprechen, die für Grundwerte und Ziele der Demokratie in Deutschland und Völkerverständigung offen sind, und hoffe mit meinen in diesem Buch erwähnten Denkanstößen einen Beitrag zur Integration aller Migrantinnen und Migranten in Deutschland zu leisten. Vielleicht könnte einer der Verantwortlichen daraus Nutzen ziehen.

Die Erfolge, die ich als „Integrierer“ mit der Realisierung meiner Projekte vor allem in den Jahren 1983–2005 in Hamburg hatte, verdanke ich meinen deutschen und iranischen Freunden für ihre freundliche und ehrenamtliche Mitarbeit und Unterstützung. Meine Erinnerungen sind den Weggefährten, mit denen ich gemeinsam meine Projekte realisiert habe, für immer verbunden.

Für die Entstehung dieses Buches habe ich meiner Frau Mina für ihre geleisteten Hilfen, Frau Monja Wulf, den Herren Ing. Pejman und Pouyan Ghanbari sowie Christian Carstensen, Thomas Kegat und Kourosh Ganji Foroutan für ihre Unterstützungen zu danken.

Cirus Djavid

Hamburg, im Oktober 2013

Abschnitt 1

Die Jahre vor meiner Flucht

Besuch des Pädagogischen Gymnasiums in Teheran

Nach dem Abschluss der dritten Klasse des Gymnasiums (9. Schuljahr) in Teheran im Jahre 1950 stand ich vor einem Scheideweg. Ich musste entweder einen Beruf erlernen oder den Besuch des Gymnasiums fortsetzen. Eine dritte Möglichkeit, d. h. eine Ausbildung bzw. eine Lehre zu beginnen, gab es zu jener Zeit nicht. Ich hätte gern das Gymnasium weiter bis zum Abitur besucht, wenn die finanziellen Möglichkeiten meiner Familie es erlaubt hätten.

Wir waren eine 8-köpfige Familie, davon sechs Geschwister, nur mein ältester Bruder war berufstätig.

Da ich aber seit meiner Kindheit den Wunsch hatte, später meinen Beruf als Lehrer auszuüben, entschloss ich mich aus zwei Gründen, das Pädagogische Fachgymnasium in Teheran zu besuchen.

Der erste Grund: Die Schüler dieses Pädagogischen Gymnasiums wurden nach ihrem Abschluss vom Erziehungsministerium als Grundschullehrer eingestellt, d. h. sie bekamen nach Absolvierung des Pädagogischen Gymnasiums als Beamte eine feste Stelle.

Der zweite Grund meiner Entscheidung für den Besuch dieses Pädagogischen Gymnasiums war, dass die Schüler nach bestandener Aufnahmeprüfung in einem staatlichen Internat aufgenommen und ihre Unterkunft und Verpflegung seitens des Erziehungsministeriums übernommen wurden.

Ich bestand die Aufnahmeprüfung und bekam einen Platz in einem staatlichen Internat. Meine Eltern wurden somit nach meiner Aufnahme im Internat hinsichtlich meiner Lebensunterhaltskosten finanziell entlastet.

Abgesehen von ihrer finanziellen Entlastung waren meine Eltern über meine Aufnahme sehr glücklich, weil sie der Ansicht waren, dass ich in Anbetracht meines Interesses für politische Ereignisse meiner Heimat in einem staatlichen Internat „in guten und sicheren Händen“ wäre.

Kurzer Überblick über die allgemeine politische Lage Irans

Historisch betrachtet, gewann der Iran seit dem 19. Jahrhundert durch seine geographische Lage, d. h. als Brücke zwischen Europa und Indien, an politischer Bedeutung. Daher gab es im Iran bereits seit Jahrzehnten ein ständiges „politisches Duell“ zwischen zwei Großmächten, England und Russland. Da sich die Interessen dieser beiden Großmächte nicht selten überschnitten, wetteiferten sie um ihren wirtschaftlichen und politischen Einfluss im Iran.

Russland erstrebte ein Vordringen im Iran, um seinen Anschluss an das Weltmeer durch den Persischen Golf zu bekommen und auf Handel mit Indien einen Einfluss zu gewinnen.

Dagegen war England einmal an politischer und wirtschaftlicher Hegemonie im Persischen Golf interessiert, zum anderen aber an der Sicherung seiner Kolonialmacht in Indien. So wurde der Iran politisches und wirtschaftliches Interessengebiet der beiden Großmächte. Diese politische und wirtschaftliche Konkurrenz begann bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, denn „im Jahre 1903 hatte der britische Unternehmer William Knox D‘ARCY mit dem damaligen Schah im Iran einen Vertrag geschlossen und sich für 60 Jahre das ausschließliche Recht gesichert, auf dem gesamten iranischen Territorium, mit Ausnahme der unter russischem Einfluss stehenden fünf nördlichen Provinzen, nach Erdöl zu suchen, Fundstellen auszubauen und das Öl zu exportieren“. Mit Unterzeichnung dieses Vertrages wurde im Iran praktisch der erste Grundstein für die Vorherrschaft der Briten gelegt und der Iran zur Beute der Briten gemacht.

Da sich Russland nach der Oktoberrevolution im Jahre 1909 für einige Jahre von internationaler Politik fernhalten musste, wurde das politische Schicksal Irans praktisch den Briten überlassen, was für das wirtschaftliche Interesse Englands ein willkommenes politisches Ereignis war, denn die Briten hatten dem Iran gegenüber eine koloniale Stellung und wollten ihre wirtschaftliche und politische Macht im Iran für längere Zeit stabilisieren. Um dieses Ziel zu erreichen, haben die Briten durch einen Putsch den letzten König der Kadscharen-Dynastie, Ahmad Schah, im Jahre 1921 vertrieben und einen iranischen oberkommandierenden Brigaden, Reza Khan, als Gründer der neuen Pahlavi-Dynastie, an die Macht gebracht, um ihn als ihren verlängerten Arm im Iran für fast 20 Jahre zu unterstützen. So gelang es dem iranischen oberkommandierenden Brigaden, Reza Khan, der sich inzwischen Reza-Schah nannte, eine organisierte Gewaltherrschaft im Iran aufzubauen.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und Einmarsch der Alliierten in den Iran im Jahre 1941 zwangen die Briten den „Reza-Schah“ wegen seiner Annäherung an das deutsche Reich zur Abdankung. Er wurde ins Ausland verbannt und sein Sohn, Mohammad Reza Pahlavi, an die Macht gebracht. So versuchten die Briten im Iran eine stabile Staatsmacht aufzubauen, um jedem möglichen kommunistischen Expansionsdrang der Russen im Iran Einhalt zu gebieten. Das gelang ihnen jedoch nicht immer reibungslos, weil die Sowjetunion durch Unterstützung ihrer kommunistischen Partei „Tudeh-Partei“ im Iran mit Demonstrationen, Unruhestiftungen und Auseinandersetzungen mit der Polizei gegen die Machtausübung der Briten protestierte, was den Iran wiederholt in Anarchie stürzte.

Diese Einmischungspolitik beider Großmächte, England und Russland, nach dem Zweiten Weltkrieg fügte dem Iran nicht nur große wirtschaftliche Schäden zu, sondern forderte auch zahlreiche Opfer von Freiheitskämpfern, deren Proteste und Widerstände gegen die Einmischung beider Großmächte in die inneren Angelegenheiten Irans immer stärker und deren Ruf nach Freiheit und Rechtsstaat lauter wurde. So wurden Unabhängigkeit und Freiheit im Iran zum Hauptanliegen der demokratischen Bewegungen.

„Nationale Front“, eine neue politische Macht im Iran

Da die blinde Nachahmung des Westens durch Schah-Regime seitens der Bevölkerung nicht akzeptiert wurde, bildete sich allmählich eine Gegenelite, die ihr kulturelles Selbstbewusstsein zu bewahren versuchte und der übertriebenen Verwestlichung der Gesellschaft mit Misstrauen gegenübertrat.

Als Folge dieser gesellschaftlichen Entwicklung wurde im Oktober 1949 die „Nationale Front“ als eine neue politische Kraft im Iran unter der Führung von Dr. Mohammad Mossadegh ins Leben gerufen, die die iranische Gesellschaft nachhaltig beeinflusst und die politische Landschaft Irans verändert hat. Nach kurzer Zeit formierte sich die Nationale Front, zuerst als eine außerparlamentarische Opposition, bestehend aus Liberalen, Studenten, Reformern und Nationalisten.

Dr. Mossadegh war ein erfahrener Politiker, der als erster Iraner in einem europäischen Land (Schweiz) im Fach Rechtswissenschaft promoviert hatte.

Er war als Hoffnungsträger der breiten Masse der Bevölkerung ein überzeugter Verfechter der parlamentarischen Demokratie.

Das Hauptanliegen Dr. Mossadeghs war nicht nur die Nationalisierung der Erdölindustrie, die über 50 Jahre in den Händen der Briten war und die iranische Politik wegen der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Öleinnahmen bestimmte, sondern er leitete auch eine Opposition gegen Willkürherrschaft, Misswirtschaft und Korruption des Regimes im Iran. Daher setzte er sich die freie Parlamentswahl zum Aufbau einer demokratischen Gesellschaft zum Ziel. Während einer relativ kurzen Zeit wurde die „Nationale Front“ als eine Volkspartei die stärkste politische Kraft im Iran, an der sich die breite Masse der Bevölkerung, insbesondere junge Menschen aus allen Schichten sowie Intellektuelle und vor allem Studenten, beteiligte.

Mit dem Einzug der Kandidaten der „Nationalen Front“ ins Parlament unter der Führung von Dr. Mossadegh im Jahre 1951 hatten sie politisch die beste Gelegenheit, die Bevölkerung über die Hintergründe der politischen Vorherrschaft der Briten und Sowjetunion aufzuklären.

Nach den jahrzehntelangen erfolglosen Bemühungen der iranischen Regierungen, die Briten zu veranlassen, ihr einseitiges Joint Venture der iranischen Erdölgesellschaft zu ihren Gunsten aufzugeben und sie zu einer gerechten Verteilung der Gewinne zu bewegen, machte Dr. Mossadegh, nachdem er seit der Gründung der Pahlavi-Dynastie im Jahre 1921 zum ersten Mal als Premierminister vom Parlament gewählt worden war, die von der Bevölkerung unterstützte Nationalisierung der iranischen Erdölindustrie zu seinem existenziellen Anliegen.

Gegen den Premierminister Dr. Mossadegh und seine Regierung reagierten die Großmächte unterschiedlich. Die Briten unternahmen zunächst alle politisch möglichen Schritte gegen den iranischen Premierminister Dr. Mossadegh, um ihm die Verstaatlichung der Erdölgesellschaft zu untersagen, u. a. riefen sie den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen an und erhofften sich vergeblich eine Resolution, die Dr. Mossadegh die Verstaatlichung der Erdölgesellschaft unterbinden würde. Ebenfalls reichten sie im Sommer 1951 eine Klage beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag ein, wo der Iran ebenfalls einen großen Erfolg hatte. Das Gericht folgte Mossadeghs Rechtsauffassung, „das Gericht sei nur für zwischenstaatliche Streitfälle zuständig, aber nicht für den Streit zwischen dem Iran und einem privaten Unternehmen“. Nach dieser Demütigung verhängte das britische Kabinett gegen den Iran umfangreiche Wirtschaftssanktionen.

Keiner der gegen die Regierung des iranischen Premierministers Dr. Mossadegh gerichteten politischen und wirtschaftlichen Schritte Englands führte zum Erfolg, denn im März 1951 hat das iranische Parlament die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie beschlossen.

Der Kampf Irans als kleine Nation gegen das zu jener Zeit größte Empire der Welt machte den iranischen Premierminister Dr. Mossadegh zum wichtigsten Fürsprecher der Freiheitskämpfer und ihrer demokratischen Bewegung in den Kolonialländern Asiens und Afrikas, die eine große Gefahr für die politische Weltmacht Englands bedeuteten.

Die Sowjetunion, vertreten durch ihre kommunistische „Tudeh-Partei“ im Iran, war der Meinung, dass die demokratische Bewegung des iranischen Premierministers Dr. Mossadegh nur eine „politische Maske“ sei und er in der Tat die amerikanischen Interessen im Iran vertrete. Als das amerikanische Nachrichtenmagazin „Times“ nicht überraschend Dr. Mossadegh zum „Mann des Jahres“ gewählt hatte, fühlte sich die kommunistische „Tudeh-Partei“ Irans in ihrer Behauptung bestätigt, dass der iranische Premierminister Dr. Mossadegh ein verlängerter Arm von Amerika sei. So verteidigte die Partei die These der Sowjetunion, „es könne in den Kolonialländern nur den Kommunisten gelingen, solche Schritte gegen Imperialisten zu unternehmen“.

Im Rahmen dieser Auffassung hatte es sich die „Tudeh-Partei“ zur Aufgabe gemacht, gegen Dr. Mossadegh und seine demokratische Bewegung zu opponieren, und sie sorgte mit ihren Kundgebungen, unterstützt von der Sowjetunion, für Anarchie und rief zur Unruhestiftung im Iran auf. Ebenfalls unterstützten die Briten stillschweigend solche Unruhen zu ihren Gunsten und manipulierten durch die von ihnen finanziell unterstützten persischen Zeitungen die öffentliche Meinung, um Dr. Mossadegh als korrupt und prokommunistisch darzustellen.

Sie waren der Ansicht, dass Dr. Mossadegh mit seiner Politik den Iran ruiniere und den Kommunisten ausliefern wolle.

Um die Zustimmung Amerikas gegen einen angeblichen kommunistischen Umsturz im Iran, einem Grenzland zur Sowjetunion, zu gewinnen und die amerikanische Unterstützung für ihre harten Sanktionen gegen den iranischen Premierminister Dr. Mossadegh zu rechtfertigen, propagierten die Briten, dass Dr. Mossadegh mit der Verstaatlichung der Ölindustrie den Weg für eine kommunistische Machtübernahme ebne.

Meine politischen Aktivitäten

Als ein politisch interessierter Gymnasiast erlebte ich während dieser Jahre die wichtigsten Tage der jüngsten Geschichte Irans und hatte als ein überzeugter Demokrat große Sympathie für Dr. Mossadegh und seine demokratische Bewegung. Ich war, ohne eine bestimmte Ideologie zu vertreten, an den politischen Ereignissen meines Heimatlandes sehr interessiert und fühlte ein inneres Bedürfnis nach Freiheit und forderte die Solidarität mit den Freiheitskämpfern. Mein Wunsch war eine demokratische Gesellschaft, in der das Recht des Individuums gesichert wird. Ich war als ein aufgeklärter Junge wie die meisten in meinem Alter von der demokratischen Bewegung Dr. Mossadeghs begeistert.

Trotz bestehender Gefahr nahm ich an den gegen die königliche Willkürherrschaft gerichteten Kundgebungen der Freiheitskämpfer und Demokraten teil und verfolgte mit großem Interesse die politischen Ereignisse in meiner Heimat.

In Anbetracht meines Alters und fehlender politischer Erfahrung wäre ich aber ohne Aufklärung meines Vaters weit davon entfernt gewesen, die Bedeutung der von der „Nationalen Front“ geführten politischen Bewegung zu begreifen. Ich nahm abermals an ihren politischen Kundgebungen teil, um mir ein Bild von ihrer demokratischen Bewegung zu machen. Deshalb hatten meine ersten politischen Orientierungen mit der demokratischen Bewegung Mossadeghs zu tun.

Nach meiner Aufnahme im Pädagogischen Gymnasium hatte ich Gelegenheit, mich direkt mit anderen Mitschülern über die politischen Ereignisse im Iran auszutauschen. Durch solche Diskussionen stellte ich fest, dass sich die meisten von den Schülern für die Politik Dr. Mossadeghs und die Befreiung Irans von der britischen Vorherrschaft interessierten. Ich bildete mit einigen von ihnen eine Gruppe, die mit der Politik Dr. Mossadeghs sympathisierte. Wir informierten uns durch Radio und Zeitungen über die politischen Ereignisse, die wir anschließend in unserer Gruppe diskutierten. Durch einen Vorfall habe ich erfahren, dass unser Internatsleiter, Herr A. Hojati, auch ein überzeugter Anhänger von Dr. Mossadegh war und große Sympathie für die „Nationale Front“ hatte.

Eines Tages, an dessen Datum ich mich nicht erinnern kann, haben wir in der Zeitung gelesen, dass die Studenten der Universität Teheran alle Studierenden und Gymnasiasten aufgefordert hatten, zur Unterstützung der Politik des iranischen Premierministers Dr. Mossadegh an einer der größten Kundgebungen in Teheran teilzunehmen. Wir hatten auch in unserer Gruppe beschlossen, uns an dieser Kundgebung zu beteiligen, vorausgesetzt, wir würden die Zustimmung unseres Internatsleiters bekommen, die wir zuerst für unmöglich hielten, weil unser Internat eine Stätte der Ordnung war und wir das Internat während der Woche nicht verlassen durften. Nur am Wochenende hatten wir 24 Stunden frei, um zu unseren Familien zu gehen.

Leichtathletikmannschaft des Pädagogischen Gymnasiums, 1.v.r. Autor hockend

Da ich als ein Mitglied unserer Leichtathletikmannschaft bereits diverse Preise gewonnen hatte und daher ein gutes Ansehen unter den Mitschülern genoss, wurde ich von den Mitgliedern unserer Gruppe als Wortführer beauftragt, mit dem Internatsleiter über unseren freien Ausgang zu sprechen.

Nachdem ich ihn mit großer Vorsicht um die freien Stunden gebeten und er sich über unser Vorhaben erkundigt hatte, teilte er mir mit großer Freude und zu meinem Erstaunen seine Erlaubnis mit. Durch seine positive Reaktion und Zustimmung wurde ich von seiner politischen Einstellung überzeugt, denn wir bekamen auch später wiederholt seine Zustimmung für unsere Teilnahmen an solchen politischen Kundgebungen der „Nationalen Front“.

Wegen meiner Aktivitäten und politischen Einsätze bekam ich zwischen den Schulkameraden eine führende Rolle für unsere Gruppe, deren Mitgliederzahl stetig stieg. Es gelang mir u. a. durch indirekte Unterstützung des Internatsleiters einige von den Gefährten Dr. Mossadeghs, die als Professoren, international bekannte Juristen und Wissenschaftler einen guten Ruf hatten, für einige Vorträge in unserem Gymnasium zu gewinnen. Ziel dieser Veranstaltungen war, uns genauer über die Ziele und Pläne Dr. Mossadeghs und der „Nationalen Front“ zu informieren.

Durch solchen Meinungsaustausch fühlte ich meine politische Einstellung bestätigt und wünschte mir, einmal Dr. Mossadegh, der inzwischen wegen seiner unabhängigen, antikolonialistischen und demokratischen Bewegung in einem der Entwicklungsländer international bekannt geworden war, persönlich zu erleben.

Besuch beim iranischen Premierminister Dr. Mossadegh