Inhalt
Impressum 2
Teil 1 3
Teil 2 51
Teil 3 101
Teil 4 152
Teil 5 201
Teil 6 252
Teil 7 302
Teil 8 351
Teil 9 401
Teil 10 451
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2020 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-126-6
ISBN e-book: 978-3-99107-127-3
Lektorat: Isabella Busch
Umschlagfotos: Michal Bednarek, Maxirf | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Teil 1
In seinen Erinnerungen,Vom Jakobli zumJakobversteckt sich der Schreibende hinter dem Vornamen seines Großvaters, dem Stege-Jakob, und seinem früh verstorbenen Onkel Jakob.
Namen sind zum Teil erfunden, zum Teil authentisch.
Die Flurnamen sind, mit wenigen Ausnahmen, authentisch.
Am Anfang
Am 01. Januar 1933 erblickte ein zartes Büblein das Licht der Welt.
Von seinen Eltern wurde für den jungen Erdenbürger der Name Jakobli schnell gefunden.
Wie es damals Brauch und Sitte war, gaben die Eltern ihrem Erstgeborenen den Vornamen seines Vaters.
Kaum lebensfähig musste der Neugeborene in den ersten Wochen gepäppelt und gehätschelt werden.
Jakoblis Mutter Anna war während der Hausgeburt ihres Erstgeborenen dem Tod gerade noch von der Schippe gesprungen. Die Hebamme und der im letzten Moment herbeigerufene Arzt bangten um das Leben von Jakoblis Mutter und ihrem Kind.
Hebamme Elsa
Der Säugling wollte im ersten Moment seines Daseins nicht atmen, die Hebamme Elsa gab ihm einen Klaps auf seinen Hintern. Vom Schock, hervorgerufen durch den Hebammschen Klaps, begriff Jakoblis Unterbewusstsein, dass er einatmen und wuchtig ausatmen musste, seine Lungen traten in Funktion.
Hebamme Elsa war im Dorf eine bekannte, liebenswürdige und von den Einwohnern geschätzte Frau. Sie wurde gerne von den Eltern zum Betreuen ihrer Kleinkinder beauftragt.
Die Mütter im Dorf waren glücklich, der Hebamme Elsa ihre Kleinsten in Obhut geben zu dürfen, wenn von Frauen und Mannen in heißen Sommertagen Feldarbeiten verrichtet werden mussten, zu denen die Kleinsten nicht mitgenommen werden konnten.
Mutter Anna
Nach vier Wochen hatte sich Jakoblis Mutter von der komplizierten Geburt ihres Sohnes erholt. Sie konnte bald wieder ihrem gewohnten Tagesablauf nachgehen. Vorerst mit sich schonendem Ausführen der Haushaltsarbeiten, die im Landwirtschaftsbetrieb anfallen, erfüllte Mutter Anna zusammen mit Erna, der treuen Gehilfin, die vielfältigen Tätigkeiten, die zu bewältigen waren.
Ihr Neugeborener war ein magerer, zarter Säugling. Die besorgten Eltern gaben sich viel Mühe, das junge Menschlein zum Gedeihen anzuregen. Nur langsam erholte sich Jakobli von den Strapazen, die auch er während seiner Geburt durchgemacht hatte. Nach und nach nahm der Kleine an Gewicht zu, die Eltern durften Hoffnung schöpfen, dass aus dem Knirps noch etwas werde.
Als er achtzehn Monate alt war erfüllte sich die Hoffnung der Eltern. Jakobli entpuppte sich als ein reges Kleinkind. Er war ständig auf allen vieren in Bewegung, wollte möglichst viel entdecken, in der Wohnstube und bei der Mutter in der Küche.
Bald hatte Jakobli die Erfahrung gemacht, dass er die Treppe zu Großmutters Wohnung selbstständig besteigen konnte. Von diesem Tag an war Jakoblis Revier um einen weiteren Ort reicher. Wenn er nicht zu finden war in der Wohnung der Eltern, dann sicher bei Großeli, so drückte sich der Kleine aus, wenn sein Weg nach oben zu Großmutters Wohnung führte. Großeli war eine von Jakobli geliebte Frau, schon früh hatte er die von Großeli gemachten Rahmtäfeli entdeckt.
Der Mutz
An seinem ersten Weihnachtsfest wurde Jakobli mit einem großen Teddybären beschenkt.
Mutz wurde der mollige Bär genannt, ein Wort, das Jakobli bald aussprechen konnte.
Aufrecht stehend war Jakobli um einen Kopf kleiner als sein großer, stummer Plüschkamerad.
Überall, wo sich Jakobli bewegte, musste Mutz dabei sein. In der gemütlichen Bauernstube, im Bett, manchmal auch auf der Wiese der Hofstatt.
Von der Hofstatt schoss zum Andenken an Jakoblis erste Gehversuche Mutter Anna eine Foto, wo der Bub und der Mutz an einem Ast des Zwergapfelbaumes angelehnt nebeneinander stehen.
Mit einiger Mühe zerrte Jakobli seinen braunen Begleiter überall hin, der Mutz musste immer bei dem Sprössling sein. Mutz musste mit Jakobli schlafen. Mutz durfte beim Essen nicht fehlen, darum wurde neben den Kinderstuhl ein Taburettli hingestellt, wo Mutz darauf saß und zuschauen konnte, wie der Esser sich tüchtig seinem Brei zuwandte.
Als bei Jakobli die ersten Zähne sich mit Schmerzen bemerkbar machten, reichte ihm jemand, der gerade für den kleinen Leidenden den Hüterdienst innehatte, ein weiches, fein abgerundetes Holzstäblein in die Hand. Jakobli wusste, wie mit dem erlösenden Ding umzugehen war, meistens war das eine Ende mit Honig bestrichen. Das süße Ende im Mund wurde sorgfältig gekostet und dann dem Zahnfleisch bearbeitet. Natürlich gab Jakobli bald zu verstehen, dass Mutz auch ein Holz haben musste.
Honig bekam Jakobli, auch wenn er aus anderen Gründen leidend war.
Vater Jakobs Hobby war die Bienenzucht, sodass immer genug des süßen Saftes im Haus zur Stege vorrätig war; auch für die anderen Kinder und für die Menschen, die im Haushalt und auf dem Feld mithalfen.
An Weihnachten erhielten die Knechte, auch die auswärts lebenden Helferinnen und Helfer, mit den Geschenken, die Mutter Anna für jeden richtete, immer noch ein Glas Honig als Zugabe.
Unbeschwerte Zeiten
Jakobli durfte, wie oben erwähnt, bei seinen Eltern auf dem Bauernhof zur Stege in familiärer Geborgenheit seine Jugendjahre verbringen.
Als Einzelkind wuchs er mit Nachbarskindern auf. Diese Kinder kamen aus Familien, deren Väter in Schaffhauser Firmen arbeiteten oder später lange Zeiten im Aktivdienst weilten.
Die Mütter Gehring, Kohli, Scheffmacher und Tassi halfen im Haushalt und auf den Feldern von Jakoblis Eltern, wenn kein oder nur ein geringer Geldsegen von ihren Ehemännern zu erwarten war.
Jakoblis Paten
Jakoblis Pate, Ludwig Vogelsanger, Tante Friedas Ehemann, übernahm mit der Patin Hedwig Dietrich nach kirchlicher Sitte die Erziehungspflichten, wenn die Eltern von Jakobli dies wünschten. Götti Ludwig war für den Buben neben Jakoblis Vater ein großes Vorbild.
Götti Ludwig wurde in einer armen Familie im Dorf Beggingen geboren. Ludwig wurde in seiner frühen Jugend als Verdingbub über den Randen nach Hemmental in eine Bauernfamilie gegeben. Von Götti Ludwig hat Jakobli im Lauf der Zeit vieles erfahren und gelernt. Der Junge hat mit seinem Paten Ludwig interessante Wanderungen unternehmen dürfen. Unvergessliche Wege führten die beiden von Herblingen über den Randen in Götti Ludwigs Heimatort Beggingen.
Ludwig erlöste seinen Göttibuben manchmal von den Arbeiten auf dem Bauernhof, indem er Jakoblis Eltern eröffnete, dass der Bube mit ihm am nächsten Sonntag über den Randen wandern dürfe. Diese Wanderungen leben heute noch in Jakobs Erinnerungen. Götti Ludwig hat in Begleitung von Jakobli den Randen erkundet. Viele verschiedene Wege führten die beiden ins Dorf hinter dem Randen.
Pate Ludwig erzählte während dieser Wanderungen seinem jungen Begleiter von den freien Sonntagnachmittagen, wenn ihm seine Austauschfamilie die Erlaubnis gab, zu seiner Familie nach Beggingen zu gehen. Der Bauer habe ihm jeweils klar zu verstehen gegeben, dass Ludwig zum Abendfüttern der Kühe wieder an seiner Arbeit in Hemmental sein müsse.
Jakoblis Patin Hedwig Dietrich lebte in Tengen, heute Kreis Konstanz in Deutschland.
Die Familie Dietrich bleibt Jakob in guter und liebevoller Erinnerung. Als Menschen, die ihn bei seinen Besuchen wie einen kleinen Prinzen verwöhnten.
Nicht lange Zeit durften diese Besuche dauern, denn bald kam die Hitlerzeit, welche auch in Tengen ihre unmenschlichen Einflüsse, in Form streng einzuhaltender Gebote, hinterließ. Bald kam die Zeit, wo die Verwandten aus der Schweiz nicht mehr nach Tengen hinter Burg in den <Felsen>, damals ein weitherum bekannter Gasthof, gehen durften.
Gotte Hedwig musste ihre zwei Kinder, Rita und Otto, allein erziehen, weil ihr Ehemann im Krieg verschollen blieb.
Jakobli war ein dünnes Kerlchen. Seine Eltern waren bemüht, den jungen Nachfolger möglichst gesund zu ernähren, damit er bald kräftiger wurde und weniger schnell in die Höhe wuchs.
Jakoblis Schutzengel
Das Büblein durfte schon früh in seinem Leben, im Alter von acht Monaten, von seinem Schutzengel profitieren.
Eines Abends, nach Beendigung der Arbeiten im Kuhstall, hatte Sepp, ein Knecht in den Diensten von Jakoblis Eltern, den von der Wiese frisch eingefahrenen, vollbeladenen Grünfutterwagen in die Scheune zurückgestellt, um am darauffolgenden Morgen das nasse Gras vor die Futterkrippen der Kühe zu streuen. Vom Gras auf dem Brückenwagen tropfte Wasser auf den Scheunenboden. Ohne Aufsicht hatte sich Jakobli hinter einem Wagenrad mit dem Spielen in einer Wasserlache vergnügt. Sepp, der Knecht, welcher den Graswagen zurückbewegte, konnte nicht wissen, dass sich der kleine Bub direkt hinter einem der eisenbereiften Räder befand. Beim Zurückrollen des Wagens überfuhr das Rad beiden Knie des Buben. Nach des Buben Aufschrei kam der Wagen in dem Moment zum Stillstand, wo das eisenbereifte Rad den Schädel des Kleinen überrollt hätte.
Noch Jahre später hatte Jakobli in den Nächten Schmerzen in seinen Knien. Mutter oder Vater holten ihn dann in ihr Bett, nachdem sie seine Knie mit Arnikaheilwasser eingerieben hatten.
Jakoblis Eltern freuten sich an den täglichen Fortschritten, die ihr Erstgeborener zeigte: durch seine Gewichtszunahme und durch sein Temperament, das er von Tag zu Tag entwickelte.
Nonna Nodari
Als die Katze von Familie Nodari, Jakoblis Nachbarn, fünf Junge geboren hatte, kam Nonna Nodari zu Mutter Anna mit der Mitteilung, dass Jakobli zu ihr kommen solle, die Katzenbüseli zu schauen. Von diesem Moment an fand man Jakobli, wenn er nicht zu Hause war, bei Nonna Nodari. Auf der Eingangstreppe zur Wohnung sitzend, hatte der kleine Bube die jungen Kätzlein auf seinem Schoß. Die jungen Kätzlein spielten miteinander, kletterten an Jakoblis Pullover hinauf, der junge Erdenbürger hatte seine helle Freude an Nonnas Vierbeinern.
Flora und Gret
Flora, eine Rappenstute, und Gret, die um Jahre jüngere Fuchsstute, waren zwei treue Zugpferde auf Jakoblis Elternhof.
Im September 1935 durfte Jakobli mit seinen Eltern auf das Feld im Stüdliacker fahren. Die Kartoffelernte war in vollem Gang. Jakoblis Vater führte mit einem Knecht das Gespann, das den Pflug durch die Furchen mit den geschätzten Knollen zog und diese öffnete, um die Kartoffeln freizulegen. Jakoblis Mutter, Tante Frieda und Frau Gehring sammelten und sortierten die aus den Furchen ans Tageslicht geförderten Früchte. Zwei Knechte waren als Träger der schweren Kartoffelsäcke geschätzte Kräfte, die das Beladen des Brückenwagens besorgten.
Zur Vesper versammelten sich alle beim Brückenwagen. Die Leute nahmen Platz auf der Wagenbrücke. Die beiden Pferde standen neben der Wagenbrücke, ihre Zügel nur lose über die Wagenbrücke gelegt. Vor jedem Pferd standen ein Hafersack und daneben ein Wasserkessel.
Jakobli durfte während der für alle wohlverdienten Ruhezeit auf Floras Rücken sitzen. Flora kannte Jakobli von Kindesbeinen an. Gret war weniger interessiert am Beschnüffeln und Kennenlernen eines kleinen Kindes. Die junge Fuchsstute zog das Galoppieren, das Umherspazieren, die Freiheiten, sich auf der Wiese der Hofstatt zu vergnügen, dem Ruhigstehen und Streicheln eines Kindes vor.
Plötzlich wurde die ruhige Vesperpause auf dem Kartoffelfeld durch einen wiehernden Juchzer, den Gret von sich gab, unterbrochen. Im selben Moment drehte sich Gret von der Wagenbrücke, Flora folgte ihrer Kollegin, und Sekunden später sahen die ruhenden Menschen auf der Wagenbrücke nur noch zwei Pferderücken, die sich im Galopp dem anderen Ende des Ackers zuwandten.
Über Wiesen, Felder und Straßen erreichte das flotte Pferdeduo die Stalltür des Bauernhauses zur Stege. Weil Flora, die Jahre älter war als Gret, sich beim Austritt und beim Eintritt bücken musste, um unter dem Stall-Türbogen durchzukommen, blieb nach dem selbst gewählten Ausflug vor der Stalltür stehen. Flora fühlte den jungen Reiter auf ihrem Rücken. Die treue schwarze Stute wartete mit ihrer Kollegin, die nicht anders konnte, als auch geduldig zu warten, bis Jakoblis Vater aufatmend auf dem Hof ankam.
Jakobli hielt sich immer noch an Floras Mähne fest, bis der Vater den jungen Reiter vom Pferderücken zu sich herunterhob.
Nach einer kurzen Standpauke, die Jakoblis Vater den beiden Ausreißerinnen hielt, setzte Vater Jakob seinen Sohn auf den Rücken von Flora. Dann nahm, unter Vaters Kommando, das Gespann den Rückweg zum Kartoffelacker auf.
Die Erwachsenen hatten auf dem Kartoffelfeld schon einige Reihen gefüllter Säcke auf den Brückenwagen geladen.
Die beiden Pferde spannte Jakob wieder vor den Pflug. Weiter ging die Erntearbeit, bis es Zeit wurde, die Heimkehr anzutreten, die Arbeiten in Haushalt und Stall zu übernehmen.
Zu Hause auf dem Hof wurde der beladene Wagen über Nacht in den Schopf gefahren. Die Männer begaben sich in Scheune und Stall, Guiseppe und Justa säuberten die Krippen, um dem Vieh das Futter in saubere Futterkrippen zu reichen.
Vater Jakob begann mit Hans, den Kühen die Euter zu reinigen, um die prallen Euter durch das Melken zu entlasten. Die Frauen bereiteten das Abendessen vor, Jakoblis Mutter versorgte den jungen Reiter für die Nachtruhe.
Am nächsten Tag war das Sortieren der Kartoffeln angesagt. In drei Sorten wurden die Ackerfrüchte eingeteilt: die kleinsten, unansehnlichen waren Schweinefutter, die mittleren wurden als Saatkartoffeln genutzt sowie für den Verkauf auf dem Markt, die großen waren die Speisekartoffeln für die Familie.
Die Früchte für den Verkauf wurden nach den Empfehlungen des Bauernverbandes an die Landwirtschafts-Sammelstelle beim Landhaus, hinter dem SBB-Bahnhof Schaffhausen, geliefert.
Jakoblis Vater hatte auch Abnehmer im Kanton Appenzell. Diese bestellten direkt bei den Produzenten große Mengen der Früchte.
Ab dem Jahr 1951, Jakoblis Vater hatte den ersten Traktor gekauft, fuhr der Stegebauer mit zwei vollbeladenen Brückenwagen angehängt, beladen mit Tafelobst der eine, mit Speisekartoffeln der andere, vom Wohnort nach Heiden im Appenzellerland. Der Gastwirt des Löwen in Heiden war seit Jahren Kunde beim Jakob.
Eine Fuhre mit dem Hürlimann-Traktor begann der Vater am Morgen früh um 05.00 Uhr und endete jeweils am späten Abend vor 22.00 Uhr.
Der Vater hatte nach solch einem langen Tag den Seinen von manchem Erlebnis, das er auf dem weiten Weg erlebt hatte, zu erzählen. Ein Punkt wurde mit Staunen erwähnt, dass der Treibstofftank noch für gute 60 km Reise gereicht hätte.
Vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg lieferte Jakoblis Vater Milch und Früchte an Familien in der Stadt. Solange Lebensmittelkarten die Bezüge regelten, gelangten diese Produkte gegen Abgabe der nötigen Marken an die Empfänger.
Großelis letzter Gang
An einem Juninachmittag im Jahr 1936 verließ Jakoblis Großmutter den Hof, die Heugabel geschultert und mit einem weißen Kopftuch gegen die Sonnenstrahlen geschützt. Zum Feld im Brüel wollte die Betagte, den anderen Frauen helfen, das am vorherigen Tag gemäht Gras zu wenden. Kurz nach dem Besuch bei Frau Meister, Mutter von Jakoblis Freund Ernstli, der Haarpflegerin im Dorf, fiel das Großeli, vom Hirnschlag getroffen, auf die Straße.
Jakoblis Eltern erzählten dem Buben, der liebe Gott habe einen Engel gesandt, um Großeli in den Himmel zu holen. Des Buben Fragen über Fragen wurden von den Eltern in schonenden Antworten befriedigt.
Im Herbst des gleichen Jahres besuchten Jakoblis Eltern mit dem Buben seine Patin in Tengen. Hedwig Dietrich betrieb im Dorf über dem Kerbeltal die weit bekannte Wirtschaft zum Felsen, hinter der Burg. Dieses Haus und der Schäzelemarkt bedeuteten für Tengen die zwei wichtigsten Anlässe, die jedes Jahr Besucher aus nah und fern zu einem Ausflug lockten. Beim Abschiednehmen wurde Jakobli von seiner Patin mit einem Geschenk überrascht. Hedwig übergab ihrem Patenkind aus der Schweiz ein Päckli mit einem Paar Kinder-Hosenträger. Diese waren mit farbigen Blumen und Kühen verziert. Am darauffolgenden Tag, auf dem Hof zu Hause in der Schweiz, durfte Jakobli die schönen Hosenträger anziehen. Der kleine Knirps ging nach draußen vor die Haustür, stieg auf die Bank, schaute gegen den Himmel und rief: „Lueg, Großeli, wa ich für schööni Hoseträger vom Gotti überchoo han!“
Mit Großmutters Tod wurde Jakoblis gewohnte Lieblingsbeschäftigung, Großeli zu besuchen, abrupt abgebrochen. Vom Großeli hergestellte Rahmtäfeli gab’s auch nicht mehr. Mutter Anna, Erna und Heidi, die drei Helferinnen im Haushalt, sorgten hin und wieder dafür, diese Lücke mit der Eigenherstellung auszufüllen.
Jakobli fehlte von nun an die liebe, ruhige Ansprechperson, die immer Zeit fand, bereit war, des Buben Fragen zu beantworten.
Milch von den eigenen Kühen
Kuhmilch vom Bauernhof, auf dem Jakobli aufwuchs, war genügend vorhanden. Aber des Buben Magen vertrug in den ersten Jahren seines Lebens die Kuhmilch schlecht. Seine Eltern meldeten Jakobli bei der Familie Fischer im Gässli, gegenüber seinem Elternhaus, als Ziegen-Milch-Pensionär an. Fischers hatten im Stall fünf Geißen, von denen gesunde Milch gewonnen wurde.
Sein erster Gang am Morgen war daher stets zur Familie Fischer, mit einem Milchkesseli gefüllt mit Kuhmilch. Vorbei an der Haustür vom Untermieter der Familie Fischer, Herrn Pfister, ein hässlicher Alter mit einem Holzbein, der von Beruf Uhrenmacher war. Der alte Pfister war für den jungen Jakobli ein Albtraum. Herr Pfister vertrug die Kinder schlecht. Wenn Jakobli zaghaft und ängstlich, an der Pfisterschen Haustür vorbeischlich, atmete der Milchbote stets erlöst auf, wenn er es unbeschadet geschafft hatte. Dann übergab er Frau Fischer sein mit Kuhmilch gefülltes Milchkesseli, welches diese mit Ziegenmilch gefüllt an den Buben zurückgab. Und hurtig verschwand Jakobli jeweils durchs Gässli in Richtung Elternhaus zur Stege.
Einmal gelang dem Buben der Rückzug nicht. Pfister, der Grimmige, stand mit seinem am Holzbein hochgezogenen Hosenbein mitten im Weg. Jakobli bekam einen derartigen Schreck, dass er das Milchkesseli vor Pfisters Beine warf. Der schockierte Bub rannte so schnell ihn seine Beine trugen am Hindernis vorbei über die Trüllenbuckstraße seinem Elternhaus entgegen.
Jakoblis Mutter regelte diesen Vorfall mit dem alten Pfister in den nächsten Minuten. Von jenem Tag an war Pfister nicht mehr vor seiner Haustür zu sehen, wenn der kleine Milchbote den Milchaustausch vorzunehmen hatte.
Die Familie Fischer im Gässli hatte vier Kinder, zwei Töchter und zwei Söhne. Fünf Ziegen, die Jakobli bald seine vierbeinigen Freundinnen nannte, standen im Stall.
Es kam der Tag, an dem Jakoblis Magen die Milch der Kühe vom eigenen Landwirtschaftsbetrieb vertrug. Fischers Ziegenmilch konnte an andere Verbraucher verkauft werden. Die nachbarlichen Kontakte jedoch blieben erhalten. Jakobli musste nicht mehr vor einem Kontakt mit Herrn Pfister bangen, dem gruseligen Mann mit dem Holzbein.
Schwester Elise
Die Kinder vom Dorf lernten sich schon im dritten oder vierten Altersjahr im Kindergarten kennen. Die Eltern, in der Mehrzahl Bauernfamilien, waren glücklich, ihre Jüngsten bei Schwester Elise, der geschätzten Kindergärtnerin mit dem weißen Häubchen als Kopfschmuck, das Wahrzeichen der Riehener-Schwestern, gut betreut zu wissen.
Jakoblis erste Freunde, Buben am Familientisch von Jakoblis Eltern, kamen aus Familien, deren Eltern in der Stadt arbeiteten. Von manchen dieser Freunde war der Vater im Aktivdienst, die Mutter fand ihre Arbeit in einem Schaffhauser Fabrikbetrieb oder verrichtete Arbeiten bei den Eltern von Jakobli im Landwirtschaftsbetrieb. Diese Jugendfreunde hatten jeweils außerhalb der Schulstunden die Bleibe vom Morgen bis zum Abend bei Jakoblis Eltern.
Als Jakobli drei Jahre alt war, durften ihn seine Eltern in die Kleinkinderschule im Dorf zur Schwester Elise geben.
Sein erster Ort einer Schulung fürs Leben gefiel Jakobli ganz und gar nicht.
Manchmal flüchtete der junge Zögling aus dem Klassen-Bereich von Schwester Elise, stürmte an den Gartenzaun des Kindergartens und hielt Ausschau, ob sein Vater mit dem Pferdegespann die Bahnhofstraße hinunterfuhr. Nicht selten kam unser kleiner Student mit Tränen in den Augen zurück zu Schwester Elise, enttäuscht ob der Schlechtigkeit der Großen, ihn im Kindergarten gefangen zu halten, anstatt mit seinem Vater Jakob aufs Feld fahren zu dürfen.
Zur Linderung des Druckes, der zur Erfüllung der Kleinkinderschule-Richtlinien sich in den Gedanken des jungen Buben aufbaute, zur Minderung der Traurigkeit, die auf Jakoblis Seele lastete, durfte der Bube jeden Samstagmorgen vor dem Eintritt bei Schwester Elise zum Adler-Beck hinunterlaufen und für 5 Rappen ein Salzbrötli kaufen.
Seine ersten Skier
Skier haben ihm seine Eltern früh geschenkt. An Weihnachten 1937 strahlte Jakobli wie die Sonne am Mittagshimmel, als ihm das Christkind seine ersten Skier unter den Baum gelegt hatte. Richtige Eschenbretter, hergestellt von Schreiner Müller, Lö sein Spitzname. Bindungen von Emil Kübler, Eisenwarenhandlung an der Neustadt Schaffhausen. Skistöcke mit richtigen Stahlspitzen und aus Weiden geflochtene Stocktellern. Skischuhe mit der Rille hinten am Absatz für die Halterung der Skibindung.
Nach einigen Trockenübungen in der Wohnstube erfolgte im Beisein seiner Eltern die erste Abfahrt vom Beckewääldli Richtung Wäierhaaldewald. Im Tiefschnee, ohne Sturz, wurde die Fahrt unten im Gebüsch des Waldrandes aufgefangen. Der Ostabhang des Beckewääldi war das Wintersportgebiet der Dorfjugend.
Später wurden die Touren ausgedehnter, manchmal an einem Tag vom Dorf auf den Hage im Randengebiet. Der Skimarsch führte Jakobli mit seinen Begleitern nicht direkt unten am Hohberg vorbei. Die jungen Sportler erlaubten ihren Kraftreserven den Umweg über den Hohbärg, der Schussfahrt zuliebe bis zur Liegenschaft Baur beim Dachsebüehlwald. Von dort dann über das Brandtobel, Schwiizersbild dem Längenberger Waldsaum entlang nach Merishausen, die Zwetschgenalee entlang hinauf zum Hagen. Bei Sonnenschein wurde der Heißhunger mit dem Mitgebrachten an den Tischen beim Hagenturm gestillt, bei Schneefall unter dem Vordach der Pfadihütte. Zu jener Zeit bestand der Hageturm aus drei armierten Betonpfeilern, oben mit einer kleinen Plattform, die von einer Stahlleiter aus erreicht wurde. Unvergesslich sind die bei untergehender Sonne abenteuerlichen Schussfahrten über das Hagetobel oder an der Radfahrerhütte vorbei über das Randehorn nach Merishausen hinunter der Heimat zu, die meistens bei Einbruch der Dunkelheit erreicht wurde.
Geistige Umnachtung
An einem Vormittag trug Jakobli einen Brief zur Post im Höfli. Vor dem Posteingang stand das kleine Häuschen, das als Kellereingang der Familien Wegmanns und Zieglers diente, wenige Meter vom Wohnhaus entfernt. An diesem späten Vormittag, als Jakobli am Häuschen vorbeiging, war Großvater Ziegler, Gneps Vater, im Begriff, einen großen Quaderstein ums Häuschen zu tragen. Im Nachthemd umrundete der alte Mann, etwas Unverständliches vor sich her murmelnd, das Häuschen. Für Jakobli eine unerklärliche Sache. Der Bube konnte sich nicht erklären, was es mit dem alten Nachbarn auf sich hatte. Ein Schreckmoment packte den Buben, Jakobli rannte mit dem Brief zum Elternhaus zurück. Sein Vater nahm den Buben bei der Hand und ging mit ihm zur Post hinüber.
Und tatsächlich, Großvater Ziegler war immer noch am Umrunden des Kellerhäuschens, vor sich hertragend den schweren Stein. Vater Jakob sprach Großvater Ziegler an, erklärte ihm ruhig, es sei nun Zeit, den Stein neben die Mauer des Häuschens zu legen und sich zurück in seine Wohnung zu begeben. Der verwirrte Mann nahm Vaters Ratschlag an, wanderte zufrieden, ein Liedlein pfeifend, zu seiner Wohnungstür zurück.
Der Sohn von Großvater Ziegler war im Dorf ein gut bekannter, fröhlicher Mann. In der Brauerei Falken hatte Eugen Ziegler, Gnep sein Spitzname, den Posten eines Bierfuhrmanns. Von Schaffhausen bis nach Kreuzlingen führten seine Biertouren. Über den Seerücken mussten die verschiedenen Gaststätten auf dem Hinweg mit Bier beliefert werden. In jeder Wirtschaft wurde nach getaner Arbeit eine Flasche Bier getrunken, sodass es kein Wunder war, dass der Lastwagenfahrer nicht ganz nüchtern in Kreuzlingen eintraf. Auf dem Heimweg fuhr Gnep zurück dem Untersee entlang. In den Dörfern dem See entlang hatte er noch einige Wirtschaften zu beliefern. So auch in Mammern, wo er um den Dorfbrunnen herum zum Gasthof Schiff fahren musste. Nach dem Abladen der Bierfracht und des Eises zum Kühlen des Biers, der Eiswagen war am Lastwagen angehängt, musste Eugen rückwärts fahren, um seinen Weg Richtung Schaffhausen fortsetzen zu können. Das schwere Fahrzeug wurde sorgfältig zurückgestoßen. Der Anhänger schob, ohne großen Lärm zu verursachen, vom Brunnen an der Straße den kleinen Brunnentrog auf die Seite. Gnep gewahrte in seiner Verfassung das Missgeschick nicht.
Auf dem Weg nach Eschenz fuhr das Zugfahrzeug samt Eisanhänger auf die Wiese. Dort knickte der Lastwagen einem Telefonmasten um. Dieses Malheur bemerkte Eugen. Er stieg aus und lud den schönen, geraden Holzmasten auf das Fahrzeug. Spätabends erreichte der Abenteurer nach mit viel Glück beendeter Fahrt endlich die Bierbrauerei in Schaffhausen.
Direktor Hermann hat am anderen Tag Jakoblis Vater angerufen, ihm das Geschehen vom Vortag geschildert, mit der Bitte, Jakob möge mit Eugen sprechen. Er sollte Nachbar Ziegler zu mehr Vorsicht ermahnen, denn auf ihn höre der Kerl nicht immer.
Gnep konnte keinen Beruf lernen, jedoch bildete sich der aufmerksame, intelligente Mann autodidaktisch in verschiedenen Berufszweigen weiter. Als Arbeiter in der Reparaturwerkstätte des Lastwagenparks war Eugen Ziegler ein geschätzter Kenner im Reparieren der Holzvergaser-Motoren.
Flugzeuge
Schon als junger Erdenbürger durfte Jakobli mit seinem Vater zum Flugplatz Schmerlät bei Neunkirch. Oben auf dem Flugfeld mit Graspiste verfolgte der Bube die Flugversuche der mutigen Piloten.
Zu jener Zeit, es war vor dem Zweiten Weltkrieg, saßen die Flugzeugführer angeschnallt auf einem einfachen Sitz, dem Fahrtwind ausgesetzt, offen an der Spitze ihres Apparates. Edy Keucher war einer der ersten Mutigen, die sich mit dem Segelflugzeug in die Lüfte wagten. Ein langes Gummiseil diente zur Fahrt-Beschleunigung des Flugzeuges. Während vier Männer den Apparat am Startort zurückhielten, zogen fünf bis sechs Kameraden das Seil in die Länge bis zu dessen Dehnungsgrenze. Auf ein Signal des Piloten ließen die, das Flugzeug am Seitenruder zurückhaltenden Kameraden die Haltegriffe los. Der Flugapparat wurde von zwei Kameraden an den beiden äußeren Enden der vorderen Tragflächen in der horizontalen Lage gehalten. Sie spurteten mit, bis sie mit dem schneller werdenden Flugzeug nicht mehr mithalten konnten. Kurz darauf zog der Pilot seinen Steuerknüppel an, das Flugzeug stieg Richtung Dorf Neunkirch hoch in die Luft, um nach kurzem Geradeausflug zu wenden, und nach einigen Minuten wieder auf dem Startplatz zu landen. So konnten Jakobli und sein Vater die ersten Flugversuche der Schmerläter-Flieger miterleben.
Nach so einem Aufenthalt anlässlich einer Sonntags-Velotour fuhr der Vater mit seinem Sohn nach Schleitheim weiter. Dort hatte Vater Jakob einen Besuch bei Jakob Peyer, dem Bienenzüchter und Straßenwart, vereinbart. Jakob Peyer und Jakoblis Vater frönten, als ihr Hobby, der Bienenzucht. In Schleitheim bei Peyers wurden die beiden Herblinger mit Freude empfangen. Tante Hermine, die Frau von Jakob Peyer, war eine Schwester von Jakoblis Pate Ludwig.
Auf dem Heimweg fuhr der Vater mit seinem Sohn über den Randen. Jakobli genoss die Überfahrt durch den schönen Randenwald. Die Gegend hinab zum Chlooschterfäld, Richtung links den schmalen Durchgang zum Orserentaal durchfahrend. Die Fahrt dem Waldsaum entlang bis zum Birch war ein lange Zeit im Gedächtnis des jungen Mitfahrers haftendes Ereignis.
Hans-Ueli Peyer, einer der Peyer-Söhne, war damals schon ein begeisterter Bastler von Modellfliegern.
Nach seiner Rekrutenschule bei der Schweizer Flugwaffe trat Hans-Ueli zur Berufsarmee über.
Als Fluglehrer unterrichtete er die angehenden Militärpiloten auf den Flugzeugtypen, zuerst auf dem Typ-Venom, nach dem Ausscheiden des Venom-Typen übernahm er die Schulung auf dem Typ-Hunter.
Hans-Ueli, später arbeitete er in der Firma Hispano-Suiza, weilte einige Monate im Auftrag der Genfer Waffenfabrik in Indonesien als Testpilot. Er hatte die Aufgabe, die an die Indonesische Armee verkauften Venom-Flugzeuge mit den neu eingebauten Bordkanonen der Hispano-Suiza einzufliegen.
Allein
Schon bald bezog Jakobli sein eigenes Schlafzimmer. Anfänglich hatte der kleine Mann Mühe mit dem Einschlafen. Mutter Anna und manchmal auch die liebe Haushalthilfe Erna sorgten dafür, dass des Buben Erlebnisse, die er während des vergangenen Tages erlebt hatte, durch das Erzählen einer Gutenachtgeschichte, vertrieben wurden.
Sein Schlafzimmerfenster war auf der Seite der Schwaderlochstraße, gegenüber des Gashauses Löwen.
Wenn der junge Schläfer aufgeweckt wurde, dann hörte er mitten in der Nacht die Stimmen der heimkehrenden Wirtshausgäste. Er erkannte die meisten Ruhestörer, wenn das Gegröle zu laut in seine Ohren drang.
In einer Sommernacht hatten die Junggesellen vom Dorf noch nicht den Drang, nach Hause zu gehen. Es wurde draußen vor dem Gasthof beraten, was man noch unternehmen könne. Battista, Ehrhard, Willi, sein Spitzname war Gummi, Franz und der Eugen, sein Spitzname war Gnep, wurden einig, einer von ihnen dürfe wohl der Serviertochter des Restaurants noch einen Besuch in ihrem Schlafzimmer abstatten. Die Übermütigen, zu allen Streichen aufgelegt, beschlossen, dazu Vater Jakobs große Leiter zu nutzen. Nonnas Sohn Battista, der Nachbar von Jakoblis Eltern, wusste, wo die lange Leiter stand.
Die Kavalleriekollegen hängten die Leiter aus der Verankerung hinter dem Haus und stellten sie an das Vordach des Gasthofs. Vom Vordach war es möglich, das Schlafzimmerfenster des begehrten Fräuleins zu erreichen. Jakobli verfolgte mit Interesse diese außerordentliche Aktion. Er sah, dass der Gnep beim Besteigen der hohen Leiter seine Tabakpfeife im Munde hatte.
Der kleine Zuschauer bemerkte, dass sich eine Frauengestalt aus dem Posthof zur Gruppe der Übernächtler begab. In dem Moment, als Genp von der Leiter zum Dach wechseln wollte, rief Emma, seine Ehefrau: „Wa machscht du döt obe?“ Vor Schreck ließ Gnep seine Tabakpfeife aus dem Mund in die Tiefe fallen. Jakobli sah einen Funkenregen sich zwischen den Holmen über die Leiter hinunter ergießen.
Langsam kam Genp die Stufen hinunter. Er hatte einen Blumentopf mit Geranien in der Hand und erklärte seiner Gemahlin, dass sie doch sehe, wie nötig es sei, den Blumen Wasser zu geben. „Also mach weidli, sisch Ziit daat haam chunsch, aber zerscht duesch alli Geranien tränke.“ Ehefrau Emma harrte vor der staunenden Spitzbubengruppe aus, bis ihr Ehemann sämtliche Geranientöpfe in den nahen Brunnentrog getaucht und wieder zurück ins Blumengitter gestellt hatte.
Tödliches Methangas
Einmal entging Gnep nur durch Zufall seinem Tod. Ein Fahrer konnte den ihm zugeteilten Lastwagenmotor nicht zum Laufen bringen. Die Zeit drängte, Gneps Chauffeurkollege wurde ungeduldig. Mehrmalige Startversuche misslangen ihm. In seiner Bedrängnis suchte der verzweifelte Fahrer seinen Kollegen Gnep auf, der sich mit einem anderen Fahrzeug beschäftigte. Eugen, der immer Hilfsbereite, ging zum unbeweglichen Motor, dessen Holzvergaser unter Feuer stand. Das Wichtigste, das Gnep nicht beachtet hatte: Der Vergasungsprozess war bei seinem Fahrzeug im vollen Gange.
Eugen wollte beim Lösen von Problemen immer allein sein, so auch in diesem Fall. Darum bat er seinen ungeduldigen Arbeitskollegen, sich aus dem Staub zu machen.
Eugen suchte und fand nach kurzer Zeit, wo der Fehler liegen könnte. Unter dem Motor befand sich die Ablassschraube für das Kondenswasser, das sich bei kaltem Wetter in der Gasleitung sammelte. Gnep kroch unter den Motorenteil, gelangte zur schwer zugänglichen Ablassschraube, und schlief nach einigen Minuten ein. Eugens Chef, Herr Mörsen, suchte Gnep wegen einem dringenden Vorfall. Als Herr Mörsen in die Lastwagengarage trat, entdeckte er zu seinem Schrecken unter einem Lastwagen ein Paar Beine, die sich nicht bewegten. „Hallo Eugen! Was machst du da?“ Keine Antwort vom Angerufenen. Mörsen, der in der Betriebsfeuerwehr diente, nahm sofort wahr, was diese Situation zu beuten hatte. Kurz entschlossen unternahm der Lebensretter, was zu tun war. Das Garagentor weit öffnen, an den beiden bewegungslosen Beinen ziehen, den durch die geruchlosen, unsichtbaren Metangase ohnmächtig gewordenen Verunfallten an die frische Luft schleppen. So rettete Herr Mörsen seinen hilfsbereiten Mitarbeiter Gnep vor dem Tod, hervorgerufen durch eine Methangasvergiftung. Am Abend erzählte der Wiederauferstandene im Kreis der Bierrunde im Restaurant Löwen, dass er heute fast, wenn sein Chef nicht richtig gehandelt hätte, im Himmel gelandet wäre.
Eugen war im Turnverein Herblingen ein geschätzter, guter Geräteturner. „Gnep, mach eine Übung vor.“ Wenn so ein Wunsch von den Turnerkameraden geäußert wurde, war Eugen schnell bereit, einen interessanten Übungsteil vorzuführen. Am Barren, am Pferd und auch am Reck, Eugen war an jedem Turngerät ein guter Turner.
Beim Durstlöschen nach der Turnstunde hatte Gnep meistens eine Idee, seine Kollegen mit einer Vorführung in Staunen zu versetzen.
Eine Wette mit dem Schreinermeister und Feuerwehrkommandant Arthur, die Kameraden im Dorf nannten ihn Chüngelschreck, der gerade von der Jagd kam, führte dazu, dass Arthur ein Bierglas mit scharfem Thomysenf gefüllt, auslöffeln sollte, während Gnep eine Brissagozigarre rauchen musste. Der Schnellere sei der Gewinner, erhalte vom Langsameren die Wettkosten und einen Becher Bier dazu. Gnep war mit wenigen Ausnahmen meistens der Gewinner.
Die Gaststube glich nach einer solchen Wette einer Hufschmiede, nach dem einem Pferd die Hufeisen eingebrannt wurden.
Die blinde Anna
Schon früh, im Kindesalter, verlor Anna ihr Augenlicht.
Mit ihrer Schwester und mit ihrem Bruder, dem Geometer mit dem schönen weißen Bart, wohnte Anna, umsorgt von ihrer Schwester, im Einfamilienhaus zwischen dem Haus zur Heimat und dem Krämerladen Surbecks an der Dorfstraße.
Zum Krämerladen Surbeck wurde Jakobli schon zu seiner Kindergartenzeit geschickt, um Presshefe zum Brotbacken oder Zwick-Schnüre für die Kuh-und Pferdepeitschen zu kaufen.
Das Herblinger Schlachthaus war im Erdgeschoss des Hauses zur Heimat untergebracht.
Die zwei Orte, Surbeck und Schlachthaus, waren Anziehungspunkte. Wenn Presshefe für den Brotteig für das wöchentliche Brotbacken nötig war, führte Jakoblis Weg zum Surbeck. Wenn es nötig wurde, die Kuh- oder die Pferdepeitschen mit neuen Zwicken zu versehen, wurde der Bub zum Surbeck befohlen.
Wenn der Bub Angstschreie von Schweinen vernahm, die der Metzger im Schlachthaus tötete, führte sein Weg dann vor dem Haus der blinden Anna vorbei.
Wenn der Bube auf dem Heimweg vom Kindergarten das Schreien eines Schweins hörte oder er den Einkauf bei Surbecks zu tätigen hatte, meistens beim Vorbeilaufen vor dem Heim der blinden Anna, wurde Jakobli von Annas Schwester gerufen. Er solle kurz heraufkommen, Anna wolle ihn fühlen, messen, wie er gewachsen sei, mit ihm nur ein paar Worte sprechen. Solchen Aufforderungen leistete Jakobli gerne Folge, denn nach den Besuchen bei den alten Damen wurde er immer mit einem Stück Schokolade oder einem Stück Kuchen beschenkt.
In der Stube saß dann die blinde Anna auf ihrem Sessel, sie erwartete die näher kommenden Schritte des jungen Besuchers. Wenn der Jakobli seine rechte Hand in Annas Hand legte, begrüßte die Blinde den Buben mit freudigen, fröhlichen Worten. In Annas Nähe fühlte sich Jakobli geborgen und wohl. Er erzählte gerne den aufmerksam zuhörenden Frauen, was er heute im Kindergarten erlebt hatte. Wie weit das von Jakobli geflochtene Brotkörblein gediehen ist. Vor dem Abschiednehmen von Anna und ihrer Schwester legte die blinde Frau ihre Hand auf Jakoblis Kopf, fühlte die Distanz vom Boden aus und sagte „du chliine Bueb, duu bisch wieder gwachse siit dim letschte Bsuech“.
Tagesablauf im Bauernhaus
Bauernfamilien hatten immer genug Arbeit. Von morgens früh bis abends spät waren für Eltern, Mägde und Knechte die Tagesabläufe ausgefüllt. Arbeiten, welche den Kindern noch nicht übertragen werden konnten, mussten durch die Erwachsenen verrichtet werden.
In Jakoblis Familienkreis befanden sich Kinder von Verwandten und aus Familien, bei denen nicht alles zum Besten stand. Manchmal tage-, wochen- oder monatelang oder auch bis zum Eintritt in eine Lehre fanden Jakoblis Freunde im Haus zur Stege einen Ort der Geborgenheit, bis ein Elternteil von ihnen zu Hause war.
Die Tassibuben, Franz und Sepp, waren beide älter als Jakobli. Frau Tassi war eine hilfsbereite, liebe Italienerfrau. Sie half Jakoblis Eltern im Haushalt, wenn nötig auch bei Feldarbeiten. Ihre beiden kleineren Buben waren viel bei Jakoblis Eltern, besuchten ihre Schulklassen im Dorf. Jakobli fühlte sich immer beschützt, wenn er nach der Schule in eine freche Kindergruppe geriet, die Tassi Buben waren seine, ihn erlösenden Helden.
Sepp Tassi, der Ältere, verlor sein Leben im Zweiten Weltkrieg als Angehöriger der italienischen Armee. Franz, der als Schüler eine Zeitlang die Hilfsschule in der Stadt besuchen musste, wurde ein erfolgreicher Maurerpolier.
Die Scheffmacherkinder verbrachten am Familientisch gegenüber Jakobli Zeiten der Gleichberechtigung. Maxli war wie ein Bruder von Jakoblis. Mutter Scheffmacher, eine tüchtige Hausfrau, war immer bereit, Jakoblis Eltern helfend beizustehen. Diese arbeitsame, ruhige Frau war geschätzt von Jakoblis Eltern. Frau Scheffmacher zeigte ihre Dankbarkeit Jakoblis Eltern gegenüber mit sorgfältiger Ausführung der Arbeiten, im Haushalt und auf den Feldern. Für Jakobli als Einzelkind waren diese Tischgemeinschaften von großer Wichtigkeit, auch fürs spätere Leben.
Kurz nach seiner Rekrutenschule verließ Max die Schweiz Richtung Mexiko. Er lebt seither im fernen Land.
Er hat mit seiner hübschen Frau, einer Mexikanerin, Jakob und seiner Familie Jahrzehnte später an der Gugerhalde einen Besuch abgestattet.
Anlässlich solcher Zusammenkünfte wurden Erlebnisse aus der Jugendzeit aufgefrischt, längst vergangene Zeiten in die Gegenwart geholt, von gemeinsam verbrachten Lebensabschnitten erzählt.
Max hatte seine Lehre als Stahlbauer bei der Firma Hübscher auf dem Ebnet in Schaffhausen absolviert. Nach seiner, mit einer guten Abschlussprüfung bestandenen Lehre, musste Max die Sommer-Rekrutenschule hinter sich bringen. Als Kanonier durchlief Max unbeschadet die siebzehn Wochen der von ihm nicht geschätzten Militärdienstzeit.
Im Wiederholungskurs, der im Jahr nach der Rekruten-Schule zu absolvieren war, löste ein Zielfehler des Geschütz-Richters in Max den Entschluss aus, die Schweiz für immer zu verlassen. Max erzählte, wie der plötzliche Auswanderungsentschluss zustande kam.
„An einem Samstagmorgen, vor dem Abtreten in den Sonntagsurlaub, wurde mit meiner Abteilung ein Scharfschießen abgehalten. Ich wurde als Geschützrichter bestimmt. Das Zielgebiet war hoch oben über einer Kuhweide abgesteckt. Ich hatte meine Gedanken schon auf Urlaub eingestellt. Nach dem ersten Schuss stieg unter dem Zielgebiet eine weiße Wolke aus dem dort unter dem Zielfeld stehenden Kuhstall empor.
Der nachträgliche Bericht der Untersuchungskommission bestätigte, dass ein Geschoss unserer Kanone in den Alpstall eingeschlagen hatte. Dabei wurde eine Kuh getötet, die frisch gekalbt hatte. Der entstandene Schaden zahlte die Militärhaftpflichtversicherung.
Als Geschützrichter trat ich einen scharfen Arrest an. Nach Verbüßung meiner Strafe reiste ich, glücklich dass mein Fehler nicht ein Menschenleben gekostet hatte, nach Mexiko.“
Max erzählte, dass er zweimal Meister im Stadtlauf von Mexico wurde.
Als Fabrikationschef arbeitete er in einer Waschmaschinenfabrik. Seine Frau war Krankenschwester im Stadtspital Mexikos.
Er musste nach den vielen Jahren seines Abschieds vom Dorf, in dem er mit seinen Freunden die Jugend verbracht hatte, eine Suchaktion unternehmen, bis er Jakobs Wohnort, an der Gugerhalde, gefunden hatte. Als letzte Möglichkeit sei er mit seiner Begleiterin zum Friedhof, dort habe er die Grabsteine von Jakobs Eltern gefunden. Durch die Todes-Daten der beiden konnte er Jakobs Wohnort ausfindig machen.
Streiche im Kindergartenalter
Während Jakoblis Eltern mit ihren Gehilfen im nahen undere Stroossacker Obst ernteten, saßen die Kleinkinderschüler Maxli, Ernstli, Peterli und Jakobli am Straßenrand der aalten Thääingerstrooss. Die Herbstsonne strahlte so intensiv, dass sich das Bitumen des Straßenbelages verflüssigte. Mit dieser schwarzen Bitumenmasse formten die Kinder Kügelchen. Die Hände wurden klebrig schwarz.
Ein bekannter Mann, Herr Augustin aus dem Nachbardorf, war damals ein selten gesehener Autobesitzer. Manchmal ritt er auf seinem Schimmel durch die Herblingergegend.
Am Nachmittag des Bitumenvorfalls fuhr Herr Augustin in seinem Erstaunen erweckenden Auto von Herblingen nach Thayngen. Als dieser Herr, der Jakoblis Vater gut kannte, an den spielenden Buben vorbeifuhr, warfen die Knirpse gegen das weiße Auto die Bitumenkügelchen. Herr Augustin stoppte sein Fahrzeug, fuhr zu den Buben zurück, gab ihnen Instruktionen, die die Bösewichte nicht verstanden. Der Unverstandene begab sich darauf zu Jakoblis Vater, um den Vorfall mitzuteilen. Vater Jakob hatte mahnend erklärt, dass die Buben solche Sachen nicht mehr machen dürfen. Das nachträgliche Reinigen der schwarzen Hände besorgte Mutter Anna zu Hause unter Zuhilfenahme von Benzin.
Im vierten Kindergarten-Jahr waren Jakobli und seine Freunde eine verschworene Bande.
Eines Nachmittags wurden die Spitzbuben einig, anstatt in den Kindergarten zu gehen, den Weg Richtung Bahnhof fortzusetzen.
Vor dem Überqueren der Bahnbrücke nahmen die Buben den Weg Richtung Fröschehaalde unter die Füße. Im Wald, dort wo der Haaldewisliweg steil aufwärts führt, nahm das Sechsergrüpplein neben der altehrwürdigen Buche Aufstellung, um zu beraten, wie es weitergehen solle. Die von den Bäumen herabhängenden Lianen ließen die Idee reifen, man könnte sich unter dem prächtigen Baum niederlassen und Lianen rauchen. Aber wie rauchen ohne Feuer? Erwinli, der an der Bahnhofstraße wohnte, begab sich kurz entschlossen zu seinen Eltern, das fehlende Feuerzeug zu besorgen.
Eine fröhliche, verbotene Raucherrunde wurde bald durch die laute Mitteilung an Schwester Elise brüsk unterbrochen.
Esther, eine Kindergarten-Kollegin, hatte die Buben erblickt, in dem Moment, als der Schülertross am Seili auf dem oberen Waldweg vorbeizog. „Schwester Elisä, de Jakobli isch döt unne bim grossen Baum“, rief die Esther voller Schadenfreude.
Von einer Schulkollegin verraten, entfernten sich die jungen Raucher vom scheinbar geschützten Ort.
Jakoblis Kopf dröhnte, seine Zunge fühlte sich an wie eine grobe Feile.
Die jungen Abenteurer mussten Vater Jakob versprechen, nie mehr der Schule fernzubleiben, um solchen Unfug zu treiben.
Erste Kindergartenreise auf den Hohbärg
Die erste Kindergarten-Schulreise durften die Kinder auf den Hohbärg machen. Am Seili, mit den am Seil eingebundenen Querhölzchen, an denen sich jeweils links und rechts vom Seili ein Kind festhielt, marschierten Jakobli und seine Schulfreunde hinter Schwester Elise den Zickzackweg hinauf zum Aussichtspunkt, der heute noch die Besucher der schönen Aussicht wegen anzieht.
Auf einer alten Fotokopie ist zu sehen, dass schon Jakoblis Vater mit seinen Kindergarten-Kameraden auf den Herblinger Hausberg wandern durfte.
Als stolzer Träger der kleinen Fahne, mit seinen Kameradinnen und seinen Kameraden des Herblinger Kindergartens, geführt und überwacht von der Kindergärtnerin Schwester Marie, dies im Jahre 1907.
Heute, wo Herblingen als Stadtquartier eingestuft ist, leuchtet jeweils am ersten August, vom Quartierverein Herblingen aufgebaut, das Höhenfeuer auf dem Hohbärg weit über die Lande.
Die zweite Kindergartenreise
In seinem dritten Kindergartenjahr war die zweite Reise für Jakobli und seine Schulfreunde ein Ereignis, das Wochen zuvor in Gesprächen die Vorfreude erkennen ließ.
Zum Kindergarten an der Munothalde in Schaffhausen reisten die Herblinger Kindergärtler für einen ganzen Tag.
Die Hinreise ab dem Dorf-Kindergarten auf Vaters Brückenwagen, die Rappenstute Flora war vorgespannt, bis hinauf zum Munot bedeutete fürdie reiselustigen Passagiere ein richtiges Abenteuer.
Zurück ging die Reise vom „Tagungsort“ durch die Innenstadt Schaffhausen zum Bahnhof SBB, mit der DB bis zum Bahnhof Herblingen.
Die Begegnung mit den fremden Studienfreunden an der Munothaalde ist Jakobli noch soweit in Erinnerung, wie die Herblinger dort, vor den Mauern der Festung Munot, den Znüni gemeinsam essen durften. Der Durst wurde gelöscht mit, von der Sonne aufgewärmtem, lauem Wasser, das den Betreuten von Schwester Elise gereicht wurde.
Die Festung hinter dem tiefen Graben, wo die Hirsche die auf der Zugangsbrücke zum Munot stehenden Kinder nach Futter anbettelten, wurde von den jungen Besuchern mit Ehrfurcht zur Kenntnis genommen: das kühle Dunkel in der Kasematte, der Pflasterstein-Pfad hinauf auf zur Munotzinne, wo sich die gefährlich tiefen Luftschächte befinden, die weite Aussicht von der Zinne aus durch die farbigen Guckfensterlein, alles wurde bestaunt.
Die beiden Kanonen, deren Rohre gegen die Altstadt gerichtet sind.
Der feine Duft der Rosen, die im großen Blumengarten blühten. Alle diese eindrucksvollen Momente waren noch lange nach der Reise Gesprächsstoff.
Die Geschichte die vom Bauwerk Munot und vom Munotglöcklein handelt, hat Schwester Elise nur angedeutet.
Im Elternhaus, am runden Eichentisch, erzählten jeweils nach den Abendessen Jakoblis Eltern ihm und seinen Kameraden mehr aus der Geschichte vom Bau des Munot.
Tante Frieda und Götti Ludwig
Götti Ludwig hatte sein Einfamilienhaus am Bärg an der Dützebüelstraße gebaut.
Südwestlich davor lag ein schöner Gemüsegarten, nordöstlich der Hauseingang mit dem Blumengarten.
Jakobli durfte schon allein zu Tante Frieda gehen, um Tante Frieda ein Kesseli voll Kuhmilch, ein Brot von Mutter Anna gebacken, ein Stück Räucherspeck oder manchmal auch ein Päärli Rauchwürstli zu bringen.
Der Weg zum Bärg war meistens ein abwechslungsreiches Abenteuer für den jungen Boten.
Götti Ludwig hatte ein Zimmer an den Pöstler Genner aus Ramsen vermietet. Der Pöstler Genner war ein groß gewachsener, freundlicher Mann. Wenn er dem kleinen Buben begegnete, grüßte er den scheuen Kleinen mit aufmunternden Worten, die Jakobli dann auch zu einem Gruß an den Pöstler veranlassten. Solche Begegnungen waren viele Male Auslöser eines Gesprächs zwischen Alt und Jung.
Dann konnte Jakobli Tanti Frieda erzählen, dass er den Herrn Genner getroffen habe, dieser mit ihm gesprochen und ihm gesagt habe, wie weit er an diesem Tag laufen müsse, dass alle Familien am Abend die Postsendungen bekommen hätten.
Tanti Frieda erzählte ihrem jungen Besucher vom Vorfall, den sie mit Herrn Genner erlebt hatte. Dieser sei an einem Morgen auf dem Gartenweg zur Straße der Länge nach hingefallen. Er habe um Hilfe gerufen, sodass die Tante aufgeschreckt zum Daliegenden geeilt sei und ihm geholfen habe, wieder auf die Beine zu kommen. Tante Frieda habe dem Verunglückten die Nase verpflastern, ihm seine Uniform vom Blut reinigen und einen Finger verbinden müssen.
Götti Ludwig hatte damals schon einen Radioempfänger. Einen braunen Holzkasten mit dem runden Loch über dem Tuch. Aus dem Tuch wurden die Musik und manchmal auch Reden gehört. Dieser Radioempfänger interessierte Jakobli sehr. Der Bube hätte gerne mehr erfahren über dieses Gerät, warum die Musik, die Stimmen aus dem Holzkasten tönen konnten, wie es möglich sein konnte, beim Drehen eines der Knöpfe Piepsen, Knistern oder andere Stimmen zu vernehmen. Tante Frieda ließ den Kleinen am Gerät spielen, bis es ihm verleidet war.
In der Küche war dann für den jungen Besucher meistens ein Zvieribrot bereit, das Jakobli besonders schätzte, denn es war ein Beckenbrot vom Bäcker Fischer aus dem Dorf. Ein Beckenbrot, so nannte der Kleine das längliche Brot, war etwas anderes als das von Mutter Anna gebackene.
Wenn Jakoblis Eltern mit allen Gehilfen aufs Feld fahren mussten, durfte Jakobli mit seinen Freunden an schulfreien Nachmittagen zu Tante Frieda gehen, sich dort mit Spielen die Zeit vertreiben.
Als die Jungen die Elementarschule besuchten, durften sie zur Abwechslung an einem schulfreien Nachmittag Götti Ludwig helfen, das Brennholz in den Estrichboden zu versorgen.
Diese Arbeit war für die Buben eine interessante Tätigkeit. Die Brennholz-Scheiter waren vor dem Gartentor gelagert. Von dort hatte Götti Ludwig eine aus Holzflecklingen gefertigte Rollbahn bis vor das Haus gelegt. Auf der Rollbahn wurden auf einem flachen Rollbrett große Zainen, gefüllt mit dem Brennholz, bis zum Hauseingang gefahren. Hoch über dem Hauseingang unter dem Dachvorsprung war das Fenster zum Dachboden. Über dem Fenster hatte der Götti eine Seilrolle befestigt. Mit dieser Seilrolle wurden die schweren, mit den Scheitern gefüllten Körbe hochgezogen, geleert und die Scheiter im Estrichboden gelagert.
Jakoblis Vater im Kindergarten
Als Jakoblis Vater seine ersten Jugendjahre bei der Kindergärtnerin Schwester Marie verbrachte, wurde dort die erste Reise auf den Hohbärg gemacht. Als Fahnenträger hatte Schwester Marie Jakoblis Vater bestimmt. Auf einem Foto der damaligen Zeit ist der kleine Kindergärtler festgehalten, wie er stolz die weiße Fahne vor sich herträgt.
Nach dem Abendessen erzählte Vater Jakob den Kindern öfter, wie es zu seiner Zeit im Kindergarten zu- und herging.
Er erinnerte sich noch gut, dass Schwester Marie eine gute, aber auch strenge Kindergärtnerin war. Dass die Eltern, zur damaligen Zeit waren im Dorf mehrheitlich Bauernfamilien, froh waren, dass sie ihre Kleinkinder in die Obhut von Schwester Marie geben durften.
Jakoblis Vater erzählte an einem dieser Abende, wie sie, die Kindergärtler, mit dem Förster Ziegler vom Neuhof die Lindenbaumsetzlinge der Straße entlang vor der Stigele einpflanzen helfen durften.
Nach Vaters Erinnerungen war es in seiner Kindergartenzeit auch so, dass die Kinder Körbchen flechten durften.
Auch habe Tante Sofie von der Bahnhofstraße nach jedem 1. Augustfestlein den Kindern den 1. Augustweggen geschenkt.
Schwester Marie veranstaltete, so wie dies Jakoblis Vater den Jungen erzählte, mit ihren Schutzbefohlenen auch viele Wanderungen zum Dützebüelwald hinauf.
Cirkus Stei
Ende Juni hatte der Circus Stei seinen Standort für die Zirkusvorführungen auf dem Platz vor dem Löwen gewählt.
Für die Dorfjungend ein seltenes Ereignis, das sich jedes Jahr um diese Zeit wiederholte. Die Kinder fanden sich, wenn immer möglich, neben dem Geschehen des Aufbaus der Vorführbühne zusammen. Jakobli, Gerdli und Maxli waren auch dabei. Die drei Buben staunten, wie die Männer den hohen Baumstamm, der dem gefährlichen Schaukel-Spiel des Artisten diente, aufstellten.
An einem Samstagnachmittag durfte Jakobli mit seinen beiden Freunden die Zirkusvorstellung besuchen.
Weil für einen Zirkusbesuch kein Geld übrig war, reichte Mutter Anna ihrem Buben einen Kratten, gefüllt mit frischen, süßen Kirschen. Jakobli könne mit seinen beiden Freunden zur Frau Stei gehen, ihr einen schönen Gruß von der Stegebäuerin ausrichten. Er soll beim Übergeben der Kirschen gleich die Bitte anbringen, dass diese Kirschen als Eintrittsgeld für ihn und seine drei Freunde gedacht seien.
Die nette Ehefrau des Zirkusbesitzers geleitete die drei glücklichen Besucher zur Zuschauerreihe in vorderster Front.
Die drei Zuschauer hielten sich mit Applaudieren, Rufen und Staunen nicht zurück.
Beim Abendessen war ein Thema das wichtigste, der Zirkusbesuch.
Theater im Dorf
Im September kündigte eine Bekanntmachung, die an der Tür der Milchzentrale angebracht war, an, dass Alice und Berti Wegmann ihren Theaterabend im Holzschopf über dem Postbüro eröffnen werden.
Jakobli fragte seine Mutter, ob er mit Gerdli und Maxli das Theater im Holzschopf besuchen dürfe. Beim Abendessen wurde dem Vater der Wunsch des Buben unterbreitet. Über den Eintrittspreis wurde nicht lange verhandelt. Mutter Anna wusste von der Mutter der beiden Theater-Vorführerinnen, dass frische Eier auf der Post sehr begehrt waren.
Am Abend der Theatervorführung marschierten Jakobli, Gerdli und Maxli und Jakobli mit einem Eierkarton, gefüllt mit sechs frischen Hühnereiern, vom Hof zur Post. Mutter Wegmann dankte, gab ihren beiden Töchtern bekannt, dass zur Theatervorführung die Buben von der Stege abzuholen seien.
Im dunklen Holzschopf über dem Postbüro empfing eine fröhliche Kinderschar die drei Kollegen. Ein Glöcklein mahnte zur Ruhe. Die Vorführung wurde ungestört zu Ende gebracht, Applaus, Jubelrufe wurden zum Abschied den beiden Wegmann-Töchtern dargeboten.
Die Theaterbesucher hatten wieder Gesprächsstoff zum Erzählen nach dem Abendessen.
Sparsamer Umgang mit Znünipapier
Znüni, die Zwischenverpflegung im Kindergarten, war in Lebensmittelpapier eingewickelt. Mutter Anna hatte Jakobli gelernt, nachdem der Imbiss verzehrt war, das Znüni-Papier sorgfältig zu falten und für den nächsten Gebrauch am andern Tag wieder nach Hause zu bringen.
Diese Wiederverwendung wurde wiederholt, bis das Papier jeweils unansehnlich zerknüllt war.
Heute bekommen die Jungs von den Eltern ihren Imbiss in kunstvoller Verpackung, so hergestellt, dass meistens eine Weiterverwendung unmöglich ist. Der Einfachheit halber geben die Eltern ihren Sprösslingen Geld, damit sie vor dem Schulhaus, beim vorfahrenden Verkaufsstand, ihren Znüni nach freier Wahl kaufen können.
Heute landen diese Verpackungen von gut erzogenen Kindern im nächsten Papierkorb. Wenn es schlecht läuft landen sie aus Bequemlichkeit und unüberlegtem Handeln im nächsten Gartenbeet, in der Grünhecke neben dem Schulweg.
Der Markt der Verpackungsindustrie wird in der heutigen Zeit wegen schlechter Erziehung, aus Unachtsamkeit, aus unüberlegtem Tun unterstützt. Ein Milliardengeschäft wird dadurch aufrechterhalten, dessen Umsätze steigern sich von Jahr zu Jahr. Rücksicht auf die Umwelt wird ignoriert, Profitdenken kommt vor dem Naturschutz.
Das Hirschenbrünneli
Jakobli hatte sich von seiner Mutter verabschiedet, mit fröhlichem Hüpfen begab er sich auf den Weg zum Kindegarten. Bei Meisters wartete schon sein Kamerad Ernstli auf ihn. Die beiden Jung-Studenten marschierten plaudernd Richtung Restaurant Hirschen dem Kindergarten zu. „Luueg, Jakobli, Iis“!, rief Ernstli seinem Freund zu. Auf der Wasseroberfläche des Brunnentroges hatte sich über Nacht eine feine Eisschicht gebildet. Mit den Fingern war die gefrorene Schicht nicht zu durchstoßen, also versuchten es die beiden Forscher mit den Schuhen. Beide stiegen auf den Rand des Brunnentroges, die Eisschicht war so interessant, nicht zu knacken, dass beide im gleichen Moment darauf standen, mit dem Resultat, dass sie nach einem kurzen Knacken bis zu den Knien im kalten Wasser standen.
Den beiden, vor Schreck und von der Kälte geschockt, wurde bewusst, in diesem Zustand konnten sie nicht bei Schwester Eliese eintreten. Was also tun? Zur blinden Anna und ihrer Schwester auf der anderen Seite der Dorfstraße laufen. Dort konnten die nassen Hilfesuchenden Zuflucht finden, bevor die anderen Mädchen und Buben sie erblickten.
Die beiden Baumer-Schwestern waren einsichtig genug, die Notlage der beiden Buben zu erkennen und zu verstehen. In der warmen Stube von Anna und ihrer Schwester wurden Jakobli und Ernstli liebevoll aufgenommen. Die Schuhe und die durchnässten Strümpfe durften auf Zeitungspapier auf die Ofenkunst gelegt werden. Neben den zum Trocknen aufgestellten Sachen hockten die beiden Besucher und berichteten den beiden Gastgeberinnen, wie es zum Unglück gekommen war.
Die Mütter der beiden Eisforscher wurden nachträglich von Schwester Eliese informiert, dass Anna und ihre Schwester ihr, der Kindegärtnerin, erklärt hatten, warum Jakobli und Ernstli an jenem Morgen dem Kindergarten ferngeblieben waren.
Landesausstellung in Zürich
Schon sieben Monate waren verstrichen seit Jakoblis sechstem Geburtstag. An einem schönen Spätsommertag im Jahr 1939 durfte der junge Bube mit seinen Eltern auf die weite Reise nach Zürich fahren.
Schon während der Bahnfahrt von Schaffhausen nach Zürich kam der junge Reisende kaum aus dem Staunen heraus.
Die Gegend schoss an Jakobli, der seine Nase ans Wagenfenster drückte, zu schnell vorbei.
Plötzlich stellte der Bube fest, dass sich das Gelände nach unten verabschie-dete, tief im Tal floss der Rhein dahin.
Am Bahnhof Eglisau konnte der Vater Jakobli erklären, dass aus der Fabrik, die neben den Bahngeleisen steht, das sprudelnde süße Mineralwasser Eglisana kommt.
Zürich, eine für den jungen Besucher große, unübersichtliche Stadt, in der vom 06. Mai bis zum 29. Oktober 1939 die Landesausstellung stattfand, ließ Jabli nur staunen.
Unser kleiner Besucher durfte an einem Tag die Ausstellung besuchen. Die Brücke, über deren Durchgang die vielen Fähnlein der Gemeinden der Schweiz aufgehängt waren. Der Schifflibach, den Jakobli mit seinen Eltern im Boot befahren durfte. Die Luftseilbahn, die Jakobli mit seinen Eltern über den Zürichsee ans andere Ufer brachte. Die Erzähltante, die mit ihrer Geschichte, der er zuhören durfte, Jakobli und die anderen Kinder für kurze Zeit fesselte. Die Gruppe der Bernhardinerhunde, schön aufgestellt, bereit zum Rennwettbewerb.
Jakobli hatte Frage um Frage, die Eltern beantworteten dem interessierten Sohn möglichst alles, was einem jungen Menschen erklärbar war.
Am Abend eines langen, erlebnisreichen Tages musste Jakobli mit seinem Onkel Franz, dem Bruder von Jakoblis Vater, am Hauptbahnhof Zürich von seinen Eltern Abschied nehmen.
Onkel Franz fuhr mit dem müden Sprössling nach Schaffhausen. Vater Jakob und Mutter Anna gönnten sich, als seltene Ausnahme, einen weiteren Tag in Zürich. Anna war als junges Mädchen im Alter von achtzehn Jahren bei der Familie Manz, Besitzer des Hotels Gotthard, im Haushalt tätig. Bei der Familie Manz blieb Anna drei Jahre. Familie Manz hatte Anna vorzüglich behandelt, darum waren aus dem einen Jahr, nach Anstellungsvertag festgelegt, drei Jahre geworden. Im Lauf dieser Zürcher Jahre lernte Anna die Stadt kennen und lieben, sodass der Besuch der Landesausstellung um einen Tag verlängert wurde, um am zweiten Tag mit ihrem Ehemann die geliebten Orte der Stadt an der Limmat und Sihl zu besichtigen. Ein solcher Feiertag war nur möglich, weil Jakoblis Eltern sich auf die Dienerschaft im Bauernbetrieb verlassen konnten.
In Schaffhausen angekommen bestiegen Onkel Franz und Jakobli die Bahn Richtung Winterthur. Zum zweiten Mal an diesem Tag konnte Jakobli ein Naturschauspiel erleben. Nach der Durchfahrt des Bahntunnels ab der Station Neuhausen am Rheinfall, über die Eisenbahnbrücke, machte Onkel Franz den Kleinen auf den Rheinfall, dessen Wassermassen sich zwischen den beiden Felsen hinunterstürzen, aufmerksam. Kaum hatte Jakobli das Naturschauspiel wahrgenommen, wurde der zweite Tunnel durchfahren. Den Zug verließen die zwei Reisenden am Bahnhof Dachsen. An diesem erlebnisreichen Tag wurde der letzte Fußmarsch angetreten. Jakobli war eingeladen, bei Tante Elsbeth und Onkel Franz zu übernachten.
Am nächsten Tag besuchte Onkel Franz mit Jakobli die Firma SIG in Neuhausen am Rheinfall. Dort arbeitete Onkel Franz als kaufmännischer Direktor. Onkel Franz legte Wert darauf, von Zeit zu Zeit den persönlichen Kontakt mit dem Betriebspersonal aufzufrischen, den Menschen einen Besuch abzustatten, sich zu erkundigen über betriebliche und persönliche Belange.
Der junge Fabrikbesucher interessierte sich schon damals für die mächtigen Dampfhämmer, die in der Gesenkschmiede-Abteilung standen. Der erschütternde Lärm, das zischende Saugen der sich aufwärts bewegenden Zylinder, die dann donnernd auf das zu formende Werkstück prallten. Herr Scherrer, der Chef im Konstruktionsbüro, erklärte dem kleinen Besucher die Eisenbahn-Drehgestelle.
An der Mechanik, die eingesetzt wurde bei der Fabrikation von Verpackungsmaschinen, hatte Jakobli sein großes Interesse gefunden.
Nach der Besichtigung der Firma SIG begaben sich die beiden nach Schaffhausen, hinauf zur Lägernstraße im Breitequartier. Dort hatten die Bauarbeiten für das schöne Einfamilienhaus der Familie Franz Bührer-Lüscher begonnen. Onkel Franz zeigte Jakobli die Arbeiten fürs neue Heim an schönster Lage über der Stadt.
Zurück im Dorf konnte Jakobli am Familientisch, beim Erzählen seiner Erlebnisse während der zwei Tage mit Onkel Franz aus dem Vollen schöpfen.
Der Bub erzählte voller Stolz von den großen Maschinen, die glühende Stahlstücke zu den vorgegebenen Formen schmiedeten.
Diesem Besuch in der SIG folgten in den folgenden Jahren unzählige Kontakte, von denen später noch zu lesen sein wird.
In noch jungen Jahren
Als Jakobli und seine Kameraden noch jung waren, mit hoffungsvollen Einstellungen die Tagesabläufe erlebend, ließen sie sich von Tatsachen, die plötzlich vor ihnen lagen, erwartungsvoll fröhlich stimmen.
Ein schulfreier Tag, wenn ein Lehrer plötzlich erkrankt war, wurde als freudiges Ereignis wahrgenommen.
Erschüttert wurden die Kinder, wenn am Familientisch Nachrichten vom nahenden Krieg behandelt wurden.
Die Jungen wurden in ihrer Hilflosigkeit traurig, wenn sie von einem Unglück erfuhren.
Erlebnisse nahmen sie teils oberflächlich, nichts Böses ahnend auf. Das waren ihre unbeschwerten, schnell in Vergessenheit geratene Zeiten.
Die damaligen Tagesabläufe, unter den Vorgaben der Eltern, waren viel weniger reguliert als dies die Jugend in der modernen Zeit erleben muss.
Jakobli und seine Freunde waren geprägt von den Vorkommnissen der damaligen Vorkriegszeiten, so wie man diese in der Schweiz nach Hitlers Machtergreifung erlebte.
Jakobli durfte am runden Esstisch, besetzt mit seinen Eltern, mit den Gehilfen und drei Buben von Familien aus der Nachbarschaft, wichtige Erfahrungen sammeln.
Eindrücke, die prägten. Er war noch ein ganz kleiner Bube, es war vor dem Zweiten Weltkrieg im Jahre 1938, als es an der Lebernstraße neben der Schützenmatte brannte. Niederrösts Wohnhaus stand in Flammen. Einer der Knechte in Jakoblis Familie hatte den Buben auf die Schultern genommen. Gottlieb, der liebenswürdige Helfer aus Stetten, musste den jungen Reiter festhalten, um die zitternde Last nicht von seinen Schultern zu verlieren.
Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, im Juli 1946, brannte das Wohnhaus der Familie Sigg an der Lebernstraße oberhalb der Hofstatt von Jakoblis Eltern. Die Familie Sigg musste zusehen, wie ihr Haus in Asche und Staub versank. Klärli, die Tochter der Familie Sigg, verlor kurz vor ihrer Hochzeit mit Guido Schurter ihre gesamte Aussteuer.
Diesen Brand konnte Jakobli aus nächster Nähe verfolgen. Der junge Zuschauer erlebte, wie Heina Müller, der Einarmige, mit einigen Helfern als die ersten Brandbekämpfer kurzentschlossen einen Schlauchwagen aus dem Feuerwehrmagazin behändigten, schnell die erste Löschleitung vom Hydranten an der Ecke beim Höfli vor Schlatters Wohnhaus zum Brandobjekt legten.
Nach dem Brand fehlten aus Mutter Annas Hühnerschar einige Exemplare der Eierlieferanten.
Beinahe ein Beinunfall
Ein weiteres Eingreifen von Jakoblis Schutzengel erlebte der Bube in jenem Alter, in dem die Kinder nicht immer die Worte der Erwachsenen verstanden oder verstehen wollten.
Jakoblis Vater spannte an einem Nachmittag auf dem Hof vor dem Elternhaus Zur Stege die Pferde vor den Brückenwagen. Das Ziel war der Lochacker zwischen den Köhlländern und dem Gsang-Wald.
Der Acker befand sich unterhalb des Wolfbühels hinter dem Zimmerplatz. Zimmerplatz genannt, weil der Zimmermann Emil Müller, Lö war sein Herblinger Spitz-Name, auf jenem Platz seinen einfachen, offenen Holzschopf aufgebaut hatte. Unter dem Dach seines Schopfes lagerte Lö, der Schreinermeister, die zum Aufbau von Dachstöcken in seiner Werkstatt vorbearbeiteten Balken. Auf dem Rasenplatz vor dem Zimmerplatz-Schopf wurden diese Balken probeweise zusammengebaut, bevor sie jeweils dem Bauherrn angeliefert wurden. Auf dem Zimmerplatz hatte Jakobli mit seinen Freuden viele interessante Momente erlebt. Wenn sie sich unbemerkt von der Feldarbeit verabschiedet hatten, wussten die Eltern, wo die Verschwundenen zu finden waren.
An jenem Nachmittag vor der Fahrt zum Wolfbühel ermahnte der Vater die Kinder, sie saßen auf der breiten Fläche des Brückenwagens, die Beine immer ganz auf die Brücke des Wagens zu legen.
Jakobli hatte in jenem Moment nicht die beste Laune, er nahm Vaters Worte nicht ernst, hockte sich gegenüber der andern Kinder und ließ seine Beine über die Brückenbrüstung baumeln.
Die Pferde zogen im Galopp den Wagen mit seiner Fuhre die Lebernstraße hinauf. Den Rank vor dem Eckhaus, die Eigentümer waren Kiesgrubbührers, nahmen die lustig dahinjagenden Pferde zu eng, sodass die Wagenbrücke auf der Seite, an der Jakobli saß, an der Hausecke vorbeischrammte. In dem Moment, bevor seine Beine zwischen Hausecke und Wagenbrücke zermalmt worden wären, flogen des Buben Beine auf die Wagenbrücke zurück. Sein Schutzengel war im rechten Moment da. Er hat im richtigen Moment das Unterbewusstsein des Buben aktiviert.
Schiffskoch
Im Kindergartenalter antwortete Jakobli, wenn er gefragt wurde, was er einmal werden wolle, Schiffskoch möchte er werden.
An den Wochenenden, wenn Jakoblis Freunde bei ihren Familien weilten, war der Bube in der Küche neben seiner Mutter am Kochherd zu finden. Mutter Anna hatte ihrem Hilfskoch kleine Pfännchen geschenkt, damit er neben ihr seine Kochkünste ausprobieren konnte. Selbst vorbereitete Suppen, Kartoffelstock sowie Gemüse, kochte Jakobli für seinen persönlichen Gebrauch.
Später jedoch kam in der Berufsfrage alles anders, von dem im Folgenden noch zu lesen sein wird.
Wünsche werden erfüllt
Der Moment war gekommen, als das Christkind einen Wunsch, den Jakobli schon lange Zeit seinen Eltern anvertraut hatte, erfüllte. Das Christkind brachte dem Buben die ersten Skier.
Vater Jakob hatte die Skibretter aus Eschenholz beim Schreinermeister Lö anfertigen lassen. Die Skibindungen und die beiden Skistöcke wurden beim Händler Emil Kübler, der in der Neustadt seinen Eisenwarenladen führte, gekauft.
Noch am Heiligen Abend bat Jakobli seinen Vater, die Skier anziehen zu dürfen, um zu prüfen, ob alles in Ordnung sei.
Mit einem unbeschreiblichen Stolz versuchte der junge Sportbegeisterte, mit den Brettern an den Schuhen und den beiden Skistöcken ausgerüstet, über den Hausgangteppich in die von den Feiernden besetzte Stube zu laufen. Die Anwesenden beglückwünschten den vor Glück strahlenden Knirps.
Am folgenden 01. Januar, Jakoblis viertem Geburtstag, lag eine tiefe Neuschneeschicht auf Feldern und auf Straßen. Nichts wie los, seine Bitte an die Eltern richtend, sorgte Jakobli dafür, dass Mutter und Vater mit ihm zum Beckenwääldli hinaufpilgerten, um ihn zu beobachten, wie er als Skifahrer den Hang hinuntersausen würde.
Oben beim Wäldli angelangt gab Mutter Anna den Startbefehl. Jakobli mit Heldenmut begann seine erste Skiabfahrt. Ohne die Abfahrt zu unterbrechen, näherte sich der junge Skifahrer dem Waldsaum bei der Wäiherhaalde. Die Sträucher am Waldsaum fingen die Schussfahrt auf, so erreichte Jakobli seine ungewollte Zieleinfahrt durch einen natürlichen, gelinden Stopp, der den Sträuchern des Wäierhaalde-Waldsaums zu verdanken war.
Mit einigen Kratzern im Gesicht erreichte Jakobli seine Eltern, die oben auf ihren Skifahrer warteten.
Wieder hatte ein fürsorglicher Schutzengel Jakoblis Abenteuer begleitet.
Schneefall
Damals im Alter von fünf bis sieben Jahren frohlockte Jakobli mit den anderen Kindern, wenn über Nacht viel Schnee gefallen war.