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Die sieben Erzählungen könnten auch in einem Kinderbuch stehen. Immerhin gibt es eine einsame Riesin, einen verzweifelten Sternenwender, einen wehmütigen Schatten und ein paar erboste Monde. - Dennoch sind die Geschichten, die nun in der bereits 2., aktualisierten Auflage erscheinen, für Erwachsene gedacht. Der Leser wird es verstehen, wenn er sich auf die Figuren einlässt, deren Probleme und Lösungen nicht weniger wichtig sind als unsere. "Sehr talentierte, junge Autorin! Die Geschichten sind so abstrus, aber mit einer Selbstverständlichkeit und Wärme geschrieben, dass sie nie in Frage gestellt werden. Toller Humor, tolle Charaktere, toller Schreibstil!"
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Seitenzahl: 47
Veröffentlichungsjahr: 2015
An der Küste eines lebensfeindlichen unterkühlten Randmeeres, im östlichen Norden des Kontinents, lebte eine Riesin. Sie war so groß und Furcht einflößend, wie es sich für eine Riesin schickt, und genauso einsam. Denn wie alle Riesen lebte sie allein und wusste nicht, dass es noch andere Riesen gab, in anderen Ländern und Wäldern, die groß waren und Furcht einflößend und einsam. Die Riesin hatte sich an das Alleinsein gewöhnt, denn sie kannte es nicht anders, und sie war so beschäftigt mit all den Dingen, die sie tat, dass sie auch gar keine Zeit gehabt hätte für jemanden. Vielleicht kam darum niemand.
Eines Tages, als die Riesin an dem Strand des nordöstlichen Randmeeres nach Seetang und Muscheln suchte, fand sie eine kleine Flasche. Sie war grün und voller Schrammen, ihr Hals war mit einem in Wachs getauchten Korken versiegelt und in ihrem Inneren befand sich ein kleiner beschrifteter Zettel. Die Riesin hob die Flasche behutsam auf und drehte sie neugierig zwischen Daumen und Zeigefinger. Enttäuscht stellte sie fest, dass sie die winzigen Buchstaben auf dem Papier nicht lesen konnte. Das Glas der Flasche war von Steinen und Sand so zerkratzt, dass es kaum noch zu durchblicken war. Ihre Neugier war so groß, dass sie eifrig begann, das Wachs, das den Kopf der Flasche umschloss, zu entfernen. Als sie den Korken vollständig befreit hatte, presste sie ihn in die Flasche. Er fiel auf das zusammen gerollte Papier, kippte zur Seite und landete neben dem Zettel auf dem Flaschenboden. Aufgeregt wollte die Riesin das Papier aus der Flasche ziehen, aber ihre Hände waren viel zu groß. Sie suchte den Strand nach kleinen Zweigen ab, mit denen sie den Zettel aus der Flasche ziehen konnte, aber jeder Zweig, der klein genug war für ihr Vorhaben, zerbrach zwischen ihren großen und ungeschickten Fingern. Als der Abend dämmerte, saß die Riesin noch immer am Strand. Vor ihr ging glühendrot die Sonne unter und bedeckte das Meer mit einem samtenen Schleier, aber die Riesin hatte keine Augen für die Schönheit um sie herum. Sie saß auf einem Felsen, hielt die kleine grüne Flasche in der Hand, in der neben dem zusammen gerollten Papier und dem Korken ein paar zerbrochene Zweige lagen, und drehte sie nachdenklich zwischen Daumen und Zeigefinger.
Am nächsten Morgen stand die Riesin sehr früh auf. Sie ging mit ihrem großen steinernen Krug zu dem Brunnen, den sie vor Jahren gebohrt hatte, füllte ihn mit frischem Wasser und trug ihn in ihre Hütte an die Feuerstelle. Dann zerkleinerte sie ein Bündel getrockneter Kräuter, warf sie in einen Kessel, der über dem Feuer hing, und goss das Wasser hinein. So bereitete sie sich jeden Morgen eine Kräuterbrühe. Und wie auch all die anderen Dinge, die sie jeden Tag wieder tat, waren es nur Handgriffe, einstudiert und mechanisch, für die sie keinen Gedanken mehr brauchte. Heute aber war es anders. Denn obwohl sie eine Menge Dinge zu erledigen hatte, setzte sich die Riesin in ihren großen Lehnstuhl neben die Feuerstelle, trank einen Becher Brühe und starrte mit leerem Blick auf die kleine Flasche. Sie hatte sie am Abend zuvor auf das Fenstersims gestellt, und die Sonnenstrahlen, die durch das Fenster fielen, brachen sich in dem grünen Glas und zeichneten glitzernde Muster auf die Dielen. Die Riesin aber sah nur die kleine Rolle Papier, um die die Strahlen tanzten. Langsam an ihrer Brühe nippend und mit zur Seite geneigtem Kopf betrachtete sie die winzigen Buchstaben darauf und ließ ihre Gedanken darum kreisen. Die ganze Nacht hatte die Riesin wach gelegen und sich gefragt, wo die Flasche wohl her gekommen sein mochte und wer sie abgeschickt hatte. Sie wusste, dass es nur ein Zufall gewesen war, dass sie sie gefunden hatte, dass sie ausgerechnet an diesen Strand gespült worden war, und doch schien etwas Geheimnisvolles, für sie bestimmtes, von der kleinen Papierrolle auszugehen. Mit einer entschlossenen Handbewegung wischte sie ihre Gedanken fort, stellte die Brühe auf den kleinen Tisch neben ihrem Lehnstuhl und erhob sich, um sich auf den Weg in den Wald zu machen, denn wie jeden Tag musste sie Feuerholz für die kommende Nacht sammeln. Sie nahm ihren Korb, ging zur Tür und schloss die Hand um den Knauf. Eine Weile konnte sie sich nicht überwinden, ihn herum zu drehen. Seufzend wandte sie den Kopf zum Fenster und sah auf die kleine Papierrolle. Dann verließ sie die Hütte.
Mein Wellensittich war letzte Woche beim Psychiater. Ja, anfangs hielt ich das für eine absurde Idee, aber er hat sich zum Geburtstag einen Gutschein gewünscht für etwas Entspannendes, ich konnte meinen Wellensittich schlecht auf eine Beautyfarm oder in ein Wellnesscenter schicken - was hätten die Leute gedacht? -, also schenkte ich ihm einen Gutschein für drei Therapiesitzungen. Ich dachte mir, auf der Couch könne er entspannen, seinem Gezwitscher hörte endlich einmal wieder jemand zu, der es nicht schon auswendig kennt, und ich hätte ein paar Stunden meine Ruhe. Der Psychiater selbst durfte damit die wenigsten Probleme haben, und seine Sprechstundenhilfe wirkte auch nicht sonderlich überrascht, als ich meinen Geschenkgutschein für Hugo bei ihr abholte. Allerdings schaute sie ein wenig irritiert, als ich ihn zu seiner ersten Sitzung brachte, aber ich bedeutete ihr hinter seinem Rücken mit Handzeichen, dass er einen sprichwörtlichen Vogel hat, und sie nickte verstehend und lächelte uns freundlich zu.
