Vom Land Leben - Nikolaus Cybinski - E-Book

Vom Land Leben E-Book

Nikolaus Cybinski

0,0
5,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Beeindruckende Prosastücke über das Markgräflerland, den Südschwarzwald, das Elsaß und die Nordschweiz. Hier setzt ein Autor einer Landschaft ein zeitgenössisches Denkmal.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 42

Veröffentlichungsjahr: 2017

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Augen Blicke I (Fünf Markgräfler Skizzen)

In der Schwarzwaldklinik

Am Belchen

Nach Rufe auf einen Freigeborenen (Rheinhymne)

Augen Blicke II (Fünf Schwarzwälder Skizzen)

Von Wieden nach irgendwo (Gedichte)

Blicke. Einige Versuche, etwas zu sehen

Augen Blicke I

Fünf Markgräfler Skizzen

Für Gerta Haller

Oberhalb Schallbachs

Vor eineinhalb Jahren fielen die Kirschbäume im Zuge der Umlegungs- und Flurbereinigungsmaßnahmen. Mit einer Planierraupe wurden sie einzeln zu Boden gedrückt. Die erschreckten Schreie versanken im Krach des schweren Dieselmotors. Kein Baum floh. Zu Tode erstarrt ließen sie die Raupe herankommen. Die Stärkeren leisteten Widerstand. Manchmal knackte es, krachte dumpf, wenn die Wurzeln ausrissen. Tränen flossen nicht. Es war ein rasches, qualvoll stummes Ende. Vom Gemeinderat einstimmig beschlossen. Vom Landratsamt genehmigt und bezuschußt. Der Tod war legal, wütete tagelang. Tiefe Kettenspuren zerquetschten das Erdreich, verliefen kreuz und quer über die Äcker. Kein Baum wurde verschont. Gnade gab es nicht. Systematisch wurde bereinigt. Am Freitagabend war es geschafft. Ruhe kehrte ein, im Dorf atmeten sie auf. Die Planierraupe war neben der Straße abgestellt. Reglos lagen die ausgerissenen Bäume. Keiner erbarmte sich. Der trostlose Tod machte sich breit. Langsam starben sie, jeder für sich. Es wurde nicht gebetet.

Blick von Wintersweiler

Die Felder sind überdüngt. Das Wasser einzelner Tiefbrunnen ist kaum noch genießbar. Selbst der Landrat hat gewarnt. Die Pestizide, die in den Reben verspritzt werden, töten, was tödbar ist. Am Dorfrand stehen die Kräne der Baugesellschaft. Der Makler singt im Männerchor. Der Ortsvorsteher setzt auf Expansion. Die Mehrheit der Bevölkerung ist für die Todesstrafe.

Nichts stimmt mehr.

Und doch kann es sein, daß im Einfall warmer Maitage das Land sich in einen himmlischen Garten verwandelt, voll überquellender Üppigkeit, weiße und gelbe Wellen in den zart geschwungenen Konturen der Hügel schwimmen und das pralle Sonnenlicht zittriglautlosen Glanz darüberlegt, dessen Strahlen tief in die Augen dringen. Für Augenblicke scheint die Zeit entrückt. Mittägliche Stille macht sich behäbig breit. Im Schatten ist das Gras noch feucht. Der sich abkühlende Motor knackt. Bienen summen hektisch in der Kirschbaumplantage. Lauter, von unten auf der Straße, dröhnt hochtouriges Mopedgeräusch, das sich rasch verliert. Die Luft kommt in Schwaden, schmeckt blühend, maiglöckchenhaft. Betört, macht süchtig wie der leise Kuckucksruf. Du sollst deinen Frieden machen und selig werden.

Gleich im ersten Garten unten in Mappach halten die Zwerge sich den Bauch vor Lachen.

Rümmingen gegenüber

Dörfer mit Krebs, Rümmingen zum Beispiel.

Scheinbar planlos wuchernd und unkontrolliert wächst die Neubausiedlung aus dem alten Dorf, frißt sich den Hang rauf zum Waldrand hin. In lähmender Monotonie stehen die Zweifamilienhäuser, den gesetzmäßig vorgeschriebenen Abstand zentimetergenau einhaltend, durch Jägerzaun und Buchenhecke getrennt, in verzweifelter Vereinzelung, die durch Mauern und Dächer dringt, sich auf die Gesichter ihrer Bewohner legt und in Schlaf und Träume sickert. Auch der Bürgermeister träumt, seine Träume wuchern haltlos, werden zur alles verzehrenden Geschwulst, neue Baugebiete sind zu erschließen, der Gemeinderat ist umzustimmen, es sind schließlich ihre Acker, in die die Vermessungspflöcke geschlagen, Straßen trassiert werden. Neue Monotonie, neue Einsamkeit im Gedröhn der Rasenmäher, und in Anfangsmomenten klingt es echt, wenn sie aufheulen, als müßten sie schreien vor Glück. Erschreckend ist die Systematik der wuchernden Träume, längst sind sie in die Nachbardörfer eingedrungen, Wittlingen, Schallbach, kriechen in die Talsohle, empfindsam und verletzbar wie ein Handteller, dort ist neues Gewerbegebiet ausgewiesen, unheilbar für die zerbrechliche Landschaft stehen die Hallen aus grauen Betonfertigteilen, zwischen ihnen die kanalisierte Kander, eingezwängt in künstlich gemauerte Ränder aus Bruchstein, nervös dahinplätschernd, einem Rinnsal von Tränen vergleichbar, nur keiner weint –

Richtung Riedlingen

Sanft entrückt, im farblosen Firniß der Oktobersonne schweben Felder und Hänge still davon, versinken im weißgrauen Horizontdunst. Die Luft zittert von blasser Hand bewegt. Die frisch geteerte, fast schwarze Straße löst sich in hellblauer Himmelsstarre auf. So enden oftmals Träume. Lange Leitern hängen aus den Nußbäumen, das Gras darunter ist zertreten. Es wird viel geklaut, Nüsse lohnt sich. Unerklärlich bleibt die spätsommerliche Wärme. Das weißlich schimmernde Laken des Lichts blendet die Augen. Tage, die ins Herz gehen, kaum erträglich. Unberührt fließen die Felder über die Hügel. Die Holzener Störche sind längst weg, wohin weiß keiner genau. Der Ortsvorsteher hofft, daß sie im Frühjahr zurückkommen. Das Nest ist schon gerichtet. Kein Motiv wurde so häufig fotografiert wie die Störche auf dem Turmdach. Unterhalb des Aussiedlerhofs wurden im Sommer die Feuchtwiesen drainiert, die Orchideen sind eingegangen. Kein Zauber rettete sie, es war ein rasches Sterben. In Anflügen des leichten Winds knistern die Blätter, fallen schaukelnd vereinzelt auf die Erde. Spatzenschwärme fliegen quirlig von der Straße auf. Ruhig liegen die Kühe käuend in der Sonne, bis Allerheiligen bleiben sie tagsüber draußen. Die Astern hinter dem Maschendrahtzaun werden bald geschnitten. Ein gut gekleideter alter Herr fotografiert sie, sein Volvo hat ihre Farbe. Er findet die Landschaft gesegnet, hinreißend wie die Toscana oder Burgund, nur sauberer, ordentlicher. Über seinem Kopf steht reglos der weiße Mond, unmerklich aus dem Dunst gestiegen. Tage, die so nicht wiederkommen. In Riedlingen wird das Bauland knapp, der Quadratmeterpreis liegt jetzt bei 200 Mark.

Von Gupf, südlich