Vom Leben und Sterben - Margot Plöhn - E-Book

Vom Leben und Sterben E-Book

Margot Plöhn

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Beschreibung

In diesem Roman geht es um die Bewältigung des Alltags auf einer Intensivstation, die die Patienten als Intensivstation einer biotechnischen Versorgung erleben. Das Pflegepersonal deren Entpersönlichung durch die Dominanz einer technozentrischen Medizin, die sie zu bedienen haben. Die Folgen sind eine zunehmende Vereinsamung der Schwerstkranken. Von den Krankenschwestern spricht niemand. Sie sind Soldaten an der Front, die wenig Wertschätzung erfahren und schlecht bezahlt werden. Mein Lebensgefährte und mein väterlicher Freund weigern sich am Ende ihres Lebens eine Klinik aufzusuchen. Sie wollen nicht an Maschinen angeschlossen werden, die ihr Leben, das längst keins mehr war, für ein paar Tage oder gar Wochen in der Schwebe halten. Mit Hilfe des geschriebenen Wortes über das eigene Ich schlüpfe ich mich in andere Menschen hinein. Erzähle von den Menschen, die erkennen, dass sie nichts Grundsätzliches verbessern können. Inzwischen erleben die Pflegenden ihre Überforderung in einer fortschreitenden säkularisierten modernen Gesellschaft, die dazu geführt hat, im Gehen mit den Patienten zu sprechen: ich komme gleich, muss grade Frau M. fertig machen. Die Patientin wird schon verstehen. Sie tun täglich ununterbrochen Gutes. Aber können nur das Nötigste tun. Zu Mehr bleibt keine Zeit. Auch ich fühlte mich oft schuldig, schleppte diese Gefühle mit nach Hause, schrieb sie nach dem Tod meines Mannes 1968 auf. Das war meine Trauerarbeit. Schreibend rettete ich mich. Habe nicht an eine Veröffentlichung gedacht, bis meine Freundinnen es 2009 mich ermutigten, es einem Verlag zu schicken. Im Kapitel „Grenzerfahrung“ schildere ich meinen eigens verschuldeten Verkehrsunfall, der mich an die Grenze des Todes brachte. Mein Leben hing am seidenen Faden. Die Maschinen an meinem Bett haben es erhalten. Ohne diese und der Wachsamkeit der Ärzte und Pflege meiner Kolleginnen hätte ich nicht überlebt. Obwohl die Bücher stellenweise biografische Züge tragen, sind die Personen darin frei erfunden. Dieser Hinweis ist mir wichtig. Es endet mit dem Schicksal der Protagonistin Vera Hagen, die im hohen Alter, befreit von allen Erwartungen, für sich eine Entscheidung trifft, denn es ist keine Lösung in Sicht.

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Seitenzahl: 367

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Jahrgang 1933 legte an den Bodelschwinghschen Krankenanstalten Bethel, Bielefeld ihr Staatsexamen als Diplomkrankenschwester ab.

Arbeitete auf der Intensivstation der Alfred Krupp Krankenanstalten, im Klinikum Bielefeld und zuletzt als Werksschwester der Firma Dr. August Oetker, wo sie 1993 ausschied.

Mit diesem Buch: Vom Leben und Sterben, endet die Trilogie, die das Schicksal der Vera Hagen und deren Wegbegleiter erzählt. Hier spiegeln sich schmerzhafte Erfahrungen einer jungen Frau wider, einer fernen Vergangenheit, die ihr Leben verdüstert hat. Für die Gegenwart jedoch, ist diese Vergangenheit nicht gleichgültig.

„…. denn, wenn es für unser Leben etwas Ewiges geben soll, so sind es die Erschütterungen, die wir in der Jugend empfangen haben.“

Theodor Storm

Zum Andenken an Elisabeth

Ich habe auf ein weißes Blatt Papier geschaut und es vollgeschrieben. Es ist meine Geschichte.

Margot Plöhn

Vom Leben und Sterben

Autor: Margot Plöhn Korrektorat: Umschlaggestaltung: Elisabeth Hoffmann Foto: Abendstimmung an der Mole Radolfzell von: kuhle & knödler fotodesign bffwww.kuhle-knoedler-fotdesign.de

1. Auflage 2014

Inhaltsverzeichnis

Die Welt der 43jährigen Vera Hagen

Kruppsche Krankenanstalten

Vom Leben und Sterben

Der Besuch der Mutter

Lessing in Israel

Bielefeld

Carlas Tochter

Frau Jünemanns Einladung

Drei Tage vor der Wahl

Erinnerungen an die Vergangenheit

Grenzerfahrung

Malta

Der Tod der Mutter

Der letzte Prozess

Eine Studienreise

Jenny, Paulas Tochter

Mit den Lessings in London

Mit Paula in Tunesien

Carlas Rückkehr

Der letzte Winter

Ein Abend mit Lessing

Der letzte Brief

Adventszeit. Im Café mit Freundinnen

Gründonnerstag 2006

Bestattung 25. April 2006

Totensonntag

Vera bekommt einen Herzschrittmacher

Kressbronn

Letzte Berlinreise

Veras Halbbruder

Hamburg, Jahreswechsel

Brief an Elisabeth

Epilog

Vorwort

Dieses Buch habe ich aus psychologischem Blickwinkel geschrieben. Es erzählt, dass wir nichts Grundsätzliches verbessern können. Ich verzichte auf Fachterminologie, will das Thema Sterbehilfe, an dem die Menschen sich reiben, greifbar denkwürdig machen. Man umstellt die Alten und Todkranken in den Intensivstationen der Krankenhäuser mit Geräten, die sie retten sollten. Sie sollen wenigstens lebend herauskommen. Die Ärzte haben sie dem Tod abgejagt. Doch Draußen empfängt sie die kalte Gleichgültigkeit ihrer Umwelt.

Das wissen auch Magnus Stein und Heinrich Lessing. In der Krankernschwester Vera Hagen, spiegeln sich schmerzhafte Erfahrungen wider, einer fernen Vergangenheit, die ihr Leben verdüstert hat. Für die Gegenwart jedoch, ist die Vergangenheit nicht gleichgültig.

Sie, die ihr persönlich sehr nahe stehen, begleitet Magnus Stein und Heinrich Lessing bis zu deren Tod. Sie erlebt, wie sie sich fremd werden, wie sie dagegen revoltieren und teilt deren Einsamkeit.

Im hohen Alter, befreit von allen Erwartungen, trifft Vera Hagen für sich ein scheidung, denn es ist keine Lösung in Sicht. Der Schriftsteller Daniel Kahneman schreibt in seinem Buch „Schnelles

Denken, langsames Denken“: „Es ist unsinnig, ein ganzes Leben nach seinen letzten Momenten zu beurteilen oder bei der Beurteilung der Frage, welches Leben wünschenswert ist, der Dauer keine Bedeutung beizumessen. Die Zeit, die Menschen in einem unvergesslichen Moment verweilen, sollte in seine Dauer einbezogen werden, was sein Gewicht erhöht“

(Seiten 506/507)

Margot Plöhn, im Jahr 2014

Die Welt der 43jährigen Vera Hagen

Bis 17 Uhr habe ich in der Notaufnahme gearbeitet und bin dann zur Weihnachtsmesse in die Zionskirche gegangen. Die Weihnachtsgeschichte las Pastor von Bodelschwingh. Er sieht seinem Großvater, dem Begründer der von Bodelschwinghschen Kranken- und Pflegeanstalten sehr ähnlich. Dessen Bild hängt im Krankenhaus Gilead. Es zeigt einen alten Herrn mit schlohweissem Haar. Ein breites gütiges Gesicht. Vom großen Wuchs, im hochgeschlossenem Mantel.

Sein Enkel neigt sich etwas nach vorn. Ist von schmächtiger Gestalt. Seine Predigt hat mich nicht bewegt. Vielleicht, weil ich so müde war. Zum Schluss seiner Rede bat er die Gemeinde, die umliegenden Programme nicht mitzunehmen, da diese im nächsten Jahr wieder verwendet werden sollen. Dann rief er sie zur Spende für die Missionsarbeit in Ohio auf, wo sie gerade eine Kirche gebaut hätten. Über Funk kam dann der Dank der Gemeinde aus Ohio. Ob das Eindruck auf die Spender gemacht hat? Während dem Schlussgesang der Gemeinde zwängte ich mich aus der hintersten Bank.

Lars wartete auf mich.

Am Ausgang trat der Küster mir in den Weg. Hielt mir den Klingelbeutel entgegen und ich warf mein letztes Geld, fünfzig Pfenning hinein. Keineswegs verärgert, nun kein Geld für die Straßenbahn zu haben.

Die Stadt war seltsam still. In Jünnemanns Haus, wo Lars und ich uns 1956 begegneten, erstrahlte eine zimmerhohe Tanne. Von der Sparrenburg hörte ich Lachen und Zurufe. Es füllte sich wohl das Burgrestaurant.

Ich würde auch gern am Heiligabend essen gehen. Diese ganzen Vorbereitungen waren mir zuwider. Wir haben doch keine Kinder. Wozu also das alles. Ich bin keine gute Hausfrau. Vielleicht liegt es daran, dass ich zumeist an fremden Tischen esse.

Aber Lars hat alles gut vorbereitet. Die Ente mit dem Skalpell entbeint, das ich aus dem Krankenhaus mitgebracht habe. Die Füllung mit Orangen, rieche ich schon im Treppenhaus.

Lars küsst mich. Er duftet nach Sandelholz.

Nach Mitternacht besteht er darauf, das Geschirr noch abzuspülen.

Es ist ihm zuwider, am Morgen in eine, nicht aufgeräumte Küche zu kommen. Ich füge mich. Mit seiner Ordnungsliebe bringt er mich zur Verzweiflung, doch bin ich froh, dass er mir im Haushalt viel Arbeit abnimmt, wenn ich erschöpft nach Hause komme, weil ich wieder einmal eine kranke Kollegin vertreten musste. Die Arbeit in der Notaufnahme ist hektisch und gerade zu den Festtagen häufen sich die Unfallopfer, die zu schnell, vielleicht auch unkonzentriert waren. Mit den Gedanken bei ihren Familien, die auf sie warteten. Nur ein paar Sekunden und das Leben, das sie geführt hatten, waren nur noch Erinnerungen an bessere Zeiten. Machte sie Mittellos, bis auf ein bisschen Kleidung.

Lars legt eine frühere Aufnahme von Louis Armstrong auf. Er ist verzaubert von diesem Trompetensolo. Mir liegt diese Musik nicht.

Seine Mutter ruft an und klagt, dass der Vater von seiner Prostata im Stich gelassen würde und er sich immer öfter auf den Spaziergängen an Gartenhecken zu erleichtern versuche. Auch ließe seine Konzentration nach. Er verhalte sich manchmal, wie ein Teenager, das wäre geradezu peinlich.

Lars Vater war fünfundfünfzig Jahre alt und hatte in Schweden, als Lebensmitteltechniker in Uppsala eine Lebensmittelfabrik geleitet. Kurz vor Kriegsende rief Hitler die Deutschen heim ins Reich. Seine schwedische Mutter hat ihn das nicht verziehen, denn hier lebten sie in Armut. Alle seine Versuche, wieder als Chemiker Arbeit zu finden, blieben erfolglos. Sein Elternhaus in Berlin wurde in den Kriegsjahren dem Erdboden gleichgemacht. Einen Lastenausgleich, wie die Flüchtlinge, bekamen sie nicht, mit dem er sein Haus auf dem Grundstück, das ihm ja noch gehörte, hätte aufbauen können. Allmählich wurde er immer unleidlicher, auch mir, der Krankenschwester gegenüber, die, wie er sagte, ja nur den Patienten das Steckbecken unterzuschieben habe.

Er hatte sich für seinen einzigen Sohn etwas Besseres vorgestellt. Die Wahrheit war, dass Lars mit einer Akademikerin, die ihn mit einem Kollegen schon während der Verlobungszeit betrog, sich getrennt hatte. Das war lange täglich eine Debatte zwischen Sohn und Vater gewesen. Manchmal so heftig, dass die Mutter rief: mäßigt euren Ton.

Schließlich verließ Lars seine Eltern, fest entschlossen, keine Frau in sein Leben kommen zu lassen. Wenigstens vorerst nicht. Die Ehe, die inzwischen zu einer Tyrannei des Vaters über die Mutter, der Schwächeren führte, war für Lars eine Warnung. So wollte er nicht leben.

Zur Freiheit des Einzelnen, Vera, gehört untrennbar die Verantwortung für den Anderen.

Da schwang die Lebenserfahrung eines jungen Mannes mit, die mich anzog. Wir lernten uns 1956 kennen. Es war die Zeit des rasanten Aufbaus eines zerstörten Landes, in dem die Menschen die Ärmel aufkrempelten und den Schutt wegräumten. Wo 1957 die CSU Wahlplakate den Aufruf trug: Keine Experimente. Auch die Alten bedachte Adenauer mit einer Rentenreform. Die Dynamische Rente richtet sich nach dem allgemeinen wirtschaftlichen Auftrieb. Kinder kriegen die Menschen immer, sagte er. Da irrte Adenauer.

Schon 1952 begann die Fresswelle. Es musste die sechs Jahre zuvor installierte Bestuhlung im Düsseldorfer Landtag ausgewechselt werden, weil sie die Leibesfülle der Abgeordneten nicht mehr zu fassen vermochte.

Es war die Zeit, wo schon 1960 der VW zu erfüllbaren Wunschtraum wurde. In nur zehn Jahren hatte Westdeutschland den weiten Weg der Hungergesellschaft zur Überflussgesellschaft zurückgelegt, von der auch Lars und ich profitierten. Jetzt scheint mir, dass die Menschen die Orientierung in der Welt verlieren. Ursache ist der Zerfall der Werte, der sie für Barbarei und primitive Instinkte anfällig macht.

Lars erstes Auto war ein Volkswagen. Er fuhr ihn zehn Jahre lang. Wir erwarteten unser zweites Kind. Die erste Fahrt führte uns nach Essen. Lars Onkel, der Steiger, wie sein Großvater gewesen war, hatte uns eingeladen. Von der Autobahn sahen wir eine Armada von riesigen Türmen, aus denen schwefelgelbe Wolken stiegen, die schwer über Städte und Dörfer dahinzogen. Einige Dörfer waren schon unter dem Rambock, über dem sich Seen bildeten, verschwunden. Bei niedrigem Wasserstand sah man die Kirchturmspitze. Lars bemerkte: der westfälische Schriftsteller Josef Winkler hat ein Gedicht geschrieben: „Sie schmiedeten einst in feuerspeienden Hochöfen die Waffen, die bei Verdun und Zypern ihrem teuflischen Gesang anführten. Sein Großvater ist in Verdun gefallen. Im zweiten Weltkrieg zerrissen die Deutschen das Gesicht der Stadt Coventry. Wir hörten aus den Volksempfängern, dass ein Teppich von Phosphor und Dynamit auch die ineinander verzahnten Städte ausgelöscht hatten.

Mit eigenen Waffen zerstörte sich Deutschland, das wir nun in überhastender Eile wiederaufbauen. Ich kämpfe gegen den Würgereiz an, den mir die giftigen Schwaden bereiten, die das Autoinnere füllen. Lars legte seine Hand auf mein Bein. Geht es dir gut? Dumme Frage, nicht?

Der Abendhimmel senkt sich glutrot über das Ruhrgebiet, unter dem schwarze Vögel kreisen. Die Luft schmeckt nach Eisen. Die Emscher, verseucht von Treibstoff und ausgelaugten Giften, zieht sich grün schillernd durch ein graduiertes Schlammbett. Der Abbruch einer vorher schönen Landschaft ist nicht aufzuhalten. Die Menschen wehren sich gegen den Abriss ihrer Dörfer und müssen doch zusehen, wie sie in die gefluteten Seen versinken. Ihre Wäsche von Asche überweht, hängt unter einem ewig grauen Himmel, aus dem selten die Sonne herabschien. Auf den ständig wachsenden Schlackenhalden üben Kinder klettern. Lars Großvater hatte im ersten Weltkrieg unter Tage als Steiger 20 Jahre gearbeitet. Darüber hatte er Tagebuch geführt, in dem schrieb er: … heute wieder in die Grube gefahren, die nur erhellt ist durch das Licht schwankender Grubenlampen vor unseren behelmten Kopf. Unter meiner Führung haben meine Kumpels Vertrauen. Sie glauben mir, wenn ich sie führe. Jetzt kann ich nicht mehr in den Schacht vor ihnen hinabsteigen. Staublunge. Aber noch einmal will ich ins Abbaustreb hinabsteigen. Von meinen Kumpels mich verabschieden und das alte blinde Grubenpferd holen., das zehn Jahre das Tageslicht nicht gesehen hat. Es geht mit mir in den Ruhestand. Zwanzig Jahre bin ich mit meinen Kameraden in diese unauslotbare Tiefe eingestiegen. Im völligen Dunkel. Wenn ich den Docht meiner Benzinlampe zurückdrehte, fühlte ich nur mich selbst. Dann stieg ich den Kameraden voran. Bis in die Tiefe von einem Kilometer. Immer mit der Angst vor berstendem Gestein. Jetzt zum letzten Mal mit dem blinden Grubenpferd. Ich bringe es auf einen Bauernhof. Manchmal besuche ich das Pferd, das mich an meiner Stimme erkennt. Es kommt an den Zaun, legt seinen ergrauten Kopf auf meine Schulter und lauscht auf meine Worte. Grummelt in sich hinein, als habe es sie verstanden.

Als Lars und ich noch Kinder waren, gab es Rentnerkarten und Sterbekarten, auf denen Erwachsenen 800 Kalorien zugeteilt wurden. Ich habe noch den Geruch von Suppen in der Nase, die man aus Kartoffelschalen und Brenn-Nesseln kochte. Ich sehe die Mutter, wie sie die verschimmelten Stellen des Brotes entfernte. Flüchtlinge, die sechs Kinder hatten, wurden als asozial bezeichnet. Schwangere erhielten eine rosa Lebensmittelkarte. Lars Mutter war mit Nachbarsfrauen zum Hamstern aufs Land gefahren. Einmal hatte ein Bauer sie mit den Worten verjagt: nehmt vom Misthaufen die Kartoffelschalen, dann verschwindet.

Andere jagten sie mit Hunden von ihren Höfen. Dann hatte Lars schöne schwedische Mutter über die Deutschen geschimpft. Immer wieder holte sie Fotos hervor, die das reiche, schöne Leben in Schweden dokumentierten. Sie verzieh ihrem Mann nicht, dass er den Ruf Hitlers, „Heim ins Reich“ gefolgt war. In ein verwüstetes Land, in dem sie nie mehr Fuß fassten. Er fand keine Arbeit mehr, so sehr er sich auch bemühte. Es war die Zeit der Raubtiere, in der selbst Kinder in Handschellen abgeführt wurden, wenn man sie dabei ertappte, wie sie Gartentore zerlegten, auf langsam fahrende Kohlenzüge aufsprangen und den am Bahndamm wartenden Kindern die Briketts zuwarfen, die die Besatzungsmacht für sich beanspruchten. Erschreckt von deren schrillen Trillerpfeifen und „Halt, wir schießen“ sprangen sie vom Waggon und verschwanden, wie dunkle Schatten in der Nacht. Sie waren die Helden der Nachkriegszeit, die Beschützer ihrer Mütter. Kleine Erwachsene, denen man ihre Kindheit gestohlen hatte. Und Hans Albers sang im Rundfunk dazu: „Nie den Mut zu verlieren und von einer Zeit. Die Welt wird wieder schön.

Doch die Welt blieb in Unruhe. Daran änderte auch das neue Grundgesetz nichts, das in seinem Artikel 1-19 den Bürgern Selbstverwirklichung in der Gesellschaft garantierte. Ihnen absoluten Schutz ihrer Privatsphäre zusichert.

Neun Jahre waren wir mit der Einrichtung der Wohnung beschäftigt und Lars übertrug man die Leitung der Filiale. Ich begleitete ihn, wenn er zur Tagung nach Hamburg fuhr. Er bestand darauf. Er war ein gebildeter Mann, der nie über meine Unwissenheit triumphierte. Am Anfang versuchte er, mich zu einer Frau zu formen, die seiner eleganten Mutter glich, wie er sie als Kind in Schweden immer bewundert hatte. Es ist ihm halbwegs gelungen.

Der Versicherungskonzern bot ihm einen der drei Direktorenposten in München an. Wir waren in Aufbruchsstimmung, erwarteten unser zweites Kind. Er schloss, zwecks einer Altersversorgung eine hohe Lebensversicherung ab. Dann geschah das Unbegreifliche. Ein betrunkener Autofahrer stieß ihn aus dem Leben.

In einem Zustand von tiefer Traurigkeit der Ungewissheit, die der Verlust in mir ausgelöst hat, traf ich zwei Jahre später auf den Strafverteidiger Heinrich Lessing.

Unser Sohn ist tot. wir haben ihn auf den Namen Marius taufen lassen. Wir erholen uns ein paar Wochen in Kressbronn am Bodensee. Ich bin tief traurig.

Erstickte mein Verlangen gegen den Schmerz anzuschreien. Lars schlief neben mir. Ich blickte auf den Bodensee, auf dem Millionen glitzernde Kristallsteine zu schwimmen scheinen. In diesem Augenblick wäre es mir gleichgültig gewesen, wenn der See mich weit hinaus getragen hätte. Immer weiter, bis ich für die Leute am Strand nur noch ein Punkt gewesen wäre. Aber ich blieb neben Lars liegen. Wir spielen ein Spiel, das auf der Verleugnung unserer wahren Gefühle ruhte.

Das Sonnenlicht fiel auf Lars, er drehte sich von mir weg. Ein paar Gäste lachten unter dem Fenster. Eine Männerstimme sagte: ich bin gekommen, euch abzuholen. Der Satz hatte biblisches Gewicht. Oft hatte das Lars gesagt, wenn er an der Klinikpforte auf mich wartete und ich aus dem Spätdienst kam, und erschöpft und wortkarg mich bei ihm einhakte. Manchmal setzten wir uns unter der Sparrenburg auf die Bank und sahen der sinkenden Abendsonne zu. Von unserem Sohn sprachen wir nie. Er hatte ihn nur als totes Kind gesehen. In der Klinik hatte eine Nottaufe stattgefunden. Man fragte ihn, ob man seinen Sohn in den Sarg eines Toten legen solle. Das wollten wir nicht. Er sollte sein eigenes Grab haben. Ich habe nicht ergründen können, ob Lars um ihn getrauert hat. Vielleicht war es ihm nicht möglich angesichts des stummen kleinen Körpers. Er habe ein paar blonde Haare unter der Kopfbandage hervorluken sehen. Man hatte uns nicht gefragt, ob sie Marius obduzieren dürften, ich könnte dagegen vorgehen. Aber ich war wie gelähmt gewesen. Es war ein schönes Kind, das ich mit einem normalen Gewicht nach 11 Stunden der Wehen zur Welt gebracht hatte. Aber seine Augen waren weit geöffnet. Er rang nach Atem. Marius hatte ein blaues Herz.

Das wusste ich, dass er sterben würde. dass er seine Hilfsbedürftigkeit von mir nicht anfordern würde. Als sie mir am anderen Tag seinen Tod mitteilten, presste ich die Faust auf meine Lippen, um diesen schrecklichen Schrei zu bannen, der wie ein wütendes Tier in meiner Brust hochstieg. Lars hätte ihn lösen können. Er hat es nicht getan. Seitdem führe ich wieder ein Tagebuch. Schreibend rettete ich mich.

Im Speisesaal unterhielten sich am Nachbartisch ein paar alte Männer über das Treiben einiger Politiker. Sie erzählten von ihren menschenfreundliche Tätigkeiten. Lars und ich waren die jüngsten Gäste, die im Haus des Versicherungskonzerns einen Erholungsurlaub verbrachten. Der Tagessatz von nur 6,40 DM war das Geschenk an die Angestellten.

Heinrich Lessing hat gespürt, dass ich noch immer traumatisiert bin. Er hat mir keine Ratschläge gegeben, sondern mir nur zugehört und gehandelt. Er öffnete mir die Tür zu einem neuen Leben. Ich hatte mir gerade ein Haus gekauft. Brauchte einen juristischen Rat.

Das Jahr 1968 war ein unruhiges Jahr. Im Krankenhaus debattierte man unter den Krankenschwestern und Ärzten über Papst Paul VI., über seine Enzyklopädie gegen die Antibabypille. Doch die Renovierung des alten Hauses interessierte mich mehr. Die wichtigsten Arbeiten sind inzwischen fertig. Im Fernsehen spricht man über die Unterzeichnung des Kernwaffensperrvertrages in Moskau und über die Vorschläge der Sowjetunion für weitere Abrüstungen und Kernwaffenverbot.

Es ist ein schwüler Tag im Juli, als ich Heinrich Lessing von der Kanzlei abhole. Adda, seine Frau, ist wie immer, im Garten. Es vollzieht sich wieder das zärtliche Ritual zwischen den Eheleuten. Er zieht die sandverkrustete Hand seiner Frau zum angedeuteten Kuss zu seinem Mund. Fast in mädchenhafter Verlegenheit entzieht sie sich ihm, als er sie umarmen will. Sie folgt uns ins Haus und bereitet das Abendbrot. Lessing greift kräftig zu. Das bereitet ihr Sorgen.

Heinrich, du hast wieder zugenommen und schiebt mir die Platte mit Wurst und Schinken zu.

Sie dagegen sind zu dünn.

Adda Lessing war noch immer eine gutaussehende Frau, die in ihrer Jugend eine Schönheit gewesen war. Jedes Mal gab sie mir Essen mit, Fette Mettwürste für den Eintopf und allerlei Gemüse aus ihrem Garten. Obwohl sie wusste, dass ich im Krankenhaus zu Tisch ging und dort die Mahlzeiten reichlich ausfielen, bestand sie darauf. Ihre etwas strenge Art hatte etwas Mütterliches an sich. Ganz allmählich gab sie mir das Gefühl, zur Familie zu gehören. Sie war froh, dass ich ihren Mann jedes Wochenende von seiner Kanzlei abholte und zu ihr brachte. Seit Anna, die älteste Tochter in Malta lebte, war dies nicht mehr möglich gewesen und ihr Mann ist mit Straßenbahn, Bundesbahn und schließlich mit dem Bus am Wochenende nach Hause gefahren. Er hatte sich auf ihr Anraten in der Stadt ein Zimmer gemietet. Das fand sie so praktisch. Mich befremdete das ein wenig. Doch Lessing war damit äußerst zufrieden. Einige seiner Kollegen meinten: Lessing ist zwar verheiratet, doch er macht wenig Gebrauch davon.

Wenn Thomas zu Besuch kam, war das für Adda ein Freudentag. Ihr Sohn, den sie mit vierzig Jahren geboren hatte, überragte seinen Vater um Kopflänge, war von dezenter Eleganz, wie man sie selten sieht. Er hatte die feingemeißelten Gesichtszüge seiner Mutter, die einer griechischen Göttin glichen. Anders, als Anna, der ältesten Tochter der Lessings, die unverkennbar den des Vaters glichen. Das kräftige Kinn, die hohen Wangenknochen, das strahlende Blau seiner Augen. Im Wesen kam sie der Mutter näher. Zupackend, sparsam in Worten, ja auch wie die Mutter, ein wenig streng und manchmal unerbittlich.

Maria, die Jüngste, studierte Rechtswissenschaft, ist wie Thomas, hochgewachsen, von zerbrechlicher Gestalt.

Wir freundeten uns an.

Im Laufe der Jahre wurde ich ein Teil der Familie, die mir Rückhalt gab. So gingen die Jahre dahin, ohne dass etwas Besonderes in meinem Leben geschah.

Das Haus bot mir Zuflucht, wenn ich erschöpft aus dem Krankenhaus kam.

Manchmal rief Lessing an und nicht selten zogen sich die Telefonate bis nach Mitternacht hin. Er nahm Anteil an meinem neuen Leben, war besorgt, wenn ich vom Dienst auf der Intensivstation auf die Grenze meiner Belastung stieß. Seit dem Hauskauf arbeitete ich in der chirurgischen Station des neuen Krankenhauses, das man weit vor der Stadt gebaut hatte. Sonst aber, außer den gelegentlichen Erschöpfungen lief mein Leben ruhig dahin. Die Mutter, meine geliebte Pflegemutter war jeden Winter bei mir und heizte den westfälischen Stubenofen in der Diele an und kochte darin Essen. Das weckte in mir Erinnerungen am Leben in der Kate des Geislerschen Gutes, auf dem ich mit Anna, der Tochter des Gutsbesitzers mich angefreundet hatte. Die Kate, so hat sie mir erzählt, habe ein Professor gekauft und umgebaut. Du wirst die nicht wiedererkennen. Sie lud mich zu ihrer Hochzeit mit dem Baron ein. Da traf ich auf Magnus Stein. Acht Jahre nach Lars Tod. Lessing hatte abgeraten, Magnus in mein Haus zu nehmen.

Willst du dir das antun? Seine Krankheit. Er wird dich verschlingen.

Ich bin jetzt wieder ganz nahe den Menschen, die mich geliebt haben. Höre den Klang ihrer Stimmen nun als fernen Nachhall. Im Herbst meines Lebens, ohne Kinder und Enkel denke ich an sie. An Magnus Stein, meiner späten Liebe. Er hielt ein paar Jahre die Leidenschaft wach, bis ihn seine unheilbare Krankheit, die wie ein schlafendes Raubtier sechs Jahre in ihm ruhte, sein Haupt erhob.

Am Anfang war von einem auf dem anderen Augenblick eine ungeheure Leidenschaft zwischen uns entflammt, sie erlosch, als die Krankheit seinen Geist verwirrte und Körper verfaulen ließ, den er hasste. Die Wucht der Erinnerungen, sie dringt nun tief in meine Träume.

Ich war zu alt, um der 68-er Bewegung anzugehören und zu jung, um die Greul der Nazizeit zu verantworten. Meine Generation war nie Gegenstand gesellschaftlicher Debatten. Man hat uns unserer Jugend beraubt. Wir sind eine durchgerutschte Generation, die ihre Kindheit im Krieg verlor.

Ich fühlte im Herzen das erregende Gefühl, frei und ungebunden zu sein. Jedenfalls glaubte ich das, als ich mich entschloss, das etwas heruntergekommene Haus draußen vor der Stadt zu kaufen. Lessing stieg gebeugt in den Keller, dessen modriger Geruch nach sehr altem, lange nicht gelüfteten Räumen in die Wohnräume gezogen war.

Es schwang eine Spur von Sorge mit, als er sagte: Mädchen, da haben Sie sich aber viel vorgenomen. Doch ich hatte mich durch ein Gutachten abgesichert, das mir bestätigte, dass die Bausubstanz sehr solide sei und der Wert des Grundstücks wegen seiner Lage, nahe dem Teutoburger Wald, an dem keine gewerblichen Betriebe, Gaststätten gebaut werden dürfen, als nur zweistöckige Wohnhäuser. Die Arztpraxen und Geschäfte in unmittelbarer Nähe, steigerten zusätzlich den Wert.

Wie es dastand, zechengrau die Mauern, teilweise seiner Fensterläden beraubt, die man im Krieg verfeuert hatte und mit einem schiefen Gartenzaun, der sich bedenklich zur Straßenseite neigte, hatte Lessing nicht ganz unrecht, wenn er zu bedenken gab, dass ich viele Jahre an Kraft und Geld investieren müsse, wenn es in seiner früheren Schönheit erscheinen solle. Und das strebte ich an. 1913, als man es erbaute, war es mit zwei anderen Häusern das Einzige in der Straße. Es zogen sich noch die Felder und Wiesen hinter ihnen hoch bis an den Wald. Die Straße war ein breiter Feldweg, auf dem die Pferdewagen eines Großbauern hochfuhren, dessen Tochter das Land nach dem Krieg als Bauland verkaufte. Dann veranlassten die Engländer, dass der Feldweg, der sich durch den Wald bis Sieker hinzog, zur Bundesstraße ausgebaut wurde, an dessen Ende sie ihre Kasernen gebaut hatten. Und die Straße wurde laut und lauter.

Noch Anfang März türmten sich gewaltige Schneemassen an den Straßenrändern, so dass auch die Bergstraße gesperrt werden musste. Gerade noch rechtzeitig erreichte ich mein Haus. Die Luft war rein. Ein wolkenloser Himmel über dem weißen Wald. Ich fühlte mein Herz, so groß war die Stille, die über das Städtchen lag.

Das Haus stand schon lange leer. Die ehemaligen Besitzer, ein altes Ehepaar, ein Bäcker und eine Weißnäherin, hatten es mir im Sommer schon verkauft. Bestanden aber darauf, dass die Schlüsselübergabe erst nach ihrer Amerikareise stadtfinden solle.

Die Haustür quietschte, als ich sie öffnete. Ein moderiger Geruch schlug mir entgegen. Langsam ging ich durch die Räume. Öffnete die hohen Fenster, durch die eine fast seidig anmutende reine Winterluft hineinströmte. Sie war mild, gerade um den Gefrierpunkt. Unten lag der langgestreckte Garten, unter dessen Schneedecke sich die mit Kohlköpfen und Rhabarberstauden bestückten Rabatten verbargen, die das alte Ehepaar nicht mehr geerntet hatten. Im Sommer badeten die Feldspatzen in den sandigen Wegen. Die Beete waren mit Steinhäger Kruken gesäumt, fein säuberlich schräg eingesteckt, so dass kein bisschen Erde die Spatzen und Meisen wegscharren konnten. Es mochten mehr, als hundert dieser braunen Tonflaschen sein. Dazwischen standen alte Zwergbäume mit vertrockneten Früchten. Viel Mühe hatte sich der alte Mann mit dem Nutzgarten gemacht. Wie mit dem Lineal gezeichnet lagen die Beete, geschützt durch eine Weißdornhecke vor uns.

Lessing hatte ihnen klar gemacht, dass er nicht gesondert zum Kaufpreis die Bäumchen, den Ernteertrag sowie die verbliebenen Gardinenstangen und Lampen verkaufen könne. Das Gebäude und Grundstück, ja. Nichts Zusätzliches. Die alte Dame lächelte schmallippig, sagte aber nichts. Sie beäugte mich fast feindselig. Wir mochten uns nicht. Ich stellte mir vor, dass das Ehepaar nicht mehr diese ritualisierten Tage verleben könne. Das Haus bot ihnen Abgeschiedenheit, die die Mietwohnung in der Teichstraße ihnen nicht bieten konnte. Dort haben sie sich einzufügen. Die Hausordnung zu befolgen, usw.

Aber sie brauchten das Geld, um ihren Sohn in Amerika für ein paar Monate besuchen zu können. Er hatte dort eine Firma aufgebaut, die nicht gut lief. Er brauchte Geld und das wollten sie ihm geben. Geld, mit dem er nicht rechnete.

Die Alten blieben Lessing und mir auf Distanz.

Es ist für mich eine peinigende Erinnerung. Wir konnten nicht miteinander sprechen und was wir ihnen sagten, war von sozialer Natur. Dass sie durch den Verkauf doch keine Sorgen hätten, das Haus zu reinigen und im Winter zu heizen. Das sei doch mühsam mit den Kachelöfen. Sie schwiegen dazu und sahen den Spatzen zu, die auf den Gartenwegen plusterten, ein Sandbad nahmen.

Es war an einem heißen Sommerabend gewesen. Lessing hatte mich vor der Frau gewarnt. Sie habe viel Einfluss auf ihren Mann, den sie herumkommandiere. Während des Verkaufs-gesprächs würde er ihr besonderer Aufmerk-samkeit widmen. Und ich solle nicht den Schmuck und die Armbanduhr tragen, die Lars mir geschenkt hat. Auch solle ich mich schlicht kleiden. Ich befolgte seinem Rat und zog ein buntes Sommerkleid an, das züchtig meine weiblichen Merkmale verdeckte.

Doch die Frau verharrte in ihrer feindlichen Haltung, die ihren Ursprung vielleicht nicht in meiner jugendlichen Erscheinung hatte, sondern in ihrer Vorstellung, das Haus nun verlassen zu müssen, in dem sie so lange geherrscht hatte. Und dass sie nun, wo sie alt und schwach geworden ist, sich einer Hausgemeinschaft unterordnen musste. Vielleicht aber hat sie dergleichen nicht gedacht und war nur auf meine Jugend eifersüchtig gewesen, oder zu alt, um sich in unser Gespräch einzu-mischen.

Vielleicht aber nistete in ihr ein uralter Schmerz, der Menschen befällt, die zwei Weltkriege durchlebten, deren gewaltsame Übergriffe Spuren in ihnen hinterließen, die im Alter sie wieder bedrängen. Jedenfalls sagte sie kein Wort. Ich dagegen würde dieses Haus erst verlassen, wenn es mir nichts mehr ausmachte. Wie jung und unerfahren ich doch war.

Ich zog Lars alten Pullover über, band ein Kopftuch um und begann die übereinander geklebten Tapeten mit einem Schuss Pril im Wasser anzufeuchten. Unter ihnen kamen Zeitungen von 1949 hervor. Ich warf die Bahnen aus dem Wohnzimmerfenster in einen dort stehenden Container. Lars Auto stand völlig eingeschneit vor dem Haus, was einem mürrischen Mann missfiel.

Putzen Sie hier, rief er verächtlich zu mir hoch.

Ja!

Sie dürfen hier nicht parken, schrie er.

Ach, da wird der Besitzer nichts dagegen haben.

Er brummelte vor sich hin und sein großer fetter Hund hatte Mühe, ihn zu folgen. Später habe ich mich ihm als neue Nachbarin vorgestellt und seiner Frau eine Rose aus meinem Garten überreicht. Wir wurden gute Nachbarn, die sich so wenig, wie möglich behelligten und so hielt ich es mit den anderen Nachbarn.

Im folgenden Jahr habe ich die Hauswände mit Drahtbürsten gereinigt. Zweimal und dann im zarten Gelb gestrichen und die Fensterläden petrolgrün. Drei Wochen Urlaub hatten gerade gereicht.

Nur flüchtig, ja fast nur nebenbei habe ich die Geschehnisse die, die Welt dieses Jahr bewegten, wahrgenommen, so sehr war ich mit der Renovierung des Hauses beschäftigt. Nur in meinem Tagebuch trug ich die Nachrichtenmeldungen ein.

25. Juni 1968: Attentat auf Robert Kennedy im Korridor des Ambassador Hotels. Kugeln im Nacken und Kopf. Die Welt hält einen Augenblick den Atem an.

Erdbeben in Manila: 255 Tote.

20-21. August 1968: die Warschauer-Pakt-Staaten marschieren in die CSSR ein. Radio Prag und Fernsehen werden von Zustimmungserklärungen der DDR-Bürger überrollt. Nur Rumänien und Jugoslawien verurteilen die Besetzung.

Illegale auf Kurzwelle sendet Freies Prag ….

Es werden Wegweiser entfernt oder in die falsche Richtung gedreht, um die Truppen irrezuführen.

Wieder Feuerüberfälle Israels auf jordanische Gebiete.

Warnungen des Sicherheitsrates.

Erdbeben in Teheran (Iran), 20.000 Tote.

27. September 1968: Eröffnung der Kunsthalle in Bielefeld, die auf Wunsch von Rudolf August Oetker den Namen „Richard-Kaselowsky-Haus bekam, das zum Namensstreit führte.

Oktober 1968: Mondsonde Umkreisung. Weiche Landung im Ozean.

12. Oktober 1968: amerikanisches Apollo-Raumschiff, 3-Mann-Besatzung. Astronaut Schirra überträgt bei der 45. Erdumkreisung Fernsehaufnahmen in Direktsendung zur Erde.

Zyklon über Kuba. Notstand ausgerufen.

13.10. 1968 Gründung einer neuen Kommunistischen Partei in Westdeutschland.

November 1968:

Ankoppelung von Sajus 2 an Sojus 3.

Angriffe auf E. Günthers Film: Abschied Jaqueline Kennedy heiratet den griechischen Reeder Onassis.

Israel verdoppelt Rüstung.

Johnson ordnet an, Bombenangriffe auf Vietnam sofort einzustellen.

Beate Klarsfeld ohrfeigt Kanzler Kissinger in der Deutschlandhalle um einen Prozess gegen ihn zu erzwingen in dem man ihn wegen seiner Nazivergangenheit anprangert.

Ein Schnellgericht verurteilt sie zu einem Jahr Gefängnis.

Neuer, der 37. Präsident der USA ist Nixon.

Der Schriftsteller Upton Sinclair ist heute am 26.11.1968 verstorben.

Dezember 1968:

In Rom ein 24-stündiger Generalstreik von 1,5 Millionen Arbeiter, der größte seit Kriegsende.

SPD schlägt Gesetz über Vorbeugehaft vor, auch gültig für Überzeugungstäter.

Dezember 1968

Der Schriftsteller Arnold Zweig ist 81-jährig verstorben.

UNO beschließt Nichtverjährung von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Dr. Rehse, ehemals Beisitzer von Freisler wird freigesprochen, trotz Mitwirkung bei Todesurteilen.

In Nevada: ist die bisher stärkste Atombombe (60fache Stärke der Hiroshima-Bombe), Sprengkraft von 1,4 Millionen Tonnen TNT, unterirdisch gezündet.

Schriftsteller John Steinbeck 66 Jahre alt, verstorben.

23. Dezember 1968

Apollo 8 im Mondschwerfeld, sie bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 4407 Km/h

27. Dezember 1968

Apollo 8 ist im Pazifischen Ozean gewassert.

Verbrechensbilanz in den USA: 14 200 Morde.

31.300 Vergewaltigungen.

Weihnachten 1968, das erste Fest in meinem Haus. Die Mutter wärmt den Rest des Entenbratens auf. Kocht Kartoffel im westfälischen Stubenofen, dessen Feuer sie nicht ausgehen lässt. Schnee liegt wieder auf Lars Grab. Lessing hat mir ein Buch von Karl Jaspers geschenkt: „Mitverantwortlich“. Darin spricht er von seiner tiefen Erfahrung von Grenzsituationen, angesichts des Scheiterns aller innerweltlichen Bemühungen zu bewahrenden Gewissheit des Seins und damit zum philosophischen Glauben an die Existenz Gottes. Im Klappentext heißt es, unter anderem weiter: Jaspers hat sich in seinem tätigen und erlittenen Leben, stets für die ihn ungebundenen politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeiten verantwortlich gefühlt. Denn Jaspers hat nie das allgemeine Vorurteil der Gebildeten geteilt, sagte Hannah Arendt in ihrer Rede 1958 zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den Philosophen, dass die Helle des Öffentlichen alle Dinge flach und platt mache, dass in ihm nur das Durchschnittliche zur Geltung komme. Sein ja zur Öffentlichkeit sei einzigartig, weil es ein Philosoph ausspricht: Philosophie hat mit Politik gemeinsam, dass sie alle angeht.

Jaspers schreibt über Goethe: Der Mensch steht so leibhaftig vor uns, vom Kinde bis zum Greise, als ob wir ihm in allen Lebensphasen persönlich begegnet wären. Er verträgt es, in nächster Nähe gekannt zu sein, er wächst, je besser wir ihn kennen.

Es ist, als ob einmal ein Mensch so gründlich erkennbar sein sollte, dass nichts mehr verborgen scheint. Und doch, je mehr wir ihn in den Dokumenten kennen, umso größer wird das Geheimnis. Das ständige Sichmitteilen, dieses unendlich reichen Geistes verbirgt ein tiefes Schweigen.

Ich freue mich, mit Lessing über Jaspers Buch auszutauschen. Dann verstehe ich es noch besser.

Kruppsche Krankenanstalten

Im weitläufigen Krankenhauspark blühten die Rhododendren in allen erdenklichen Farben. Manche Büsche sind mannshoch. In der Ferne hörte man die Schläge des Hammerwerks, das stählerne Herz der Kruppschen Werke. Das mir zugewiesene Zimmer lag in einem etwas angeschmuddelten Haus, das mit Ölöfen beheizt wurde.

Der Mann, der sie beschickte, verschüttete oft etwas Öl. Ein penetranter Geruch durchzog das Haus, das dem Leichenschauhaus gegenüber stand. Einen Kühlschrank gab es nicht im Gästehaus. Das erwies sich als Problem, die für sich selbst das Frühstück machen mussten. Zum Mittagstisch waren die Gäste eingeladen, ansonsten waren sie Selbstversorger. Am meisten vermisste ich einen Tisch, der es mir ermöglichte, mein Tagebuch weiterzuführen.

Die Ärmlichkeit des Zimmers erinnerte mich an das, das ich 1950 mit drei Schwesternschülerinnen teilte. Nur, dass dieses Zimmer den Vorteil hatte, dass ich es allein bewohnte. Ich hole mein Tagebuch aus dem einzig verschließbaren Behältnis, meinem Koffer und setze mich an das Fenster, das mir die Möglichkeit bot, unter seiner geräumigen Bank, die Beine zu stellen. Hier nehme ich auch mein Frühstück ein und sehe den am Fenster vorbeiziehenden Bahren nach, die die Toten in das Leichenschauhaus bringen. Sie sind in silberglänzende Plastikfolien mit einem Reißverschluss eingeschlossen.

Diese, etwas makabre Situation, die sich jeden Tag vor meinem Fenster abspielte, lässt mich an Lars denken. Ich war nicht fähig gewesen, ihn über den Krankenhaushof in das Leichenschauhaus zu bringen und hatte die Schwestern Carla und Paula gebeten, dies für mich zu tun. Ich habe Bielefeld verlassen. Wollte Abstand nehmen.

Aber der Schmerz ist mir nachgereist. Zu viel ist geschehen.

Kirkegard beschrieb diesen Zustand in seinem Gedicht: „Entweder – Oder“:

„Sieh, darum ist es schwer, sich selbst zu wählen weil in dieser Welt die absolute Isolation mit der tiefsten Kontinuität identisch ist, weil durch sie jede Möglichkeit, etwas anders zu werden, vielmehr sich in etwas anders umzudichten, unbedingt ausgeschlossen wird.“

Ich lese noch einmal den Roman von Max Frisch „Stiller“, in dem er auf Seite 341 Stiller sagen lässt:

„Dass Jahre vergehen und manches geschieht, wer sieht es! Alles ist eins, Räume voll Dasein, nichts kehrt uns wieder, alles wiederholt sich, unser Dasein steht über uns, wie ein Augenblick und einmal zählt man auch die Herbste nicht mehr, alles Gewesene lebt, wie die Stille über den reifenden Hängen, am Weinstock des eigenen Lebens hängen die Trauben vom Abschied. Gehe vorbei!“

Ich bin noch nicht fähig vorbeizugehen. Noch zähle ich nicht die Herbste. Ist Lars mir so nah, als sei er nur kurz verreist.

In solchen Tagen denke ich an die Zeit mit ihm zurück. Unsere Wochenendbesuche aufs Land..

Mutter hatte, wie immer, reichlich aufgetischt und erzählte, dass vor zwei Jahren 125 Gramm Fleischwurst noch 55 Pfennig gekostet hätte. Sie hatte daraus Wurstsuppe gekocht, die Lars nicht mochte. Ein großes Brot kostete 50 Pfennig. Sie erzählte auch, dass ich im Rechnen schwach gewesen sei. Das war mir peinlich. Der alte Lehrer sagte uns Schulkindern, er werde es uns beibringen, mit oder ohne Stock, was wir im Leben brauchten.

Beim Rechnen kam es darauf an, neben den Grundrechnen alles über Landwirtschaftliches, wie Hektar, Morgen oder Scheffel, Zentner usw. zu wissen. Und natürlich auch Prozentrechnen.

Wir wurden unterrichtet, wie am besten die Fruchtfolge für die Bestellung der Felder ist, für den größten Erfolg. Im Sommer hatten wir oft Unterricht im Freien, im Wald oder in der Apfelplantage. Was dem alten Lehrer nicht passte, behandelte er mit dem Stock, half uns kräftig beim lernen. Als die Flüchtlinge in unser Dorf kamen, nannte man sie Kartoffelkäfer, weil sie wie die Kartoffelkäfer über die Einheimischen hergefallen seien, ihre Kinder arbeiteten auf den Feldern mit. Kinderarbeit war normal und keiner regte sich darüber auf.

Ich bekam mein erstes Fahrrad. Mit ihm fuhr ich zum Konfirmandenunterricht und zu den sonntäglichen Frühgottesdiensten. Eines Tages durchfuhren wir Kinder ein Wäldchen. Am Wegesrand entblößte sich ein magerer Mann vor uns. Wir erzählten es, nicht wissend, was mit ihm dann geschehen würde. Er wurde zur Umerziehung nach Sachsenhausen gebracht. So, wie Mutters jüngster Bruder. Beide kehrten nicht zurück.

Es war eine Zeit, in der noch Düsenjäger über das Dorf donnerten. Mit Albert fuhr ich nach Halle, um einen Film anzuschauen. Ein Kinobesuch kostete noch 50 Pfennig. Dann mit der Karbidlampe am Lenkrad, in der ungelöschter Kalk brannte, fuhren wir nach Hause. Albert, der sein Schwesterchen nur Küken nannte, wurde zum Arbeitsdienst eingezogen. Im Winter bauten wir Kinder Iglus im hohen Schneewehen. Hinter der Scheune im Sommer, übten die Jungens Weitpinkeln.

Ich führe wieder Tagebuch. Das hilft mir, besser mit dem Leben zurecht zu kommen. Unser Sohn starb 1959, am Tag seiner Geburt. Wir sind danach an den Bodensee gefahren und mieteten ein Zimmer bei einem Obstbauern, dessen Hof am Hang lag, unter ihn der See, in dem ich geschwommen bin, weit hinaus bis ich für Lars, der am Strand zurückgeblieben ist, nur noch ein Punkt war. Er hat die Seewacht gerufen, die mich an Bord zog. Er muss gewusst haben, dass ich nicht zurückgekommen wäre. Er hat mich nie darauf angesprochen, das hätte er tun müssen. Mit Lessing habe ich darüber gesprochen. Er sagte: Mädchen, sie waren in großer Gefahr gewesen. Jetzt ist diese Gefahr vorbei.

Zurzeit lese ich Ray Bradburry’s Roman von 1953 „Fahrenheit 451“. Die Abschaffung des gedruckten Buchs. Er entwarf das Bild einer freiwilligen Knechtschaft auf unblutiger Weise. Ich kann mir die Abschaffung des gedruckten Buches nicht vorstellen. Auch nicht eine freiwillige Knechtschaft auf unblutiger Weise. Wie sollte das denn gehen?

Vor meinem Fenster schiebt ein junger Mann im weißen knöchellangen Kittel zum dritten Mal einen Leichnam zum Leichenschauhaus. Ich ekle mich bei den Gedanken, es könnten sich Fliegen von dort zu dem Gästehaus aufmachen.

Ich war 35 Jahre alt und lebte wie in einem Schützengraben. Jetzt bin ich 80 Jahre alt. Die Ereignisse all‘ dieser Jahre werden von mir nun in Worte gefasst. Das hilft mir, die Teilnahmslosigkeit der Menschen zu ertragen. Aber sie scheuen sich nur, sich einzumischen, dass sie verpflichten könnte. Irgendwie verstehe ich sie.

Aus dem offenen Fenster höre ich eine wundervolle Frauenstimme, die von Palmen, Orangenbäumen und Agaven singt, über die der warme Sommerwind weht. Hier aber zwischen den Stahlwerken schmeckt die Luft nach Eisen. Sind die Tage sonnenlos, verbirgt sich die Sonne so oft hinter grauen Wolken, die die Wäsche und Häuser bestäubt.

Vor sieben Jahren war ich mit Lars zum ersten Mal am Bodensee. Wir haben den Gesprächen der älteren Gäste am Nebentisch gelauscht. Ein paar alte Herren machten sich über das, nach ihrer Meinung nichtige Treiben einiger Politiker lustig. Wir waren die Jüngsten im Gästehaus des Versicherungskonzerns. Entsprechend fielen wir unter den alten Ehepaaren auf.

Ein allein reisender verwitweter alter Mann, den Lars einlud, mit uns nach Bregenz zu fahren, erklärte uns die menschlichen Wissenschaften, die alles zergliedern, damit Menschen begreifen und betrachten können. Die Dringlichkeit, die drei Urelemente der Dinge, die seien Schwefel, Quecksilber und Salz. Der Schwefel sei von öliger und feuriger Beschaffenheit. Quecksilber sei eine flüssige Substanz. Ich verstand nicht, was er meinte.

Es sind die Zeichen der Freimaurer, sagte Lars.

Das Geheimnis:

Adonia ist der Name des Weltschöpfers,

Elohin, der die Welt regiert.

Der dritte Name ist unaussprechlich und bedeutet das All.

Wir waren hierhergekommen, um zu vergessen. Wenigstens für einen Augenblick. Es sind viele Beileidsbekundungen geschickt worden, aber kein Beistand. Wir gingen von dem Ungeheuren zur Tagesordnung über, wendeten uns wieder den alltäglichen Dingen zu. Lars hat meine Einsamkeit nicht geteilt. Sie war ihm unangenehm. Konnte sie nicht einordnen. War sie für ihn mit dem Pathos des Tragischen verbunden?

Friedrich Nietzsche nannte sie eine düstere, eine furchtbare Göttin. Dass meine Einsamkeit auch mit ihm zu tun hatte, mochte Lars empfinden. Sein Tod liegt erst zwei Jahre zurück und der unseres zweiten Kindes, das tot zur Welt kam. Vielleicht bin ich schuld daran, denn ich hörte auf, mich zu ernähren. In geradezu panischer Verlassenheit in die ihr beider Tod mich gerissen hat, war ich dem Angebot des Chefarztes gefolgt, seine Intensivstation im neuerbauten Krankenhaus zu übernehmen. Ich habe zugesagt, bin mir aber nicht sicher, ob ich sie übernehmen werde. Ich wollte einfach die Stadt für eine Weile verlassen, wo die Menschen mich wie durch einen Brennspiegel betrachteten.

Mein Verstand und Vorstellungskraft konnte nicht begreifen, dass unser Kind vor uns starb. Dieser Verlust hat meine Biographie beschädigt. Als ich heiratete, war das wie Ausruhen nach einem langen Umherirren im Ungeborgenem.

Ich war angekommen.

Was mir bleibt, ist anderen helfen zu können. Sich um andere zu kümmern, bringt mir Selbstbestätigung und Trost. In der Nacht lag ich lange wach.

Noch vor einem Jahr, vor Lars Tod waren wir in seiner Heimatstadt Berlin gewesen. Hatten am Kudamm gesessen und den vorbeiflanierenden Menschen nachgesehen, klafften, wie Lars immer sagte. Prof. Eiermann hatte den sechseckigen Turm neben die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gesetzt, er überragt dem blauverglasten Oktogon mit Flachdach, in dem das Sonnenlicht sich kobaltblau bricht. Sein Inneres minimiert bis auf das Gestühl und das strenge Kreuz gibt es nichts, wo die Augen hängen bleiben könnte. Fast steril ist die Luft. Wir sind beeindruckt von seiner Strenge, die kein Abschweifen zulässt.

Wir verbrachten einen ganzen Tag im Zoo.

Die Zeit muss schon sein, sagte Lars, der mich aber nicht lange begleiten konnte. Seine neuen Schuhe rieben ihm Blasen an den Fersen und so zog ich frohgemut davon. Als Kind hatte Lars an der Hand seiner eleganten Mutter einige Male den Tag im Zoo verbracht.

Also geh allein, Vera. Lass dir Zeit. Ich setze mich ins Zoorestaurant. Für mich war es mein erster Zoobesuch, entsprechend ließ ich mir viel Zeit. Lars kannte meine Neigung, Tiere zu beobachten. Die Kamele erregten meine Heiterkeit, als sie mit ihren gravitätischen Beinen und schiefgehaltenen Köpfen langsam dahinschritten. Sie kamen von weit her. Aus Kaukasien, stand auf der schwarzen Tafel. Lange stand ich vor dem Elefantenhaus. Sah zu, wie ein Elefant seinen Urin abließ, der dampfend hochstieg. Das wollte kein Ende nehmen. Sie waren auf zu engen Raum untergebracht. Man sah die grauen Riesen schon, wenn man den Bahnhofzoo verließ. Sie schwenkten unentwegt den Rüssel. Auch Menschen wiegen ihren Körper, wenn sie einsam sind. Man hat ein Wort dafür: Hospitalismus, entsteht, wenn Raum und Zuwendung fehlen.

Seltsam diese grauen Riesen vor Mietshäusern stehen zu sehen. Ich hatte Mitleid mit ihnen.

Ein paar Schritte weiter knabberte Knorke, der Menschenaffe gelangweilt an einem Salatblatt. Ein mächtiger einsamer Silberrückenmann sah mich an, trommelt mit seinen Händen auf die Brust. Er wird nie in den Wäldern Afrikas im Baum allabendlich sein Nest bauen. Er ist in Berlin geboren, von einer Menschenmutter aufgezogen, weil seine Mutter ihn nicht angenommen hat, lese ich auf der Hinweistafel. Am Gehege der Schimpansen warnt ein Schild: „Vorsicht, Charly schmeißt mit Schmutz“. Gerade kam ich hinzu, als er dies tat. Als er in seine Hand kotete, sprangen kreischend die Zoobesucher auseinander.

Erst am Nachmittag traf ich Lars wieder. Er saß auf der Terrasse. Vor sich eine Berliner Weiße mit Schuss. Als er mich kommen sah, stand er auf. Setzte sich erst, als ich Platz genommen hatte. Hob, wie immer die Hosenfalte an die sich akkurat von der Leistenlänge bis zum Fußknöchel zog.

Nun genug gesehen?

Nein, natürlich nicht.

Verstehe, meinte Lars. Aber jetzt werden wir erst mal gepflegt „Schmeiß rein“ machen. Ich habe einen Bärenhunger. Er hatte, wie alle Berliner, immer Sprüche darauf. Den Dingen Bezeichnungen zu geben, auf die der westfälische Mensch wohl nicht käme. Den makabersten Spruch erwähnte er, wenn eine Lebensversicherung auszuzahlen war:

Der Sarg klappt zu, Die Witwe kichert, Sie war Allianz Versichert.

Und nun war der makabre Spruch Wirklichkeit geworden. Nur, dass ich nicht kicherte. Nicht begreife, dass Lars nicht mehr lebt. Gottfried Keller sagte: Wenn nicht einer da ist, der das Dasein der anderen Dinge bezeugt, so sind sie nie gewesen.

Ich muss unsere Geschichte aufschreiben, weil er darin weiterlebt.

Ich sitze noch am Fenster und höre das stählerne Herz des Kruppschen Hammerwerks schlagen. Es schlägt Tag und Nacht. Ich werde das Fenster schließen müssen, wenn ich zu Bett gehe.

Ich habe nichts in mein Tagebuch geschrieben, was Lars und mich betraf, nur über meine Zeit in dieser fremden Stadt und ein paar Zeilen eines unvollendeten Gedichts, das mir dazu eingefallen ist:

Zechenstadt am Abend

Sirenen heulen auf und wimmernd endet ihr

Schrecklicher Ton.

Über rußgeschwärzte Dächer huschen die

Ersten Schatten schon.

Die Sonne bohrt mit goldenen Fingern Löcher

In das giftgeladene Wolkenmeer.

Ein Vogel kreist suchend und findet

sein Nest nicht mehr.

In der Ferne donnert ein Zug aus der Stadt

In ihren Straßen torkeln die Betrunkenen

Müde und matt.

In den Häusern streiten die Menschen

Plärren die Grammophone in rauchigen Schänken

Die Zungen, sie sind schwer vom Wein.

Es seufzt der Kranke und wimmert das Kind

Bis endlich Ruhe auf sie sinkt.