Vom Leben und vom leben lassen - Valentin Ott - E-Book

Vom Leben und vom leben lassen E-Book

Valentin Ott

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Beschreibung

Listenreich, frech und frivol vermarktet Valentin mittels Tricks und Kniffs hochpreisige Schweizer Industrieanlagen auf allen 5 Kontinenten. Die weltweiten Genüsse des Lebens, insbesondere die kulinarischen und die der holden Weiblichkeit, von den Lehr- und Wanderjahren an bis zum Erfolgreichen Unternehmer spielen eine wesentliche Rolle. Mit finanziellen Ränkespielen holt er sich dabei zusätzlich zum Salär noch seinen privaten Obolus heraus. Humorvoll und mit Schmunzeln zeigt er nicht nur ein beeindruckendes, technisch interessantes Fachwissen auf, sondern vermittelt auch die grundlegenden Regeln einer erfolgreichen Firmenleitung und die Konsequenzen aus deren Nichtbefolgung.

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EPUB
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Seitenzahl: 620

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Table of Contents

Impressum

Vorwort

1 Der Anfang

2  Der alte Mann

3 Alter Kumpel

4 Die Entscheidung

5 Die Pflicht

6 Seilschaften

7 Neue Perspektiven

8 Erste Erfahrungen

9 Messeleben

10  Es nimmt Fahrt auf

11 Das Gesellenstück

12 Skandinavien

13 Ostwärts

14  Die anderen Deutschen

15 Weites Land

16 Das Konsortium

17 Der Chef

18 Erfahrungen

19 Die Familie

20  Es geht weiter

21 Übersee

22  Hilfe in Sicht

23 Erfolge

24 Neue Ziele

25 Der Husarenritt

26  Eile mit Weile

27 Indien ruft

28 Andere Kulturen

29  …dann das Vergnügen

30  Asien ist gross

31  Die 3 Brüder

32 Garibaldi

33 Südamerikanische Erfahrung

34 Familienausflug

35  In der Kälte und der Wärme

36  Wir entdecken China

37  Ein neuer Kontinent

38 Südsee

39  Die Arbeit ruft

40 China floriert

41  Der Ball rollt

42 Bekanntschaften

43 Routine

44 Endzeit

45 Der Wechsel

46 Erholung

47 Metallschmelzen

48 Neue Verpflichtungen

49 Vereinigung

Epilog

Impressum
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.
© 2025 united p. c.
in der novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7103-1616-6
ISBN e-book: 978-3-7103-4387-2
Umschlagabbildungen: Valentin Ott
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: united p. c. Verlag
www.united-pc.eu
Vorwort
Meine Geschichte führt uns in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts, entsprechend folgt auch der Schreibstil und die Wortwahl dieser Zeit. Geographisch ist sie in der Ostschweiz zu verorten, in etwa zwischen Bodensee und Hochrhein aber auch auf allen 5 Kontinenten.  
Die frei erfundene Geschichte beinhaltet, allerdings modifi-ziert und angepasst eigenen Erlebnissen und  solchen von Dritten. Die alltäglichen Gerüchte und Verdächtigungen spielen auch eine Rolle. Der Rest entsprang meiner blühenden Phantasie.
Die geschilderten Gepflogenheiten und Ereignisse in der sup-ponierten Firma kann es so oder ähnlich gegeben haben, aber nicht exklusive. Sie entstanden aus der Summe von betrieb-lichen Geschehen und Abläufen wie sie in verschiedensten Industrien möglich gewesen wären oder sich auch so oder ähnlich abspielten. Managementfehler sind nicht exklusiv sondern weitverbreitet.
Die erwähnten Reiseerlebnisse beruhen sowohl auf eigener Erfahrung als auch Erfahrungen von Dritten, deren detaillierter Ablauf ist erdichtet.
Die beschriebenen Personen und deren Charakteren und geschilderte Vorkommnisse sind rein fiktiv und frei erfunden. Deren Beschreibung und Verhalten folgen dem Inhalt und den Bedürfnissen meines Romans. Ausnahme davon sind weltweit bekannte Personen.
Valentin Ott
1  Der Anfang
Der Auslöser für alles waren Claires Beine. Diese ragten dermassen aufregend und wohlgeformt vom Sitz im Zugsabteil herunter, dass ich einen echten Wow-Effekt erlebte. Trotzdem der Wagon praktisch leer und somit überall genügend Sitzplatz vorhanden war, musste ich mich zwangsläufig und nach einem kurzen, „ist da noch frei?“vis-à-vis von diesen Beinen hinsetzen und das, trotzdem ich deswegen nun rückwärtsfahren musste, was ich gar nicht liebe. Es lohnte sich aber! Um mir Platz zu machen, verschoben sich diese aufreizenden Superschienen aus der überschlagenen Position in eine Parallelstellung, wodurch ich nach dem Absitzen dank des kurzen Rockes einen weiteren, vielversprechenden Einblick auf deren ebenfalls makellose, obere Knieregion erhielt.
Eigentlich hätte ich an diesem Montagvormittag gar nicht in diesem Zug sein sollen sondern am Technikum, respektive «Tech», wie man damals die heutigen Fachhochschulen nannte, um an selbigen eine Prüfung in Graphostatik abzulegen. Ich studierte dort die hohe Kunst des Maschinenbaus. Die letzten 3 Wochen konnte ich wegen eines militärischen Wiederholungskurses nicht am Unterricht teilnehmen und somit war ich auf eine solche Klausur nicht vorbereitet. Das war für mich eine äusserst gefährliche Situation, weil dieses Fach beim 1. Vordiplom, welches am Ende dieses 2. Semesters stattfindet zwar nicht geprüft wird, aber dessen Erfahrungsnote wird zu einem Bestandteil der Diplombewertung und daher konnte ich mir keinen Abschiffer leisten. Ich bat daher meine Klassenkameraden dem Uhu, wie wir unseren Fachdozenten nannten, mitzuteilen, dass ich im Dienst erkrankt sei.
Uhu war Offizier und Einheitskommandant und ich nahm daher an, dass er meinen heroischen Einsatz für das Vaterland gut heissen und mir die Dispens erteilen wird, was dann später auch prompt geschah.
Entsprechend schlich ich mich danach aus dem Campus und passte auf, dass ich keinem Uhu begegnete und verschwand wieder in Richtung Bahnhof.
Noch bevor der Zug sich in Bewegung setzte konnte ich den Rest meines attraktiven Vis-à-Vis näher mustern und stellte überrascht fest, dass ich diese prächtige Augenweide flüchtig kannte. Sie war mir vor kurzem an einer Party bereits aufge-fallen und ins Auge gestochen, sie war aber offensichtlich in festen Händen. Trotzdem wechselte ich damals ein paar zwangslose Worte mit ihr und wusste daher, wie sie hiess und dass sie in einem vornehmeren Vorort unseres Städtchens wohnte. Es entwickelte sich sofort ein anregendes Gespräch und bevor eine halbe Stunde später der Zug in unserem Bahnhof einfuhr habe ich erfahren, dass sie das Wochenende bei ihrem Freund verbrachte, sich mit ihm aber endgültig verkrachte und daher Hals über Kopf abgereist sei. Ergo war auch sie auf der Flucht, so wie ich auch. Ja aber hallo, diese Person braucht seelischen Beistand und für das sind hübsche Mädchen bei mir immer an der richtigen Adresse. Bevor sich unsere Wege trennten war ich so weit klargekommen, dass sie zu dem von mir vorgeschlagenen weiteren Treffen ja sagte.
Ich hatte also diese Superbeine zusammen mit der dazugehörigen charmanten und ebenfalls äusserst hübschen Person offensichtlich nicht nur im Zug, sondern auch in einem Zug erobert. Danke Uhu!
Wir trafen uns in der City in einem gediegenen Café-Restaurant. Auf meine Frage was sie trinken wolle kam die Antwort «Einen Rossi», damals ein nicht ganz billiges Modegetränk, das besonders bei den weiblichen Yuppies in war. Als uns die Serviertochter ihre Aufmerksamkeit erwies, bestellte ich 2 Bier. Danach fragte Claire etwas zaghaft:
«Warum hast du mir keinen Rossi bestellt, ich habe Bier nicht so gern?»
«Es ist so», erklärte ich ihr, «du bist hier mit einem Studenten zusammen und da wird Bier getrunken, so Rossi-Zeug ist viel zu teuer für uns!»
Von da an wurde Claire zur Bier-Schlürferin und sie hat es heute noch recht gerne, hauptsächlich aber die verdünnten Panaschés. Na, warum nicht, jeder nach seinem eigenen Gusto.
Wir wurden sehr schnell ein Paar. Da ich aber wegen des Maschinenbauen-Lernens und des notwendigen Sackgeld-verdienens mittels Teilzeitjobs kaum Zeit für sie hatte, be-schränkte sich unser Zusammensein hauptsächlich auf den Kinobesuch am Samstagabend mit anschliessendem Über-nachten im hübschen Mädchenzimmer ihres gut bürgerlichen Elternhauses, in welchem auch ein Dienstmädchen aus dem Trentino nicht fehlen durfte.
Ihre Eltern waren zwar etwas skeptisch gegenüber mir, aber trotzdem tolerant; na ja, die Tochter gehört schliesslich unter die Haube und scheinbar passte ich ins Schema. Nur einmal bemerkte meine erwartungsvolle Schwiegermutter in spe etwas spitz zu mir:
«Dass sie regelmässig bei unserer Tochter übernachten, muss ich wohl akzeptieren. Dass sie aber ihre Vespa immer vor unserem Hause parkieren und somit die ganze Nachbarschaft weiss, dass sie die ganze Nacht da sind, will ich nicht haben!»
Von da an habe ich um die Ecke parkiert. Ob es was genutzt hat?
Um wieder Ordnung in das Elternhaus und dessen Nachbar-schaft zu bringen, fragte ich Claire aus Kulanzgründen und gesteigertem Übermut, nach dem ich einige Semester später mein 2tes Vordiplom überstanden hatte, ob sie mich heiraten wolle wenn ich mit dem Studium fertig bin. Sie wollte!
Das Ende meiner geistigen Schufterei war zu diesem Zeitpunkt noch in weiter Ferne und ich machte mir damals noch keine tieferen Gedanken wegen diesem Versprechen.
Trotzdem habe ich nach alter Sitte bei ihrem Vater um die Hand der Tochter angehalten. Dazu stürzte ich mich extra in Schale und band mir eine ausgeliehene Krawatte um. Als ich die Vespa diesmal vor dem Hause parkierte, kam mir in den Sinn, dass ich vergessen hatte, Blumen für die erwartungsvolle Schwiegermutter zu besorgen. Not macht erfinderisch. Das Haus hatte einen grossen Vorgarten, vollgepackt mit den verschiedensten und schönsten Blumen und ich als Schweizer war natürlich mit einem Sackmesser ausgerüstet. Schnell pflückte ich ein schönes Bouquet zusammen und überreichte es voller Stolz der Dame des Hauses. Die werdende Schwie-germutter, welche natürlich den Braten roch weil sie jede einzelne Blume persönlich und auch beim Vornamen kannte, machte gute Miene zum bösen Spiel und zeigte sich erfreut. Man hatte mir das „Du“ angetragen und die bis dato so behütete Tochter an mich verkuppelt und schon waren wir erstens verlobt und zweitens unsere Nächte in ihrem Zimmer sanktioniert. Das hatte zusätzlich den Vorteil, dass wir uns nun gemeinsam ein breiteres Bett kaufen konnten. Ihre bestehende Jungmädchen-Pfanne war trotz des engen Zusammenliegens doch echt knapp, mein nackter Hintern wurde öfters an die kalte Wand gequetscht.
Aber Unverhofftes kommt schneller als erwartet. Die Zeit verflog im Nu und ich musste meine Zeit ernsthaft und intensiv meiner nicht ganz einfachen Diplomarbeit widmen, diese fachgerecht hinbasteln und sowohl dokumentarisch als auch mündlich vertreten. Die hohen Herren der Alma Mater waren damit zufrieden, hielten mich für würdig und über-reichten mir mein Diplom feierlich. Meine Plackerei war zu Ende.
Das muss gebührend gefeiert werden! Wir frischgebackenen Ingenieure genehmigten uns eine mehrtägige Diplomreise mit Dame, falls vorhanden. Sie führte zuerst an die Expo in Lausanne und anschliessend liessen wir uns von grösseren Industriebetrieben im Wallis und der Genfersee-Region zu grosszügig gesponserten Rundreisen und Werkbesichtigungen einladen. Leute wie wir suchte man damals mit der Lupe und entsprechend grosszügig wurden wir empfangen und üppig bewirtet. Abends ging’s dann in Corpore irgendwo zum Tanz.
Claire hat sich extra für diesen Anlass ein neues Kostüm gekauft und sah darin zum Anbeissen süss aus. Meine ledigen Kommilitonen überboten sich mit Komplimenten an sie und versuchten mit ihr zu schäkern. Da war natürlich nichts Ernsthaftes dahinter, trotzdem genoss sie solche Aufmerk-samkeiten.
Derweil schlich sich bei mir bedenklicher Bammel ein, ich glänzte trotz der allseits prächtigen Stimmung durch Wortkargheit und erhöhtem Alkoholkonsum. Während diesem fröhlichen Treiben kam bei mir wie ein Blitz aus heiterem Himmel Besorgnis auf. Ich versuchte diese mit reichlichem Biergenuss zu ersäufen.
Gerade weil ich mich mit Claire bestens verstand, drückte mich das einst fast gedankenlos gegebene Eheversprechen unerwartet schwer. Nicht dass es mich reute, aber eigentlich hatte ich bis jetzt noch gar nichts vom Leben gehabt, nur geschuftet und gelernt und nun soll ich mit meinen jungen Jahren auch noch heiraten, eine Familie gründen, in eine Firma eintreten und den Rest meines Lebens dort verbringen oder so ähnlich. Wo bleibt da der Spass des Lebens?
Das wollte ich eigentlich jetzt noch nicht auf mich nehmen, dazu fühlte ich mich noch zu jung und zu grün hinter den Ohren. Kurz danach musste ich meinen 3-wöchigen, mili-tärischen Wiederholungskurs absolvieren und bei dem damit verbundenen Müssiggang reifte bei mir ein Plan, den mir einer meiner Mitkämpfer in einem beiläufigen Gespräch schmack-haft machte, ohne sich aber dessen bewusst gewesen zu sein. Ich habe entsprechend vorsondiert und alles Notwendige abgeklärt und in die Wege geleitet.
Nun musste ich das Ganze nur noch behutsam an Claire verkaufen. Ich bereitete mich sorgfältig darauf vor.
«Schau Schatz, für meine zukünftige Karriere und somit auch für dich und die Familie, die wir bald mal haben werden ist es fast unumgänglich, dass ich perfekte Sprachkenntnisse in Englisch vorweisen kann. Deswegen sollte ich vor unserer Hochzeit noch ein paar Monate in England verbringen um mein bescheidenes Schulwissen zu vertiefen. Danach werden wir sofort heiraten.»
Das war ein harter Job, aber letztlich hatte sie es eingesehen und wohl oder übel akzeptiert. Wahrscheinlich war sie heim-lich noch stolz auf meinen Einsatz für unsere erwartungsvolle Zukunft.
Ich hatte durch eine einschlägige Agentur einen äusserst mies bezahlten Bürojob in London als Student-Trainee ergattert. Vor meiner Abreise genossen wir gemeinsam noch unsere verbliebene Zeit. Zum Abschied mahnte sie mich spasses-halber zur Vorsicht:
«Pass auf, dass der Herr Ingenieur bei solch einem lukrativen Job nicht an seine Grenze kommt, ich will dich nicht als Versager zurückhaben. Na ja, mit diesem Hungerlohn kannst du wenigstens bei den bleichen englischen Ladies nicht als Schweizer Krösus punkten», meinte sie zusätzlich und puffte mich in die Seite.
2  Der alte Mann
London, was für eine Metropole, welches Völkergemisch, welches Gewimmel und ich mittendrin, aber nicht ganz zentral. Bereits von zu Hause aus hatte im Norden der Stadt, in Golders Green, ein Zimmer gemietet. Die Schlummer-mutter war eine ältere Lady, ihr Englisch sprach sie mit einem starken, offensichtlich osteuropäischen Immigranten-Akzent.
Von Anfang an nahm sie mich unter ihre Fittiche und liess ihren wahrscheinlich unbefriedigten Mutterinstinkt an mir aus. Das Zimmer war gut, ebenso das Morgenessen, für meine Wäsche wurde auch gesorgt und der Preis entsprach meinem dürftigen Budget. Was wollte ich mehr?
Eine alteingesessene Export/Import-Firma gab mir die Anstellung als Student Trainee, mit dem fürstlichen Gehalt von five Pounds per week, was immerhin dem beachtlichen Gegenwert von CHF 60.- entsprach. Diese Almose musste meinen Lebensunterhalt abdecken, Sponsoren hatte ich keine. Mit der krachend vollen Northern Line erreichte ich jeweils um 9.30 Uhr bestens ausgeschlafen und dank der Schlummer-mutter mit vollem Magen das Office, welches nahe des Kings Cross im City-District lag.
Höflich begrüsste ich meine dortigen Arbeitskollegen mit meinem besten Schulenglisch und lauschte dann interessiert auf das was diese sich und mir erzählten, ohne viel davon zu verstehen. Die Art wie die da redeten war weit entfernt von dem, was meine früheren Lehrer Englisch nannten und mir entsprechend auch beibrachten.
Der Inhaber und Boss der Firma war „The O‘ Man“, wie er von allen heimlich genannt wurde; offiziell war er aber gemäss seinem Nachnamen „Mr. C.“.
Er war ein royalistischer, stockkonservativer und äusserst patriotischer Gentleman, der täglich in seinem schwarzen Anzug mit blütenweissen Hemd und dem Bowler auf dem Kopf, in seinem Rover anreiste und pünktlich um 10 Uhr im Office erschien. Er sprach ein gepflegtes Englisch und entsprechend verstand ich ihn einigermassen gut. Am Anfang beachtete er mich kaum, aber mit der Zeit hatte er scheinbar den Narren an seinem Swissboy gefressen, was mir sehr entgegenkam und einige Vorteile brachte. Das war auch notwendig, weil meine 5 Pfund keinerlei Reserven ermög-lichten. Die alte Lady bekam 2 davon und ein weiteres brauchte ich für die Tube, wie die Untergrundbahn hier heisst. Mit dem übrig gebliebenen Rest konnte ich dann essen, saufen und rauchen, soviel ich wollte, resp., soweit es reichte.
An jedem Donnerstag war P-Day (Zahltag) und meistens war ich spätestens am Dienstag blank, aber wenigstens war dadurch das Wochenende gerettet. Ich habe in dieser Zeit sichtlich abgenommen, was mir aber nicht schlecht bekam. Dank den gelegentlichen Carepaketen von Claire mit unseren neuesten Tageszeitungen und den darin versteckten Gauloise Bleu ohne Filter, kam ich einigermassen über die Runden.
Nach einigen Wochen wurde ich zum Airport-Agent befördert, ein Job auf den andere Juniors in der Firma schon lange reflektierten, aber Mr. C. hat sich für mich entschieden. Nun fing ein besseres Leben an.
Wenn ich morgens im Office eintrudelte musste ich nicht mehr die ein- und ausgehende Post öffnen und sortieren, Briefe in Couverts stecken und diese mit der Zunge ablecken, verschliessen und mit der dito Technik Briefmarken draufkleben. Das tat ich allerding nur in den ersten Tagen. Danach kaufte ich für einen Penny-Betrag ein Schwamm-büchslein und von da an gab es für mich kein zweites Kleisterfrühstück mehr. Ron, mein etwas beschränkter Tutor, der diesen Job schon seit ewig ausübte, staunte nicht schlecht über die Cleverness der Schweizer, blieb aber bei seiner gewohnten Technik mit der Zunge. Wahrscheinlich war er bereits süchtig auf die Lösungsmittel des Kleisters. Auch die sonstigen, leichten Büroaufgaben, welche den frisch-gebackenen Herrn Ingenieur nicht allzu sehr überforderten, waren von nun an für mich Vergangenheit.
Die Ladies, welche in einem separaten Büro arbeiteten, hatten am Vortag die neuen Luftfrachtpapiere vorbereitet und nach Airlines sortiert. Diese lagen bei meinem morgigen Eintreffen bereits auf dem neuen Arbeitsplatz. Ich musste sie durchse-hen, ordnen und danach bei der Buchhaltung die für den Zoll und die weiter Speditionierung der Ware notwendigen Checks ausstellen lassen.
Danach verlangten die Gepflogenheiten dieses Office, dass die Herren nach der ersten Arbeitsstunde, d.h. um etwa 11 Uhr über der Strasse im „The Blue Crow“ ihre Teepause genossen. Allerdings war das Teeglas meistens ein Pint gross und darin war Guinness oder Ale. Ich gehörte nun auch dazu und ging gerne mit, auch wenn ich dafür jeweils einen Halfcrown opfern musste, sofern ich nicht grosszügig von einem Kollegen einge-laden wurde. Nur die Juniors, the O’ Man und die Ladies sowie die scheinbar schwer beschäftigten Manager und solche die es noch werden wollten, blieben im Office zurück.
Nach der Pause verreiste ich mit einer ledernen, abgewetzten Aktentasche unter dem Arm per Tube zum Airport. Da die Piccadilly-Line damals noch nicht direkt bis zum Flughafen in Heathrow fuhr, musste ich bei Hounslow, der Endstation in den Airport-Bus umsteigen. Die ganze Fahrt nahm beinahe eine Stunde in Anspruch. Nachdem ich die Zollbüros und all die verstreut liegenden Frachtfirmen der Airlines per pedes abgeklappert und meine Papiere, Checks und Instruktionen abgegeben hatte, war der Tag für mich gelaufen und ich konnte direkt nach Hause gehen. Das Schöne daran war, ich konnte Fahrspesen machen. Bald mal hatte ich den Trick drauf, wie ich mit dem Airport-Ticket der Firma auch meinen morgendlichen Arbeitsweg abdecken konnte. Ich sparte mir dadurch pro Woche 1 Pfund. Meine Finanzlage verbesserte sich dadurch erfreulich, trotz den Pints im Blue Crow.
Meine Schlummermutter wurde langsam etwas mühsam. Wenn ich abends in den bescheidenen Ausgang ging, wollte sie freundlich und interessiert wissen wohin, und wenn ich dann nachts nach Hause kam, wartete sie auf mich und wollte mir unbedingt einen Tee aufschwatzen.
Um nicht zu vereinsamen, besuchte ich eine Abendschule für Ausländer. Wir Schüler sprachen miteinander in den verschie-densten Sprachen, meistens aber nicht Englisch. Dort traf ich Hans, ein anderer Schweizer. Er bewohnte in der Nähe der Station Belsize Park, und somit etwas näher zur City eine 1-Zimmer Bleibe. Bescheiden zwar, aber mit Dusche, Kochnische und Toilette und bezahlte dafür gleichviel wie ich für mein Zimmer, allerdings gab‘s kein Frühstück und keinen Wäscheservice. Nach der Schule trafen wir uns öfters bei ihm um ein Bier zu trinken und zu überlegen, wie der weitere Abend möglichst geldsparend verlaufen sollte. Als er uner-wartet nach Hause zurückkehren musste, habe ich diese Loge von ihm als Nachmieter übernommen und mich dadurch von der Bemutterung befreit. Finanziell sah es aber wieder schlechter aus. Das Frühstück war eigentlich meine Hauptmahlzeit gewesen, nun fiel dieses weg und Wäsche-waschen war jetzt auch angesagt. Es musste also zwingend Etwas geschehen.
Ich fragte Mr. C., ob es möglich sei, dass ich auf Spesen am Flugplatz etwas essen dürfte. Ich sei bei der Arbeit dort draussen immer so hungrig, könne mir aber die verlangten Preise kaum leisten. Zu meiner Überraschung bewilligte er mir einen bescheidenen Lunch auf Vertrauensspesen. Ich solle meine Auslagen aufschreiben, vom Abteilungsleiter visieren lassen und mir danach bei der Kasse das Geld zurückholen. Na, sowas muss mir nicht zweimal gesagt werden. Unter Vertrauensspesen verstand ich, dass ich volles Vertrauen in die finanzielle Tragkraft der Firma habe und somit meine bescheidenen Spesen von ihr bestens verdaut werden können.
Ich entwickelte meine eigenen Preislisten für Verpflegung und Fahrkosten und holte damit pro Woche neben dem Essen zusätzlich nochmals etwa 1 Pfund Suplement heraus. Meine Situation verbesserte sich dadurch erneut. Auf Grund dieser Erfahrung kapierte ich, Spesen sind zusätzliche Gehalts-aufbesserungen, steuerfrei.
Mr. C. wusste scheinbar nichts von meinem verbesserten Lebensstandard und hat somit meine Nöte nicht vergessen. Eines Tages brachte er mir eine Glasschale mit irgendeinem typisch englischen Gericht welches seine Frau extra für mich gekocht habe. Ich brauche es nur aufzuwärmen war seine Ansage. Zu Hause stellte ich die Schale auf meinen
2-Flammen-Gasherd und freute mich auf ein gutes Essen, da  machte es klick und die Schale zersprang. Ein Teil des Inhaltes konnte ich noch retten und daher wusste ich, dass es wirklich ein typisch englisches Gericht war, nur dank Hunger geniess-bar. Was soll ich nun machen? Mr. C. hatte extra betont, ich solle die Platte vor dem Zurückgeben gut reinigen.
Ich ging auf gut Glück hin zu Woolworth und siehe da, ich fand das Pendant der Glasschale für wenig Geld, kaufte sie und brachte diese dem Chef mit dem besten Dank und Kompli-menten an seine Frau. Zwei Tage später meinte er, dass sie hocherfreut gewesen sei darüber, wie ich die Schale sauber geputzt hätte. Sie habe sofort bemerkt, dass ich ein Swiss Boy sei. Na also, hat ja geklappt.
In meinem Appartement lief der Gasverbrauch für Heiss-wasser und Kochen über einen Zähler, den man mit Pennys füttern musste. Dieser hatte eine Schublade für die Münzen und diese war mit einem Malschloss gesichert. Eine Ange-stellte des unbekannten Landlords leerte diese turnusgemäss.
Als ich im Woolworth die Glasschale kaufte fiel mir auf, dass es dort dieselben Malschlösser gab wie dasjenige, welches an meinem Gaszähler hing. Ich übernahm das Risiko und kaufte für wenig Münz ein solches und siehe da, ich wurde belohnt. Dessen Schlüssel passte tatsächlich auch bei mir und von da an erlebte ich echte Duschorgien.
Meine Pennys konnte ich nun oben in den Schlitz schieben und unten wieder recyclen. Ab und zu musste ich aber trotzdem ein Geldstück opfern und in der Kassette liegen lassen. Ich wollte den Landlord nicht herausfordern und das Risiko eines Schlossaustausches heraufbeschwören.
Vielleicht dachte dieser aber auch, ich sei eine wasserscheue Drecksau, falls er überhaupt etwas bemerkte.
Es konnte vorkommen, dass der Trip zum Airport ins Wasser fiel, weil es an diesem Tag nichts zu erledigen gab oder auch wegen der regelmässigen Streiks oder Ähnlichem. Dies bedeutete für mich, dass ich meine Tee-Pause im Blue Crow gebührlich verlängern konnte, meistens mit den ebenfalls unterbeschäftigten Kollegen, deren Slang ich langsam zu verstehen begann. Zurück im Office gaben wir dann den Eindruck von unserer geschäftigen Tätigkeit allseits zu Kunde.
Bei solchen Gelegenheiten lud mich Mr. C. ab und zu zum Mittagessen ein, wahrscheinlich vermutete er, ich sei immer noch am Verhungern.
Wir begaben uns gegen 1 Uhr zusammen und zu Fuss in seinen nahe gelegenen Lunchclub. Das war eine spezielle Lokalität, in welcher nur Members und ihre Gäste Zutritt hatten. Geöffnet war der Lunchclub nur über die Mittagszeit. Dort lief das Szenario jedes Mal gleich ab. Zuerst sassen wir an der Bar und begrüssten dort einzeln die immer gleichen anderen Citymen. Alle mit Ausnahme von mir trugen schwarze Anzüge, weisse Hemden mit Krawatten und einen Bowler. Mein Boss stellte mich jedes Mal von neuem als sein «Swiss Assistant» vor, bevor er unsere Apéros bestellte. Gleichzeitig lud er irgendeinen John, James oder Steven, etc. zu einem Drink ein und wir im Gegenzug wurden ebenfalls wieder eingeladen. Dieses Prozedere dauerte eine gute Weile, was wesentlich zur Hebung der Stimmung beitrug.
Da jeder von jedem eingeladen wurde, war diese Spenderei Ende Woche wahrscheinlich ein Nullsummenspiel.
Während an der Theke die letzten City-Neuigkeiten, von welchen ich mangels Fachkenntnis nicht viel mitbekam und die Drinks die Runde machten, kam Shirley, eine nicht mehr ganz so frische, rothaarige Irin mit der Menükarte zu uns. Es gab immer das Gleiche, gebuttertes Gemüse aus dem Wasser je nach Saison mit etwas Variationen, Kartoffeln je nach Wahl als Stock, Pommes oder auch aus dem Dampf und Steaks. Die Beilagen konnte man alle vergessen, aber das Fleisch war himmlisch. Man suchte sich sein eigenes, grosszügig bemes-senes Stück an einem Rack aus das neben einem offenen Cheminée mit offener Holzfeuereng stand. Danach wurde dieses vom Grillmaster gemäss Wunsch und idividuellem Gusto gekonnt zubereitet und zusammen mit der dazugehörenden, reichhaltigen Auswahl an Saucen und zusätzlichen Gewürzen an den Tisch serviert. Ein seltener Hochgenuss für mich und der einzige Grund, dass ich mich freute dorthin eingeladen zu werden.
Für Mr. C. war Britain das ein und alles. Wenn er an der Theke mal genug Whisky gespendet hatte oder erhielt und dadurch frivoler wurde, zeigte er mir schon mal voller Stolz seine Narben am Bein, welche er sich als junger Leutnant im 1. Weltkrieg durch Granatsplitter geholt hatte. Danach stimmte er dann gerne ein Kampflied an und die Corona an der Theke summte mit.
Ein paar Wochen später wurde an einem Wochenende das Pfund unverhofft um 10% auf CHF 10.80 abgewertet. Am Montag danach wollte ich daher meinen Boss trösten. Er empfing mich aber in seinem Büro bei bester Laune und bemerkte nur, dass dies wegen der Unvernunft der gierigen Gewerkschaften leider notwendig gewesen sei und wegen denen noch die ganze Nation vor die Hunde gehen werde.
Er habe aber echtes Glück gehabt. Am Freitag habe er zufällig noch für 100‘000.- Pfund Schweizer Franken gekauft. Ich staunte nicht schlecht, jetzt hat doch der Kerl übers Wochen-ende schlaffe 120‘000.- Franken verdient, einfach so, ohne sich anzustrengen.
«So, zufällig?», fragte ich ihn etwas vorwurfsvoll.
Er schaute mich leicht indigniert an und erwiderte dann fast kleinlaut:
«Was denkst du eigentlich, warum ich seit über 30 Jahren in diesem idiotischen Lunchclub immer dasselbe Essen einnehme?»
Somit lernte ich zwei Weisheiten: „Pflege dein Beziehungs-netz auch dann, wenn es mühsam ist“ und „auch im Unheil kann man profitieren.“
3  Alter Kumpel
In der Nähe vom Belsize Park gab es ein Pub, das Swiss Cottage. Das Gebäude, gebaut in unserem Chalet-Stil enthielt mehrere Bars.
An den Wochenenden waren diese gestossen voll. Ich ging recht gerne dorthin, um meinen bescheidenen Pint zu trinken, den Leuten zuzuhören und auch ab und zu den Versuch einer Mitsprache zu unternehmen. Dies förderte meinen Fortschritt im Englisch enorm und war wertvoller als der Schulbesuch für Ausländer.
Bei einem dieser Besuche sah ich plötzlich im Gewühl der Menge ein bekanntes Gesicht. Es gehörte zu Mike O’Sullivan. Während meinen Semesterferien hatte ich mal ein Praktikum bei einer nahmhaften Maschinenfirma absolviert, ich wurde der Entwicklungsabteilung zugeteilt, dort traf ich Mike. Er war ebenfalls Praktikant, hatte aber sein Studium an der Uni in London bereits mit Bravour abgeschlossen.
Als kompetenter Elektroingenieur hatte er sich mit den Steuer- und Kontrollsystemen der Maschinen beschäftigt. Da er nur wenige Jahre älter war als ich und wir dieselbe Wellen-länge hatten, wurden wir damals schnell gute Kumpels und ich förderte nicht nur seine bescheidenen Deutschkenntnisse, sondern nahm ihn auch mit wenn irgendwo eine Fete im Gange war. Er kannte auch Claire. Als ich auf die Schulbank und er nach England zurückkehren mussten, verlor sich aber unser Kontakt wieder.
So ein irrwitziger Zufall in der Weltstadt London musste gebührend und ohne Rücksicht auf knappe Budgets gefeiert werden. Es stellte sich dann heraus, dass Mike in der Nähe wohnte und dass er viel Freizeit hatte, weil er arbeitslos war. Sowas in einer Zeit der absoluten Vollbeschäftigung, ich war perplexed. Er schaute mich lächelnd an, bevor er mir einen Einblick in das englische System gab. Als er seinerzeit nach London zurückkehrte, bekam er eine interessante und lukrative Stelle bei Martin Marietta. Er half mit, Steuer-systeme für Raketen zu entwickeln. Mit der Zeit bekam er aber Skrupel, weil er sein Können und Wissen für die Waffenentwicklung einsetzte. Entsprechend stellte er sich psychisch krank, bekam eine grössere Abfindung von der Firma und danach die staatliche Arbeitslosenunterstützung. Diese richtete sich damals nach der Höhe des möglichen Verdienstes und war somit für ihn als Universitätsabsolventen grosszügig bemessen. Die Suche nach einer neuen Stelle drängte sich daher nicht auf.
Er wohnte bei seinem Vater Sean, ein waschechter Ire aus Cork, in einem kleinen Häuschen zusammen mit seiner Schwester Angela und deren ebenfalls irischen Mann George.
Sean war Tankwart, er schenkte an einer Tankstelle Benzin aus, Angela hatte einen Uni-Abschluss in Finanzen und einen sehr guten Job auf einer Bank, ihr George war Geologe und ebenfalls arbeitslos. Er sollte als Prospektor auf den weltwei-ten Ölfeldern arbeiten, aber das hat ihm Angela verboten. In ganz London war momentan, trotz seinen Fähigkeiten keine passende Stelle in Aussicht und als promovierter Akademiker bekam er sowieso ein fürstliches Arbeitslosengeld. Angela besorgte neben ihrer anstrengenden Tätigkeit auf der Bank noch den Haushalt für ihre 3 Männer und war absolut glücklich dabei, solange ihr George treu blieb. In dieser harmonischen Gemeinschaft wurde ich sofort als vollwertiges Mitglied willkommen geheissen und von Angela ebenfalls unter die Fittiche genommen.
Ich hatte nur einmal erlebt, dass Angela wütend wurde.
Es war an Weihnachten. Sie hatte für ihre Männer inklusive mich ein Lammgigot zubereitet und die Tafel festlich gedeckt. Christbaum, Kugeln, Kerzen oder Ähnliches fehlten, für solchen Firlefanz wurde kein Geld ausgegeben. Dafür gedachte man der fernen irischen Heimat, indem man von deren Köstlichkeiten reichlich eingekauft hat. Das waren vor allem der Paddy und der Jameson als Whisky und das Guinness als Bier. Als Angela den Tisch abgeräumt hatte erhielt sie von jedem ausser von mir ein kleines Geschenk als Dankeschön für ihren geschätzten Einsatz im Dienste der Familie. Sie ihrerseits schenkte Sean einen selbstgestrickten warmen Pullover. Als alles Irische ausgesoffen war beschlossen wir Herren im nahen Irish-Club mit den dortigen Freunden auf Weihnachten und Irland anzustossen. Das diente auch Angela, sie konnte nun ungestört und in Ruhe die Küche und das Wohnzimmer wieder in Ordnung bringen.
Als im Irish-Club die Zeit für die letzte Bestellrunde verkün-det wurde, haben wir nochmals Stoff organisiert um damit das Weiterfeiern zu Hause abzusichern. Auf dem Heimweg trug Sean die ganze Zeit ein grösseres, längliches Lederetui unter dem Arm, er war auch entgegen seinem Naturell ziemlich schweigsam. Ich dachte er wäre etwas besoffen, das war er auch, das war aber nicht der Grund. Im Irish-Club hatte er seinen neuen Pullover gegen eine neue Billiard-Queue samt dem Lederfutteral eingetauscht.
Es war ein sehr schöner, ausbalancierter Stock und materiell sicher, so dachte auch Sean, wesentlich mehr wert als ein Pullover der von Angela gestrickt wurde. Also hat er ein Schnäppchen gemacht, sich aber auch ein schlechtes Gewissen eingehandelt. Als wenig später Angela das realisierte wurde sie so wütend, dass sie mit George sofort und noch in dieser Nacht ausziehen wollte. Der war aber anderer Meinung und so konnten wir sie gemeinsam mit viel Dank und Wertschätz-ung für ihre Arbeit zum Wohle der Gemeinschaft wieder langsam beruhigen. Die Kirche blieb danach im Dorf und George uns erhalten.
Dank diesen neuen Freunden gehörten meine einsamen Abende der Vergangenheit an, von nun an ging die Post ab. Mein Airport Job war stressfrei. Normalerweise war ich be-reits Mitte Nachmittag wieder zuhause und konnte dann ein gemütliches, aber auch notwendiges Schläfchen geniessen. Anschliessend machte ich mich hübsch und ging zu Mike.
Dort hatte Angela für uns meistens noch etwas Essbares vom Vorabend stehen gelassen, welches wir nur noch aufwärmen mussten. Mike war ebenfalls gut ausgeschlafen, entspredchend konnte nun der bessere Teil des Tages oder auch der Nacht beginnen.
Mike war stolzer Besitzer eines alten Hillman Cabriolet mit Stoffdach. Dessen Verdeck war zerrissen, liess sich nicht mehr schliessen und war somit auch nicht regenwettertauglich. Uns kümmerte das aber wenig. Hauptsache die Heizung und das Radio liefen gut, so dass wir trotz des Winters damit herum-kurven konnten. Benzinsorgen hatten wir keine.
Sean hatte neben seiner Zapfsäule eine alte Blechgiesskanne stehen. Jedes Mal wenn der Kunde abgefahren war, goss er den verbliebenen Inhalt des Tankschlauches dort hinein. Bei Feierabend war die Kanne soweit voll, dass wir und weitere gute Kumpels, denen er vertraute, ausnahmslos alles Irländer, mit Gratisbenzin herum fuhren.
Einer dieser Privilegierten war Luc, ein grossgewachsener, hübscher Kerl, der ebenfalls an einer Tankstelle arbeitete. Diese wurde aber strenger kontrolliert und somit konnte er nichts abzweigen, Seans Tüchtigkeit reichte aber für alle. Luc schloss sich wenn immer möglich uns an und zu Dritt machten wir dann den Norden Londons zu unserem Jagdgebiet.
Bei den Tube-Stationen Golders Green und Belsize Park gab es einige kleine Fast-Food Restaurants, Delis und Cafés. Dort sassen sie nachmittags oder an den Wochenenden herum und langweilten sich, entweder paarweise oder auch in Gruppen von 3 bis 4, die einsamen Au-Pair Girls vom Kontinent. Meistens schimpften sie über ihre Madames, das schlechte englische Essen, die ungezogenen Kinder und die viele Sklavenarbeit im Haushalt und Heimweh hatten sie alle. Wir fuhren mit dem Cabrio bei laut aufgedrehter Musik im Schritttempo an diesen Lokalen vorbei und es ging meistens nicht lange bis man uns bemerkte, zuwinkte oder Hallos zurief. Sahen wir eine passable oder auch bekannte Gruppe von „Chicks“, wurde parkiert und unsere Freiwilligenarbeit begann. Wir setzten uns zu ihnen, hörten geduldig ihren Klagen und Nöten zu, verfluchten gemeinsam die Madames und ungezogenen Gören, legten den Arm über weiche, frisch nach Fenjal duftende Schultern und trösteten die ach so hart geprüften und ausgebeuteten Haushaltsdienerinnen mit grosser Anteilnahme und vollem Verständnis. Diese hatten nämlich trotz allem Gejammer einen wesentlichen Vorteil. Sie verdienten ebenfalls 5 Pfund in der Woche, gleich wie ich, hatten aber freie Kost und Logis und brauchten keine Tube. Wegen ihrer spärlichen Freizeit konnten sie das viele Geld kaum ausgeben und ständig an der Carnaby-Street oder sonst wo neue Klamotten kaufen war mit der Zeit auch nicht mehr das Gelbe vom Ei. Grosszügig liessen wir uns daher die Drinks bezahlen, damit sie ihr fürstliches Salär auf angenehme Art und Weise solidarisch und sozial loswerden konnten.
Sean und Angela kamen abends erst nach 8 Uhr nach Hause und George, der irgendwo einem Schwarzarbeitsjob nachging in der Regel noch später. Somit war das Haus am Nachmittag sturmfrei. Daraus entwickelten wir eine Taktik welche meistens recht gut funktionierte, wir spezialisierten uns aufs Spaghetti kochen. Dazu luden wir die richtigen und richtige Anzahl der heimwehkranken Familiensklavinnen ein und die kamen gerne, gab es doch endlich mal was Heimisches unter die Zähne.
Nachdem wir deren freien Nachmittag koordinierten, drückten wir ihnen die Einkaufsliste für das Essen, inklusive des Weines in die Hände. Sie bezahlten den Verzehr und wir, respektive Sean oder Angela das Gas zum Kochen und wir zwei waren die exquisiten Köche.
Nach dem fröhlichen Essen und nachdem die anwesenden Fachdamen die Küche wieder sauber aufgeräumt hatten, ging‘s ans gemütliche Herumschmusen auf den Sofas der abgedunkelten Stube. Sobald die Zeit reif war, klemmten wir den musikalischen Hintergrund der Beatles ab und legten Mikes Geheimwaffe auf, eine Platte mit Barockmusik von Carl Ditters von Dittersdorf. Deren schwere Töne zusammen mit dem Wein und dem Heimweh traf die Mädchen direkt im Kern und sie zerflossen fast vor Selbstmitleid. Nun begann unser karikativer Einsatz. Mit dem grössten Einfühlungs-vermögen trösteten wir sie und bauten ihr Ego wieder auf, bis sie ihre Misere vergassen und ihre brachliegende Weiblichkeit zum Durchbruch kam die wir natürlich, einfühlsam wie wir waren, befriedigen mussten. Dank der soeben populär gewordenen Pille war das für die Damen ein risikofreies Vergnügen. Sie genossen mit unserer grosszügigen Hilfe ihre momentane Freiheit, wenn auch nur die sexuelle, mit all den latenten Wünschen mit denen sie abends oftmals einschliefen. Nach erfolgreichem Einsatz zum Wohle aller Beteiligten fuhren wir die Ladies in nun offensichtlich besserer Stimmung und neu motiviert für die Meisterung des tristen Alltags wieder zum Treffpunkt zurück.
Wir achteten tunlichst darauf, dass wir keine Klebstreifen aufgabelten. Wir wollten keinerlei ernsthaften Beziehungen eingehen, sondern nur den Moment geniessen, schliesslich war ich ja verlobt und Mike hatte momentan noch keinerlei familiäre Ambitionen. Daher wechselten wir unsere Spaghetti-Partnerinnen häufig.
Nur Luc hatte Pech, oder auch Glück. Ingrid, ein passables Mädchen aus dem Ruhrgebiet verliebte sich in ihn und er kam nicht mehr aus ihrer Umklammerung heraus. Er konnte daher nicht mehr so oft mit uns um die Häuser ziehen, oder er musste Ingrid bei den harmloseren Ausflügen mitnehmen. Etwa ein halbes Jahr später haben die zwei geheiratet. Es war ein bescheidenes aber äusserst fideles und flüssiges Ereignis mit Live-Musik, alles frei nach der irischen Lebensfreude.
Danach nahm die Ehefrau die Sache mit deutscher Gründlich-keit in die Hände. Sie war gut ausgebildet und hatte bereits vor der Hochzeit bei der Niederlassung einer deutschen Firma einen passablen Job erhalten, inklusive Arbeitsbewilligung. Entsprechend wollte sie nicht mit einem Tankwart verheiratet sein. Luc wurde gefordert. Er bewarb sich als Polizeianwärter und wurde akzeptiert. Ich verlor ihn später aus meinem Alltag. Das Letzte, was ich über ihn etwa drei Jahre später vernahm war die erfreuliche Nachricht, dass er glücklicher Familienvater sei und es geschafft habe, bei der Polizei zum stolzen Helikopterpiloten ausgebildet zu werden.
Scheinbar nützt es also, wenn einem die Frauen ab und zu in den Hintern treten. Diese Erkenntnis machte ich aber nicht zu einer meiner Lebensregeln und Claire muss davon auch nichts wissen.
Es gab auch Kandidatinnen, vor allem aus Skandinavien und interessanterweise auch Italien, welche Lust auf mehr als nur ein Hop-Hop nach den Spaghettis hatten. Solche begleiteten mich ab und zu auch direkt in meine bescheidene, aber bestens brauchbare Bude. Damit bei denen keine falschen Besitzanspruchsgefühle aufkamen, habe ich von Anfang an die Reissleine gezogen. Jede, welche es sich in meinem Bett bequem machte, ob nur kurz oder für die ganze Nacht, musste nachher ihre linke Hand an die Wand drücken. Mit einem Kugelschreiber fuhr ich deren Konturen entlang und verewigte sie damit auf der Tapete. Das Datum und die dazu-gehörigen Initialen trug ich im Handballen ein. Bald hatte ich eine kleine Sammlung beieinander, was oftmals Anlass zu entsprechenden Diskussionen gab. Die momentan Auser-wählte wollte natürlich wissen, wer die Vorgängerinnen waren oder versuchte, dies aus den eingetragenen Initialen und dem Datum zu erraten; die Mädels kannten sich ja aus den Cafés oder der Abendschule. Ich gab aber keine Geheimnisse preis.
Für mich war nur wichtig Kund zu tun, dass es hier keine Exklusivität gibt.
So genoss ich mein bescheidenes Bachelor-Leben ausgiebig und abwechslungsreich mit viel Spass und guten Freunden. Ich erhielt, während meinem ganzen Aufenthalt nie eine Rechnung, ausser für die Miete, die ich wöchentlich in meinem Quittungsheft in den Briefkasten, der im Hausgang hing, legen musste. Am nächsten Abend lag das Heft mit der darin einge-tragenen Quittierung für die erfolgte Zahlung wieder auf meinem Tisch und der Penny fressende Gaszähler war geleert.
Mein Englisch wurde dank meiner irischen Freunde sehr rasch sehr gut. Diese akzeptierten mich zwar als guten Chap, nah-men aber keinerlei Rücksicht auf meine nicht vorhandenen Sprachkenntnisse. Um nicht abseits zu stehen musste ich mich entsprechend anstrengen und war bald mal voll mit dabei. Das Englisch, eine Mischung aus Cockney und Irish, das da gespro-chen wurde, entsprach aber bei weitem nicht dem, welches ich an der Abendschule vermittelt bekam und das färbte natürlich ab. Trotzdem ich mich stets bemühte die korrekte Aussprache unseres Office zu pflegen, drückte mein abend-licher Freundeskreis durch. Mr. C. erwähnte mal so nebenbei, dass es Zeit wäre mich um einen anständigen Umgang zu bemühen. Später war ich aber froh über diese etwas spezi-ellen Sprachübungen. Als ich mit Indern, Australiern, Süd-staatlern, etc. verhandeln musste, kam mir dies zugute, deren Englisch war auch vielschichtig und stammte ebenfalls nicht aus Oxford. Meine Erfahrungen mit den Idiomen meiner Londoner Freunde halfen mir, solche schnell mal verstehen zu können.
Die irische Gang war grösser als bisher erwähnt. Da war zum Beispiel Craig. Er arbeitet als Floor Manager für Housekeeping im West-End Hilton und hatte dort mehrere Stockwerke unter sich. Den ganzen Tag musste er im Frack herum-stolzieren. Um Zehn Uhr abends hatte er Feierabend und stürzte sich dann sofort in seine Jeans. Wir holten ihn oftmals ab, besonders an Wochenenden, weil er immer wusste wo die guten Parties stattfanden. Viele davon waren open-house und wir konnten uns gut hineinmischeln.
Gratisdrinks, Häppchen zum Naschen und hübsche, gepflegte und aufgestellte Frauen, alles war da, was ein interessantes Weekend bieten kann.
Es war auch die Gelegenheit mein „proper“ Englisch anzu-wenden. Ich konnte endlich gepflegte Konversationen auf der gehobenen Ebene eines Maschineningenieurs führen. Wenn ich ausnahmsweise mal leger aber angepasst gekleidet war, gab ich mich gerne als einen zur Verschwiegenheit verpflich-teten Delegierten einer schweizerischen Rüstungsfirma aus. Damit erzielte ich bei der Damenwelt eine beachtlich Aufmerksamkeit, die deren spezielles Interesse weckte. Natürlich hatte keine dieser Jetset-Nachtfalter ihren Handabdruck auf meiner Tapete hinterlassen müssen, einige hatten aber ihr eigenes Hotelzimmer und ein solches war ebenfalls bestens brauchbar.
An einem Freitagabend trafen wir uns in einer der Bars vom Swiss Cottage. Das Haus war gerammelt voll, die Stimmung ausgelassen, wir mussten uns an die Theke durchschlängeln um nach geduldigem Warten unsere Pints entgegennehmen zu können. Auf engstem Raum wurden diese dann langsam und im Stehen geleert. Schnelles trinken war nicht ange-bracht, schliesslich war der Abend noch lang und das Geld trotz donnerstags P-Day wie immer knapp.
Da bemerkte ich, dass der Henkel meines Pints am oberen Ende, dort wo er zum Glas herauskam, einen durchgehenden Sprung hatte, man sah den kaum. Es bedeutete aber, dass er nur noch an seinem unteren Ende festhielt. Das Glas federte auch leicht in meiner Hand, wie ich meinte. Die Idee, wie ich wegen dieser Entdeckung meine Finanzen aufbessern konnte, kam mir sofort. Ich wettete mit meinen Kollegen, dass ich mit einem einzigen Schlag meiner Handkante diesen massiven Henkel abschlagen könne. Sofort liefen die Wetten und auch unbeteiligte Gäste an der Bar machten freudig mit. Plötzlich stand so viel Geld auf dem Spiel, dass ich in keinem Falle ver-lieren durfte. Dies wäre das Ende meiner Solvenz gewesen. Ich packte den Pint mit der linken Hand, schlug mit der Rechten kräftig zu, der Henkel flog davon.
Leider blieb an dessen oberen Ende eine kleine, kaum sichtbare aber spitze Glasnase stehen die sich durch eine Arterie meines kleinen Fingers schnitt. Das Blut spritzte im Rhythmus meines hochgehenden Pulses in die Luft und tropf-te danach auf den Teppichboden und die Kleider der Herum-stehenden. Aber alle nahmen es gelassen und niemand regte sich auf. Von irgendwo wurde mir ein sauberes Taschentuch zugeschoben.
Nachdem ich meinen nicht unerheblichen Gewinn kassiert hatte riet mir Mike, ich soll das dem House Manager melden. Wir begaben uns zu zweit in dessen Office. Er war entsetzt als er das Blut zum Taschentuch heraus tropfen sah, band mir den Finger mit einem Notverband ab und wollte wissen, was geschehen sei. Mike erklärte ihm, dass seine Lokale brechend voll seien und mich jemand wahrscheinlich unbeabsichtigt gegen die Wand stiess wodurch mein offensichtlich bereits defektes Glas zerbrach und mich, wie es sichtbar ist, verletz-te. Als geschätzter Gast vom Kontinent habe sich dieser seinen heutigen Abend schöner vorgestellt.
«Ich bedaure ihr Missgeschick ausserordentlich, bitte aber trotzdem um ihr Verständnis für meine Situation, es ist Freitag. Ich weiss, dass sich dann meistens zu viele Gäste im Hause aufhalten und ich hoffe daher, wir können das inoffiziell unter uns regeln.»
Mike versprach das grosszügig und ich erhielt 5 Pfund Schmerzensgeld. Danach bestellte der Manager ein Taxi und zu dritt fuhren wir zum Lambeth Hospital. Dort verab-schiedete er sich, er müsse sofort wieder zurück. Er ent-schuldigte sich nochmals, drückte Mike Taxigeld in die Hand und fragte, ob ich am nächsten Abend Zeit hätte bei ihm vorbeizuschauen, er wolle wissen wie es mir gehe.
Im Spital erlebte ich eine angenehme Überraschung. In der Notaufnahme fragte niemand nach meinen Personalien und es interessierte sich auch keiner dafür, was geschehen war. Auch Bezahlung war kein Thema, alles ging auf Kosten der Social-Health. Nachdem ich die obligate Tetanusimpfung bekommen hatte nähte mir eine freundliche Ärztin meinen Finger gekonnt zusammen, die kleine Narbe habe ich heute noch, und entliess mich mit einem markanten Verband, den Arm musste ich in einer Schlinge tragen. In der Zwischenzeit waren die Pubs geschlossen und so machten wir zwei uns auf den Weg zu unserem Lieblingswaschsalon und richtig, unsere Freunde waren dort. Mein Verband wurde gebührend bewundert und mein Wettsieg entsprechend gefeiert. Ich hatte auch allen Grund dafür, soviel Cash hatte ich seit Monaten nicht mehr in der Tasche.
Nach dem Kneipenschluss, d. h. nach 23 Uhr, wenn wir den Abend verlängern wollten aber nirgendswo eine passende Party stattfand, war es eine bequeme Möglichkeit sich in einem Waschsalon zu treffen. Diese waren 24 Stunden geöffnet und dort war es immer schön warm. Den „Stoff“ mussten wir natürlich mitbringen. Im Quartier gab es kleine Privatläden welche durch die Nacht geöffnet waren oder sogar erst kurz vor Mitternacht öffneten. Ich stiftete grosszügig und reichlich die notwendigen Flüssigkeiten von der besseren Qualität, zusammen mit dem Knabberzeug, entsprechend intensiv wurde unsere Party. Zu unserer allgemeinen Gaudi und auch derjenigen der meist jüngeren Nachtwäscherinnen hat sich Luc nackt ausgezogen und sämtliche Kleider in eine Maschine geworfen, um sie zu waschen. Bis diese dann einigermassen trocken aus dem Tumbler kamen vergingen mehr als 2 Stunden, während denen sich die nächtliche Fete steigerte und an Ausge-lassenheit laufend zunahm. Die Waschfrauen der Nacht, meistens ebenfalls Nightowls wie wir, waren entweder schockiert und kamen gar nicht in den Salon hinein oder sie waren belustig und amüsierten sich, je nach Temperament. Es artete zu einer Riesenparty aus und letztlich war Luc nicht der einzige Nackte, der sich mit einer der Anwesenden hinter ein-er Waschmaschine verlustierte, während die Wäsche tüchtig am Rotieren waren. Dies alles im Sinne und den Gepflogen-heiten dieser ausgeflippten, promiskuitiven sexuellen Freiheitslust folgend, welche in jener irren, verrückten und glücklichen Zeitspanne zwischen Pille und AIDS bei beiden Geschlechtern gang und gäbe war und entsprechend ausgiebig und mit Wonne und Lust gepflegt wurde, auch mit Verband an der Hand.
Am nächsten Nachmittag, es war der Samstag, wachte ich nackt und mit dickem Schädel in meinem Bett auf, ich hatte Gesellschaft. Meine Nachtbekanntschaft wollte nach der gestrigen Fete nicht mehr alleine nach Hause und ich habe ihr grosszügig meine bescheidene Loge angeboten.
Ihr Wäschesack mit dem sauberen Inhalt stand ordentlich deponiert in einer Ecke, während ihre Kleider überall verstreut im Zimmer herumlagen. Scheinbar hatten wir nicht viel Zeit verloren, als wir frühmorgens ins Zimmer kamen. Vorsichtig erhob ich mich, um die Toilette zu besuchen. Sie war aber bereits wach und hielt mich zuerst zurück. Trotzdem musste ich dringend Austreten und sie auch. Anschliessend versteckte sie meinen Verband unter einer Plastiktüte und somit konnten wir mit einigen meiner Gratis-Pennies intensiv zusammen duschen, bevor wir erneut das Bett zerwühlten.
Nachdem sie ihren Handabdruck an der Wand hinterlassen hatte kam der Hunger. Wir gingen in das nächste Deli und dank meines vollen Portemonnaies lud ich sie grosszügig ein. Sie war eine Hostess bei den Midland Airways und entsprech-end auch in Erster Hilfe ausgebildet.
Nun revanchierte sie sich für die Gratisnacht in meinem Einmann-Hotel indem sie in einer nahen Apotheke ein First Aid Kit kaufte und mir meinen Finger beinahe professionell neu und grosszügig verband. Auch die Schlinge knüpfte sie wieder anständig zusammen. Während ihres Samariter-einsatzes waren wir die Attraktion des Lokals und die Zuschauer, vor allem auch weibliche die ich zum Teil flüchtig oder auch anders kannte, kommentierten und lobten ihre Fürsorge oder machten zotige Witze darüber.
Sie müsse zur Arbeit, meinte sie anschliessend und verschwand mit ihrem Wäschesack. Ich habe sie nie mehr gesehen trotzdem ich heimlich hoffte, dass sie meine Adresse nicht ganz vergessen habe. Aber so sind sie halt, diese modernen Zugvögel.
Es war bereits früher Abend und damit Zeit, den Manager vom Swiss Cottage aufzusuchen. Er schaute etwas besorgt meinen dicken, wohlgeordneten Verband an, war aber auch froh, dass alles so glimpflich ablief, vor allem für ihn. Ich bekam einen gratis Pint und wurde nochmals mit 5 Pfund dekoriert. Er bat mich erneut inständig, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Gute Bekannte soll man nicht enttäuschen und daher versicherte ich ihm meine volle Loyalität. Dies zahlte sich im Nachhinein auch aus.
Noch einige Zeit später bekam ich regelmässig einen Gratisdrink wann immer sich in einer seiner Bars unsere Wege kreuzten.
4  Die Entscheidung
Am Montag bemerkte Mr. C. meinen extra aufgebauschten voluminösen Verband und wollte wissen, was geschehen war. In Erinnerung meines seinerzeitigen Abenteuers mit der Pie seiner Frau hatte ich sofort die richtige Story bereit. Ich hätte auf dem Feuer eine Mahlzeit in einer Glasschüssel erwärmen wollen, dabei sei diese wuchtig zerplatzt und eine glühend heisse Scherbe habe mich unglücklich an der Hand und einem Finger verletzt. Ob er es glaubte weiss ich nicht, aber als er hörte, dass der Finger im Spital behandelt wurde, war er wieder beruhigt und lud mich als Trost zum Mittagessen ein. Anschliessend schickte er mich nach Hause.
Ich solle erst wieder zur Arbeit erscheinen, wenn ich die Hand wieder gebrauchen könne.
Traurig sagte ich ihm, dass er sehr gütig sei, mir sein grosszügiges Angebot aber nicht viel nützen werde. Ich sei komplett unbeholfen und könne mich ohne fremde Hilfe nicht mal richtig waschen. Dabei dachte ich heimlich und mit Freuden an die Duschorgie mit meiner Stewardess. Das Beste sei wohl, ich würde für eine Woche in die Schweiz zurück-reisen, da könne mir geholfen werden. Lange schaute er mich an oder durchschaute mich und meinte dann, ich soll mir bei den Reiseleuten den billigsten Flug nach Zürich buchen lassen, ich könne ihn dann später bezahlen.
In der Firma war auch ein Reisebüro integriert allerdings nicht für Publikumsverkehr. Man war auf gehobene Geschäftsreisen für Executives von anderen Firmen spezialisiert. Dabei wird viel Wert auf einen individuellen und qualitativ hochstehenden Service gelegt. Die Rechnung für mein Ticket sah ich nie.
Zu dieser Zeit hatte die Swissair einen günstigen Nachtflug von London nach Zürich, den man mir noch für denselben Abend mit Abflug um Mitternacht buchte. Trotzdem die Flugzeuge damals noch viel lärmiger waren als heute, gab es kein Nachtflugverbot. Die Caravelle war nur schwach besetzt. Deren noch recht junge Cabin Crew bestand offensichtlich aus Anfängerinnen, die sich noch ihre Sporen im Flugdienst abverdienen mussten. Mein Verband wurde schnell mal zur Kenntnis genommen und da nicht viel zu tun war, setzten sich 2 der jungen Damen zu mir mit einem erfreulichen Anliegen. Sie hätten in ihrer Ausbildung auch Erste Hilfe gehabt, diese aber noch nie gebraucht. Ob sie mir eventuell meine Hand neu verbinden dürften. Sie durften und als ich meine Wunde sah, war diese bereits sehr schön am heilen. Entsprechend wurde der neue Verband auch kleiner. So verging der Flug sehr amüsant und schnell und wir kamen pünktlich um etwa 3 Uhr früh in Kloten an. Im ersten Bummelzug, der von Zürich in meine Gegend fuhr döste ich auf der Holzbank des überhitzen Abteils vor mich hin.
Ein Mitpassagier stieg unterwegs dazu und begrüsste mich mit:
«Guete Morge, so, gat’s wider in Stolle?»
Da wusste ich, dass ich wieder zu Hause war.
Meine Eltern waren zuerst überrascht, dann erfreut und zum Schluss besorgt. Sie fürchteten, mein plötzliches und uner-wartetes Auftauchen habe damit zu tun, dass ich rausgeflogen sei oder den Bettel hingeschmissen hätte. Meine Geschichte, die in etwa derjenigen an Mr. C. glich, konnte sie aber wieder beruhigen und nun wurde ich wegen meiner Verletzung gebührend bedauert und bemuttert.
Claire war bei ihrer Arbeit als Kindergärtnerin und wusste noch nichts von ihrem Glück. Nachdem ich etwas ausge-schlafen hatte, holte ich sie überraschend ab. Erst als sie mir entgegenrannte und innigst umarmte, mich an sich presste und dazu Tränen in ihre Augen kamen realisierte ich, wie sehr sie mich offensichtlich vermisste. Entsprechend widmete ich ihr meine Rekonvaleszenzzeit voll und ganz. Sie zog mir später auch die Fäden aus meiner Wunde und von da an genügte ein kleiner Schutzverband.
Der Zufall wollte es, dass sich das Ganze in der Fastnachts-woche abspielte. 2 Tage später war der Schmutzige Donnerstag und Claire hat entsprechend etliche freie Tage. Meinem anglistischen Touch folgend bastelten wir uns zwei rudimentäre Kostüme, sie als Anna Boleyn und ich als Heinrich VIII. Claire hatte eine künstlerische Ader und malte unsere Gesichter gekonnt an. So zogen wir durch die Fastnachtshochburgen unserer Gegend und genossen gemein-sam den bunten Trubel der Maskenbälle, wobei ich aber beim Bierbestellen durchaus auch heimlich einen Blick auf das Dekolleté der meistens voll- und freibusigen Bedienungen warf. Sie kamen fast alle aus dem Vorarlbergischen. Am Aschermittwoch ging es besonders hoch her und wir landeten erst früh morgens zusammen in meinem Bett.
Um die Mittagszeit klingelte das Telefon Sturm und warf mich aus meinen Träumen. Verkatert nahm ich ab, es war Mr. C. Er wollte wissen wie es mir geht und wann er wieder mit mir rechnen könne. Ich sagte ihm, dass ich heute einen Arzt-termin hätte und mir dabei wahrscheinlich die Fäden gezogen werden. Wenn alles gut gehe, sollte ich wieder schnell auf dem Damm sein. Er wünschte mir gute Besserung und sagte mir ziemlich deutlich, dass er mich anfangs nächster Woche wieder auf der Matte erwarte.
Zurück in London ging das Leben weiter wie gehabt. Mein irischer Clan empfing mich mit grossem Trari und Trara und der Frühling mit den entsprechenden Gefühlen zog auch in England langsam ein. Ich wurde aber etwas ruhiger und nachdenklicher, ohne mir das anmerken zu lassen. Ich dachte öfters an Claire und die vergangene Zeit mit ihr. Habe ich mich etwa ernsthaft in sie verliebt? Wir schrieben uns fleissig.
Kurz vor Ostern teilte sie mir freudig mit, dass sie mich in ihren Schulferien für eine Woche besuchen werde. Nun war ich gefordert.
In der Nähe unseres Offices war das Büro der Swissair sowie der Swiss-Tourist Organisation. Dort hatte ich eine der freundlichen Damen so lange beschwatzt, bis sie mir beinahe gratis ein grosses Poster mit dem Schweizer Alpenpanorama überliess. Dieses deckte meine Tapete mit der Sammlung von Handabdrücken vollständig ab. Als nächstes informierte ich Mr. C. über den Besuch meiner Fiancé und ich spekulierte richtig. In dieser Woche war ein Bank Holiday und er gab mir zusätzlich noch 2 Tage frei damit ich meiner Zukünftigen die berühmten Sehenswürdigkeiten von London gebührend zeigen könne. Zum Schluss drückte er mir generös 2 Pfund in die Hand, ich solle sie mal gepflegt und in seinem Namen zum Essen ausführen.
Voller freudiger Erwartung holte ich Claire am Terminal in Heathrow ab. Heimlich bewunderte ich ihren Mut. Sie war noch nie geflogen und kannte auch die Sprache nicht. Als ich sie in die Arme schloss und ihren weichen Körper fühlte war ich echt hingerissen. Sie sah nicht nur absolut fantastisch aus, sie hatte auch zusätzlich an den zollfreien Whisky und die Zigaretten gedacht und war sehr aufgekratzt. Ich zeigte ihr als erstes meine bescheidene Bleibe. Sie fand diese gemütlich und zu mir passend und hatte daran nichts auszusetzen. Nach zwei Tagen Londoner Sehenswürdigkeiten und einem nach-folgenden Autostopp-Trip nach Stonehenge, wo wir die sinnlose Sklavenarbeit unserer keltischen Vorfahren kritisch bewunderten, hatte sie aber genug Wissen gespeichert. Wir verbrachten den Rest der Zeit hauptsächlich im Zimmer oder auch im Pub zusammen mit Mike und seiner momentanen Begleiterin und Luc mit Ingrid, welche sich sofort Claire annahm. Vorgängig hatte ich allen weiblichen Wesen von London den strikten Order gegeben, mich im Falle einer zufälligen Begegnung nicht zu kennen. Claire blieb auch noch, als ich bereits wieder zur Arbeit musste, hatte aber nichts dagegen im Zimmer geduldig auf meine Rückkehr zu warten oder auch bis Ingrid Zeit hatte, mit ihr Londons Einkaufs-strassen zu erobern.
Als ihre Aufenthalt zu Ende ging, brachte ich sie mit ihrem nun umfangreicheren Gepäck zum Flughafen und wir haben uns dort in einer Art und Weise verabschiedet, wie es in der Regel nur an einem solchen Ort oder auch an Bahnhöfen toleriert wird, es flossen auch die dazu notwendigen Tränchen. Nach wenigen Tagen erhielt ich erfreulicherweise eine Ansichtskarte aus unserem Städtchen, mit der sie mir kurz und lapidarisch mitteilte, sie sei gut zu Hause angekommen. Aber hallo, was ist denn jetzt los? Ist das alles, was sie mir nach diesen intimen und aufregenden Tagen zu sagen hat?
Ich wartete nervös auf ihren Brief, der aber nicht kam. Nach 4 Wochen des Schweigens hielt ich es nicht mehr aus und ich befasste mich ernsthaft mit dem Gedanken, ihr anzurufen. Ein Telefonat in die Schweiz kostete damals mindestens ein halbes Pfund und war daher kein Posten in meiner beschei-denen Finanzplanung. Aber zum Glück kam ihr Brief dann doch noch rechtzeitig, mein bereits einkalkulierter Finanzverlust konnte dadurch gerade noch abgewendet werden. Sie schrieb ziemlich aufgekratzt von ihren Londoner Eindrücken, unseren gemeinsamen Erlebnissen und vom Abenteuer "Fliegen". Der Hammer kam zum Schluss, am Ende des Briefes stand da in ihrer eigenen, zierlichen Schrift der ominöse Satz:
«Im Übrigen heirate ich am 9. September, wenn du da bist dich, sonst einen anderen!»
Na sowas, hat etwa meine treue Braut an ihrem kleinen Finger noch weitere Ehe-Kandidaten hängen die als Lückenbüsser einspringen könnten? Wohl kaum, alles Bluff! Es zeigte mir aber, dass sie jetzt der Meinung ist, es wäre an der Zeit für ihren Verlobten, sein frivoles Leben langsam zu beenden. Hatte sie eventuell in London etwas aufgeschnappt was sie besser nicht wissen sollte? Wie auch immer, ich schickte mich drein, sie soll ihren Willen und auch mich haben.
5  Die Pflicht
Die Hochzeit war viel grösser und festlicher als ich erwartet hatte, trotzdem ich eigentlich nur ein einfaches, schlichtes Fest wollte. Dies mit Absicht, weil ich mich nach Claires Brief in meiner männlichen Eitelkeit erpresst fühlte und daher auch meine Bedingungen stellen wollte.
Ich müsse in London noch mein Cambridge-Proficiency Sprachexamen ablegen und werde somit erst ca. 1 Woche vor unserem Hochzeitstermin zurückkehren, meldete ich zurück, und ich könne mich somit auch nicht um die notwendigen Vorbereitungen für unser Fest kümmern. Es soll daher auf kleiner Flamme gekocht werden. Das amtliche Aufgebot werde ich auf der Botschaft in London beantragen.
Ich hatte aber die Rechnung ohne die beiden Mütter, vulgo Schwiegermütter gemacht. Diese hatten sich zusammengetan und die Organisation des Festes für ihre Lieben in allen Belangen zielstrebig und mit allem notwendigen Pomp und Firlefanz nach ihrem eigenen Gusto bestens vorbereitet und entsprechend erfolgreich wurde es auch durchgeführt. Sie hatten sogar eine kleine, moderne Wohnung für uns gefun-den, welche unser erstes Heim und Liebesnest werden soll.
Etwa 70 geladene Gäste durften meine wunderhübsche, echt superb aufgebrezelte Frau in ihrem schicken und beinahe sexy wirkenden Hochzeitskleid bewundern. Zweimal sagte ich ja, zuerst auf dem Standesamt und dann trotz meiner atheis-tischen Einstellung auch noch vor dem Pfarrer, einem Stiefcousin von Claire. Es war im Übrigen das letzte Mal in meinem bisherigen Leben, dass ich in einer Kirche war, ausser zu Beerdigungen.
Letztlich habe ich unsere Hochzeit trotz allem sehr genossen. Das Essen war köstlich, fröhliche Gäste klopften mir auf die Schultern und gratulierten mir zu meiner bezaubernden Frau, während sie laufend mit mir anstiessen. Wie es Brauch war, hatten die Schwiegereltern die ganze Zeche übernommen, so dass ich als arbeitsloser Heimkehrer keinerlei Gewissensbisse haben musste. Als wir zu früher Morgenstunde in einem offenen Yankee-Cabrio in unser Heim chauffiert wurden, waren wir beide ziemlich beschwipst, hauptsächlich aber ich.
Nachdem wir gebührend ausgeschlafen waren und uns so weit erholt hatten, dass ich wieder sachlich denken konnte, zog ich in meinem Kopf Bilanz über das Geschehene. Ich bin verhei-ratet, habe kein Geld und keine Arbeit, lebe in einer 2-Zimmerwohnung die meine Frau mit ihrem bescheidenen Einkommen finanziert und in der es kaum Möbel gab.
Im Schlafzimmer war das alte Bett von Claire, in welchem wir zusammen die vielen Samstagnächte verbrachten, in der Stube war ein Tisch mit 2 Stühlen aus dem Fundus meiner Schwiegermutter und in einer Ecke stand mein Schreibtisch mit Stuhl aus dem Elternhaus, das war‘s zum Anfang und musste auch genügen. Trotzdem genossen wir unsere unge-störte Zweisamkeit und Claire machte erfolgreich erste Schritte in Richtung Bekochen und Verwöhnen des Aller-liebsten. Ich hingegen fasste die wichtige Aufgabe, einen Job zu finden. Für einen jungen Maschineningenieur mit internationalem Englischdiplom sollte das eigentlich kein Problem sein. Ich besass zwar noch keine einschlägige Joberfahrung, wollte aber trotzdem nicht das erst beste Angebot wählen.
In dieser Situation meldete ich mich bei Manpower für eine Interim-Stelle und siehe da, ich hatte sofort Glück. Ich sei zwar überqualifiziert für diesen Posten, aber er zahle gut haben die zu mir gesagt.
In einem grösseren Fabrikationsbetrieb, der zu einem Lebens-mittel-Grossverteiler gehört, wird ein neues Kesselhaus mon-tiert. Der Montageleiter sei soeben krankheitshalber ausge-fallen und wird somit für längere Zeit nicht einsatzfähig sein. Ob ich mir dessen Arbeit zumute? Ich mutete!
Der Chefmonteur des Hauptlieferanten hiess Mario. Er war ein guter Typ aus dem Tessin, wir verstanden uns von Anbeginn bestens. Ich lud ihn bereits am ersten Abend zu einem Feierabendbier ein und sagte ihm, er solle sich den "Herr Ingenieur" sofort abgewöhnen und bot ihm das Du an. Danach gestand ich ihm, dass ich von der ganzen Angelegen-heit keine grosse Ahnung hätte und ich somit voll auf seine Fähigkeit und Loyalität zählen müsse.
«Ich werde dir in deiner Arbeit nicht dreinreden solange du diese top erledigst. Falls Schwierigkeiten auftauchen sollten, bin ich aber da und ich stehe auch hinter dir wenn etwas schief laufen sollte. Du bist der Boss für die Arbeitsabläufe, nur musst du mich über alles laufend orientieren. Im Gegenä-zug werde ich dir sämtliche administrativen Aufgaben, Sicherheitskontrollen, Kontakte zum Kunden und Dritten, sowie die Projekt- und Arbeitsrapporte abnehmen».
Mario freute sich darüber und gestand, dass er einen Horror vor all diesem Papierkram habe. Von da an waren wir ein perfektes Team.
Demonstrativ lief auch ich mit Helm und im Überkleid herum, das aber relativ sauber blieb.