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Auf ihrer Wohnmobiltour durch Großbritannien lassen Monika und Peter an ihrem letzten Abend auf der Insel ihre Urlaubseindrücke noch einmal Revue passieren. Sie sind glücklich und hochzufrieden, haben ein ganz beeindruckendes Land mit besonderen Menschen kennen und lieben gelernt. Und dann, von jetzt auf gleich, werden sie aus ihren schönen Erinnerungen gerissen. In den Nachrichten erfahren sie von Hunderten mysteriösen Todesfällen in London. Niemand weiß etwas über die tückische Krankheit. Die Kliniken füllen sich unaufhörlich mit Infizierten. Die Todeszahlen sind alarmierender denn je. Das öffentliche Leben steht fast still. Die Situation verschärft sich von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde. Eine bedrohliche Situation zumal bisher keiner die Ursache für das Massensterben kennt.
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Imke Borg
Vom Leben verlassen
2022, Europa verändert sich
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Murad Beyraktar, Schweiz 2022 (Rückblick)
Monika und Peter, England, Anfang August 2022
John Bancroft, England, Anfang August 2022
Murad, Schweiz, November 2020
Murad, Türkei, Ende November 2020
Murad, Schweiz, Dezember/Januar 2020/21
Monika und Peter, Deutschland, August 2022
John Bancroft, St. Albans, August 2022
William Fuller, London, August 2022
Murad, Türkei 2021
William Fuller, London, August 2022
Monika und Peter, Deutschland, August 2022
William Fuller, England, August 2022
Murad, Juli 2022
John Bancroft, England, Ende August 2022
Monika und Peter, September 2022
Deutschland/England Mitte September 2022
Monika und Peter, Spanien, Ende September 2022
Murad, Schweiz, September 2022
Murad Beyraktar, September 2022
Peter und Monika, Spanien, November 2022
Hamza Erbakan, Türkei 2024/25
Impressum neobooks
Der Wind blies mäßig. Die Berge waren nur noch schemen- haft zu erkennen. Die Tage einer blühenden und grünen Na- tur waren gezählt. Die Sonne gab ein recht kurzes Gastspiel. Aber die Temperaturen bewegten sich noch immer im Rah- men des Erträglichen. Genauso fühlte sich der Herbst 2019 in der Schweiz an. Murad und Sevim wollten aber keinen Herbst, noch nicht. Sie reisten dem Sommer hinterher be- vor dann ab November die tristen Tage beginnen. Morgen um diese Zeit sitzen sie bereits in ihrem Feriendomizil, einem kleinen Appartement in Rojales an der Costa Blanca. Das Haus gehört Susanne und Horst, einem Schweizer Ehepaar, das sei- nen Lebensabend in Spanien verbringt. Ein kleines Zubrot ohne großen Aufwand bringt ihnen die Vermietung. Und ein bisschen Beschäftigung wollen sie auch im Rentenalter noch haben. Ein Leben nur noch im Schongang ist nichts für die Beiden. Murad und Sevim hatten bei ihnen einen dreiwöchigen Urlaub für Okto- ber gebucht.
Bei ihrer Ankunft am Flughafen in Alicante strahlte Sevim mit der Sonne um die Wette. Sie schmiss ihre graue Steppjacke über die Schulter, löste die Haarspange von ihrem Pferdeschwanz und hüpfte mit ihren sechsundzwanzig Jahren wie ein übermütiges Kind mit langem, flatterndem Haar Richtung Auto. Murad schob bedächtig den Gepäckwagen hinterher. „Was für ein traumhaftes Wetter“, rief Sevim und breitete ihre Arme weit aus als wollte sie den Sommer einfangen. „Ja so ist das, wenn Engel reisen dann zeigt auch der Himmel mal seine Schokoladenseite“, schmunzelt Murad. Er mochte ihre spontanen Gefühle, ihr unkompliziertes Wesen. Eigentlich mochte er alles an ihr, ihre spritzige Art, ihren Humor, ihre Offenheit. Bevor sie in ihren Leihwagen stiegen zog Murad Sevim an sich, drückte sie sanft und küsste sie zärtlich. „Ich freue mich auf unseren gemeinsamen Urlaub“, hauchte er ihr mit warmer Stimme ins Ohr.
Murad ist keiner von denen, die einfach mal nur so mit Frauen rumknutschen wollen. Wenn Murad sich einlässt, dann meint er es ernst. Er ist mehr der ehrliche, einfühlsame, verständnisvolle junge Mann.
Schon nach dreißig Minuten Fahrzeit hatten sie ihr Feriendo- mizil erreicht. Zikaden zirpten in den Pinien und die Sonne strahlte noch immer von einem wolkenlosen Himmel. Auch der Eingang zu ihrem kleinen Appartement verbreitete mediterra- nes Flair. Bougainvillearanken schmückten den Rundbogen, Terrakottatöpfe mit duftenden Pellagonien waren rechts und links der Tür platziert. Und den Garten dominierten Hibiskus- sträucher in sattem Rot und kräftigem Gelb. Sevim war von der Blütenpracht überwältigt.
Aber gleich am nächsten Tag wollte sie ans Meer. Ein Urlaub ohne Meer ist für Sevim kein Urlaub. Ihr Mietauto rollte des- halb gleich am Vormittag über eine frisch gepflasterte Straße von Rojales in Richtung Guardamar. Durch die offenen Wagen-fenster wehte der Geruch des Meeres herein und grauweiße Möwen segelten schon kreischend über die Dächer der Häuser. Es konnte also nicht mehr weit sein. Sevim genoss das, sog alles in sich hinein.
Noch stand die Mittagssonne einsam über ihnen und erwärm- te einen leergefegten Strand hinter den Dünen. Außer Murad und Sevim war weit und breit keine Menschenseele in Sicht. Ihre Schuhe brauchten sie hier nicht. Die hatten sie im Auto gelassen. „Gibt es etwas schöneres als mit nackten Füßen im weichen Sand zu laufen“, freute sich Sevim. Murad nickte zustimmend, beobachtete sie nur und lächelte zufrieden. Dann näherte sich Sevim dem Wasser. Winzige unschuldige Mu- scheln knirschten unter ihren Füßen. Sie watete durch das kühle Nass, junge Wellen umspülten ihre Knöchel. Nahe der Dünen ließ sie sich im warmen Sand nieder, schlang die Arme um ihre ange- winkelten Beine und begann erst ihre Zehen in den Sand zu gra- ben und dann den ganzen Fuß. Murad setzte sich daneben, beugte sich über sie, umarmte sie fest und drückte sie nach hinten in ein Bett aus Sand. Mit den Temperaturen stiegen auch ihre Gefühle. Hemd und Bluse hingen längst lose an den aufgeheizten Leibern. Ihr hastiger Atem kitzelte seinen nackten Oberkörper und befeuerte seine Lust. Mit starken schlanken Händen knetete er sanft ihre Brüste und verwöhnte ihren zarten Hals mit seinen Küssen. Sie ließen ihrer Leidenschaft freien Lauf bis sich wie aus dem Nichts ein älteres Paar näherte. Dicht aneinander geschmiegt saßen sie dann noch lange da. Sevim legte ihren Kopf an Murads Schulter. Mit einer Hand schöpfte sie immer wieder Sand und ließ ihn über ihre Beine rieseln. Eine aufkommende Brise streichelte ihre Haut. Sonne, Sand, Dünen und Meer, heute ist das Glück auf ihrer Seite. So langsam kam etwas mehr Wind auf, Wolken gesellten sich zur Sonne. Rasant jagte der Wind die über die Dünen, zerzauste Sevims Haar und begann an ihrer Bluse zu zerren. Die rutschte von ihrer Schulter runter bis zum Ellbogen und gab den Blick auf die helle Haut ihres straffen Busens frei. Bevor Sevim sie wieder hochziehen konnte hielt Murad dieses Bild auf seinem Smartphone fest.
Noch viele unbeschreibliche und unvergessliche Momente er- lebte er mit Sevim hier in ihrem gemeinsamen Urlaub. Ob beim Rumlaufen am endlosen Strand, ob beim Sitzen auf den Dünen, wo sie sich an den gewaltigen Wellenbergen, an den brechenden Kämmen und an der aufspritzenden Gischt erfreuten, egal wo sie sich gerade rumtrieben, überall roch es nach Liebe. Und abends kam dann nicht selten eine ganz romantische Stimmung auf wenn sie in trauter Zweisamkeit die beeindruckenden Sonnen- untergänge mit den grandiosen Lichtspielen auf sich wirken ließen. An anderen Abenden machten sie es sich einfach im Garten vor ihrem Appartement gemütlich und beobachteten die blassen Geckos, wie sie an der Hauswand nahe der Lampe klebten und auf die Nachtfalter warteten.
Murad und Sevim genossen die mediterrane Leichtigkeit in vol- len Zügen, mal ausgelassen mal still. Das Leben meinte es richtig gut mit ihnen. Gleich an ihrem ersten Sonntag führte sie die Route zum Markt. Es ging über holprige Wege vorbei an me- terhohen Agaven und duftenden Zitrusbäumen. An den We- gesrändern krümmten sich riesige Feigenkakteen unter der Last ihrer Früchte. Und auf dem Markt war wie jeden Sonn- tag die Hölle los, wenige Spanier, überwiegend Touristen, da- runter viele überwinternde Rentner aus dem europäischen Norden. Kein Wunder, das Wetter passt, auch im Winter. Der Strand ist zum Greifen nah, und immer ist irgendwo was los, wenn man das denn will. Um die Ruhe zu genießen, kommen nur die Wenigsten an die Costa Blanca. Hier werden keine Bürgersteige hochgeklappt, hier pulsiert das Leben das ganze Jahr. Und tattrige Greise sucht man vergeblich. Die Mehrheit dieser älteren Generation ist noch recht aktiv, lebenshungrig und voller Träume, von Altersmüdigkeit keine Spur. Doch nun schlenderten die Beiden erst mal Hand in Hand durch die engen Gassen zwischen den Buden. Es gab hier so viel zu entdecken, alles was man braucht oder eher nicht braucht oder schon hat von Grünzeug über Kleidung, Bettwäsche, Blumen, Handtaschen, Musik, Gesundheitsprodukten und zur Freude von Sevim auch Tücher. Da konnte sie natürlich nicht widerstehen. Ein Langschal in dezenten Farben musste mit.
In der Markthalle im nahen Torrevieja stöberten sie ebenfalls ger- ne rum, vor allem wegen der ganz frischen Waren, angefangen vom Fisch, über Obst und Gemüse und natürlich bis hin zu den spanischen Spezialitäten. Alle regionalen Produkte wurden ange- boten. Vorm Verlassen dieses kulinarischen Paradieses entdeck- ten sie gleich neben dem Bäcker die berühmten Churros. Da kamen sie einfach nicht dran vorbei. Alleine schon wegen des Duf- tes waren sie denen wehrlos ausgeliefert. Murad und Sevim gönn-ten sich gleich ein Dutzend davon und waren begeistert von den köstlichen, luftigen mit Zucker bestäubten traditionellen Kringeln. Die Spanier lieben dieses frittierte Gebäck. Oft ist das schon ihr Frühstück. Besonders nach einer langen Nacht sieht man häufig junge Leute mit Churros durch die Straßen ziehen.
An ihrem letzten Urlaubsabend stand Sevim in der Küche, vor sich auf der Arbeitsplatte eine Plastikunterlage, darauf eine scharfe spitze Schere und eine Küchenrolle. Sie blies in ihre Einmalhandschuhe, zog sich die über und drehte den Meerestieren als erstes den Kopf ab. Dann begann sie entlang des Rückens ganz fachmännisch mit dem Aufschneiden des Panzers. Das darunter liegende Fleisch öffnete sich und eine mal weiße, mal graue bis schwarze Ader war freigelegt, also der gesamte Verdauungstrakt mit Magen und Darm in einem. Mit Daumen und Zeigefinger zog sie nun den kompletten Darm vorsichtig heraus. Nachdem sie dann alles sorgfältig gereinigt hatte, bereitete sie die zum Braten fertigen Garnelen mit Olivenöl, Kräutern und Knoblauch in der Pfanne zu. Währenddessen deckte Murad perfekt den Tisch. Eine Bougainvillearanke legte er als Deko in die Tischmitte, drei Teelichter erhellten den Esstisch nur schwach. Teller, Besteck und Servietten lagen bereit für ihr Abschiedsessen. „Köstlich, mindestens drei Sterne“, lobte Murad Sevims leckere Garnelen. „Probier mal“, dann spießte er eine mit seiner Gabel auf, dippte sie in Alioli und schob sie Sevim in den Mund. So machten sie wechselweise weiter und hatten nicht wenig Spaß dabei. Rioja und knuspriges Weißbrot durften dabei natürlich nicht fehlen. Die Zwei alberten viel rum und benahmen sich ausgelassen wie Frischver- liebte. Und immer wieder gewann die Lust die Oberhand.
Dieser Urlaub hat Murad und Sevim richtig gut getan und er hat sie noch fester zusammengeschweißt. Sie hatten es auch optimal getroffen. Die Unterkunft, das Essen, sogar das Wetter hatte mitgespielt. Aber das ist ja in Spanien keine Seltenheit. An ihren All- tag in der Schweiz verschwendeten sie keine Gedanken. Erst beim Kofferpacken dachte Murad etwas wehmütig daran, dass diese entspannte gemeinsame Zeit bereits morgen zu Ende geht. „Eigentlich jammerschade, dass wir morgen schon wieder zurück müssen“, bedauerte auch Sevim.
Murad fühlte sich nach diesen drei Wochen noch stärker mit Sevim verbunden. Beide waren sich jetzt ihrer Zuneigung ganz sicher. Sie waren füreinander geschaffen, konnten sich ein Leben ohne den anderen gar nicht mehr vorstellen. Von einer richtigen Familie mit Kindern, davon träumten sie beide, wenn sie aneinander gekuschelt ihre Zukunft planten und schon entsprechende Pläne schmiedeten. Zusammenziehen wollen sie auf jeden Fall. Murads Wohnung ist schließlich groß genug für Zwei.
An all diese faszinierenden Momente erinnert sich Murad ge- rade, während er, wie fast täglich in letzter Zeit, in Selbstmit- leid versinkt, sich in seinen vier Wänden in Schlieren in der Schweiz vergräbt und nur noch auf dem Sofa rumlungert. Seine Wohnung ist vernachlässigt, er selber meist ungekämmt und unrasiert. Nichts ist mehr so wie es einmal war. Überall hat sich der Schmerz breitge- macht. Jede Zelle seines Körpers ist betroffen. Wieso tut Verlust so weh? fragt er sich. Mit seinen Händen befühlt er Sevims Tuch aus Spanien. Er hält es an sein Gesicht, drückt es ganz fest an sich. Es duftet noch immer nach ihr. In seinem Hals klumpt ein Kloß, aus seinen Augen rinnt die Traurigkeit. Und ständig befällt ihn diese tiefe Sehnsucht. Er fühlt sich leer. Seine Motivation ist weg. Sein Leben ist verlassen. Die Geräusche von der Straße nimmt er nicht wahr. Draußen geht alles seinen gewohnten Gang, doch bei Murad scheint die Zeit still zu stehen. Wenn er morgens nach einer oft schlaflosen Nacht so daliegt, hofft er noch immer dass alles nur ein Traum ist. Aber es ist kein Traum. Es ist bittere Realität. Niemand ist mehr da, der seine Seele anschubst. Geblieben sind ihm jetzt, fast drei Jahre nach diesem Urlaub, nur noch die Bilder in seinem Kopf und die wenigen auf dem Smartphone.
Gedankenverloren schaut Monika aus dem Fenster des Wohnmobils und zieht ein recht mürrisches Gesicht. Kein Wunder bei dem Wetter. „So ein Mist aber auch, mit den Hunden um den Platz lau- fen, das können wir heute vergessen. Gestern schon den ganzen Tag über dieser Nieselregen und böige Wind, überhaupt nicht schön. Und dann noch das unaufhörliche Klappern des Holztörchens zum Golfplatz hin, das ging mir auch gehörig auf den Wecker.“ Ihr Rumgenöle hilft alles nichts, denn heute am frühen Mor- gen tobt der Regen noch immer und dicke Nebelschwaden verschmelzen mit der Landschaft. „Hast du denn gestern in der Vorhersage nicht mitgekriegt, dass sich das Wetter im Laufe des Vormittags bessern soll, “ will Peter seine Frau ein wenig besänftigen. „Nein, hab´ ich nicht, noch sieht es ja nicht danach aus.“ Tut es zum Glück aber. Gegen Mittag klart es langsam auf und die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die Wolken- decke. Was wollen die Beiden mehr. Postkartentage haben sie auf der Insel eh nicht erwartet. Aber so wie sie das Wet- ter hier während ihres dreiwöchigen Urlaubs erlebten war es zumindest besser als sein Ruf. „Peter, schau mal raus, es hat tatsächlich aufgehört zu regnen und die Sonne lässt sich sogar blicken.“ „Sag` ich doch, dann können wir ja loslegen und das Wohn- mobil startklar machen.“ Bereits am kommenden Tag wollen sie sich auf den Rück- weg machen. Ihre England - Schottland - Reise nähert sich so langsam dem Ende. In drei Tagen haben sie ihren Trans- port durch den Eurotunnel gebucht. Da sollten sie schon pünktlich in Folkstone sein. Ein wenig verkalkuliert haben sie sich aber doch. Deshalb muss London gestrichen wer- den. Monika gefällt das gar nicht. Ihre Enttäuschung ist nicht zu übersehen. Sie setzt mal wieder ihr Beleidigte-Leberwurst-Gesicht auf, verschränkt die Arme und steht einfach nur lustlos rum. Sie ärgert sich maßlos, auch über sich selbst, wo sie sich doch gerade auf London so sehr gefreut hat. Normalerweise ist sie recht pingelig, plant alles punktgenau, weiß am liebsten schon gestern was morgen zu tun ist. Aber diesmal ging ihre Planung wohl in die Hose. „Begeistert bin ich nicht, dass wir London nicht mehr schaf- fen“, so Monika in leicht schnoddrigem Ton. „Vielleicht soll- ten wir versuchen am Tunnel umzubuchen. Das müsste doch möglich sein. Wir haben doch alle Zeit der Welt und daheim läuft uns auch nichts weg. Was hältst du davon?“ Peter hebt seinen rechten Arm an, dreht betont langsam die Handfläche von oben nach unten und wieder zurück. Er scheint unentschlossen. Monika sieht die Skepsis auch in seinem Blick. Nach mehr als dreißig Ehejahren versteht man sich auch ohne Worte. „Nun mal langsam, probieren können wir es ja. Aber Lon- don läuft uns auch nicht weg. Denn dies war mit Sicherheit nicht unsere letzte Tour ins Vereinigte Königreich“, versucht er Monika zu trösten. „Von Folkestone bis London dürfte es doch nicht allzu weit sein. Und wenn wir Glück haben liegt unterwegs noch ein Gartenjuwel auf der Strecke. Du magst doch Gärten. Ich schau heut` Abend gleich mal im Internet nach.“ Geschlagen geben will sich Monika so schnell nicht. Aber ein bisschen ärgern tut sie sich immer noch. Ihre Nasen- flügel blähen sich nämlich wieder auf, ein todsicheres Zeichen. Während sie sich aufrappelt und versucht, beim Sauber- machen, Sortieren und Wegräumen auf andere Gedanken zu kommen, widmet sich Peter dem Wassertank. Ganz akribisch geht er dabei vor. Nachdem die Sitzpolster bei- seite geräumt sind, der Deckel der Truhenbank geöffnet ist, wird der Schraubverschluss aufgedreht. Dann erst kann Peter reinfassen und den Stöpsel ziehen um das Restwasser abzulassen. Danach wird der Tank desinfiziert und ausge- spült. Das mit dem Wassertank ist schon eine aufwändige Arbeit, wenn man es gewissenhaft angeht. „Na, hast du es bald geschafft? Wir wollen doch noch mit den Hunden los.“ „Ja bald, aber was muss das muss. Du weißt ja, Wasser ist wichtig, das wichtigste überhaupt. Ohne Wasser kein Leben“, antwortet Peter augenzwinkernd. Und wer weiß das besser als er. Das mit dem Wasser war doch in seinem früheren Leben, also dem Leben vor dem Ruhestand, mal sein Job. Da war er verantwortlich für Wasser, Energie und Verkehr, als oberster Chef eines großen Energieversorgungsunternehmens. Nach zwei Stunden intensiver Arbeit kann er jetzt endlich frisches Wasser einlassen, diesmal bis zum Überlauf. Schließlich muss es bis Deutschland reichen. Vorher soll nichts mehr nachgefüllt werden. Schade ist es trotzdem, dass sie aus Zeitmangel London streichen müssen. Aber zum Glück hat sich Monika zwischenzeitlich wieder einiger- maßen beruhigt. Und ganz so dramatisch sieht sie das jetzt auch nicht mehr. „Wenn das mit der Umbuchung nicht klappt, muss ich wohl damit leben. Dann haben wir wenigstens einen triftigen Grund um wiederzukommen“, so Monika recht locker. „Denn irgendwie mag ich diese Insel und ihre Menschen.“ Was ist plötzlich in sie gefahren. Die Putzerei hat ihr wohl gutgetan. Sie wirkt zumindest etwas entspannt und zufrie- dener. Mit ihren beiden Vierbeinern drehen sie noch eine weitere Runde auf dem Golfplatz. Der soll als Hundeklo herhalten. So hat es ihnen jedenfalls der Platzbetreiber erklärt. Wenn ihnen das jemand anderes gesagt hätte, sie hätten es nicht für möglich gehalten. Ein Golfplatz als Hundeklo. Peter schmunzelt, legt seinen Arm auf Monikas Schulter und versucht sie aufzumuntern. „Ich stelle mir gerade vor wie so ein affiger, perfekt raus- geputzter Golfer, hochkonzentriert nur auf seinen Ball, plötzlich ein warmes, weiches und wohliges Gefühl an seinem Fuß verspürt.“ Monika lacht. „Igitt, und anschließend puhlt er dann ein halbes Pfund Hundehaufen, extra frisch, aus dem komplexen Profil seines Golfschuhs.“ Peter kommt gerade in Fahrt und sinniert weiter. „Du kennst doch auch die strengen Golfregeln. Dann stell dir mal vor, ein Golfball landet mitten in einem solchen Hundehaufen. Was dann? Normalerweise muss der ja auch von dort abgeschlagen werden. Ich sehe förmlich das rat- lose Gesicht des leicht pikierten Golfspielers vor mir. Bestimmt zückt er sein Regelheft, was ja ein echter Golfer sicher immer mit sich führt, um nachzulesen was in so einem komplizierten Fall zu tun ist.“ „Und wenn er nicht gestorben ist, dann steht er dort noch heute“, amüsiert sich Monika. Aber zum Glück gibt es das Kästchen mit den Plastiktüten für die Hinterlassenschaften solcher Köter gleich hinter dem Tor direkt an einem Fairway. Und das lässt keine Zweifel. Dieser Campingplatz ist tatsächlich ein wahres Paradies für Hunde, für Golfspieler auch. „Wann steht unseren Vierbeinern schon mal ein so gepfleg- ter Rasen zur Verfügung für das Krumme-Buckel-machen“, freut sich Monika. „Unser Sohn als Freizeitgolfer wäre bestimmt hier auch happy“, so Peter. „Das kannst du wohl laut sagen. Den ersten Abschlag direkt vor der Haustür, wo hat er das schon.“ Aber die Beiden freut es natürlich vor allem wegen ihrer Vierbeiner. Und da gerade weit und breit keine Schläger- schwinger zu orten sind, die ihre wehrlosen Bälle kloppen, lassen sie Odin und Basco mal frei toben. Denen tut das gut, endlich mal ohne Leinenzwang. Und während die Hunde dem Tennisball hinterherlaufen, den Peter wirft, beobach- tet Monika ihren Mann. Es wäre gelogen, wenn sie sagen würde, er hätte sich nicht gut gehalten. „Für sein Alter sieht er eigentlich noch recht passabel aus mit seinen graumelierten Haaren, seinem Dreitagebart, und seinen stahlblauen Augen, die mir damals als erstes an ihm aufgefallen sind“, stellt sie zufrieden fest. Noch immer steht ein relativ ansehnlicher Männerkörper vor ihr, „alles im grünen Bereich, noch“, denkt sie.
Die nötige Bettschwere hat Monika zwar noch nicht, aber weil sie morgen zeitig loswollen, legen sie sich mit den Hüh- nern schlafen, sie stehen ja auch mit ihnen auf.
Auch heute Morgen leistet noch immer zäher Nebel Wider- stand. Egal, nach Fountains Abbey, einer beeindruckenden Klosteranlage, die seit 1986 zu den Unesco Welterbestätten zählt, da wollen sie unbedingt noch hin. Soviel Zeit muss sein. Und der Besuch dort lohnt sich wirklich. Neben den gigantischen Klosterruinen erwartet sie ein weitläufiger Landschaftsgarten und ein spektakulärer Wassergarten. Für Monika und Peter ist diese Anlage neben Dunrobin Castle in Schottland ein weiterer Höhepunkt ihrer Reise. Im High- moor Farmcamp nahe Harrogate erwischen sie dann einen geeigneten Übernachtungsplatz. Und wie jeden Abend machen sie es sich so richtig gemütlich. Peter holt schon mal die Gläser, gießt Rotwein ein und verkorkt die Flasche wieder. Mehr als ein Glas gibt es nicht. Das sei nämlich nicht gesund, wenn man einem Gesundheitsratgeber Glauben schenken darf. Monika bringt ein paar Käsehäppchen und ein Schälchen mit Walnüssen. Laut einer Studie soll das aber dem Körper gut tun, ein Glas Rotwein wegen seiner Polyphenole und ein paar Walnüsse. Die Beiden pflegen schon einen einigermaßen gesunden Lebensstil. Nur höchst selten wird mal über die Stränge geschlagen. Das war früher noch anders, vor Jahrzehnten, als sie beide jung waren. Da war an jedem Wochenende Halligalli mit Freunden ange- sagt. Aber dieses wilde Leben gehört der Vergangenheit an, alles zu seiner Zeit. Heute mögen sie es eher ruhig und ge- mütlich. Die vorderen Sitze werden zum Innenraum ge- dreht, die Rückenlehnen etwas nach hinten in eine beque- me Position gebracht. Und so sitzen sie da, Abend für Abend, und ziehen sich die Nachrichten rein. Um 19.00 Uhr die vom ZDF, um 19.30 Uhr die Landesschau Rheinland Pfalz und dann um 20.00 Uhr die von der ARD. Dies sind schon ganz feste Rituale. Aber was sie da gerade hören, erschreckt sie schon. „Peter, stell mal etwas lauter“, Monika glaubt ihren Ohren nicht zu trauen. In London sollen heute mehr als hundert Menschen in der Hauptstadt gestorben sein. In den letzten Tagen seien bereits mehrere Hundert Personen einem mysteriösen Leiden erlegen, Männer, Frauen und Kinder. Um keine Panik zu verbreiten hielt man es zunächst einmal vor den Bürgern geheim. Denn selbst die Ärzte stehen vor einem Rätsel. Was bisher recherchiert werden konnte hatten die Erkrankten weder Kontakt zueinander noch wohnten sie in unmittelba- rer Nachbarschaft. Sie kommen auch aus den unterschied- lichsten Bevölkerungsschichten. Und was das Schlimmste ist, fast täglich würden neue Personen mit ähnlichen Symp- tomen eingeliefert. Hohes Fieber hätten die meisten, oft begleitet von Schüttelfrost, Kopf - und Gliederschmerzen. Deshalb dachten die Mediziner zunächst einmal an eine Art Sommergrippe. Die nimmt ja oft einen schweren Verlauf. Ist es aber nicht. Man hofft nun, dass speziellere Untersuchun- gen weiterhelfen. Monika holt tief Luft. Das wirft sie nun doch etwas aus der Bahn. Sie ist jetzt mehr als nur beunruhigt. Mit ihren Finger-kuppen trommelt sie nervös auf der Tischplatte rum. „Mein Gott, das ist ja furchtbar was da in London gerade abgeht. Was mag das für eine Krankheit sein? Wer weiß wozu es gut ist, dass wir London nicht mehr anfahren. Nach den Horrormeldungen hätte ich jetzt doch Bedenken. Du etwa nicht?“ Peter schüttelt nur mit dem Kopf. Ganz so dramatisch sieht er das nicht. „Ich mache mir im Moment noch keine großen Sorgen, würde auch nach London fahren, wenn es zeitlich passen würde.“ Monika ist jedenfalls erleichtert, dass es Richtung Heimat geht. „Das mit dem Umbuchen lassen wir mal besser, London läuft uns ja nicht weg“. Und so vollzieht sie gerade pro- blemlos eine 180 Grad-Wende. Folkestone hat Peter schon im Navi gespeichert und wenn alles gut geht, wollen sie am nächsten Tag den Tunnel erreichen.
Wie erhofft sind sie gut durchgekommen. Peter hat, wie auf der Hinfahrt auch, geschickt, als hätte er nie im Leben etwas anderes gemacht, das Wohnmobil in die Waggons der Bahn gelenkt. Während sich die Fähren über die unru- hige See kämpfen müssen, sitzen Monika und Peter mit ihren beiden Hunden gemütlich im Fahrzeug bei Kaffee und Keksen und nach 35 Minuten im Shuttle unter Wasser ha- ben sie wieder Frankreich erreicht. Entlang der Autobahn nahe Calais kommen ihnen immer wieder kleine Gruppen dunkelhäutiger, männlicher Flüchtlinge entgegen, die so wie es aussieht Richtung Tunnel oder Fähre wollen. Ihr Hab und Gut tragen sie samt Traum von einem besseren Leben in einer Plastiktüte bei sich. Ein trauriges Bild. Monika reibt sich die Augen. „Tja, die Flüchtlinge, seit unsere damalige Kanzlerin vor Jahren unsere Grenzen geöffnet hat, haben sich mittlerweile viele Millionen auf die Socken gemacht und bei uns eingenistet“. „Für Deutschland ist das noch immer keine leichte Heraus- forderung.“ „Und neben dem Flüchtlingschaos haben wir ja auch noch die Eurokrise am Hals. Ob wir all das je in den Griff kriegen, wer weiß?“ „Na ja, so wie es aussieht wollen die, die hier rumirren nach England und nicht nach Deutschland“, meint Peter, presst seine Lippen zusammen und neigt den Kopf von einer Seite zur anderen. „Das ist ja für sie nicht das schlechteste, wenn sie es denn überhaupt auf die Insel schaffen. Aber ob es ihnen tatsäch- lich gelingt, sei mal dahingestellt. Und die Briten haben auch eine etwas andere Einstellung als wir Deutschen. Obwohl die Flüchtlinge tun mir schon leid. Sie führen ein Leben zwischen Gefahr und Hoffnung. Und schlussendlich will sie keiner haben.“ „Aber wir alleine können ja nicht die ganze Welt retten. Da ist auch mal die gesamte EU gefordert.“ Und dann lassen sie die Flüchtlinge hinter sich.
Auf dem Camping „Le Nez Blanc“ nahe Calais bleiben sie für die letzte Übernachtung vor ihrem Zuhause. Endlich mal etwas Zeit ihre Eindrücke aufzufrischen und zu sortieren. Alles in allem hatten sie ja eine sehr interessante Reise, wenn man von den engen Straßen und von den Hecken und Mauern mal absieht, die oft die Fahrbahn begrenzten. Peter kam da nicht selten ganz schön ins Schwitzen, wenn er mit dem Wohnmobil mal wieder Millimeterarbeit leisten muss- te. Aber das war ja nicht der einzige Härtetest, den er zu bestehen hatte. Selbst der Linksverkehr war noch ein ge- ringes Problem. Denn vor allem etliche Nebenstraßen schienen noch aus der Zeit der Pferdefuhrwerke zu stam- men und stellten keine kleine Herausforderung dar. Es war zwar immer wieder schön, die beschaulichen Orte zu durchfahren, wo sich Bilderbuchhäuschen mit kleinen Erkern in verwinkelten Gassen aneinanderschmiegten. Aber Peter wurde dabei einiges abverlangt, dem Wohnmobil auch. Ohne schlapp zu machen, knatterte das unermüdlich über die teils holprigen Wege, mal durch Dörfer mit honig- farbigen Häusern, charmanten Kirchen, Bruchsteinmauern, mal entlang unzähliger Reihenhäuser, von denen eines exakt aussah wie das andere. Lediglich Haustür und Deko variierten. Monika hat auch welche entdeckt mit besonders hübschen Jugendstilelementen.
