Vom Monbijou nach Wesselburen - Markus Pithan - E-Book

Vom Monbijou nach Wesselburen E-Book

Markus Pithan

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Beschreibung

Pierre Gilgenast, Architekt, Weltenwanderer sowie umstrittene Figur der norddeutschen Kaffeklappenszene, verlässt Hals über Kopf mit seinem jungen Kompagnon Manuel die Wohnung in den Mundsburg Towers gen Dithmarschen, da der Knutt einen Hilferuf ausgesendet hatte. Auf dieser waghalsigen Tour kommen sie den revolutionären Freischärlern in die Quere. Was hat die Kohlsuppenfrau mit all dem zu tun? Was hat der Kiebitz zu berichten? Und ist die Wurst des Wurstbauern wirklich vegan? Lest selbst. Bald erhältlich.

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Seitenzahl: 57

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Warum, dachte ich, stürzt wohl das Gewölbe nicht ein, da es doch keine Stütze hat?

Es steht, antwortete ich, weil alle Steine auf einmal einstürzen wollen.

Heinrich von Kleist

„Letzte Nacht erschien mir im Traume ein seltsamer Vogel. Er sprach zu mir von Unruhen in meinem heimatlichen Dithmarschen. Ein Fieber des Volkes, das revolutionäre, aber, wie seltsam, es stirbt immer der König daran!

Doch sprach er nicht vom Heute, nein, von Zukünftigem redete er.

Was nur wieder zeigt: Der Geist wird wohl die Materie los, aber nie die Materie den Geist.

„Wirf weg, damit Du nicht verlierst!“, so würde die Lebensregel lauten.

Klopfenden Herzens folgte ich ihm, gehörte doch oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.

Als Blinder, der vom Sehen träumt, kroch ich im Schlaf in mich hinein, wissend, der Traum ist der beste Beweis dafür, dass wir nicht so fest in unsere Haut eingeschlossen sind, als es scheint.

So nehmen Sie meine Hand und folgen mir. Wohl wissend: Wer nach den Sternen reisen will, der sehe sich nicht nach Gesellschaft um.“

Friedrich Hebbel, Wien im November 1863

Inhaltsverzeichnis

Im Volvo

Mann unter Schafen

Die Tochter

Die Türme

Irgendwann vorher in Wesselburen

Wieder im Mundsburg-Tower

Die Mansarde

Die Kisten

Die Nachtwache

Der Knutt in Not

Unruhige Träume

Die Freischärler

Nahtod

Verkleidung

Wiedersehen

Epilog

Im Volvo

Pierre Gilgenast wünschte sich, dass jemand einmal an die Scheiben des Volvos klopfen würde, während er dort saß. Jemand, der ‚Hey Pierre‘ rief. Der sich zu ihm setzte.

Gilgenast betrieb aus dem Volvo Kombi heraus sein einstmals renommiertes Architekturbüro. Auf einem Tablet fertigte er Skizzen an und schickte sie ins Büro, wo die Praktikantinnen den Rest zu erledigen hatten. Zuletzt hatte er in einem Großprojekt Kindergärten entworfen und dazu die alten Bunkeranlagen an der dänischen Westküste ausgiebig studiert. Baupläne aus dem Museumsführer des Bunkermuseums in Ringkjøbing waren von ihm kopiert worden.

Der Ansatz war, Kindergärten als Satellitengebäude zu bauen, deren Einheiten durch unterirdische Gänge miteinander verbunden waren. Er erhielt dafür eine Auszeichnung für nachhaltige Architektur. Diese wurde ihm aberkannt, als Recherchen der Hamburger Morgenpost die Deckungsgleichheit der Baupläne mit deutschen Bunkeranlagen an der dänischen Westküste ergaben. Ein Skandal.

Seitdem musste er sich mit kleineren Aufträgen durchschlagen. Während er im Auto arbeitete, hörte er Radio oder alte Kassetten und trank Kaffee.

Es klopfte an der hinteren Seitenscheibe. Klopfen? Es war eher ein Picken. Er drehte sich um. Die Rückbank war mit Kaffeebechern gefüllt, die sich bis zu den Scheiben stapelten. Er wühlte die Becher beiseite. Schließlich sah er den Schnabel zum Pickgeräusch. Der Knutt.

„Mach doch mal die verdammte Tür auf, Gilgenarsch!“

Gilgenast zog den Knopf an der Beifahrertüre hoch und der Knutt öffnete, wobei einige Kaffeebecher aus dem Wagen auf die Straße fielen. Der Vogel glitt auf den Velourssessel des Volvo.

"Die alte Karre habe ich doch gleich erkannt! Was machst Du denn hier?“

„Ich arbeite.“ murmelte dieser.

„Arbeiten? Ich war gerade mit Manuel in Eckernförde Aal-Currywurst essen. Und danach waren wir im Wellenbad und in der Sauna. Du musst Dich auch mal locker machen!“ prahlte der Knutt.

„Ich bin total locker.“ entgegnete Gilge.

„Es ist nicht Gott, der Dich richtet. Die Gesellschaft richtet Dich so zu.“ belehrte ihn der Knutt ungefragt.

Mann unter Schafen

„Willst du die Geschichte vom Mann unter Schafen hören, die mir ein Kiebitz im Kirchspielkroog von Westerhever gezwitschert hat? Sie zeigt, wie ein Wort, falsch verstanden, einen Mann übel zugerichtet hat.“, fragte der Knutt den verdutzten Gilgenast.

„Ja, ich will.“ entgegnete Gilgenast. Und wie durch Zufall begannen irgendwo Kirchenglocken zu läuten.

Es setzte ein sommerlicher Regen ein. Pierre war froh, dass er nicht in seinem Alfa Romeo Spider mit dem Leckdach saß. Dieser stand in einer der Garagen in Nienstedten. Seine Noch-Frau Cora saß wahrscheinlich nebenan in einem der Wohnzimmer und schaute den Rostocker Polizeiruf 110. Was hatte sie den Bukow angehimmelt. Und was hatte er, Gilgenast, ihm nachgeeifert. Er hatte sich sogar einen Parka, Jeans und Red Wing Stiefel gekauft und diese mit einer Stahlbürste gewaschen, um jenen abgefuckten Bukow-Look zu imitieren. Es hatte nicht gereicht.

„Wer mit dem Teufel Suppe essen will, sollte einen langen Löffel haben.“ seufzte Pierre in Gedanken an jene Zeit. Der Knutt betrachtete ihn amüsiert und besorgt.

„Denkst Du gerade daran, wie Du damals Bukow nachgeeifert hattest, damit Deine Frau Dir mal wieder einen abkaut?“

So hatte sich Gilgenast den ersehnten Besuch keineswegs vorgestellt: Kaum versah man sich, war man in Zusammenhänge verstrickt.

„Im Hinterland von Westerhever“, so hub der Knutt an, „zwischen den Deichen inmitten von Kuh- und Schafsweiden gibt es an einer Wegkreuzung, die die Haubarge und einsamen Höfe miteinander verbindet, einen unheimlichen Ort. Hier lagern die Bauern die Kadaver verendeter Tiere: Kühe und Schafe zumeist, manchmal auch ein Pferd dazwischen. Gelegentlich von einer Plastikplane notdürftig bedeckt, in der Regel jedoch nackt und unverblümt tot. Die Totenstarre lässt manchmal die Beine wie Pfähle oder Fahnenmasten senkrecht in den Himmel ragen und wenn du dort vorbeikommst, starren dich im Vordergrund die toten Augen und direkt dahinter von der Weide die schwermütigen dunklen Augen des grasenden Viehs an. An manchen Tagen, nach Unwettern vor allem, ragen die Kadaver, aus der Ferne betrachtet, wie Berge aus der ansonsten völlig flachen Landschaft hervor. Totenhügel. Schafsberge.“

Gilgenast schluckte hart. Ein Schauer kroch ihm das Rückgrat empor. „Erzähle schon weiter.“ flüsterte er.

“Der Kiebitz schlürfte einen Schluck heißen Tee mit Köm, bevor er weitererzählte,“ fuhr der Knutt fort.

„Die Gegend hier birgt viele Mysterien und Schönheiten, aber auch Gefahren und Unwägbarkeiten. Dies prägt die Menschen, die hier leben und so erschafft die Landschaft Sonderlinge mit gegerbter Haut, grimmigen Blicken und herzlichem Lachen. Manche wirken wie knorrige Büsche, die dem Wind schon immer trotzen. Dabei entwickeln sie wie die Pflanzen eine manchmal bizarre, aber atemberaubende Schönheit.

So fiel auch jene seltsame Gestalt, die seit ein paar

Wochen durch die Marschen streifte, zunächst nicht besonders auf.

Es war ein hagerer Mann, vielleicht fünfzigjährig, vielleicht älter, vielleicht auch jünger, von gebeugter Haltung und etwas von einem Fliehenden im Gestus. Er trug bei jedem Wetter einen schwarzen Hut, der wie auch immer jedem Wind trotzte, einen langen grauen Regenmantel und schlickverkrustete Stiefel.

Er wurde immer in der Nähe von Schafen gesehen. Manchmal stand oder hockte er unbeweglich vor den Weiden und starrte auf die Tiere, manchmal folgte er den Herden auf ihren endlosen Wegen über die Deiche, durch die Salzwiesen bis hinein in den Schlick oder hinaus auf die Sandbank vorm Leuchtturm.

Einige Bauern behaupteten, ihn weinen gesehen zu haben, während er auf die Schafe starrte, andere vermeinten gehört zu haben, dass er vor sich hinzählte.

‚Ich glaube, er zählt Schäfchen‘, sagten sie; und beim Eiergrog im Kroog ging die Frage herum:

,Heute auch schon den Schafmann gesehen?‘