Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Von einem unserer größten Lyriker, Johann Wolfgang von Goethe, kennen wir das Motto seines lyrischen Schaffens: "Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt / Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide." Goethe war es gegeben, sich das Leid, das ihn im Leben traf, von der Seele zu schreiben. Deshalb sind viele seiner Gedichte Erlebnis- und Stimmungsgedichte, die das verarbeiten, was ihm im Leben widerfahren ist. Das Gedicht ist dazu besonders gut geeignet, weil es die kürzeste, kompakteste literarische Gattung darstellt. Deshalb fangen sensible Jugendliche in der fragilen Phase der Pubertät an zu dichten. Die meisten Schriftsteller beginnen ihre literarische Karriere mit dem Gedicht. In ihm kann man sich erproben, kann Stimmungen erkunden und dazu passende Bilder finden. Anders als bei Kurzgeschichten, Novellen, Romanen oder Dramen braucht man beim Gedicht keine strukturelle Disposition. Die frühere Formstrenge des Gedichts hat sich inzwischen so weit verflüchtigt, dass man nur noch wenige Regeln einhalten muss, um ein Gedicht zu schreiben. Der Lyrik-Band "Vom rechten Tun und Lieben" versammelt Gedichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, die dazu angetan sind, dem Leser eine geistige Orientierung für sein Leben zu vermitteln. Aus der Zeit, als in der Schule noch Gedichte auswendig gelernt wurden, kennen wir die Aussage von Menschen, dass Gedichte, die sie in der Jugend gelernt haben, ihr ganzes Leben begleitet haben. Männer, die als Soldaten im Krieg kämpften, erinnern sich daran, dass sie sich im Gefecht oder im Schützengraben an solchen Gedichten regelrecht festgeklammert haben. Der vorliegende Band versammelt Gedicht, von denen ich einige für so wertvoll halte, dass man sie im geistigen Gepäck mit sich tragen sollte.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Einleitung
Walther von der Vogelweide: Ich saß auf einem Stein
Andreas Gryphius: Abend
Matthias Claudius: Der Mensch
Johann Wolfgang von Goethe: Das Göttliche
Johann Wolfgang von Goethe: An den Mond
Joseph von Eichendorff: O Täler weit, o Höhen
Joseph von Eichendorff: Das zerbrochene Ringlein
Clemens Brentano: Eingang
Friedrich Hölderlin: Lebenslauf
Heinrich Heine: Doktrin
Heinrich Heine: Ich hatte einst ein schönes Vaterland
August von Platen: Wer wusste je das Leben recht zu
fassen
Eduard Mörike: Verborgenheit
August Heinrich Hoffmann von Fallersleben: Die
Gedanken sind frei
Theodor Storm: Über die Heide
Gottfried Keller: Ich hab in kalten Wintertagen
Rainer Maria Rilke: Träume, die aus deinen Tiefen
wallen
Rainer Maria Rilke: Ich fürchte mich so vor des
Menschen Wort
Hugo von Hofmannsthal: Ballade des äußeren Lebens
Georg Heym: Verfluchung der Städte
Georg Trakl: Verfall
Gottfried Benn: Einsamer nie
Gottfried Benn: Nur zwei Dinge
Else Lasker-Schüler: Mein blaues Klavier
Bertolt Brecht: Die Lösung
Günter Eich: Inventur
Paul Celan: Todesfuge
Hilde Domin: Herbstzeitlosen
Reiner Kunze: 3 Gedichte aus dem Lyrik-Band „Sensible Wege“
Hinwise
Weitere Informationen
Im Sommer 1821 reist Johann Wolfgang von Goethe in die böhmische Kurstadt Marienbad. Dort lernt er die siebzehnjährige Ulrike von Levetzow kennen, die mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern den Sommer in Marienbad verbringt. Der 71-jährige Dichter verliebt sich so heftig in das Mädchen, dass er mit Hilfe seines Dienstherrn, des Großherzogs von Weimar Carl August, schriftlich um ihre Hand anhält. Ulrikes Eltern lehnen den Antrag mit höflichen Worten ab. Dies stürzt Goethe in eine tiefe seelische Krise. Überstürzt reist er mit der Kutsche zurück nach Weimar.
Unterwegs schreibt er ein Gedicht, das wir als „Marienbader Elegie“ kennen. Es endet in einer düsteren, resignativen Wendung:
„Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren, / Der ich noch erst den Göttern Liebling war“. Aufschlussreich ist das Motto, das Goethe dem Gedicht voranstellt: „Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt / Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.“
Diese zwei Verse formulieren nichts anderes als das Ur-Motiv für Goethes Dichten. Mit seinen Texten schreibt er sich das Leid von der Seele. Goethe ist es in jeder Lebensphase gegeben, sich durch seine Texte auszudrücken, Freud und Leid in schriftliche Zeugnisse zu verwandeln. Das Gedicht ist dazu besonders gut geeignet, weil es die kürzeste, kompakteste literarische Gattung darstellt.
Deshalb fangen sensible Jugendliche in der fragilen Phase der Pubertät an zu dichten. Die meisten Schriftsteller beginnen ihre literarische Karriere mit dem Gedicht. In ihm kann man sich erproben, kann Stimmungen erkunden und dazu passende Bilder finden. Anders als bei Kurzgeschichten, Novellen, Romanen oder Dramen braucht man beim Gedicht keine strukturelle Disposition. Die frühere Formstrenge des Gedichts hat sich inzwischen so weit verflüchtigt, dass man nur noch wenige Regeln einhalten muss, um ein Gedicht zu schreiben.
Mein Gedichtband „Ach, ich bin des Treibens müde“ (2023) bot 50 Gedichtinterpretationen. Die Gedichte waren thematisch nach fünf Motiv-Gruppen geordnet. Der zeitliche Bogen spannte sich vom Barock bis zur Moderne. Der Gedichtband fand großen Anklang gefunden und verschiedentlich wurde der Wunsch laut, eine Fortsetzung zu schreiben. Eine solche kann ich mit dem Band „Vom rechten Tun und Lieben“ vorlegen. Der Untertitel gibt die Auswahl vor: „Gedichte zur Sinnstiftung und geistigen Orientierung“. Der Band versammelt Gedichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, die dazu angetan sind, dem Leser eine geistige Orientierung für sein Leben zu vermitteln. Selbst wenn ein Dichter nur von sich zu sprechen scheint, klingt in seinen Gedichten immer auch ein geistiger Ratschlag für den Leser an, eine Art von Lebenshilfe, die er in passenden Lebenssituationen beherzigen kann.
Aus der Zeit, als in der Schule noch Gedichte auswendig gelernt wurden, kennen wir die Aussage von Menschen, dass Gedichte, die sie in der Jugend gelernt haben, sie ihr Leben lang begleitet haben. Männer, die als Soldaten im Krieg kämpften, erinnern sich daran, dass sie sich im Gefecht oder im Schützengraben an solchen Gedichten festgeklammert haben. Ich habe in meinem Literaturunterricht den Schülern das Auswendiglernen von Gedichten freigestellt. Es fanden sich immer einige Schüler, die mich nach Gedichten fragten, die ich für so wertvoll halte, dass man sie im geistigen Gepäck mit sich tragen sollte. Darunter waren auch mehrere der in diesem Band versammelten Gedichte.
Berlin, im September 2025
Ich saz ûf eime steine
Ich saß auf einem Stein
und dahte bein mit beine:
und schlug ein Bein über das andere,
dar ûf satzt ich den ellenbogen:
darauf stützte ich den Ellenbogen.
ich hete in mîne hant gesmogen
Ich hatte in meine Hand geschmiegt
daz kinne und ein mîn wange.
das Kinn und meine eine Wange.
dô dâhte ich mir vil ange,
So erwog ich in aller Eindringlichkeit,
wie man zer welte solte leben:
wie man auf dieser Welt zu leben habe.
deheinen rât kond ich gegeben,
Keinen Rat wusste ich zu geben,
wie man driu dinc erwurbe,
wie man drei Dinge erwerben könne,
der keines niht verdurbe.
ohne dass eines von ihnen verloren ginge.
diu zwei sint êre und varnde guot,
zwei von ihnen sind Ehre und Besitz,
daz dicke ein ander schaden tuot:
die einander oft Abbruch tun;
daz dritte ist gotes hulde,
das dritte ist die Gnade Gottes,
der zweier übergulde.
weit höher geltend als die beiden andern:
die wolte ich gerne in einen schrîn.
Die wünschte ich in ein Gefäß zu tun.
jâ leider desn mac niht gesîn,
Aber zu unserem Leid kann das nicht sein,
daz guot und weltlich êre
dass Besitz und Ehre in der Welt
und gotes hulde mêre
und dazu Gottes Gnade
zesamene in ein herze komen.
zusammen in ein Herz kommen.
stîg unde wege sint in benomen:
Weg und Steg ist ihnen verbaut,
untriuwe ist in der sâze,
Verrat lauert im Hinterhalt,
gewalt vert ûf der strâze:
Gewalttat zieht auf der Straße,
fride unde reht sint sêre wunt.
Friede und Recht sind todwund:
diu driu enhabent geleites niht,
Die Drei haben keine Sicherheit,
diu zwei enwerden ê gesunt.
bevor diese beiden nicht gesunden.
(Übertragung von Peter Wapnewski)
Dieses Gedicht, das zu den „Reichssprüchen“ Walthers zählt, ist neben dem Liebesgedicht „Unter der Linde“ das bekannteste Gedicht Walthers von der Vogelweide, der im Hochmittalter gelebt und gewirkt hat. Seine Lebensdaten – geb. um 1170, gestorben um 1230 – sind nur ungenau überliefert. Auch zum Geburts- und Sterbeort gibt es nur Vermutungen. Da im Mittelalter der Beruf des freischaffenden Dichters noch unbekannt war, verdingten sich Dichter, um ihren Lebensunterhalt zu fristen, weltlichen und geistlichen Herrschern. Die Angaben, die über die Vita Walthers bekannt sind, bezeugen, dass er während seiner ergiebigsten Schaffenszeit im Sold mehrerer deutscher Fürsten und Könige stand. Darunter war auch der heute noch rätselhafte Stauferkaiser Friedrich II.
In dem Gedicht „Ich saß auf einem Stein“ nimmt der Sprecher die typische Denkerpose ein, die uns von der Bronze-Plastik von Auguste Rodin her geläufig ist. Der Kopf benötigt zum intensiven Nachdenken eine Stütze durch die Hand. Gegenstand der gedanklichen Bemühungen des Sprechers ist die Frage der richtigen Lebensführung. Sie wird durch den Zustand des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation im ausgehenden 12. Jahrhundert beeinträchtigt. Nach dem Tod von Kaiser Friedrich I., auch Barbarossa genannt, kommt es im Reich zu Unruhen und kriegerischen Auseinandersetzungen. Territoriale Herrscher versuchen, ihr Herrschaftsgebiet zu Lasten kleinerer und schwächerer Adeliger zu vergrößern. Personenbezogene Bindungen, die durch das Lehensprinzip bedingt waren, lösen sich auf, als die Lehen erblich werden. Jetzt zählt nur noch das Wohl des Familienverbands. Damit gerät auch der Ehrbegriff des Adels, die „triuwe“, ins Wanken. Der Sprecher beklagt, dass Ehre und Besitz immer häufiger in Widerspruch zueinander geraten. Das Mittelalter war ein gläubiges Zeitalter. Die Menschen strebten danach, durch ein gottgefälliges Leben eine Anwartschaft auf ein Leben nach dem Tod im göttlichen Paradies zu erwerben. Wenn aber die Gier nach Besitz die ethischen Bande zwischen den Menschen zerstört, ist auch die Gnade Gottes gefährdet. Ohne die Heilung der gesellschaftlichen Zustände – so die Einsicht des Sprechers – ist ein gottgefälliges Leben nicht möglich.
Die Botschaft des Gedichts kann man gut auf heute übertragen. Zwar haben die Glaubensbindungen der Menschen deutlich nachgelassen. Trotzdem streben sie nach einem ethisch vollkommenen Leben, in dem sie sich frei von Gewalt und Unterdrückung entfalten können. „Friede und Recht“ sind auch die Werte unserer heutigen Demokratie, deretwegen viele Menschen aus unfriedlichen Regionen dieser Welt zu uns fliehen. Die Väter und Mütter unseres Grundgesetzes wussten, dass Macht- und Besitzgier die größten Gefahren für den Bestand der Demokratie darstellen. Deshalb wurde die staatliche Macht in verschiedene Gewalten geteilt, der materielle Reichtum unter den Gemeinwohlvorbehalt gestellt. Trotzdem ist es ratsam, den Stand unseres Gemeinwesens ab und zu in der Weise zu überdenken, wie es das Gedicht Walthers aus dem
12. Jahrhundert beschreibt. Im Gedicht erkennen wir das zivilgesellschaftliche Ideal, das den kritischen Bürger verpflichtet, sich um das Gemeinwohl zu sorgen. Denn nur in einem geordneten Staatswesen ist ein gutes Leben (für Gläubige: ein gottgefälliges Leben) möglich.
Das Mittelhochdeutsche umfasste mehrere Dialekte. Sprachforscher können heute noch an ihren Merkmalen erkennen, in welcher Region ein Dichter gelebt hat. Bei Walther von der Vogelweide vermuten die Germanisten, dass er in Süddeutschland und Österreich gelebt hat. Der Wortschatz des Mittelhochdeutschen war stark von Fremdwörtern geprägt, vor allem aus dem Lateinischen und Französischen. Dies erklärt sich aus dem Kontakt der Menschen zur Kirche, den Klöstern und zum Adel. Die Syntax im Mittelhochdeutschen war nicht so starr geregelt, wie es im heutigen Hochdeutschen der Fall ist. Subjekt, Prädikat und Objekt konnten in unterschiedlicher Reihenfolge auftreten.
Läse man von dem Gedicht „Ich saß auf einem Stein“ nur das mittelhochdeutsche Original, könnte man den Sinn des Gedichts auf Anhieb verstehen. Dies liegt daran, dass bei den Wörtern bis heute der Wortstamm gleichgeblieben ist, während sich nur das Lautsystem verändert hat: schrîn. – Schrein / strâze – Straße / gesunt – gesund. Manche Schlüsselwörter des Gedichts haben sich erhalten (êre – Ehre), während andere verschwunden sind (hulde – Gnade). Huld wird heute nur noch antikisierend für Güte, Wohlwollen und Treue verwendet. Das heutige Alltagswort für „hulde“ ist Gnade. Bedeutungsverschiebungen sind in einer Sprache gang und gäbe. Ein Weib nennt man heute eine zweifelhafte weibliche Person, im Mittelalter war es die allgemeine Bezeichnung für eine Frau (wîp). Wollte man damals eine hochgestellte, adelige Frau benennen, nutzte man den Begriff vrouwe.
Der schnelle Tag ist hin; die Nacht schwingt ihre Fahn Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen Verlassen Feld und Werk; wo Tier und Vögel waren, Trauert jetzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit, vertan!
Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn. Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren Ich, du, und was man hat, und was man sieht, hinfahren. Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn.
Lass, höchster Gott! mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten!
Lass mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten!
Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir!
