Vom Schatten verfolgt - Simon Gretsch - E-Book

Vom Schatten verfolgt E-Book

Simon Gretsch

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Beschreibung

Eine Sammlung aus Geschichten und Gedichten, welche den Leser in eine dunkle und düstere Schattenwelt entführen sollen. Jeder wird von seinem eigenen Schatten verfolgt. Dies kann im Wahn zur Quahl werden. Diese Gedichte und Geschichten berichten von allmöglichen Dingen und Situationen, die dem einen oder anderen bekannt sein könnten.

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Seitenzahl: 43

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für Gabriela und alle Träumer

Eine Auswahl an Geschichten und Gedichten

Inhaltsverzeichnis

Antonias Geschichte

Liebe

Skyline

Meeresleid

Glasstaub

Ödland

Prypjat

Mondscheingeflüster

Messer

Schwarzweiß

Ihr Aschekleid

Düsterwald

Irgendwo in Budapest

Kerzenlicht

Spuren im Schnee

Höhenspiele

Der Beobachter

Neugier

Der rote Faden

Sicherheit

Reisen

Nordlicht Nr. 42

Ins Gesicht

Zweisam

Klatsche

Pflaumenwein

Derbe

Apfelbaum

Kleinstadttragödien 1

Geisterstadt

Kleinstadttragödien 2

Ein Buch

Kleinstadttragödien 3

Leichenschau

Das letzte Blatt Papier

Placebo

Antonias Geschichte

Antonia hat damals Sachen erzählt, die erst jetzt verständlich werden. Jedes Mal, wenn ich sie besuche, wird mir einiges klarer und viele meiner Erinnerungen lerne ich erst durch genaues Überlegen zu verstehen.

Einmal fragte sie: Warst du mal in Neuendorf-Sachsenbande? Das ist der tiefste Punkt in Deutschland. Wenn du da bist, dann geht es nur noch bergauf.

Wenn ich bei ihr bin, dann sage ich fast kein Wort. Meistens nur „Hallo“ oder warum ich etwas später gekommen bin als sonst.

Damals, da sprach sie zwar sehr wenig, doch was sie erzählte, das blieb hängen. Ich kann mich noch heute an Vieles Wort für Wort erinnern. Zum Beispiel, als sie damals etwas über das Selbstverletzen sagte.

Sie meinte: Hast dir mal unsere Generation angesehen? Alle wollen auffallen, ergeben sich dem Borderline-Syndrom, schlitzen sich die Unterarme auf, um den Sinn zu finden.

Antonia tat es auch. In einem der wenigen Momente, in denen sie ihre Arme entblößte, konnte ich sie sehen; Narben, die sie vor allen versteckte. Antonia war eben nicht wie die anderen.

Angesprochen habe ich sie darauf nie, denn ich befürchtete, damit zu sehr in ihre Privatsphäre einzudringen. Antonia war ein sehr nachdenklicher Mensch. Manchmal ließ sie mich an ihren Gedanken teilhaben:

Wenn man einmal frei ist, dann will man nie mehr zurück. Meinst du, ich könnte frei sein?

Ich meinte: Ja, jeder sollte frei sein.

Antonia trank keinen Alkohol, sie nahm keine Drogen, sie rauchte nicht. Auf diese Weise fiele es ihr leichter, ihre Gedanken zu ordnen, meinte sie mal. Sowieso war sie sehr bedächtig. An ihrem Geburtstag wurde sie von allen gefeiert, noch nie habe ich sie so glücklich gesehen.

In ihr Tagebuch schrieb sie:

Heute war der schönste und zugleich furchtbarste Tag in meinem Leben. Anfangs war alles so wundervoll, doch dann wurde mir klar, dass es eben auch nur ein Tag ist. Nichts weiter. Morgen sind die Geburtstagsglückwünsche wieder im Staub erstickt und ich muss normal weitermachen.

Und egal, wie schön und warm ein Tag war, am Abend stellt man ernüchternd fest, dass die Nacht trotzdem kalt ist. Die Euphorie wird von der Depression verjagt. Der einzige Ausbruch aus dem Trott und der Tristesse ist die Sterblichkeit.

Dass ich ihr Tagebuch gelesen habe, war vielleicht nicht ihr Wille. Aber es half mir, sie etwas besser zu verstehen.

Ich sagte leise: Dein Tagebuch habe wirklich nur ich gelesen und es tut mir leid.

Wie bereits vermutet, blieb sie auch dieses Mal stumm.

Damals hätte ich ihr vielleicht besser zuhören müssen und versuchen sollen, zu verstehen.

Heute kann ich mit ihr reden, doch bekomme keine Antwort. Fragen, die ich früher hätte stellen sollen, bleiben für immer unbeantwortet.

Ich halte die Blumen bis zum Ende in der Hand, bevor ich sie dann langsam hinlege.

Wie viel einem etwas bedeutet, merkt man erst, wenn es fehlt, flüstere ich.

Auf die Frage nach dem Grund bleibt sie mir auch diesmal die Antwort schuldig.

Gedankenversunken entferne ich mich von ihr über den sandigen Friedhofsweg. Vielleicht werde ich sie bei meinem nächsten Besuch wieder etwas mehr verstehen können.

Liebe

Was Dein ist, ist auch Mein,

doch will ich Deins nicht haben

Wie sollte es anders sein,

will ich es dir nicht sagen

Was Mein ist, ist auch Dein,

so geb ich dir mein Hab und Gut

Wie könnte es anders sein,

ist dir Meins nicht gut genug

So lebe ich von deinen Dingen,

lasse meine verstaubt da stehen,

werde sie dir vielleicht mal bringen

um ein Fünkchen Hoffnung zu sehen

Nimmst du Meins dann widerwillig,

hat das Glück uns schnell verlassen

Mein Zeug ist dir zu billig

und ich fange an Dich zu hassen

Skyline

Ein Sommereindruck

Der Wind weht etwas stärker hier oben. Auch das Sonnenlicht scheint ein klein wenig intensiver und wärmt etwas mehr. Wie ein langsamer Film verschwindet die Abendsonne nahezu hinter dieser Häuserfront. Als würden sich die Häuser mit ihrer Höhe übertrumpfen wollen. Nun haben sie sich doch niedergelassen und bleiben ihrer Höhe bestehen. Fast endlose Weite, die sich am Horizont verliert. Solche Momente kann nur die perfekte Melodie zur Vollendung bringen.

Jedes Geräusch ist näher, ferner und doch kaum anders, als unten am kalten Boden.

Und ich lehne an der Tür zum Dach, im Blick die Skyline und im Mund eine Zigarette.