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Eine Sammlung aus Geschichten und Gedichten, welche den Leser in eine dunkle und düstere Schattenwelt entführen sollen. Jeder wird von seinem eigenen Schatten verfolgt. Dies kann im Wahn zur Quahl werden. Diese Gedichte und Geschichten berichten von allmöglichen Dingen und Situationen, die dem einen oder anderen bekannt sein könnten.
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Seitenzahl: 43
Veröffentlichungsjahr: 2015
Für Gabriela und alle Träumer
Eine Auswahl an Geschichten und Gedichten
Antonias Geschichte
Liebe
Skyline
Meeresleid
Glasstaub
Ödland
Prypjat
Mondscheingeflüster
Messer
Schwarzweiß
Ihr Aschekleid
Düsterwald
Irgendwo in Budapest
Kerzenlicht
Spuren im Schnee
Höhenspiele
Der Beobachter
Neugier
Der rote Faden
Sicherheit
Reisen
Nordlicht Nr. 42
Ins Gesicht
Zweisam
Klatsche
Pflaumenwein
Derbe
Apfelbaum
Kleinstadttragödien 1
Geisterstadt
Kleinstadttragödien 2
Ein Buch
Kleinstadttragödien 3
Leichenschau
Das letzte Blatt Papier
Placebo
Antonia hat damals Sachen erzählt, die erst jetzt verständlich werden. Jedes Mal, wenn ich sie besuche, wird mir einiges klarer und viele meiner Erinnerungen lerne ich erst durch genaues Überlegen zu verstehen.
Einmal fragte sie: Warst du mal in Neuendorf-Sachsenbande? Das ist der tiefste Punkt in Deutschland. Wenn du da bist, dann geht es nur noch bergauf.
Wenn ich bei ihr bin, dann sage ich fast kein Wort. Meistens nur „Hallo“ oder warum ich etwas später gekommen bin als sonst.
Damals, da sprach sie zwar sehr wenig, doch was sie erzählte, das blieb hängen. Ich kann mich noch heute an Vieles Wort für Wort erinnern. Zum Beispiel, als sie damals etwas über das Selbstverletzen sagte.
Sie meinte: Hast dir mal unsere Generation angesehen? Alle wollen auffallen, ergeben sich dem Borderline-Syndrom, schlitzen sich die Unterarme auf, um den Sinn zu finden.
Antonia tat es auch. In einem der wenigen Momente, in denen sie ihre Arme entblößte, konnte ich sie sehen; Narben, die sie vor allen versteckte. Antonia war eben nicht wie die anderen.
Angesprochen habe ich sie darauf nie, denn ich befürchtete, damit zu sehr in ihre Privatsphäre einzudringen. Antonia war ein sehr nachdenklicher Mensch. Manchmal ließ sie mich an ihren Gedanken teilhaben:
Wenn man einmal frei ist, dann will man nie mehr zurück. Meinst du, ich könnte frei sein?
Ich meinte: Ja, jeder sollte frei sein.
Antonia trank keinen Alkohol, sie nahm keine Drogen, sie rauchte nicht. Auf diese Weise fiele es ihr leichter, ihre Gedanken zu ordnen, meinte sie mal. Sowieso war sie sehr bedächtig. An ihrem Geburtstag wurde sie von allen gefeiert, noch nie habe ich sie so glücklich gesehen.
In ihr Tagebuch schrieb sie:
Heute war der schönste und zugleich furchtbarste Tag in meinem Leben. Anfangs war alles so wundervoll, doch dann wurde mir klar, dass es eben auch nur ein Tag ist. Nichts weiter. Morgen sind die Geburtstagsglückwünsche wieder im Staub erstickt und ich muss normal weitermachen.
Und egal, wie schön und warm ein Tag war, am Abend stellt man ernüchternd fest, dass die Nacht trotzdem kalt ist. Die Euphorie wird von der Depression verjagt. Der einzige Ausbruch aus dem Trott und der Tristesse ist die Sterblichkeit.
Dass ich ihr Tagebuch gelesen habe, war vielleicht nicht ihr Wille. Aber es half mir, sie etwas besser zu verstehen.
Ich sagte leise: Dein Tagebuch habe wirklich nur ich gelesen und es tut mir leid.
Wie bereits vermutet, blieb sie auch dieses Mal stumm.
Damals hätte ich ihr vielleicht besser zuhören müssen und versuchen sollen, zu verstehen.
Heute kann ich mit ihr reden, doch bekomme keine Antwort. Fragen, die ich früher hätte stellen sollen, bleiben für immer unbeantwortet.
Ich halte die Blumen bis zum Ende in der Hand, bevor ich sie dann langsam hinlege.
Wie viel einem etwas bedeutet, merkt man erst, wenn es fehlt, flüstere ich.
Auf die Frage nach dem Grund bleibt sie mir auch diesmal die Antwort schuldig.
Gedankenversunken entferne ich mich von ihr über den sandigen Friedhofsweg. Vielleicht werde ich sie bei meinem nächsten Besuch wieder etwas mehr verstehen können.
Was Dein ist, ist auch Mein,
doch will ich Deins nicht haben
Wie sollte es anders sein,
will ich es dir nicht sagen
Was Mein ist, ist auch Dein,
so geb ich dir mein Hab und Gut
Wie könnte es anders sein,
ist dir Meins nicht gut genug
So lebe ich von deinen Dingen,
lasse meine verstaubt da stehen,
werde sie dir vielleicht mal bringen
um ein Fünkchen Hoffnung zu sehen
Nimmst du Meins dann widerwillig,
hat das Glück uns schnell verlassen
Mein Zeug ist dir zu billig
und ich fange an Dich zu hassen
Ein Sommereindruck
Der Wind weht etwas stärker hier oben. Auch das Sonnenlicht scheint ein klein wenig intensiver und wärmt etwas mehr. Wie ein langsamer Film verschwindet die Abendsonne nahezu hinter dieser Häuserfront. Als würden sich die Häuser mit ihrer Höhe übertrumpfen wollen. Nun haben sie sich doch niedergelassen und bleiben ihrer Höhe bestehen. Fast endlose Weite, die sich am Horizont verliert. Solche Momente kann nur die perfekte Melodie zur Vollendung bringen.
Jedes Geräusch ist näher, ferner und doch kaum anders, als unten am kalten Boden.
Und ich lehne an der Tür zum Dach, im Blick die Skyline und im Mund eine Zigarette.
