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Alles ist vorbestimmt, und das eigene Schicksal lässt sich nicht verändern – mit dieser Überzeugung ist Willa Chandler-Golden aufgewachsen, dank ihres Vaters, Autor eines Selbsthilfe-Bestsellers, der die Welt veränderte. Doch das Universum scheint es mit Willa nicht besonders gut zu meinen, denn ihr Leben geht gerade in jeder Hinsicht den Bach runter. Zeit, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen! Wie gut, dass Willas beste Freundin Vanessa zur Stelle ist – mit dem ultimativen Schicksalsexperiment …
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Seitenzahl: 431
Veröffentlichungsjahr: 2015
Buch
Was passiert, wenn man gerade noch dachte, das Leben sei perfekt, und plötzlich wird einem der Boden unter den Füßen weggezogen? Diese Frage muss sich Willa Chandler-Golden stellen, deren Vater mit seinem Selbsthilfe-Bestseller über die Macht des Schicksals die Welt verändert hat. Willa selbst ist zwar nicht hundertprozentig überzeugt von den Theorien ihres Vaters, muss jedoch zugeben, dass das Universum ihr ein ganz angenehmes Leben beschert hat: einen zuverlässigen, liebevollen Ehemann, eine spannende Karriere. Na gut, es läuft vielleicht nicht immer alles perfekt – negative Schwangerschaftstests, zerstrittene Geschwister –, aber das ist nun mal das, was für sie vorbestimmt ist, und alles in allem ist das Leben, wenn man nicht zu viel darüber nachgrübelt, doch wirklich wunderbar.
Doch dann schlägt ihr (offenbar doch nicht so zuverlässiger) Ehemann Folgendes vor: eine zweimonatige Beziehungspause. Zwei Monate, in denen sie herausfinden sollen, ob sie ohne einander nicht leben können und in denen er von New York nach Kalifornien ziehen wird, um sich dort beruflich selbst zu verwirklichen. Und bevor Willa herausfinden kann, was das Schicksal sich jetzt dabei gedacht hat, wird sie völlig unerwartet gefeuert, ihr zwölfjähriger Neffe Nicky zieht für den Sommer bei ihr ein, und ihr Exfreund, ihre erste große Liebe, kontaktiert sie aus dem Nichts heraus über Facebook. Als dann auch noch ihre beste Freundin Vanessa einen Job bei DareYou! ergattert, der angesagtesten neuen TV-Reality-Show, in der Kandidaten Mutproben bestehen und sich mit ihren größten Ängsten konfrontieren müssen, ist das Chaos perfekt. Denn Vanessa hat eine Idee, wie sie Willa dazu bringen kann, ihr Leben endlich selbst in die Hand zu nehmen …
Autorin
Allison Winn Scotch, geboren 1973, ist New-York-Times-Bestsellerautorin und Journalistin und hat u. a. für Magazine wie Men’s Health, Self, Shape und InStyle geschrieben. Außerdem verfasst sie einen Blog namens »Ask Allison«. Vom Schicksal geküsst ist ihr erster Roman bei Blanvalet. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Los Angeles.
ALLISON WINN SCOTCH
ROMAN
DEUTSCH VON ANDREA BRANDL
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2013unter dem Titel The Theory of Opposites bei Camellia Press.
1. AuflageTaschenbucherstausgabe Juni 2015bei Blanvalet, einem Unternehmen derVerlagsgruppe Random House GmbH, MünchenCopyright © 2013 by Allison Winn ScotchCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015by Verlagsgruppe Random House GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesignUmschlagmotiv: Getty Images/Robert DalyRedaktion: Margit von CossartAF · Herstellung: samSatz: DTP Service Apel, HannoverISBN: 978-3-641-15882-8www.blanvalet.de
Für all jene, die ihren Weg gefunden haben.Und für Michelle, Laura, Elisabeth, Katherine und Annika,die mir geholfen haben, meinen eigenen zu finden.
Luke: »Also … also, das glaub ich einfach nicht.«Yoda: »Darum, darum versagst du.«
1
Will man meinem Vater Glauben schenken – was viele Leute tun –, gibt es keine Zufälle. Vielmehr geht er davon aus, dass das Leben aus lauter vorherbestimmten Erlebnissen besteht, die uns wie eine Flipperkugel von einem Schicksalsmoment zum nächsten katapultieren, unser gesamtes Leben hindurch bis zum unvermeidlichen Ende, dem Tod.
Kurz gesagt: Mein Vater hat das Konzept des freien Willens mehr oder weniger ausgeschlossen und behauptet stattdessen, wir alle seien auf Gedeih und Verderb dem Schicksal ausgeliefert, ganz nach dem viel zitierten und fürchterlich nervigen Motto: Alles geschieht aus einem guten Grund.
Mein Vater gilt sozusagen als Legende, zumindest genoss er diesen Ruf bis zu dem Tag, als nicht er wie erwartet den Nobelpreis für seine mathematischen Studien verliehen bekam, sondern sein Protégé Punjab Sharma, der inzwischen ein Konkurrenzlabor an der UCLA leitet. Die Zeremonie schaffte es sogar auf die Titelseite der New York Times – aber nicht etwa wegen Punjabs bemerkenswerter Erkenntnisse, sondern weil mein Vater etwa zehn Sekunden nach der Verkündung aufs Podium stürmte, sich Sakko und Krawatte vom Leib riss und sie den Juroren mit den Worten »Sie würden ein Genie ja noch nicht mal erkennen, wenn Sie selbst eins wären!« entgegenschleuderte. Und als die Sicherheitsleute ihn niederwarfen – und zwar wortwörtlich, denn sie packten ihn und nagelten ihn mit dem Gesicht voran auf dem Boden fest –, schaffte er es sogar noch, sich eine Champagnerflöte zu schnappen und sie Dr. Barton Meriweather an den Kopf zu schleudern, der prompt eine Schnittwunde an der linken Augenbraue davontrug.
Als meine Mutter ihn abholen kam (zu diesem Zeitpunkt begleitete sie ihn schon längst nicht mehr zu Preisverleihungen, weil sie »doch bloß eine Plattform für verschrobene Zausel, die metaphorisch die Länge ihrer Schwänze vergleichen« waren, womit sie den Nagel absolut auf den Kopf traf), fragte sie nur trocken: »Und gleich erzählst du mir, dass das alles so kommen musste und es das Schicksal vorherbestimmt hat, dass du deinen jahrelangen Einsatz und deinen guten Ruf auf einen Schlag zerstörst, stimmt’s?«
Mein Vater biss sich auf die Lippe und starrte schmollend aus dem Fenster der Limousine.
Will man also meinem Vater Glauben schenken, könnte man den Tag, an dem alles anfing, als Schicksalstag bezeichnen. Es könnte ein Wink des Schicksals gewesen sein, dass mir gestern Abend in der U-Bahn die Brieftasche aus der Handtasche gestohlen wurde, und Teil des universellen Masterplans, dass ich den Diebstahl erst heute Morgen bemerke. Und dass ich, als es mir endlich auffällt, nicht gleich reagiere, weil einer der wichtigsten Kunden der Werbeagentur, in der ich arbeite, nicht einmal eine Stunde später bei mir im Büro stehen wird und ich als einer der kreativen Köpfe nicht die leiseste Ahnung habe, wie ich Inkontinenzeinlagen Sex-Appeal einhauchen könnte. Und da ich so in Gedanken versunken bin, komme ich auch nicht auf die Idee, meine Kreditkarten sperren zu lassen oder panisch zu werden. Ich stürze ins Badezimmer, wo mein Mann Shawn noch unter der Dusche steht, weil er (ebenfalls kein Zufall) verschlafen hat, und rufe ihm über das Rauschen hinweg zu, dass ich mir vierzig Dollar und seine Monatskarte von ihm leihen muss. Und als ich das Geld herausnehme, fällt mir eine Quittung einer angesagten neuen Weinbar namens Grape! in der 16. Straße vom Vorabend in die Finger, obwohl Shawn doch erzählt hat, er habe sich spontan mit seinen supercoolen IT-Freunden zu einem kleinen Spiel getroffen. Und gerade als ich das Geld in meine Jackentasche (nicht in meine Brieftasche, logischerweise) stopfe und dabei schnell meine Facebook-Nachrichten checke, lese ich eine Freundschaftsanfrage von Theodore Brackton, dem Typ, mit dem ich auf dem College mal zusammen war und den ich erst am Vorabend gegoogelt hatte. In einem kurzen Anfall von Panik schießt mir durch den Kopf, er könnte vielleicht gespürt haben, dass ich irgendwo hier draußen bin, dass ich gestern an ihn gedacht, seinen Namen gegoogelt und unter dem Deckmäntelchen einer anonymen IP-Adresse Ausschau nach ihm gehalten habe. Aber bevor ich ernsthaft darüber nachdenken kann, dass Theodore Brackton mich ebenfalls internetmäßig gestalkt haben könnte – ganz zu schweigen davon, mir Gedanken über diese Quittung, die Weinbar und meine gestohlenen Kreditkarten zu machen –, bekomme ich eine Nachricht von meiner Chefin Hannah.
SMS von: Hannah Burnett
An: Willa Chandler-Golden
DIE GANZE NACHT GEKOTZT. BIN TOTAL FERTIG. MUSS WINDELTERMIN ABSAGEN. REISSEN SIE DIE TYPEN VOM HOCKER.
Ich stöhne und rufe Shawn zu, er solle bitte meine Kreditkarten sperren. Dann stopfe ich die Quittung ebenfalls in meine Jackentasche und stürme zur Tür hinaus. Leider vergesse ich dabei, dass die Putzfrau den Parkettboden mit Öl behandelt hat, obwohl ich ihr schon x-mal gesagt habe, sie solle es lassen. Prompt rutsche ich aus und versuche noch, mit rudernden Armen gegen die Schwerkraft anzukämpfen, aber es nützt nichts. Ich lande mit voller Wucht auf dem Hintern und spüre – trotz des positiven Schwangerschaftstests von vor vier Tagen – einen Schwall Blut in mein Höschen schießen. Meine Periode hat eingesetzt.
Ja, mein Vater würde jetzt sagen, dass nichts davon Zufall ist, sondern alles genau so passieren sollte, dass ich nämlich, völlig egal, was ich an diesem Morgen und Shawn am Vorabend getan haben mag, mit einem gezerrten Oberschenkelmuskel und einem weiteren empfängnislosen Monat auf dem frisch geölten Fußboden enden würde. Er würde Faktoren wie die Erdachse, die Erdanziehungskraft, die menschliche Psyche und diverse Algorithmen ins Feld führen, die ich mir schon lange nicht mehr anhöre (genauso wenig habe ich sein Buch Außer Rand und Band – Weshalb Sie längst die Kontrolle über Ihr Leben verloren haben könnten! gelesen). Mein Vater würde argumentieren, dass all das Teil eines größeren Plans sei und ich genau hinhören solle, wenn ich wirklich schlau sei. Millionen Leser hätten genau das getan. (Hat er auch erwähnt, dass sein Meisterwerk zweiundvierzig Wochen am Stück auf der Bestsellerliste stand? Nein? Das wundert mich.)
Ich stehe auf und streiche meinen Rock glatt.
Und genau an diesem Punkt würde besagter schlauerer Teil von mir ihm jetzt unter die Nase reiben, dass er den Nobelpreis eben doch nicht bekommen hat.
Aber so schlau bin ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Also werde ich wohl den Mund halten, noch einmal duschen und mich auf den Weg zur Arbeit machen.
2
»Gestern Abend hab ich deinen Vater bei Piers Morgan gesehen«, begrüßt Alan Alverson mich im Aufzug.
»Hmm.« Ich tue so, als würde ich eine wichtige Mail lesen, obwohl wir beide wissen, dass es hier gar kein Netz gibt.
»Der Mann könnte tatsächlich das größte Genie unserer Zeit sein.«
Ich werfe Alan – der darauf besteht, dass wir ihn Alain nennen, als stammte er aus dem Herzen von Paris und nicht aus Livingston, New Jersey – einen scharfen Blick zu.
»Bist du zu der Überzeugung gelangt, bevor oder nachdem Piers von der neuesten einstweiligen Verfügung erzählt hat, die gegen ihn verhängt wurde?«
»Also, ich hatte eher den Eindruck, dass er schamlos um den Nobelpreis betrogen wurde.«
Alan hat eine ganz eigene und fürchterlich unangenehme Art, jedes Wort übertrieben zu artikulieren. Ich spüre, wie ein Muskel in meiner Schläfe zu zucken beginnt, kann aber nicht sagen, woran es liegt: daran, dass er Partei für meinen Vater ergreift oder weil mir seine harten Ts und gerollten Rs wie Peitschenhiebe um die Ohren schnalzen.
Der Aufzug hält in unserem Stockwerk, und wir steigen aus, bevor ich widersprechen kann. Es fiel mir schon immer schwer, mit den Lobeshymnen auf meinen Vater umzugehen, vor allem, wenn sie aus dem Mund von Leuten stammen, die ihn gar nicht persönlich kennen. Die Beziehung zwischen meinem Vater und mir ist eine hochkomplexe Mischung aus Ehrfurcht und Verunsicherung, aus Sehnsucht nach Zuneigung und völliger Leere. Seine Leser und die Piers-Morgan-Zuschauer betrachten ihn als den reinsten Gott, für mich hingegen ist er sterblich. Meistens, aber nicht immer. Manchmal – an den Tagen, wenn er in Höchstform ist und ich geistig vernebelt bin, hat er auch bei mir diesen Status.
»Viel Glück mit den Windeln«, murmelt er und kratzt die Kurve.
Ich krame ein Pfefferminzbonbon aus der Tasche, wobei mir die Quittung wieder in den Sinn kommt. Und das Bargeld. Und meine gestohlene Geldbörse. Und Theodores Freundschaftsanfrage. Und meine Periode.
»Scheiße«, fluche ich, an niemand Bestimmten gerichtet, aber meine Assistentin Isabelle hat es offenbar mitbekommen, denn sie drückt mir mit einem mitfühlenden Blick einen Milchkaffee in die Hand.
»Die Dependables-Leute kommen in einer Viertelstunde. Die PowerPoint-Präsentation ist vorbereitet, Croissants, Muffins und Obst stehen auf dem Konferenztisch.«
»Wie viel wiegen Sie, Izzy?« Ich trete einen Schritt zurück und mustere sie von oben bis unten.
»Ich? Na ja … fünfundfünfzig Kilo.« Sie hält inne. »Dürfen Sie mich so was überhaupt fragen?«
»Und wie alt sind Sie?«
»Vierundzwanzig.«
»Sie wohnen in der Innenstadt.« Sie nickt. »Und Sie sind Single?«
»Wenn es um ein Blind Date geht … Ich will Ihnen ja nicht zu nahetreten, Willa, aber ich habe die Profile von Shawns Freunden auf Facebook gesehen und bin nicht interessiert.«
»Sie sind auf Facebook mit ihm befreundet?«
»Ich habe über zweitausend Freunde.« Sie zuckt die Achseln. »Na ja, Shawn ist ein heißer Typ … keine Ahnung.« Sie lässt den Blick über meinen leicht schief sitzenden Rock und meine Seidenbluse schweifen, die gut daran tun würde, Kontakt mit dem Bügeleisen zu bekommen. »Ja, er ist echt heiß. Was macht er noch mal beruflich?«
»Er ist IT-ler.«
»Genau, stimmt ja! Wie Mark Zuckerberg? Shawn ist zwar tausendmal süßer als Mark Zuckerberg, aber Mark hat nun mal Facebook erfunden, deshalb würde ich ihn wahrscheinlich nicht von der Bettkante stoßen. Und seine Freunde … Die sehen zwar aus wie Mark, bloß hatten sie leider nicht die Idee mit Facebook. Also kein Interesse an Blind Dates. Trotzdem danke.«
»Aha. Shawn ist also ein echt toller Typ, ja?«, fahre ich fort, während ich mich frage, ob Isabelles Worte die schlimmste oder eleganteste Klatsche sind, die ich je gehört habe. »Waren Sie jemals in dieser neuen Weinbar in der 16. Straße? Ich glaube, bei Time Out war sie erst kürzlich auf dem Cover.« (Ehrlich gesagt weiß ich das nur, weil ich letzte Woche im Wartezimmer meines Frauenarztes drin geblättert habe, ansonsten habe ich noch nie von dem Laden gehört.)
»Meinen Sie das Grape!? Klar. Schon vor einer Ewigkeit.«
»Ich dachte, die hätten erst vor Kurzem aufgemacht.«
»Privateinladung.«
»Klar.«
Ich mustere Isabelle eingehender. Sie ist jung, hübsch und musste sich vermutlich noch nie Gedanken über so etwas wie Schicksal, Zufälle, die Unbill des Lebens und die Frage machen, wie ihr Ehemann die Quittung einer Weinbar in der Tasche haben kann, obwohl er doch offiziell mit den anderen ultracoolen IT-Superstars von morgen (mindestens vier davon stehen auf der Wired2Go-Liste der »vierzig schärfsten Typen unter vierzig«, drei von ihnen sind zwar Marke Spargeltarzan mit Glatze, aber macht ja nichts) zum Sport verabredet war. Izzy braucht sich (noch) keine Gedanken zu machen, dass ihr Uterus zur Dörrpflaume verkommt, über den Feuchtigkeitsstatus ihrer Zervix, die Höchsttemperatur während der Ovulation, darüber, dass der Sex irgendwann sterbenslangweilig wird, dann nämlich, wenn er nur noch der Fortpflanzung dient. Sex ist das perfekte Beispiel für meine Theorie, würde mein Dad jetzt sagen. Hättest du nicht exakt in diesem Moment kopuliert, an diesem Abend, und in dieser Sekunde den Höhepunkt erreicht, hättest du ein völlig anderes Kind geboren! Seine Stimme würde klingen, als würde nicht jedes werdende Elternpaar genau mit diesen Erwägungen an die Babyplanung gehen, nämlich nach dem Motto: Hätte sich die Frau nicht rittlings auf ihren Mann gesetzt, während dieser vor einer Kochsendung (auf die er heimlich steht, obwohl sie eher auf eine weibliche Zuschauerschaft zugeschnitten ist) döste, weil jetzt eben gerade der perfekte Zeitpunkt für eine Empfängnis war, hätte sie statt einem kerngesunden Jungen einem weniger kerngesunden Mädchen das Leben geschenkt. Oder Zwillingen. Oder sie hätte eine Fehlgeburt erlitten. Oder einen weiteren Monat ohne zweite Linie auf dem Schwangerschaftstest leben müssen. Wer weiß das schon? Na ja, mein Dad, wenn man ihn fragen würde.
»Was würde ein verheirateter sechsunddreißigjähriger Mann Ihrer Meinung nach im Grape! machen, Izzy?«
»Saufen?« Sie sieht auf die Uhr hinter ihr. »Noch zwölf Minuten, bis die Windeltypen kommen.«
»Saufen. Klar. Logisch.«
Wahrscheinlich sind sie nach dem Spiel noch einen trinken gegangen.
»Oder Frauen aufgabeln«, fügt sie beiläufig hinzu und ruft eine Fashionwebsite auf, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, welchen Flächenbrand sie damit entzündet. Aber wahrscheinlich kapiert sie einfach nicht, was sie mir damit sagt. »Ich meine, die Typen sind doch alle total krank. Igitt. Mit so jemandem würde ich mich in tausend Jahren nicht einlassen. Meine Freundin Candice – aber bitte erzählen Sie es keinem – hat letzte Woche mit einem Kerl von Goldman rumgemacht. Und nachdem sie im Bett gelandet waren, fiel ihm plötzlich ein, dass er ja verheiratet ist.«
»Äh … danke. Das hilft mir enorm weiter.«
Ich schnappe meinen Milchkaffee und gehe in mein Büro.
»Ach ja, gerade fällt mir ein … ich hab neulich den Newsletter vom Grape! geschickt bekommen. War gestern zufällig Mittwoch? Da ist nämlich Ladies’ Night. Wenn Sie Lust haben, können wir gern nächste Woche mal hingehen.«
Ich bleibe in meiner Bürotür stehen. Natürlich hat sie einen Newsletter bekommen. Natürlich war gestern Abend Ladies’ Night. Und natürlich war Shawn nicht nur dort, weil er nach dem Spiel noch Durst hatte. Es gibt keine Zufälle. Ich hasse es, wenn mein Vater recht hat.
SMS von: Willa Chandler-Golden
An: Vanessa Pines
SOS. Hab gleich ein Meeting mit Dependables. Wird ewig dauern. Ganz schnell: ein sexy Synonym für Blasenschwäche?
SMS von: Vanessa Pines
An: Willa Chandler-Golden
Engelströpfchen?
SMS von: Willa Chandler-Golden
An: Vanessa Pines
Zu spirituell. Stell dir Harrison Ford mit Windeln vor: Welches Wort fällt dir als Erstes ein?
SMS von: Vanessa Pines
An: Willa Chandler-Golden
Igitt.
SMS von: Willa Chandler-Golden
An: Vanessa Pines
Sehr hilfreich. Wieso bist du eigentlich Bestseller-Autorin?
SMS von: Vanessa Pines
An: Willa Chandler-Golden
Pures Glück.
SMS von: Willa Chandler-Golden
An: Vanessa Pines
Gibt’s nicht.
SMS von: Vanessa Pines
An: Willa Chandler-Golden
Blödsinn!
SMS von: Willa Chandler-Golden
An: Vanessa Pines
Jemand hat gerade »unfreiwillige Nässe« vorgeschlagen. O Gott.
SMS von: Vanessa Pines
An: Willa Chandler-Golden
Du brauchst dringend einen neuen Job. Wo ist Hannah?
SMS von: Willa Chandler-Golden
An: Vanessa Pines
Krank. Derselbe Idiot sagt gerade »zufällige Feuchtigkeit«.
SMS von: Vanessa Pines
An: Willa Chandler-Golden
Der Typ muss gefeuert werden. Und Hannah ist nicht krank, sondern gehört in die Klapse.
Zum ersten Mal seit mindestens zwei Wochen wartet Shawn auf mich, als ich nach einem siebenstündigen Meetingmarathon mit den Windeltypen, in dessen Verlauf ich, sehr zum Unmut der Geschäftsführer, feststellen musste, dass es tatsächlich keine Möglichkeit gibt, aus Inkontinenzeinlagen einen sexy Lifestyle-Artikel zu machen, die Tür aufschließe.
»Hi, wie schön, dass du zu Hause bist«, begrüße ich ihn.
Shawn trinkt einen großen Schluck aus seiner Bierflasche und reckt zur Begrüßung flüchtig das Kinn in meine Richtung.
»Hey. O Mann, ich bin total fertig.«
Früher haben wir uns während der Woche jeden Abend im Deli an der Ecke, beim Chinesen oder sonst einer Kneipe getroffen, wo man für unter zehn Dollar ein Essen bekam. Wir diskutierten hin und her, bis wir endlich etwas auf der Speisekarte gefunden hatten, das uns beiden schmeckte, sodass wir teilen konnten. Jeden Abend saßen wir irgendwo, fünf Tage die Woche, komme, was da wolle, immer dicht nebeneinander in einer Nische oder an einem winzigen Ecktisch. Wir strahlten vor Selbstzufriedenheit und Stolz auf unsere neu gefundene Liebe, und die Leute rings um uns herum lächelten, als hätten wir sie mit unserer Euphorie über unser junges Glück angesteckt. Lucy, die Kassiererin unseres Lieblingschinesen, spendierte uns regelmäßig eine Runde Frühlingsrollen und meinte: »Sie so glücklich. Ich so glücklich.«
Nach einer Weile ließen die anfängliche Verliebtheit und die Euphorie nach und pendelten sich auf einen normalen, lauwarmen Beziehungsalltag ein, und die fünf Restaurantabende pro Woche fielen immer mehr der Bequemlichkeit zum Ofer. Wir versuchten nicht länger, uns gegenseitig mit zwanzigminütigen Knutschorgien zu beeindrucken, um ein Gratisfrühlingsröllchen spendiert zu bekommen, und der Sex wurde sterbenslangweilig, weil sich alles nur noch um meinen Eisprung drehte. Inzwischen hat unsere Beziehungsflaute offenbar ihren absoluten Tiefpunkt erreicht: Ich komme von der Arbeit nach Hause, er sitzt mit der Bierflasche in der Hand da, reckt vage das Kinn in meine Richtung und sagt: »Hey.«
Mein Vater würde sagen: Das ist der natürliche Lauf der Dinge. Man kann schließlich nicht ständig rammeln wie die Karnickel (im übertragenen, aber auch im wortwörtlichen Sinne), wir folgen nun einmal nicht mehr bloß unserem Instinkt. Daher ist die Tatsache, dass Shawn und ich nur noch zweimal pro Woche abends essen gehen, nicht weiter besorgniserregend. Zumindest bis zu der Sache mit dem Grape! nicht.
Ich bin so fasziniert von der Vorstellung (Karnickel! Wieso versuchen wir nicht wenigstens, ein klein bisschen wie die Karnickel zu sein), dass ich zu Shawn, der schon halb auf der Couch eingeschlafen ist, sage: »Los, lass uns doch auf einen Sprung ins Hop Lee gehen. Vielleicht schaffen wir’s ja, so lieb miteinander zu sein, dass Lucy uns ein paar Frühlingsrollen spendiert.«
»Noch mal rausgehen? Ich bin so fertig, dass ich mich noch nicht mal aufraffen kann, von der Couch aufzustehen. Können wir nicht einfach was bestellen?«
»Na gut.«
Mein kurzer Anfall von Abenteuerlust schrumpft in sich zusammen wie ein Ballon, aus dem jemand die Luft herausgelassen hat. Als wäre es kein rührender Liebesbeweis von ihm gewesen, mit mir ins Hop Lee zu gehen und so lange mit mir zu knutschen, bis wir etwas spendiert bekämen.
Möglicherweise spürt er meinen Unmut oder hört die Enttäuschung in meinem Tonfall, denn er knallt seine Bierflasche auf den Couchtisch, springt hoch, schlingt den Arm um meine Taille und kippt mich hintenüber wie Fred Astaire am Ende einer Tanznummer.
»Ach, was soll’s.«
»Wir gehen also doch?«, frage ich, noch immer mit durchgedrücktem Rücken und seiner Hand knapp über meinem Hintern.
Er drückt mir einen flüchtigen Kuss auf den Hals und zieht mich wieder hoch. »Das war mein maximalster Energieschub für heute Abend. Aber ich wollte nicht, dass du denkst, ich würde mich nicht für dich anstrengen.«
»Ich nehme es wohlwollend zur Kenntnis.« Ich lächle ihn an, völlig hingerissen von seinem spielerischen Charme. Vielleicht hat er ja meine Gedanken gelesen. »Und? Schönen Tag gehabt?«
Er lässt sich wieder auf die Couch plumpsen.
»Nicht übel. Ich habe den Auftrag von Wired2Go bekommen. Und ich kriege dasselbe Honorar wie für den Microsoft-Auftrag. Wie ist es mit deinen Kackhöschen gelaufen?«
»Beschissen.«
»Ha!« Er lacht aus tiefster Seele, etwas, das ich in letzter Zeit nicht mehr allzu oft erlebe.
Ständig ist er müde oder hockt über einem seiner Laptops oder sonstigen elektronischen Gerätschaften, die ihm mehr Zuwendung abverlangen als ich. Sie haben siebenundvierzig neue Nachrichten, die allesamt sofort beantwortet werden müssen, sonst explodiert dieses Mobilgerät wie eine Granate in Ihrer Hand! Keine Angst, Ihre Frau ist morgen früh auch noch da!
»Weißt du eigentlich, wie süß du aussiehst, wenn du lachst?«
»Lachen ist die beste Medizin«, kontert er, schnappt sich die Fernbedienung und zappt durch die Sender.
Ich krame die Lieferkarte des Hop Lee aus der Küchenschublade. »Ach ja, hast du Bargeld? Du hast meine Kreditkarten doch sperren lassen, oder?«
»Ja, ich hab angerufen. Keine neuen Buchungen. Wahrscheinlich ist sie gar nicht gestohlen worden, sondern du hast sie bloß verloren.«
Ich lausche auf den Hauch eines Vorwurfs in seinem Tonfall: Shawn hat seine Kreditkarte noch nie verloren. Für so etwas ist er viel zu penibel und gut organisiert. Seine Eltern sind beide Professoren am MIT, daher hat er Ordnung, Struktur, analytisches Denken und To-do-Listen quasi mit der Muttermilch aufgesogen – die perfekten Voraussetzungen für eine mühelose Laufbahn von der Grundschule bis nach Harvard. Er würde niemals den Reißverschluss seiner Tasche offen lassen oder in der U-Bahn seinen iPod herausziehen und so konzentriert Musik hören, dass er nicht mehr mitbekommt, was um ihn herum passiert. Ganz im Gegensatz zu mir, aber ich tue das nur, weil Achtzigerjahre-Heavymetal meine heimliche Leidenschaft ist, für die ich mich schäme und sie daher ausschließlich in der Gegenwart Wildfremder höre. Nein, Shawn ist der Inbegriff der Zuverlässigkeit und Vorhersehbarkeit, und deshalb würde er nie im Leben seine Kreditkarte verlieren.
Ich sehe zu, wie er sich auf die Couch fläzt und fasziniert eine National-Geographic-Dokumentation über die Stammesältesten eines afrikanischen Naturvolks verfolgt. In diesem Moment fällt mir der Grape!-Beleg wieder ein. Vielleicht ist er ja doch nicht so penibel, kalkulierbar und risikoscheu, wie ich immer dachte. Er und seine Freunde, die Könige des IT-Business, die ihre Börsengangtausender damit verpulvern, gertenschlanken Schönheiten in zu engen Tops Drinks zu spendieren … Eigentlich sieht das Shawn nicht ähnlich, andererseits lässt diese Quittung in meiner Jackentasche etwas anderes ahnen.
Ich starre an die Zimmerdecke und wünsche mir inbrünstig, wir könnten auf einen Sprung ins Hop Lee gehen und uns unsere Frühlingsrollen verdienen.
»Ich habe meine Brieftasche nicht verloren, sondern sie wurde mir gestohlen«, erkläre ich schließlich eine Spur schärfer, als ich vielleicht sollte.
»Das wäre nicht das erste Mal, Willa.«
Das stimmt. Seit wir zusammen sind, ist meine Brieftasche schon dreimal spurlos verschwunden.
Ehe ich mich verteidigen kann, erwacht Shawns Handy zum Leben und gibt dieses SMS-Summen von sich, das einen überallhin zu verfolgen scheint. (Wenn irgendwo auf der Welt eine Website abschmiert, und diese Computertypen können ihr Leid nicht via SMS klagen, würde mit der IT-Welt ernsthaft etwas nicht stimmen.) Er verstummt, liest und fängt an zu tippen.
Hallo? Waren wir nicht gerade mitten in einer Unterhaltung? Wieso ist dein Handy wichtiger als die Frühlingsröllchen?
»Amanda fragt, ob wir Nicky dieses Wochenende nehmen können.«
»Aber wir … na ja … okay.«
Er tippt bereits die Antwort.
»Shawn!« Wieder ist mein Tonfall schärfer als beabsichtigt … Vielleicht aber auch genauso scharf, wie ich ihn haben will. Seine fliegenden Finger erstarren, und er sieht auf. »Wir haben seit einem Monat kein Wochenende mehr zusammen verbracht«, fahre ich eine Spur sanfter fort. »Ich will ja nicht der Buhmann sein, aber …«
»Willa, wir sind alles, was er hat. Und du liebst Nicky doch.«
»Ich liebe Nicky, das stimmt«, räume ich ein.
Aber nicht mehr ganz so wie früher. Ein pubertierender Zwölfjähriger ist nämlich bei Weitem nicht so süß wie ein niedlicher Siebenjähriger. Im nächsten Moment verachte ich mich dafür, dass ich meine Liebe an Bedingungen knüpfe. Ich muss mich ernsthaft fragen, was das über mich und über meine Zukunft als Mutter aussagt. In diesem Moment läutet das Telefon, und augenblicklich hebt sich meine Laune. Das muss MasterCard sein. Ich wusste doch, dass meine Karte gestohlen wurde und ich sie nicht verloren habe!
Ich hebe ab.
»Hier ist die Abteilung für Kartenbetrugswarnung. Spreche ich mit Willa Golden?«
Eigentlich ist Golden ja Shawns Nachname. Bei unserer Hochzeit vor drei Jahren wollte ich meinen eigenen Nachnamen – Chandler – um jeden Preis ablegen, nachdem er mir wie ein Schatten, genauer gesagt wie der Schatten meines Vaters, gefolgt war. Aber obwohl ich wusste, dass Shawn mein Schicksal war, jener Mann, der »für mich bestimmt war«, konnte ich mich nie richtig daran gewöhnen. Golden … Ich wünsche mir so sehr, dass er ein natürlicher Teil von mir wird, trotzdem zögere ich bis heute, wenn jemand im Restaurant »Mrs. Golden!« ruft, und muss zweimal auf meinen Führerschein sehen, um auch ganz sicher zu sein. Shawn ist mein Mann. Ich bin seine Frau. Willa Golden. Als wäre das Chandler bloß die Zwischenphase in meinem Leben gewesen.
»Ja«, sage ich zu dem MasterCard-Typen. »Hier ist Willa Golden.«
»Wir haben verdächtige Bewegungen auf Ihrer Kreditkarte bemerkt und würden gern die Zahlungen mit Ihnen durchgehen.«
Ich sehe Shawn an und recke die Faust. Meine Kreditkarte wurde also doch gestohlen! Ich wusste es! Er erwidert meinen Blick achselzuckend.
Ich konzentriere mich auf das Telefonat.
Ja, denke ich dann. Ich hatte recht. Ich habe gewonnen!
Allerdings kann ich meinen Triumph nicht lange genießen, weil mir wieder einfällt, wie sehr ich Shawn liebe und dass es sich bei dieser Grape!-Sache um ein Missverständnis handeln muss und dass mein Dad das hier nicht als Sieg bezeichnen würde. Sondern schätzungsweise eher als Niederlage.
Später gehen Shawn und ich zu unserem gewohnten Donnerstagabendprogramm über: Essen vom Chinesen, dabei DareYou! gucken, ein absoluter Quotenrenner, bei dem die Kandidaten, angestachelt von ihren Konkurrenten und dem Moderator (einem blonden Kerl mit markantem Kiefer namens Slack Jones, der nach der x-ten Staffel längst zur traurigen Berühmtheit geworden ist), allerlei Mutproben bewältigen müssen. Am Ende kassiert der Gewinner 100.000 Dollar. Einige wenige bereiten sich ihr ganzes Leben auf die Teilnahme vor. Es gibt sogar eigene DareYou!-Foren, in denen sich die Leute darüber austauschen – zweifellos eine schräge Obsession, aber es gibt bestimmt noch viel schrägere.
Ich würde es zwar nie offen zugeben, aber ich sehe mir die Sendung an, weil ich wissen will, welche Auswirkungen Faktoren wie die Schwerkraft, Natur, Geschwindigkeit, die Drehkraft oder ein lockeres Seil im direkten Vergleich zu menschlichem Versagen haben können: Gelingt es den Kandidaten, ihre Angst so weit unter Kontrolle zu halten, um sich an einem über einem Abgrund gespannten Drahtseil entlangzuhangeln? Schaffen sie es, Nerven zu bewahren, während ihre unübersehbar unfähigen Partner aus einem Vulkankrater kraxeln müssen? Können sie sich so leise durchs Gestrüpp bewegen, dass die Berglöwen sie nicht bemerken? Bekommen sie ihren Würgereflex in den Griff, wenn man sie zwingt, einen Urin-Smoothie zu trinken?
Das ständige Wechselspiel zwischen den beeindruckenden Fähigkeiten der Kandidaten und ihrem himmelschreienden Unvermögen fasziniert mich so an diesem Format, auch wenn die meisten Leute es sich nur ansehen, weil sie Zeuge davon werden wollen, wie eine Handvoll Idioten sich komplett zum Affen macht.
»Okay«, sagt Shawn in der Werbepause, nimmt sich ein Frühlingsröllchen aus der Schachtel und beißt die Spitze ab. Fettige Krümel rieseln auf seine Brust. »Ich weiß ja, dass Nicky gerade eine schwierige Phase durchmacht, und ich weiß auch, dass du dir ein bisschen mehr Zeit für uns wünschst …«
»Du etwa nicht? Ich dachte immer, du magst unsere Wochenenden.«
»Du weißt genau, wie ich das meine.«
Ehrlich gesagt bin ich mir da nicht so sicher, denke ich. Grape! Das ist ja wohl der dämlichste Name aller Zeiten für eine Bar!
»Aber ich mach’s wieder gut, okay? Ich lasse mir etwas ganz Tolles, Romantisches für uns einfallen. Und so sexy, dass du die Finger nicht von mir lassen kannst.« Er lächelt, und ich lächle ebenfalls, wenn auch eigentlich nur, weil ich ihm so gern glauben möchte. Es war doch bloß eine lächerliche Quittung, ein winziger Beweis dafür, wo er gewesen ist. Grape! Bestimmt hat es rein gar nichts zu bedeuten. (Mein Dad würde jetzt sagen, dass nichts jemals nichts bedeuten kann. Alles bedeutet etwas, und alle Wege führen nach Rom, blablabla.) Ich verdränge den Gedanken, dass Shawn sich in puncto Sex und Romantik seit mindestens einem Jahr nichts mehr hat einfallen lassen (wegen des Microsoft-Auftrags. Hey, Mr. Gates, was tun Sie eigentlich so, um Ihre Frau glücklich zu machen?), und davor auch nicht viel häufiger, wenn ich ehrlich sein soll. Aber das ist völlig okay für mich, weil ich sowieso nicht der Typ für übertriebene Gefühlsduseleien bin. Wir essen gern chinesisch. Wir sehen uns gern DareYou! im Fernsehen an. Wir lieben unsere Couchlümmel-Donnerstagabende. Ich fände es zwar ganz nett, ein bisschen zu knutschen und uns die Frühlingsröllchen zu verdienen, aber Shawn braucht mich nicht nach Bali oder sonst wohin zu entführen, um seine Liebe zu mir unter Beweis zu stellen. Sich nicht abends in Clubs herumzutreiben und mich anzulügen würde schon reichen. Zumindest für den Anfang.
Er streckt die Hand aus und drückt meine Wade, dann erscheint Slack Jones und verkündet die erste Aufgabe der heutigen Folge, die darin besteht, dass ein Pärchen in ein Nest voller Vipern abgeseilt wird. Wenn es den beiden gelingt, ganz stillzuhalten, werden die Schlangen sie in Ruhe lassen. Wenn nicht, na ja … Es gibt einen Arzt auf dem Gelände. Tatsächlich ist letztes Jahr ein Kandidat bei einem Ringkampf mit einem Grizzly umgekommen, allerdings hat der Sender darauf gepocht – und sich dadurch eine drohende Klage vom Hals geschafft –, er sei im Vorfeld per Vertrag darüber aufgeklärt worden, dass die Teilnahme auf eigene Gefahr erfolge.
»Gab’s das nicht schon mal?«, fragt Shawn.
Er stopft sich das restliche Stück Frühlingsrolle in den Mund, sodass sich seine Backen wölben, und grinst ohne den Anflug eines schlechten Gewissens. Ich kenne diese Backenhörnchennummer. Er hat sie gleich bei unserem zweiten Date abgezogen und mich damit so zum Lachen gebracht, dass ich mich an meinem Wein verschluckt habe. Izzy hat völlig recht: Shawn ist die große Ausnahme in der IT-Welt. Mit seinen grünen Augen, dem kastanienbraunen Dreitagebart und dem markanten Kiefer, neben dem Slack Jones gnadenlos abstinkt, ist er viel zu attraktiv, um hinter irgendeinem Computerbildschirm zu versauern.
»Ja, aber letztes Mal waren es Klapperschlangen«, antworte ich und lasse meinen Blick bewundernd über sein Gesicht schweifen.
In Wahrheit habe ich nie ganz verstanden, dass ein Mann wie Shawn ausgerechnet mit mir zusammen sein will, abgesehen davon, dass wir füreinander bestimmt sind. Vanessa meint, ich habe ein massives Problem mit meinem Selbstwertgefühl und müsse dringend zum Therapeuten, aber mir reicht schon die Gewissheit, dass er sich für mich entschieden hat und damit alles so gekommen ist, wie es das Universum wollte. Sie hat mir sogar die Kontaktdaten ihres Lieblingstherapeuten gegeben, aber die SMS blieb zwei Wochen unbeachtet in meinem Posteingang, bevor mein Handy sie automatisch gelöscht hat.
Ich sauge mir eine Nudel in den Mund. »Wie war’s eigentlich gestern Abend beim Spiel?«, platze ich heraus, obwohl ich vor zwei Minuten noch Stein und Bein geschworen habe, dass es unwichtig ist.
»Gut«, antwortet er und sieht wieder in den Fernseher. »Scheiße, die Frau im Roten versaut es komplett.«
»Wer hat gewonnen?«
»Es hat doch gerade erst angefangen.«
»Nein, ich meinte das Spiel.«
»Oh.« Er sieht mich kurz an, dann wendet er sich wieder dem Bildschirm zu, wo tatsächlich eine Kandidatin so heftig zittert, dass die Regie schätzungsweise bald einen Seismologen einschalten muss. »Wir haben nicht mitgezählt, sondern bloß ein bisschen rumgeballert … du weißt schon. Ein paar Jungs waren krank, deshalb haben wir nur ein bisschen Dampf abgelassen.«
»Hmmm.«
Eigentlich liegt mir etwas anderes auf der Zunge. Am liebsten würde ich seine Lüge entlarven, mit der Quittung vor seiner Nase herumwedeln und »Ha!« rufen, aber ich verkneife es mir. Damit würde ich nur eine riesige Welle auslösen, und auch wenn mein Vater anderer Meinung sein mag, ist es manchmal besser, nicht alles zu wissen. Die Gewissheit kann eine echte Belastung sein.
»Heiliger Strohsack!«, brüllt Shawn.
Die Frau in Rot, übermannt von ihrer Angst, schreit wie am Spieß, und keiner weiß, ob die Vipern erst jetzt ihre Schwäche bemerken und deshalb zuschlagen oder ob die Ärmste in Wahrheit schon geliefert war, noch bevor sie überhaupt in die Grube gestiegen ist.
Shawn hebt die Hand zum Highfive. Ich klatsche mit gespielter Begeisterung ab, und es drängt sich mir die Frage auf, was schlimmer ist: die gefakte Realität im Fernseher oder die echte Realität, die mir womöglich schon bald ins Gesicht schlagen wird.
3
Später schläft Shawn auf dem Sofa ein, in der Hand immer noch sein Handy, das von Zeit zu Zeit erbebt, wenn eine SMS oder eine Mail oder sonst eine wichtige Eilmeldung aus der Welt des Internets eingeht, die niemals schläft. Ich sehe ihm eine Weile zu – einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Es ist nicht nur sein gutes Aussehen, das ihn so anziehend macht, nein, das Äußere ist lediglich der Teil von ihm, der Mädchen wie Izzy als Erstes ins Auge sticht. Abgesehen davon hat er etwas Magnetisches, ganz ähnlich, wie man es auch von Superstars kennt. Den »flotten Dreier« nennt Vanessa dieses Phänomen, diese Mischung aus gutem Aussehen, Köpfchen und dem gewissen Etwas. Und dabei konnte sie ihn nie so gut leiden, wie ich es mir von meiner besten Freundin wünschen würde. Sein Geheimnis ist die Art, wie er einen ansieht, die Verlässlichkeit in seinem Blick, diese Stabilität.
Wieder summt sein Handy, und er regt sich. Für den Bruchteil einer Sekunde schäme ich mich dafür, dass ich ihn so offen anstarre. Ist meine Sehnsucht nach ihm schon so groß, dass ich allein vom Anblick seiner welligen Haare und seines schlaksigen Körpers weiche Knie bekomme?
Ich trete neben ihn und berühre seine Schulter.
»Shawn, komm ins Bett. Es ist schon spät.«
Er brummt im Schlaf und dreht den Kopf weg.
»Komm, Shawn. Zeit, ins Bett zu gehen.«
Seine Lider heben sich flatternd, und er sieht mich an.
»Ist es wieder so weit? Müssen wir?«
Er greift nach seinem Handy, will den Ovulationskalender aufrufen. Er glaubt, ich wecke ihn, damit wir Babysex haben können. Ist es schon so weit gekommen? Bin ich zu seiner Ehefrau mutiert, die nur noch mit ihm schlafen will, weil sie sich ein Baby wünscht?
»Nein. Komm einfach nur ins Bett.«
»Fünf Minuten«, murmelt er und ist bereits wieder in seinen Traum geglitten.
Ich warte noch einen Moment, in der Hoffnung, dass er noch einmal wach wird, aber er tut es nicht. Ich lösche die Lichter im Wohnzimmer und sage mir, dass es eigentlich gar nicht so übel ist, allein zu schlafen, zumindest ab und zu. Im Türrahmen drehe ich mich noch einmal zu ihm um. Ich kann nur hoffen, dass dies nicht der Beginn einer viel tieferen Kluft zwischen uns ist.
Shawn und ich versuchen schon seit sieben Monaten, ein Baby zu bekommen. Nach der Hochzeit haben wir uns überlegt, wie alles laufen soll – besser gesagt, Shawn hat das getan, und ich habe zugehört und seine Pläne abgenickt. Wir haben sogar ein Diagramm angelegt, weil wir beide im Grunde unseres Herzens die geborenen Diagrammmenschen sind und Ordnung brauchen. Wir haben uns darauf geeinigt, erst einmal zwei oder drei Jahre zusammenzuleben, um herauszufinden, wer wir sind, als Paar, und dann wollten wir ein Kind bekommen, kurz darauf das zweite, bevor wir uns einen Hund zulegen und ein Haus mit einem hübschen weißen Zaun kaufen würden, wo wir bis zu unserem Lebensende glücklich wären.
Oder so in der Art.
Und so wie Shawn sich alles zurechtgelegt hatte, klang unsere Lebensplanung absolut einleuchtend: Er würde dicke Aufträge an Land ziehen, wir würden Geld auf die hohe Kante legen, um unbesorgt leben zu können, und wenn die Zeit reif war, könnte ich meinen Job aufgeben (natürlich nur, wenn ich das wollte, meinte er) und zu Hause bei den Kindern bleiben oder vielleicht ein Ehrenamt in der Bibliothek übernehmen. Ich nickte und sagte zu allem Ja und Amen. Ich mag Kinder, und auch wenn ich vielleicht nicht diesen übermächtigen Drang verspüre, Mutter zu werden (was bei meinen übermäßig rationalen und nüchtern denkenden Eltern kein Wunder ist), ist es doch der Sinn und Zweck einer Ehe, eine Familie zu gründen. Außerdem ist Shawn der perfekte Onkel für Nicky und kann meine elterlichen Defizite garantiert locker wettmachen.
Und jetzt stecken wir mittendrin. Planmäßig. Nur mein Bauch spielt nicht mit. Sieben Monate lang nichts. Sieben Monate der Vorfreude, der Erwartung. Und dann der Periode. Ich habe Vanessa erzählt, ich sei drauf und dran, Clomifen einzuwerfen, woraufhin sie mir Horrorgeschichten von Frauen auftischte, denen ein Bart wuchs. Ein richtiger Vollbart, sagte sie, obwohl ich zu 99 Prozent sicher bin, dass sie das nur erfunden hat, weil sie schuldenfrei ist, im Augenblick freiwillig Single und es zwar meistens gut mit mir meint, gelegentlich aber einen gewissen (in für eine Freundin erträglichem Rahmen) Egoismus an den Tag legt. Dann erzählte ich es meiner Mutter, die nur seufzte und, da wir ja alle über Jahrzehnte hinweg der Gehirnwäsche meines Vaters unterzogen wurden, genau das laut aussprach, was ich ohnehin bereits gedacht hatte: »Vielleicht soll es ja einfach gerade nicht sein.«
Dann, vor vier Tagen, zeigte sich nach sieben endlosen Monaten endlich ein hellrosa Streifen auf dem Schwangerschaftstest. Und ich registrierte ein leises Ziehen im Bauch, als könnte ich das Baby bereits spüren, diese winzige Bohne, die in mir heranzureifen begann. Und heute Morgen – war es tatsächlich erst heute Morgen? – setzte meine Periode ein, und mir ging auf, wie blöd es von mir gewesen war, so vorschnell zu sein und mir einzubilden, ich hätte dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen.
Scheiße. Ich hasse es so sehr, wenn mein Vater recht hat.
Allein. Vielleicht bin ich genau das bald häufiger, als wir gedacht hätten.
Ich schließe die Schlafzimmertür und setze mich mit meinem Laptop aufs Bett. Er fährt hoch, ich schiebe mir ein Kissen in den Rücken und klicke meine Lesezeichenleiste an. Als ich die Facebook-Seite aufrufe, beschleunigt sich mein Puls, so als würde ich etwas Verbotenes tun, als wüsste ich ganz genau, dass ich es nicht tun darf. Vielleicht ist es ja auch so.
Ganz oben über meinem Profil prangt Theodore Bracktons Freundschaftsanfrage, leuchtend wie ein Atompilz. Denn obwohl Shawn mein Schicksal ist, frage ich mich ab und zu (in letzter Zeit sogar häufiger), ob das Schicksal auch ganz anders hätte kommen können. Ob ich die Sterne womöglich fehlinterpretiert habe, ob sie versehentlich in der falschen Reihenfolge gestanden haben, ob vielleicht alles anders hätte kommen können.
Ich schiebe die Maus auf die Anzeige.
Annehmen.
Ablehnen.
Ignorieren.
ENDE DER LESEPROBE
