vom Zufall geküsst - Jonathan Schoppa - E-Book

vom Zufall geküsst E-Book

Jonathan Schoppa

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Beschreibung

Nicht daran zu glauben, bedeutet nicht, dass es nicht existiert. Der Mensch glaubt nichts, was er nicht selbst erlebt hat. New York City: Zufall passiert, Schicksal bestimmt. Der Roman »vom Zufall geküsst« erzählt die Geschichte eines erfolgreichen, jungen Mannes, der durch einige Entscheidungen sein Leben drastisch verändert. Anlass zur Veränderung ist der Zufall, verkörpert durch die lebensfreudige, charismatische Clair. Das junge Liebespaar lässt die Stadt hinter sich. Die Erzählung spielt auf einer weltumfassenden Bühne - eine Reise um die Welt beginnt, auf der Suche nach dem Glück. Der Protagonist erwacht weggesperrt hinter eisernen Gittern. Gibt ihm das Schicksal eine zweite Chance oder endet seine Suche in dieser Zelle? »Liebe, innige Liebe, vergängliche Liebe, die Schwierigkeiten des Lebens, folgenschwere Entscheidungen, Selbstfindung auf dem Weg zum Glück und alles versehen mit einem Hauch Zufall.«

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Seitenzahl: 308

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Wer sucht, findet zwischen tausend Wörtern Millionen Welten.

Für Mama, Papa, Sophie und A.

Ich blickte in ihre Augen; das eine grüner als die Hoffnung höchst persönlich, das andere so blau wie die ägäische See im Antlitz der unvermeidbaren göttlichen Wut des Poseidons.

Und beide dem endlosen Universum gleich.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Teil

Kapitel I: Alltag

Kapitel II: Rückblick

Kapitel III: Tycoon

Kapitel IV: Erster Brief

Kapitel V: Ich

Kapitel VI: Rücktritt

Kapitel VII: Sie

Kapitel VIII: Zweiter Brief

Kapitel IX: Wir

Kapitel X: Sonne

Kapitel XI: Mond

Teil

Kapitel I: Zurück

Kapitel II: Fort

Kapitel III: Auf Geschäftsreise

Kapitel IV: Familie

Kapitel V: Zusammen

Kapitel VI: Dritter Brief

Kapitel VII: Allein

Teil

Kapitel I: Nach Hause

Kapitel II: Seine Augen

Kapitel III: Vierter Brief

Teil

Kapitel I: Ihre Augen

Prolog

New York City, 8. August 2016

Eintönig, drückend heiß. Die Hitze schwebte flimmernd über dem Asphalt und gelbe Taxis schoben sich aus dem Nichts, einer Fata Morgana ähnlich, durch die wabernde Wand aus Hitze und Abgasen.

Meine Wenigkeit fand ich in einem kleinen, engen Wartezimmer wieder, das von einem Ventilator an der Deckenmitte kärglich gekühlt wurde. Das Geräusch des unrund laufenden Ventilators störte meine Aufmerksamkeit.

Mir stand der Schweiß auf der Stirn und ich spürte, wie mein Hemd an meinem Rücken kleben blieb. Ich rutschte bis an die Kante des Stuhles um so wenig wie möglich mit der Lederoberfläche in Kontakt zu kommen. Mein schweißiges Leid teilte ich mit einem weiteren Mann, der seinem Äußeren nach zu urteilen, etwas jünger als meine Persönlichkeit zu sein schien. Dennoch, er erinnerte mich an jemanden, den ich sehr gut kannte.

Aus Scham erkannt zu werden, hielt ich mein Gesicht mit einem vom Zeitungsstapel wahllos gewählten Magazin bedeckt und tat so, als wäre ich in einen interessanten Artikel vertieft. Ich blätterte durch die Zeitschrift und überflog die großen Überschriften und Schlagzeilen und schaute mir einige, über eine Doppelseite gedruckte, bunte Bilder an. Bilder von großen, weißen Yachten, imposanten Villen mit Meerblick und den schönsten tropischen Inseln umgeben von türkisblauem Wasser, die einem jedem Besucher das Paradies auf Erden darboten. Bilder einer längst vergessenen Liebe, ein sich küssendes Paar, das glücklicher nicht hätte sein können, stand sich nun im Gerichtssaal gegenüber. Typischer Klatschblatt-Inhalt. Eines von diesen Bildern ließ mich innehalten. Es war anders als die anderen. Es passte nicht zu den anderen. Es war wie gemalt, gezeichnet von göttlicher Hand und Perfektion in den schillerndsten Farben des Regenbogens. Hauptsächlich dominierten Grüntöne und das strahlende Blau des Himmels. Das Bild hinterließ einen spontanen, natürlichen Eindruck, es war nicht gestellt wie der Großteil der anderen Fotos.

Das Bild zeigte eine braunhaarige Frau, die ein weißes Sommerkleid mit blauen Farbakzenten trug. Ihr espressobraunes Haar wies einige von der Sonne geküsste Strähnen auf. Sie trug ihr Haar offen und der leichte Wind spielte damit, gebändigt wurde es von einem hellen Sommerhut mit blauer Schleife. Ihren Blick hatte sie in die Ferne gerichtet, sie war vom Betrachter abgewandt. An ihrem Rockzipfel klammerte sich ein kleines Mädchen fest, das sich in den Rockfalten des Sommerkleides zu verstecken versuchte. Wer ist diese Frau? Ich hatte den Eindruck, diesen Park zu kennen. Ich konnte jedoch in der gesamten Zeitschrift keine Angaben zu diesem Bild finden. Ich blätterte die gesamte Zeitschrift durch. Und ein weiteres Mal. Letztendlich nutzte ich einen kurzen Augenblick der Unachtsamkeit des jungen Mannes gegenüber aus und riss die beiden Seiten behutsam aus dem Magazin. Zusammengefaltet verschwand das Bild in meiner Hosentasche. Der Rest des Magazins interessierte mich nicht weiter. Ich legte es zurück auf den Stapel zu den anderen.

Was mich aber tatsächlich noch interessierte, war das auf ein dunkelblaues Klemmbrett gespannte Formular auf dem Stuhl neben mir, welches mir zum Unterzeichnen ausgehändigt worden war. Am linken unteren Ende des Formulars stand mein vorgedruckter Name mit dem heutigen Datum unter einer langen schwarzen Linie mit gehörig viel Platz für meine Signatur, mit der ich einer Vielzahl von Bedingungen und Verzichten zustimmte beziehungsweise darauf verzichtete.

Der Kugelschreiber lag schreibbereit auf dem Formular und wartete nur darauf weitere Buchstaben und Wörter zu schreiben. Als ich das Formular und den Kugelschreiber aus dem Winkel meiner Augen streifte, fragte ich mich, was mich eigentlich daran hinderte, es nicht schon längst unterschrieben zu haben. Also faltete ich die Zeitung zusammen, legte sie beiseite und griff nach dem Klemmbrett samt Kugelschreiber.

Ich überflog es kurzer Hand und blieb wie schon davor am dreizehnten Absatz hängen, der sich mit dem Verzicht auf die Kontaktaufnahme, sowie auf das Recht auf die Bereitstellung der Informationen des Empfängers meiner Samenspende befasste.

Nichtsdestotrotz tat ich es meinem Gegenüber gleich und unterzeichnete schwungvoll das Formular und legte es wieder auf den Stuhl neben mir. Ich wartete weitere fünf Minuten, die Luft schwebte im Raum, ab und zu streifte mich ein winziger Windhauch des Ventilators, vergeblich, die Schweißperlen verrieten mich. Die jüngere Frau von der Anmeldung trat in das Wartezimmer und nahm dankend mein Formular und das meines Gegenübers entgegen, wobei sie mir sichtlich erleichtert zulächelte, da ich nun endlich beim dritten Versuch unterzeichnet hatte. Sie teilte mir mit, dass ich ihr folgen sollte und den Mann gegenüber bat sie um etwas zusätzliche Geduld bis ihre Kollegin zu ihm kommen würde.

Janina. Die junge Frau hieß Janina und war 24 Jahre alt, hatte blondes langes Haar und ein liebevolles Gesicht. Sie führte mich durch eine Tür neben der Anmeldung in einen hell erleuchteten Gang zu dessen beiden Seiten sich jeweils zwei weitere Türen befanden. Vor der ersten Tür zu ihrer Linken blieb sie stehen und öffnete diese. Ich schaute mich in dem kleinen, steril wirkenden Raum um. Sie zeigte auf einen kleinen Tisch in der Mitte des Raumes, auf dem sich ein durchsichtiger Plastikbecher mit gelbem Deckel, Tücher und einer Schritt-für-Schritt-Erklärung lag, sowie einem Stapel anzüglicher Magazine.

Sie erklärte mir, dass ich die Tür hinter mir verschließen, das Anleitungsblatt durchlesen und mir so viel Zeit nehmen sollte, wie ich bräuchte. Ich sagte nichts und lächelte ihr nur höflichkeitshalber dankend zu.

Ich nahm auf dem mit einer Plastikfolie abgedeckten, gepolsterten Stuhl Platz und schaute mir das Anleitungsblatt flüchtig an um es wenige Augenblicke später wieder auf den Tisch zurückzulegen und es gegen eines dieser Magazine mit einer äußerst leichtbekleideten Frau auf dem Cover zu tauschen. Ich begann darin zu blättern.

Nach einer ungewissen Zeit - ich hatte wohl in dem kleinen, sterilen Raum jegliches Zeitgefühl verloren - wusch ich mir die Hände und trat aus dem kleinen Zimmer, zog die Tür hinter mir zu und ging zur Anmeldung, wo ich nun mit einer anderen jungen Dame vorlieb nehmen musste. Ich teilte ihr meinen Namen mit und überreichte ihr einen Aufkleber, auf dem ein Barcode, ein Datum und mein Name stand, das Gegenstück zu dem Aufkleber, der auf dem kleinen Plastikbecher zu finden war.

Daraufhin verabschiedete ich mich. Sie informierte mich noch im Hinausgeleiten, dass sich das Institut bei mir postalisch melden würde, wenn meine Samenspende erfolgreich für einen Fortpflanzungsversuch verwendet wurde.

Die Glastür schob sich auf. Ich wurde von einer Wand aus schmelzender Hitze, Abgasen und dem kläglichen Orchester jedmöglicher Verkehrsmittel, die hupend im Stau an roten Ampeln stehend ein Meer aus metallenen Wellen in allen möglichen Farben darboten, empfangen.

Die Hitze stieg mir allmählich zu Kopfe, weshalb ich die Ärmel meines Hemdes hochkrempelte und die beiden obersten Knöpfe umständlich mit einer Hand öffnete. Ich gliederte mich in den Menschenfluss des hektischen Treibens jener Großstadt ein, der mich ohne jegliches Interesse aufnahm.

Einige Häuserblocks weiter riss ich mich los und bog in eine Seitenstraße ein, die geradewegs auf den Central Park zuhielt. Ich erhoffte mir eine kühle Brise im Schatten eines großen Baumes, die mich wenigstens etwas erfrischen würde.

Auf dem Weg ins Innere der grünen Oase, inmitten einer grauen Betonwüste, kaufte ich mir eine Kugel Zitroneneis an einem kleinen Verkaufsstand, das schneller schmolz, als ich es genießen konnte, weshalb die Hälfte auf den Boden tropfte und sich eine Spur aus klebrigen weißen Tropfen hinter mir herzog. Kein Wunder, dass das Polareis schmilzt. Ich schritt über die hölzerne Bow Bridge, auf deren Mitte ein nettes Pärchen stand und sich über das Geländer lehnend unterhielt. In der Ferne, hinter dem grünen Sommerkleid der Bäume, ragten die Häusergiganten der Upper West Side in die Höhe. Sie schienen glücklich zu sein, zumindest für diesen Moment. Glück sollte man teilen.

Weiter. Ich spazierte den kleinen Weg entlang und drehte mich kurz um, bevor ich mich an den Aufstieg, über einen versteckten Trampelpfad, hinauf auf meinen kleinen Hügel machte. Ich schob die Zweige zur Seite, damit sie mir nicht ins Gesicht schlugen und meine Kleidung verschonten. Das Blätterwerk lichtete sich und vor mir eröffnete sich die schönste Aussicht über die südliche Hälfte des Central Park in Richtung Downtown.

Erschöpft setzte ich mich unter den einzigen freistehenden Baum, der mich komplett in einen kühlenden Schatten hüllte und vor den beißenden Strahlen der glühenden Sonne schützte.

Das Beste an meinem geheimen Plätzchen, war zwar auch die wohltuende, kühlende Brise, die einem durchs Haar fuhr, aber die Tatsache, dass man den Platz und insbesondere mich nicht von unterhalb des Hügels sehen konnte, denn das ringsherum wuchernde Gestrüpp schützte vor neugierigen Blicken und lästigen Touristen, die einen auf der Suche nach dem perfekten Bild für jegliche sozialen Medien stören könnten. Dieses kleine Paradies war wohl mein Stück vom Glück, wie mir nun auffiel.

Gedankenverloren ließ ich meinen Blick über die rauschende See aus grünen Blättern schweifen. Ich genoss jeden einzelnen Moment der ruhigen Stille. Nur vereinzelt drang ein Fetzen vom Stadtlärm durch das dichte, sonst undurchdringliche Blattwerk an mein Ohr, was mich allerdings nicht weiter störte.

Ich entfaltete die beiden Zeitungsseiten und betrachtete das Kunstwerk aus verschiedenen Blickwinkeln. Central Park.

I

Alltag

Ein Menuett aus verschieden klingenden Melodien, die Tonleiter auf- und abfahrende Tonlagen spielend, erschallte jeden Tag pünktlich zum Glockenschlag, um sieben Uhr. Der Wecker versuchte von sich zu überzeugen, jeden Tag aufs Neue. Jedoch kam ich dem Wecker zuvor und wachte wie jeden Morgen, schon vor dem Chronometer auf. Jetzt wartete ich spannungserfüllt wie ein in der ersten Reihe sitzender Opernenthusiast, auf dessen ersehntes Konzertstück.

Schwungvoll warf ich die Decke zur Seite, setzte mich auf und griff nach der Fernbedienung für die elektrischen Rollläden meines Apartments. Sofort wurde die gesamte Wohnung vom Sonnenlicht durchflutet und in jedem erreichbaren Winkel erhellt.

Ich schaute dem Lichtspiel aus tanzenden Sonnenstrahlen, die sich durch die Lamellen der Rollläden quetschten und ein Wirrwarr aus Lichtstreifen an den Wänden hinterließen, so lange zu, bis sie gänzlich verschwanden und der gesamte Raum gleichmäßig beleuchtet war.

Auf dem Weg ins Bad blieb ich an den großen, bodentiefen Fenstern stehen und schaute hinaus auf die Skyline von New York und anschließend hinab auf die kleinen Menschen und Fahrzeuge, die wie Spielzeugautos aussahen.

Ich streckte mich. Im Bad wusch ich mir das Gesicht, ging auf die Toilette und zog mir den Morgenmantel über. Auf dem Weg in die Küche scrollte ich durch mein Smartphone. Ich bereitete mir einen aromatischen Kaffee und ein kleines Frühstück zu, wie jeder Mensch auch, der sich alltäglicher Normalität bediente. Währenddessen las ich in der New York Times den Artikel auf dem Titelblatt. Jedoch legte ich die Zeitung relativ schnell wieder beiseite. Ich las wie immer nur zwischen den Zeilen, wenn mich etwas nicht komplett interessierte.

Während ich im Stehen meinen Kaffee trank, starrte ich an die weiße Wand hinter dem Küchentresen. Die Bilder wechselten vor meinem geistigen Auge durch, aneinandergereiht und abgehackt wie bei einer Präsentation mit einem Diaprojektor. Einige Bilder waren verschwommen und nicht ganz deutlich, andere zeigten nur eine schwarze, einheitliche Fläche. Bilder einer ausgelassenen Feier, einer Vielzahl von geleerten Flaschen, Champagner, Wodka sowie Bilder von Gesichtern, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Ich musste den gesamten Sonntag verschlafen haben. Mein Smartphone lag auf dem weißen Marmor des Küchentresens mit dem Bildschirm nach unten. Es vibrierte. Ich griff danach und drehte es um. Eine Benachrichtigung meines Kreditinstituts. Die Gesichtserkennung entsperrte den Bildschirm, die Bank-App öffnete sich. Ich blickte auf den Kontostand und auf die darunter aufgelisteten Ausgaben. Das Tages-Resümee von Samstag und Sonntag belief sich auf eine fünfstellige Zahl. Ich blinzelte und rieb mir die Stirn. Ich scrollte durch die Fotos in der Bildergalerie. Die schwarzen Lücken der Diashow füllten sich allmählich. Frauen mit langen blonden Haaren in schwarzen, kurzen Abendkleidern; je zwei auf einer Seite in meinen Armen. Bilder mit einigen berühmten Persönlichkeiten, die sich im VIP-Bereich der bekanntesten Clubs der Stadt die Nacht um die Ohren schlugen. Ich musste grinsen. Das Smartphone verschwand in der Außentasche meines Morgenmantels. Mit jedem weiteren Schluck des braunen Gebräus schärften sich meine Sinne. Die Tasse leerte sich und am Boden blieb der Rest des Kaffeesatzes zurück, ein seltsames Gebilde. Ich drehte die Tasse und betrachtete den Rest meines Kaffees aus verschiedenen Perspektiven. Es sah aus allen Richtungen gleich aus. Eine Acht bleibt wohl immer eine Acht.

Mein Blick wanderte mein Handgelenk entlang und kam auf dem Zifferblatt meiner Armbanduhr zur Ruhe - es war Viertel vor Acht. Verdammt! Noch fünfzehn Minuten. Duschen, anziehen, Sachen zusammensammeln, Haare kämmen. Genau eine Minute vor acht Uhr zog ich meine Schuhe an und schnürte sie zu. Ich war wieder im hektischen Alltag einer nie stillstehenden Großstadt angekommen.

Ich riss die Tür auf und sah eben noch, wie Lisa ihren Zeigefinger ausstreckte und die Klingel drücken wollte.

Überrascht schaute sie auf.

»Da bist du ja! Woher die Pünktlichkeit?«

Ich grinste sie an.

»Einfach mal was Neues ausprobieren.«

»Hast du gut geschlafen?«, ihr Blick verriet mir den Hintergedanken, den sie dabei hegte.

»Wie ein Bär im Winter.«

Wir gingen zum Aufzug und fuhren nach unten in die Tiefgarage, währenddessen hielt Lisa einen Vortrag über die wichtigsten Neuigkeiten des amerikanischen Marktes. Sie erzählte von Verschmelzungen mehrerer kleiner Konzerne zu einer größeren Gesellschaft, von der Insolvenz eines großen, multinationalen Unternehmens und natürlich von den aktuellen Finanzen und dem aktuellen Stand der Marktkapitalisierung meines eigenen Unternehmens. Sie schaute immer wieder auf ihr Smartphone, als würde sie all das von diesem Ding ablesen.

In der Garage wartete schon der Chauffeur auf uns, wir stiegen ein und fuhren los. Die Straßen von New York City waren wie immer vollgestopft, die Luft flimmerte zwischen den Autos, doch hier drin war es schön kühl und ruhig.

Ich lehnte mich in meinem Sitz nach hinten, schaute aus dem Fenster den vorbeifahrenden Autos nach und fragte mich, wer sich wohl hinter den dunkel getönten Scheiben versteckte. Verloren in meiner Welt aus Gedanken und Überlegungen, spürte ich eine Berührung an meiner Schulter und ich vernahm allmählich, wie Lisas Stimme zu mir durchdrang.

»Hey, ich dachte du hättest ausreichend geschlafen, oder schläfst du nun auch mit offenen Augen?«

Ich musste wohl ihren Vortrag, bestehend aus belanglosen, sehr wichtigen Informationen verpasst haben, denn sie sah mich mit ihren zusammengekniffenen Augen äußerst streng an.

Ich wusste, dass ich mich auf dünnem Eis bewegte, das beim nächsten, auch noch so kleinen Scherz, in tausend Teile zerbersten würde. Also sah ich sie mit meiner Unschuldsmiene an und bat mit meinem Blick um Vergebung.

»Entschuldige, was habe ich gerade verpasst? Ich war mit meinen Gedanken schon beim nächsten Meeting und habe mir eine Strategie für die Anwerbung neuer Investoren überlegt, die uns bei der Akkreditierung kleinerer Tochtergesellschaften unterstützen sollen und uns so finanzielle Stabilität liefern, ohne, dass wir unseren eigenen Kapitalwert verringern müssen, wodurch wir wiederum finanziell unabhängig bleiben.«, mit jedem weiteren Wort, die Wassertropfen glichen und insgesamt zu einem unaufhaltsamen Wasserstrom wurden, weiteten sich Lisas Augen und sie sah mich mit erstaunter Miene an.

»Ähm… was? Ich, ähm. Ich wollte dir nur über die Fusion von Horizon Inc. und VisualS Co. erzählen und wie sich dies auf unseren Kundenkreis auswirken könnte.« Ich verdrehte die Augen, denn ich wusste sofort worauf Lisa hinauswollte.

Seit einigen Wochen drängte der Vorstand zu einer Fusion mit einer weiteren Gesellschaft, die dann am Weiterentwicklungsprozess teilhaben und so unseren Fortschritt beschleunigen sollte, doch sah dies für mich mehr nach Humbug aus als nach einer Beschleunigung von Fortschritt.

II

Rückblick

Ein kleiner Funke, ein Lichtblick in der Dunkelheit, entfachte einen unaufhaltsamen Brand. Ein kleiner Gedanke, der sich in meinem Hinterkopf eingenistet hatte, wartete auf seinen Moment. Jedoch fehlte das Wichtigste noch, um den kleinen Gedanken zu einem großen, ausgereiften, komplexeren Gedanken zu machen.

Vor acht Jahren.

Der Funke sprang über an einem sommerlichen Abend am Lagerfeuer auf dem Geburtstag einer Freundin am See mit Bier, feurigem BBQ und lauter Musik. Der Gedanke war bis dato noch nicht fertig, doch nun fehlte das entscheidende Puzzleteil nicht mehr, es lag vor mir, ich musste es nur noch aufheben und in das restliche Puzzle einfügen.

Ich ging ohne mich zu verabschieden und sogar vor Mitternacht. Um mein schlechtes Gewissen zu besänftigen tippte ich die flüchtigen Geburtstagswünsche in mein Mobiltelefon ein. Die SMS wurde versandt und flog in Form kleiner Nullen und Einsen durch den Raum. Ihr wird eine getippte SMS nicht genügen. Ich hatte Größeres vor als eine Geburtstagsparty.

Mehrere Tage blieb ich daheim, viele Nächte blieb ich wach. Ich ließ mich nicht in der Schule blicken und reagierte nicht auf die Anrufe meiner Freunde. Ich saß an meinem Laptop, den ich seither nicht mehr vom Netz nahm, weil ich Tag und Nacht schrieb. Ich schrieb Codes, kleine zusammengesetzte Befehle aus Buchstaben und Zahlen und Sonderzeichen, die ein Gewirr aus Absätzen, Zeilen von Eins aufwärts und Blöcken darstellten und später mal, so war ich felsenfest überzeugt, ein funktionierendes, essentielles Programm ergeben würden.

Nach neun Tagen, in denen ich nur mit meinem Bruder und meiner Mutter Kontakt hatte und mich mit ihr auseinandersetzen musste, weshalb ich nicht in die Schule ging und mein Leben nur in diesem dunklen, zugemüllten und miefenden Zimmer verbrachte, anstelle draußen etwas mit meinen Freunden zu unternehmen wie jeder normale Teenager - ja das sagte sie andauernd von den anderen, dass sie normal wären, doch was ich bin, sagte sie nie. Ich sei nicht normal, nie würde ich das werden, wenn ich so weiter machen würde wie ich bis jetzt hier und da vor mich hin in den Tag lebe und nichts für die Zukunft plante - rief ich sie an.

Meine drei engsten Freunde, Louis, Phil und Lisa, die vor ein paar Tagen ihren Geburtstag gefeiert hatte, ohne mich. Dass sie von mir und meiner Bitte, umgehend zu mir nach Hause zu kommen, genervt waren, war mir absolut bewusst, doch ich wusste, sie würden kommen.

Es klingelte an der Tür, als ich die letzten Verbesserungen vollendete und mit Enter die Eingabe bestätigte und alles speicherte. Auf dem Weg zur Haustür warf ich Klamotten, die ich zu fassen bekam auf mein Bett und kickte leere Cola-Dosen und Chipstüten hinter den Schrank.

Die Tür ging auf und da standen sie. In ihren ausgewaschenen, hellblauen Levi's Jeans und den beinahe auseinanderfallenden und vollgekritzelten Chucks.

Ich bat sie herein und drängte sie zur Eile direkt in mein Zimmer, wo sie sich auf mein Bett setzen sollten. Ich nahm den Laptop, zog das Ladekabel ab und rollte mit meinem Schreibtischstuhl zu ihnen hinüber. Sie schauten mich allesamt verdutzt an.

»Wann hast du das letzte Mal geduscht?«

»Du solltest unbedingt mal wieder aufräumen und in die Schule gehen.«

Ich winkte ab und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Laptop in meinen Händen, den ich nun vor ihre Gesichter hielt.

III

Tycoon

Aus dieser 4-Mann-Firma, die sich zu Beginn durch Crowd-Investment gebildet hat, ist nun ein globales Unternehmen geworden, das aus dem heutigen Alltag nicht mehr wegzudenken und marktführend in der Medien- und Werbemanagement-Branche ist.

Lisa übergab mir eine Mappe mit wichtigen Dokumenten, die ich mir unbedingt bis zum nächsten Meeting angesehen haben musste und auch durchgelesen haben sollte.

Ich verabschiedete mich von Oscar, dem Fahrer. Wir stiegen aus dem Wagen, es fühlte sich an wie ein Klimawandel in Sekundenschnelle. Vom kühlen, angenehmen Inneren des Autos, in die kochende Stadtluft bestehend aus Abgasen, Gerüchen nach Essen und Abwasser, hinein in das heruntergekühlte, klimatisierte Gebäude an der 5th Avenue. Ein immens hoher, gläserner Turm, der ab und zu an den Wolken kratzte mit unzähligen Fenstern, denen kaum Beachtung geschenkt wurde.

Nach den Sicherheitskontrollen am Eingang gingen wir durch die Lobby und unterhielten uns über Banales, Alltägliches und Sonstiges und den Sport. Wir passierten auf dem Weg zu den Aufzügen eine Vielzahl an Menschen, denen ich jeden Tag aufs Neue begegnete und doch keinerlei Ahnung hattee, ob sie ebenfalls in diesem Turm arbeiteten oder nur zu Besuch hier waren.

Ich wandte meinen Blick von den Menschen ab und schaute nach oben, eine gar endlose Decke, von der überdimensionierte Kronleuchter herabhingen, Marmorsäulen, die das Fundament dieser Turmgesellschaft bildeten und sie im Sturm stützten, Fenster, die nie fertig geputzt waren, denen aber kaum einer einen Blick widmete und durch sie hindurchschaute.

Mein Blick fiel wieder auf Lisa. Sie las E-Mails in ihrem Smartphone und blickte immer wieder auf den vor ihr liegenden Weg zum Aufstieg, hier und da ging sie einem oder zwei Menschen aus dem Weg oder um einen Mülleimer herum, bis wir nun die Aufzüge erreichten.

Ich hielt meine Zugangskarte gegen den Sensor. Die Aufzugstür öffnete sich begleitet von einem im Hintergrund spielenden Klang, der in angenehme Musik überging. Im Aufzug drückte ich den Knopf für die einundsechzigste Etage neben der in großen Buchstaben JOIN Inc. stand.

Mein Blick verweilte einige Zeit auf den vier großen Buchstaben und ich wurde erst durch den die sich öffnenden Aufzugtüren begleitenden Ton aus meinen Gedanken gerissen und merkte wie Lisa mir einen neuen, nicht zu entschlüsselnden Blick zuwarf.

Ich trat aus dem Aufzug hinaus in die geräumige Empfangshalle unserer Ebene und ging gerade auf den Empfangstresen zu, als sich schon mehrere Personen von der Seite an mich heranschoben und sich in mein Blickfeld warfen, um meine Gunst zu erlangen. Nein, natürlich nicht. Meine Mitarbeiter versuchten mir nur die wichtigsten Neuigkeiten, Veränderungen und Termine zu übermitteln. Ich begrüßte jeden einzelnen mit Namen, fragte stets wie es ihnen ginge und führte Smalltalk über Belanglosigkeiten, wie das Wetter oder den neuen Hund, über den Verkehr und die Politik. Seine Mitarbeiter zu kennen, ist genauso wichtig, wie seine Kunden zu kennen. Man lernte deren Stärken besser zu nutzen und weiß wofür man jeden Einzelnen eingestellt hatte und dessen Lohn bezahlte. Ich verabscheue diese Riesenunternehmen, in denen dieselbe Anonymität herrschte wie an Werktagen in der U-Bahn. Unbekannte Gesichter in einer Menschenmenge in der man zu schnell untergeht. Persönliche Interaktion ist fehl am Platz.

Auf dem Schreibtisch in meinem Büro, der so minimalistisch gehalten war wie nur möglich, befanden sich lediglich zwei Kugelschreiber und ein Bild, das vor dem Haus meiner Eltern mit Louis, Phil und Lisa an meiner Seite aufgenommen wurde.

Doch heute lag ein weißer Brief mitten auf dem Tisch mit kleinen Buchstaben darauf; mein Name.

Ich erkannte die Schrift. Ich ließ ihn liegen. Setzte mich auf den Stuhl und betrachtete den Brief einige Zeit, ich überlegte mir verschiedene Szenarien, was ich wohl lesen würde und was mich erwarten würde.

Ich drehte mich um, stand auf und ging zu den Fenstern. Unten ein buntes Treiben aus metallenen Automobilen, dominiert von der Farbe Gelb. Die Fenster waren absolut schalldicht, doch konnte ich das Gehupe und den Lärm der Straße in meinem inneren Ohr hören. Ich spürte die Vibration der laufenden Motoren und roch den Geruch der Abgase, die sich in den tiefen Häuserschluchten sammelten, dort stehen blieben und dann von einem Wind um die Ecken getragen wurden. Wirklich durchatmen konnte man nur wenn ein frischer, kühler Wind vom Central Park her wehte. Das Gedränge der Menschenmenge, ein Rempler hier und da, Fahrradfahrer und Zeitungsverkäufer, die die Lügen von Morgen schon heute verkauften.

Auf dem Schreibtisch lag immer noch der Brief, unberührt und genauso, wie er dort abgelegt worden war. Ich nahm den Brief und zögerte kurz, riss ihn an der Seite auf und zog das Papier heraus. Ich wusste, was mich erwartete. Das Blatt ließ sich mühelos entfalten und ich las den Namen und die Adresse der Samenbank.

IV

Erster Brief

In größeren Buchstaben stand nach einem kurzen Text geschrieben: »Ihre Samenspende wurde für einen Fortpflanzungsversuch verwendet. Jedoch wurde von der Privatsphäre-Sondervereinbarung Gebrauch gemacht und die Empfängerin hat einer Kontaktaufnahme widersprochen.«

Ich hielt das Briefpapier in beiden Händen, es war schweres, dickes Papier und fühlte sich zwischen den Fingerspitzen rau und hochwertig an. Es war nicht einfach nur normales Kopierpapier, das mit einer unbedeutenden Information, einer aussagelosen Tabelle oder einem komplizierten Diagramm bedruckt war. Dieses Papier enthielt eine lebensverändernde Botschaft.

V

Ich

Meine Gedanken kreisten um diese wenigen Wörter, die schwarz auf weiß in diesem Brief niedergeschrieben standen. Sie trugen einen Zwist aus, meine Gedanken. Sie waren zweigeteilt, kämpften zwischen väterlicher Freude, da ich eine Frau zu einer Mutter machen und ihr das wertvollste Geschenk dieser Welt bereiten konnte, ein Kind, Leben ermöglichen, Liebe bereiten. Das war der glückliche Teil, diese Freude, ich hatte sie zuvor in solchem Ausmaß äußerst selten erlebt. Und dennoch machte mich dieser Satz zu gleichem Teil traurig. Dieses Leben, das mit mir auf ewig verbunden sein würde, nie kennen zu lernen, nie zu erfahren, wie es heranwächst; es raubte mir die Freude.

Dieser Satz zerstörte die Vollkommenheit; Momente zu erleben, zu lieben, dieses Wunder zu sehen. Ich spürte es, die Veränderung, die sich in meinem tiefsten Inneren anbahnte. Meine Gedanken zerstoben zu Staub, im Winde verweht. In meiner Vorstellung lösten sich die Bilder auf. Ich stand allein auf einem verlassenen Spielplatz, ohne Kinder, ohne mein Kind. Die einzige Kerze auf der Geburtstagstorte brannte solange, bis sie von selbst erlosch. Sie stand in der Mitte des Tisches, dessen Stühle unbesetzt waren. In meiner Wohnung war die Freude fremd, kein fröhliches Kinderlachen, keine kindlichen Melodien. Sie blieb steril, auf dem Boden lagen keine Spielsachen.

In meinem Inneren tobten die Gefühle, als hätte jemand sämtliche Winde des Aiolos befreit. Es war ein Durcheinander. Ich haderte mit mir selbst. Meine Finger bohrten sich so fest in das glatte Leder des Sessels, dass meine Knöchel weiß hervortraten. Mein Blick wurde starr. Ich versuchte etwas zu fokussieren, das meinem Blickfeld zu entschwinden drohte. Es war fort, für immer.

Ich würdigte dem Brief keinen weiteren Blick und ließ ihn in der bodenlosen Tiefe des Umschlags verschwinden. Zusammengefaltet, etwas zerknickt, verstaute ich den Brief in meiner hinteren Hosentasche, wo ich ihn aus meinen Gedanken hin verbannte.

Meine Aufmerksamkeit wurde von Lisas Silhouette angezogen, die auf der anderen Seite der Glastür stand. Die Türklinke wurde hinabgedrückt. Sie trat in mein Büro und lächelte mir zu. Sie nahm auf einem der großen, ledernen Sessel Platz, die auf der anderen Seite des Schreibtisches standen und überschlug ihre Beine wie sie es oft bei wichtigen Angelegenheiten tat. Es erinnerte mich an ein Zwei-Parteien-Gespräch

Ohne zu zögern überreichte sie mir ein Tablet, dessen silbernes Aluminiumgehäuse eisig kalt war. Das helle Display strahlte mir entgegen. Eine Präsentation des anstehenden Meetings wurde mit großen, schwarzen Buchstaben angekündigt.

Ich wischte zwischen den Folien hin und her, versuchte mich einzulesen und mir ein grobes Gesamtbild von der gegenwärtigen Situation zu machen. Das wollen sie also? Mein Blick fiel auf die Uhr. Nur noch eine Viertelstunde.

»Ich weiß zwar nicht, was in letzter Zeit in deinem Kopf vorgeht, aber heute musst du auch geistig anwesend sein. Der Vorstand hat hohe Erwartungen. Herr Gott, Laszlo! Vorhin im Auto, dein Vortrag, ich dachte tatsächlich, dass du dir Gedanken gemacht und Vorbereitungen getroffen hast. Aber nein, der große Laszlo, ein noch größerer Schauspieler. Der große Macbeth, gespielt von dir. Sie verzichteten sogar auf eine Zweitbesetzung, da alle voll und ganz von dir begeistert waren. Aber hier stehst du nicht mehr auf der Bühne, keine Maske hinter der du dich verstecken kannst und kein Vorhang, der dich vor neugierigen Blicken schützt. Der Vorhang ist schon längst gefallen. Das hier ist kein Spiel mehr und auch keine Kinderzimmer-Firma. Das hier ist echt und wirklich sehr groß. Das hier geht um die ganze Welt. Du musst funktionieren, ich kann dich mit meinem fünf-Minuten-Vortrag nicht jedes Mal retten und dich durchmogeln. Ich weiß nicht, was los ist und wenn du nicht endlich anfängst mit mir zu reden, dann kann ich dich erst recht nicht mehr retten. Was geht in deinem Kopf vor sich? Was früher war, ist geschehen, doch was heute ist, das ist es noch nicht. Aber bitte, bitte rede mit mir!«

Ich löste meinen Blick von dem Tablet, das auf dem Schreibtisch lag und schaute in ihre leeren Augen. Sie hatten sich verändert, ob während ihrer Ansprache oder über längere Zeit, ich wusste es nicht. Das schöne, tiefe Ozeanblau wich dem faden, ausgebleichten Blau des abgenutzten Anstrichs einer jenen Zaunlatte, die ihren letzten Sommer erlebt hatte. Ich blätterte die Folien der Präsentation durch und kam zu ihrem Ende.

»Bist du bereit?«, sie nickte. »Dann lass uns gehen. So wie früher, als dieses Spiel noch der Ernst unseres Lebens war.«, ich stand auf und reichte ihr meine Hand.

Der Meetingraum. Ein länglicher Glaskasten mit einem langen Tisch in der Mitte, umzingelt von schwarzen Bürostühlen, auf denen wichtige Personen in Anzügen mit weißen Hemden ihren Platz fanden, gespannt einem Gespräch folgten und sich Notizen machten.

Das Meeting. Ein oft langwieriger Prozess, der zur Lösungsfindung eines Problems verhelfen soll. In der Regel wird zu Beginn ein Eröffnungsgespräch gehalten, in welchem der Tagesablauf erläutert wird. Daraufhin werden die einzelnen Punkte des Meetings abgearbeitet, sodass das Meeting einem roten Faden folgt und sich jeder auf die einzelnen Thematiken vorbereiten kann.

Diese Thematiken werden durch ausgiebig recherchierte Tabellen, Diagramme sowie Präsentationen veranschaulicht und visualisiert. Sie werden von einer oder aller höchstens von zwei Personen vorgestellt. Anschließend findet zu jedem Thema eine Diskussionsrunde statt, in welcher jeder, der sich dazu berufen fühlt, Fragen und Anregungen stellen kann. Als Ziel eines jeden Meetings steht natürlich die Lösungsfindung. Diese wird aus allen vorgestellten Lösungsvorschlägen durch einfaches Handzeichen ermittelt. In einigen Extremfällen kann sich ein Meeting über mehrere Tage ziehen, hoffentlich nicht dieses.

Meine Mitarbeiter begrüßten mich, ich unterhielt mich mit ihnen auf dem Weg zum Meetingraum, der sich auf der anderen Seite des Gebäudes befand.

Ich bemerkte, wie mich Lisa durch einfache Gesten und Bemerkungen zur Eile trieb. Nichtsdestotrotz nahm ich mir die Zeit mich mit ihnen zu unterhalten und nach ihrem Befinden zu fragen. Noch vor einiger Zeit kümmerte ich mich persönlich um die Einstellung neuer Mitarbeiter, in einem kurzen Vorstellungsgespräch machte ich mir ein ausgiebiges Bild über deren Charakter und Person. Mit den heutigen, gegenwärtigen Zahlen, ist dies jedoch nicht mehr zu vereinbaren. Das Unternehmen wurde vergrößert, es kamen neue Niederlassungen hinzu. Der Vorstand machte mir einen verlockenden Vorschlag, den ich auf Zuspruch von Lisa annahm. Sie stellten einen Personalmanager ein, der nur für die Einstellung und Anwerbung neuer Mitarbeiter zuständig ist. Mit der Zeit erkannte ich den Vorteil dieser Entscheidung, da sie sich an der Philosophie des Unternehmens orientierte, dennoch blieb sie eine der wenigen Entscheidungen, die ich seitdem für gut befand.

Wir erreichten unser Ziel, es trennte uns nur noch eine gläserne Wand von den anderen. Wir liefen an dieser durchsichtigen Mauer entlang. Einige Blicke hoben sich von den auf der Tischplatte liegenden Dokumenten und verfolgten nun meine letzten Schritte.

Die Glastür zum Meetingraum stand offen. Ich verweilte in letzter Ruhe und dreht mich zu ihr um. Sie war nervös, ich spürte es. »Es wird alles wieder gut, wenn nicht sogar noch besser.«, ich flüsterte, sodass nur sie mich verstehen konnte. Die Runde war nun vollständig. Die Tür wurde geschlossen.

VI

Rücktritt

Im Meeting-Raum verstummten die Gespräche und alle Personen drehten sich mit erwartungsvollem Blick zu mir. Ich stand da, mit einem breiten Grinsen und den Händen gefaltet wie zum Gebet.

»Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte Sie alle herzlichst zu diesem wichtigen Tag begrüßen und ich möchte Ihnen nahelegen, dass ich mich über das Erscheinen eines jeden einzelnen von Ihnen sehr freue.«, mein Blick kam auf den Gesichtern des Vorstandes zur Ruhe, ehe ich fortfuhr. »Ich hoffe, sie haben sich mit der heutigen Thematik vertraut gemacht und sich in alle Ihnen bereits zur Verfügung gestellten Dokumente eingelesen. Vorab kann ich Ihnen aber schon sagen, dass heute ein äußerst wichtiger Tag für unser Unternehmen sein wird, über den sich die einen freuen und die anderen weniger freuen werden. Aber das wissen Sie sicher schon, man kann es nicht jedem recht machen. Also, lange Rede, kurzer Sinn. Beginnen wir mit der altbekannten Einführung. Lisa, du bist dran.«

Ruhe. Auf ein solches Auftreten meinerseits war keiner vorbereitet. Ich eröffnete nie ein Meeting, ich setzte mich normalerweise auf meinen Stuhl und lies die anderen reden, hörte aber mit beiden Ohren zu, denn ich wollte nichts verpassen, was meine Firma betraf.

Der Vorstand war ersichtlich geschockt und sie begannen untereinander zu murmeln. Ehe sich das Gemurmel auszubreiten drohte und Überhand gewann, hörte ich eine allzu bekannte Stimme, die ihren Ursprung aus der Ecke hinter mir fand. Phil. Mein ältester Freund, den ich seit dem Kindergarten kannte. Phil bereist regelmäßig unsere neuen Niederlassungen und ist offensichtlich für das heutige Meeting zurück nach New York geflogen.

»Normalerweise übernimmt Lisa die Einführung in die Thematiken und den Ablauf des Meetings, doch heute habe ich mir einmal erlaubt, dies zu übernehmen. Natürlich nur mit deiner Zustimmung.«, unsere Blicke trafen sich, ich war überaus froh und nickte ihm mit einer ausladenden Armbewegung zu, dass er fortfahren sollte.

»Wie einige von Ihnen wissen, habe ich in den letzten Monaten viel Zeit damit verbracht unsere Niederlassungen zu besuchen, um mich mit den gegenwärtigen Umständen dort vertraut zu machen. Weil sich nun einige der heutigen Thematiken mit unseren Niederlassungen, deren Veränderung und Ausweitung befassen, wollte ich diese Einführung vornehmen.«, Phil klopfte mir auf den Rücken und ging einmal um den Tisch herum, um sich an dessen Kopfende zu stellen, vor die große Leinwand, auf die sämtliche Medien projiziert wurden. Anschauungshalber werden diese auch auf den Tablets der Teilnehmer angezeigt, weshalb ich am anderen Ende des Tisches Platz nahm, dort wo ich immer saß nur mit Lisa an meiner Seite, die nun sonst am anderen Ende des Tisches stünde. Louis stand an eine Wand gelehnt und beobachtete stillschweigend.

Phil drückte den Knopf seines Kugelschreibers, der natürlich kein normaler Kugelschreiber war, denn synchron hierzu, zeigte sich eine Liste auf der Projektorleinwand. Es waren insgesamt sieben Thematiken.

Phil stellte sie der Reihe nach vor und sagte zu jedem Thema ein paar Sätze. Nach dem siebten Punkt legte er eine kleine Pause ein, sodass sich alle auf das erste Thema vorbereiten und ihre Dokumente, Skripte etc. zurechtrücken konnten.

Mein Skript lag ungeöffnet vor mir, wie sonst auch. Ich hörte gerne zu und das, was ich mir später noch merken konnte, war für mich das Wesentliche dessen, was gesprochen wurde. Phil bat die Präsentierenden der ersten Thematik vor, die sich mit Internationalisierung, Globalisierung und Ressourcen befasste. Hier merkte ich schon die Einwirkung des Vorstandes, denn keiner dieser drei Begriffe fand seinen Hergang ohne die leiseste Erwähnung einer Fusion zum Erhalt oder selbst zum erleichterten Erreichen des Ziels. Auch im folgenden Thema, das sich mit der Gewinnoptimierung befasste, trug eine Fusion zu verbesserten Umsätzen und damit zu einer deutlichen Gewinnoptimierung bei.

Die dritte Thematik bezog sich auf eine spezifische Fusion, sozusagen ein Wink mit dem Zaunpfahl. Es ging um die Auslagerung unserer Server, die sich im Moment in South Dakota befanden. Ein Unternehmen, das von mir und Phil zu einer unserer ersten Niederlassungen wurde und sich später als unser erstes Tochterunternehmen etablierte mit dem wir weitere Arbeitsplätze schufen. Die Server sollten nun nach Mexiko ausgesiedelt werden, wo Strom und Wasser zur Kühlung der Serveranlagen deutlich billiger wären und es natürlich auch billige Arbeitskräfte gäbe, die keine Versicherungen, Entschädigungen und Feiertagszuschläge forderten. Für den Vorstand ein zu verkraftender Nachteil wäre der Verlust der Arbeitsplätze in South Dakota und die damit verbundenen Entlassungen. Für den Vorstand nur Zahlen in den Mitarbeiterregistern, für mich aber meine Mitarbeiter. Auch die darauffolgenden Punkte zeigten mit großem, rot leuchtendem Pfeil auf das blinkende Wort Fusion.

Ich erhob mich von meinem Stuhl, schritt um den Tisch zum anderen Ende und legte Phil meine Hand auf die Schulter, dankte ihm und bat ihn, Platz zu nehmen.

Mein Blick machte einmal die Runde, ich verweilte beim Anblick von Lisa und sah ihr länger in die Augen, auch Louis sah ich deutlich länger an, den Vorstand übersprang ich und lächelte Phil an, der mich, wie schon in früheren Tagen mit seinem erwartungsvollen Blick ansah. Ich begann zu sprechen und die Worte fanden ihren Fluss ohne, dass ich sie explizit auswählen musste.

»Diese Firma hob sich nicht allein durch ihre exzellenten Dienstleistungen und Produkte von allen anderen Firmen ab, sondern auch, und darauf bin ich am meisten stolz, durch ihre