Von Bienchen und Bübchen - Marina B. Jung - E-Book

Von Bienchen und Bübchen E-Book

Marina B. Jung

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Beschreibung

Eine Dating-Hete und ein Dating-Homo sitzen auf einer Parkbank. Was wie der Anfang eines schlechten Witzes klingt, ist in Wahrheit der Beginn einer außergewöhnlichen Freundschaft zwischen der Taufschein-Christin Marina und dem bekennenden Katholiken Alexander. Denn, obwohl sie sonst grundverschieden sind, gibt es diese eine Sache, die sie innig verbindet: Beide suchen den Mann fürs Leben. Nämlich online auf Dating-Plattformen. Ihr gemeinsamer Weg führt sie von einem schwulen, beratenden Bürgermeister, vorbei an verdammten, nicht geschlüpften Schmetterlingen und Männern mit Sprechdurchfall, bis hin zu einem One-Night-Stand mit einem Geheimagenten. Ob schlussendlich einer der beiden die große Liebe findet und ob Chesney Hawkes noch lebt, bleibt bis zum Ende spannend.

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Seitenzahl: 285

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

PROLOG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

EPILOG

PROLOG

Samstagvormittag. Ich lade zum ersten Mal das Magazin meiner Glock 19. Diese Pistole ist ein Geschenk an mich selbst. Ich weiß, das ist ein ziemlich merkwürdiges Geschenk, aber dieses Mal reichte eine neue Louis Vuitton-Tasche einfach nicht aus. Es musste meine erste eigene Waffe sein. Schon als Jugendliche faszinierten mich die Gespräche zwischen meinem älteren Bruder und meinem Vater, in denen es um Pistolen, Gewehre & Co. ging, aber meinen Waffenführerschein habe ich erst letztes Jahr mit 33 gemacht.

Die meisten Menschen in meinem Umfeld wissen nichts von diesem Hobby. Und das ist auch gut so, denn sobald ich doch einmal davon erzähle, werde ich schief angeschaut. Obwohl ich gar nicht auf lebendige Ziele schieße. Mir reicht es, auf starre Scheiben aus Karton zu feuern. Mehr brauch’ ich da nicht. Trotzdem werde ich fast immer schief angeschaut. Ja, und manchmal fragen sie mich auch durch die Blume, was denn in meinem Kopf nicht ganz rund laufe. Da verhält es sich also ähnlich wie beim Thema „Onlinedating“ – da werde ich das auch ständig gefragt.

Was soll ich sagen? Das Schießen ist meine persönliche Form von Meditation. Ich bin ein sehr hibbeliger, unruhiger Mensch und kann mich nur schwer auf eine einzige Sache konzentrieren. Aber beim Schießen muss ich das. Ich muss ruhig und besonnen atmen. Ich muss ganz bewusst auf diesen einen Vorgang achten. Ich muss sicherstellen, dass ich alles korrekt abhandle, um gefahrlos einen Schuss abgeben zu können. Und dieses gefahrlose Handling mit meiner eigenen Pistole übe ich heute im Schießkino des K. u. K. Kammerlieferanten Joh. Springer‘s Erben inmitten der Josefstadt in Wien.

Ich liebe Wien. Diese Stadt ist so unsagbar vielfältig, an allen Ecken und Enden geschichtsträchtig. Einfach kunterbunt und bezaubernd. Das liebe ich so an ihr. Geboren und aufgewachsen bin ich ja in Graz. Graz mag ich natürlich auch, Graz ist putzig, aber Graz ist eben nicht Wien. Ich habe wirklich schon viele Orte dieser Welt gesehen und deshalb kann ich ruhigen Gewissens und ohne Übertreibung sagen: Wien ist einfach die schönste Stadt der Welt!

Ich bin zittrig, als ich das erste Mal zum Zielen ansetze. Auf den Ohren trage ich einen Gehörschutz, der nur bei der Abgabe eines Schusses dämpft, während Umgebungsgeräusche normal hörbar sind. Für solch technischen Schnickschnack kann ich mich begeistern. Ich nehme die Pistole noch einmal runter und korrigiere meinen Stand, weil ich mich nicht sicher genug fühle. Ich halte einen kurzen Augenblick lang inne und atme ruhig. Ein. Aus. Ein. Aus. Dann halte ich die Luft an.

1

„34 Jahre alt, aber von Tuten und Blasen keine Ahnung.“ Besser könnte ich den Kurzurlaub mit meiner Online-Bekanntschaft U. nicht zusammenfassen. Ich spaziere mit Alex durch den leichten Schneefall. Auf meinem dunkelgrauen Mantel sehe ich nur Tröpfchen, aber im Licht der Straßenlaterne sind eindeutig kleine Flocken zu erkennen.

Ich habe derzeit keinen ausgeprägten Kinderwunsch. Deshalb brauche ich auch keine Beziehung mit einem durch und durch kindlichen Mann, der eigentlich eine Ersatzmutti sucht. „Wenn er in der Nacht pinkeln musste, hat er beim Verlassen des Aborts das Licht angelassen und ist zurück ins Bett gekrochen. Die Spülung konnte er zum Glück noch selbstständig betätigen, aber für den Lichtschalter fehlte ihm offensichtlich die Kraft“, gehe ich weiter ins Detail. „Das hieß dann für mich: Raus aus den Federn und Licht abdrehen. Oft zweimal pro Nacht. Hast du sowas schon mal erlebt?“ Alex schüttelt den Kopf und schmunzelt. „Auf die morgendliche Frage, warum er denn nachts das Licht nicht wieder ausschalte, meinte U. nur schulterzuckend, dass es dann ja eh aus war. Ja, weil ICH es abgedreht habe!“ Meine Gefühle schwanken zwischen Unverständnis und Mitleid. Warum musste dieser Kerl überhaupt die ganze Zeit aufs Klo? Waren die abendlichen Cocktails daran schuld oder hatte er etwa ein Inkontinenzproblem?

Meine langen, blonden Haare sind zu einem lockeren Pferdeschwanz zusammengebunden. Während des Erzählens stopfe ich sie hinten in die Jacke und setze die Kapuze auf. Alex zieht seine rote Haube tiefer ins Gesicht. Es ist ungemütlich kalt geworden und stockdunkel. Der Schnee bleibt nicht liegen, weil es mittlerweile doch mehr nieselt anstatt zu schneien. Ein Blick zur Straßenlaterne bestätigt meine Vermutung. Keine Schneeflocken mehr. Trotzdem spazieren wir weiter. Das ist mittlerweile ein liebgewonnenes Ritual zwischen uns. Da stört uns auch das bisschen Nieseln nicht. Denn beim Spazierengehen teilen Alexander und ich genau diese eine Sache, die uns innig verbindet, obwohl wir sonst grundverschieden sind: Wir suchen beide den Mann fürs Leben. Nämlich online auf Dating-Plattformen.

2

Ich schaue auf den Radiowecker neben mir. Die roten Ziffern zeigen 04:29. Ja, ich weiß, so ein Radiowecker ist voll Retro. Für manche Lieder, mit denen er mich weckt, hasse ich ihn auch. Trotzdem empfinde ich eine absurde Form der Zuneigung für ihn. Denn niemand zuvor hat so viele Nächte mit mir in diesem Bett verbracht wie er.

Ich kann nicht mehr einschlafen. Mist. Eine wirklich ungute Zeit, um auf die Toilette zu müssen. Ganz ungewöhnlich für mich. Es fällt mir schwer, wieder zurück in den Schlaf zu finden, weil ich ungewollt an den Kurzurlaub mit U. erinnert wurde. Als ich mich nämlich gerade wieder ins Bett gekuschelt habe, ist mir aufgefallen, dass das Licht im Klo noch an war. Genau wie damals in diesem Thermenhotel. Genau wie an diesem Wochenende mit diesem gefühlt 5-jährigen Steuerberater, der alleine nichts auf die Reihe bekam. Tatsächlich war er nicht imstande, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Vermeintlich alltägliche Dinge entpuppten sich als große Herausforderung für ihn. U. brauchte in Wahrheit keine Lebenspartnerin, sondern eine weibliche 24-Stunden-Betreuung mit schicker Außenwirkung.

Warum um Himmels Willen bin ich eigentlich mit ihm weggefahren? Ich weiß noch, dass wir in diesem Kaffeehaus saßen. Aber was dann passierte...?! Ich kann es nicht mehr rekonstruieren. In solchen Situationen treffe ich meine Entscheidungen immer ganz bewusst und vermeintlich klaren Geistes. So empfinde ich das zumindest. Aber im Nachhinein... Im Nachhinein zweifle ich schon oft an meinem Urteilsvermögen.

Urlaub mit einem Mann, den ich davor nur einmal auf einen Tee getroffen habe. Was ist mir denn da eingefallen? Oder... Nein, ich habs, wahrscheinlich war es Wein! Kein Tee, sondern Wein. Ja, der verführerische Wein am Nachmittag. Vermutlich auch noch in der Sonne. Das macht wesentlich mehr Sinn! Aus einer Alkohollaune heraus wurde ja schließlich auch schon das eine oder andere Kind gezeugt. Da lässt sich also bestimmt auch ohne weiteres ein Kurzurlaub mit einem Fremden buchen.

04:42. Ich kann noch immer nicht einschlafen. Shit. Je mehr ich darüber nachdenke, desto munterer werde ich. Und je mehr ich darüber nachdenke, nicht mehr darüber nachdenken zu wollen, desto wacher werde ich und dann ist es gleich ganz aus mit der Nachtruhe. Deshalb lasse ich das jetzt besser mit dem Denken. Dabei überkommt mich in meiner frühmorgendlichen Schlaflosigkeit aber noch schnell die Idee zu einer Partnerschaftsanzeige, wie sie zu diesem Typus Mann, ich nenne ihn auch gerne „Bübchen“, passen könnte:

Ich, 34 Jahre, Steuerberater, suche eine verlässliche Frau (gerne auch wesentlich älter) für eine lebenslange Verbindung.

Das zählt zu deinen Aufgaben:

Nachts das Licht abdrehen (mehrmals pro Nacht erforderlich)

In einem Restaurant die Hauptspeise reklamieren (wenn nicht gut genug)

Benützte Taschentücher aufheben (wandern nicht selbstständig in den Müll)

Cocktails aussuchen (keine eigenständige Entscheidung zu erwarten)

Zeitungsartikel vorlesen (weil zu müde – sehr wahrscheinlicher Zustand wegen mehrmaliger nächtlicher Toilettengänge)

Das bringst du mit:

karitatives Wesen

mütterliche Qualitäten

geringes Schlafbedürfnis

unendliches Helfersyndrom

familiäres Organisationstalent

Ich muss über mich selbst schmunzeln. Das passiert mir so oft, ist aber bei Insomnia-ähnlichen Zuständen auch nicht gerade schlafförderlich. Ich wünsche ihm gedanklich recht viel Erfolg bei der Suche nach einer geeigneten Mami. Sorry, Frau!

Ich schaue nochmals auf den Radiowecker. 04:49. Ich werde mir jetzt echt noch ein paar Minuten Schönheitsschlaf gönnen, bevor es ins Büro geht, und verabschiede mich deshalb ganz bewusst von U. wie Urlaub. Einmal werde ich ihn aber noch kontaktieren. Nämlich am 30. Juni. Da gratuliere ich ihm zum „Internationalen Inkontinenztag“.

Adiós, erwachsener Steuerberater! Du suchst keine Frau, sondern Mutter und Vater!

3

Wenn die Bahn nicht so viel Verspätung gehabt hätte, würde ich jetzt nicht so frieren. Bibbernd stehe ich am Bahnhof. Ich steige von einem Bein auf das andere und bewege alle zehn Zehen in den Stiefeln, um mich aufzuwärmen. Es ist so kalt! Nach dem Advent müsste es für mich persönlich nicht mehr frieren in unserem Land. Ich schaue auf mein Handy. Nachricht von Alex: Sorry, bin in 5 Minuten da!

Ich versuche, mich abzulenken. Dabei muss ich an meine Kollegin denken. Die mit den orange-blond gefärbten Haaren. Die mutige Farbwahl tut zwar nichts zur Sache, aber sieht trotzdem unmöglich aus, denke ich mir zwischendurch wieder. Unmöglich war auch ihre Aktion von heute. Sie hat mich tatsächlich gefragt, warum ich Männer lieber online als „im echten Leben“ kennenlerne. Im Aufzug. So quasi zwischen Aufzugstür und Angel. Was denn mit mir nicht stimme, hat sie gefragt. Gratuliere zu dieser ungeschickten Formulierung! Aber überraschend kam das eigentlich nicht, wenn ich ehrlich bin. Genau das werde ich nämlich immer gefragt, wenn es um das Thema „Onlinedating“ geht. Nur meistens auf weniger tollpatschige Art.

Ich kann alle beruhigen: Bei mir ist alles in bester Ordnung! Was die Partnersuche über das Internet angeht, bin ich eben überzeugt davon, dass dieser Weg genau der Richtige für mich ist! Ich suche den Mann fürs Leben. Und habe eigentlich nicht genügend Zeit dafür. Das ist ganz einfach und dann doch wieder so schwierig. Wo sonst lerne ich in so kurzer Zeit so viele unterschiedliche Charaktere kennen? Nirgends. Schon gar nicht „im echten Leben“, wie es viele nennen. Deshalb das Onlinedating. Und ich liebe es.

Dass ich den richtigen Mann für mich im „echten Leben“ kennenlerne, habe ich schon aufgegeben. Da bin ich realistisch. Oder mehr noch: pessimistisch! Das wird nichts! Immer wieder lernen Menschen ihre Lebenspartner bei der Arbeit kennen. Der Arbeitsplatz ist für mich aber eine partnerschaftliche Tabuzone. „Never fuck the company!“ – da steckt so viel Sinnvolles dahinter. Ich habe es auf einer Firmenfeier mal mit „kiss the company“ versucht. Leider. Denn auch das musste ich als „nicht sinnvoll“ einstufen. Der Kuss dieses Kollegen schmeckte trotz mehrerer Frucht-Cocktails einfach nur nach altem Konservendosen-Fisch. Nicht, dass ich schon einmal alten Konservendosen- Fisch gegessen hätte, aber genauso stelle ich mir den vor. Diese Erinnerung hatte ich eigentlich schon erfolgreich aus meinem Gedächtnis verbannt – zumindest dachte ich das bis gerade eben.

Alex’ Auto biegt um die Ecke. Er holt mich wie immer vom Bahnhof Wolkersdorf ab. Ich steige ein und stottere zähneklappernd ein „Ha-a-ll-o!“. Er aktiviert unaufgefordert die Sitzheizung. Ein wahrer Gentleman.

„Kalt?“

„Dezent!“. Mehr kommt mir fürs Erste nicht über die vermutlich schon blauen Lippen. Ich drehe das Radio lauter und lausche dem Lied „The One and Only“ von Chesney Hawkes. „Weißt du, ob der eigentlich noch lebt?“, richte ich meine Frage an Alex. Das geistert mir wirklich jedes Mal durch den Kopf, wenn ich dieses Lied aus den frühen 90ern höre. Vielleicht kann er mir diese Frage beantworten?

„Keine Ahnung, ich denke schon. Wer ist das überhaupt?“

Okay, alles klar! Das sind die zehn Jahre Altersunterschied. Der sang sich noch vor seiner Jugendzeit in die (Mädchen-)Herzen.

Wir fahren auf der wenig beleuchteten Landstraße entlang und zu jenem Ort, an dem wir gemeinsam Gutes tun. Wir arbeiten beide ehrenamtlich für eine Wohltätigkeitsorganisation. Alex schon länger, ich erst seit kurzem. Wie es dazu kam war eigentlich ziemlich ungewöhnlich. Letzten Sommer war ich auf der Suche nach einer wertvollen Freizeit-Beschäftigung neben meinem Alltagstrott im Büro. In den vergangenen Jahren war ich immer wieder einmal als „Spaziergängerin“ in einem Tierheim tätig. Das hat mir viel Freude bereitet, aber es war dann irgendwann einmal auch Zeit für etwas Neues gekommen. Deshalb schaute ich mich um, was denn im Umkreis von 50 Kilometern Interessantes angeboten wird. 50 Kilometer deshalb, weil ich als Städterin einerseits kein Auto besitze und weil ich mir andererseits ein absurdes Motto in meinem Kopf zurechtgelegt habe, seit ich in Wien wohne: Alle Orte, an denen sich mein Lieblingsradiosender Superfly nicht mehr einwandfrei empfangen lässt, sind eindeutig zu weit weg!

Und wie es der Zufall so will, blätterte ich kurze Zeit später auf einer Fahrt mit der Regionalbahn in einer Ausgabe der Niederösterreichischen Nachrichten und las dort einen Artikel über einen jungen Mann namens Alexander, der für die „Team Österreich Tafel“ unzählige Schachteln voll mit Lebensmitteln, Babynahrung und Hygieneartikeln sammelte. Das faszinierte mich. ER faszinierte mich! Ein junger Mann, etwa Mitte 20, mit einer Mission.

Und das war nicht der einzige Zufall. Denn nur zwei Tage später wurde mir genau dieser Alexander auf Facebook als Freund vorgeschlagen. Alles ein total merkwürdiger Zufall. Oder doch kein Zufall, sondern Bestimmung? Egal. Kurzerhand freundete ich ihn an und kontaktierte ihn auch zeitgleich. Ich erzählte ihm meine Geschichte und fragte, ob ich Teil seiner Mission werden dürfte. Und für diese pendle ich nun immer wieder einmal nach Niederösterreich, um mit ihm gemeinsam die gesammelten Lebensmittelspenden zu sortieren oder Spenden von Unternehmen abzuholen.

Bereits an meinem ersten Arbeitstag holte mich Alex wie selbstverständlich vom Bahnhof ab. Das machen die Leute vom Land eigentlich immer, sagte er mir. Hier hat jeder mit 18 sein eigenes Auto und dann holen sie eben die Städter, die oft kein Auto haben, vom Bahnhof ab.

Ich bin ja leidenschaftliche ÖffisNutzerin. Ich mag die Vorteile für die Umwelt und das Haushaltsbudget. Und ich liebe es einfach, wenn ich beim Fahren und Reisen keine Verantwortung übernehmen muss. Ich schaue nur beim Fenster raus – mehr nicht – und das entspannt mich, lässt Raum für Gedanken und Platz für Vorfreude. Das können viele nicht verstehen, weil es in öffentlichen Verkehrsmitteln im Sommer häufig stinkt und man in nicht klimatisierten Garnituren spürt, wie der Schweiß bis zum Bauchnabel rinnt, obwohl man sich eigentlich gar nicht bewegt. Und im Winter sind die Wagons oft so voll, dass man Seite an Seite mit fremden Menschen steht, denen man sonst nie freiwillig nahekommen würde. Gut, wenn man den feucht-warmen Atem eines Wildfremden im Nacken spürt, hat das zugegebenermaßen schon etwas Ekliges, aber ich habe es irgendwann geschafft, all das auszuknipsen.

Auf der Fahrt erklärte Alex mir gleich alle wichtigen Details und verdeutlichte die Wichtigkeit unserer Aufgabe. Denn allein in „seiner“ Ausgabestation sind jede Woche zwischen 75 und 100 Familien auf diese Nahrungsmittel und Dinge des täglichen Bedarfs angewiesen. Er erzählte mir etwa von einer Mutter, deren Mann bei einem Autounfall verstorben sei, die jetzt ohne Einkommen und mit drei kleinen Kindern vor dem finanziellen Nichts stehe. Ohne Organisationen wie diese hätte die vierköpfige Familie nicht einmal genug zu essen. Und das im 21. Jahrhundert in Österreich! Ich war im ersten Moment völlig überfordert von Geschichten wie diesen, denn bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht klar, dass derartige Härtefälle absolut keine Seltenheit in unserem Land sind.

Ja, aber eines war mir von Anfang an schon klar! Nämlich, dass ich unbedingt mehr von diesem engagierten, jungen Mann, von dieser beeindruckenden Persönlichkeit wissen wollte. „Hast du Lust auf einen kurzen Spaziergang? Zum Kopfauslüften?“, fragte ich ihn also nach meinem ersten Einsatz, der mich mental ziemlich mitgenommen hatte. Er bejahte ohne zu zögern. Also spazierten wir los. Und so führte uns das Schicksal zusammen. Zumindest fühlt sich das für mich so an. Nach Schicksal und Bestimmung, eigentlich weniger nach Zufall. Ja, und wer hätte damals gedacht, dass diese simple Frage nach einem Spaziergang der Beginn einer ganz besonderen Freundschaft sein würde.

4

Der Radiowecker spielt ausgerechnet Chesney Hawkes. Schon wieder dieser Typ. Warum taucht der eigentlich ständig auf in letzter Zeit? Genau für Lieder wie dieses hasse ich ihn ein klein wenig, obwohl der Wecker ja eigentlich nichts dafür kann. Er ist ja auch nur eine Geißel der Sender. Gibt es diesen Chesney Hawkes eigentlich noch, frage ich mich schon wieder. Hatte der jemals ein anderes Lied als das? Ich kann meine frühmorgendlichen Fragen nicht beantworten, schalte das musikalische Raunzen ab und bleibe noch ein paar Minuten mit offenen Augen liegen. 06:00 – meine übliche Zeit zum Aufstehen. Während dieser Nachschlummerzeit beschließe ich, ab morgen den Sender zu wechseln. Mein Lieblingsradiosender Superfly soll es sein – der spielt bestimmt nicht diese Art von Grausamkeiten. Dann muss ich auch meinen Wecker nicht mehr hassen – das hat er nicht verdient.

Eine Zeit lang war ja das Smartphone mein Bettgefährte. Das habe ich aber von der zweiten, leeren Seite meines Doppelbettes verbannt. Denn bei jedem Blick auf die Uhr checke ich als passionierte Onlinedaterin natürlich auch gleich den Dating-Status. Das kann auf Dauer wirklich nicht gesund sein. Davon bin ich überzeugt. Deshalb wurde das Handy ins Küchentisch-Exil verbannt und bleibt auch bis zum Verlassen der Wohnung dort. Im Küchentisch-Exil und im Flugmodus. Da bin ich streng. Außerdem stelle ich es immer auf lautlos, weil ich das penetrante Klingeln in ungelegenen Situationen nicht mag. Ein Telefon läutet ja meistens dann, wenn man es gar nicht brauchen kann. Wenn man die Hände mit Einkaufstaschen voll hat oder wenn man mit anderen Menschen im Lift steht und belauscht wird oder wenn der Film gerade am spannendsten ist. Deshalb rufe ich lieber zurück, wann es eben mir passt. Das klappt auch im Job recht gut, weil ich es ja spüre und trotzdem dezent höre, wenn mich jemand verlangt. Dazu muss es nicht laut klingeln und mich zusätzlich stressen. Ob die Nachricht oder der Anruf dann eine sofortige Reaktion meinerseits erfordert, kann ich somit selbst entscheiden.

Kurz vor 07:00 bin ich bereit, das Haus zu verlassen. Ich gehe zu Fuß von meiner Wohnung im zweiten Wiener Bezirk in die Innenstadt. So nennen die Wiener das Zentrum: Innenstadt oder City. Das mache ich jeden Morgen so. Genug Bewegung, um dann ohne schlechtes Gewissen stundenlang zu sitzen. Denn wenn ich mich im Büro bewege, dann nur aus drei Gründen: um frisches Wasser zu holen, um von einem Meeting zum anderen zu eilen oder um mein getrunkenes Wasser dann wieder auf der Toilette loszuwerden. Heute schleppe ich auch Wechselschuhe in meiner grauen Tasche mit. Für das Mittagsdate mit dem Augenarzt. „Der Augenarzt“ ist meine neueste Onlinedating-Bekanntschaft aus Salzburg. Und die möchte ich nicht in Sneakers kennenlernen. Da gehts in erster Linie nicht ums Bezirzen. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob er es überhaupt wert wäre. Aber in schicken Schuhen mit Absatz spüre ich mehr Leben in mir. Ich habe einen aufrechteren Gang, bin selbstbewusster, strahle mehr aus. Deshalb das Wechselpaar in der Umhängetasche, auch wenn ich mich gerade abschleppe wie ein Esel.

Zu Beginn des 50-Minuten-Fußmarsches erwecke ich mein Handy zum Leben, indem ich die Flugmodus-Funktion deaktiviere. Es vibriert mehrmals hintereinander. 1 SMS – Zustellung des Pakets, heute, blablabla. Okay, kann ich löschen. 1 E-Mail – Deko Online-Shop verschickt heute versandkostenfrei. Kann ich auch löschen. Derzeit kein Dekobedarf. Ah, jetzt wirds interessant! 1 E-Mail – Absender Dating-Portal. Sie haben eine neue Nachricht vom Augenarzt. Okay, es steht nicht wirklich der Wortlaut „vom Augenarzt“ da, weil „der Augenarzt“ tatsächlich auch einen Vornamen hat. Eigentlich heißt er J., ist Steirer und lebt in Salzburg. Wir schreiben uns seit etwa zwei Wochen ziemlich regelmäßig und das, was er da von sich gibt, liest sich mehr als vernünftig. Sympathisch, witzig und wortgewandt. Eine vielversprechende Mischung – diese Mischung kann ich getrost treffen! Nämlich heute Mittag. J. ist zufällig in Wien und irgendwie haben wir es beide geschafft, zumindest ein schnelles Mittagessen in unsere Terminkalender zu packen. Ich klicke auf die Nachricht und beginne zu lesen:

Guten Morgen!

Es ist schon 23:27 und ich sitze noch immer am Computer. Korrektur der neuen Website. So gar nicht meines, aber muss eben auch sein.Ich gehe davon aus, dass du schon längst im Land der Träume bist und meine Nachricht erst morgen abrufst. Deshalb das mit dem guten Morgen statt dem guten Abend.

Eigentlich wollte ich dir nur sagen, dass ich mich schon unheimlich auf unser Kennenlernen morgen/heute freue!

Also, bis später im Café Schwarzenberg. J.

So etwas lass’ ich mir doch gerne gefallen! Ein paar nette Zeilen zum Start in den neuen Tag. Ich spüre, dass die Wechselschuhe in meiner Tasche genau die richtigen sind, auch wenn sich ihr Gewicht wie ein Foltergerät auf meiner Schulter anfühlt. Klassische schwarze Stiefel mit höherem, aber nicht nuttigem Absatz. Zufrieden marschiere ich den Rest der Strecke ins Büro.

Nach dem Mittagessen mit „dem Augenarzt“ hetze ich zu einer Besprechung. Zuspätkommen ist nicht meine Art, das passt so gar nicht zu mir. Trotzdem trudle ich erst kurz nach 14:00 beim Termin ein. Das Essen mit J. hat länger gedauert als gedacht. Ich entschuldige mich bei meinen Kollegen, die wenig beeindruckt von meiner Verspätung sind, und setze mich nieder. Ich blicke in den Raum und sehe, dass mein Chef auch noch nicht da ist. Ich bin erleichtert. Vermutlich ist er gerade wieder inmitten eines grenzgenialen Coups und der Deal dauert wohl doch länger als geplant. Mein direkter Vorgesetzter ist nämlich alles andere als eine koschere Person und ich mag ihn nicht. Eigentlich ist er ein Arsch, da muss ich ehrlich sein. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ich atme ein paar Mal tief ein und aus. Zeit zum Durchschnaufen. Schweigen im Raum. Ein Kollege drückt am Beamer herum, der andere starrt in sein Notebook. Ich habe also endlich Zeit, meine Gedanken schweifen und das eben Erlebte Revue passieren zu lassen, ohne weiterhin an meinen widerlichen Chef denken zu müssen. Was für ein schönes Mittagsdate! Diese sofortige Vertrautheit, der gemeinsame Humor. J. erzählte mir viel aus seinem Leben. Wie er aufgewachsen ist, dass er gerade seine erste eigene Praxis eröffnet hat und wann es mit seiner Ex-Freundin einfach nicht mehr passte. Auch optisch konnte ich auf den ersten Blick keine groben „Mängel“ erkennen. Ein wirkliches Schmuckstück also.

„Brrring!“, macht es in meiner Tasche und reißt mich aus meinem Tagtraum. Shit. Ich habe vergessen, das Handy auf lautlos zu stellen. Wieso ist es überhaupt heute schon den ganzen Tag auf laut? Mein Handy ist doch höchstens auf Vibration eingestellt. Wie unangenehm. Das Stummstellen hole ich gleich nach. Dabei sehe ich eine Nachricht von J. Beim heutigen Stelldichein haben wir auch unsere Nummern ausgetauscht. Somit begeben wir uns auf eine andere, persönlichere Ebene. Das fühlt sich ziemlich gut an.

Was für ein schönes Mittagsdate! Danke. J.

Wow, das waren ja genau meine Worte. Genauso hat es auch mein Kopf formuliert! Ich lächle und lege das nun doch auf stumm geschaltete Handy zurück in die Tasche. Mein Chef kommt und das Meeting beginnt. Ich bin voller Glückshormone und deshalb trotz seiner Anwesenheit topmotiviert – es kann losgehen!

5

Ich stehe unsicher am Schießstand und richte die Pistole vor mir auf den Boden. Mein rechter Zeigefinger ruht entlang des Abzugsbügels. So wie ich es gelernt habe. Das ist die einfachste Form der Sicherung, um nicht ungewollt einen Schuss abzugeben.

An den Füßen trage ich meine Lieblingssneakers mit dem neongelben Stern. Die begleiten mich schon so lange und geben mir Sicherheit. Die brandneue Waffe fühlt sich noch fremd an in meiner Hand. Ich atme unruhig. Gleich nach dem Meeting mit meinem Chef habe ich diesen Slot fürs Schießen gebucht. Das brauche ich heute ganz dringend. Meine picksüßen Augenarzt-Endorphine wurden schon nach wenigen Minuten mit meinem Vorgesetzten vom Zorn zermalmt. Ich hasse ihn dafür! Meine Atmung beschleunigt sich merklich.

Wie kann ein Mensch nur so durch und durch böse sein? Und noch mehr frage ich mich, warum er vom Vorstand noch immer geduldet wird. Nicht nur geduldet, sondern sogar beschützt. Das ist ein offenes Geheimnis, dass mehr Geld in seine eigene Tasche als in das Unternehmen fließt und trotzdem hockt er seelenruhig in seinem sündhaft teuren Ledersessel im viel zu großen Büro mit Panoramablick über Wien und grinst sich ins Fäustchen. Keiner unternimmt etwas dagegen. Wie kann das nur sein?

Jetzt. Ich bin bereit! Bereit, meine Waffe das erste Mal ohne Trainer abzufeuern. Ich atme noch einmal bewusst ein und aus. Dann halte ich die Luft an. Mein Bruder sagt ja, dass an dieser Stelle das ruhige Weiteratmen das Wichtigste ist. Trotzdem halte ich immer die Luft an. Ich nehme die Pistole hoch, lege meinen Zeigefinger nun vorsichtig auf den Abzug. Ich kann ganz leicht das Züngelchen der Sicherung spüren. Meine Finger färben sich weiß, ich halte die Waffe eindeutig zu fest. Ich suche den Druckpunkt und ziehe dann tatsächlich den Abzug durch. Ein heftiger Ruck geht durch die Waffe. Der Rückstoß erledigt seine Arbeit, die leere Hülse wird ausgeworfen und die nächste Patrone nachgeladen. Eine 8. Ich bin zufrieden. Erst jetzt atme ich weiter. Ruhig und besonnen. An meinen Chef möchte ich heute nicht mehr denken.

6

Ich habe das MAK, das Museum für angewandte Kunst, vorgeschlagen. Genauer habe ich das Lokal Salonplafond im MAK vorgeschlagen, nicht das Museum selbst. Mit Museen habe ich es nicht so. Mit ausgestellter Kunst kann ich wirklich überhaupt nichts anfangen. Ich mag aber Design sehr. Kunst ist oft ein Teil davon, das stimmt. Aber wenn die Kunstwerke einfach nur so dastehen oder -hängen, ohne jegliche Funktion oder Zweck zu erfüllen, tu’ ich mir mehr als schwer damit. „Ist das Kunst oder kann das weg?“ – das drückt es ziemlich genau aus.

Als ich Anfang der Woche mit „dem Augenarzt“ telefoniert habe, meinte er, er würde am Wochenende gerne nach Wien kommen und sich über ein Abendessen mit mir freuen. So ein Abendessen ist wesentlich entspannter, als ein Mittagessen mit Meeting im Nacken. Also habe ich natürlich zugesagt. Ich freue mich schon sehr auf unser heutiges Treffen. Und auf den Salonplafond. Die Kombination von Design und Architektur mit einem Hauch von Jugendstil finde ich nämlich unwiderstehlich. Spätes 19. Jahrhundert im Geist des 21. Jahrhunderts. Dazu die überschaubare, aber exzellente Karte. I like!

Und als J. mich nach einer geeigneten Unterkunft fragte, empfahl ich ihm im Rausch meiner unbändigen Wien- und Design- Liebe ein Zimmer in meinem Grand Ferdinand. Natürlich gehört mir das Hotel nicht, aber dieses Haus auf der Ringstraße ist eines meiner absoluten Lieblingshotels in Wien. Die vielen verspielten Details und wieder diese Mischung von beständiger Eleganz und modernem Schick. Das fühlt sich ganz wunderbar an dort. Und das weiß ich deshalb so genau, weil ich mich auch schon mal selbst dort eingemietet habe.

Ja, das mache ich tatsächlich hin und wieder, mich in Hotels in der eigenen Stadt einmieten. Wenn mich ein Konzept wirklich, wirklich interessiert, möchte ich die Atmosphäre spüren und hautnah erleben. Dann will ich dort in einem der Zimmer die Brause aufdrehen, den Duft der frischen Bettwäsche inhalieren und wissen, wie die Eggs Benedict an einem Tisch mit Dachterrassenblick schmecken.

20

Ich weiß, wenn ich von meinen persönlichen Hotspots in meiner absoluten Lieblingsstadt schwärme, dann klingt das immer wie astreine Tourismuswerbung. Ist es aber nicht. Berufsbedingt spricht schon auch ein bisschen die Marketingleidenschaft aus mir, aber diese Wien-Schwärmerei kommt aus tiefstem Herzen und ist natürlichen Ursprungs, weil Wien nicht nur eine hinreißende Stadt, sondern wahrhaftig ein Lebensgefühl ist.

Die Zeit bis heute verging zum Glück recht schnell. Ich freue mich nämlich schon wahnsinnig auf diesen Abend mit J. Als wir das Lokal betreten, ist das sonst sehr beeindruckende Ambiente des Salonplafond aber heute absolut nebensächlich. Meine Augen richte ich heute ausschließlich auf „den (meinen?) Augenarzt“. Er erwartet mich in dunkelblauer Jeans, weißem Hemd und blauem Sakko. Schöne rahmengenähte Schuhe in Schwarz. Check, das passt! Vor allem auch zu meinen sehr schicken High Heels, die ich heute ausgesucht habe. Die mit dem etwas übertrieben hohen, leicht nuttigen Absatz. Er bestellt sich einen Schilcher Frizzante als Aperitif. Ja, hieran erkennt man eben einen echten Steirer. Einen echten Steirer, der in Salzburg lebt, gerade in Wien diniert und ein bisschen seine Heimat vermisst. Mein Lokalpatriotismus als Grazerin lässt zu wünschen übrig. Ich bestelle mir einen Martini Bianco. Der Gruß aus der Heimat scheint „dem Augenarzt“ zu schmecken, er leert den Frizzante in einem Zug und grinst. Er ist gleich bereit für noch einen.

Zum Hauptgang entscheiden wir uns für gefüllte Polentaknödel vom „Green Egg“ und ein klassisches Backhendl vom Bio-Wildhendl mit Erdäpfel-Kernöl-Salat. Kernöl, eh klar! Dazu eine Flasche Sauvignon Blanc – „kleschkalt“ muss der Wein sein, wie man bei uns in Graz sagt. Anders schmeckt er eben nicht. Da bin plötzlich auch ich ziemlich patriotisch. Lauwarme Plörre kommt mir nicht ins Glas. Ein wirklich leckeres Tröpfchen, gut gewählt, denke ich mir. Das passt hervorragend zu unseren guten Gesprächen. Denn auch heute wieder: schöne, offene Geschichten und sehr viel Humor.

Trotzdem bleibe ich irgendwie nervös. Das legt sich auch den ganzen Abend nicht. „Der Augenarzt“ macht mich wirklich unheimlich nervös. Aber auf die schöne Art und Weise. Wir berühren uns zwischendurch immer wieder ganz sanft. Ganz zufällig natürlich. Oder doch nicht? Dabei durchfährt mich jedes Mal ein zarter Blitz. Das kribbelt und fühlt sich wunderschön an. Auch J. ist die Nervosität deutlich anzusehen. Er umklammert sein Weinglas wie eine Rettungsboje und trinkt in einem ordentlichen Tempo. Der Alkohol entspannt ihn. Je mehr er trinkt, desto lockerer wird er. Den Digestif lasse ich aus. In meinem Alter sollte man die Finger von zu viel Alkohol lassen – ich vertrage ja nichts mehr und spüre jetzt schon, wie er mir in den Kopf steigt. Diesen Zustand mag ich nicht sonderlich und er erinnert mich an meine jugendlichen Eskapaden, wo ich mich echt oft nicht unter Kontrolle hatte. Und damals war das auch gut so, sonst wäre meine Sturm-und-Drang-Zeit nicht dermaßen amüsant gewesen. Aber jetzt, ein paar Monate vor meinem 35. Geburtstag, brauche ich das wirklich nicht mehr. Er genehmigt sich zum Abschluss ein kleines Bier. Bier auf Wein?, denke ich mir. Aber egal. Wenn ihm danach ist? Auch dieses Glas hält er fest wie ein Kind seinen Kuschelbären.

Danach lade ich ihn auf einen Cocktail in eine nahegelegene Bar ein. Ja, das ist mein Ausdruck von Gleichberechtigung. Er hat ganz selbstverständlich die Restaurantrechnung beglichen und ich zahle eben das „flüssige Dessert“. Er nimmt dankend an. Das freut mich natürlich, weil ich mich in seiner Nähe sehr wohl fühle. Wir schlürfen gerade unseren zweiten Cocktail und lachen viel, als sich auch meine Angespanntheit endlich zu legen beginnt. Offensichtlich wirkt der Cocktail auch bei mir, obwohl er alkoholfrei ist. Aber ganz egal, irgendetwas wirkt und das ist gut. Unsere Gespräche driften in eine schmutzig-witzige Richtung ab. Auch damit habe ich kein Problem, wenn der Dialogpartner stimmt. Und das tut er!

Beim dritten Cocktail und dem parallelen Bier, das sich J. bestellt, muss ich dann aber passen. Ein weiteres Getränk hat weder in meinem Kopf noch in meinem Magen Platz. Zu voll alles. Er hat offensichtlich kein Problem damit, diese Mengen in sich reinzugießen. Dieses auf seiner Seite nicht existente Problem erweist sich aber recht schnell als ein Problem für mich, denn ich verstehe absolut kein Wort mehr. Nichts. Er lallt und es fällt ihm sichtlich schwer, einen geraden Satz zu formulieren. Ja, ich kann an seiner Mimik und Gestik immerhin erkennen, dass er zufrieden und fröhlich ist, aber mehr auch nicht. So macht das keinen Sinn für mich. Ich beschließe deshalb für uns beide, diesen eigentlich sehr lustigen Abend an dieser Stelle abrupt zu beenden und ordere anstelle von weiteren Drinks einfach zwei Taxis, die uns nach Hause bringen. Ist vermutlich besser so.

7

Wäre ich nicht so betrunken gewesen, dann hätte ich dich gestern geküsst. Tut mir leid, dass ich etwas zu viel hatte. J.

Diese SMS erreicht mich gleich nach dem Einschalten des Handys am nächsten Morgen. Alles klar, offenbar ist es nicht nur mir aufgefallen, dass der abendliche Alkoholkonsum wohl ein bisschen zu viel des Guten war. Ich bin erleichtert. Das mit dem Küssen hätte mich tatsächlich auch interessiert. Lieber früher als später. Denn da gibt es eine Geschichte aus meiner Jugend, die mich bis heute sehr prägt:

Beim Küssen habe ich ja schon alles durch. Mann küsst mich. Ich küsse Mann. Ich knutsche mit einem Fremden schon nach ein paar Minuten wild herum. Und... ich bin mit einem Mann in einer Beziehung, ohne mit ihm geschmust zu haben. Ja, auch das gibt es! Ich befand mich wirklich schon einmal in einer Beziehung mit einem Kerl, ohne ihn jemals geküsst zu haben! Für diese Geschichte muss ich aber einen kurzen Exkurs in meine frühen 20er machen. Nein, eigentlich war ich noch 19, aber das ist jetzt unwichtig. Damals gab es diesen einen, den ich wahnsinnig gernhatte. Ein knackiger, süßer Bursche – durch und durch. Wir hatten beide ernsthafte Gefühle füreinander und ein wohliges Gefühl im Bauch, wenn wir gemeinsam unterwegs waren. Wir hielten Händchen, verbrachten jede freie Minute miteinander, aber den Moment für den ersten Kuss haben wir einfach verpasst.

In meiner Jugend hieß es ja immer „Wer schmust, is’ fix z’samm’“ und plötzlich wurde daraus: Verdammt, wir sind jetzt fix zusammen und haben noch nicht einmal geschmust?! Wie geht das? Wie konnte das nur passieren? Es ist ja so, dass es bei jeder neuen Beziehung, die sich anbahnt (und hier spreche ich nicht von schnellen Liebschaften), am Anfang mehrere Gelegenheiten für den ersten Kuss gibt. Wenn man sich etwa tief in die Augen schaut, wenn man gemeinsam einen romantischen Film sieht oder wenn man in der Disco eng aneinander gekuschelt tanzt. Auch zu Beginn meiner Liaison mit dem süßen Burschen gab es natürlich mehrere von diesen Gelegenheiten, aber diese haben wir allesamt verstreichen lassen. Wir waren einfach zu schüchtern,