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Ein jugendlicher Werwolf, frisch von der Stadt aufs Dorf gezogen und auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens. Solange er ihn noch nicht gefunden hat, fachsimpelt er am liebsten mit seinem besten Kumpel, einem freundlichen Punk, bei einem guten Bier über gutes Bier. Als er dann auch noch Bekanntschaft mit einer sprechenden Krähe schließt, nimmt sein Leben Fahrt auf. Alles könnte so schön sein - doch dann stolpert er nachts über eine Leiche und mitten hinein in todbringende Schwierigkeiten. In höchster Not erkennt der schüchterne Einzelgänger, dass ihm unerwartet viele Menschen freundschaftlich zur Seite stehen. Und nicht nur Menschen.
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Seitenzahl: 421
Veröffentlichungsjahr: 2019
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1. KAPITEL
Das Haus
2. KAPITEL
Ein neuer Anfang
3. KAPITEL
Der Umzug
4. KAPITEL
Heimat
5. KAPITEL
Neue Bekanntschaften
6. KAPITEL
Krähen in öffentlichen Einrichtungen
7. KAPITEL
Abhängen
8. KAPITEL
Zu schön, um wahr zu sein
9. KAPITEL
Mahlzeit
10. KAPITEL
Unerwarteter Besuch
11. KAPITEL
Gehen wir es an
12. KAPITEL
Wölfische Ermittlung
13. KAPITEL
Verschmolzen werden oder nicht werden
14. KAPITEL
Kurzes Durchschnaufen
15. KAPITEL
Einsichten
16. KAPITEL
Ein Ziel haben oder sein
17. KAPITEL
Hallo Gefahr
18. KAPITEL
Mit dem Rücken zur Wand
19. KAPITEL
Ein Bild entsteht
20. KAPITEL
Wieder daheim
21. KAPITEL
Normalität
22. KAPITEL
Fang, WOLF, fang
23. KAPITEL
Wissen ist Macht
24. KAPITEL
Rückschläge
25. KAPITEL
Wilde Welt
26. KAPITEL
So eine Sauerei
27. KAPITEL
Trautes Heim …
28. KAPITEL
Mist, ich hab die Lösung
EPILOGE
Ein Baum
Eine Hexe
Ein Kommissar
Ein Freund
Ein Fall
Ein Ende?
Wie ich schon sagte, äh ... verzeihen Sie, ich habe Ihren Namen vergessen.«
»Phasius, Ben Phasius.«
»Ah ja, Herr Phasius – wie ich schon sagte: Das Haus ist klein, zu klein für eine Familie. Ich will ganz ehrlich sein: Es ist schwer zu vermieten. Früher war die Größe natürlich ausreichend, aber heute und ohne Zentralheizung, na ja.«
Schon beim Einfahren in die Siedlung waren Ben die vielen alten und kleinen Häuser aufgefallen. Die wenigsten waren renoviert. Ein paar bestachen durch Anbauten, die aufgrund ihrer überragenden Größe diesen Namen eher zu Unrecht trugen. Stil und Bauplatz legten die Mutmaßung nahe, dass Genehmigungen nicht oder durch ›Aufwandsentschädigungen‹ gegeben wurden. In vielen Fenstern fehlten Vorhänge. Offensichtlich war Herr Ritter nicht allein mit seinem Vermietungsproblem.
»Ich zeige Ihnen jetzt den Keller. Vorsicht, die Stufen sind nicht gleichmäßig. Auch hier will ich Ihnen nichts vormachen: Der Keller wurde erbaut, um Lebensmittel zu lagern, und eignet sich nicht zur Lagerung von Dingen, die rosten oder modern können, wenn Sie verstehen, was ich meine. Es ist halt etwas feucht.«
Es roch auch so. Herrn Ritters Ehrlichkeit wirkte alles andere als aufgesetzt, sie klang schon vielmehr etwas verzweifelt. Ben stellte sich vor, wie das Haus auf potentielle Durchschnittsmieter wirken musste: Holzöfen, modriger Keller, Wohnraum insgesamt unter 60m2, alte Fenster – und das alles in einem Wohngebiet, das an eine Wild-West-Geisterstadt erinnerte.
Ben hatte sich vorab informiert. Der Bau der Autobahn im westlichen Teil von Herderbrunn machte dieses Siedlungsgebiet im Osten von Kleindachsendorf mehr oder minder zur Sackgasse. Südöstlich grenzte ein zehn Kilometer langes Waldgebiet an die Siedlung. Man entkam in die naheliegende Stadt Klobenburg motorisiert nur über einen beträchtlichen Umweg oder über eine kleine Straße, die den Wald in östliche Richtung durchschnitt und ins angrenzende Tal führte. Auf ihr hatte nur ein Fahrzeug Platz, und sie verfügte weder über einen Mittelstreifen noch über das Recht, im Winter geräumt zu werden. Hatte man den Wald erfolgreich durchquert, dann war es nur noch ein Katzensprung über die große Bundesstraße in die Stadt.
Einen erheblich kürzeren Weg konnte man via Fahrrad oder zu Fuß wählen. Nahezu in Luftlinie schlängelte sich ein Waldweg nach dem Norden der Stadt.
Eine alte Siedlung, keine Schule, die nächste Einkaufsmöglichkeit vier Kilometer entfernt, selbst erfahrene Immobilienmakler hätten sich diverse Zähne daran ausbeißen können.
Es war einfach …
… perfekt.
»Was, sagten Sie, soll es kosten?«
»Haben Sie Haustiere?«
»Nein.«
»Schade, das wäre hier nämlich kein Problem. Na ja, ich dachte an 300,-€, selbstverständlich inklusive aller Nebenkosten. Sie müssen halt noch für Brennstoffe und Strom sorgen.«
»Ich wäre sehr interessiert, aber es gibt sicher noch mehr Interessenten. Bis wann müssen Sie sich entscheiden?«
»Ach so, ja, nein, lassen Sie sich Zeit, äh, sagen wir: in einer Woche. Wollen Sie noch den Garten sehen?«
»Ja, unbedingt.«
Die Straße verlief von Ost nach West. Warf man seinen Blick direkt von der Straße auf das Haus, so sah man an der linken Seite ein Gartentürchen mit dahinter liegendem Weg, der zur Eingangstür führte, die sich ebenfalls auf der linken, östlichen Seite des Hauses befand. Neben dem Weg gab es eine Einfahrt, allerdings ohne Garage. Ein Tor zu dieser Einfahrt musste es wohl einmal gegeben haben, da zwei einbetonierte Pfosten, an denen sich die Gartentor-Halterungen befanden, noch immer rechts und links der Einfahrt ausharrten, in der Hoffnung, wieder einmal zum Einsatz zu kommen. Derzeit sorgten die Pfosten nur dafür, eine rot-weiße Plastikkette zu halten, um zumindest den Hauch eines ›My home is my castle‹-Gefühls zu vermitteln.
Der Garten maß vom Haus zum Nachbargrundstück auf der linken Seite ca. zehn Meter, und auch nach Süden auf der rückwärtigen Seite des Hauses hatte man ca. einen zehn Meter breiten Streifen Garten. Auf der Südseite befand sich eine Mauer als Begrenzung, im Osten schloss das Grundstück mit einer verwilderten Haselnusshecke. Die Straßenpräsenz wurde durch den nördlichen Vorgarten von ca. drei Metern Breite gepuffert. Nicht, dass diese Pufferung nötig gewesen wäre, denn das Verkehrsaufkommen verhielt sich zur Einwohnerzahl direkt proportional: es war kaum vorhanden.
Die rechte Seite wurde von einem Gartenstreifen flankiert, der in seiner Bescheidenheit vielleicht noch drei Meter in der Breite ausmachte. Hier war allerdings nicht durchzukommen, da sich hier unzählige Sträucher im wahrsten Wortsinn breit machten.
Die Fenster des ebenso kleinen Nachbarhauses auf der linken, den Garten flankierten Seite wiesen Vorhänge in Kombination mit altmodischen gehäkelten Stores auf.
Doch nicht so ungestört, dachte Ben. Er würde darüber nachdenken müssen.
Herr Ritter bemerkte seinen grübelnden Blick auf das Nachbargrundstück und versuchte etwas ungelenk zu intervenieren:
»Eine alte Dame … sehr alt … und schwerhörig … sehr nett … völlig unschwierig, wenn Sie verstehen, was ich meine.«
Ben nickte mit Entschiedenheit, um dieses unangenehm klägliche Gestammel zu beenden. Es gelang.
Den Rückweg in Bens derzeitiges Domizil, ein Ein-Zimmer-Wohn-Küchen-Klo, das in der Innenstadt gelegen war, prägte ein innerer Dialog zwischen Euphorie und ängstlicher Zurückhaltung.
Mit dem Ergebnis, dass Ben zugeben musste, sich verliebt zu haben, auf den ersten Blick, nicht allein in ein kleines Haus aus Sandstein, sondern in die Möglichkeit, ein freieres Leben zu führen.
Je länger er darüber nachdachte, umso klarer wurde ihm zwar, dass ›frei zu sein‹ nicht alleine von einem Wohnort abhängig war, aber das änderte auch nichts mehr an seiner Entscheidung.
Nun wollte er noch kurz duschen, denn am nahen Abend war er mit seinem einzigen Freund, einem Menschen namens Matthias, in ihrer gemeinsamen Lieblingskneipe verabredet.
Er hatte Matthias kurz nach Absolvierung des wölfischen Internats kennengelernt. Ben lebte nach dem Abitur bei seinen Eltern, denen er dadurch Kummer bereitete, dass er keine Anstalten machte, sich ein akademisches Ziel zu stecken und darauf loszurennen, wie es bei seinen Schulkollegen der Fall war.
Er hingegen war froh, jenem wölfisch elitären Etablissement entronnen zu sein, und dachte nicht im Traum daran, es nun gegen eine ebenso geartete höhere Schuleinrichtung einzutauschen. Vielmehr gedachte er, nach seinem Auszug aus seinem Elternhaus sein Leben grundsätzlich neu zu überdenken.
Dabei versuchte er, die direkte Konfrontation mit Vater und Mutter zu vermeiden. Das Argument einer nötigen Bedenkzeit für die Berufswahl sollte sie besänftigen, was aber nur unzureichend gelang. Seine Mutter versuchte, mit aufgesetztem Verständnis die Wogen zwischen Vater und Sohn zu besänftigen. Erst als Ben von ›jägerischer Freiheit‹ sprach, die er benötigen würde, um über die Wahl seines universitären und beruflichen Reviers zu entscheiden, sah der Vater von einem endgültigen Bruch mit gleichzeitiger Enterbung ab.
Nun schien alles nach Plan zu verlaufen. In Wahrheit allerdings hatte er nicht im Traum daran gedacht, sich universitärer Eignungsfindung hinzugeben, sondern wollte leben: Freiheit erleben, Leben erleben und – auch und vor allem – Menschen erleben.
Ben hatte zu dieser Zeit schon mehrere gastronomische Streifzüge in die städtische Kneipenlandschaft gemacht, die ihn immer häufiger in eine Kneipe namens ›Spirit‹ führten. In deren Räumlichkeit war die Akzeptanz von Andersartigen Programm. Das lag vornehmlich daran, dass ihre Insassen die Andersartigkeit geradezu zur Kunstform erhoben hatten. Auch Pocke, den Ben dort kennen lernte.
Augenfälligstes Merkmal Pockes, dessen bürgerlicher Name Matthias einen weniger infektiösen Charakter trug, war, dass er äußerst bunt in Erscheinung trat. Man hätte ihn landläufig als Punk bezeichnet. Er hatte es geschafft, sich in einer sehr kurzen Zeit mit Ben anzufreunden, was ungewöhnlich war, da Ben bis dato ein Einzelgänger gewesen war, ein einsamer Wolf, wenn man so will.
Hätte Ben Pocke beschreiben müssen, so wären Begriffe wie offen, warmherzig, friedlich, klug und natürlich bunt gefallen. Mit einem Wort, es fiel Ben sehr leicht, ihn intuitiv, uneingeschränkt und spontan zu mögen. Etwas, das ihm in dieser Form zum ersten Mal passierte und auch später in seinem doch sehr bewegten Leben nicht mehr sehr oft passieren sollte.
Pocke war nicht der einzige Punk im ›Spirit‹, und dennoch war dieser Laden definitiv keine reine Punkkneipe, vielmehr ein Schmelztiegel aller möglichen eher jungen Menschen, die optisch die Nonkonformistenfront der Stadt bildeten: Man traf auf Punks, Goths, Larpis, Metaller und ›Manga-Punks‹, wie Ben und Pocke sie nannten – ihre Selbstbezeichnung ›Cosplayer‹ schien den beiden nicht passend, wohingegen sie mit dem neu gewählten Namen der dem Punk ähnelnden Farbenvielfalt der Szene Rechnung tragen wollten.
Sein eigenes Äußeres hatte Ben dem Design der Schwarzkittel angepasst, d. h.: schwarzer langer Ledermantel über schwarzen Jeans in Kombination mit schwarzen T-Shirt in einer raffinierten Kombination mit schwarzen Springerstiefeln, die durch ihre schwarze Schnürung in diesem Umfeld als eher langweilig anzusehen waren.
Eine Staffage, der mehr ein pragmatischer Ansatz zugrunde lag als eine starke Zuneigung zu dunklen Farben: Denn Ben hatte die Erfahrung gemacht, dass schwarz gekleidete Menschen als unnahbar galten, man ihnen nur mit Distanz begegnen mochte und somit in Ruhe ließ.
Und Ben war nun mal Einzelgänger – nicht aus Überzeugung, aber er fand die Fahne einfach nicht, der er gerne gefolgt wäre. Vereinnahmung war ihm ein Gräuel, deshalb war ein schwarzes Outfit eine akzeptable Lösung seiner sozialen Gepflogenheiten.
Dazu kam, dass die Schwarzkittel keine politische oder andere Aussage verband, für die sie unisono eintraten, keine einheitliche Weltanschauung, mit der er sich auseinander setzen musste. Nichts wurde von ihm erwartet, er musste nicht für oder gegen etwas sein, keine Glaubens- oder Parteizugehörigkeit schränkten seine Weltsichtmöglichkeiten ein.
Mit einem Wort, er hatte selbst nach längerer Milieustudie noch keine Ahnung, warum genau sich die Schwarzkittel eigentlich schwarz kleideten – es war anzunehmenderweise einfach eine textile Geschmackssache. Die Szene umfasste eher friedhofsnahe und noch andere Ansätze, die aber alle nicht konkret waren, sondern die Diffusität an sich war Absicht und Ausdruck der Gemeinde.
Natürlich gefiel ihm auch der Umstand, dass, wie gegensätzlich in zeitgenössischen Horrorfilmen vorgelebt, schwarze Kleidung und Wolfstum in keiner unabdingbaren Verbindung standen. Die männlichen Wölfe, die er kannte, und das waren natürlich viele, waren vornehmlich in handelsübliche Anzüge gehüllt, in denen sie sich voneinander und von der übrigen Welt nicht eben abgrenzten. Zwar war auch die Farbe Schwarz in der Schlipsträgergemeinde grundsätzlich geläufig, aber nur partiell und ohne spezifische Aussagequalität, sah man einmal von Bestattungsunternehmern ab.
Das ›Spirit‹ war klein und dunkel, ein Tresenquadrat in der Mitte des Raums war Zentrum und Charakteristikum der Wirtschaft. Bunt zusammen gewürfelte Sitzgelegenheiten, von Stühlen über Sofas, Sessel bis hin zu Sitzkissen, umringten niedrige Tische, die ausschließlich zum Abstellen von Getränken geeignet waren.
Hätte man darauf eine Mahlzeit einnehmen müssen, wären dem besiegten Hunger sicherlich mannigfaltige Haltungsschäden gefolgt.
Die Fenster waren mit dunkler Folie abgeklebt, und die elektrische Beleuchtung hatte einen etwas individuellen Touch. Hier trafen sich Leuchtdioden mit LED-Ketten zum fröhlichen Geblinke. Nackte Neonröhren steuerten die kuschelige Atmosphäre von Kalt- und Schwarzlicht bei. Also eher kein Ort für traditionell-bürgerliche Familienfeste.
Das ›Spirit‹ wurde service-technisch aus dem Tresenquadrat verwaltet; wollte man ein Getränk, so musste man sich schon dorthin bemühen. Die Bedienungen, die dort arbeiteten, rekrutierten sich aus der Besuchergemeinde und waren ebenso bunt beziehungsweise schwarz wie diese.
Über allem herrschte der Wirt. Er war fast immer im Laden und schmiss diesen auch mal selbst, wenn nicht viel los war. Er war Ende dreißig, hieß Uwe Fürst und hörte überdies noch auf diverse Namen wie Alter, Meister, Wirtschaft, Zapfstrolch, oder – wie er von fast allen liebevoll in seiner Abwesenheit genannt wurde – ›Fürst der Finsternis‹. Die Kurzform dieses Titels ›unser Fürst‹ hätte einen uneingeweihten Beobachter in dieser Atmosphäre sich in einer merkwürdigen dystopischen Zukunft wähnen lassen, so zwischen Jules Vernes und Cyberpunk. Zumindest hätten sich dem Außenstehenden angesichts einer Verbindung aus irokesen-bekrönten Buntkitteln, von deren Schultern gerne mal eine weiße Ratte majestätisch herunter gähnte, und kaiserlich-königlichem Gedankengut längst vergangener Tage doch einige Zweifel übers Stammhirn gelegt.
Nichtsdestotrotz war der Fürst, was Klamotten betraf, mit Abstand der Normalste im Lokal. Monochrome T-Shirts in allen erdenklichen Farben sowie Jeans und Turnschuhe schienen mit ihm verwachsen.
Er war sehr beliebt bei seinen Gästen, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass sein größtes Hobby Bier hieß. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Dieses Hobby beinhaltete nicht den maßlosen Konsum von Bieren, sondern offenbarte sich durch großen Sachverstand rund um Hopfen und Malz, inklusive der Expertise, mit welcher Zauberei ein gutes Bier herzustellen sei. Dieser Bierverstand sorgte im ›Spirit‹ für eine exzellente Auswahl an hochwertigen Brauereierzeugnissen.
Ben mochte es, wenn der Fürst auf seinen Bierproben Wissenswertes dozierte, und verfügte schon nach kurzer Zeit und einigen solcher Veranstaltungen ebenfalls über einige Kenntnisse in Sachen Gerstensaft.
Diese fundierten Bierseminare hätten zwar eher in die geheiligten Hallen einer Brauereiakademie gepasst, waren aber beim ›Spirit‹-Auditorium nicht nur akzeptiert, sondern auch sehr beliebt.
Eigentlich war es noch zu früh am Abend, um sich im ›Spirit‹ zu verabreden, zu früh, um etwas zu erleben, gerade mal so geöffnet. Nur Uwe war da.
Uwe kannte seine Pappenheimer, und Pocke und Ben mochte er sogar gerne leiden.
Das hatte drei Gründe:
Erstens war beider Interesse an Fachwissen über Bier nicht aufgesetzt, sondern echt. Zweitens waren beide äußerst friedfertig, und drittens neigten sie dazu, Getrunkenes auf die regulär urinale Weise wieder von sich zu geben. Was der Fürst der Finsternis auf den Tod nicht ausstehen konnte, war, wenn seine Untertanen soviel des guten Bieres tranken, dass sie es nicht mehr bewusst von sich geben konnten und somit bisweilen für Verunreinigungen unschöner Art sorgten.
Allerdings wussten dies die Stammgäste ihrerseits, und um sich nicht den Groll ihres Fürsten zu zuziehen, versuchte man sich zu beherrschen. Ein weiterer Grund dafür, dass es im ›Spirit‹ zwar außergewöhnlich, aber dennoch zivil zuging.
Pocke und Ben waren an solchen Frühabenden im ›Spirit‹ meist allein und konnten so erst einmal den Tag beziehungsweise die Woche besprechen und abwägen, ob es gut oder schlecht war, was sie erlebt hatten und welche Strategien wohl anlägen, um es fürderhin besser zu gestalten. Hätte man es nicht gewusst, so hätte man die zwei für Philosophiestudenten im ersten Semester mit einem unüberwindlichen Drang halten können, basale Theorien, die Welt zu beschreiben, einer Rezension anheim fallen zu lassen.
An diesem Tag besprach man die Möglichkeit für Ben, in das besichtigte Haus zu ziehen, und Pocke schien begeistert, allerdings auch ein wenig zurückhaltend, da er befürchten musste, sich mit Ben nach einem Wegzug nicht mehr so häufig abends verabreden zu können. Ben entkräftete jeden Zweifel dahingehend sofort mit dem Argument, dass es durch den Wald zwischen dem neuen Domizil und der Stadt gerade einmal fünfzehn Minuten mit dem Fahrrad seien und er nicht im Traum daran dächte, das abendliche Fortgehen einzuschränken. Unausgesprochen blieb dabei natürlich das Argument seiner wölfischen Natur – ihm war klar, dass die Strecke für einen Wolf in null-komma-nichts zu bewältigen wäre.
Man unterhielt sich noch über dies und das, das ›Spirit‹ füllte sich, und nach einem langen gemeinsamen Abend verabredeten sich beide zu einer gemeinsamen Besichtigung des potentiellen neuen Wohnsitzes am morgigen Samstag.
Ben war dem Umstand, dass seine gerade einmal so halbwegs beschwichtigten Eltern nicht daran dachten, ihm die gewünschte Auszeit zu finanzieren, damit begegnet, dass er einen Job annahm.
Er arbeitete seit kurzem in einem Lager für landwirtschaftliches Gerät, das über einen Maschinenring von einer ganzen Gemeinschaft bäuerlicher Nutzer abwechselnd in Beschlag genommen wurde. An diesen Job, über den seine Eltern selbstverständlich gesagt hatten, dass er eines Wolfes unwürdig sei, war er – wie sollte es anders sein – über Pocke geraten.
Pocke war schon seit längerem am selben Ort tätig. Er war gelernter Schlosser und somit aufgrund seiner Qualifikation zu dieser Arbeitsstelle gekommen. Die restlichen Mitarbeiter einschließlich seines Chefs mochten den Punk ausgesprochen gerne, und das nicht nur, weil sich zu seiner fachlichen Qualifikation noch eine ausgeprägte Philanthropie gesellte. Nein, es gab noch einen dritten Grund, der Pocke dazu prädestinierte, sich absolut eigenständig jedem Problem zu stellen: Pocke war nicht Schlosser, sondern ›Handwerker‹.
Es ist natürlich allgemein bekannt, dass Schlosser Handwerker sind, und ebenso, dass das allgemeine Handwerk die Schlosserei in ihren Reihen beherbergt. Hier aber ist speziell das Phänomen angesprochen, dass gewisse, meist männliche, Entitäten auf Erden wandeln, deren ursprünglichste Programmierung darin besteht, allen Dingen auf den Grund gehen zu müssen.
Diese Wesen wollen dadurch Möglichkeiten erringen, durch Wartung und Reparatur jedweden Schaden zu verhindern, beziehungsweise zu reparieren.
Diese hoch energetische Ambition hegte auch Pocke, und sie verschaffte seinem Chef einen gesunden Nachtschlaf und Ben einen trotz sehr hohen Alters einwandfrei funktionierenden Fiat Panda.
Der Tatsache, dass es bisweilen einer recht langen Zeitspanne bedarf, Maschinen oder ähnlichem ohne ausreichende Facherfahrung auf den Grund zu gehen, trug Pocke meist mit einer lapidaren Aussage Rechnung, wie z.B. ›Ich hab's gleich‹ oder ›Das kann ja nicht so schwer sein‹.
Den Maschinenring hatte er allerdings im Griff, das war ja sein Fachgebiet.
Wäre Pocke in der Sowjetunion geboren und hätte sich 1986 in der Nähe von Tschernobyl aufgehalten, hätte es einiger Überredungskunst bedurft, ihn davon abzuhalten, mit einem Satz von selbstverständlich qualitativ hochwertigen Schraubenschlüsseln bewaffnet direkt in des Pudels Kernreaktor zu marschieren, um zu sehen, was da denn im Argen läge. Auch der Begriff der Kernschmelze hätte den Punk gedanklich nicht dazu veranlasst, den Bereich des Möglichen zu verlassen, denn seine Realität war eine mechanische. So fand jegliche Katastrophe in seiner Vorstellung ihren Ursprung in einer schlecht geschmierten Maschine oder ähnlich unverzeihlichem menschlich-technischen Versagen.
Wie dem auch sei, als Ben ihm von seinen Auszugsplänen aus elterlicher Häuslichkeit erzählte, wurde in Pockes Firma gerade dringend ein Lagerist gesucht. Natürlich, wie von einer Gemeinschaft von Landwirten anzunehmen, würde der neue Posten nicht gerade hoch dotiert ausfallen.
Der Maschinenring auf jeden Fall hatte gute Erfahrungen mit dem bunten Pocke gemacht, und somit gab es auch keine Ressentiments gegenüber einem schwarzkitteligen Freund desselben. Die Bereitschaft Bens, für wenig Lohn zu arbeiten, tat den Rest, und er wurde angestellt.
Ben hatte Herrn Ritter am Samstagvormittag angerufen und ihm sein Interesse bekundet, das Haus zu mieten. Der Makler war merklich begeistert und drängte Ben zu einer Unterschrift. Ben stellte ihm eine Entscheidung für Samstagnachmittag in Aussicht: Zuvor wolle er das Haus aber nochmals in Begleitung eines Freundes besichtigen. Als Begründung nannte er dessen Sachverstand bezüglich Immobilien und deren Bewohnbarkeit.
Ob des Stichworts ›Sachverstand‹ sank Herrn Ritters Laune deutlich, denn er befürchtete, dass ebensolcher einer Vermietung abträglich wäre, lenkte aber ein, als er Bens Stimme anmerkte, dass er nicht darum herum kommen würde. In diesem Sinne vereinbarten sie ein Treffen für 16 Uhr.
Die Freunde trafen sich schon eine halbe Stunde vor dem Termin mit dem Vermieter auf eine ungestörte Besichtigung zumindest der Lage und des Gartens.
»Ey, party on!«, kommentierte Pocke den Anblick. »Ein ganzes Haus mit Garten, und abgelegen – das schreit nach Party, Alter!
Und das für 300 Zastereien – supi.«
Dieser spontan positive Kommentar seines Freundes erleichterte Ben nicht nur seine Entscheidung, er war vielmehr unabdingbar nötig, denn ohne Pockes Zustimmung hätte er nicht so recht gewollt. Und damit hatte es sich auch: Die Entscheidung stand fest.
»Party machen wir, Pocke, versprochen«, explizierte Ben seine Entscheidung, »ich muss aber noch umziehen und so.«
»Kein Problem, ich manage das, den Bus kriegen wir vom Maschinenring, und bei dem bisschen, was du hast, haben wir das an einem Tag zu zweit erledigt.«
Ben fiel ein weiterer Stein vom Herzen. Seine Besitztümer waren in Anzahl und Ausführung eher bescheiden, allerdings hätte er die wenigen großen Trümmer, die darunter waren, alleine nicht stemmen können. Zumindest nicht in seiner menschlichen Gestalt: Für einen WOLF wäre das Gewicht ein Witz, hingegen nicht die Reaktionen aller zusehenden Menschen. So hätte er mit dem Umzug entweder bis Halloween warten oder doch jemanden um Hilfe bitten müssen, aber er wollte Pocke auch nicht direkt fragen. Pocke wusste, dass er Bens einziger Freund war, und Ben wusste, dass Pocke das wusste, aber er wollte einfach nicht, dass sich sein Freund in diesem Bewusstsein genötigt sehen würde, beim Umzug zu helfen.
Aber wieder einmal war es so, dass der Punk ihm eine Lektion in Lebensphilosophie erteilte. Pocke wollte mit ihm, Ben, umziehen, genauso wie er allmorgens zur Arbeit gehen, abends Party machen und gelegentlich einen Zahnarzt aufsuchen wollte.
Diese Philosophie bescherte Pocke nicht nur ein geregeltes Einkommen und gute Zähne, sondern eben auch die tiefe Freundschaft von Ben.
Was immer er tat, tat er, weil er es tun wollte – oder er wollte alles wollen, weil er es sowieso tun musste.
Egal, es war einfach erfrischend, mit Pocke zusammen Zeit zu verbringen. Er war der Grund, weshalb Ben ebenfalls gerne zur Arbeit ging, und das jeden Tag.
Herr Ritter, der Vermieter, traf ein, und die Formalitäten waren zu seiner sichtlichen Erleichterung schnell erledigt. Man unterschrieb einen Vertrag, bekam die Schlüssel, begab sich nach drinnen, schwelgte in Vorstellungen und ließ der Fantasie freien Lauf.
Die nächste Woche begann, und auf Nachfrage bekamen Ben und Pocke von ihrem Chef ohne weiteres die Erlaubnis, den firmeneigenen Bus am kommenden Wochenende für einen Umzug zu nutzen.
Der Geschäftsführer des Maschinenrings, Herr Schäfer, war ein untersetzter, immer etwas verwirrt drein blickender Mann, der allerdings zur Fairness neigte.
Der große geschlossene Transporter würde wohl mit einer einzigen Fahrt Bens Besitztümer von Punkt A nach Punkt B bringen können.
An den Abenden dieser Woche putzte Ben das Haus von oben bis unten, die Böden und teilweise auch die Wände hatten die lange Ruhephase genutzt, um eine in ihren Augen edle Patina anzusetzen. Größere Renovierungsarbeiten waren allerdings nicht vonnöten.
Das Haus stand wohl wirklich bereits lange leer – Ben hatte fast den Eindruck, als empfände es im nun gereinigten Zustand eine Art Vorfreude darauf, wieder bewohnt zu werden.
Am Freitag nahm Ben den Transporter von der Arbeit mit nach Hause. Pocke kündigte sich für 10 Uhr am Samstagmorgen an, um die Sache anzugehen.
Matthias war pünktlich, und man begann die Kartons und Möbel über die enge Treppe herunterzutragen und das Gefährt zu beladen.
Pocke machte scherzhafte Bemerkungen über die Aktivitäten, die durch dieses Anwesen in den Bereich des Möglichen rückten, vornehmlich sprach er über Grillfeiern.
Das Grillen war Pockes Hobby, wenn man es so nennen konnte. Das Leben, das er ebenfalls in einer Ein-Zimmer-Wohnung in der City führte, ermöglichte ihm zwar das spontane Aufsuchen einer der vielzähligen gastronomischen Einrichtungen der Stadt, allerdings schlug sein Herz im Takt der Lagerfeuerromantik.
Eine Feier der Extraklasse beinhaltete für den Punk ein Lagerfeuer, Grillmöglichkeiten, Schlafsack und Isomatte – und all das bitte möglichst im Ambiente einer Burgruine, eines Baggersees oder einfach einer Landschaft, die jeden Romantiker zum Schwärmen gebracht hätte.
In diesem Sinne ließ er unschwer erkennen, dass eine Einladung zum Grillen das mindeste sei, was ihm nach getaner Umzugs-Arbeit zustünde, besser noch zwei oder drei.
Das Ausladen war keine besondere Herausforderung, vornehmlich, da Ben sich in seiner Freude bereits genau überlegt hatte, wie er seine Habseligkeiten stilvoll und großzügig im neuen Domizil verteilen wollte.
Innerhalb von zwei Stunden war alles an seinem Platz, und der neue Bewohner kam nach und nach zu der Überzeugung, sich den einen oder anderen weiteren Einrichtungsgegenstand zulegen zu müssen. Sonst stand zu befürchten, dass die Möbel aus der Ein-Zimmer-Behausung, auf nunmehr drei Zimmer verteilt, an Vereinsamung erkranken könnten.
Auch hier wusste Pocke, der den mageren Lohn seines Freundes kannte, sofort Rat.
Der Nachlass seiner Großmutter könne der Leere des Hauses Abhilfe schaffen, meinte er.
Nachdem sein Vater ihn schon ca. fünfzehn Mal aufgefordert hatte, die Möbel mit ihm auf die Müllsammelstelle zu karren, waren sicherlich keine finanziellen Mittel vonnöten, diverse Einrichtungsgegenstände für Bens Haus in Beschlag zu nehmen.
Ben war begeistert. Man verabredete sich für das folgende Wochenende, sie mithilfe des Diensttransporters zu transferieren, und besprach noch bis Mitternacht bei Bier und Pizza all die Einrichtungsmöglichkeiten, die die großmütterliche Bezugsquelle in sich bergen mochten.
Man geriet ins Schwärmen und verabschiedete sich erst gegen Mitternacht.
Ben schlief gut in seiner neuen Behausung. Er fühlte sich, warum auch immer, irgendwie angekommen. Das große Waldgebiet direkt am Haus schien dabei eine nicht unwesentliche Rolle zu spielen.
Schon während der Renovierung unternahm er immer wieder Streifzüge durch das Unterholz, vorsichtshalber aber immer nur in seiner menschlichen Gestalt. So entdeckte er Weiher und Hochsitze – Orte, die es für ihn zu meiden galt. Ben war ein offenes Wesen und vermochte die Vorurteile seiner Spezies nicht zu teilen, mit einer Ausnahme: Er hasste Schusswaffen und deren Geruch.
Waren Wölfe in vergangenen Zeiten in Konfrontationen verwickelt gewesen, hatten sie sich der ihnen per se gegebenen kämpferischen Möglichkeiten ihrer Physiognomie bedient. Wollten sie aber auch auf Fernwaffen zugreifen, so nutzen sie in atavistischer Weise eher Armbrust und Bogen als Vorderlader und Büchsen.
Im Wald begegnete Ben nur wenigen Menschen, und das nur auf den Wegen – so fühlte er sich wohl. Die Gegend erinnerte ihn an den großen Forst rund um das Internat, das er besucht hatte – weitläufig und menschenleer. Das einzig Positive, das ihm von der Schule, auf die ihn seine Eltern geschickt hatten, noch im Gedächtnis war.
Die Gerüche der unterschiedlichen Nadel- und Laubbäume vermischten sich mit denen der Waldbewohner – Wildschwein, Reh, Hase und Co. – und ließ ihn nach seinem zweijährigen Dasein als Stadtbewohner zum ersten Mal entspannen und Vertrauen in die Zukunft schöpfen.
Nach seinem Einzug, bei einem neuerlichen Waldausflug, unterstützte dieses latente Gefühl innerlichen Aufatmens seine Wahrnehmung dabei, sich in einer Drehtür zu verirren und in Rotation zu geraten. Sein Bild der Außenwelt verschwamm wie beim Blick aus einem Karussell, und eine diffuse innere Stimme wurde laut, die sich durch ständige Wiederholung einbrannte: Laufen, laufen, laufen…
Vorweg: Ben hatte keine Wahl. Hätte er allerdings eine gehabt, wäre das Ergebnis dasselbe gewesen. Er begann reflexartig, zu laufen – erst den Waldweg entlang, dann, als wäre damit seiner inneren Stimme noch nicht ausreichend Rechnung getragen, musste er den Weg verlassen. Er sprang über ein paar Beerenbüsche ins Unterholz.
Seine Füße schienen den Boden nicht mehr zu berühren: Da-damm, da-damm …
d-da-d-damm, d-da-d-damm …
Bereits zweibeinig durchbrach er jegliche dauerlaufübliche Geschwindigkeit – und dann, vierbeinig, wurde er zum Schatten, spurtete auf samtenen Pfoten hinein in ein Zwielicht, in dem er für seine Umwelt fast unsichtbar wurde.
Die Pfoten schienen, wenn sie den Boden berührten, seinen Körper nicht mehr tragen zu müssen, sondern ihn nur noch leicht stupsend gegen die Schwerkraft in der Horizontalen zu halten, so, wie man einen Luftballon durch leichtes Berühren immer wieder in der Höhe hält.
Mit der Schnauze voran durchschnitt er die Kühle des Waldes, die Lefzen hochgezogen nahm er wahr. Mit einer Wahrnehmung, die eben nur seiner Art von Wölfen innewohnte. Eine derartige Wahrnehmung gehört zu den Dingen auf unserer Welt, die sich wirklich schwer beschreiben lassen. Ließe man einen abstrakten Maler ein Bild malen von dem Anblick, den er aus einem mit Höchstgeschwindigkeit fahrenden ICE hat, und verwöbe dies mit den Schwärmereien eines Hochromantikers über den Duft einer Frühlingswiese, so käme man der wölfischen Wahrnehmung zu ungefähr 8,5% auf die Schliche.
Ben war daheim angekommen, in einem Daheim, das sich in Korrespondenz mit seiner Seele nur als ein Schwimmen in sich selbst beschreiben ließ.
Aber das alleine war es noch nicht, es wäre soweit nur ein Wegtauchen aus der Realität gewesen, wenn da nicht das Haus gewesen wäre – sein Haus, ein Teil der Umgebung, ein Teil seiner selbst.
Da war kein anderer, der ihm sagte, was dieses ›Schwimmen in sich selbst‹ für eine Bedeutung hatte und welche Konsequenzen dieses Gefühl zu haben hätte. Er war mit sich selbst allein in einer Sphäre, die nur seinen Namen trug. Er war kein Wolf, er war einfach nur Ben.
Ein wirklich gutes Gefühl, das alles andere, die gesamte Welt, in Relation setzte.
Von dieser heimeligen Freiheit kostete er noch reichlich, bevor er seinen Weg zurück antrat.
Zuhause angekommen, verspürte er das Bedürfnis, sich einen Plan zu machen, welche Einrichtungsgegenstände seinem Heim jenen Charakter verleihen würden, der immer wieder den Satz von sich gab: Ich bin Bens, ich bin ausschließlich Bens.
Er rief Pocke an und gab ihm durch, was ihm an möglichen Einrichtungsergänzungen so vorschwebte. Es erstaunte ihn keineswegs, dass Pocke sofort darauf einstieg und ihn zu einer Besichtigungstour – ›gerne auch sofort‹ – durch Großmutters Vermächtnis einlud.
Und so traf Ben sich mit Pocke noch am gleichen Sonntagnachmittag bei dessen Eltern.
Diese machten einen außergewöhnlichen Eindruck auf Ben. Zum einen bedurfte man keines Insiderwissens, um zu spüren, dass Vater und Mutter des Punks einander sehr mochten; dieses Gefühl schwappte einfach über.
Zum anderen war es für Ben völlig neu, wie es den beiden gelang, ihrem Sohn im selben Atemzug zu vermitteln, dass die Vielfarbigkeit seines Äußeren ihr Missfallen, seine Anwesenheit aber ihr Wohlgefallen erregte.
Ein innerliches stummes Seufzen brachte ihm zu Bewusstsein, dass dies in seinem eigenen Elternhaus nicht der Fall war. Dort verspürte er stets nur entweder Akzeptanz oder Ablehnung, beides zugleich ging wohl nicht.
Nach Begutachtung von Tisch, Stuhl und Kommode war klar, dass Ben mit ihnen nicht nur in pragmatischer Hinsicht den mobiliaren Mangel aus seinen vier Wänden vertreiben konnte, sondern dass des Punkers Oma sogar auch noch seinen Geschmack geteilt hatte.
Es waren alte Möbel, aus Vollholz und zu schön, um das schlechte Gewissen, sie umsonst zu erhalten, einfach verdrängen zu können. So machte Ben für ihre Überlassung ein großzügiges Geldangebot.
Erst als Pockes Vater ihm zum wiederholten Male nahelegte, welchen Segen es für ihn bedeuten würde, wenn dieses ›Gerümpel‹ endlich seine doch so dringend für diverse Bastelarbeiten benötigte Garage verließe, knickte Bens Gewissen merklich ein. Als auch noch des Punkers Mutter auf ihn einredete, wie nötig ihr Mann es für sein inneres Gleichgewicht hätte, mechanische Hände an alle möglichen Maschinen zu legen, wurde er nachdenklich. Mit einem mal ahnte er, dass das Freiräumen der Garage nicht nur ein altruistisches Angebot von Pockes Eltern darstellte, sondern unbedingt erforderlich sei zur Verhinderung von Ehekrisen. Des weiteren mutmaßte er, dass in dieser Familie das Bastel-Gen direkt dominant vom Vater zum Sohn gegangen war – und nun waren seine Bedenken vollends ausgelöscht.
Er verabschiedete sich von den Eltern und ihrem Nachfahren, nicht ohne sich noch einmal zu bedanken und gleichzeitig zu versprechen, dass er diesen Nachlass mit allem nötigen Respekt behandeln werde.
Als er gegangen war, konnten Pockes Eltern nicht umhin, ihrem Sprössling mitzuteilen, dass sein Freund ja durchaus, trotz seiner unnötig schwarzen Erscheinung, über eine gewisse sympathische Seite verfüge und er deshalb auch in Zukunft gerne in ihrem Hause gesehen werden würde.
Das freute Pocke – und Ben, als er später davon erfuhr, freute es auf ganz besondere Art.
Das war ein durchaus befriedigendes Wochenende, dachte sich Ben, als er sich am Montag zur Arbeit aufmachte.
Die neue Woche blieb von guter Laune geprägt. Man scherzte auf der Arbeit, und die Abende verbrachte Ben meistens im Wald, der an sein neues Domizil grenzte.
Ein ausgedehnter Wald – er maß gut und gerne zehntausend Hektar eine außergewöhnliche Größe für die heutige Zeit, besonders wenn man bedenkt, dass er durch nichts anderes als die besagte kleine Straße geteilt war, und die war so gut wie unbefahren.
Viele Nachbarn hatte Ben offensichtlich nicht, er bekam zumindest in seiner Straße kaum jemanden zu sehen. Das eine Haus direkt neben seinem war wohl von der alten Dame bewohnt, von der schon Herr Ritter gesprochen hatte, aber bis dato hatte er auch diese nicht zu sehen bekommen. Er lebte so abgeschieden – er konnte sein Glück kaum fassen.
Mittlerweile war es Dienstag und Spätnachmittag. Ben ging spazieren auf einem der kleineren Trampelpfade, die er bereits fast alle erkundet hatte, ganz gemächlich und in Menschengestalt.
Plötzlich vernahm er eine Stimme über ihm und blickte nach oben in die eng stehenden Bäume.
»Mayday, mayday … leg' dich nie mit ... autsch … Größeren … autsch … an … – Scheiße! Au! Verdammter Mist … aaah … Drecksvogel … autsch … autsch …blöder Baum … aua… muss der blöde Ast unbedingt hier … aua!«
Ben konnte gerade noch einem schwarzen kleinen Etwas ausweichen, das sich senkrecht durch den vor ihm stehenden Baum hindurch der Schwerkraft hingab, nicht ohne die querenden Äste für zwischenzeitlichen Aufpralle zu nutzen.
Letztendlich schlug es direkt vor Bens Füßen am Waldboden auf.
Es röchelte und bewegte sich nicht mehr.
»Hallo, geht es dir gut?«
»Krrrrr!«
»Hallo, du!«
»Wärrr!«
»Hey, wach auf!«
Vor Ben auf dem Waldboden zuckte der Körper einer Krähe, mit multiplen Blessuren übersät, einen Flügel grotesk abgewinkelt.
»Hey, Kleiner, Aufwachen!«
Der Vogel drehte den Kopf und sah Ben benommen in die Augen.
»Oh – hi, Wölfchen … beiß' mich oder ich hack' dich …«
»Geht’s dir gut, Kleiner?«
»Über-… ragende Intelligenz … erg- ... ergießt sich in die Fragen, … die die Welt sich drehen lassen … Es geht mir gut, so super gut. Oh ja … alles dreht sich! Ringelreihen, ringelreihen, tirili … ich bin ein Singvogel!«
Stille und Regungslosigkeit.
Ben nahm den geschundenen Körper der Krähe mit beiden Händen vorsichtig auf.
Mehrere offene Wunden und ein offensichtlich gebrochener Flügel waren deutlich zu erkennen.
Alles blieb still in seinen Handflächen, nur das schlagende Herz des Vogels nahm er wahr – doch dann, auf dem Heimweg, kam schlagartig wieder Leben in den Kleinen, und er begann erneut, unverständliches, wirres Zeug zu plappern. Ben kamen die mahnenden Worte seines Vaters ins Gedächtnis:
Krähen seien irre Geschöpfe, mit denen man sich nicht abzugeben habe, niedere Kreaturen, von Natur aus mit Wahnsinn geschlagen.
Ben hatte das nie verstanden – schon in jungen Jahren waren seines Vaters Antworten ihm nur allzu oft ungenügend erschienen.
Warum, hatte er immer wieder gefragt, könnten Wölfe – außer mit Menschen – mit Krähen und nur mit Krähen kommunizieren, wenn letztere doch so niedere Tiere seien? Des Vaters so unwirsche wie ausweichende Antworten (›Krähen sind eine üble Laune der Natur‹) hatten Bens Zweifel niemals zu zerstreuen vermocht.
Wie dem auch sein mag, dachte Ben, diese Krähe wird ohne Hilfe nicht überleben, also wird sie Hilfe bekommen.
Kurz vor der Siedlung deckte er seine Jacke über den Vogel. Er wollte vermeiden, in den Augen seiner wenigen Nachbarn wunderlich zu wirken – oder zumindest nicht wunderlicher wirken, als es ein durchweg schwarz gekleideter junger Erwachsener auf die zurückgebliebenen Senioren einer zur Geisterstadt erkorenen Ortschaft vermutlich ohnehin schon tat.
In seinem Haus angelangt, legte er das schwarze Tier auf seinen Küchentisch und holte Verbandszeug aus dem Bad. Vorsichtig desinfizierte er die Wunden seines Patienten und verband, was sich verbinden ließ.
Nachdem er den gebrochenen Flügel geschient hatte, suchte er im Garten ein wenig Nahrung, die ihm für seinen gefiederten Freund geeignet schien.
Die Krähe, gebettet auf einer alten Decke und wieder zu Bewusstsein gekommen, nahm das Gewürm dankbar an und fraß.
»Wölfchen, wenn du mir schon nicht den Gnadenbiss geben willst, dann hast du vielleicht etwas Bier, um das Festessen runterzuspülen?«
Ben, überzeugt, dass der Vogel delirierte, gab keine Antwort.
»Hey, hallo – Krähe an Wolf, kannst du mich hören? Doktor Wolf, Doktor Wolf, bitte in die Notaufnahme! Dringende Bierinfusion!«
»Äh … Krähe, geht’s dir gut?«
»Aaaaaah! Drei Fortbildungsseminare, und er kann die intelligenten Fragen immer noch nicht lassen. Also, nochmal zum Mitschreiben für minderbemittelte Wölfe: Es geht mir beschissen. Inzwischen etwas besser dank deiner Hilfsbereitschaft, wenn ich die auch nicht verstehe. Kommen wir erneut zu meiner sehr einfachen Frage: Hast du Bier? Malz, Hopfen, Wasser, Hefe: Bier. Mitgekommen?«
Zugegeben, Ben hatte so gut wie keine Erfahrung im Umgang mit Krähen, da ihm dieser immer verboten gewesen war, aber sein gegenwärtiger Zustand ließ sich nur als äußerst perplex beschreiben. Eine Krähe, die sich von ihm totbeißen lassen wollte, wahlweise aber oder auch lieber Bier trinken? Was sollte er nun tun oder sagen?
»Mein Name ist Ben, wie heißt du?«
»Hurra, es kann sprechen! Man nennt mich Jo. Den Bier trinkenden Jo: Hier Jo, Bier wo?«
Ben konnte die Aussagen des Vogels nicht weiter ignorieren.
»Äh … hallo, Jo. Glaubst du, Bier ist gut für dich?«
»Ich mag keine Menschen, euresgleichen mag keine Menschen. Allerdings brauen Menschen Bier. Ein Umstand, der mich meine Antipathie immer wieder relativieren lässt. Oder anders gefragt – magst du Fleisch?«
»Ich, äh …, also … ja.«
»Na bitte, dann wäre das ja geklärt. Ich präferiere von Märzen bis Keller.«
»Was, äh, Keller …? Ja, ich habe etwas Bier im Keller, einen Moment.«
Ben hatte nicht den Hauch einer Ahnung, wie ihm geschah; er wusste nur, dass er sich gerade auf dem Weg in seinen Keller befand, um Bier für eine verwundete Krähe zu holen. Es würde wohl noch etwas Zeit brauchen, bis seine emotionale und rationale Existenz im Jetzt ankommen würde. Bis dahin fischte er zunächst einmal zwei Flaschen Bier aus dem Kasten.
In der Küche nahm er eine Schale aus dem Regal, öffnete eine der Flaschen, goss etwas von ihrem Inhalt in die Schale und stellte diese neben den Vogel auf den Tisch.
Der Vogel tauchte seinen Schnabel in das Bier und trank.
»Aaah, Keller, Privatbrauerei Schmitt, Oberäschenbach! Ein Traum in Hopfen und Malz!«
Ben wusste nicht, was ihn stärker verblüffte: Die Tatsache, dass das Bier wirklich aus ebendieser Brauerei stammte, der Vogel jedoch keine Möglichkeit hatte, das Etikett einzusehen, oder, dass eine Krähe seinen Biergeschmack teilte. Eine Krähe namens Jo.
Er öffnete die zweite Flasche, setzte sich zu seinem Gast an den Tisch und nahm einen tiefen Zug. Ja, das war gutes Bier. Sein Fiat Panda hatte schon manche beschwerliche Fahrt auf sich nehmen müssen, da es nur direkt bei der 30 Kilometer entfernten Brauerei erhältlich war. Der Fiat war alt und verrostet, Ben kaufte Bier auf Vorrat.
Zwei-drei Schälchen Bier später, und der Rabenvogel plapperte nur noch Unzusammenhängendes, das sich jeglicher Interpretation verschloss, und schlief ein.
Es vergingen Stunden, in denen Ben mehrere Biere in kleinen Schlucken zu sich nahm, während seine Augen auf dem ruhenden Vogel kleben blieben. Seine Gedanken fuhren Achterbahn. Seine vergeblichen Versuche, das Geschehene auf kognitive Gleise zu heben, um einen sicheren Transfer in sein Bewusstsein zu gewährleisten, mündeten in die Überzeugung, dass es ein Glück sei, sich mit einem Rabenvogel unterhalten zu können.
Vielleicht ein paar Antworten. Vielleicht.
Die folgenden drei Tage verliefen ruhig und spektakulär zugleich.
So ging Ben am nächsten Morgen zur Arbeit. Seinem Freund Pocke konnte er natürlich nichts erzählen von einem Vogel, mit dem er zu sprechen vermochte. Während der folgenden neun Stunden wuchs ein Bogen aus Spannung gen Himmel: Würde das Tier noch da sein, wenn er nach Hause kam?
Er hatte ihm die Tür zum Garten hin einen Spalt breit offen gelassen und ihm mitgeteilt, dass er, sollte er sich gesundheitlich dazu in der Lage sehen, auf diesem Weg in sein Revier zurückkehren konnte.
Der erste Feierabend bescherte Ben den Anblick einer unverdrossen auf ihrer Decke ruhenden Krähe. Er brachte ihr, Nahrung, und man unterhielt sich.
Am darauffolgenden Tag fand er den Vogel im Garten bei dem Versuch vor, nach Würmern zu picken. Sein offensichtlich schwacher Zustand machte Bens Hilfe als Nahrungsbeschaffer vorläufig unverzichtbar. Wieder unterhielt man sich bei diesmal dunklem Bier.
Der dritte Tag verlief ähnlich. Das Wochenende stand vor der Tür, und Jos Wunden heilten gut.
Diese drei Abende hatten Ben immerhin dazu ausgereicht, die Vorurteile seiner Eltern und anderer Wölfe, die an seiner Erziehung beteiligt gewesen waren, ad absurdum zu führen.
Er nahm mit zunehmender Freude zur Kenntnis, dass Krähen keineswegs immer nur wirr vor sich hin plappern, sondern dass das Gesagte fast immer Sinn barg.
Nun gut – zum Erreichen dieser Erkenntnis galt es einen mentalen Slalom auf einer schwarzen Buckelpiste hinzulegen. Unter hohem zerebralen Unfallrisiko wich Ben aggressiven Spitzen, Zitaten, Plattitüden, Spitzfindigkeiten, Provokationen und einem Rest von wer-weiß-was aus, um Jo zu verstehen. Aber zugleich wuchs sein Eindruck, dass sich das lohnen könnte.
Die Woche neigte sich dem Ende zu, und besorgt fragte sich Ben, wie Pocke es wohl aufnehmen würde, wenn er bei der verabredeten Möbelbeschaffung auf Jo treffen würde.
Gewiss waren Menschen wie Pocke mit Ratten und Schlangen als Begleiter diverser Goths und Punks nicht unvertraut, aber bei Krähen mochte der eine oder andere vielleicht doch denken, dass der Besitzer jegliche soziale Kompatibilität zu verlieren drohe.
Und Ben hatte immer noch Angst, Pocke als Freund zu verlieren – aber den Rabenvogel in seinem jetzigen Zustand im Wald auszusetzen, war ihm einfach nicht möglich.
Hätte er dem Punk in die Seele blicken können, wäre dessen Reaktion voraussehbar gewesen, wie er bei einem Spontanbesuch Pockes am Freitag nach der Arbeit feststellen musste.
»Ey Alter, ne Krähe! Und die hat sich von dir verbinden lassen! Und ist trotz offener Tür geblieben. Die ist anhänglich, die kannst du zähmen!«
»Wäärrr!«
(Übersetzung: »Der zahme Vogel sorgt bei dir gleich für eine nachhaltige Einäugigkeit!«)
»Den musst du unbedingt mit ins ›Spirit‹ nehmen! Pimpf und Unke werden vor Staunen den ganzen Abend keinen Ton raus bringen!«
Ben war vollkommen verunsichert.
Weder war es Ben möglich, Pocke in Kenntnis darüber zu setzen, dass er mit Krähen kommunizieren konnte, noch war es eine Option, Jo mit in die Kneipe zu nehmen.
Dort würde der Vogel würde völlig ausrasten, so Bens Überzeugung.
Jos unmittelbar erfolgende Nachfrage, welches Bier denn im ›Spirit‹ serviert werde, brachte ihn in eine Konfusion, die einer Panik gleichkam.
Nach ein paar Argumenten gegenüber Pocke, dass der Vogel ein wildes Tier sei und man ihn nach der Genesung in die Freiheit entlassen müsste, war Ben mit seinem Latein am Ende und brachte nur noch hervor, dass es jetzt Zeit zum Schlafen sei, da man ja am nächsten Tage die Hinterlassenschaften von Matthias' Großmutter nach Kleindachsendorf transferieren wolle.
Die abwechselnd auf ihn einprasselnden Einsprüche von Jo und Pocke, wobei letzterer von ersterem nichts mitbekam, brachten Ben an den Rand des Wahnsinns. Irgendwie würde er sich aus der Affäre ziehen müssen.
Nachdem Pocke gegangen war, herrschte er den Vogel an, was ihm denn einfiele, in eine Kneipe mitgehen zu wollen, wo diese doch total verraucht sei und er doch gemäß seiner Natur die Natur vorzuziehen habe.
Auf Jos Entgegnung hin, dass dies von der Art des ausgeschenkten Bieres abhänge, verfiel Ben in eine bleierne, an Ohnmacht grenzende Müdigkeit, woraufhin er sich ins Bett verabschiedete.
Na denn, gute Nacht.
Am nächsten Morgen brachten Ben und Pocke die ausgewählten Teile des großmütterlichen Erbes nach Kleindachsendorf.
In der darauf folgenden Woche widmete sich Ben der Wohnlichmachung seines Heims und wich jeder Thematisierung eines Kneipenbesuchs mit und ohne Vogel aus.
Wobei es ihm mehrmals als Frage in den Sinn kam, warum Jo so gar keine Anstalten machte, ihn wieder zu verlassen. War er doch im Grunde vollständig genesen und unternahm bereits wieder Ausflüge im wahren Wortsinn.
Wundheilungen dieser Art schienen, wie bei den Wölfen, so auch bei den Krähen mit einer gewissen Ungeduld einherzugehen, welche für eine schnellere Erledigung der ganzen Prozedur zu sorgen geeignet war.
So fasste Ben sich am Freitag nach der Arbeit ein Herz und kredenzte Jo nicht nur eine Schüssel Bier, sondern auch ein paar Fragen:
Was Wölfe und Krähen verbinde, warum Jo noch hier sei, warum Krähen so wirres Zeug redeten et cetera.
Die folgende Unterhaltung zog einiges mit sich – zum einen große Perplexität, zum anderen den Genuss eines Viertelkasten Biers –, aber auch Jo wusste keine Antwort darauf, was Wölfe und Krähen denn derart verband.
Genauso, wie Wölfe Krähen nicht mochten, war es bei Krähen verpönt, sich mit Wölfen einzulassen. Zumindest Bens Frage, warum Jo denn bleiben wolle, obgleich er doch soweit wieder hergestellt sei, dass es ihm möglich wäre, in sein angestammtes Revier zurückzukehren, erbrachte eine Aussage – wenn auch eine, die man aus dem gehörten Wortlaut mit etlichem Aufwand extrahieren musste: Der herauszulösende Sinngehalt lautete, dass Ben ihn ja offenkundig wohl nicht töten wolle und ihm vielmehr erste Hilfe, Nahrung und ganz wichtig Bier zur Verfügung stellen könne. Darauf folgte eine Jammertirade bezüglich der zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit, dass Vögel kein Bier brauen können. Dies, so klagte der Rabenvogel mehr als langatmig, sei wohl Gottes größter Schöpfungsfehler überhaupt und völlig unverzeihbar.
Mit einem Wort: Es schien Jo bei Ben zu gefallen.
Ben wiederum fühlte sich – gleichermaßen geschwächt vom Bier wie von Jos Rhetorik – geneigt, diesen Abend auf sich beruhen zu lassen, ohne weitere Fragen zu stellen.
Er teilte Jo noch kurz mit, dass er in seinem Haus auch weiterhin jederzeit willkommen sei und ein- und ausfliegen könne, wie es ihm beliebe, er, Ben, jedoch jetzt ins Bett müsse.
Jo wiederum wünschte Ben eine gute Nacht, nicht ohne zu erwähnen, dass er es als eine feine Geste ansähe, wenn Ben den Inhalt einer weiteren Flasche Bier in die Schale auf dem Tisch gießen könne, bevor er zu Bett ginge.
Ben tat wie ihm geheißen, in der Überzeugung, dass er, sollte Jo länger bei ihm wohnen, eine nicht unwesentliche Aufstockung seines Bierbudgets in Erwägung ziehen müsse, brachte aber vorsorglich auch noch die Besorgnis zum Ausdruck, dass dieser regelmäßige und nicht unerhebliche Bierkonsum Jos Gesundheit abträglich sein könnte. Jos Gegenfrage, ob er, Ben, jemals zuvor von einer Krähe mit Leberzirrhose gehört habe, ließ ihn diese Frage bereits wieder bereuen.
Jo dozierte ausschweifend darüber, dass Alkohol Krähen nichts anhaben könne und er sich über Bens Nachfrage wundere, da es sich bei Wölfen doch ähnlich verhalte. Bens Aufnahmefähigkeit verabschiedete sich noch vor ihm selbst, und er ging zu Bett.
Na denn, gute Nacht.
Ben schätzte Jos Gesellschaft zunehmend – es verhielt sich sogar so, dass sich zwischen den beiden eine immer freundschaftlichere Beziehung aufbaute, die trotz aller verbalen Konfusion zu so schönen Dingen wie gemeinsamen Lachattacken führte.
Ben wagte es bereits ab und zu, sich mit Jo zusammen auf der Straße blicken zu lassen. Der Rabenvogel auf seiner Schulter passte stilistisch nicht nur gut zu Bens Schwarzkittelei, sondern brachte ihm auch äußerst befremdete Blicke der Normalbevölkerung ein.
Sei wie es sein mochte: Was Ben ganz sicherlich nicht wollte, war, dass Jo wieder ging. Er hatte sich gewöhnt an den Vogel auf seiner Schulter, an diesen Vogel, der keinerlei Furcht vor jedweder zivilisationsbedingten Engesituation zu haben schien, ganz so, als sei es seine von Natur aus angestammte Rolle, auf der Schulter eines zweibeinigen Wesens durch die Gegend getragen zu werden. Offensichtlich gefiel es ihm.
Das Wochenende kündigte sich an – nicht nur dadurch, dass die Zeit verging, sondern auch, indem sowohl Pocke als auch Jo ihre Bemühungen intensivierten, Ben zu überreden, Jo mit ins ›Spirit‹ zu nehmen.
Ben steckte in einem Dilemma, dessen Ausgang er schon ahnte.
Es sei an dieser Stelle gesagt, dass der Fürst der Finsternis zwar rigorose Ansichten aufwies, was das Speien aufgrund zu heftigen Alkoholgenusses anging, jedoch im Bezug auf eine mannigfaltige Fauna in seinem Machtbereich eher kompromissbereit war.
Trafen sich im ›Spirit‹ doch nicht nur Goths, Punks, Larpis, Metaller und Mangapunks, sondern es kam aufgrund der Tierliebe aller vorgenannten Gruppierungen auch immer wieder zu zoologischen Stelldicheins von ungeahnter Vielfalt.
Ganz abgesehen von allfälligem chitingepanzerten Kleingetier, das die nikotingeschwärzten Sandsteinwände bewohnte, sagten sich im Gastraum des Fürsten Schlange und Ratte Gute Nacht. Auch schauten gelegentlich diverse Echsen vorbei, und man hatte darauf zu achten, dass die Krötengemeinde oder die Mäusegesellschaft nicht irrtümlicherweise für das leibliche Wohl anderer Spezies herhalten mussten. Auch die Nonkonformistenfront brauchte nun einmal ihre Statussymbole, wenn auch meist solche mit vergleichsweise wenigen PS.
Der Fürst der Finsternis pflegte aber alle Tierführer eindringlichst anzuweisen, ihre Gefährten stets bei sich zu tragen und sie im Falle des Eintretens einer außenweltkonform wirkenden Person unverzüglich in einer blickdichten Behausung verschwinden zu lassen. Eine diesbezügliche Diskussion mit dem Ordnungsamt hätte seine Macht denn doch überstiegen, und so beachteten die Untertanen dieses Gebot ihres Herrschers auch mit absoluter Sorgfalt.
Ein Vogel jedoch – der war selbst im ›Spirit‹ eine Innovation. Und womöglich – da im Notfall nur schwerlich versteckbar – eine intolerable.
Doch was half es: Am Freitag war Ben weit genug zermürbt, um zu erkennen, dass er gegen Pocke und Jo von Anfang an keine argumentative Chance gehabt hatte, und so ergab er sich in sein Schicksal. Immerhin aber bedingte er sich am Frühabend noch eine Taktikbesprechung mit Jo aus.
Man versammelte sich bei Bier, Chips und Insekten um den (im Geiste) runden Tisch.
Zur Besprechung standen diverse Punkte an, die wichtigsten waren die Verrichtung etwaiger Notdurft und die Einhaltung des von Wirtsseite oktroyierten Verhüllungsgebotes.
Und wie sollte es auch bei einem so guten Tropfen, wie Ben ihn seinem Verhandlungspartner offeriert hatte, anders sein: Man einigte sich auf einen Rucksack, in dem der Rabenvogel auf dem Tresen sitzen und in dem er bei Notwendigkeit verschwinden sollte. Was den eventuellen Drang der Natur betraf, so wurde ein rechtzeitiges Melden ausgehandelt, um das Lokal rechtzeitig und straffrei durch einen geeigneten Lokus austauschen zu können.
Und nun war der Samstag gekommen. Telefonisch besprach Ben mit Pocke, dass er tatsächlich es wagen wolle, seinen Vogel mit ins ›Spirit‹ zu nehmen – allerdings nur, wenn der Kneipenregent seine Erlaubnis geben und wenn Jo den Rucksack als Refugium akzeptieren würde.
Pocke war begeistert und sich natürlich völlig sicher, dass alles klappen würde, da er, wenn auch ohne sich der Kommunikationskanäle zwischen seinen beiden Freunden bewusst zu sein, deren augenscheinlich funktionierende Zweisamkeit bewunderte.
Man traf sich wieder einmal zu relativ frühem Zeitpunkt in der Kneipe und fragte vorsichtig bei Uwe an. Den überzeugte der Plan mit dem Rucksack, wiewohl er noch Bedenken aufs Tapet brachte, ob die Krähe sich auch wirklich als folgsam erweisen würde – doch letztendlich ließ er sich auf einen Versuch ein.
Nach und nach füllte sich der Gastraum. Die Gespräche zwischen Ben und Jo verliefen – wie auch sonst – fast unmerklich für Außenstehende; nur ein gelegentliches ›Wärrr!‹ oder eine laut ausgesprochene Ansage an den Vogel drohten mitunter, Beobachtern den Eindruck einer tatsächlichen Kommunikation der beiden zu vermitteln. Doch Jo spielte vorbildlich mit. Sagte Ben: »In den Rucksack«, so folgte die Krähe auf der Stelle, verhielt sich ruhig und kam auch erst nach Aufforderung wieder zum Vorschein.
Das erfüllte Pocke mit extremem Stolz – mit Stolz auf seine Freunde, wie er sie an diesem Abend oft nannte, und vor allem mit Stolz gegenüber den Punks wie Pimpf und Unke, die sich auf ihre eigene besondere Tierführungskompetenz so viel einzubilden pflegten.
