Von Blut & Magie (Die Geschichte der Anderswelt 1) - Melanie Lane - E-Book

Von Blut & Magie (Die Geschichte der Anderswelt 1) E-Book

Melanie Lane

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Beschreibung

»Du wirst noch einmal mein Verderben sein, Prinzessin.« Ich soll die Kronprinzessin der Engel sein. Und ausgerechnet der Assassine Lucan Vale mein Bodyguard. Mein Leben war nicht besonders aufregend – bis mein Halbbruder mich entführt. Nick eröffnet mir, dass ich die verschwundene Prinzessin der Anderswelt bin und damit nicht nur über das Reich der Engel, sondern über sieben weitere Königreiche herrschen soll. Er zeigt mir eine magische Welt voller mystischer Wesen und Legenden. Doch weder alle Engel noch die Dämonen sind gewillt, mich als alleinige Herrscherin zu akzeptieren. Intrigen, uralte Feindschaften und das verbotene Knistern zwischen Lucan und mir, machen es mir nicht leichter, mich nur auf meine neue Bestimmung zu konzentrieren … Ein geheimnisvoller Assassinen-König und eine unkonventionelle Engelsprinzessin – Fated Mates, deren Gefühle so undenkbar wie verboten sind, in einer magischen Welt voll Chaos und Misstrauen. Persönliche Leseempfehlung von @Janafantastica: »Es gibt Geschichten, die begleiten uns – und solche, die verändern, wer wir sind. Dies ist keine gewöhnliche Fantasy. Es ist ein nach Hause kommen, von dem du nie wusstest, dass du es vermisst.« »Von Blut & Magie« ist der erste Band der High Fantasy Romance »Die Geschichte der Anderswelt«. Alle Bände der romantischen Reihe:  - Band 1: Von Blut & Magie. Die verlorene Prinzessin - Band 2: Von Flammen & Verrat. Das Erwachen der Magie - Band 3: Von Assassinen & Legenden. Die geheime Welt Zyntha - Band 4: Von Sternenglanz & Kronen. Ein Thron aus Licht und Schatten - Band 5: Von Ascheregen & Dämonen. Schwarze Schwingen - Band 6: Von Sturm & Schicksal. Die letzte Schlacht Die Teile sind nicht unabhängig voneinander lesbar, die Geschichte setzt sich von Band 1 bis 6 fort und sollte chronologisch gelesen werden. Die Reihe ist in sich abgeschlossen. Dies ist eine überarbeitete Wiederauflage.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Melanie Lane

Von Blut & Magie. Die verlorene Prinzessin (Die Geschichte der Anderswelt 1)

»Du wirst noch einmal mein Verderben sein, Prinzessin.«

Ich soll die Kronprinzessin der Engel sein. Und ausgerechnet der Assassine Lucan Vale mein Bodyguard. Mein Leben war nicht besonders aufregend – bis mein Halbbruder mich entführt. Nick eröffnet mir, dass ich die verschwundene Prinzessin der Anderswelt bin und damit nicht nur über das Reich der Engel, sondern über sieben weitere Königreiche herrschen soll. Er zeigt mir eine magische Welt voller mystischer Wesen und Legenden. Doch weder alle Engel noch die Dämonen sind gewillt, mich als alleinige Herrscherin zu akzeptieren. Intrigen, uralte Feindschaften und das verbotene Knistern zwischen Lucan und mir, machen es mir nicht leichter, mich nur auf meine neue Bestimmung zu konzentrieren …

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Vita

Glossar

Danksagung

© Mirjam Kelter

Melanie Lane stammt aus der schönen Stadt Hamburg, in der sie lebt und in ihrem eigenen Design Studio "schockverliebt" arbeitet. Sie ist begeisterungsfähig, laut, trinkt gerne Vino und verabscheut Schubladendenken. Als bekennende Feministin lebt sie Themen wie Gleichberechtigung und Diversität, was sich auch stets in ihren Titeln wiederfindet. Sie liebt Sarkasmus, das Meer und ist eine große Tierliebhaberin. Das Schreiben ist ihre absolute Leidenschaft.

Für Adelina, Anna, Halima, Lisa, Maria, Rachel und Sonja.Beyoncé was right – we do run the world.

»Du wirst noch einmal mein Verderben sein, Prinzessin.«

Lucan Vale

Kapitel 1

»Findest du nicht auch, dass du etwas Abenteuer in deinem Leben verdient hast?«

Ja! Absolut. Ich hatte ein wenig Abenteuer nicht nur verdient, ich brauchte es. Ich sehnte mich danach. So sehr.

»Vielleicht –«

»Was du brauchst ist ein wenig Aufregung. Eine Abwechslung zu deinem Alltag.«

»Du hast Recht!«

»Natürlich habe ich das!« Ein fröhliches Lachen erklang. »Du musst einfach mal etwas wagen.«

»Möglicherweise sollte ich eine Zeit lang verreisen …«

»Das ist eine großartige Idee, Lisa!«

Lisa?

Wer zur Hölle war Lisa?

»Lilly?«

Erschrocken zuckte ich zusammen und drehte mich um. »Ja?«

Meine Kollegin musterte mich kritisch. Das war nicht das erste Mal in dieser Woche, dass ich während der Arbeit einfach … wegzoomte. Oder rauszoomte? Jedenfalls war ich unaufmerksam und das fiel nicht nur Susie auf.

»Der Mann an Tisch drei ist wieder da.« Susie nickte in die hintere Ecke des Buchcafés. »Willst du, dass ich das übernehme?«

»Nein, schon gut.« Ertappt räusperte ich mich. »Tut mir leid, ich war … in Gedanken.« Ich lächelte sie an. »Aber Danke.«

Susie nickte und verschwand dann hinter dem Tresen, um die nächsten Bestellungen der kaffeesüchtigen Literaturstudenten und Studentinnen aufzunehmen.

Ich atmete tief durch und zählte innerlich bis zehn. In Gedanken, Himmel noch mal. Und wie ich in Gedanken gewesen war. Das Gespräch der beiden jungen Frauen am Tisch hinter mir hatte mich so sehr gefesselt, dass ich nicht einmal bemerkt hatte, dass er das Café betreten hatte. Für einen Moment überlegte ich, den Tisch doch einfach Susie zu überlassen. Die konnte ihren Blick ohnehin nicht von dem großen, blonden Mann abwenden. So wie in etwa jedes weibliche Wesen seit geschlagenen zwei Wochen. Mit Ausnahme von mir. Innerlich seufzend schnappte ich mir Block und Stift vom Tresen und machte mich auf den Weg zu Tisch drei.

»Hallo«, begrüßte ich den Mann, ohne ihm dabei in die Augen zu sehen. Eine meiner Spezialitäten.

»Nickolas«, erwiderte er mit eindringlicher Stimme. »Mein Name ist Nick.«

Überrascht sah ich auf. Wundervoll. Heute wollte er sich unterhalten? Normalerweise bestellte er, starrte mich an, und ging wieder.

»Das ist schön«, antwortete ich möglichst neutral. »Was kann ich Ihnen bringen? Das Übliche?«

Irritation blitzte in den grünen Augen des Fremden auf und beinahe hätte ich gelächelt. Scheinbar war er es nicht gewöhnt, dass eine Frau ihm eine Abfuhr erteilte. Tja, dann war heute sein Glückstag.

»Wie ist dein Name?«

Als ob er den nicht längst wüsste, so oft wie Todd oder Susie mich riefen oder einer der Studenten mich grüßte. Hübsch, aber unnahbar, hatte ich sie einmal sagen hören. Schön, aber seltsam. Arrogant. Das waren Attribute, mit denen ich beschrieben wurde. Interessiert oder gar flirtend gehörte definitiv nicht dazu.

»Lilly«, antwortete ich lediglich aus dem Grund, dass ich keine Szene machen wollte. »Soll ich Ihnen das Übliche bringen?«

Der Fremde starrte mich an.

»Was fühlst du, wenn du mich ansiehst?«

Gereiztheit? Fast hätte ich es laut ausgesprochen. Es war jedoch nicht meine Art den Gästen gegenüber unfreundlich zu werden, auch wenn diese sich mehr als unangebracht verhielten.

»Dass Sie eine Tasse Kaffee und ein Stück Kuchen brauchen?«

Die Mundwinkel des Mannes zuckten, ehe sein Gesicht wieder ernst wurde.

»Was würdest du sagen, wenn ich dir eine Familie bieten könnte?« Er lehnte sich vor und damit dichter zu mir. Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück. Dankbar dafür, dass Todd nichts von mobilen Bestellgeräten hielt, weil sie ihm zu unpersönlich waren, umklammerte ich den Kugelschreiber fester. So hatte ich wenigstens etwas, um mich zur Wehr zur setzten, wenn dieses Gespräch aus dem Ruder lief. Was aktuell der Fall war …

»Wenn ich dich hier rausholen würde? Aus diesem Café? Und dir etwas ganz anderes bieten könnte?«

Was zur Hölle? Also damit hatte ich nicht gerechnet. Mit einem plumpen Anmachspruch? Ja. Einem unangebrachten Kommentar über mein Aussehen oder meine unterkühlte Art? Auch. Aber das? Das ging eindeutig zu weit und es war irgendwie … unheimlich. Grüne Augen bohrten sich in meine und ich spürte, dass hier etwas geschah. Mein Herzschlag beschleunigte sich und meine Finger wurden klamm.

Mein Kopf war wie in Watte gepackt. Ich wippte vor, auf den Zehenspitzen, und auf einmal fühlte es sich an, als würde mein Körper auf diesen Fremden reagieren. Als würde er ihn … erkennen. So verrückt seine Worte auch gewesen waren, sie ließen mich nicht kalt.

Was passiert hier?

»Wer bist du?«, flüsterte ich und musterte den Mann genauer. Hatte ich eben noch versucht seinem Blick auszuweichen, so starrte ich ihn jetzt regelrecht nieder. Mindestens genauso intensiv wurde mein Blick erwidert.

»Nickolas Marcus Callahan«, antwortete er ruhig, als müsste der Name mir etwas sagen. War er vielleicht berühmt? Ein Rockstar? Ein Model? Oder war das seine merkwürdige Art mich anzumachen? Nein, dachte ich, da war absolut nichts Sexuelles oder Anzügliches in seinem Blick. Warum also das eigenartige Gerede von Familie?

»Kennen wir uns?«

»Noch nicht, Lilly. Aber ich hoffe sehr, dass sich das bald ändern wird.«

Er lehnte sich vor und streckte die Hand nach meinem Ellenbogen aus, als wolle er mich berühren. Instinktiv wich ich zurück. Seine Finger bekamen mich dennoch zu fassen und strichen flüchtig über die hypersensible Haut an meinem Arm. Die Welt blieb stehen. Alles um mich herum verblasste. Nur noch dieser Moment zählte.

Mein Körper vibrierte vor Anspannung und ich hatte das Gefühl nicht mehr richtig atmen zu können. Die Art wie er meinen Namen ausgesprochen hatte? Definitiv unheimlich. Ein Kribbeln ging durch meinen ganzen Körper. So hatte ich mich erst ein einziges Mal gefühlt. Nach dem Tod meiner Mutter, als meine Welt komplett auf den Kopf gestellt worden war.

»Ich … Sie müssen mich verwechseln«, stammelte ich.

»Eine weißhaarige Schönheit mit einer ungewöhnlichen Augenfarbe«, zitierte er eine mir unbekannte Quelle. »Beinahe violett. Sie arbeitet im Himmel und Erde, in der Welt der Menschen.«

Hatte er gerade ernsthaft Welt der Menschen gesagt? Wie … eigenartig. Zudem klang es so, als hätte ihn jemand auf mich angesetzt. Jemand, der mich offensichtlich schon ein wenig länger beobachtete. Mein Herz schlug noch schneller und zitternd sog ich Luft in meine plötzlich viel zu kleinen Lungenflügel.

»Hören Sie«, versuchte ich es erneut, »ich weiß nicht, wer Sie sind, aber Sie haben hier definitiv die Falsche. Ich arbeite hier, und das tue ich gerne. Ich bin bloß eine Kellnerin. Bestellen oder gehen Sie. Bitte.«

Der Mann, Nick, schüttelte lächelnd den Kopf. Meine klaren Worte verunsicherten ihn nicht im Geringsten. »O nein, Lilly. Du bist so viel mehr.«

Ich konnte mir das nicht länger anhören. Was auch immer dieser Kerl von mir wollte, er würde es nicht bekommen. Noch immer kribbelte mein Körper, als hätte sich mein Blick für die Welt um mich geschärft. Bevor ich einen hysterischen Anfall inmitten des vollen Cafés bekam, wandte ich mich ab und sah hilfesuchend Richtung Küche.

»Sie gehen jetzt besser.«

Ich warf einen letzten Blick auf Nick. Völlig entspannt saß er auf seinem Stuhl. Ruckartig drehte ich mich um. Ohne anzuhalten oder mich umzusehen steuerte ich auf die Küche zu.

»Lilly?« Aus dem Augenwinkel fing ich Todds besorgten Blick auf. Meinen Boss ignorierend stieß ich die Tür zur Küche auf und rauschte an Marco vorbei in den kleinen Innenhof. Die Tür fiel laut krachend hinter mir ins Schloss. Ich atmete tief durch. Die kühle Abendluft brannte in meinen Lungen. Was war da eben passiert. Was?

»Bonita?«, hörte ich Marcos Stimme hinter mir. »Geht es dir gut?«

Ich wusste nicht, wie ich diese Frage beantworten sollte. Ging es mir gut? Marcos Frage schien fast zu belanglos, zu klein, für die Gefühle, die in mir tobten. Ob es mir gut ging? Wenn ich ehrlich war, dann war es mir seit über zwei Jahren nicht mehr gut gegangen.

»Ja, ich …« Ich brach ab. Ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte. War da drinnen tatsächlich etwas Merkwürdiges vor sich gegangen oder reagierte ich irrational, gar übertrieben, auf die Avancen eines attraktiven Mannes? War ich so seltsam, wie einige behaupteten?

»Mir ist ein wenig schwindelig«, gab ich zu und blieb dabei so dicht an der Wahrheit wie möglich.

»Hast du heute schon etwas gegessen?«

Natürlich. Ein hysterisches Lachen wollte in mir aufsteigen. Marco war Koch aus Leidenschaft. Er war vor zehn Jahren aus Spanien hergezogen und bei ihm ging nicht nur die Liebe durch den Magen, sondern jedes Gefühl. War man traurig, aufgeregt oder wütend? Essen brachte in seiner Welt alles wieder in Ordnung. Die Hintertür öffnete sich erneut und Todd erschien. Den besorgten Blick fest auf mich gerichtet kam mein Boss näher.

»Ist alles okay bei dir, Lilly?«, fragte er mich zaghaft, als wäre ich ein verwundetes Tier, dem er helfen und das er umsorgen wollte. Todds normale Reaktion auf mich. Er hielt meine abweisende Art fälschlicherweise für Schüchternheit.

»Hat der Typ irgendetwas zu dir gesagt? Du warst sehr lange bei ihm. Wenn er etwas Dummes gesagt oder getan hat, dann können wir die Polizei rufen –«

»Nein«, unterbrach ich ihn energisch, »das ist nicht nötig, wirklich nicht.« Es war schlimm genug, dass ich mich bereits jetzt zum Narren machte. Die Polizei wollte ich ganz sicher nicht involvieren. Was hätte ich ihnen auch sagen sollen? Dass sich jemand mit mir hatte unterhalten wollen? Nein, danke. Ich atmete tief durch und sah die beiden Männer vor mir mit einem gezwungenen Lächeln an.

»Es geht mir gut, wirklich. Ich habe nur ein wenig Kreislaufprobleme, das ist alles.«

»Sie braucht etwas zu Essen und ein großes Glas vino«, verkündete Marco und tätschelte mir beruhigend den Rücken. »Ich kümmere mich darum, bonita.«

Verschwunden war er. Tatsächlich hörte sich ein Glas Rotwein absolut himmlisch an. Und es würde meine noch immer wild flatternden Nerven beruhigen. Außerdem war es fast fünf. Das fiel in die Kategorie: Rotwein anstelle von Kaffee.

»Lilly«, sagte Todd und verlangte so meine Aufmerksamkeit, »du hast in einer halben Stunde sowieso Feierabend. Nimm dir die Zeit, die du brauchst, okay?«

Verständnisvoll, obwohl er nicht einmal wusste, was mich so aufgewühlt hatte, blickte er auf mich herab. Er war nett und durchaus attraktiv. Mit seiner unbeabsichtigt trendigen Hornbrille und den schmalen Hosenträgern über den breiten Schultern zog er so manchen Blick auf sich. Ich jedoch fühlte nichts. Nichts außer einer milden Zuneigung und Dankbarkeit.

»Danke, Todd. Das weiß ich zu schätzen, wirklich.«

»Ich würde alles für dich tun, Lilly, das weißt du, oder?«

Ernst musterte er mich. Ja, verdammt das wusste ich. So unsensibel es auch war, aber Todds Gefühle waren aktuell das Letzte, womit ich mich beschäftigen wollte. Nicht, wenn ich noch in meinem eigenen Drama feststeckte.

Davon hatten wir bei unserer letzten Weihnachtsfeier ausreichend gehabt. Todd war betrunken gewesen und es hatte einen Moment gedauert, bis mein ausdrückliches Nein bei ihm angekommen war.

Er griff nach meiner Hand. Ich versteifte mich automatisch. Ein verletzter Ausdruck huschte über seine Züge. »Wir kennen uns seit über fünf Jahren, Lilly. Ich mag dich, du magst mich …« Er ließ die Worte ausklingen. »Wovor hast du Angst?«

Angst hatte ich keine. Desinteresse wohl eher. Da ich aber an meinem Job hing und nicht in der Stimmung war, Todd meine Gefühlswelt näher zu erläutern, lächelte ich. Meine Alltagswaffe Nummer eins.

»Können wir da vielleicht ein anderes Mal drüber reden?« Eine feige Ausrede. »Bitte?«

Es war meine eigene Schuld, dass er sich noch immer Chancen ausrechnete. Todd nickte brüsk und ließ meine Hand endlich wieder los. »Ein anderes Mal«, bestätigte er.

»Bald.«

Nie hätte ich lieber sagen wollen. Für heute aber reichte es mir, wenn ich Feierabend machen und endlich nach Hause gehen konnte. Nach dem Tod meiner Mutter hatte ich unsere große Altbauwohnung verkauft und war in ein süßes, kleines Loft-Studio gezogen. Ein Zimmer nur für mich allein. Ich brauchte keine vier Zimmer, wenn ich doch nur allein war. Und es war okay. Ich hatte meinen Frieden damit gemacht. Zumindest sagte ich mir das täglich, wenn ich meine Wohnung aufschloss, um es mir vor dem Fernseher gemütlich zu machen. Oder ein heißes Bad zu nehmen. Allein. Es war okay. Da ich keine Geschwister oder andere lebende Verwandte hatte, war Annabelles Besitz komplett auf mich übergegangen. Eine hübsche Summe hatte meine Mutter auf der hohen Kante gehabt. Ich hätte das Geld zwar sofort eingetauscht, um sie wieder zurückzubekommen, aber da das unmöglich war, machte mir das kleine Vermögen mein Leben immerhin ein wenig leichter.

Die Hintertür öffnete sich wieder.

»Es ist angerichtet, guapa. Komm rein und iss.« Marco warf unserem Boss einen bedeutungsschweren Blick zu. »Und Todd?«

»Ja?«

»Du wirst im Café gebraucht.«

Mit einem unterdrückten Fluchen wandte Todd sich von mir ab und stakste zurück ins Café.

»Er wird gebraucht?«

Marco erwiderte mein Grinsen. »Jemand musste dich doch vor ihm retten.«

Seufzend ergriff ich seine ausgestreckte Hand und ließ mich von ihm in die Küche ziehen. Er hatte einen kleinen Tisch in der Ecke gedeckt. Eine große Portion Pasta und ein noch größeres Glas Wein warteten bereits auf mich.

»Das sieht himmlisch aus, Marco!« Plötzlich wie ausgehungert setzte ich mich und griff beherzt nach der Gabel. »Und Todd ist einer von den Guten«, fügte ich hinzu. Ich wollte nicht, dass Marco einen falschen Eindruck von ihm bekam. Mein Boss war in den letzten fünf Jahren gut zu mir gewesen und er hatte mir viel durchgehen lassen.

»Dennoch muss er verstehen, dass ein no, ist ein no. No?«

Tja, wenn man es so betrachtete.

»Vermutlich«, gestand ich und machte mich dann über meinen Teller Pasta her. Genug jetzt mit dem Männer-Drama. Ich würde mir dieses Festmahl nicht kaputt machen lassen. Ob dieser Nick noch im Café wartete? Ich konnte es mir nicht vorstellen. Wahrscheinlich war er geflüchtet, nachdem er beabsichtigt oder unbeabsichtigt eine solch verwirrende Reaktion in mir hervorgerufen hatte. Mit einem kleinen Seufzen trank ich einen großen Schluck Rotwein und läutete mein Wochenende ein. Ich würde das Café heute jedenfalls nicht mehr betreten, denn entweder hatte der Fremde tatsächlich etwas Merkwürdiges von mir gewollt oder ich hatte mich komplett zum Affen gemacht. So oder so würde ich nach dem Essen nach Hause gehen und diesen Tag einfach hinter mir lassen.

Eine knappe Stunde später stand ich, mit zwei Flaschen Rotwein bewaffnet, in meinem Hausflur und kramte in den tiefen meiner Tasche nach dem Schlüssel. Da ich im fünften Stock wohnte, hatte ich niemanden mehr über oder neben mir. Die letzten Stufen des Hausflurs führten lediglich zu meiner Wohnungstür unter dem Dach. Die Flaschen in meinem Arm klirrten gefährlich, als ich aufschloss und meine Wohnung betrat. Der Schlüssel landete automatisch auf einer kleinen Kommode neben dem Eingang. Ich schloss die Tür mit der Hüfte und stellte den Wein auf dem dunklen Tresen meiner offenen Wohnküche ab. Dieses Loft war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Ich ging zum großen, antiken Schrank links von meinem Bett, um mir etwas Bequemes anzuziehen. Die übliche schwarze Yogahose und der graue, weiche Oversize Sweater meiner Mom lagen schon griffbereit ganz oben auf dem Haufen frischer Wäsche, die ich vorgestern lustlos in den Schrank gestopft hatte. Ich schlenderte ins Bad, wusch mir das Gesicht und befand mich drei Schritte weiter zurück in meiner Küche. Die Wohnung war klein, aber optimal geschnitten. Die offene Wohnküche, das kleine Badezimmer mit Wanne sowie mein Bett und der Kleiderschrank, ein Erbstück unserer Familie, waren alles, was ich brauchte. Das, und mein bequemes, graues Lümmel-Sofa mit den hübschen blauen Kissen. In der Mitte zwischen Bett und Sofa stand ein kleiner Tisch mit Fernseher. Mittlerweile entspannt und wieder mehr ich selbst, griff ich nach der ersten Flasche Wein auf dem Tresen. Mit einem lauten Plopp entkorkte ich die Flasche und schenkte mir ein großzügiges Glas ein. Es war nicht so, dass ich regelmäßig trank. Da ich, was Alkohol anging, einen einzigartigen Stoffwechsel hatte, hatten Partys und Clubs noch nie einen großen Reiz auf mich ausgeübt. Entweder lag es an Enzymen oder an neurobiologischen Faktoren. Als ich achtzehn wurde, hatte meine Frauenärztin mich testen wollen, Mom hatte es jedoch abgelehnt und mir war es schlichtweg egal gewesen. Nur weil ich den Alkohol anders verarbeitete oder spürte, hieß das nicht, dass ich damit nicht bewusst umging. Tatsächlich trank ich selten und so gut wie nie in der Öffentlichkeit.

Auf unserer letzten Weihnachtsfeier waren sowohl Todd und Marco als auch Susie feucht fröhlich nach Hause gegangen. Ich jedoch hatte den ganzen Abend über an meinem Wein genippt. Rotwein erinnerte mich an meine Mom. An Fernsehabende und Kaminfeuer. An stundenlanges Quatschen in der Küche. Mit einem nostalgischen Gefühl nahm ich mein Glas und ging zum Sofa. Meine Mom war nicht hier. Ich war allein – und das war okay.

Unentschlossen scrollte ich mich durch Netflix. Was sollte ich gucken? Wie so oft blieb ich bei Supernatural hängen. Selbst Mom hatte die Serie geliebt. Sam und Dean gegen den Rest der Welt. So hatte ich Annabelle und mich beizeiten auch empfunden. Sie war keine klassische Mutter gewesen, so viel stand fest. Ich hatte nie feste Regeln auferlegt bekommen oder war bestraft worden. Sie war da gewesen, wir hatten über alles reden können, aber eigentlich hatte jeder sein eigenes Leben gelebt. Ihren Erziehungsstil hätte man wohl am ehesten als antiautoritär bezeichnen können. Sehr Anti.

Manchmal waren wir eher Mitbewohner als Mutter und Tochter gewesen. Besonders, als ich ein Teenager wurde. Die anderen Kids hatten mich immer um meine schöne, aufregende Mutter beneidet. Es hatte jedoch Zeiten gegeben, in denen ich sie beneidet hatte.

Mit Sechzehn jeden Abend in eine leere Wohnung zu kommen und sich selbst versorgen zu müssen, war nicht so cool gewesen, wie es sich vielleicht anhörte. Dennoch war unsere Beziehung auf ihre ganz eigene Art sehr innig gewesen. Sie hatte mich geliebt, das wusste ich. Und dann war sie gestorben und hatte mich zurückgelassen. Hier war ich nun. Allein, aber glücklich. Obwohl, wenn ich ehrlich zu mir selbst war, war glücklich vielleicht nicht das richtige Adjektiv, um meinen Ist-Zustand zu beschreiben. Zufrieden traf es eher.

Die Worte des Fremden kamen mir erneut ins Gedächtnis. Was, wenn ich dir eine Familie geben könnte? Und wie hätte er das bitte anstellen wollen? Auf die traditionelle Art in der Horizontalen oder hatte er vielleicht etwas ganz anderes gemeint? In diesem Moment riss der Fernseher mich aus meinen Gedanken. Meine Unentschlossenheit wurde mit der dritten Folge der sechsten Staffel Supernatural belohnt. So wurde mir die Entscheidung was ich gucken sollte wenigstens abgenommen. Am Ende wäre ich wahrscheinlich eh wieder genau dort gelandet. In den Tiefen meines Herzens war ich ein Gewohnheitstier. Drei Stunden und eine Flasche Wein später fielen mir langsam, aber sicher die Augen zu. Eine Weile versuchte ich noch gegen den Schlaf anzukämpfen, doch ich fühlte mich körperlich und emotional erschöpft. In dem Wissen, dass der Fernseher von allein ausgehen würde, gab ich nach, kuschelte mich tiefer in meine weiche Decke und beschloss, einfach auf dem Sofa liegen zu bleiben.

Kapitel 2

»Ist sie das?«

»Ja.«

»Bist du dir sicher?«

Wa–as …? Träumte ich? Lief der Fernseher noch? Oder waren da wirklich zwei Männerstimmen – und damit zwei Männer – in meiner Wohnung? Alarmiert öffnete ich die Augen und blinzelte ein paarmal hektisch, es war jedoch stockfinster in meiner kleinen Dachgeschosswohnung. Ich konnte nichts erkennen – nichts außer zwei riesigen, undefinierbaren Schatten, die sich leicht über mich beugten. O mein Gott. Das konnte kein Traum sein. Angst durchfuhr mich, und panisch versuchte ich mich aufzusetzen.

»Sie wacht auf, Lucan. Tu etwas.«

»Danke, dass du mir meinen Job erklärst, Nick«, antwortete die tiefe, bedrohliche Stimme von Schatten Nummer Zwei mit einem Hauch Sarkasmus. Moment mal. Nick? Nick, wie in Nickolas? Der Nick aus dem Café?

»Ni–ick?«, krächzte ich heiser, unsicher, was das alles zu bedeuten hatte. Ich wusste nur eins: Mein Fluchtinstinkt lief auf Hochtouren. Noch einmal versuchte ich, mich aufzurichten – doch irgendetwas hielt mich zurück.

»Du erinnerst dich.«

O Gott. Dann war er es wirklich?

»Hör auf dich zu wehren«, blaffte Schatten Nummer Zwei mich an. Der Kerl wirkte noch größer als der Fremde aus dem Café. Wer waren diese Typen und was wollten sie von mir?

»Vielleicht ist sie betrunken?«, schlug Nick Schatten Nummer Zwei vor.

»Wenn sie die ist, für die du sie hältst, dann nein.«

»Für wen ihr mich auch haltet«, brachte ich mit wild klopfendem Herzen hervor, »ich bin es nicht.«

»Das versuche ich ihm auch seit einer Woche klarzumachen.«

»Lucan, bitte.«

Schatten Nummer Zwei – offensichtlich der Mann namens Lucan – fluchte in einer mir unbekannten Sprache.

»Schlaf, Prinzessin.«

Ein Gefühl, das stark an Wut erinnerte, pochte bei seinen Worten durch meine Adern. Trotz der Angst regte sich etwas in mir – ein Widerstand, leise, aber hartnäckig. Ausgelöst durch diesen Lucan. Was, zum Teufel, bildete der sich eigentlich ein? Zwei fremde Männer standen in meinem Wohnzimmer, und sie wollten … was eigentlich?

Ich erschrak, als mich plötzlich eine bleierne Müdigkeit überkam.

Als hätte jemand einen Mantel aus Dunkelheit und Erschöpfung über mich gelegt.

Und ich wollte so gerne nachgeben.

Ich wollte einfach nur die Augen schließen und schlafen.

»Was …?«

»Schlaf«, wiederholte der Mann namens Lucan.

Bereits im Halbschlaf registrierte ich, wie mein Körper – und sogar mein Geist – dem Befehl des Fremden gehorchten.

Was zur Hölle ging hier vor sich?

»Und jetzt?«

»Jetzt nehmen wir sie mit«, antwortete Nick. In meinem tranceähnlichen Zustand spürte ich, wie sich starke Arme unter meinen Körper schoben und mich samt Decke anhoben.

Ich wollte protestieren, mich wehren – aber ich war so unendlich müde.

Also schloss ich die Augen.

In der Hoffnung, dass all das morgen früh nur ein schlechter Traum gewesen wäre.

***

Mit einem lauten Gähnen streckte ich die Arme über meinen Kopf und räkelte mich in meinem bequemen Bett. Ich drehte den Kopf, um einen Blick auf meinen digitalen Wecker zu erhaschen. Dabei stieß ich gegen einen riesigen Haufen Kissen. Sehr weiche Kissen. Ruckartig setzte ich mich auf. Nicht mein Bett, dachte ich, als ich das zwei Meter große Monsterbett mit seiner Flut aus Kissen musterte.

Und nicht meine Wohnung.

Irritiert sah ich mich in dem abgedunkelten Raum um. Das Zimmer – oder vielmehr die Suite – war riesig. Allein das Bett war so groß wie meine halbe Wohnung. Noch immer etwas benommen rieb ich mir über die Augen. Als ich sie wieder öffnete, hatte sich nichts verändert. Ich war immer noch hier.

Wo auch immer hier war.

»Ach du heilige Scheiße«, fluchte ich und schüttelte meinen noch immer vernebelten Kopf. Also kein Traum.

Mein Herz begann sofort schneller zu schlagen. Kein Traum – was bedeutete, dass Nick und Lucan mich tatsächlich entführt hatten. Aus meiner eigenen Wohnung. Meiner gut verriegelten, sicheren Wohnung. Wie waren sie da reingekommen, ohne auch nur das leiseste Geräusch zu machen? Und warum, zum Teufel, hatten sie mich in eine verdammte Luxus Suite verschleppt?

Welche Entführer tun so was, fragte ich mich verwirrt und schwang die Beine aus dem Bett. Meine nackten Füße gruben sich in die flauschigen Felle davor. Ich beugte mich hinab und ließ die Finger über den weichen Teppich gleiten. Wow. Mit leicht zittrigen Beinen stand ich auf und ging vorsichtig auf die hohen Fenster zu. Unterwegs blickte ich an mir herab: Yogahose, Pulli. Also hatten sie – zumindest auf den ersten Blick – mir nichts angetan. Abgesehen davon, dass sie mich betäubt und entführt hatten.

Als ob das nicht ausreichen würde …

Meine Finger schlossen sich um den festen Samtstoff der Vorhänge. Mit einem Ruck riss ich sie zurück und starrte auf die idyllischste Szene, die ich je gesehen hatte. Grüne Weiden, soweit das Auge reichte. Getaucht in das orangefarbene Licht des Sonnenuntergangs, durchzogen von weißen Holzzäunen. Die Landschaft wirkte, als wäre sie direkt aus einem Rosamunde-Pilcher-Film entsprungen. In der Ferne erkannte ich mehrere Häuser. Und den Pferden und Kühen nach zu urteilen, die wie kleine Punkte über die Felder wanderten, handelte es sich offenbar um Stallungen.

Wo zum Teufel war ich hier gelandet? Ich wandte mich vom Fenster ab und betrachtete die Suite genauer. Ohne Zweifel – der Raum war atemberaubend. Ein Mix aus sanften, erdigen Tönen und kräftigem Blau verlieh dem Ganzen eine edle, aber gleichzeitig gemütliche Ausstrahlung. Wie ein Ort, an dem Berühmtheiten eine Menge Geld dafür zahlten, um dort ein paar Nächte zu verbringen.

Wie die Suite eines Rockstars, dachte ich und stellte erstaunt fest, dass ich lächelte.

Oh, mein Herz wummerte noch immer wie verrückt, aber neben der Angst breitete sich jetzt ein anderes Gefühl in mir aus: Neugier. Dem Sonnenuntergang nach zu urteilen, hatte ich den gesamten Tag verschlafen und fühlte mich überraschend gut ausgeruht.

Diese luxuriöse Umgebung gab mir zumindest Hoffnung: Vielleicht war das hier alles nur ein riesiges Missverständnis. Oder das, was Nick von mir wollte, war doch etwas anderes, als ich befürchtet hatte. Ich ließ den Blick durch den Raum schweifen. Mein Handy hatten die Entführer nicht mitgenommen – keine große Überraschung. Ein fest installiertes Telefon? Fehlanzeige. Ich hatte also keine Möglichkeit jemanden zu kontaktieren. Aber wen hätte ich auch anrufen sollen? Marco und Todd? Und was hätte ich ihnen gesagt? Hilfe, ich bin in ein Luxushotel verschleppt worden? Ganz bestimmt nicht. Nicht, solange ich nicht wusste, was hier eigentlich vorging. So oder so: Es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Ich musste Nick finden. Aber sicher nicht in meinen Schlafsachen. Ein Blick in den Spiegel des antiken Schminktisches bestätigte, was ich bereits ahnte: Ich sah furchtbar aus. Blasse Haut, gerötete Augen und weißblonde Haare, die in alle Himmelsrichtungen abstanden. Da ich an meiner Situation ohnehin gerade nichts ändern konnte, beschloss ich, erst mal zu duschen. So seltsam es war, in fremder Umgebung aufzuwachen – ich fühlte mich merkwürdig verbunden mit diesem Ort.

Verbunden war vielleicht das falsche Wort.

Aber ich hatte nicht das Gefühl, mich in akuter Gefahr zu befinden.

Zumindest nicht hier. In diesen vier Wänden. Wobei … vier stimmte nicht ganz. Mein Blick wanderte weiter.

Vor mir befanden sich zwei Türen.

Eine davon musste ins Badezimmer führen. Mit einem entschlossenen Ruck – bevor ich es mir anders überlegen konnte – öffnete ich Tür Nummer Eins und fand mich in einer regelrechten Wellness-Oase wieder. Schwarz-weiße Fliesen, goldene Armaturen und üppiges Grün verwandelten das Bad in einen Traum. Das, und die große Wanne, die freistehend auf goldenen Füßen inmitten des Raumes stand. Okay. Das war schon mal nicht übel.

»Tür Nummer Zwei«, murmelte ich und griff nach dem zweiten Türgriff direkt daneben.

»Oh … wow.«

Tür Nummer Zwei war, obwohl kaum zu glauben, noch besser als die erste. Ich hatte gerade ein waschechtes Ankleidezimmer gefunden. Ein richtiges Ankleidezimmer, randvoll mit Klamotten, Schuhen und Schmuck. Am Ende des Raumes thronte ein riesiger Spiegel und in der Mitte stand, auf einem plüschigen Teppich, eine Chaiselongue aus hellblauem Samt – majestätisch, fast wie ein Ausstellungsstück. Wo war ich hier bloß gelandet?

Ich trat ein und begann neugierig durch die Kleiderreihen zu stöbern. Alles war fein säuberlich sortiert und tadellos aufgehängt. Und von bester Qualität. Einige der Designerlabels hatte ich bei meiner Mom gesehen. Andere kannte ich aus Zeitschriften.

Alle Teile waren in Größe 38/40.

Ich erstarrte mitten in der Bewegung.

Alle. In Größe 38/40.

Langsam drehte ich mich um und musterte die Schuhregale. Größe 40. Alle. Meine Größe. Genau wie die Kleidung. Und da war sie wieder – die Angst. Dieses schleichende, kalte Ziehen in der Brust. Wieso entführte man jemanden und stellte ihm dann ein Zimmer voller maßgeschneiderter Kleidung bereit? Vielleicht, weil man nicht vorhatte, ihn wieder gehen zu lassen?

Daran darfst du nicht denken, Lilly. Nicht, solange du nicht alle Fakten kennst.

Fakten. Das war es, was ich brauchte. Und eine heiße – oder eher kalte – Dusche, um meinen Kopf zu klären und nicht wie ein Zombie auszusehen, wenn ich Nick konfrontierte. Es gab mit Sicherheit eine logische Erklärung. Erst wenn diese nicht so ausfiel wie erhofft, erst dann würde ich mich den Horrorszenarien in meinem Kopf hingeben.

Du hast etliche solcher Bücher gelesen, schalt ich mich selbst, und schloss die Tür des Ankleidezimmers. Reiß dich zusammen, bis du weißt, was hier los ist.

Eventuell würde ich in ein paar Minuten schon über alles lachen können. Trotz meines inneren Pep-Talks, ging ich zur Tür der Suite und schloss diese ab. Noch war ich zu ängstlich, um sie zu öffnen. Fürs Gefühl schob ich einen der schweren Sessel vor die Tür, dann ging ich ins Bad. Ich blieb dabei: eine Dusche würde helfen. Ich verriegelte auch die Badezimmertür hinter mir und widmete mich dann den zahlreichen, teuer aussehenden Flaschen am Badewannenrand. Eine besonders hübsche Flasche zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Neugierig hob ich den Deckel und im selben Moment durchströmte ein betörender Blumenduft den Raum. Er hatte nichts Künstliches oder Chemisches an sich. Kein typisches Duschgel-Aroma. Nein, dieser Duft fühlte sich an, als würde man durch ein Blütenmeer spazieren. Über eine Wiese, direkt neben einem Wasserfall, im strahlenden Schein gleich mehrerer Sonnen. Okay, wow. Kopfschüttelnd schloss ich die Flasche und stellte sie zurück.

Was war denn bitte? Eine Blumenwiese und ein Wasserfall?

»Jetzt verlierst du wirklich den Verstand, Lilly.« Dass ich die Worte laut aussprach, machte es nicht besser. Wahrscheinlich die Nachwirkungen der Betäubung, erinnerte ich mich. Immerhin war ich entführt worden, eindeutig nicht der Moment, um mich mit Duschgel zu beschäftigen. Aber ich wollte auch gut riechen. Nach kurzem Zögern griff ich erneut nach der Flasche, entledigte mich meiner Kleidung und trat in die Dusche. Wie alles in der Suite, war auch sie gigantisch. Was allerdings fehlte, waren Duschknöpfe. Oder Brausen. Oder irgendetwas, das auf Wasser hindeutete. Erst nach einigem Suchen entdeckte ich die Lösung. Unzählige winzige Düsen waren in die Decke eingelassen. Ich stellte die Flasche ab und schloss die Kabinentür. Kaum rastete die Tür ein, begann ein stetiger Strom perfekt temperierter Tropfen auf mich herabzuprasseln. Mit jeder Sekunde wurde der Wasserdruck stärker, bis es sich anfühlte, als stünde ich inmitten eines warmen Sommerregens.

Ich seufzte zufrieden, griff nach dem Duschgel und schäumte mich von Kopf bis Fuß ein. Der Duft war betörend, meine angespannten Muskeln entkrampften sich augenblicklich.

Daran könnte ich mich definitiv gewöhnen.

An Shampoo hatte ich nicht gedacht – aber was ich in der Hand hielt, war sicher teuer genug, um auch im Haar zu wirken.

Kurzerhand verteilte ich eine ordentliche Portion in meinen nassen Strähnen.

Erneut füllte sich die Kabine mit diesem Duft nach Blumen und Sommerregen.

Wie lange kann man hier drinbleiben, bevor man sich einfach auflöst?

Nach ein paar weiteren Minuten musste ich mir eingestehen: Ich war sauber.

Klitschnass trat ich aus der Dusche und nahm einen der weißen Bademäntel vom Haken.

Das Wasser verstummte genau in dem Moment, als ich die Kabine verließ.

Definitiv etwas, woran ich mich gewöhnen könnte.

Ein Handtuch um die Haare geschlungen, trat ich vor den hübsch verzierten Spiegel.

»Ach du meine Güte!«

Was auch immer in der Flasche war, ich brauchte es für zu Hause. Mein fahler Teint? Verschwunden. Die geröteten Augen? Weg. Die Frau im Spiegel hatte rosige Wangen und große, klare Augen. Ich nahm das Handtuch vom Kopf und sah zu, wie meine hellen Haare in nassen, seidigen Wellen über meine Schultern fielen. So weich waren sie noch nie gewesen. Begeistert suchte ich nach weiteren Veränderungen – aber da war nur ich. Die gute alte Lilly. Ich ließ den Bademantel von den Schultern gleiten und musterte mich im Spiegel. Immerhin sah ich nicht mehr aus wie ein wandelnder Albtraum. Die meisten Menschen bezeichneten mich als schön – was auch immer das bedeuten mochte. Für mich war Schönheit kein Maß für Mitgefühl oder Charakter. Ich hatte schon zu viele schöne Menschen getroffen, die innerlich hässlich waren.

Mein Aussehen hatte mich von jeher zu einer Außenseiterin gemacht. Ich mochte es nicht, das typische Außenseiter-Klischee, und ich hasste es, mich als Opfer zu sehen. Ich hatte meinen Weg selbst gewählt und dazu stand ich auch. Fakt war, dass ich mit mir selbst wesentlich glücklicher gewesen war als mit den Mädchen und Jungen an meiner Schule oder Uni. All das, wofür sie sich so brennend interessiert hatten, war mir stets irgendwie banal vorgekommen. Belanglos.

Die Leute hatten ein ganz bestimmtes Bild von mir – verknüpft mit Erwartungen. Erwartungen, die ich nicht erfüllen konnte. Oder wollte. Die Mädchen an meiner Schule oder in der Uni hatten mein Aussehen mit Partys, Flirts und Spielchen um Aufmerksamkeit verbunden. Ich hingegen wollte einfach meine Ruhe. Statt im Mittelpunkt zu stehen, vergrub ich lieber die Nase in einem Buch, und hatte mich daher immer weiter zurückgezogen.

In Gedanken griff ich nach der Bürste auf der Ablage und begann, meine Haare zu entknoten. Dank des magischen Duschgels diesmal ganz ohne Drama. Neben dem Waschbecken entdeckte ich weitere Fläschchen und Tiegel. Eines roch verdächtig nach Creme und verwandelte mich endgültig in eine wandelnde Blumenwiese. Duftend wie eine botanische Fee verließ ich das Bad und öffnete die Tür zum Ankleidezimmer. Wenn sie schon ein ganzes Zimmer mit Kleidung in meiner Größe hatten, dann würde ich sie nicht enttäuschen. Mit einem leichten Cinderella-Gefühl drehte ich mich einmal um mich selbst, ehe mein Blick an einem flauschig aussehenden grauen Kaschmirpullover hängenblieb.

Beinahe ehrfürchtig zog ich das gute Stück vom Bügel und suchte mir eine dazu passende, schwarze Hose. In einer der zwei Kommoden fand ich Unterwäsche in allen Farben und Formen und entschied mich für schlichtes Weiß. Fertig angekleidet begutachtete ich mich im Spiegel. Ich sah … elegant aus. Der Pulli musste ein kleines Vermögen gekostet haben und die Hose betonte meine Beine und meinen Hintern äußerst vorteilhaft.

»Nicht übel«, murmelte ich und ließ den Blick über das Regal voller Pumps schweifen. Meine Augenbrauen wanderten nach oben. Etwas skeptisch zog ich ein paar High-Heels mit roter Sohle hervor und betrachtete den schwindelerregenden Absatz. Definitiv nicht mein Ding. Schon gar nicht, wenn sie ein Vermögen kosteten. Wer auch immer dieser Nick war, er hatte eindeutig Geld. Viel Geld. Zum Glück entdeckte ich weiter unten ein paar weiße Sneakers. Perfekt. Geschmack hatten sie ja, das musste ich meinen Entführern lassen. Jetzt wurde es Zeit herauszufinden, was hier eigentlich los war. Mit noch feuchten Haaren und ohne Make-Up durchquerte ich die Suite und schritt entschlossen zur Eingangstür.

Sofort begann mein Herz erneut im Stakkato zu wummern, nicht nur, weil ich den schweren Sessel wegschob. Ich atmete tief durch. Es würde sich alles aufklären, ganz bestimmt.

Langsam drehte ich den Schlüssel im Schloss und stieß die Tür dann mit einem kräftigen Ruck auf. Ich hatte vieles erwartet, aber nicht diesen stillen, endlos wirkenden Korridor.

Ein schneller Blick nach links und rechts zeigte: Mein Zimmer lag am Ende eines langen Ganges.

Auf geht’s, Lilly.

Mit einem weiteren Schritt trat ich hinaus. Fünf Türen zählte ich. Am Ende entdeckte ich eine Treppe, die vermutlich nach unten führte. Ich zögerte kurz. Meine Hände fühlten sich plötzlich klamm an und doch gab es etwas, das mich auf unerklärliche Weise vorwärts zog.

Auf der anderen Seite war es vielleicht keine gute Idee, allein loszuziehen. Die Alternative hieß jedoch warten, und das wollte ich auch nicht. Meine Mission hieß: Nick finden. Antworten bekommen.

Ich setzte mich in Bewegung. Absolute Stille lag in der Luft.

Meine Schritte versanken im weichen Teppich, kaum hörbar, fast schleichend.

Zwei Türen, drei –

Dann hörte ich plötzlich Stimmen.

»Du hast was?«

Eine empörte Frauenstimme drang vom Fuße der Treppe zu mir hinauf und ich empfand sofort Erleichterung bei dem Gedanken, dass eine andere Frau anwesend war. Natürlich konnte sie zu den Entführern gehören – vermutlich sogar. Aber vielleicht war sie gegen den Plan gewesen, der mich hierhergebracht hatte. Vielleicht konnte ich sie auf meine Seite ziehen. Leise schlich ich näher, um besser hören zu können.

»Was hätte ich denn tun sollen, Alina?«, fragte Nick aufgebracht. Dass ich seine Stimme nach so kurzer Zeit zweifelsfrei erkannte, war … irritierend.

»Mit ihr reden, Nickolas. Ihr erklären, was hier los ist, und sie nicht mitten in der Nacht entführen!«

Wer auch immer diese Alina war, sie war soeben zu meinem Lieblingsmenschen geworden. Anscheinend hatte ich tatsächlich eine Verbündete in dem Irrsinn hier.

»Zwei Wochen habe ich sie beobachtet und gewartet, Alina, aber nichts ist passiert. Und dann …« Er fluchte leise. »Du hast ihre Reaktion im Café nicht gesehen. Sie hätte mir niemals zugehört.«

Alina schnaubte.

»Lucan und ich –«

»Du hast Lucan Vale mitgenommen?«, rief sie entgeistert. Lucan Vale, murmelte ich stumm. Meine Lippen formten die beiden Worte lautlos. Einmal. Dann noch einmal. Ich wusste nicht warum, aber der Name passte zu dem Mann, den ich gestern Nacht als Schatten Nummer Zwei identifiziert hatte.

»Hat er«, bestätigte eine dunkle, mir ebenfalls bekannte Stimme. »Aber vielleicht wollt ihr diese Diskussion führen, wenn ihr allein seid.«

»Was meinst du?«

Mist.

»Komm raus, Prinzessin. Zeig dich.«

Verstecken war zwecklos. Ich war aufgeflogen.

Also atmete ich einmal tief durch, trat um die Ecke – und sah direkt in eine riesige Eingangshalle.

Nick erkannte ich sofort: zerzauste, sandblonde Haare, neugierige Augen – und ein freundliches Lächeln.

Neben ihm stand eine kleine Frau mit langen, dunklen Haaren und den sanftesten braunen Augen, die ich je gesehen hatte. Alles an ihr wirkte gutmütig und warm. Sie erwiderte meinen Blick zurückhaltend.

Und dann war da noch der Mann zu Nicks Rechter.

Lucan Vale.

Heilige Mutter Gottes.

Ich hatte noch nie einen derart attraktiven Mann gesehen. Wo Nick ein Sunnyboy war, war er das Gegenteil. Kantig, dunkel, roh. Schwarzes, leicht zu langes Haar, berührte seine breiten Schultern. Die Gesichtszüge waren markant. Eine gerade Nase, ein breiter Kiefer und eine Statur, die man nicht anders als massiv betiteln konnte. Er besaß diese befehlsgewohnte Ausstrahlung, die ich aus Filmen oder Büchern kannte. Alles an ihm schrie Alpha. Ein Mann, der nicht fragt, sondern befiehlt.

Das Faszinierendste an ihm waren jedoch seine Augen. Fast vollkommen schwarz, glühten sie wie Kohlen in der Dunkelheit. Für einen kurzen Moment glaubte ich, ein regelrechtes Feuer in ihnen aufblitzen zu sehen.

Eine Reflexion des Lichts oder deine eigene lebhafte Fantasie, meine Güte.

Kohlen in der Dunkelheit … womöglich hatten sie mich doch stärker betäubt als angenommen. Ich unterdrückte ein Augenrollen. Alles an Lucan schien auf irgendeine Art und Weise mysteriös zu sein. Es machte ihn auf Anhieb interessant. Was ich jedoch noch viel interessanter fand, war die Frage, warum sie mich entführt hatten. Darum ging es doch. Nicht um düstere, gutaussehende Alpha-Männchen, die am Ende eh nur Ärger bedeuteten. Zumindest glaubte ich das. Aber mal ehrlich, war es nicht immer so? Ich sah zur Gruppe hinunter. Wie sie dort standen und zu mir aufsahen, wirkten sie fast … unwirklich.

Unbewusst legte ich eine Hand auf meinen Magen. Das Blut rauschte viel zu schnell durch meine Adern und mir wurde leicht schwindelig.

»Lilly«, durchbrach Nick den Bann, in dem ich festgesteckt hatte, und trat einen Schritt auf die Treppe zu. »Hab keine Angst«, sagte er sanft und hob beide Hände. »Komm.«

»Ich …« Verwirrt sah ich zwischen den dreien hin und her und blieb einen Moment zu lang an Lucan hängen. Seine Augen wurden noch eine Spur dunkler. Sein Blick war finster und bedrohlich. Fast wütend.

Ernsthaft?

Ich war die Entführte. Wenn hier jemand wütend sein durfte, dann wohl ich! Zwischen Angst, Trotz und Neugier formte sich ein Gefühlscocktail, den ich selbst kaum greifen konnte.

Die Brauen zusammengezogen, die Augen schmal, machte ich einen Schritt nach vorne. Eine Hand am Geländer stieg ich langsam die geschwungene Treppe hinab. Lucan verfolgte jede meiner Bewegungen. Mein Kinn hob sich wie von selbst. Eine Mischung aus Unsicherheit und stiller Rebellion. Dann wandte ich den Blick von ihm ab, hin zu Nick und Alina. Sie betrachtete mich regungslos, aber ohne Ablehnung. Lediglich mit einer vorsichtigen von Neugier durchzogenen Schüchternheit. Ganz anders als Nick, der mir ein aufmunterndes Lächeln schenkte und mir die Hand entgegenstreckte. Nicht gerade das, was man von einem Entführer erwarten würde.

»Du brauchst dich wirklich nicht zu fürchten«, wiederholte er sanft.

Am Fuße der Treppe angekommen, ignorierte ich seine ausgestreckte Hand und verschränkte meine leicht zitternden Finger ineinander. Aus dieser Perspektive wurde mir erst richtig bewusst, wie groß die beiden Männer waren. Nick war locker über eins neunzig und Lucan? Er musste fast zwei Meter groß sein!

Allein seine muskelbepackte Statur ließ mich innerlich zusammenzucken.

»Wo bin ich?«, fragte ich direkt und sah zu Nick. Von ihm erwartete ich am ehesten Antworten.

»Im Hause der Callahans. In der Welt der Menschen.«

Aha. Okay.

So neutral wie möglich wiederholte ich: »Wo bin ich?«

Nick runzelte die Stirn. »Im Hause der Callahans …«

»Okay«, unterbrach ich ihn und hob eine Hand. »Wenn das hier irgendein Rollenspiel sein soll, dann ist es nicht mehr lustig.«

»Rollenspiel?«

»Wer auch immer ihr Typen seid – ich will nach Hause. Sofort.«

»Du bist zu Hause«, erwiderte Nick ernst.

Nicht die Antwort, mit der ich gerechnet hatte. Der volle Kleiderschrank und die luxuriöse Suite kamen mir in den Sinn und mir wurde heiß.

»Ihr wollt mich hier festhalten?«, fuhr ich ihn an. »Gegen meinen Willen?«

»Ich verstehe nicht …«

»Heilige Balance, Nickolas«, mischte sich die Brünette ein und verdrehte leicht die Augen. »Kein Wunder, dass sie dir nicht zuhört.« Dann wandte sie sich mir zu. Ihr Lächeln war zögerlich. »Eure Hoheit. Ich bin Alina. Eure Kammerzofe.«

»Meine was?«

Ich starrte sie an.

»Eure Kammerzofe«, wiederholte sie ruhig. »Ihr seid Lillianna Callahan. Thronerbin Alliandoans und der sieben Welten. Wir haben lange nach Euch gesucht.« Ihr Lächeln wurde breiter. »Willkommen zu Hause, Eure Hoheit.«

Alles klar. Wofür auch immer diese Leute mich hielten, sie glaubten es wirklich. Selbst Lucan starrte mich mit unbewegter Miene an. Sein Gesicht verriet nichts außer genereller Gereiztheit. Ich vermutete, das war sein Standardausdruck. Welch Überraschung.

Unsere Blicke trafen sich. Er hob eine Augenbraue. Im Ernst? Er glaubte doch wohl nicht ernsthaft, dass ich ihnen diesen Mist abkaufte? Alliandoan? Sieben Welten? Das klang, als wäre ich in einem mittelalterlichen Rollenspiel gelandet. Cosplay vielleicht, dachte ich und musterte die drei genauer. Nick trug eine graue Anzughose und einen hellen Pullover – völlig unauffällig. Alina und Lucan dagegen sahen aus, als kämen sie direkt von einem Filmset. Alinas Kleid war aus fließendem Leinen, hochgeschlossen und mit langen Ärmeln. Das zarte Blau betonte ihre gebräunte Haut. Sie sah elegant, schlicht und irgendwie fremdartig aus. Lucan hingegen war ganz in schwarz gekleidet. Schmale Hose, schwere Boots, und eine asymmetrische Tunika, die mehr verbarg als sie zeigte und trotzdem keinen Zweifel an seinem durchtrainierten Oberkörper ließ. Am Kragen und am seinem Handgelenk blitzten das Ende oder der Anfang eines Tattoos hervor. Ich wusste nicht, ob es der Stoff, die Haltung oder sein Blick war, aber alles an ihm wirkte bedrohlich, geheimnisvoll und … ja. Leider verdammt heiß. Was ein völlig unangebrachter Gedanke war.

Ich wandte mich an Alina. »Was seid ihr für Typen? Cosplay? Fantasy League?«

Sie sah mir nur verständnislos an.

»Das kann doch nicht euer Ernst sein! Und der Kleiderschrank da oben? Das ist unheimlich! Ich fuhr zu Nick herum. »War das dein Plan? Bastelst du dir so deine eigene, kranke Familie, indem du Leute entführst?«

»Hier liegt ein Missverständnis vor, ich –«

»Fass sie an.«

Alle drehten sich zu Lucan, der mit verschränkten Armen an der Wand lehnte und demonstrativ gelangweilt dreinsah.

»Fass sie an und bring‘s hinter dich. Du verschwendest meine Zeit.«

Seine Zeit wurde verschwendet? Noch bevor ich reagieren konnte, schoss Nicks Hand vor und umklammerte mein Handgelenk. Fest. Ich schnappte erschrocken nach Luft. Schon im Café hatte ich etwas gespürt – aber das hier war anders. Intensiver. Tiefer.

»Nimm deine Finger von mir, du –«

Die Worte blieben mir im Hals stecken, als plötzlich ein regelrechtes Feuer auf meiner Haut explodierte. Nicht im wörtlichen Sinne und doch … irgendwie schon. Hitze stieg in mir auf und fassungslos sah ich auf die Stelle, an der unsere Körper sich berührten. Es begann mit einem leisen Knistern in der Luft, das immer lauter wurde. Die Atmosphäre um uns herum fühlte sich wie elektrisiert an und an meinem Handgelenk erschienen aus dem Nichts kleine, blaue Flammen.

Flammen.

Echte Flammen.

An mir.

Instinktiv wollte ich mich losreißen, aber Nick hielt mich fest.

»Lass mich los«, flüsterte ich zitternd.

»Sieh hin«, sagte er – noch immer ruhig und sanft.

Alle starrten mich an. Ich spürte, wie mir die Hitze in die Wangen schoss. Nicht aus Wut oder Scham, sondern weil das Blut immer schneller durch meine Adern pumpte und mein Hirn zu verstehen versuchte, was hier gerade passierte. Was ich mit eigenen Augen sehen konnte. Etwas, das rein logisch betrachtet, nicht möglich war. Es konnte nicht echt sein. Doch die Flammen waren da und sie wanderten meinen Arm hinauf. Wärmten meine Haut und ließen sie leuchten.

»Was passiert hier?«, krächzte ich.

Die Flammen wanderten weiter über meinen Körper und dann begannen sie zu summen. Zu singen. In mir.

»Magie«, antwortete Nick leise.

Alina senkte den Blick und machte einen Knicks.

»Eure Hoheit.«

Mein Herz raste. Das konnte nicht real sein. Und doch … ich fühlte es. Die Hitze, die Kraft. Und etwas anderes, das in meinem Brustkorb aufflackerte, jedes Mal wenn Nick mich ansah.

»Das kann nicht real sein.«

»Ich weiß, dass du eine logische Erklärung hierfür suchst, aber«, Nick zuckte mit den Schultern, »die gibt es nicht. Magie ist real. Wir sind real. Und so auch unsere Welt.«

»Wer bist du?«

»Nickolas Marcus Callahan.«

Mein Blick flog zu Alina. So schnell, dass mir schwindelig wurde. »Du hast mich Callahan genannt.«

»Ja, Eure Hoheit.«

»Wer … bin ich?«, fragte ich Nick, nicht sicher, ob ich die Antwort wirklich hören wollte. Denn wie auch immer sie ausfiel, ich wusste, dass sie mein Leben für immer verändern würde.

»Du bist Lillianna Callahan. Thronerbin Alliandoans und der sieben Welten.«

Ein Schwindel überrollte mich. Emotionen rasten durch mich wie ein Sturm.

Ich riss mich von Nick los – und im selben Moment verloschen die Flammen.

Ihre Abwesenheit ließ mich frieren, bis ins Innerste.

»Ich … ich muss …«

Ohne wirklich fokussieren zu können sah ich mich um und begegnete Lucans wenig begeistertem Blick.

»Sie kippt um«, hörte ich seine dunkle Stimme. Sie klang dumpf. Weit weg. Und wieso drehte sich alles immer schneller?

Die Welt geriet aus dem Gleichgewicht, und noch ehe ich reagieren konnte, gaben meine Beine nach.

Starke Arme fingen mich auf, zogen mich sanft an sich.

»Willkommen zu Hause, Schwester«, flüsterte Nick in mein Ohr –

und dann versank alles in Dunkelheit.

Kapitel 3

Diesmal kam ich nicht langsam oder sanft zu mir. Ruckartig schoss ich in eine sitzende Position und erinnerte mich glasklar daran, was passiert war. An das, was ich gesehen und gespürt hatte.

Willkommen zu Hause, Schwester.

O Gott.

Aufgewühlt sah ich mich um und entdeckte Nick, der mir gegenüber in einem Sessel saß und mich beobachtete. Sein Blick war ruhig, fast zu ruhig. Ich wich ihm aus und ließ meine Augen durch den Raum wandern. Eine Bibliothek. Mein Herz setzte kurz aus – und schlug dann doppelt so schnell. Diesmal nicht vor Panik. Regale bis zur Decke. Alte, gebundene Bücher. Bücherstapel weit und breit. Ich lag auf einem weichen Sofa vor einem knisternden Kamin. Der Raum war atemberaubend schön. All das dunkle Holz … es verschlug mir die Sprache.

»Wunderschön, nicht wahr?«

Ich nickte. »Ja, ich … ich liebe Bücher.«

»Ich weiß«, antwortete Nick, und ich hörte das Lächeln in seiner Stimme. Natürlich wusste er es. Er hatte mich beobachtet, kannte den Ort, an dem ich arbeitete – das Café, die Regale voller Geschichten, meine Welt.

Er wusste, dass Bücher für mich mehr waren als Zeitvertreib. Sie waren Zuflucht. Freiheit.

»Ich dachte, du fühlst dich hier vielleicht am wohlsten, wenn du aufwachst.«

Ich schluckte. Das war … nett. Ein wirklich aufmerksamer Gedanke.

»Kannst du mich ansehen? Bitte?«

Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich den Kopf geschüttelt hatte. Denn wenn ich ihn ansah – wirklich ansah – dann war das hier nicht mehr surreal. Dann war es echt. Dann war der Mann mir gegenüber mein Halbbruder.

»Bruder«, unterbrach er meine Gedanken. »Das Halb kannst du weglassen. Das unsterbliche Gen ist immer das dominante.«

»Das unsterbliche Gen«, wiederholte ich fassungslos.

»Ich weiß, es ist eine Menge zu verarbeiten, Lilly. Aber dafür bin ich hier, um deine Fragen zu beantworten.«

»Kannst du Gedanken lesen?«

Nick lachte und mein Körper entspannte sich ein wenig.

»Nein, aber deine Gedanken stehen dir regelrecht ins Gesicht geschrieben. Als dein Bruder kann ich gewisse … Schwingungen auffangen.« Langsam hob ich den Blick. Grasgrüne Augen blickten in meine. Augen, die die gleiche eher ungewöhnliche Form wie meine hatten. Wieso war mir das vorher nicht aufgefallen? Ich hatte ihn zwei Wochen fast täglich gesehen!

»Menschen sehen nur, was sie sehen wollen«, beantwortete er meine stumme Frage.

»Also … sind wir jetzt magisch verbunden?«

»Durch Blut und Magie. Je besser wir uns kennen und je mehr Zeit wir miteinander verbringen, desto klarer werden wir unsere Gefühle deuten können.« Er grinste. »So ist das bei Engeln.«

Engel. Engel.

Ich legte den Kopf in die Hände und atmete tief durch.

»Engel?«, fragte ich schließlich. Als hätte ich ihn beim ersten Mal nicht verstanden.

»Ja.« Nick blieb ruhig. »Du hast es gesehen. Die Flammen. Das Erwachen. Das war deine Magie.«

Ich dachte an das, was ich gespürt hatte. Dieses Brennen, das Knistern, das seltsame Ziehen in meinen Adern …

Sollte das wirklich Magie gewesen sein?

Ich hob den Blick und sah ihn skeptisch an. Glauben konnte ich das noch lange nicht.

»Wieso habe ich es in den letzten sechsundzwanzig Jahren nie gespürt?«

Er nickte zufrieden.

»Du brauchtest einen Trigger. Jemanden, der die Unsterbliche in dir weckt.«

Er setzte sich auf, die Oberarme locker auf den Oberschenkeln, und strahlte dabei eine entspannte Ruhe aus, die immer mehr auf mich überging. Ich lehnte mich etwas zurück, bereit, endlich Antworten zu bekommen. Auch wenn dieses Gespräch anders lief als erwartet – ich fühlte mich nicht in Gefahr.

»Ich bin in der Anderswelt aufgewachsen. In Arcadia, der Hauptstadt von Alliandoan«, begann er. »Dort lernen wir früh, mit Magie umzugehen. Dich aber konnte niemand unterrichten. Wir wussten jahrelang nicht einmal von deiner Existenz. Ohne aktivierte Magie war es fast unmöglich, dich zu finden.«

Das erklärte, warum er erst vor zwei Wochen aus dem Nichts aufgetaucht war.

»Wie alt bist du?«

Er grinste. »Knappe fünfzig.«

Ich starrte ihn ungläubig an. »Du siehst aus wie Anfang dreißig! Das ist unmöglich.«

»Nicht in unserer Welt.«

»Wie meinst du das?«

»Wir werden unsterblich geboren«, erklärte er, »aber unsere wahre Unsterblichkeit, der Punkt, an dem wir wirklich und wahrhaftig resistent gegenüber Krankheiten werden, unser Alterungsprozess weitestgehend stoppt und wir verdammt schwer zu töten sind, ist jener, wenn wir am stärksten sind und unsere Magie vollkommen kontrollieren können.«

»Wie alt warst du?«, fragte ich ihn, gegen meinen Willen fasziniert von seinen Worten.

»Einunddreißig.«

»Dann bist du fünf Jahre älter als ich, also ich meine … eigentlich sogar über fünfundzwanzig Jahre, aber …«

Nick lachte. »Ich weiß, was du meinst.«

Ich hatte einen großen Bruder. Wow. So verrückt das alles auch war … wow. Ein zaghaftes Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Nachdenklich musterte ich ihn. Das schmale Gesicht und die aristokratische Haltung.

»Wenn du der Ältere bist, warum bin ich dann angeblich die Thronerbin?«

Schon beim Aussprechen fühlte es sich an wie ein schlechter Traum. Nick seufzte und fuhr sich mit einer Hand durch die bereits zerzausten Haare.

»Das ist kompliziert. Und eine längere Geschichte.« Er erhob sich. »Wie wäre es, wenn wir in der Küche weiterreden und etwas essen?«

Essen? Vielleicht. Wein? Unbedingt. Also folgte ich ihm – noch etwas wacklig – aus der Bibliothek. Wir durchquerten die riesige Eingangshalle, bogen nach rechts ab und Nick stieß mit der Schulter eine weitere Tür auf.

»Willkommen in meinem Lieblingsraum.«

Er breitete die Arme aus, und ich trat in eine große, einladende Küche. Ein breiter Tresen trennte den Kochbereich von einem Esstisch mit zehn Stühlen. Hinter der Fensterfront lag ein dunkler Wald, der in der Dämmerung fast schwarz wirkte.

»Alles sieht so … normal aus«, gab ich zu, als ich die Holztöne und modernen Accessoires der Küche bewunderte. Jemand hatte sich bei der Einrichtung dieses Anwesens viel Mühe gegeben.

»Weil wir nicht in Arcadia sind«, erklärte Nick und holte zwei Weingläser aus dem Hängeschrank. Ich setzte mich auf einen der Barhocker am Tresen und beobachtete ihn.

»Rot?«

Nickend sah ich ihm dabei zu, wie er zu einer elegant wirkenden Flasche griff. Während er sie öffnete, sprach er weiter: »Wir sind noch immer in der Welt der Menschen. Etwa zwei Stunden von deiner Wohnung entfernt.«

Ich runzelte die Stirn. »Ich verstehe nicht … Wenn das hier nicht Arcadia ist, warum bin ich dann hier? Warum all der Zirkus?«

Nick reichte mir eines der Gläser. »Weil wir dich behutsam vorbereiten wollten. Als unser Vater von deiner Existenz erfuhr, hat er dieses Anwesen gekauft und umbauen lassen. Er wollte einen Wohnsitz außerhalb Alliandoans, damit er besser nach dir suchen kann.«

Ich hatte einen Vater? Wie albern … Natürlich hatte ich einen Vater, aber Annabelle hatte nie über ihn gesprochen und ich … ich hatte stets angenommen, er wäre längst tot.

»Das ist er.«

Nicks heisere Stimme riss mich aus meinen Gedanken und erschrocken sah ich auf. Über mein mittlerweile volles Weinglas hinweg sah er mich an. Diverse Emotionen zeichneten sich auf seinem Gesicht ab. Allen voran Schmerz.

»Unser Vater ist tot, Lilly.«

»Wie lange schon?«

»Seit etwa fünf Jahren.«

»Ich …« Tja, was sollte ich sagen? Natürlich war ich traurig. Ich hätte ihn gern kennengelernt, aber ich hatte Jahre gehabt, um mich an den Gedanken zu gewöhnen. Den Schmerz, den Nick allerdings verspürte, kannte ich nur zu gut. Mitfühlend legte ich meine Hand auf seine und beide sahen wir auf, als es regelrecht zwischen uns funkte. Daran würde ich mich wohl noch gewöhnen müssen.

»Ich kenne das Gefühl von Trauer und Schmerz«, sagte ich, zog die Hand zurück und trank einen Schluck Wein, um meine Nerven zu beruhigen.

»Deine Mutter, nicht wahr?«

»Annabelle, ja. Sie starb vor zwei Jahren. Ein betrunkener Autofahrer hat sie auf dem Rückweg vom Flughafen erwischt.« Was er sicherlich schon wusste, dennoch tat es gut, die Tatsache auszusprechen. Es gehörte zum Heilungsprozess, die Wunde ab und an wieder aufzureißen, damit sie gleichmäßiger zusammenwachsen konnte.

»Ich nehme nicht an, dass sie wusste, wer dein … wer unser Vater wirklich war«, gab ich zu bedenken.

Nick schüttelte den Kopf und lehnte sich lässig an den Tresen. »Nein. Als klar wurde, dass ich nicht der Thronerbe war, den er gerne in mir sehen wollte, erzählte er mir von dir.«

Ich gab ein unbestimmtes Geräusch von mir. Das klang nicht gut. Es klang eher nach einer Menge unverarbeitetem Ballast. Aber wer war ich zu urteilen?

»Er erzählte mir von einer wunderschönen Frau, einer Sterblichen, die ihn in der Welt der Menschen verzaubert hatte mit ihrer strahlenden, starken Art. Seine Worte, nicht meine.«

Oh ja, das klang nach meiner Mutter.

»Ich glaube, er hätte sich gewünscht, dass sie unsterblich gewesen wäre.«

»Und deine Mutter?«

Ein Schatten legte sich über Nicks Gesicht.

»Sie starb bei meiner Geburt.«

Ah, verdammt.

»Das tut mir sehr leid, Nick.« Das macht uns zu Waisen, dachte ich. Unsterblichkeit hin oder her, sowohl seine als auch meine Eltern waren tot.

»Hast du … ich meine, haben wir noch mehr lebende Verwandte?«

Nick schüttelte den Kopf.

»Nein. Es gibt nur noch dich und mich.«

In Gedanken ließ er sein Weinglas kreisen und beobachtete die dunkelrote Flüssigkeit darin. »Wir hatten eine Tante, vor weit über zweihundert Jahren …«

Zweihundert Jahre? Zwei. Hundert. Ich würde nicht ausflippen!

»… aber ich habe sie nie kennengelernt und der Rest unserer Familie starb noch vor ihr.«

Welch deprimierender Gedanke. Von einer anscheinend mächtigen, unsterblichen Familie waren nur noch er und ich übrig.

»Wie sind sie gestorben?«, fragte ich. »Ich meine, mit der Unsterblichkeit und so …«

Nick seufzte leise und hörte auf mit seinem Wein zu spielen.

»Die meisten von ihnen wurden Opfer von Anschlägen. Den Namen Callahan zu tragen, macht uns automatisch zur Zielscheibe. In den Augen der falschen Leute.«

Als hätte ich verstanden, was er mir da soeben erzählt hatte, lehnte ich mich nickend auf meinem Hocker zurück. Dabei verstand ich nichts. Gar. Nichts.

»Erklär mir das mit den Engeln«, bat ich leise.

Langsam begann ich zu akzeptieren, dass der Mann vor mir wirklich mein Bruder war. So verrückt es klang, tief in meinem Inneren fühlte ich es. Die Flammen hatten etwas in mir ausgelöst. Etwas, das mich mit Nick verband. Und dieses Gefühl ließ sich nicht einfach ignorieren.

»Unsere Welt – unser Universum, wenn du so willst – wird in der modernen Sprache der Menschen grob übersetzt mit ›Anderswelt‹«, begann er. »Den Namen haben vor allem die jüngeren Unsterblichen geprägt und er hat sich in den letzten Jahrzehnten etabliert.« Er zuckte mit den Schultern. »Ist auch einfacher, bei all den verschiedenen Sprachen und Dialekten, die wir haben. Innerhalb dieses Universums existieren verschiedene Welten, erreichbar und verbunden durch magische Portale. Unsere Heimat heißt Alliandoan, die Welt der Engel.«

Okay, wow … das war … wow. Das waren zu viele Informationen auf einmal, also konzentrierte ich mich zunächst auf ein Thema. »Wie könnt ihr euch dann verständigen, bei all den Sprachen?«

Nick lächelte. »Magie«, erwiderte er mit Schalk in den Augen. »Früher war es Brauch, die verschiedenen Sprachen zu erlernen, aber die jüngeren Unsterblichen benutzen heute Runensteine zum Übersetzen. Entweder trägt man sie bei sich oder man bekommt sie wie ich, hm …«, er überlegte kurz, »implantiert wäre wohl das treffendste Wort.«

»Du hast einen Stein unter der Haut?«

»Einen Zauber, keinen Stein.«

Ah. Ja. Klar. Natürlich.

»Aber das kann ich dir zu gegebener Zeit näher erklären. Arcadia«, fuhr Nick fort, »ist die Hauptstadt von Alliandoan. Dort leben wir. Oder zumindest steht dort unser Palast.«

»Unser Palast?« Mein Kopf rauchte schon jetzt, und ich ahnte, dass Nick noch nicht mal richtig angefangen hatte.

»Der Callahan Palast«, bestätigte er und trank einen Schluck von seinem Wein. »Jede Welt hat eine Hauptstadt und einen Regenten, ähnlich wie hier. Die einzelnen Welten werden aristokratisch geführt. Prinzen, Prinzessinnen, Königinnen – nichts Ungewöhnliches.«

Ich gab einen unbestimmten Laut von mir. Nichts Ungewöhnlicheres, mhm.

»Früher waren Monarchien eher symbolisch«, erklärte er weiter. »Gerichte, Verfassungen, Gesetze – vieles davon existiert heute nicht mehr. Nach dem, was wir den Clash nennen, hat sich alles verändert. Unser Vater hat sich zum alleinigen Herrscher der Anderswelt erklärt. Die Engel – unsere Spezies – gelten seitdem als führend. Wir genießen das höchste Ansehen. Und das letzte Wort.«

Also hatte unser Vater einst aus demokratischen Strukturen eine absolute Monarchie gemacht. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.

»Was war dieser … Clash?«

»Der Clash«, fuhr er fort, »war ein Krieg der Welten. Die Unseelie, bösartige Feenwesen, die aus ihrer eigenen Welt verstoßen wurden, griffen gemeinsam mit ein paar anderen Völkern an. Sie hatten jahrzehntelang geplant und sich Unterstützung aus Abbadon geholt. Der Krieg tobte viele Jahre und zerstörte große Teile der Anderswelt. Unser Vater beendete das Gemetzel, bevor auch die letzten unberührten Welten fielen.«

»Genießen die Engel daher ein so hohes Ansehen?«

Eine kleine Ader an Nicks linkem Auge zuckte bei dem Wort Ansehen verdächtig. »Wir werden respektiert, ja.«

Respektiert. Das war bei Weitem nicht dasselbe wie gemocht zu werden.

»Wie viele Welten gibt es?«

»Früher?« Nick seufzte. »Wahrscheinlich unendlich viele. In alten Überlieferungen ist von mindestens dreißig bekannten Welten die Rede. Die Zahlen schwanken. Heutzutage gibt es sieben, deren Grenzen und Portale in Takt sind und deren Völker in Frieden leben.«

Nur sieben? Beunruhigt sah ich ihn an. »Alle anderen Welten sind … tot? Und die Menschen, ich meine Wesen …?«

»Wir nennen uns Unsterbliche«, erwiderte er ruhig. »Einige Überlebende konnten fliehen und fanden in anderen Welten … Zuflucht.«

»Und sie wurden aufgenommen?«, fragte ich, denn sein Ton missfiel mir.

»Mehr oder weniger«, murmelte er in seinen Wein. Seine Reaktion ließ vermuten, dass mehr dahintersteckte, als er im Moment preisgeben wollte.