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Gerade einem Fast-Burnout entkommen, sucht Solveig tiefschürfende Erkenntnisse und Geselligkeit auf einer Wanderung quer über die Schwäbische Alb. Für Geselligkeit sind aber die Pfade zu einsam, und für tiefschürfende Erkenntnisse bleibt ihr - neben der Unterkunftssuche, der Pflege der ramponierten Füße und der Betrachtung der radikal-idyllischen Landschaften - keine Zeit. Erst ein dramatisches Erlebnis an der Ruine Rosenstein lenkt ihre Aufmerksamkeit auf die wirklich wichtigen Fragen: Wie hat sie sich in die Erschöpfung reinmanövriert? Womit will sie ihre Lebenszeit verbringen? Und wo gibt's das nächste Stück Kuchen?
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Seitenzahl: 490
Veröffentlichungsjahr: 2017
SOLVEIG A. NIEMANN
Von den Socken und ich
Gerade einem Fast-Burnout entkommen, sucht Solveig tiefschürfende Erkenntnisse und Geselligkeit auf einer Wanderung quer über die Schwäbische Alb. Für Geselligkeit sind aber die Pfade zu einsam, und für tiefschürfende Erkenntnisse bleibt ihr – neben der Unterkunftssuche, der Pflege der ramponierten Füße und der Betrachtung der radikal-idyllischen Landschaften – keine Zeit. Erst ein dramatisches Erlebnis an der Ruine Rosenstein lenkt ihre Aufmerksamkeit auf die wirklich wichtigen Fragen:
Wie hat sie sich in die Erschöpfung reinmanövriert? Womit will sie ihre Lebenszeit verbringen? Und wo gibt’s das nächste Stück Kuchen?
Von den Socken und ich ist eine wahre Geschichte. Die Namen der im Roman vorkommenden Personen wurden bis auf die von Diet und Solveig allerdings alle geändert.
Solveig A. Niemann wurde 1972 in Frankfurt am Main geboren. Sie lebte in der Nähe von Bonn, in Santiago de Chile, bei Trier und in Osnabrück, bevor sie in ihre jetzige Wahlheimat Hannover zog. Nach sechzehn Jahren Berufstätigkeit in einer norddeutschen Wirtschaftsorganisation entdeckte die Diplom-Geographin ihre Leidenschaft fürs Schreiben. Seit 2016 studiert sie an der Textmanufaktur Fischerhude Prosa-Schreiben. Der autobiographische Roman „Von den Socken und ich“ ist ihr Debut. Ein zweiter Roman und eine Kurzgeschichten-Sammlung sind in Vorbereitung.
Solveig A. Niemann
Eine Wanderung über die Schwäbische Alb und zu neuen Lebenszielen
© 2017 Solveig A. Niemann
Umschlaggestaltung: Kai-Simon Reß, Hannover
Umschlagfoto: Wolfgang Trust, Nürtingen
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7439-6479-2
Hardcover
978-3-7439-6480-8
e-Book
978-3-7439-6481-5
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Donauwörth
Montag, der 7. September 2015
„Es gibt Träume, die sind so banal und so leicht zu erfüllen, dass man sie erst mal an die Seite schiebt und schließlich vergisst. Die Wanderung über die Schwäbische Alb ist so ein Traum – über zwanzig Jahre alt, und nun erfülle ich ihn mir.“
Zufrieden blickte ich auf mein Notizbuch, das auf dem Holztisch eines Texmex-Lokals im westbayerischen Donauwörth vor einer Flasche norddeutschen Bieres lag. In meinem Magen kribbelte es vorfreudig. Ein Schluck Bier verstärkte den Effekt.
Vor ein paar Monaten, genauer zum 1. Februar 2015, hatte ich meine Karriere in der Politikberatung an den Nagel gehängt. Ich brauchte eine Auszeit, um mich neu zu orientieren. Ich wollte herausfinden, welche Arbeit mir wirklich Freude bereitete und wohin mein Berufsleben mich führen sollte. In den sieben Monaten seit der Kündigung war ich noch keinen Schritt weitergekommen. Aber immerhin kannte ich meine Hauptrichtung für die nächsten drei Wochen: Dreihundertfünfundsechzig Kilometer nach Südwesten. Von Donauwörth würde ich nach Tuttlingen wandern. Heute war ich mit dem Zug von Hannover zu meinem Startpunkt angereist.
Neben meinem Notizbuch lag der Wanderführer auf dem Tisch, aufgeschlagen auf der Seite mit der Überblickskarte: Bopfingen, Heubach, Bad Urach, Genkingen, Schömberg, … Ortsnamen, mit denen ich nichts verband, die aber von meinem Wanderweg verbunden wurden. Ich freute mich auf die drei vor mir liegenden Wochen, an denen ich keine Richtungsentscheidung fällen musste. Die Strecke sollte zuverlässig mit einem roten, kleinen Dreieck auf weißem Grund markiert sein.
Heute Nachmittag hatte ich bereits das erste Dreieck entdeckt. Ich war zur Touristinformation Donauwörths geschlendert, um nach einem Zimmer für die Nacht zu fragen. Draußen an der Hauswand prangte das Schild, das den Anfang meines Weges markierte. Ehrfürchtig hatte ich die Kilometerzahl „365“ betrachtet, mich an den unbekannten Ortsnamen berauscht und die Überschrift bewundert: „Schwäbischer Albverein – Albrandwege 1907-2007 – Nordrandweg – Südrandweg“. Mein Weg war der „Nordrandweg“, den ich im Internet auch mit den Titeln „Albsteig“ oder „Hauptwanderweg 1“, kurz „HW1“, gefunden hatte.
Ich malte ein kleines Dreieck in mein Notizbuch und schrieb „Startpunkt HW1“ daneben. „HW1“ … Wenn ich in Hannover jemandem erzählen würde, dass ich den HW1 entlangliefe, wüsste keiner, wovon ich rede. Selbst die Schwäbische Alb war in Norddeutschland weitgehend unbekannt, wie mir bewusst geworden war, als ich vor einigen Wochen meinen Freundinnen eröffnet hatte, dass ich über die Schwäbische Alb wandern wollte.
„Schwäbische Alb?“, hatte Diana gefragt. „Wie sieht es denn da aus?“
Da hatte ich erzählt, dass ich mit Wäldern, Wiesen und Bächen rechnete, mit Ebenen und Bergen und dass die Schwäbische Alb eine Schichtstufenlandschaft sei. Mit den Händen hatte ich Schichtstufen in die Luft gemalt und verständnislose Blicke geerntet. Schließlich hatte sich eine der Freundinnen an Diana gewandt:
„Hast du verstanden, wie es da ist?“
„Nein. Aber ich glaube, sie freut sich drauf.“
Sie hatte Recht. Ich freute mich auf die Wanderung, und ich freute mich schon heute darauf, meinen Freundinnen nach der Tour Anekdoten erzählen zu können. Die erste war schon passiert:
Es fing damit an, dass ich meine Wanderstöcke in Hannover vergaß. Die Zugfahrt bis Donauwörth überlegte ich, ob ich neue kaufen sollte. Dagegen sprach, dass ich noch nie welche benutzt hatte und mir die Stöcke albern vorkamen – für jemanden ohne Gehbehinderung. Dafür sprach, dass jeder Wanderstockbenutzer, dem ich bislang begegnet war, in höchsten Tönen die Nützlichkeit der Gehhilfen gepriesen hatte. Ich entschied mich, mir in Donauwörth welche zu kaufen, dem Ausgangspunkt der beiden jahrzehntealten Hauptwanderwege eins und zwei. Als ich am Hauptbahnhof aus dem Zug stieg, hielt ich Ausschau nach rüstigen Rentnern und dynamischen Mittzwanzigern in Outdoorkleidung und fand weder die einen noch die anderen. Auf dem Fußweg in die Stadt entdeckte ich auch keines der erwarteten Wanderausrüstungsfachgeschäfte, nur die Sportabteilung eines Kaufhauses. Dort fragte ich einen freundlichen, jungen Mann nach Wanderstöcken. Er führte mich zu einem Ständer, an dem bestimmt zehn verschiedene, bunte Modelle hingen. Ich nahm ein blaues Paar in die Hand, ein rotes, ein graues, begutachtete die Schlaufen an den Griffen und setzte eine Kennermine auf.
„Welches Material würden Sie mir für eine Fernwanderung auf der Alb empfehlen?“
Der junge Mann wirkte überfragt und rief einen zweiten Verkäufer hinzu. Ich wiederholte meine Frage. Er schaute mich an.
„Sie wollen wandern gehen?“
Ich trug Wanderstiefel, ein gelb-schwarz-kariertes Hemd und einen zwölf Kilo schweren Tourenrucksack – damit würde ich wohl kaum schwimmen gehen wollen.
„Ja, den Nordrandweg.“
„O.k. dann gehen wir mal da rüber.“ Der zweite Verkäufer wandte sich an den ersten: „Du hast ihr gerade die Nordic-Walking-Stöcke gezeigt. Die Wanderstöcke hängen da hinten!“
Während wir zum anderen Ständer gingen, überlegte ich, ob der erste Verkäufer hoffnungslos inkompetent war oder meine Idee, Wanderstöcke zu kaufen, hoffnungslos exotisch und kam zu keinem Ergebnis. So oder so verließ ich nach ein paar weiteren Minuten mit zwei neuen Gehhilfen das Geschäft.
Die Stöcke hingen jetzt am Kleiderhaken in meinem Hotelzimmer und warteten auf ihren ersten Einsatz. Ich notierte ein paar Stichworte zum Stockeinkauf und überlegte, was ich noch schreiben könnte. Nicht nur heitere Anekdoten sollten am Ende der Reise mein Notizbuch füllen, sondern auch umwälzende Erkenntnisse, geniale Gedanken, frische philosophische Weisheiten. Doch im Moment fielen mir keine ein.
Ich schaute aus dem schummrig beleuchteten Lokal durchs Fenster auf zusammengeklappte Sonnenschirme. Donauwörth war ganz hübsch mit seinen gewundenen Straßen und dem Fachwerk, aber es bot nichts, was meine Aufmerksamkeit fesselte oder mich in den Bann schlug. So ganz anders als der Begriff „Schwäbische Alb“, der in mir eine nostalgische Sehnsucht weckte. Vor über zwanzig Jahren hatte ich als Studentin erstmalig, und bislang auch letztmalig, die Alb besucht. Eine Studienexkursion durch Süddeutschland mit den Geographen hatte mich für ein paar Tage hierhin geführt. Vage konnte ich mich an einzelne Landschaften erinnern: gewölbte Wiesen unter blauem Himmel, eine kilometergroße Wanne in der Landschaft, steile Abhänge, Schluchten, Felsen, Wälder. Da oben, mit Blick auf Reutlingen, hatte ich ein Referat über die Schichtstufenlandschaft der Schwäbischen Alb gehalten. Und irgendetwas hatte ein Gefühl von Frieden und Geborgenheit in mir ausgelöst. Ich hoffte, dieses irgendetwas wiederzufinden.
Meine Sehnsucht nach der Schwäbischen Alb hatte ich lange verdrängt. Sie war so kitschig. Die „Schwäbische Alb“. Das klang nicht wirklich nach einem Reise-Highlight. Auf jeden Fall klang „Schwäbische Alb“ altbackener und langweiliger als meine Reiseziele in den letzten Jahrzehnten: Bali, Galapagos-Inseln, Okavango-Delta, Thailand, Shanghai, Ecuador, Venezuela und, und, und.
Hätte ich in Mexiko in einem Texmex-Lokal gesessen, hätte das besser zu mir gepasst, als ausgerechnet in Donauwörth auf einen Burger zu warten. Hätte ich mein norddeutsches Bier in Norddeutschland getrunken, hätte das auch besser gepasst. Da aber nun weder das Texmex-Lokal nach Donauwörth passte, noch das norddeutsche Bier in ein Texmex-Lokal, fügte es sich gut, dass auch ich hier nicht recht reinpasste. Außerdem war die Idee, mit knapp über vierzig, alleine mit einem dicken Rucksack über die Schwäbische Alb zu wandern, so verschroben, dass sie schon wieder hervorragend zu mir passte. Ich notierte den Gedanken in mein Notizbuch:
„Tex-Mex-Lokal ≠ norddeutsches Bier ≠ Donauwörth ≠ ich → passt zusammen“
Aus den Lautsprechern über mir tönte Techno-Musik mit Girly-Stimmchen. An den Tischen um mich herum sammelten sich Männer in kleinen Gruppen. Die meisten waren um die fünfundvierzig. Viele unterhielten sich auf Englisch. Wie Wanderer wirkten sie nicht – eher wie Geschäftsreisende, die in den benachbarten Städten Augsburg und Ingolstadt kein Zimmer mehr bekommen hatten. Die Bedienung brachte meinen Burger.
Spätestens ab morgen würde ich sicher weitere Wanderer treffen. Der HW1 war schließlich ein Premiumweg und unter Wanderern gut bekannt, wie ich vor ein paar Monaten während meiner Google-Recherchen gelernt hatte. Er versprach, bestens touristisch erschlossen zu sein, also gut ausgeschildert und mit vielen gastronomischen Betrieben am Weg ausgestattet. Ich hoffte auf Zufallsbekanntschaften, mit denen ich eine oder zwei Etappen gehen würde, oder die ich hin und wieder beim Abendessen treffen würde – so wie Hape Kerkeling das von seiner Jakobsweg-Wanderung schildert oder Cheryl Strayed von ihrer Hundert-Tage-Wanderung über den Pacific-Crest-Trail in den USA. Doch hier in diesem Lokal war ich die einzige Wanderin. Ich musste mich selbst unterhalten.
Drei Dinge erhoffte ich mir von den kommenden drei Wochen: Wandergeselligkeit à la „Ich bin dann mal weg“, Erholung in wunderschönen Landschaften und die Klärung meiner ungelösten Probleme: Vor sechzehn Jahren war ich in eine Karriere in der Politik gestolpert. Es hatte mit einer Stelle in einer Industrie- und Handelskammer angefangen. Ich hatte Stellungnahmen und Studien rund um Tourismusthemen verfasst und Sitzungen mit Gastronomen vor- und nachbereitet. Nach und nach hatte ich mir weitere Themenfelder erarbeitet: Stadtentwicklung, Raumordnung, Regionalpolitik. Ich hatte herausgefunden, was Unternehmen zu wirtschaftspolitischen Themen meinten, hatte diese Meinungen niedergeschrieben und entweder von meinen Vorgesetzten vertreten lassen oder selbst vorgetragen. Anscheinend hatte ich meinen Job gut gemacht, denn nach sieben Jahren war ich in die Landeshauptstadt Niedersachsens, Hannover, geschickt worden, um die Geschäftsstelle des Landesverbandes der Industrie- und Handelskammern aufzubauen und zu führen. Das hatte ich neun Jahre lang gemacht mit allem, was von Repräsentation, über Netzwerken bis zu spröder Büroarbeit dazugehörte.
Eigentlich hatte das Spaß gemacht. Eigentlich hatte mich die gewachsene Verantwortung beflügelt. Eigentlich hatte ich die Zusammenarbeit mit den Kollegen und mit den anderen Wirtschaftsverbänden gemocht. Eigentlich hatte ich die Vielfalt meiner Aufgaben vor allem geliebt. Aber uneigentlich war ich nach sechzehn Jahren Berufstätigkeit fertig mit der Welt gewesen. Ich hatte nicht mehr gewusst, ob ich weiterhin Interessenvertreterin sein wollte oder lieber Masseurin, Maschinenbauerin oder Schriftstellerin werden wollte. Während der Fünfzig-bis-sechzig-Stunden-Wochen hatte ich nicht über berufliche Ziele nachdenken können. Also hatte ich nach einigem Zögern gekündigt. Eine Auszeit von ein paar Monaten hatte Klarheit bringen sollen.
Nun war ich schon seit sieben Monaten nicht mehr angestellt und fühlte mich immer noch ausgelaugt, ohne zu wissen weshalb. Sieben lange Monate hatte ich darüber genauso ergebnislos nachgegrübelt, wie über die Frage, wohin mich mein weiteres Berufsleben führen sollte. Beides wollte ich in den nächsten drei Wochen ergründen. Gleichzeitig ahnte ich, dass mir das konzentrierte Weitergrübeln nicht weiterhelfen würde. Vermutlich würde es mir nur gründlich die Laune verhageln. Vielleicht sollte ich das Ziel, endlich zu wissen, wohin meine berufliche Zukunft führen sollte, eine Zeit lang aufgeben. So gesehen war die Wanderung teils eine Flucht vor meinen zermürbenden Grübeleien und teils genau das Gegenteil: Die Hoffnung auf Antworten.
Ich starrte auf das Notizbuch, während ich auf meinem Burger rumkaute. Noch waren die Seiten leer. Sie sollten mit heiteren Anekdoten gefüllt werden, mit Landschaftsbe-schreibungen und mit den Erkenntnissen der nächsten drei Wochen. Wenn ich denn durchhielt.
Aber was, wenn diese Drei-Wochen-Wanderung zu viel für mich werden sollte? Wenn sich auf dem Weg herausstellen sollte, dass ich mich überschätzt hatte? Immerhin war dies meine erste Fernwanderung.
Ich seufzte und antwortete mir selbst: Wenn die Wanderung zu viel werden sollte, könnte ich Pausen und Regenerationstage einlegen. Schlimmstenfalls könnte ich die Tour auch jederzeit abbrechen.
Aber abbrechen? Wollte ich jetzt schon ans Abbrechen denken, bevor ich überhaupt losgegangen war?
Nein, wollte ich nicht. Ich richtete mich auf, straffte meine Schultern und schob die Zweifel beiseite: Ich war schließlich für meine unerbittliche Selbstdisziplin bekannt. Und ich hatte mir während meiner Berufstätigkeit genug Motivations-Techniken angeeignet, um mich selbst dreihundertfünfundsechzig Kilometer über die Schwäbische Alb zu treiben. Eine der Techniken war die Vorfreude-Technik: Was lag alles Schönes vor mir?
Wanderwege durch Wälder, Spätzle, der Schwäbische Dialekt, gute Luft, Felder, Ausblicke, schöne Wege, sicheres Wandern, nette Menschen auf dem Weg und in den abendlichen Unterkünften. Vielleicht würde ich sogar jene Stelle wiederfinden, an der ich vor über zwanzig Jahren mein Schichtstufen-Referat gehalten hatte. Bislang war es mir misslungen, zu rekonstruieren, wo das gewesen war. Leider hatte ich ausgerechnet den Ordner mit den Unterlagen zur Studien-Exkursion bei einer meiner vielen Aufräumaktionen entsorgt, mit denen ich versucht hatte, Übersicht und Ordnung in mein Leben zu bringen.
Mein Leben war ganz nett in den letzten Jahren gewesen. Ich hatte so viel verdient und so wenig ausgegeben, dass ich mir guten Gewissens eine Verdienstpause von mindestens einem Jahr leisten konnte, ohne dem Staat oder jemand anderem zur Last zu fallen. In Hannover hatte ich einen fürsorglichen Bekannten- und Freundeskreis aufgebaut. Für meinen schreibtischgeplagten Rücken hatte ich mir abendliches Yoga angewöhnt und mit morgendlichem TaiChi ergänzt. Ich sang in einem Kirchenchor und war in einem Kirchenvorstand engagiert. Ich war kinderlos, unverheiratet und seit knapp zwei Jahren sehr glücklich mit Diet, einem Chiropraktiker, liiert, dem einzigen Mann, der mir den Kopf zurechtrücken durfte – im wortwörtlichen Sinne.
Im übertragenen Sinne durfte das noch ein weiterer Mann: Herr Stagert. Er war einer meiner Vorgesetzten gewesen und vermutlich derjenige, der mich am stärksten herausgefordert hatte. Am übernächsten Tag hatte er Geburtstag, und für ihn hatte ich im schummrigen Licht des Tex-Mex-Lokals den Text für die Postkarte vorformuliert, den ich jetzt bei den letzten Schlucken norddeutschen Biers noch einmal las und für gut befand:
„Es gibt Träume, die sind so leicht zu erfüllen und so banal, dass man sie erst mal an die Seite schiebt und schließlich vergisst. Die Wanderung auf der Schwäbischen Alb ist so ein Traum – über zwanzig Jahre alt, und nun erfülle ich ihn mir. Dies vorausgeschickt: Lieber Herr Stagert, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Ich wünsche Ihnen ein Jahr voll erfüllter Wünsche – kleiner und großer, banaler und spektakulärer, alter und neuer!“
Von Donauwörth nach Harburg
Dienstag, der 8. September 2015
Am Vormittag meines ersten Wandertages packte ich strahlend meine Sachen in den Rucksack. Jetzt ging es endlich los! Ich zog mir dicke, grüne Wandersocken und Stiefel an, zahlte, ging zum Hinterausgang meines Hotels und traf meine erste Reisebegegnung. Es war ein Paar aus München, das heute nach Ingolstadt radeln wollte. Vom HW1 hatten die beiden noch nie etwas gehört, aber sie versuchten, sich meine Tagesetappe nach Harburg vorzustellen und wünschten mir einen guten Weg. Das war nicht ganz das Wanderergespräch, das ich mir vorher vorgestellt hatte, aber ich war ja auch noch gar nicht richtig losgegangen. Das tat ich jetzt.
Allerdings kam ich zunächst nicht weit. Beim Frühstück hatte ich meine Wanderkarte studiert. Dabei war mir aufgegangen, dass die Orte, die ich an diesem Tag kreuzen würde, nicht so groß waren, dass ich darauf hätte vertrauen können, dass ich unterwegs einkehren konnte. Ich brauchte Proviant vom Bäcker und stoppte für einen Brötchenkauf.
Fast hätte ich mich nach dem Bäckereibesuch tatsächlich auf den Weg gemacht, doch mir fiel gerade noch rechtzeitig ein, dass ich eine Geburtstagskarte an Herrn Stagert schreiben wollte. Ich hatte sie bislang ja nur vorformuliert. In einem Buchladen fand ich eine passable Karte und schrieb sie an Ort und Stelle im Stehen.
Nachdem ich die Karte mit dem notwendigen Porto versehen und im Briefkasten versenkt hatte, ging es endlich los! Schon wieder! Jetzt wirklich! Jetzt aber noch wirklicher als vor einer knappen Stunde!
Erstmals nahm ich meine Wanderstöcke zur Hand und stapfte los. Die ersten paar hundert Meter des HW1 verliefen durch einen Park Donauwörths. Die Wegmarkierungen, rote Dreiecke auf weißem Grund, deren Spitzen zum Zielort Tuttlingen zeigten, waren so zuverlässig, wie ich es mir vor Beginn der Reise erhofft hatte. An jeder Wegkreuzung hingen sie, manchmal sogar mitten auf gerader Strecke – einfach nur, um mir zu versichern, dass ich auf dem richtigen Weg war.
Vor einem Tunneleingang am Ortsrand von Donauwörth traf ich auf zwei US-Amerikanerinnen, die ihre Räder abgestellt hatten und sich-gegenseitig-fotografierten. Wenn ich sich-gegenseitigfotografierende Leute bemerke, habe ich einen Reflex, den ich nur ganz selten unterdrücken kann: Ich muss hingehen und anbieten, ein Foto zu machen. Dieser Reflex funktioniert sogar auf Englisch:
„Shall I make a picture of you both?“
“Ohh! That! Would! Be! So! GREAT!!!”
Mich strahlten zwei Zahnpasta-Werbungs-Lächeln an. Das waren nicht nur irgendwelche US-Amerikanerinnen, sondern das waren US-Amerikanerinnen wie aus dem Bilderbuch oder wie man sie aus us-amerikanischen Fernsehserien kannte.
„So: You just stand there! Ready? O.k.!“
Ich machte das erste Bild, auf dem leider die Gesichter nicht zu erkennen waren, weil sie sich im dunklen Schatten des Tunneleingangs befanden. Ich dirigierte die Damen in die nächste Pose.
„Please step a little bit forward so your faces get into the sun!”
Sie bewegten sich aus dem Tunnel heraus und drehten ihre Gesichter dem Sonnenlicht zu, die dabei im Lächel-Modus eingefroren blieben. Ich fotografierte noch ein paar Male, dann trudelten drei weitere US-Amerikanerinnen mit Fahrrädern ein, die anscheinend zu den ersten beiden gehörten. Ich schoss noch ein paar Gruppenfotos mit den mir dafür überlassenen Handys, Smartphones und Kameras. Auch die Hinzugekommenen beherrschten die Kunst des Dauerlächelns perfekt. Vielleicht war das doch keine ganz gewöhnliche Damengruppe aus den USA, sondern eine kleine Mannequin-Gruppe auf Fahrradausflug. Eine der Frauen fotografierte auch mich mit meiner Kamera, und dann durchschritt ich den ehemaligen Eisenbahntunnel, der heute als langgezogene Fußgängerunterführung und als Fahrradweg genutzt wurde. Dahinter hielt ich mich an die einstige Bahntrasse gen Westen. Das Gelände war flach und angenehm, aber die Spätsommersonne wurde mir bald zu warm. An der ersten sich mir bietenden Bank hielt ich an, setzte den Rucksack ab, zog meine Jacke aus und verstaute sie im Rucksack.
Ein älterer Herr schob langsam schlurfend sein Fahrrad den ebenen Radweg entlang. Er musterte mich neugierig. Ich fühlte mich wie ein seltenes Tier im Zoo. Er sprach mich an. Ich verstand kein Wort.
„Wie bitte?“
Er wiederholte. Ich verstand wieder kein Wort. Ich vermutete, dass der Herr einfach Bayerisch oder bayerisches Schwäbisch gesprochen hatte, das ich nicht verstand. Ich vermutete weiter, dass er Hochdeutsch verstehen würde. Außerdem vermutete ich, dass er gefragt hatte, woher ich kam. Ich antwortete:
„Ich bin heute in Donauwörth gestartet. Aber eigentlich komme ich aus Niedersachsen, aus Hannover. Ich möchte den Nordrandweg gehen.“
„Aaah! Sie sind nicht von hier!“
„Nein, ich komme aus Hannover.“
„Und jetzt? Wollen Sie wandern gehen?“
Hatte ich das nicht gerade erwähnt? „Ja, ich bin heute gestartet. Ich möchte den Nordrandweg gehen.“
„Was für einen Weg?“
„Den Nordrandweg. Den Hauptwanderweg eins. Den Albsteig.“
„Aahh. Und wo geht der lang?“
„Der führt immer auf dem nördlichen Rand der Schwäbischen Alb bis nach Tuttlingen.“
„Schwäbische Alb? Ach! Zur Schwäbischen Alb wollen Sie? Das ist aber noch ein Stückchen!“
Ich schaute mich um. Um uns herum breitete sich ein sehr flaches Flusstal aus. Weit entfernt hob sich ein Hügelchen aus der Ebene – laut Karte die östlichste Erhebung der Alb. Sollte ich darauf beharren, dass wir uns – geologisch gesehen – am Ost-Ausläufer der Schwäbischen Alb befanden? Ach, wozu?
„Ja, das ist ein ganz schönes Stückchen. Aber heute gehe ich nur bis Harburg.“
„Aahh, Harburg! Harburg ist auch eine schöne Stadt! Eine sehr schöne Stadt!“
Ich setzte meinen Rucksack auf. Er wurde mit jedem einzelnen Aufsetzen schwerer. Ich trottete wieder los. Der ältere Herr schob sein Fahrrad neben mir her. Das Gehtempo erschien mir schleichend langsam. Aber der Herr mit seinen lebhaften Augen war mir sympathisch, also verzichtete ich darauf, ihn abzuhängen. Er fragte:
„Und wieso wandern Sie hier?“
Ich erzählte ihm, dass ich vor zwanzig Jahren beschlossen hatte, irgendwann mal Urlaub auf der Schwäbischen Alb zu machen und dass nun der Moment dafür gekommen sei. Der Herr nahm die Antwort zur Kenntnis, ohne darauf einzugehen. Stattdessen begann er, mir von der Bahnlinie zu erzählen, die früher da gewesen war, wo jetzt der Fußund Fahrradweg verlief. Die Bahngleise waren längst abmontiert worden. Im zweiten Weltkrieg war die Strecke ein Bombenabwurfziel gewesen, und im April 1945 hatte es auch das Städtchen Donauwörth erwischt: Zwei Bombenteppiche der US-Amerikaner, dreihundert Tote, drei Viertel der Stadt zerstört, die Umgebung um den Bahnhof und die Innenstadt dem Erdboden gleichgemacht.
„Haben Sie das miterlebt?“, fragte ich den Herrn.
„Jaaa. Ja! Die haben es auf den Bahnhof abgesehen. Die wollten alle Verkehrslinien zerstören. Hier kreuzten sich ja die wichtigsten Bahnlinien.“
Er beschrieb mir den Verlauf der Bahnlinien. Ich ahnte, dass ich die Fakten und die Trassenführung relativ schnell wieder vergessen würde. Viel mehr war ich an den subjektiven Eindrücken eines Zeitzeugen interessiert. Ich versuchte einige Male, das Gespräch sachte in diese Richtung zu lenken, und der ältere Herr lenkte das Gespräch sachte immer wieder woanders hin und antwortete auf Fragen, die ich nicht gestellt hatte. Nach drei auf diese Weise umgelenkten Fragen war ich mir sicher, dass der Herr mir keine persönlichen Kriegs- oder Wiederaufbauerlebnisse erzählen würde. Ich versuchte, das Thema komplett zu wechseln.
„Das ist ja Gottseidank lange her! Heute wäre Donauwörth wohl kaum noch ein Angriffsziel.“
„Schauen Sie mal dahinten!“
Ich drehte mich um und blickte über das Flüsschen Wörnitz, über Wiesen und Felder auf die Umrisse von Donauwörth. Der Anblick war malerisch, gar postkartengleich: Zwei imposante Kirchtürme, ein paar Häuser und ein Funkturm. Romantisch, idyllisch und ein wenig verschlafen - harmlos.
„Das ist ein unglaublich schöner Anblick! Hier ist die Welt noch in Ordnung.“
„Sehen Sie dahinten?“ Er zeigte nochmal in eine ganz bestimmte Richtung. Ich konnte nichts Besonderes entdecken:
„Was sehe ich da?“
„Dahinten, hinter dem Bahnhof – haben Sie bestimmt gesehen, als Sie angekommen sind – da ist das Airbuswerk.“ „Airbus hat ein Werk in Donauwörth!?“
„Jaja, Airbus hat hier ein Werk mit mehreren tausend Arbeitsplätzen.“
„Echt?! Ich wusste, dass Airbus in Bremen sitzt, in Hamburg und in Toulouse. Aber in Donauwörth? Mit mehreren tausend Mitarbeitern? Was produzieren die denn hier?“ „Hubschrauber.“
„Hubschrauber!?“
„Ja, Hubschrauber.“
Wenn ich bisher an Airbus gedacht hatte, hatte ich vor allem an riesige Passagiermaschinen für den Transport von Geschäftsreisenden und Touristen gedacht, vielleicht noch an Frachtmaschinen. Aber Hubschrauber? Das war sicher nur ein kleiner Nebenzweig. Wer kauft schon einen Hubschrauber? Die Bergwacht, der ADAC, einzelne Rettungsdienste wie Johanniter, Malteser und Rotes Kreuz. Aber für die paar Hubschrauber würde man doch kein Werk mit mehreren tausend Mitarbeitern benötigen.
„Und wer kauft die?“
„Größter Abnehmer ist das US-Militär.“
Das musste erstmal sacken. Donauwörth sah einfach nicht nach Industrie aus, noch weniger nach Exportindustrie und schon gar nicht nach Militärindustrie. Aber was sollte ein Mehrere-Tausend-Mitarbeiter-Hubschrauberwerk sonst produzieren?
„Das US-Militär kauft europäische Hubschrauber? Nicht us-amerikanische?“
„Jaja. Airbus bedient etwa die Hälfte des Weltmarktes für Hubschrauber.“
Langsam dämmerte mir, dass das Hightech-Unternehmen Airbus wohl der Grund dafür war, weshalb eines der wenigen abendlichen Ausgehmöglichkeiten Donauwörths ausgerechnet ein Tex-Mex-Lokal war, in dem sich niemand daran störte, dass ein Bier aus Niedersachsen serviert wurde, und in dem erstaunlich viele Englisch redende Männer zu Gast gewesen waren, vermutlich die im Airbus arbeitenden Ingenieure aus aller Welt und nicht, wie ich geglaubt hatte, Geschäftsreisende, die in Ingolstadt und Augsburg kein Bett gefunden hatten.
Der Herr und ich drehten uns wieder um und schlenderten plaudernd weiter. Bald erreichten wir seinen Schrebergarten, den er mir stolz zeigte. Er lud mich ein, ihn ausgiebig zu begutachten. Aber ich war zu unruhig dafür, denn erstens war ich ohnehin später aus Donauwörth gestartet, als geplant und zweitens war ich in den letzten zwanzig Minuten viel langsamer vorwärtsgekommen als vorhergesehen. Ich knipste ein paar Fotos vom Gemüsegarten und ein Selfie mit dem älteren Herrn und bekam zum Abschied zwei frisch gepflückte Tomaten geschenkt.
Beseelt von der angenehmen Begegnung lief ich weiter auf der ehemaligen Bahntrasse bis zum Örtchen Felsheim und über einen wiesigen und feldigen Hügel zum Ort Wörnitzstein. Hinter Wörnitzstein führte der HW1 erstmals in den Wald. Ein paar Steigungen und Senkungen sorgten für Abwechslung im Relief.
Ich wählte mir auf der Karte einen Punkt als Zwischenziel aus. Den Eichbühl. Er war mit vierhundertsechsundneunzig Metern als der höchste Punkt im Wald ausgewiesen. Ich hoffte, dass dort ein sitztauglicher Baumstamm rumlag.
Um kurz vor eins erreichte ich die Stelle: Eine Wegkreuzung mitten im Wald ohne erkennbaren Gipfel. Stattdessen standen da an die zehn massive Tische in Bierzeltgarniturgröße mit den dazugehörigen Sitzbänken. Ein Flaschenöffner mit massivem Holzgriff hing gut sichtbar an einem Pfahl. Auf den Tischen standen Aschenbecher. In einer kleinen Hütte stand eine Grillstelle. In einer anderen Hütte befanden sich weitere Sitzmöglichkeiten.
Ich war allein. Seitdem ich mich von dem älteren Herrn an seinem Schrebergarten verabschiedet hatte, hatte ich keine Menschenseele mehr gesehen. Wozu dann ein so beeindruckender Rastplatz? Abwechselnd schaute ich auf die Bänke, die Aschenbecher, die Hütten und den Flaschen-öffner. Hier lag bestimmt jemand auf der Lauer und beobachtete, wie ich mich verhielt. Sicher war ich in ein Experiment geraten. Ich suchte die umstehenden Bäume nach einer versteckten Kamera ab, fand aber keine.
Wenn im Umkreis von Hannover ein solcher Platz im Wald errichtet und mit leicht entwendbaren Flaschenöffnern und Aschenbechern ausgestattet würde, würde es kaum länger als eine Woche dauern, bis Grafitti an den Hütten prangte, die Aschenbecher kaputt oder geklaut wären und der Flaschenöffner einen neuen Besitzer gefunden hätte.
Ich stellte meinen Rucksack auf einer Bank ab und setzte mich daneben. Vielleicht träumte ich. Aber nein. Das war tatsächlich alles da. Es sah nichts neu aus, aber alles gut gepflegt. Immer wieder starrte ich auf den am Pfahl hängenden Flaschenöffner als ob er mir erklären könnte, was es mit diesem Ort auf sich hätte.
Meine Blase drückte. Ich stand auf und suchte nach einem Ort, an dem ich meinem Bedürfnis nachkommen könnte. Neben den beiden Hütten mit der Grillstelle und den weiteren Sitzbänken stand ein weiterer Verschlag. Ich erhoffte ein Plumpsklo darin und trat ein. Aber statt auf ein Plumpsklo fiel mein erster Blick auf einen Appell an die Ehrlichkeit des Wanderers und auf eine Preisliste für Getränke. Wahrscheinlich war der Platz an Wochenenden doch sehr belebt, und wahrscheinlich gab es dann einen Ausschank. Aber irgendwie schien mir auch dieser Gedanke nicht stimmig.
Im Boden des Verschlages entdeckte ich eine Holzklappe, die ich neugierig und vorsichtig öffnete. In einem extra dafür ausgehobenen Loch in der Erde standen Getränke: Bier, Mineralwasser, Limo. Darüber lag ein kleines, offenes Kästchen mit Kleingeld und einem Schein.
Ich atmete tief durch und schaute mich nochmals um. Wo war ich hier gelandet?! War ich noch in Deutschland? War ich noch in der Realität?
Ich kauerte in einem Verschlag auf einem menschenleeren Rastplatz im Wald, mit Schutzhütten, mit Tischen und Bänken, mit Aschenbechern, mit Kaltgetränken auf Vertrauensbasis, mit Kleingeld, mit diesem Flaschenöffner. Und dieser Rastplatz und dieser Getränkeverkauf funktionierten mit nur einem einzigen schriftlichen Appell an die Ehrlichkeit der Nutzer?!
Herzlich Willkommen am Ostausläufer der Schwäbischen Alb!
Ich wankte zurück zu meinem Rucksack auf die Bank. Wie in Trance trank ich meine Apfelschorle und aß einen Müsliriegel. Ein Holzrückfahrzeug ratterte am Rastplatz vorbei, kam hundert Meter entfernt dröhnend zum Stehen und schichtete gefällte Baumstämme um. Die Vögel verstummten. Der Motorenlärm übertönte das Rauschen der Blätter. Ich aß weiter und verblieb in einer geistesabwesenden Fassungslosigkeit. Nach etwa zehn Minuten kam das Holzrückfahrzeug zurück und hielt neben dem Rastplatz. Drinnen saß ein riesiger Waldarbeiter, der den Motor ausmachte und mich musterte.
Ich weiß, dass die meisten Männer auf dieser Welt nett sind. Ich weiß, dass von den meisten Männern in diesen Breitengraden keine Gefahr für die Frauen ausgeht, denen sie zufällig begegnen. Ich weiß, dass ich selber noch keine einzige Gewalterfahrung in einem Wald gemacht habe. Ich weiß, dass eine Frau Anfang vierzig nicht dem üblichen Beuteschema von Gelegenheits-Sexualstraftätern entspricht. Ich weiß, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Waldarbeiter nur ein Schwätzchen halten möchte, viel, viel größer ist, als die Wahrscheinlichkeit, dass sich aus der Begegnung ein Verbrechen ergibt. Das weiß ich, und das wusste ich auch am Eichbühl. Aber gefühlt habe ich etwas anderes:
Ich befand mich an einem menschenverlassenen Ort als kleine Frau einem fremden, kräftigen Mann gegenüber. Außer ihm und mir wusste keiner, dass ich hier war. Wenn ich nicht in Harburg ankäme, würde das keiner merken, denn ich hatte noch keine Unterkunft gebucht. Bis es meinem Partner Diet in Hannover so merkwürdig vorkäme, nichts mehr von mir zu hören, dass er die Polizei verständigen würde, würden Tage vergehen. Ich hatte Angst.
Zum Glück sehen mir die meisten Menschen meine Angst nicht an. Die meisten Menschen glauben mir noch nicht einmal, dass ich Angst habe, wenn ich es ihnen ins Gesicht sage. Selbst mein Freundeskreis hält mich für eine Art unerschrockene und komplett angstbefreite Superheldin. Das Vertrauen auf die Nichtsichtbarkeit meiner Angst war in dieser Situation meine Rettung. Denn – so hatte ich es schon hunderte Male gehört und gelesen – diejenige, die souverän und selbstsicher wirkt, läuft weniger Gefahr, ein Verbrechensopfer zu werden, als diejenige, die verschüchtert wirkt.
Während mir also das Herz bis zum Hals klopfte, tat ich so, als sei es für mich das natürlichste auf der Welt, alleine im Wald zu sitzen und mit einem fremden Mann zu plaudern. Der Waldarbeiter streckte seinen Kopf zum Fenster raus.
„Entschuldigung, dass ich hier so einen Lärm gemacht habe. Das ist ja nicht unbedingt das, was man sich wünscht, wenn man im Wald ein Päuschen macht.“
„Ist schon gut. Der Platz hier ist ja trotzdem einzigartig schön.“
„Ja, das haben die hier schön gemacht.“
Pause. Dann die unvermeidliche Frage:
„Wanderst Du?“
„Ja, ich bin auf dem Albsteig unterwegs.“
„Wo kommst denn her?“
„Ich bin heute in Donauwörth gestartet.“
„Nein, ich mein, wo Du eigentlich herkommst.“
„Ich wohne in Hannover.“
„Ah, machst hier Urlaub?“
Und so weiter und so fort entspann sich eine nette, harmlose Unterhaltung, bei der sich mein Herz erst mal wieder beruhigte. Nach ein paar Minuten öffnete der Mann die Fahrertür, stieg aus und setzte sich neben mich. Ich musste mich mehrmals ermahnen, ruhig weiterzuatmen. Er stellte sich als Johann vor und erzählte, dass er aus dem Schwarzwald stamme und jetzt einen Milchbetrieb im Nördlinger Ries besäße, nicht weit von dem Platz entfernt, an dem wir uns gerade befanden. Nebenbei verdiene er sich etwas als Holzrücker dazu. Mein Puls verlangsamte sich allmählich wieder.
Auf Nachfrage zeigte ich ihm den HW1 auf der Wanderkarte, die ich vor mir auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Mit großem Interesse verfolgte er mit dem Finger die einzelnen Linien auf der Karte und wies mich auf alle Wege der Umgebung hin, die auch schön seien. Ich erklärte, dass ich im Moment nicht vorhatte, die sicherlich schöne Gegend um den Eichbühl herum zu erkunden, sondern den HW1 weiterzulaufen.
„Ein bisschen Angst habe ich ja schon vor der Strecke.“
„Warum das?“
„Ich weiß nicht, ob ich die schaffe, das ist ja meine erste Fernwanderung.“
„Ach geh! Bist doch fit!“
„Ja, schon! Aber so eine Tour ist doch eine andere Hausnummer als nur ein Spaziergang im Park. Ich habe da gar nicht für trainiert.“
„Mach dir da mal keine Sorgen! Das Training bringt der Weg mit sich.“
„Wenn du meinst.“
Johann fuhr mit dem Finger die HW1-Linie auf der Karte entlang.
„Da kommst du ja nach Harburg.“
„Ja, da bin ich heute Abend.“
„Harburg ist eine schöne Stadt. Sehr schön gelegen. Die haben oben die Harburg liegen, eine alte Festung. Von dort kannst Du über das ganze Ries schauen!“
Johann zeigte mir die Festung Harburg auf der Karte. Die Landschaft, die Nördlinger Ries genannt wurde, war mir aus meinem Studium bekannt. Bei der Studienexkursion, bei der ich mein Referat gehalten hatte, hatten wir uns auch das Ries angeschaut. Wenn ich oberhalb Harburgs über das Ries blicken würde, würde ich versuchen, mich daran zu erinnern, was es damit auf sich hatte. Johann schaute mich an.
„Kommst du auch nach Mönchsdeggingen?“
„Ja! Da will ich morgen hin wandern.“
„Oberhalb von Mönchsdeggingen ist noch mal eine Stelle mit einem traumhaften Ausblick über das Ries. Bei guter Sicht sogar bis Nördlingen. Das ist mit das schönste, was es gibt!“
Wieder vertiefte er sich in das Studium meiner Wanderkarte, fand Mönchsdeggingen und entschied sich für eine Stelle neben Mönchsdeggingen, an der sich die Anhöhe mit dem traumhaften Ausblick über das ganze Ries befinden sollte – bei guter Sicht sogar bis Nördlingen.
Ich musterte Johann von der Seite, während er die Karte betrachtete. Ich konnte fast sehen, wie er sich an Dinge erinnerte und wie sich die Striche auf der Karte mit Bildern von Wäldern, Ausblicken, Wegen und Kreuzungen vermischten. Bald würde diese Karte auch für mich mehr sein, als nur Papier mit gelben, grünen und rötlichen Flächen sowie braunen, weißen, gelben und roten Strichen. Sie würde mehr sein als nur eine Orientierungshilfe beim Vorwärtskommen. Sie würde meine Erinnerungshilfe sein.
Als Johann seinen Erinnerungen lange genug nachgehangen hatte, er weiter musste und es auch mich weiter drängte, verabschiedeten wir uns. Erneut war ich beseelt von dem netten Verlauf der Begegnung – schon der vierten an diesem Tag.
Wie gut, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht wusste, dass ich in den gerade zurückliegenden ersten fünf Wanderstunden den geselligsten Teil meiner Drei-Wochen-Wanderung bereits hinter mir hatte. Meine Vorfreude auf die nächsten Tage wäre ein wenig getrübt gewesen. Doch ich wusste es nicht.
Glücklich und vorfreudig lief ich den Weg entlang. Schon in ein paar Stunden würde ich erstmals die traumhafte Aussicht über das Nördlinger Ries genießen. Und morgen würde ich an der Stelle stehen, an der man den allerbesten Ausblick über das gesamte Ries überhaupt hatte. Bei guter Sicht sogar bis Nördlingen! Mein Reiseführer behauptete sogar, dass das Nördlinger Ries „unbestritten zu den faszinierendsten Landschaften des Globus“ gehörte! Welcher Niedersachse träumte nicht davon, seinen Blick wenigstens einmal im Leben über das ganze Nördlinger Ries und bis Nördlingen schweifen zu lassen?
Vermutlich alle. Ich gehörte zugegebenermaßen dazu. Ja, ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich noch nie davon geträumt hatte. Es war noch nie mein Wunsch gewesen, über das Ries bis Nördlingen zu sehen. Immerhin wusste ich zufällig, dass eine Stadt namens Nördlingen existierte sowie eine Landschaft namens Nördlinger Ries. Mit diesem Wissen gehörte ich vermutlich zu einer sehr überschaubaren Minderheit in Norddeutschland.
Bald hatte ich ein paar weitere Kilometer auf Waldwegen zurückgelegt und kam auf die Zielgerade zum Schloss Harburg. Und das war auch gut so:
Denn mir taten die Füße weh. Ich sagte mir, dass das gar nicht sein könne. Fußschmerzen hätte ich nun wirklich selten. Zu Hause liefe ich doch auch sehr viel. Die Schuhe seien gut eingelaufen. Die Stiefel könnten nicht zu klein sein, und die Füße könnten jetzt gar nicht weh tun. Sie taten es trotzdem.
Ich versuchte, mich von meinen Füßen abzulenken und ermahnte mich, die Landschaft zu genießen. Das Wetter war schön. Die Felder vor mir waren schön. Hin und wieder konnte ich erste Blicke auf Schloss Harburg werfen. Das war auch schön. Die Wolken bauten sich zu kleinen Türmchen. Das Getreide auf den Feldern wurde gelb. Aber: Die Füße taten weh.
Irgendwann zwischen der Ablenkung durch die Füße und der bewussten Ablenkung von den Füßen passierte es, dass sich mein Wanderführer, die Wanderkarte und die Realität uneins wurden. Mit anderen Worten: Dort, wo ich Wegmarkierungen vermutete, waren keine. Ich wusste nicht mehr, wo ich war, zumindest nicht mehr genau. Mir verblieb nur noch eine grobe Orientierung. Ich hatte ja meinen Kompass dabei. Ich hatte das Schloss Harburg, an dem ich unmittelbar vorbeimusste, schon mehrmals sehen können, und auf der Wanderkarte konnte ich das Wohngebiet ausmachen, in das ich hineingeraten war. Nur wo genau ich da war, konnte ich nicht lokalisieren.
Ich war nicht mehr auf dem Weg, auf dem ich sein sollte. So etwas konnte mitten im Wald und bei Einbruch der Dunkelheit unangenehm sein. Ich ermahnte mich, tief und ruhig weiter zu atmen. Denn jetzt war ich weder im Wald, noch drohte die Dunkelheit, hereinzubrechen. Außerdem wusste ich ungefähr, wo ich war. Mit Hilfe meines Kompasses konnte ich die Himmelsrichtung bestimmen, in die ich gehen musste. Schlimmstenfalls hätte ich bei einem der Häuser klingeln können, um nach dem Weg zu fragen. Trotzdem blieb ein Rest Anspannung, bis ich nach ein paar Minuten wieder zweifelsfrei auf den HW1 zurückgefunden hatte und die roten Dreiecke auf weißem Grund entdeckte, die mir den Weg wiesen.
Ich erreichte das Harburger Schloss, und ich erreichte den Abstieg. Hinter mir lag die mit Wiesen und Wäldern bewachsene Albhochfläche. Vor mir fiel ein Hang fast senkrecht knapp hundert Meter ab. Ich stand an dem Übergang zwischen Albhochfläche und Steilhang – der Traufschulter – ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich auf der Schwäbischen Alb angekommen war. Hätten meine schmerzenden Füße meine Aufmerksamkeit nicht immer wieder nach unten gezogen, hätte ich bei dieser Erkenntnis ein wahres Hochgefühl gehabt. So hatte ich aber nur ein Gefühl irgendwo zwischen oben und unten – also ein Mittelgefühl.
Dass ich auf der Traufschulter stand, freute mich. Nur leider lagen die Stadt Harburg und mit ihr die Tourist-Information und mögliche Übernachtungsmöglichkeiten unten. Ich musste entweder eine Serpentinenstraße oder einen steilen Fußpfad runtersteigen. Wirklich Lust hatte ich weder auf das eine noch auf das andere. Nach über vierzehn Kilometern am ersten Wandertag war die Luft auf den letzten zwei Kilometern raus. Aber da musste ich jetzt durch. Ich wählte die Fußpfad-Variante, die sich als sehr treppenlastig entpuppte und stieg runter in die Stadt, wo ich kurz nach vier ankam.
Die nahe am Hang liegende Tourist-Info hatte um Punkt vier Uhr die Pforten dicht gemacht. Das hatte ich mir in einer Stadt, die damit warb, zu den romantischsten Städten Deutschlands zu gehören und die direkt am Premiumweg HW1 lag, anders vorgestellt. Glücklicherweise fand ich in der Nähe der geschlossenen Tourist-Info ein Gasthaus mit freien Zimmern.
Während ich am Abend in dem zum Gasthaus gehörigen Restaurant auf das Essen wartete, machte ich mir Notizen über den Tag. Alles in allem war ich sehr zufrieden mit mir und der Welt:
Ich war am ersten Tag sechzehn Kilometer gewandert. Über mich und mein Berufsleben hatte ich zwar nicht nachgedacht, aber dafür hatte ich sehr nette Bekanntschaften gemacht. Ich hatte mich nur einmal kurz verfranst und den Weg ansonsten problemlos gefunden. Meine Füße taten zwar weh, aber die mussten sich wahrscheinlich nur an die neue Belastung gewöhnen. Ich spürte einen leichten Muskelkater in den Oberschenkeln, aber da hatte ich auch schon ganz andere Dinge erlebt. Alles in allem hatte mein Körper super durchgehalten. Und als wichtigstes: Ich war heute losgegangen. Ich hatte meinen Plan umgesetzt. Endlich! Ich war stolz auf mich!
Von Harburg über Mönchsdeggingen bis Schweindorf
Mittwoch, der 9. September 2015
An diesem Tag erhielt Herr Stagert hoffentlich seine Geburtstagskarte zur Verwirklichung von Träumen, und ich, die Autorin, musste beim Aufstehen konstatieren, dass die Traumverwirklichung zuweilen schmerzte. Meine Füße fühlten sich an, als seien sie von allen Richtungen und in alle Richtungen gestaucht. Damit hatte ich nicht gerechnet. Und das wollte ich an jenem Morgen in Harburg auch nicht wahrhaben. Ich verdrängte die ungewohnte Schmerzempfindung und tänzelte so normal wie möglich in meinen Ultraleichtsandalen zum Frühstück. Ich setzte mich zu einem Mann in meinem Alter, um mit ihm über unsere Reiseerlebnisse ins Gespräch zu kommen – so wie ich mir das vor der Reise vorgestellt hatte. Ich erfuhr, dass er aus Hamburg kam und derzeit Deutschland von Süd nach Nord durchradelte.
„Wie weit fährst Du heute?“
„Mal schauen. Ich möchte erst mal bis Nördlingen radeln und mir die Stadt angucken.“
„Ist Nördlingen hübsch?“
„Weiß ich nicht. Ich war ja noch nie da.“ Er lachte und ergänzte nach einer kurzen Denkpause: „Ja, ich glaube schon. Nördlingen soll zu den romantischsten Städten Deutschlands gehören, so wie Harburg und Donauwörth. Wohin gehst Du heute?“
„Heute möchte ich bis Mönchsdeggingen laufen.“
„Hast Du schon eine Unterkunft?“
„Nee, noch nicht. Ich habe gestern bei einer Pension angerufen und hatte dabei ein Erlebnis der anderen Art! Stell Dir vor: Die Frau hat gesagt, sie habe heute Ruhetag und nehme keine Gäste auf. Sowas habe ich noch nie erlebt. Ruhetag?! Bei einer Pension?! Bizarr!“
Der Gesichtsausdruck des Radlers blieb unbewegt.
„Ja, mit so was muss man rechnen. Ich bin ganz froh, dass ich mit dem Rad unterwegs bin. Da macht es nicht so viel aus, wenn ich noch ein paar Kilometer bis zur nächsten Unterkunft weiter fahren muss.“
Ganz weit hinten in meinem Hinterkopf klingelte eine verzweifelte kleine Alarmglocke. Sollte die Unterkunftssuche doch schwerer sein als ich gedacht hatte? Ich ließ mir meinen Optimismus nicht nehmen. Der gestrige Tag war so gut verlaufen. Und schließlich war ich unterwegs auf einem weltberühmten Premiumweg. Zumindest war er deutschlandberühmt. Oder zumindest in deutschen Wanderfachkreisen bekannt. Ich war überzeugt, dass am HW1 überall günstige Hotels und Pensionen zu finden waren. Und zwar so viele, dass ich große Wahlmöglichkeiten hatte. In Donauwörth und Harburg hatte das ja auch geklappt, nur mit den Wahlmöglichkeiten war es nicht so überragend gewesen.
Eine knappe Stunde später stand ich im Hotelzimmer und starrte auf das Gepäck, das ich auf dem Hotelbett ausgebreitet hatte und erinnerte mich an einen Moment vor drei Tagen, an dem ich wegen der Gepäckfrage das ganze Wandervorhaben beinahe abgeblasen hätte.
Voller Elan, Optimismus, Selbstvertrauen und Euphorie hatte ich meinen Rucksack probegepackt. Er sollte inklusive einem Liter Wasser und etwas Essen höchstens zehn Kilo wiegen. Alles mögliche hatte ich beim Packen weggelassen – meine Yogamatte, die Turnschuhe, die Shampooflasche – und hatte mich dabei wie ein absoluter Vollprofi im gewichtsreduzierten Packen gefühlt. Doch als ich den Rucksack anschließend auf die Waage gestellt hatte, hatte das gute Stück zwölf Kilo gewogen – ohne Verpflegung. Das waren drei bis vier Kilo mehr als er hätte wiegen dürfen.
Wenn ich schon beim Rucksack so kläglich scheiterte, wie sollte ich da eine Wanderung durchstehen?
Völlig ernüchtert hatte ich alles wieder ausgepackt, auf meinem Sofa verteilt und versucht, die Teile zu identifizieren, die das Gepäck unnötig beschwerten. Jedes einzelne Ding hatte ich in die Hand genommen und dreimal überlegt, ob ich es wirklich brauchte. Ausschließlich die wirklich unentbehrlichen Sachen hatte ich wieder eingepackt und das Gewicht so auf gut zehn Kilo ohne Verpflegung reduziert. Das war drei Tage her.
Heute war ich mir bei der Unentbehrlichkeit aller meiner Gepäckstücke nicht mehr ganz so sicher. Brauchte ich diese drei Tupperdosen, die da vor mir auf der Bettdecke lagen, wirklich? Sollte ich tatsächlich einmal Obst oder Gemüse mitnehmen wollen, würden doch auch die viel leichteren Plastiktüten dafür ausreichen. Der Wanderführer war mir ein weiterer Dorn im Auge. Nicht, dass ich auf ihn hätte verzichten können, aber …
Wanderführer werden meist auf Wanderungen mitgenommen – hatte ich vorher so gedacht. Und bei Fernwanderungen achtete man darauf, dass alles so leicht war wie möglich – hatte ich gedacht. Der Schwäbische Albverein hatte aber anders gedacht und deshalb die wortreichen Beschreibungen seiner beiden Hauptwanderwege eins und zwei in ein und dasselbe Buch gepackt und diese mit ausführlichen Ausführungen zur Geologie, zur Geschichte und zur Flora und Fauna der Schwäbischen Alb angereichert. Das Ergebnis wog ein knappes Pfund. Jawohl! Ein Wanderführer! Mit dem Gewicht von einem halben Kilo! Ich nahm ihn kopfschüttelnd vom Hotelbett und packte ihn in den Rucksack.
Und wie stand es mit den Socken? Brauchte ich wirklich drei Paare? Eine Freundin von mir schaffte es, ein Paar getragene Socken nach einem nächtlichen Lüften am nächsten Tag ungewaschen wieder anzuziehen, hatte sie mir erzählt. Es röche doch kein anderer. Aber ich konnte das nicht. Ein ungewaschenes Paar Socken wieder anzuziehen, fühlte sich so schmierig an den Füßen an, auch wenn die Socken noch so gut getrocknet waren.
Ich verstaute das grüne Sockenpaar, das vom gestrigen Waschen mit dem Shampoo-Seifenstück noch feucht war, im Rucksack. Darin befand sich bereits das dicke, beige Funktionssockenpaar mit den Verstärkungen an den sensiblen Stellen. An den Füßen trug ich heute die dünneren hellblauen Socken, in der Hoffnung, damit Platz in den engen Schuhen zu sparen.
Als ich mein Hotel verließ, schien die Sonne von einem strahlend blauen Himmel. Ich klackerte mit meinen Wanderstöcken fröhlich über das Kopfsteinpflaster. Am Vortag war mir ihre Benutzung noch peinlich gewesen. Mittlerweile hatte ich mich an das Klacken gewöhnt. Außerdem erlebte ich die Stöcke als wertvolle Hilfe beim steilen Weg von der Stadt Harburg hoch zum Schloss Harburg.
Dort traf ich wieder auf die roten Dreiecke, die mich weiter bergauf leiteten. Um mich herum dominierten Felder und Wiesen mit langhalmigen Gräsern, hier und da standen Wacholderbüsche. Ich folgte dem weiß geschotterten Weg in sanften Bögen auf den Bockberg und blieb stehen. Von dort hätte ich theoretisch die Alpen sehen können müssen. Praktisch verdeckten Bäume die Sicht nach Süden. Im Südosten erkannte ich weit entfernt die Silhouette Donauwörths. Der Anblick war mir in den ersten zwei Wanderstunden am Vortag so vertraut geworden, dass er mich noch stundenlang hätte fesseln können.
Doch ich riss mich los und drehte mich nach Nordwesten, um mir endlich eine der „unbestritten faszinierendsten Landschaften des Globus“ anzuschauen: Das Nördlinger Ries. Da lag es vor mir … und wirkte wie eine hundsgewöhnliche Ebene irgendwo in Mitteleuropa. Sie bestand größtenteils aus Feldern und Wiesen. Außerdem lagen ein paar Örtchen darin herum.
Ich blätterte meinen Wanderführer auf und las mir den Abschnitt über die Entstehung des Nördlinger Rieses durch. Danach versuchte ich, in meinem Geiste die Bilder, Geräusche und Gerüche von damals entstehen zu lassen, von vor fünfzehn Millionen Jahren:
Ein Komet rast mit einer Geschwindigkeit von hunderttausend Kilometern die Stunde auf die Erde zu – das ist tausendmal schneller als die erlaubte Höchstgeschwindigkeit auf deutschen Landstraßen. Sein Durchmesser beträgt knapp über einen Kilometer.
Schon an dieser Stelle versagte mein Vorstellungsvermögen. Es misslang mir sowohl, mir eine Geschwindigkeit von hunderttausend Stundenkilometern vorzustellen als auch einen ein-Kilometer-fetten Kometen im Anflug auf die Erde. Ich fantasierte trotzdem weiter:
Das Ungetüm prallt etwa in zehn Kilometern Entfernung von meinem Aussichtspunkt auf den Boden und bohrt sich in die Erde.
Reflexartig wich ich einen Schritt zurück und zog meinen Kopf ein, obwohl ich weder den Krach des Aufpralls noch die Stärke der Druckwelle in ihrer ganzen Dimension nachfühlen konnte.
Der Weltallbrocken sprengt ein über sechshundert Meter tiefes Loch in die Erde. Erdmassen, Gesteinsplatten und Felsbrocken fliegen in alle Richtungen. Selbst Felsblöcke mit einer Mächtigkeit von einem Kilometer werden wie Sandkörner durch die Luft geweht und donnern weit entfernt auf den Boden. Einer schleudert dreißig Kilometer weit.
Ich blickte in die Weite. Auf der anderen Seite der Senke, in etwa fünfundzwanzig Kilometern Entfernung, erkannte ich die gegenüberliegenden Ränder des kreisrunden Kraters, eben des Nördlinger Rieses. Die Schwäbische Alb, auf der ich stand, gehörte ebenfalls zum Kraterrand.
Wie weit wohl der Aufprall des Meteoriten zu hören gewesen war?
Was hatten sich die Tiere gedacht, als dieses riesige Felsungetüm auf sie niedergesaust war? Hatten sie Zeit zum Reagieren gehabt?
Welche Hitze war durch die Reibung der Gesteinsmassen entstanden, als der Meteorit den Untergrund durchbohrte?
Wie hoch waren Staub- und Aschewolken in die Luft gewirbelt worden? Wie lange hatten die Wolken die Sonne verdunkelt? Hatte sich das Klima dadurch verändert – in Mitteleuropa oder gar weltweit?
Wie gut, dass diese Naturkatastrophe knapp fünfzehn Millionen Jahre her war!
Aber: Was, wenn so ein Ding heute auf die Erde aufschlüge?
Der Kontrast zwischen meinem Kopfkino und der harmlos wirkenden Ebene vor mir hätte nicht größer sein können. Bald hatte ich genug von dem Horrorszenario und wendete mich der jüngeren Erdgeschichte zu.
Die fünfzehn Millionen Jahre, die dem Aufprall des Kometen folgten, hatten die Dramatik des Ereignisses mit Weichzeichner abgeschliffen.
In dem hunderte Meter tiefen Loch sammeln sich über Jahrhunderte Sicker- und Regenwasser zu einem See ohne jegliche Abflüsse. Das Wasser bleibt, wo es ist, mit allem, was in ihm ist. Sande, Schwebstoffe, Überreste von Pflanzen und Tieren setzen sich am Boden ab und bilden mächtige Schichten – hunderte Meter dick. Tausende Jahre später findet das Wasser doch einen Ausgang und fließt aus dem See. Komplett. Es hinterlässt eine meterdicke Lehmschicht. Die Eiszeiten kommen. Und mit ihr der Löss.
Löss hatte mich schon während des Studiums fasziniert: feinste Flugsande – ungefähr so fein wie Mehl, Gesichtspuder oder Bohrstaub in Altbauten. Sie werden vom Wind aufgegriffen und durch die Luft getragen – so lange, bis der nächste Regen kommt und sie in eine fluguntaugliche Matschepampe verwandelt.
In der Eiszeit fällt kein Regen. Alles Wasser steckt in Gletschern, Schnee und Eisgebilden fest. Es steht nicht zur Verfügung, um Staub in fluguntaugliche Matschepampe zu verwandeln. Er bleibt trocken und leicht und fliegt bei Windstößen kilometerweit, bis er in einen Windschatten gerät, in das Nördlinger Ries. Es liegt als tiefe Mulde in seiner Umgebung. Die Kraterwände schützen es vor Wind. Dort legt sich der Löss ab. Und legt sich ab. Und legt sich ab.
Die Vorstellung von fliegenden Stauben in der Eiszeit ließ mich gleichzeitig niesen und frösteln. Ich vertiefte mich wieder in meinen Wanderführer und lernte, dass das Nördlinger Ries schon seit ewigen Zeiten ein beliebtes Siedlungsgebiet gewesen sei. Archäologen hätten Funde aus allen Epochen seit der ersten Sesshaftwerdung von Bauern in der Jungsteinzeit bis heute gefunden – das war vor siebentausend Jahren.
Woran die Jungsteinzeit-Menschen wohl die guten Böden erkannt haben? Wie sahen Kühe und Schweine damals aus? Wurden Kämpfe und Kriege um die besten Anbauplätze geführt? Welche Kleidung trugen die Leute?
Nochmal verlor ich mich eine Zeitlang in Gedanken, musste aber bald feststellen, dass ich keine Ahnung von der Jungsteinzeit hatte. Ein letztes Mal ließ ich meinen Blick über die Gegend schweifen, die so harmlos aussah und die so dramatisch entstanden war. Dann schüttelte ich die Last der letzten fünfzehn Millionen Jahre von mir ab, schulterte meinen Rucksack und tauchte in den Laubwald ein.
Der Weg verlief auf kleinen, asphaltierten, unbefahrenen Sträßchen oder auf mit Kalksteinchen geschotterten Wirtschaftswegen oder auf unbefahrbarem Waldboden. Die unterschiedlichen Bodenbeläge lieferten mir Abwechslung, die Sonne schien durch die Bäume, die zuverlässig angebrachten Wegmarkierungen stimmten ausnahmslos mit meiner Wanderkarte überein, außer mir war keine Menschenseele unterwegs. Erstmals während der Wanderung fand ich den Weg nicht nur irgendwie nett, sondern richtig schön.
Aber leider drängten sich meine drei Probleme immer stärker ins Bewusstsein:
Das erste Problem war die Unterkunft: Am Vortag hatte ich die für mich unfassbare Antwort der Pensionswirtin erhalten, sie habe heute Ruhetag und nehme deshalb keine Gäste auf. An diesem Tag scheiterte mein erster Anrufversuch bei einer weiteren Pension daran, dass ich kein Netz hatte. Erst als ich eine Kreisstraße überquerte, hatte ich wieder Empfang und versuchte es noch mal.
„Guten Tag! Mein Name ist Solveig Niemann. Ich bin gerade auf dem Albsteig unterwegs, komme heute nach Mönchsdeggingen und bin auf der Suche nach einer Unterkunft. Hätten Sie noch ein Zimmer für mich frei?“
„Aaaaahh, hmmmm …“
Der Stimme nach zu urteilen hatte ich am anderen Ende einen noch recht jungen Mann erwischt, der sich verlegen windete:
„Das ist so … es ist gerade Betriebsurlaub … die Pension machen meine Eltern. Und die sind eine Woche verreist.“
Es war Anfang September. Mönchsdeggingen lag in Bayern. Dort waren Schulferien, eine Zeit, die ich für ausklingende Hochsaison hielt. Die Pension machte jetzt Betriebsurlaub?! Ich sagte fröhlicher als mir zumute war:
„Naja, kann man nichts machen. Dann suche ich noch ein bisschen weiter!“
„Haben Sie schon bei Müllers angerufen? Die haben eine Pension direkt in Mönchsdeggingen.“
„Ja, habe ich. Die haben heute Ruhetag und nehmen keine Gäste auf.“
„Achso!“
„Ich guck einfach weiter. Ich find‘ schon was!“
„Hmmmm – so richtig viel gibt’s hier aber nicht. Also wenn Sie gar nichts finden, dann könnte ich vielleicht das Zimmer fertig machen.“
„Echt?! Das ist ja nett!“
„Wann kämen Sie denn?“
„So in ein bis zwei Stunden müsste ich da sein.“
„Oh, da bin ich nicht da. Erst wieder um siebzehn Uhr.“
„Ich könnte auch noch bis siebzehn Uhr ein bisschen trödeln. Aber machen Sie sich bitte keine Mühe. Ich kann wirklich noch weitertelefonieren.“
„Jaaaa, wir sind auch gar nicht direkt in Mönchsdeggingen, sondern etwa zwei Kilometer entfernt. Brauchen Sie denn auch ein Frühstück? Denn da weiß ich nicht, ob ich das hinbekommen würde.“
„Ein Kaffee wär schon gut. Ansonsten würde es mir auch reichen, wenn um die Ecke ein Bäcker ist.“
„Um die Ecke ist er nicht gerade, aber ich könnte Ihnen sagen, wie Sie hinkommen.“ Er schien kurz zu überlegen. „Ach nee, ich würde hier schon etwas hinkriegen.“
„Das ist totaaal nett von Ihnen! Aber ich will Ihnen da keine unnötigen Mühen machen. Wenn die Pension eigentlich von Ihren Eltern betrieben wird.“
„Naja, ich will ja auch nicht, dass Sie auf der Straße übernachten müssen.“
Der junge Mann erklärte mir, wie ich von Mönchsdeggingen zur Pension im Nachbarort finden würde. Ich überlegte laut, dass ich notfalls eine Etappe dranhängen könnte – bis Schweindorf, dem nächsten Ort auf dem HW1. Wir vereinbarten, dass ich mich noch mal bei ihm melden würde, wenn ich entschieden hätte, wo ich übernachte.
Das Angebot, zur Not in der eigentlich geschlossenen Pension übernachten zu dürfen, rührte mich. Weniger behagte mir die Idee, den HW1 in Mönchsdeggingen verlassen zu müssen, um zwei Kilometer entlang einer Kreisstraße ins Ries reinzulaufen und am nächsten Tag wieder raus.
Ich hätte munter weitere Übernachtungs-Alternativen angerufen, wenn ich deren Telefonnummern gehabt hätte. In meinem Unterkunftsverzeichnis waren aber nur die Ruhetags- und die Betriebsferienpension aufgeführt. Wahrscheinlich war ein Eintrag ins Unterkunftsverzeichnis kostenpflichtig, und Mönchsdeggingen war eigentlich gut gefüllt mit zahlreichen weiteren Hotels und Pensionen, die keinen Eintrag hatten bezahlen wollen. So vermutete ich, und so hoffte ich. Aber sicher war ich mir nicht.
Mein zweites Problem war meine Stimmung: Ich war in eine Sorgen- und Zweifelstimmung reingerutscht und ärgerte mich darüber. Da war ich auf malerischen Wegen unterwegs und machte mir Sorgen über meine Unterkunft! Es war noch nicht einmal Mittagszeit! Musste ich mich schon so früh um meine Unterkunft sorgen? Ich hatte doch noch so viel Zeit vor mir, um das Problem zu lösen.
Aber das Problem war eben noch nicht gelöst.
Dem jungen Mann am Telefon hatte ich gesagt, ich könne zur Not gleich die nächste Etappe hinten dran hängen. Die Strecke von Harburg nach Mönchsdeggingen betrug zwölf Kilometer. Die Etappe von Mönchsdeggingen bis Schweindorf maß fünfzehn Kilometer, also etwas weniger als die Etappe vom Vortag. Ich fühlte mich kräftig und stark. Die Strecke müsste zu schaffen sein.
Wirklich? Würde ich mich damit nicht überfordern? Ich war noch nie so viele Kilometer an einem Stück gelaufen und schon gar nicht mit zwölf Kilo Gepäck auf dem Rücken.
Andererseits: War es nicht gerade eine meiner Standardselbstsabotagen, dass ich mich unterbewertete und mir weitaus weniger zutraute als ich tatsächlich konnte? War jetzt nicht eine hervorragende Chance gekommen, mit der Selbstsabotage aufzuhören?
Oder war es denkbar blöd, ausgerechnet dann mehr zu tun, als ich mir zutraute, wenn es darum ging, stundenlang alleine durch einen unbekannten Wald zu laufen, in dem ich voraussichtlich nur an sehr wenigen Stellen Handy-Empfang hatte?
Wie sollte ich entscheiden, wann ich ein Risiko eingehen sollte und wann nicht? Mit meinem Verstand konnte ich die Frage nicht klären. Coaches und Persönlichkeitsentwickler raten in einem solchen Fall gern, man solle sein Bauchgefühl fragen. Es gebe stets eine ehrliche Antwort. Ein Versuch schadete ja nicht.
„Na, Bauch! Was meinst Du? Soll ich nach Schweindorf laufen?“
Mein Bauchgefühl antwortete mir ganz klar und unmissverständlich:
„Ich weiß nicht.“
Immerhin waren sich Verstand und Bauch einig.
Das dritte Problem erinnerte mich an meine Wanderheldin Cheryl Strayed: Cheryl Strayed wandert hundert Tage auf dem Pacific-Crest-Trail in den USA, der über die Gebirgszüge an der amerikanischen Westküste führt. Ihre Erlebnisse beschreibt sie in dem Buch „Der große Trip – Wild“, das mit Reese Witherspoon in der Hauptrolle verfilmt wurde. Vor ihrer Pacific-Crest-Trail-Tour hat Cheryl noch nie eine Fernwanderung unternommen – genausowenig wie ich vor meiner HW1-Tour. Bevor sie startet, rüstet sie sich bestens aus, unter anderem mit Stiefeln. Die Verkäufer im Outdoor-Laden lassen sie mit verschiedenen Fabrikaten eine Rampe rauf und runter laufen, und sie muss mehrere verschiedene Bodenbeläge – Äste, Bohlen, Steine usw. – queren, um das am besten sitzende Stiefelpaar zu identifizieren. Schließlich kauft sie ein Paar, das im Laden wie angegossen sitzt. Aber auf der Wanderung bekommt sie vom ersten Tag an Probleme mit den Schuhen. Sie sind zu klein. Zunächst glaubt sie, die Füße müssten sich nur an die Belastung gewöhnen und läuft weiter. Als ihr klar wird, dass die Stiefel unzweifelhaft zu klein sind, ist sie mitten in der Wildnis und hat keine andere Wahl. Sie wandert weiter und bekommt Schwielen und Blasen an beiden Füßen. Sie schmerzen permanent. Die Zehen werden in den Schuhen eingequetscht. Es dauert nicht lange, bis sich der erste Fußnagel verabschiedet. Erst nach etwa zwei Dritteln der Reise organisiert sich Cheryl größere Wanderstiefel. Die Füße sind zu dem Zeitpunkt aber schon so kaputt, dass sie sich im letzten Wanderdrittel nicht mehr erholen. Hundert Tage Fußschmerzen. So viel zu Cheryl Strayed.
Ich selber hatte mir meine Wanderstiefel nach einer Tageswanderung gekauft, und ich hatte in den zwei Jahren seit dem Kauf mehrere Tagestouren unternommen, bei denen sie mir nie Probleme bereitet hatten. Aber nach eineinhalb Tagen auf der Alb ließ es sich nicht wegdiskutieren: Sie passten nicht mehr. Die Schuhe drückten an den Seiten, an den Hacken und an den Zehen, mit denen ich selbst bei ebener Strecke vorne anstieß. Alle Knochen und Muskeln in den Füßen schmerzten. Die Schuhe waren zu klein. Vermutlich waren sie genauso eingelaufen wie meine Anziehsachen im Schrank – einige Hosen waren sogar enger genäht worden, während ich schlief. Das war zur selben Zeit passiert, in der meine Waage allmählich neu justiert worden war.
