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Fabian ist seit 14 Jahren mit Leni zusammen. Sie ist erfolgreich in Beruf und Gesellschaft. Er hat sein Studium abgebrochen und fährt Taxi in Leipzig. Um frischen Wind in ihre Beziehung zu bekommen, filmen sich die beiden beim Sex. Weil Fabian zu wenig Anerkennung für seine Art zu leben bekommt und er das Gefühl hat, dass ihn alle traktieren, kommt er auf die Idee, ihr kleines Filmchen im Internet zu veröffentlichen. Allerdings, ohne vorher Leni davon zu erzählen. Als die Klickzahlen durch die Decke gehen und Leni davon Wind bekommt, sind seine besorgten und enttäuschten Eltern plötzlich nicht mehr Fabians größtes Problem. „Die Sex-Komödie des Jahres!“ – Michel Birbæk „Marcus Mötz ist so gut - ich muss das Buch nicht mal lesen, um es zu empfehlen.“ – Lutz van der Horst „Biste nicht im Netz, biste nirgendwo.“ – Herbert aus Aachen Das Buch erscheint als Klappenbroschur und als E-Book. Beide Versionen enthaltenüber QR-Codes abrufbare Audiodateien.
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Seitenzahl: 318
Veröffentlichungsjahr: 2021
periplaneta
Marcus Mötz: „Von einem, der sich auszog“ Roman 1. Auflage, Juni 2021, Periplaneta Berlin, Edition MundWerk
© 2021 Periplaneta - Verlag und Medien Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin periplaneta.com
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.
Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.
Cover: Marion Alexa Müller unter der Verwendung von royality free vectors by Vecteezy.com: Bedding & Furniture: by illustratorartist11, Lamps: by lavarmsg, Camera Lense: by nightwolfdezines, Plant: by dollyheidi, Bustier: by seabranddesign, Underpants: artist seller2016455609
ASMR -Text gesprochen von Sophi de Mar Alle anderen Texte gesprochen und aufgenommen von Marcus Mötz Lektorat, Satz & Layout: Thomas Manegold
print ISBN: 978-3-95996-207-0 epub ISBN: 978-3-95996-208-7
Marcus Mötz
Von einem, der sich auszog
periplaneta
Gleich geht es los. Ich bin etwas aufgeregt, schließlich ist es unsere Premiere vor laufender Kamera. Ich kann nicht behaupten, dass das schon immer ein heimlicher Traum von mir war. Selbst jetzt, nur wenige Minuten vor unserem kleinen Privatdreh, überkommt mich nicht mehr Lust als sonst. Vielleicht liegt das an meiner schäbigen Handykamera, die uns filmen soll. Das Display weist einen unübersehbaren Sprung am oberen linken Rand auf, aber für den Hausgebrauch wird es schon gehen.
Ich versuche, das Handy zu positionieren. Lenis Psycho-Fachbücher, alle akkurat nach Verlag sortiert, dienen dabei als Stütze. Sie stehen im Regal an der Wand gegenüber von unserem Bett, etwa anderthalb Meter entfernt vom Ort des Geschehens.
Leni und ich wollen nach vierzehn Jahren den berühmten „frischen Wind“ in unsere Beziehung bringen. Theoretisch eine schöne Sache. Praktisch aber ziemlich kontraproduktiv. Zumindest was mich angeht. Permanent schiele ich zum Regal, während die Aufnahme längst läuft. Mein Misstrauen ist groß, immerhin hatten Leni und ich schon einmal begonnen, da rutschte das Handy plötzlich weg.
Seitdem bin ich erneut mit den Vorbereitungen beschäftigt. Kein Wunder, dass für einen Kinodreh mehrere Jahre ins Land ziehen. Doch ich habe vergleichsweise Glück. An unserem Set gibt es keine Diven, die sich über die Verzögerungen aufregen. Hier gibt es nur Leni und mich. Lenis Euphorie schwindet jedoch merklich. Saß sie anfangs noch im Schneidersitz auf dem Bett und sah mir geduldig zu, wurde ihr bald schon kalt und sie hüllte sich in die Bettdecke ein. Mittlerweile habe ich die Befürchtung, dass sie eingeschlafen ist. Aber was macht das schon. Wenn du Bahn fährst und kurz in den Sekundenschlaf fällst, fährst du ja auch nicht bis zur Endhaltestelle durch. Intuitiv weißt du genau, wann es Zeit wird, aufzuwachen und auszusteigen. Nicht anders ist es bei Leni. Und wenn eine kleine Durchsage meinerseits dazu verhilft, Leni und ihre Lust wieder zu wecken, dann soll das kein Problem sein. Im Gegenteil – es ist ja immer ein Miteinander, besonders im Bett.
Nichtsdestotrotz beeile ich mich, denn inzwischen wird auch mir kalt. Mit Daumen und Zeigefinger zoome ich aus dem Bildausschnitt und stelle das Handy erneut auf. Mit den Rissen in der Wand und den beiden Nachttischen an unserem Bett werden wir wohl vorliebnehmen müssen. Und somit auch mit der altbackenen Lampe auf meiner und der Designerlampe auf Lenis Seite. Zugegeben, rein optisch ist meine Lampe eine einzige Sünde. Doch zumindest kann sie Geschichten erzählen, denn sie stammt noch aus meinem Jugendzimmer. Okay, das sind nicht gerade die rühmlichsten Anekdoten, aber wenigstens ist meine Lampe nicht so ein seelenloses Ding wie das auf der anderen Seite des Bettes. Leni hatte dieses filigrane Etwas von ihrer gönnerhaften Cousine Nancy geschenkt bekommen. Und da Leni sich Nancy gegenüber für alles Mögliche verpflichtet fühlt – für ihren Job, den Kontakten zu einigen Chefredakteuren diverser Frauenmagazine und vermutlich auch für das schöne Wetter – konnte sie nicht anders, als diesen Inbegriff von „Style“ aufzustellen. Dass sie damit das Bild in unserem ersten Sexvideo ruinieren würde, konnte sie damals ja nicht ahnen.
Zugegeben, jetzt kommt mir die Beleuchtung zugute. Würden wir auf sie verzichten, blieben uns nur noch die Straßenlaternen, deren Licht allerdings kaum in unsere Wohnung im zweiten Stock dringt. So viel kann ich inzwischen sagen – die Beleuchtung ist eine Wissenschaft für sich. Dass es dafür ganze Studiengänge gibt, verwundert mich nicht mehr. Fachbücher zu diesem Thema oder Video-Tutorials kommen für mich aber aus zwei Gründen nicht in Frage: Erstens bekomme ich das auch alleine hin und zweitens fehlt mir für ein Video gerade ein Handy. Auf meins kann ich momentan nicht zurückgreifen, denn dann wäre die ganze Mühe mit der perfekten Handyausrichtung ja völlig umsonst gewesen. Und Lenis Handy kann ich genauso wenig nutzen, denn das steckt samt Leni gerade unter der Bettdecke. Irgendwie muss sie sich ja die Wartezeit vertreiben.
„Hast du überhaupt Empfang da drunter?“, frage ich und widme mich Lampe Nummer eins.
„Ja, geht schon“, antwortet es dumpf. „Wann bist du endlich soweit?“
„Gleich“, sage ich und biege den Lampenhals in Lenis Richtung. Wenigstens ist das Ding flexibel. Fachmännisch nehme ich ein paar Schritte Abstand und überprüfe die Ausleuchtung. Ich fummele noch ein paarmal an der Lampe herum, bis ich mir eingestehen muss, dass ich einfach keine Ahnung von alldem habe und wende mich Lichtquelle Nummer zwei zu. Hier gibt es nicht viel zu tun. Meine Lampe ist weder biegsam noch dimmbar. Ich könnte ein Tuch über den hellbraunen Lampenschirm legen, doch die Gefahr, dass es Feuer fängt, ist dann doch zu groß. So knipse ich das Licht aus und wieder ein und wieder aus und lasse es am Ende kurzerhand aus. Die Beleuchtung von nur einer Seite erscheint mir am sinnvollsten. Was für eine Erkenntnis nach fünf Minuten.
Jetzt können wir eigentlich loslegen. Die Kamera läuft ja schon die ganze Zeit. Der rote Punkt leuchtet unmissverständlich, wie ich mich noch einmal vergewissere. Ich reibe meine Hände und blicke vielsagend in die Linse. Dann tipple ich auf Zehenspitzen zum Bett, hebe die Decke hoch und wühle mich zu Leni hindurch. Jetzt geht alles ganz schnell. Leni legt ihr Handy beiseite, wir küssen uns und kommen zügig zur Sache. Dabei fällt mir allerdings auf, dass etwas nicht stimmt. Ein Sexvideo kann auf diese Weise gar nicht funktionieren. Gerade noch rechtzeitig reiße ich die Decke herunter und drehe mich um zum rot leuchtenden Punkt. Nun sind wir hoffentlich wieder im Fokus. Allerdings wird mir die Situation jetzt erst richtig bewusst. Wenn du gefilmt wirst, willst du ja eine gute Figur machen. Und da sind wir schon bei einem unleidlichen Thema: meinen fünf Kilo Übergewicht. Unter meinen Hemden kann ich sie noch halbwegs verbergen, doch so hüllenlos sind die Möglichkeiten der Vertuschung arg begrenzt. Mir bleibt also nichts anderes übrig, als den Bauch einzuziehen, was meine Brust wiederum unnatürlich aufplustert. Zudem versuche ich, den direkten Blick in die Kamera zu vermeiden, was mir mindestens dreimal gründlich misslingt. Und auch Leni scheint sich erst noch mit der Situation vertraut machen zu müssen.
„Mir ist kalt“, seufzt sie.
„Ich weiß, mir auch“, sage ich. „Aber ich kann jetzt nicht aufstehen und die Heizung andrehen.“
„Warum nicht?“, fragt Leni und pult eine Wimper aus ihrem Auge.
„Weil man das in einem Sexfilm nicht macht. Außerdem dauert es ja eine Weile, ehe es hier richtig warm wird. Bis dahin sind wir wahrscheinlich längst fertig.“
„Ui, du gehst es ja richtig professionell an“, sagt Leni und umklammert meinen Hals. Ich versuche indessen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und das funktioniert auf einmal erstaunlich gut. Nach wenigen Minuten sind wir fix und fertig. Erschöpft lasse ich mich auf die Matratze fallen. Leni hat die Augen zu. Schläft sie etwa schon? Das wäre mal ein interessanter Rollentausch. Ich streichle ihren Kopf und gebe ihr einen sanften Kuss aufs Ohr. Eine Szene, die wohl in den wenigsten Pornos zu sehen ist. Doch unser Filmchen dient ja nur dem privaten Gebrauch.
Ich stehe auf und sehe mich selbst im Display auf mein Handy zugehen. Ich, komplett nackt im 16:9-Format. Erneut ziehe ich den Bauch ein und versuche, möglichst elegant zu gehen. Ich blicke zu Leni, die die Bettdecke bis unters Kinn gezogen hat und friedlich in ihr Kissen grunzt.
Ich schnappe mir das Handy und schalte die Aufnahme ab. 14 Minuten und 51 Sekunden geht unser erstes Sex-Tape. Die eigentliche Handlung erstreckt sich höchstens auf ein Drittel dieser Zeit. Schauen wir doch mal, wie es geworden ist. Ich tippe auf Play.
Los geht`s! Ich beobachte mich dabei, wie ich zuerst dümmlich in die Kamera gucke und mich dann nackt und mit größter Sorgfalt diesen blöden Lampen widme. Ein skurriler Anblick, für den die passende Zielgruppe erst noch gefunden werden muss. Ich springe ein paar Minuten vor und lande an der Stelle, wo ich uns von der Bettdecke befreie und nach Luft schnappe.
„Was machst du da?“, fragt Leni reglos aus dem Bett.
„Ich schaue mir unser Video an.“
„Und, wie ist es geworden?“
„Ganz gut, würde ich sagen. Du siehst einen nackten Typen, der eine Vorliebe für ein sonderbares Vorspiel hat, indem er merkwürdig an Lampen rumfummelt. Dann hat er mit jemandem Sex, aber das kannst du nur erahnen, weil es sich unter der Decke abspielt. Du siehst sie nur in den letzten zwei Minuten, aber da werden sie von der Seite angestrahlt und werfen riesige Schatten an die Wand.“
„Jetzt hast du mich neugierig gemacht.“ Leni setzt sich auf. „Zeig mal her.“
„Sicher?“, frage ich. „Du kennst doch jetzt schon das Ende.“
Leni wirft mir ein Kissen an den Kopf. Fast fällt mir das Handy aus der Hand. Ich revanchiere mich und treffe sie frontal im Gesicht. Sie knallt mit dem Hinterkopf ans Bettgestell. Rums! Sofort springe ich zu ihr und nehme ihren Kopf in meine Hände. Lenis Augen sind geschlossen. Sie sieht so hilflos und unschuldig aus, es darf ihr nichts passiert sein! In einem Anflug von Panik taste ich jede Stelle ihres Hinterkopfs ab und überprüfe die Bettwäsche nach Blutflecken. Nichts.
Da beginnt sie zu lachen. Im nächsten Moment segelt erneut ein Kissen gegen meinen Kopf. Als Leni mein verdutztes Gesicht sieht, muss sie so sehr lachen, dass sie mich damit ansteckt. Eigentlich schade, dass die Kamera nicht mehr läuft. Es sollte viel mehr Humor in deutschen Pornos stattfinden.
„So“, sagt Leni mit gewollt ernster Stimme, nachdem wir uns halbwegs beruhigt haben. „Jetzt will ich aber endlich unser Sexvideo sehen, du Hengst!“
Mit den Kissen im Rücken und den Beinen unter der Decke sind wir startklar für unseren ersten Clip. Voilà!
„Den Anfang muss ich noch wegschneiden. Das sind mindestens sechs oder sieben Minuten, die total überflüssig sind. Und vom Ende kann ich auch …“
„Nee!“ Leni tippt auf Pause und wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu. „Das ist doch voll witzig und authentisch. Das Video bleibt so wie es ist. In ein paar Jahren schauen wir es uns an und kriegen uns nicht mehr ein vor Lachen. Stell dir das mal vor. Das wäre doch mega lustig.“
„Na schön, dann lassen wir es eben so wie es ist“, sage ich. Wir blicken uns einen sehr langen Moment an. Das Video pausiert noch immer. Leni legt das Handy zur Seite und küsst mich. Daraufhin beginnt das Spiel von Neuem. Diesmal ohne Kamera.
In dieser halben Stunde hatten wir häufiger Sex als in den vergangenen 14 Tagen. Das macht mich schon etwas stolz. Die Idee mit der Kamera scheint bereits zu fruchten.
Idiotischerweise habe ich das Gefühl, die Leute würden mir die frisch entdeckte Leidenschaft an der Nasenspitze ansehen. Zwar halten sie sich mit Kommentaren zurück, wenn sie bei mir einsteigen, doch was heißt das schon. Viele sind in Eile. Sie haben ihre Adressen und Termine und zudem noch ein halbes Dutzend Gepäckstücke.
Meine Taxischichten gehen in der Regel von 19 – 3 Uhr am Morgen. Wenn die Zeitungsausträger und Bäcker aufstehen, komme ich nach Hause. Manchmal überschneiden sich unsere Arbeitszeiten auch, sodass in der Backstube in der Gutsmuthsstraße bereits Licht brennt oder ich dem Mann mit den tausend Zeitungsbündeln begegne. Dann nicken wir uns mit einem leichten Seufzer zu. Für ihn ist es zu früh, für mich viel zu spät. „Was will’ste machen?“, sagen wir uns beim Vorübergehen, ohne auch nur ein Wort zu verlieren.
Größtenteils komme ich jedoch schon eher nach Hause. Wenn ab 1 Uhr die Wartezeiten länger werden als die Fahrten, mache ich mich meist gegen um 2 auf den Heimweg. So geht das nun seit anderthalb Jahren. Für die übrige Zeit, die ich außerhalb des Taxis verbringe, behaupte ich, Bewerbungen zu schreiben. Wer mich kennt, weiß aber, dass das Quatsch ist, schließlich will ich einfach nur meine Ruhe haben. Doch wen interessiert das schon? Ich habe den dringenden Verdacht, dass meine Eltern sich mit Leni verbündet haben und mich mit ihren ständigen Nachfragen in den Wahnsinn treiben wollen. Nur was bezwecken sie damit? Ich meine, ich habe einen festen Job mit festem Einkommen. Das ist schon mal mehr als 5,2 Prozent aller Erwerbsfähigen in diesem Land. Eine Zahl, die ich erst letzten Sonntag in meiner Wartezeit recherchiert habe, in Vorbereitung auf die nächste Diskussion mit ihnen. Du kannst ja nicht unbewaffnet in den Krieg ziehen.
Das Warten macht, zumindest an den Sonntagen, einen erheblichen Teil der Arbeitszeit aus. Nicht selten fühle ich dann eine Art Verbundenheit mit Pförtnern und Rezeptionisten. Keine Ahnung, ob denen das genauso bewusst ist wie mir. Werner aus der Geschäftsstelle sagte bei unserem ersten Gespräch: „Wartest du nicht, fährst du auch nicht.“ Werner gehört aber auch zu den Leuten, die sich im nächsten Moment korrigieren. „Dabei hast du eigentlich noch Glück. Als ich selbst noch gefahren bin, gehörte das Warten dazu wie der Taxameter. Das war zu einer Zeit, als es noch eine vernünftige Zentrale gab. Heute …“. Dann winkte er ab und ich nickte verstehend, obwohl mir schleierhaft war, worauf er hinauswollte.
In meiner ersten Schicht, an einem Mittwochabend, habe ich allmählich begriffen, was er meinte. Dabei waren die Wartezeiten noch verhältnismäßig kurz. Nur ein paar Mal ertappte ich mich, wie ich gelangweilt auf die Uhr blickte. Von da an habe ich die wenigen Worte, die ich mit Werner gewechselt hatte, schnell verinnerlicht. So auch sein Statement: „Niemand weiß so gut über die Gesellschaft be scheid wie ein Taxifahrer.“ Klar, beim Friseur, im Kosmetiksalon oder im Massagestudio kannst du auch Gesellschaftsstudien durchführen. Der entscheidende Unterschied ist jedoch: Beim Friseur werden dir die Geschichten erzählt. Im Taxi bist du Teil der Geschichten. Du wirst automatisch zum Statisten, nicht selten auch zum Protagonisten. Die Leute haben immer ihre Gründe, warum sie zum Flughafen, zum Arzt oder zum Puff müssen. Und du bist an ihrer Seite, ob du willst oder nicht.
„Wo so ll’s denn hingehen?“, beginnen fünfundneunzig Prozent meiner Dialoge mit dem Fahrgast. In den restlichen fünf Prozent kommt mir der Fahrgast zuvor: „Einmal in die Gottschedstraße 12.“ Was genau dieses „einmal“ bedeutet, habe ich bisher nicht herausfinden können.
„Wo soll’s denn hingehen?“, heißt es auch jetzt, denn ein Typ in Trenchcoat steuert zielstrebig auf meinen beigefarbenen Mercedes zu. Sein Outfit lässt den Verdacht zu, dass es sich bei dem Mann um einen Zeitreisenden aus den achtziger Jahren handelt. Eine Hand steckt in den Tiefen seiner Jackentasche, die andere hält eine Aktenmappe. Erstaunlicherweise trägt er weder einen Hut, noch eine getönte Brille, aber das kann ja noch kommen.
„Torgauer Straße 246“, nuschelt er und steigt ein. Wenn ich diese Adresse nicht schon so oft von meinen Fahrgästen gehört hätte, müsste ich sicherheitshalber wohl noch einmal nachfragen. Doch der dort ansässige FKK Saunaclub ist mir längst so vertraut wie das Messegelände, der Bahnhof und das Völkerschlachtdenkmal. Zumindest von außen. Einmal sollte ich auf einen Gast eine halbe Stunde warten und ihn dann wieder nach Hause fahren. Aus dieser Erfahrung ergibt sich meine Frage an Mr. Trenchcoat: „Nur hin oder auch zurück?“
Mit Augen so groß wie Tischtennisbälle blickt er mich an. Ich hab’s ja nur gutgemeint.
Die Fahrt verläuft schweigsam. Es ist nicht viel los auf den Straßen, eine typische Sonntagnacht.
An der roten Ampel am Listplatz begutachte ich mich im Rückspiegel und fahre mit der Hand durch meine dunkelblonde Mähne, die mal wieder einen ordentlichen Schnitt vertragen könnte. Die dunklen Stellen unter meinen Augen verraten meine Müdigkeit. Wenn du zwei Tage nicht gefahren bist und dein Biorhythmus beginnt, sich wieder auf Normalmodus einzupegeln, ist so eine Nachtschicht teuflisch.
Ich schalte das Radio ein. Klassische Musik. Ich wechsle den Sender. Der Trenchcoat-Mann starrt stur geradeaus. Vielleicht kann ich ihn mit der Sendung Nicos Night-Talk aus der Reserve locken, die ich ab 22 Uhr häufig höre. Ich mache etwas lauter und lehne mich entspannt zurück. Nach zwei Minuten ist klar, worum es dem Anrufer in der Leitung geht: Er ist verliebt in drei Frauen. DREI! Moderator Nico spricht aus, was sich jeder in diesem Augenblick fragt: „Wie ist sowas möglich?“ Da kommt im denkbar ungünstigsten Moment vom Beifahrersitz: „Könnten Sie das bitte ausschalten? Ich hätte jetzt gern etwas Ruhe.“ Empört schaue ich ihn an, nicht zuletzt, um etwas Zeit zu gewinnen und die Antwort des Anrufers doch noch mitzubekommen. Doch der lässt sich so viel Zeit, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als dem Wunsch meines Nebenmannes nachzukommen. Den letzten Kilometer verbringen wir schweigend. Dann fahre ich langsam auf das Etablissement zu, das du unter keinen Umständen als Puff bezeichnen darfst.
„Halten Sie ruhig hier. Den Rest schaffe ich alleine.“
Da bin ich ja erleichtert. Ich lass mir das Geld geben, verabschiede mich mit einem kurzen Nicken, warte bis die Beifahrertür zu ist und schalte das Radio wieder ein. Wie erwartet, ist inzwischen ein neuer Anrufer in der Sendung. Ich fahre zurück zu meinem Ausgangspunkt.
In einer Nachtschicht an einem Sonntag darfst du keine Wunder erwarten. Die geschehen erst wieder am Freitag und Samstag, wenn das Partyvolk unterwegs ist und du zu einem Großteil deiner Zeit damit beschäftigt bist, den Wagen zu reinigen.
Am Bahnhof steige ich aus und vertrete mir die Füße. Die frische Luft in dieser Februarnacht tut gut. Im Auto bist du ja zwangsläufig den Gerüchen deiner Mitfahrer ausgeliefert. Da bist du schon froh, wenn keiner nach Döner oder Gras riecht. Beides kommt leider nur allzu oft vor.
Ein Pärchen, beide Anfang 20, steuert mich an. Kein Wunder, denn ich bin der einzige Fahrer, der halbwegs präsent ist. Udo verschanzt sich mal wieder hinter seiner BILD-Zeitung und die anderen beiden, deren Namen ich nicht weiß, machen eine Zigarettenpause.
„Wir wollen zum Motel One“, ruft der Typ mir schon aus der Entfernung zu. Im Arm hat er eine aufgetakelte Blondine und in der Hand hält er eine Rose.
„Aber zu dem an der Nikolaikirche, nicht zu dem am Augustusplatz.“
„Okay“, sage ich, „aber das kann man auch zu Fuß gehen. Ist ja gleich um die Ecke.“
„Ey, guck uns mal an. Wir sind total besoffen.“ Er schaut seine Freundin an, die anfängt, hysterisch zu lachen. „Sehen wir so aus, als könnten wir noch geradeaus laufen?“
„Nee, irgendwie nicht“, stimme ich ihm zu und öffne die Türen. Die beiden rutschen auf die Rückbank und tun das, was sie vermutlich im Hotel versuchen werden, fortzusetzen.
„Keinen Sex in meinem Auto!“, stelle ich gleich mal klar.
„Haha, hast du den gehört?“, fragt der Typ seine Freundin und zeigt nach vorne. Dann zu mir: „Ey, wie kommst du darauf, dass wir in deiner Karre Sex haben? Wir wollen einfach nur ein bisschen kuscheln. Das ist doch erlaubt, oder?“
„Klar ist das erlaubt. Ich wollt‘s nur sagen.“
„Weißt du, Mann, Liebe und Sex, das ist doch etwas Großartiges, oder? Findest du nicht? Hast du eine Freundin?“
Gespannt blicken die beiden zu mir nach vorne. Sie sind so neugierig, dass sie für den Moment sogar voneinander ablassen, ich bin beeindruckt.
„Ja“, sage ich, „ich habe eine Freundin. Und klar, Liebe und Sex sind einfach phänomenal. Man muss halt auch immer dran arbeiten.“
„Dran arbeiten? Wie meinst du denn das?“ Hier scheint sich ein zu langes Gespräch für eine zu kurze Strecke anzubahnen.
„Wenn man lange zusammen ist, ist es nicht mehr so wie bei euch. Ich bin mit meiner Freundin jetzt seit vierzehn Jahren zusammen.“
Ich biege vom Brühl in die Reichsstraße und halte kurz darauf vor dem Hotel, woraufhin ich mich zu ihnen umdrehe. „Und ihr? Wie lange seid ihr zusammen?“
Sie schauen sich an und lachen laut. „Seit vorhin“, sagt der Typ, drückt mir einen Zehn-Euro-Schein in die Hand und küsst seine Eroberung. Schließlich gelingt es ihnen, unfallfrei auszusteigen und die Tür zuzuwerfen.
Wie süß! Ich beobachte die beiden, wie sie durch die sich öffnenden Türen des Hotels stolpern. So süß waren Leni und ich auch mal.
Ich klingle meine Mutter an. Zweimal. Das ist unser Zeichen. Manchmal wird daraus versehentlich auch zweieinhalb oder gar dreimal, weil ich kurz abgeschweift bin. Dann lege ich hektisch auf, um nicht unnötig für Verwirrung bei meiner Mutter zu sorgen. Du willst ältere Leute ja nicht überfordern. Manchmal ruft sie mich zurück, je nachdem, wie spät es ist. Trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit vibriert mein Handy jetzt. Auf dem Display leuchtet „Mamutschka“. Sie kann es nicht leiden, wenn ich sie so nenne, aber unter welchem Namen ich sie abgespeichert habe, kann sie ja zum Glück nicht sehen. Du reibst ja auch nicht der Marktforschung unter die Nase, dass du aus reinem Selbstschutz deren Nummer unter „Nervensägen“ abgelegt hast.
„Kannst du wieder nicht schlafen?“, frage ich Mutter und beobachte den Nachtbus, wie er mir die Leute und somit bares Geld vor der Nase wegschnappt.
„Dein Vater schnarcht heute Nacht wieder besonders laut. Weiß nicht, ob das am Essen liegt. Ich habe ihn gerade auf das Sofa verfrachtet. Da habe ich gesehen, dass du angeklingelt hast.“
„Oje, vielleicht probierst du es doch mal mit Ohropax aus.“
„Ja, mal sehen. Wie läuft deine Schicht?“
„Ruhig, fast schon zu ruhig für meinen Geschmack.“
„Sei froh.“
„Ja, ich weiß.“
„Dein Vater kann das nicht mehr begreifen.“
„Was?“, frage ich, obwohl ich genau weiß, was sie meint. Wären die Dialoge mit ihr stellenweise nicht so anstrengend, würden sie mich fast schon amüsieren, denn meine Eltern schieben sich gegenseitig ihr Unverständnis für meinen Job in die Schuhe.
„Dass du immer noch Taxi fährst“, sagt sie.
„Fängst du schon wieder damit an? Es ist doch damals nichts weiter passiert. Außerdem ist das doch alles jetzt schon so lange her“, erwidere ich mit einem tiefen Seufzer.
„Du hattest Glück, das ist alles.“ Ich merke, wie Mutter plötzlich hellwach ist. Dieses Thema wirkt bei ihr wie zehn Tassen Kaffee.
„Es ist doch nicht so, dass ich leichtsinnig war. Im Gegenteil, ich habe erstaunlich gut reagiert, wie ihr mir selbst und auch die Polizei bescheinigt habt. Da rücke ich lieber meine Einnahmen heraus als mich abstechen zu lassen, ist doch klar.“
„Sie hätten dich auch abstechen können, obwohl du ihnen das Geld gibst.“
Na prima, jetzt ist die Diskussionsrunde eröffnet. Wir versuchen beide, uns zu sammeln. Ich habe keine Lust mehr auf das Thema, schon gar nicht zwei Uhr nachts.
„Hat er was gesagt?“, frage ich nach einer Minute Funkstille.
„Wer, dein Vater? Er sagt ständig was über dich und deine Arbeit. Du kennst ihn doch. Und ich kann ihm nicht mehr kommen mit: ‚Jeder Beruf hat seine Gefahren‘. Er winkt dann nur ab. Und ehrlich gesagt, bin ich auch seiner Meinung.“
„So, welcher Meinung bist du denn?“
Wieso kann ich mir in den entscheidenden Momenten nicht auf die Zunge beißen!
„In dir steckt so viel. Du hättest dein Studium beenden können. Dann müsstest du jetzt nicht nachts in der Großstadt Betrunkene durch die Gegend chauffieren.“ Ich will einwenden, dass ich gar keine Betrunkenen chauffiere, doch da fällt mir das Motel-One-Pärchen ein und ich schweige lieber. „Hast du denn mal wieder Bewerbungen geschrieben? Du hast doch tagsüber so viel Zeit.“
„Wo bist du denn gerade?“, lenke ich gekonnt ab. „Deine Stimme hallt auf einmal so.“
„Ich bin ins Bad gegangen, damit dein Vater in Ruhe schlafen kann.“ Soll heißen, meine Mutter ist ins Bad gegangen, damit mein Vater nichts von unserem Gespräch mitbekommt und ausflippt.
„Ich muss jetzt erst mal weiterfahren. Aber ich kann dich beruhigen, Mama. Meine Fahrgäste sehen freundlich aus“, lüge ich. „Mach dir keine Sorgen. Ich melde mich noch mal, wenn ich zu Hause bin.“
„Freundlich? Freundlich sehen die doch am Anfang alle aus. Na gut, ich leg mich jetzt hin. Mal sehen, ob ich nun besser schlafen kann. Bis nachher. Pass auf dich auf.“ Dann legen wir auf. Ich schaue in die Leere der Stadt. Leipzig im Februar ist genauso trostlos wie jede andere Stadt zu dieser Zeit. Und ohne Menschen auf den Straßen gleich doppelt so fad.
Die Anfrage für eine Fahrt vom Flughafen nach Gohlis, die während des Telefonats reinkam, habe ich nicht bestätigt. Jetzt kann es eine halbe Stunde bis zur nächsten Fahrt dauern. Tut es diesmal aber nicht. Schon nach wenigen Minuten klopft es an meine Tür. Ich schrecke hoch, denn ich war gerade mit meinem Handy beschäftigt. Genauer gesagt, war ich in unser Sexvideo vertieft. Warum die Wartezeit nicht mit einer Selbststudie verbringen.
An meiner Tür steht ein Mann mit einem viel zu dicken Schal um seinen Hals. Ein Künstler also.
„Fahren Sie auch?“, fragt er, wohl in Anspielung auf meinen Zeitvertreib. Wie lange hat er mich schon beobachtet?
„Ja, natürlich, wo soll‘s denn hingehen?“ Ich steige aus, um zu sehen, ob er eine Staffelei oder etwas Ähnliches bei sich hat, das ich im Kofferraum verstauen muss, doch er hat nur eine Laptoptasche. Ich öffne ihm die Beifahrertür. Er steigt natürlich hinten ein.
„Liviastraße 10, bitte.“
„Ah, Waldstraßenviertel“, sage ich und verstelle den Rückspiegel so, dass ich den Künstler im Blick habe. Abwesend tippt er auf seinem Handy herum.
„Ist das hier der ‚Hauptbahnhof Leipzig‘ oder der ‚Promenaden Hauptbahnhof Leipzig‘?“
Ich schaue in den Spiegel, um zu sehen, ob es meinem Fahrgast gut geht. Angestrengt starrt er auf sein Handy, als würde es sich um eine Quizfrage handeln.
„Mir wird beides bei Facebook angezeigt. Darum frage ich. Na ja, egal, ich nehme mal ‚Promenaden‘.“
„Darf ich fragen, was genau Sie da tun?“, erkundige ich mich.
„Nur eine Statusmeldung, nichts Besonderes.“
„Aha, und …äh … warum?“
„Weil‘s Spaß macht, darum. Meine Freunde dürfen ruhig wissen, wo der Herbert sich mal wieder rumtreibt.“ Er lacht, als hätte er etwas Anzügliches gesagt. Dabei blitzt ein Goldzahn in seinem rechten Mundwinkel hervor.
„Biste nicht im Netz, biste nirgendwo, so isses doch“, setzt er noch mal nach und legt sein Handy beiseite.
„Und Sie, was machen Sie so?“, will er wissen.
„Was ich so mache?“
„Ja, was Sie sonst noch so machen. Ich meine, Sie werden doch wohl kaum ausschließlich Taxi fahren, oder?“
Unsere Blicke treffen sich im Spiegel.
„Ach, ich mache so dies und das, Sie wissen schon, bin hier und da“, lache ich, und komme mir reichlich albern vor, bei all diesen Worthülsen. So müssen sich Politiker ständig fühlen …
Offenbar wartet mein Fahrgast auf eine ernsthafte Antwort. „Zu einem Großteil ist es schon … äh … das Taxifahren“, stammle ich. „Und Sie, was machen Sie so?“
„Social Media. Ich bin Social Media-Experte.“
„Oh, also doch kein Künstler“, rutscht es mir heraus.
„Künstler? Nein, ich bin kein Künstler. Höchstens Überlebenskünstler, aber das ist lange her.“ Er winkt ab und lacht. „Künstler sind mir zu verpeilt, zu unstrukturiert, verstehen Sie? Ich könnte nie mit einem Künstler zusammen sein. Mein Freund ist Apotheker. Der ist genauso rational wie ich. Herrlich. Sie fahren mich übrigens gerade zu ihm.“
Wir biegen in die Funkenburgstraße ein. Gleich sind wir da.
„Apotheker? Oh, interessant“, sage ich.
„Finden Sie?“
„Ja, ich habe mal eine Weile als Proband gearbeitet.“
„Ach herrje, Sie Armer. Nicht, dass ich mich großartig in der Pharmazie auskenne, aber was wurde denn an Ihnen getestet?“
„So einiges“, antworte ich. „Ich musste mal vier Monate lang jeden Morgen Joghurt essen und meine Verdauung protokollieren. Das war noch halbwegs okay, denn eigentlich schmeckt mir Joghurt. Danach war mein Appetit allerdings für längere Zeit gestillt. Das Schrägste aber war ein Krankenhausaufenthalt für sieben volle Tage. Da durfte ich keinen Besuch bekommen und maximal über den Flur spazieren.“
„Das klingt ja grässlich, fast schon nach Quarantäne.“ Er verzieht das Gesicht.
„Ja, so hatte es sich damals auch angefühlt. Meine Freundin und meine Familie hatten sich ziemliche Sorgen um mich gemacht. Na ja, egal …“
„Ist das jetzt hier schon das Waldstraßenviertel?“ Suchend tippt Herbert wieder auf seinem Handy herum. „Ich bin zum ersten Mal hier. Bisher hat Matthias mich immer nur in Aachen besucht. Übrigens eine sehr schöne Stadt. Waren Sie schon mal bei uns?“
„Bei Ihnen? Wie jetzt?“ Ich bin verwirrt.
„In Aachen. Da müssen Sie wirklich mal hinkommen. In ein paar Minuten sind Sie drüben in Holland.“
„Niederlande“, murmle ich.
„Ah hier: Waldstraßenviertel. Gefunden.“ Zufrieden packt Herbert sein Handy in die Jackentasche. Ich halte indessen vor einem der zahlreichen Gründerzeithäuser.
„Da wären wir.“
Herbert bezahlt, steigt aus, überquert zielstrebig die Straße, sucht nach dem Klingelschild und verschwindet schließlich ins Haus. Schon fällt die Tür zu. Ende von Herberts und meiner Story. Daran musst du dich gewöhnen. Du hörst permanent Geschichten, manche spannend, manche unsagbar öde. Manchmal erzählst du auch selbst mal eine. Doch in einem Punkt sind sie alle gleich: Sie enden abrupt. Nie bleibt Zeit für eine überraschende und ausgeklügelte Pointe. Quasi wie bei einer Mario-Barth-Show.
Ich bleibe noch eine Weile stehen und zücke mein Handy. Erneut starte ich unser Video. Dabei gehen mir Herberts Worte nicht aus dem Sinn: „Biste nicht im Netz, biste nirgendwo.“
Viertel vor drei. Ich bin kein bisschen müde. Ich öffne die Wohnungstür, schließe sie nahezu geräuschlos, ziehe die Schuhe aus und steuere auf Zehenspitzen direkt das Arbeitszimmer an. Schon nach meinen ersten Nachtschichten hatte ich gelernt, an welchen Stellen die Fußbodendielen am wenigsten knarren. Eine hilfreiche Erkenntnis, denn Leni schläft äußerst unruhig. Sie meint, das läge an dem Überfall auf mich damals. Ich allerdings glaube, dass es mit ihrer Doppelbelastung zusammenhängt. Wer kann schon gleichzeitig zwei Jobs dauerhaft bestreiten?
Ich lege die Jacke ab und setze mich in Lenis Bürostuhl, dessen kühles Leder verräterisch knirscht. An diesem Arbeitsplatz vervollständigt Leni ihre Aufzeichnungen über die Kids, um die sie sich im Jugendtreff kümmert. Und hier schreibt sie auch ihre Ratgeberartikel zum Thema Partnerschaft für verschiedene Frauenzeitschriften, die ausnahmslos nach einem weiblichen zweisilbigen Vornamen betitelt sind. Häufig arbeitet sie bis in die Nacht hinein, und es kommt nicht selten vor, dass sie erst Feierabend macht, wenn ich längst aus meiner Schicht zurück bin. Natürlich würde Leni es am liebsten sehen, wenn ich ähnlich leidenschaftlich an diesem Tisch nach Jobs recherchieren und Bewerbungen schreiben würde. Nur zu gerne würde sie ihr Homeoffice mit mir teilen. Doch ich bin nicht sie. Wozu sollte ich über meinen Schatten springen? Bei einem 100-Meter-Lauf rennst du ja auch nicht fünfmal über die Ziellinie, während alle anderen längst unter der Dusche in der Umkleide stehen. Als Taxifahrer geht es mir ausgesprochen gut. Wieso sollte ich das ändern wollen?
Klar, nach dem Überfall hatte ich mir ein paar Tage freigenommen und überlegt, wie es weitergehen soll. Mein Grübeln war jedoch nicht von langer Dauer und wurde von meinem Arbeitsalltag, in den ich mich nach nur wenigen Tagen wieder stürzte, verdrängt. Die zahlreichen harmlosen Begegnungen mit den Fahrgästen zeigen doch, dass es sich bei dem Vorfall um eine absolute Ausnahme gehandelt haben muss, die es bekanntlich überall gibt. Für diese Erleuchtung musst du nicht mal besonders helle sein. Fakt ist jedenfalls: Wenn ich mich eines Tages dazu bewegen lassen sollte, meine freie Zeit für Bewerbungen zu opfern, dann sollte schon mehr dabei herausspringen als nur ein paar zusätzliche Euro. Das „mobilste Gewerbe der Welt“, wie Werner es gerne nennt, ist zwar nicht das lukrativste, dafür aber ein ziemlich flexibles. Du musst wissen, wofür du etwas eintauschst. Und solange der Job mich nicht nervt oder von selbstfahrenden Autos verdrängt wird, bleibe ich dabei.
Allmählich bin ich das Thema leid. Es wird Zeit, mich wieder den schönen Dingen des Lebens zu widmen. Ich hole mein Handy hervor. Schauen wir doch mal, wie sich unser erster Porno auf großem Bildschirm macht!
Ich klappe meinen Laptop auf, der pro forma ebenfalls auf Lenis Tisch steht, und verbinde mein Handy damit. Dann kopiere ich den Clip auf die Festplatte. Währenddessen beschäftige ich mich mit den elementaren Fragen des Lebens: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Sexfilm und einem Porno? Falls der Sexfilm softer sein soll, warum gibt es dann zusätzlich das Genre „Softporno“? Und wie unterscheiden sich dann bitte ein Erotikfilm und ein Softporno voneinander?
Bevor ich Antworten gefunden habe, ist der Übertragungsvorgang beendet. Ich verliere keine Zeit, das Video abzuspielen, und bin beeindruckt: Die Qualität ist auch auf großem Bildschirm tadellos. Hier ist weder etwas verpixelt, noch unscharf. Wozu gibt es Profikameras, wenn es mittlerweile auch ein einfaches Smartphone tut?
Da ich mir den Clip bereits zum dritten Mal anschaue, achte ich diesmal auf sämtliche Details: jede meiner Bewegungen, die Schatten an den Wänden, die erfreulicherweise die Risse verdecken, und natürlich Leni, von der lediglich der Rücken zu sehen ist.
Eigentlich ist der Film viel zu schade, um im Verborgenen zu bleiben. Es gibt Dutzende von Videos da draußen mit verwackeltem Bild und permanentem Tonrauschen. Verglichen damit hat unser Clip fast schon Hollywood-Charakter. Oder zumindest Potsdam-Babelsberg-Qualität. Die Prise Komik, die eher unfreiwillig entstanden ist, finde ich inzwischen selbst ganz amüsant.
Ich nehme die Hände von der Tastatur und horche in die Nacht hinein. Nichts. Leni scheint tief und fest zu schlafen. Ich warte eine Weile ab, doch es bleibt anhaltend still. Dann tippe ich vorsichtig, Buchstabe um Buchstabe, in die Suchmaske ein: Porno-Seiten.
Wow! Fast eine Million Ergebnisse erscheinen. Ich bin ein einfaches Gemüt und klicke direkt auf den ersten Link. Was folgt, ist eine scheinbar endlose Liste an Kategorien: Gratis, Premium, Live-Sex, Amateur, Asiatisch, Sex-Date, Arabisch, Erotische Geschichten, Schwarze, Pornos für Frauen, Latina, Nackte Promis sowie Comic. Ich komme mir vor wie in der Aufklärungsstunde, für die jeder Viertklässler die Einwilligung seiner Eltern brauchte. Damals war alles noch so ulkig und aufregend.
Fun Fact: In der Rubrik Pornos für Frauen gibt es sage und schreibe drei Ergebnisse. In der Rubrik Amateur hingegen neununddreißig! Hier scheine ich richtig zu sein. Ich klicke direkt auf den ersten Link. Dabei gelange ich auf eine Seite mit Hunderten von Vorschaubildern, die alle eines gemeinsam haben: Sie erwecken den Eindruck, dass hier ahnungslosen Mädels auf der Rolltreppe im Einkaufszentrum unter den Rock gefilmt wurde. Einen investigativen Enthüllungsjournalisten würde diese Seite vor eine wahre Lebensaufgabe stellen.
Ich bleibe vorerst in der Rubrik Amateur und klicke mich durch zahllose Unterseiten. Primäre und sekundäre Geschlechtsteile präsentieren sich in Galerien über den gesamten Bildschirm.
Nervös drehe ich mich um, wobei der Stuhl ungünstigerweise jedes Mal quietscht. Doch außer mir ist da nichts. Somit kann ich mich auch weiterhin in Ruhe meiner Feldforschung widmen.
Die Vorschaubilder der Abertausenden Clips sind überwiegend verpixelt. Aber hier scheint es nicht nach Qualitätsmerkmalen zu gehen. Hier zählt einzig das Prädikat „Massenware“. Wer sollte sich auch die Mühe machen, das hochgeladene Material zu sichten und auszufiltern? Hier wird der Upload zum Kinderspiel. Keine Hürden, dafür jede Menge Spaß! Wenn das nicht verlockend klingt!
Was passiert wohl, wenn ich auf „Kostenlos registrieren“ gehe? Natürlich - ich werde nach einem Benutzernamen gefragt. Puh, soll ich wirklich? Bislang ist das moralisch ja alles irgendwie noch im grünen Bereich. Selbst, wenn ich mich hier anmelden sollte, lässt sich das im Handumdrehen jederzeit wieder rückgängig machen. Somit gibt es nichts zu befürchten …
Nun also die Frage nach dem Benutzernamen … Ich versuche es mit Inspiration und lasse mir andere Nutzer anzeigen: Anonymus, CollegeSex, HomeMadePorn, MachoMan – Mein Gott, ist das sein Ernst? MachoMan?
In meiner Einfallslosigkeit blättere ich durch ein paar von Lenis Ratgebern, die als Stapel auf dem Tisch liegen. Ich lese mir zwei Klappentexte durch, bemerke aber schnell meine aufkommende Müdigkeit und beschränke jegliche Konzentration auf die Titel und Autoren. Beim Namen Dominik Spenst stocke ich. Handelt es sich hier um einen Mann oder eine Frau? Gibt es nicht auch die Schreibweise Dominique? Aber kannst du so deinen Porno-Kanal nennen?
Ich öffne ein leeres Word-Dokument und tippe den potentiellen Namen ein. Dann rutsche ich mit dem Stuhl ein Stück zurück und betrachte das Geschriebene. Dominique & Dominik … Klingt ein bisschen nach Inzest. Sei‘s drum, als vorläufiger Platzhalter geht das schon in Ordnung.
Der Rest läuft wie von selbst. Ich überlege mir ein todsicheres Passwort, gebe meine am seltensten genutzte E-Mail-Adresse an und aktiviere den Account.
Jetzt kommt der Teil, der etwas Überwindung erfordert: Ich muss das Video hochladen. Natürlich komme ich um diesen Schritt nicht herum, denn sonst wäre ja diese ganze Vorbereitung total blödsinnig gewesen. Andererseits – bis hierher waren die Vorgänge noch halbwegs harmlos. Ich könnte es dabei bewenden lassen, den Rechner ausschalten, ins Bett gehen und bei der nächstbesten Gelegenheit den Account einfach löschen.
Hin- und hergerissen starre ich auf den Bildschirm und lese die Aufforderung, die gerade mal zwei Mausklicks entfernt ist. Wie war das noch mal - „Biste nicht im Netz, biste nirgendwo.“
Nirgendwo bin ich schon viel zu lange. Fortwährend habe ich das Gefühl, meinem Umfeld nicht zu genügen, ganz egal, was ich auch tue. Diese Zweifel begleiten mich seit dem Abitur. Sie sind wie ein Steinchen im Schuh, das dir zwar nie richtig gefährlich, doch zumindest immer lästiger wird. Höchste Zeit, dass sich daran etwas ändert! Und welcher Moment könnte dafür geeigneter sein, als dieser hier? Eben! Ich wähle das Video aus und bestätige es per Klick auf den „Hochladen“-Button.
Während dieses Prozesses gehen mir drei Fragen durch den Kopf, deren Antworten nicht lange auf sich warten lassen:
1. Was ist mit Leni? - Was soll schon mit ihr sein? Sie ist in dem Video kaum zu erkennen.
2. Was ist mit mir selbst? - Nichts ist mit mir. Inzwischen habe ich mich längst an meinen, zugegebenermaßen etwas dümmlichen Blick in die Kamera in den ersten drei Sekunden des Videos gewöhnt. Ich finde es sogar witzig. Und wie sagt Leni selbst: „Humor gehört ins Schlafzimmer.“ Also bitte, mit dem Upload stimme ich ihr quasi zu.
3. Was, wenn Leni von alldem hier erfährt? - Wieso sollte sie? Es liegt ja in meiner Hand. Ich kann das Video gleich morgen wieder löschen.
