Von Feuer und Nacht - Kevin J. Anderson - E-Book

Von Feuer und Nacht E-Book

Kevin J. Anderson

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Beschreibung

Aufstand der Roboter

Endlich glaubt die Terranische Verteidigungsflotte, eine wirksame Waffe gegen die Hydroger gefunden zu haben: gepanzerte Robot-Raumschiffe, die mit den Kugeln der Hydroger kollidieren. Doch die in den Tiefen der Gasriesen lebenden Wesen holen zum Gegenschlag aus: Sie kündigen das Stillhalteabkommen mit dem Ildiranischen Reich auf und drohen dem Weisen Imperator mit der Vernichtung all seiner Welten, falls er sie nicht bei der Zerstörung der Erde unterstützt. Um sein eigenes Volk zu retten, beugt sich Imperator Jora’h der Erpressung. Er ahnt nicht, dass sich in der Zwischenzeit eine mächtige Allianz gegen die Hydroger zusammengefunden hat. Doch plötzlich rebellieren die Roboter auf den Schiffen der Menschen und töten die Besatzung. Ein Großteil der Flotte wird von den Robotern übernommen – und greifen Seite an Seite mit den Hydrogern die Erde an …

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KEVIN J. ANDERSON

VON FEUER UND NACHT

Die Saga der Sieben Sonnen

Fünfter Roman

Für DEB RAY,

die eine gute Freundin

war – lange bevor

DANKSAGUNG

WAS BISHER GESCHAH

Der gewaltige Krieg zwischen den Hydrogern und Faeros ließ das Feuer von Sonnen erlöschen und zerstörte Planeten. Die Menschheit entwickelte neue Waffen und suchte neue Bündnisse, um auf dem galaktischen Schlachtfeld zu überdauern.

Die vom Vorsitzenden Basil Wenzeslas geleitete Hanse wies die Terranische Verteidigungsflotte (TVF) an, weitere Klikiss-Fackeln einzusetzen, jene Superwaffe, mit der sie vor acht Jahren unabsichtlich den Hydroger-Krieg ausgelöst hatte. Die TVF baute auch gepanzerte »Rammschiffe« für Kamikaze-Einsätze. Die Besatzungen dieser Schiffe bestanden aus entbehrlichen Soldaten-Kompis und einem menschlichen Kommandanten (unter ihnen die Roamerin Tasia Tamblyn).

An der Heimatfront häuften sich die Probleme und veranlassten den Vorsitzenden Basil Wenzeslas, impulsive und oft falsche Entscheidungen zu treffen. König Peter und Königin Estarra rebellierten gegen Basils Autorität, was zunehmende Feindschaft zwischen dem Vorsitzenden und dem königlichen Paar bewirkte. Als Basil der Königin einen Schwangerschaftsabbruch befahl, weil das ungeborene Kind nicht in seine Pläne passte, ließen Estarra und Peter die Information über den Zustand der Königin an die Medien durchsickern, mithilfe des stellvertretenden Vorsitzenden Eldred Cain. Die Öffentlichkeit reagierte mit großer Freude, und deshalb konnte Basil Estarra nicht zu einem Abbruch der Schwangerschaft zwingen. Aber er bestrafte sie, indem er Estarras geliebte Delfine tötete.

Der verzogene und ungehorsame Prinz Daniel, von Basil als nächster König ausgewählt, entkam aus dem Flüsterpalast. Nach einem ziemlich großen Skandal wurde der Prinz gefasst und gezwungen, sich öffentlich zu entschuldigen. Um ihn daran zu hindern, noch mehr Ärger zu machen, gab Basil Anweisung, ihn mit speziellen Medikamenten in ein künstliches Koma zu versetzen.

Der Krieg der Hanse gegen die Hydroger lief schlecht, und deshalb schickte Basil Wenzeslas die Streitkräfte der Hanse gegen die Roamer; die Weltraumzigeuner mussten als Sündenböcke für die Misserfolge der Hanse herhalten. Ein Großangriff vernichtete das »Rendezvous« genannte Regierungszentrum der Roamer, und die Clans flohen in alle Richtungen. TVF-Schiffe überfielen verborgene Roamer-Basen und brachten die Gefangenen zum unbewohnten Klikiss-Planeten Llaro.

Sprecherin Cesca Peroni verbarg sich in einem Stützpunkt auf Jonah 12. Die dortigen Schürfer fanden unter dem Eis Höhlen mit schlafenden Klikiss-Robotern, die sie ungewollt aktivierten, woraufhin sich die Roboter sofort daran machten, den Stützpunkt der Roamer zu vernichten. Es gelang Cesca, die heimtückischen Roboter auszuschalten, doch bei einem Fluchtversuch zusammen mit dem jungen Piloten Nikko Chan Tyler stürzte das Schiff ab.

Cescas Geliebter Jess Tamblyn war von den elementaren Wasserwesen namens Wentals körperlich verändert worden und führte eine Gruppe von Freiwilligen, die Wental-Wasser zu neuen Planeten brachten. Zusammen mit den Verdani (dem Weltwald auf Theroc) waren die Wentals uralte Feinde der Hydroger, die sie vor langer Zeit fast ausgelöscht hatten. Indem er den Wentals zu neuer Größe verhalf, schuf Jess einen weiteren mächtigen Verbündeten im Kampf gegen die Fremden aus den Tiefen von Gasriesen.

Jess flog zu den Wasserminen auf Plumas, wo seine Onkel das Geschäft übernommen hatten. Vor vielen Jahren war Jess' Mutter Karla hier in eine Gletscherspalte gefallen und gestorben. Mit seinen Wental-Kräften barg Jess den vom Eis erhaltenen Körper, in der Hoffnung, seine Mutter gemäß den Traditionen der Roamer beisetzen zu können. Er brachte sie zu seinen überraschten Onkeln und begann damit, das Eis um Karla zu schmelzen. Bevor er damit fertig werden konnte, wies ihn eine dringende Nachrichten darauf hin, dass Cesca auf Jonah 12 große Gefahr drohte – Jess machte sich sofort auf den Weg. Er fand Nikkos abgestürztes Schiff, nahm es in sein Wental-Schiff auf und flog weiter, um die schwer verletzte Cesca zu retten.

Die Roamer-Clans fanden neue Wege des Überlebens. Cescas Vater Denn Peroni gründete eine unabhängige Handelsbasis auf Yreka, einer vom Nachschub durch die Hanse abgeschnittenen Kolonie. Denn flog auch zum Ildiranischen Reich und traf sich mit dem Weisen Imperator, um direkte Handelsbeziehungen mit den Ildiranern zu knüpfen.

In den Ringen des Gasriesen Osquivel unterhielten Del Kellum und seine hübsche Tochter Zhett einen Komplex aus Roamer-Werften. Die TVF hatte dort vor kurzer Zeit eine gewaltige Schlacht gegen die Hydroger verloren, und inmitten der Trümmer fand Zhett ein kleines intaktes Hydroger-Schiff. Ihr Vater wandte sich sofort an den genialen Roamer-Wissenschaftler Kotto Okiah und beauftragte ihn mit der Untersuchung. Kotto fand genug über das kleine Schiff heraus, um eine neue Waffe gegen die Hydroger zu entwickeln: »Türklingeln«, die die Luken eines Kugelschiffs öffneten. Mit solchen Türklingeln machte sich Kotto auf den Weg nach Theroc, dem voraussichtlich nächsten Angriffsziel der Hydroger.

Die Roamer retteten auch eine Handvoll TVF-Soldaten, deren Rettungskapseln von der fliehenden Flotte zurückgelassen wurden, und zahlreiche neue Soldaten-Kompis. Sie programmierten die Roboter für die Arbeit in den Werften, und Zhett kümmerte sich um die TVF-Gefangenen. Ihre besondere Aufmerksamkeit galt dem aufsässigen Patrick Fitzpatrick III. Wegen der Feindseligkeiten zwischen Roamern und Hanse konnten die Gefangenen nicht zurückgeschickt werden. Fitzpatrick und seine Kameraden, unter ihnen Dr. Kiro Yamane (ein Spezialist für Soldaten-Kompis), suchten nach einer Möglichkeit zur Flucht. Während sich Fitzpatrick und Zhett näher kamen, fand Yamane einen Weg, die Soldaten-Kompis in den Werften verrückt spielen zu lassen. Als Teil eines Fluchtplans vereinbarte Fitzpatrick ein Rendezvous mit Zhett, überwältigte sie und stahl ein Schiff – damit wollte er entkommen, während die außer Rand und Band geratenen Kompis die Aufmerksamkeit der Roamer ablenkten. Doch die Soldaten-Kompis verursachten weitaus größere Schäden als von Yamane vermutet; systematisch zerstörten sie die Roamer-Anlagen.

Fitzpatricks einflussreiche Großmutter Maureen war eine frühere Vorsitzende der Hanse. Nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Enkel bei Osquivel im Kampf gefallen war, rief sie die Familienangehörigen der anderen Gefallenen zusammen und flog zum Ringplaneten, um dort ein Ehrenmal zu errichten. Sie war verblüfft, als sie dort die Roamer-Werften entdeckte, in denen wegen der Soldaten-Kompis großer Aufruhr herrschte. Als sich die Lage zuspitzte, erschien Fitzpatrick und verärgerte seine Großmutter, indem er für den Kellum-Clan sprach. Er vereinbarte einen Waffenstillstand, indem er den TVF-Schiffen das von Kotto untersuchte kleine Hydroger-Schiff überließ. Als die TVF-Flotte mit den befreiten Gefangenen heimkehrte, setzten sich Zhett und die anderen Roamer ab. Fitzpatrick zweifelte daran, Zhett jemals wiederzusehen.

General Lanyan, Kommandeur der TVF, wollte ein Exempel statuieren. Da immer weniger Rekruten zur Verfügung standen, blieb ihm nichts anderes übrig, als eine große Zahl von Soldaten-Kompis produzieren zu lassen (alle mit Klikiss-Programmmodulen ausgestattet) und sie auf die Kampfflotten zu verteilen. Er war angenehm überrascht, als ein Deserteur – Branson »BeBob« Roberts – mit zwei aus einer verheerten Hanse-Kolonie stammenden Überlebenden zur Erde kam. Die Überlebenden, ein Mädchen namens Orli Covitz und ein alter Mann namens Hud Steinman, erzählten eine haarsträubende Geschichte: Klikiss-Roboter und Soldaten-Kompis hatten angeblich ihre Siedlung zerstört. General Lanyan beauftragte eine Einsatzgruppe damit, den Dingen auf den Grund zu gehen, aber er war weitaus mehr daran interessiert, BeBob wegen Desertion vor ein Kriegsgericht zu stellen.

Die Händlerin Rlinda Kett ließ ihre Beziehungen spielen, um BeBob zu helfen, aber es nützte nichts. Das Verfahren fand nur zum Schein statt – das Urteil stand bereits fest. Doch überraschend für sie beide verhalf ihnen der Spion Davlin Lotze zur Flucht. BeBob und Rlinda flohen mit ihrem Schiff, der Unersättlichen Neugier, und Davlin lenkte die Verfolger ab, spiegelte dabei seinen Tod vor. Als Rlinda und BeBob schon glaubten, in Sicherheit zu sein, trafen sie beim Eismond Plumas auf einige Roamer-»Piraten«. Die Neugier wurde konfisziert, und Rlinda und BeBob wurden in den Eisminen gefangen gehalten, während die Roamer überlegten, was sie mit ihnen anstellen sollten.

Als sich Jess auf den Weg gemacht hatte, um Cesca zu retten, war ihm nicht klar gewesen, dass er einen Funken Wental-Energie im teilweise aufgetauten Leib seiner Mutter hinterlassen hatte. Karla wurde wieder lebendig, aber nicht als Mensch. Rlinda und BeBob beobachteten entsetzt, wie sie einen von Jess' Onkeln umbrachte und sich dann den anderen zuwandte.

Auf Theroc schuf der sich erholende Weltwald einen hölzernen Golem aus dem grünen Priester Beneto – er sollte als Sprecher fungieren und die Weltbäume auf einen neuen Angriff der Hydroger vorbereiten. Benetos Schwester Sarein, die Hanse-Botschafterin, traf auf Geheiß des Vorsitzenden Wenzeslas ein und hoffte insgeheim, zur Herrscherin von Theroc aufzusteigen. Als ihr das nicht gelang, brachte sie grüne Priester dazu, auf abgeschnittenen Welten der Hanse ein Kommunikationsnetz zu schaffen.

Als die Hydroger Theroc erneut angriffen, um den Weltwald endgültig zu zerstören, kamen den Verteidigern unerwartete Verbündete zu Hilfe. Kotto Okiah setzte seine neue Türklingel-Waffe ein und vernichtete damit viele Kugelschiffe. Hinzu kam ein lebender Komet, erfüllt von Wental-Energie, der die Niederlage der Hydroger besiegelte. Zwar mussten die Fremden aus den Tiefen von Gasriesen abziehen, aber sie wussten jetzt, dass die Wentals nicht etwa ausgestorben, sondern aufs Schlachtfeld zurückgekehrt waren. Nach dem Kampf empfing der Golem Beneto eine eindrucksvolle Armada aus Verdani-Schlachtschiffen: gewaltige, dornige Bäume, die gekommen waren, um den Weltwald zu schützen.

Unterdessen setzten die heimtückischen Klikiss-Roboter ihre Eroberungspläne fort. Als Admiral Stromo Orli Covitz' verheerte Koloniewelt erreichte, fand er dort Hinweise darauf, dass die Roboter tatsächlich hinter dem Angriff steckten!

Tasia Tamblyn führte das Kommando über sechzig Rammschiffe, deren Besatzungen aus Soldaten-Kompis bestanden, um einer von den Hydrogern angegriffenen Himmelsmine über Qronha 3 zu Hilfe zu kommen. Sullivan Gold, Chef der Himmelsmine, evakuierte seine Leute und rettete auch viele Ildiraner aus einer nahe gelegenen Anlage. Bevor Tasias Schiffe eintrafen, flog Sullivan bereits mit den Ildiranern fort, und sie begegneten Einheiten der ildiranischen Solaren Marine. Als Tasias Flotte schließlich den Gasriesen erreichte, wandten sich die Soldaten-Kompis gegen sie, nahmen Tasia und ihren persönlichen Kompi EA gefangen. Sie schlossen sich mit den Klikiss-Robotern zusammen und brachten die Rammschiff-Flotte unter ihre Kontrolle, mit der Absicht, sie gegen die Menschheit einzusetzen.

Klikiss-Roboter hatten auch die wenigen auf der ildiranischen Urlaubswelt Maratha zurückgebliebenen Personen angegriffen. Der Gelehrte Anton Colicos, sein Freund, der Erinnerer Vao'sh, und eine kleine Gruppe aus Ildiranern waren auf der Nachtseite des Planeten gestrandet und hatten einen langen Marsch vor sich. Sie wussten nicht, dass die Roboter hinter allem steckten: Die Ildiraner gaben mythischen Geschöpfen die Schuld, den sogenannten Shana Rei, von denen in der Saga der Sieben Sonnen berichtet wurde. Als Anton und seine Begleiter das vermeintliche Refugium Secda erreichten, fanden sie dort ganze Heerscharen von Klikiss-Robotern vor. Anton und Vao'sh entkamen mit einem kleinen Schiff und flogen allein fort. Doch bei Ildiranern führt Einsamkeit zu Wahnsinn. Während des langen Flugs nach Ildira versuchte Anton, Vao'sh beschäftigt zu halten, aber der alte Erinnerer zog sich immer mehr in sich selbst zurück und war bei ihrer Ankunft kaum mehr ansprechbar.

Ein Bürgerkrieg erschütterte das Ildiranische Reich, ausgelöst vom Hyrillka-Designierten Rusa'h und dem Sohn des Weisen Imperators, Thor'h. Durch eine Kopfverletzung war Rusa'h vom telepathischem Thism getrennt, einem geistigen Netzwerk, das alle Ildiraner miteinander verbindet. Voller Größenwahn schuf er ein unabhängiges Thism-Netz, begann mit einer blutigen Rebellion und zwang andere Designierte, sich einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Adar Zan'nh schlug mit einer Flotte der Solaren Marine die Rebellion nieder, aber seine Schiffe gerieten unter die Kontrolle des verrückten Designierten, und Zan'nh wurde gefangen genommen.

Als Rusa'h versuchte, seinen Bruder Udru'h, den Dobro-Designierten, zu konvertieren, glaubte er, einen bereitwilligen Partner zu gewinnen. Er ließ den Designierten-in-Bereitschaft Daro'h auf Dobro zurück, brach auf und bereitete eine Falle vor, die das Ende für Rusa'hs Rebellion bedeutete. Der Weise Imperator Jora'h eroberte Hyrillka zurück, und der verräterische Thor'h wurde festgesetzt. Der verrückte Designierte ergriff die Flucht und flog direkt in Hyrillkas primäre Sonne. Kurz vor dem Verbrennen des Schiffes stiegen einige flammende Faeros auf, umgaben das Schiff des Designierten und trugen es in die Sonne.

Die Faeros und Hydroger setzten ihren Krieg fort und brachten eine der sieben Sonnen von Ildira zum Erlöschen. Der Weise Imperator sah die Zeit gekommen, eine spezielle »Waffe« einzusetzen: seine Mischlingstochter Osira'h. Mit den besonderen telepathischen Kräften des Mädchens hoffte Jora'h, einen Kontakt mit den Hydrogern herstellen und einen alten Nichtangriffspakt erneuern zu können. Osira'h hatte inzwischen von ihrer Mutter, der grünen Priesterin Nira, die Wahrheit über das menschlich-ildiranische Zuchtprogramm auf Dobro erfahren. Sie fühlte sich hin und her gerissen, nicht sicher, wem sie glauben sollte. Trotzdem erfüllte sie ihre Pflicht und begab sich mit einer gepanzerten Kapsel in die Tiefen von Qronha 3, um dort mit den Hydrogern zu kommunizieren.

Auf Ildira, nach dem Ende des Bürgerkriegs, war der Weise Imperator schockiert, als er von Udru'h erfuhr, dass Nira noch lebte. Jora'h liebte die grüne Priesterin nach wie vor und befahl ihre sofortige Freilassung. Aber als Udru'h die Insel auf Dobro erreichte, wo er Nira gefangen gehalten hatte, musste er feststellen: Die grüne Priesterin war geflohen und spurlos verschwunden! Bevor Jora'h davon erfuhr, kehrte Osira'h mit einer großen Flotte aus Kugelschiffen der Hydroger nach Ildira zurück – sie alle schwebten über dem Prismapalast. Jora'h musste nun den Hydrogern gegenübertreten: Wenn es ihm nicht gelang, ihnen seinen Standpunkt überzeugend darzulegen, drohte Ildira die völlige Vernichtung.

1 * KÖNIG PETER

Ein schwerer Transporter mit dem Logo der Terranischen Verteidigungsflotte landete auf dem Platz des Flüsterpalastes, begleitet von einem Jubel, der fast das Fauchen der Landedüsen übertönte. Eine Ehrenwache schuf einen sicheren Korridor durch die begeisterten Zuschauer in Richtung Shuttle und legte für König Peter und Königin Estarra einen purpurroten Teppich aus.

Das Paar ging im Gleichschritt, und der junge König sprach aus dem Mundwinkel, damit keiner der professionellen Horcher ihn hörte. »Ich habe nur selten Gelegenheit, gute Nachrichten zu verkünden, die nicht vollkommen verlogen sind.«

Beide wussten, dass Basil Wenzeslas sie beobachtete und bei der geringsten falschen Bewegung eingreifen würde, deshalb antwortete Estarra ebenso vorsichtig: »Wir mussten viel zu oft über den Tod von Soldaten sprechen. Viel besser ist es, zurückkehrende Helden zu begrüßen.«

So lange nach der Schlacht von Osquivel hatte niemand mit überlebenden TVF-Soldaten gerechnet. Man war davon ausgegangen, dass die vermissten Männer und Frauen von den Hydrogern getötet worden waren. Jetzt traten dreißig im Sonnenschein des Palastdistrikts blinzelnde Überlebende die Ausstiegsrampe herunter und drängten nach vorn, als könnten sie es gar nicht abwarten, die Luft der Erde zu atmen. Die lächelnden Soldaten trugen neue Uniformen, die sie von der Rettungscrew bekommen hatten. Den Berichten zufolge hatten sie bei der ersten Gelegenheit die von den »Kerkermeistern« – oder waren es »Gastgeber«?, fragte sich Peter – der Roamer stammende Kleidung in die Recycler geworfen.

Die Wächter konnten die begeisterte Menge kaum zurückhalten und ließen ausgewählte VIPs und Angehörige passieren. Während des Rückflugs hatte die frühere Vorsitzende Maureen Fitzpatrick die Namen der Geretteten übermittelt. Aufgeregte Familienangehörige eilten von einem Überlebenden zum nächsten, bis sie die gesuchte Person gefunden hatten.

Trotz des überschwänglichen Empfangs wusste Peter, wie peinlich es der Hanse war, dass man Überlebende gefunden hatte. Der Kampf der TVF gegen die Hydroger bei Osquivel war eine absolute Katastrophe gewesen und mit einem hastigen Rückzug beendet worden. Viele verwundete Soldaten waren an Bord von beschädigten Schiffen und Rettungskapseln zurückgelassen worden. Doch ein Haufen Roamer hatte sie gerettet. Maureen Fitzpatrick und die Familien der Vermissten waren zum fernen Ringplaneten geflogen, um dort ein Ehrenmal zu errichten. Durch Zufall hatten sie dort die Roamer-Werften entdeckt und die Gefangenen befreien können.

Zweifellos wäre es möglich gewesen, noch viel mehr Soldaten zu retten, wenn die TVF sie nicht einfach im Stich gelassen hätte. Nach diesem freudigen Ereignis würden die Leute damit beginnen, sich Fragen zu stellen. Du stehst ziemlich dumm da, Basil, dachte Peter und begriff: Bei solchen Gelegenheiten war der Vorsitzende besonders gefährlich.

»Beachten Sie den Zeitplan«, kam Basils Stimme aus dem kleinen Ohrempfänger. »Dies dauert zu lange.«

Peter drückte Estarras Hand, wandte sich dem Transporter zu und wartete auf das Hauptereignis. Die Menge schien etwas zu ahnen und wurde still. Mit einem dumpfen Brummen öffnete sich die Frachtluke, und Metall kratzte über Metall. Das Licht von Scheinwerfern erstrahlte. Soldaten und Frachtarbeiter bedienten die Kontrollen von Hebegeräten und Antigravs, wirkten dabei wie Tierbändiger, die ein gefesseltes prähistorisches Ungeheuer aus dem Bauch des Transporters holten.

Ein kleines Schiff der Hydroger.

Roamer hatten es nach der Schlacht in den Ringen von Osquivel gefunden. Die Kugel durchmaß weniger als zehn Meter, aber die Menge schnappte verblüfft und auch furchterfüllt nach Luft.

Als das kleine Hydroger-Schiff zu Boden gelassen wurde, näherte sich Maureen Fitzpatrick zusammen mit ihrem Enkel, einem der dreißig Überlebenden, dem königlichen Paar. Sie schüttelte Peter so die Hand, als wäre er ein Geschäftspartner. Als frühere Vorsitzende der Hanse wusste Maureen, wie wenig Macht Peter tatsächlich hatte. Ihr war aber die Notwendigkeit klar, den Schein zu wahren. »Wir mussten die Roamer für dieses Schiff entkommen lassen, Majestät. Ich hoffe, Sie halten das wie ich für einen akzeptablen Preis.«

»Ich bin sicher, dass uns von den Roamern keine besondere Gefahr droht.« Peter hielt die jüngsten Aktionen gegen sie für eine Vergeudung wichtiger militärischer Ressourcen. Ein weiterer von Basils Fehlern. »Sie haben die richtige Entscheidung getroffen. Jetzt können wir ein intaktes Schiff der Hydroger untersuchen. Ich werde dafür sorgen, dass Sie die verdiente Anerkennung bekommen.«

Es erfüllte Maureen mit tiefer Zufriedenheit, wieder im Rampenlicht zu stehen. Sie sah aus wie eine dickliche Katze, die gerade einen besonders leckeren Kanarienvogel verschluckt hatte.

Estarra musterte den stillen Enkel der früheren Vorsitzenden. »Sie wirken zerstreut, Mr. Fitzpatrick. Geht es Ihnen nicht gut?«

»Entschuldigung. Ich … habe an jemanden gedacht.«

»All dieses Gerede über die Roamer muss sehr belastend für ihn sein.« Maureen berührte den jungen Mann am Arm. »Er und die anderen TVF-Überlebenden brauchen einen langen Urlaub, König Peter. Hoffentlich kann ich General Lanyan dazu bewegen.«

Wissenschaftler der Hanse eilten in die Sicherheitszone, erpicht darauf, mit der Untersuchung des fremden Schiffes zu beginnen. Der technische Spezialist Lars Rurik Swendsen wirkte wie ein Kind, das sich anschickte, sein größtes Weihnachtsgeschenk auszupacken. »Sehen Sie nur! Es ist perfekt! Wenn alle Systeme funktionieren, sollten wir in der Lage sein, sie für unsere Zwecke nachzubauen. Dies könnte zu einem enormen technischen Durchbruch führen, vergleichbar mit dem Bau von Soldaten-Kompis auf der Grundlage von Klikiss-Robotertechnik. Oder mit den Transportalen der Klikiss. Stellen Sie sich das nur vor!« Der große Schwede wirkte, als würde er jeden Augenblick zu tanzen beginnen.

»Wir haben auch Aufzeichnungen der ersten von einem Roamer-Techniker durchgeführten Analysen«, sagte Maureen. »Einige der Daten könnten sich als nützlich erweisen.«

Würdenträger kamen, um sich neben dem Hydroger-Schiff den Medien zu zeigen. In letzter Zeit hatte es viele schlechte Nachrichten gegeben. Die Reporter und Journalisten würden sich auf diese gute Geschichte stürzen, so wie sie zuvor die unbestätigten Meldungen von der Schwangerschaft der Königin verbreitet hatten.

Trotzdem: Das kleine Kugelschiff erinnerte daran, dass die Hydroger jederzeit die Erde angreifen konnten. Peter dachte an Basil, der sich in den Schatten des Palastes verbarg, und dachte: Aber es wäre eine erfrischende Abwechslung, mit einem Feind konfrontiert zu werden, der sich nicht davor fürchtet, einem gegenüberzutreten.

2 * ADMIRAL LEV STROMO

Der Manta raste durchs All, um überlebende »Dunsel«-Kommandanten der Rammschiff-Flotte zu retten. Inzwischen mussten die sechzig Kamikazeschiffe den Drogern bei Qronha 3 einen schweren Schlag versetzt haben.

Der Sternenantrieb des Kreuzers arbeitete mit maximalem Schub. Schwitzende Techniker und Soldaten-Kompis überwachten die Systeme und hielten nach Überladungen Ausschau. Admiral Stromo lag siebzehn Stunden hinter seinem Zeitplan – vor dem Start hatte er darauf bestanden, alle Checklisten durchzugehen, als handelte es sich um einen Ausbildungseinsatz und keine eilige Rettungsmission. Aber die Fluchtkapseln sollten über genug Luft, Nahrung und Wasser verfügen, um das Überleben der sechs menschlichen Kommandanten für mindestens einen weiteren Tag zu gewährleisten, vielleicht auch für zwei. Es blieb Stromo also Zeit genug.

General Lanyan wünschte sich eine Gelegenheit, die neuen Rammschiffe der Terranischen Verteidigungsflotte einzusetzen, und deshalb hatte er die Chance sofort genutzt, als die Hydroger die Wolkenmine der Hanse über Qronha 3 angriffen. Die stark gepanzerten Schiffe, deren Besatzungen fast ganz aus Soldaten-Kompis bestanden, waren für Kollisionen mit den Kugelschiffen des Feinds bestimmt. Für die menschlichen Kommandanten gab es eine Möglichkeit, sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, mit Rettungskapseln, die der Manta-Kreuzer später aufnehmen sollte. Ein perfekter Plan, rein theoretisch.

Der Admiral schlief tief und fest in seiner privaten Kabine und überließ die administrativen Details dem diensthabenden Offizier. Als das Wecksignal erklang, dachte Lanyan, dass einem Gitter-Admiral einige zusätzliche Stunden Schlaf gestattet sein sollten. Er verließ die gepolsterte Koje, rieb sich die Augen und bereitete sich auf den Dienst vor. Man erwartete von ihm, der Truppe ein gutes Beispiel zu geben, aber er wäre viel lieber zu Hause geblieben. Stromo eignete sich mehr für Verwaltung, Politik und Büroarbeit. Zweifellos gab es andere TVF-Offiziere, die sich unbedingt einen Namen machen wollten, um schneller befördert zu werden. Wäre einer von ihnen für diese Mission nicht besser geeignet gewesen?

Aber jetzt war er hier. Er hatte seine Befehle und musste die Sache hinter sich bringen, bevor er heimkehren konnte.

Stromo wusch sich das Gesicht mit Wasser aus dem kleinen Becken. Als er sich die Wangen rieb, fühlte er Bartstoppeln, beschloss aber, noch einen Tag zu warten, bevor er eine neue Dosis des Anti-Bart-Hormons nahm. Die Tabletten bereiteten ihm Magenbeschwerden, doch noch ärgerlicher war es, sich rasieren zu müssen.

Er zog eine saubere Uniform an, beugte sich dann zum Spiegel vor und erhöhte die Vergrößerungsstufe. Unter dem fleischigen Kiefer zeigte sich ein zusätzliches Kinn, das gut zu seinem wachsenden Bauch passte. Die Augen wirkten verschwollen, aber nicht aus Schlafmangel. Vielleicht sollte er sich mehr Bewegung beschaffen, sobald er Zeit dafür fand.

Stromo hatte nie beabsichtigt, noch einmal in den Kampf zu ziehen, hatte nicht mit der Notwendigkeit gerechnet. Aber seit dem Beginn des Hydroger-Kriegs entwickelten sich die Dinge in seinem Leben kaum mehr so, wie er es sich wünschte. Er wusste, dass man hinter seinem Rücken über ihn lachte und ihn »Bleib-zu-Hause-Stromo« nannte, weil ihm der Schreibtisch lieber war als das Schlachtfeld. Aber irgendwann wurden einem Komfort und Verlässlichkeit wichtiger als Stolz und Ehrgeiz.

Die glühenden Ziffern am Schott erinnerten ihn daran, dass ihm nur noch einige Minuten blieben, um die Brücke zu erreichen, wenn er von dort aus die Ankunft bei Qronha 3 beobachten wollte. Beim wichtigen Teil dieser lästigen Mission sollte er im Kommandosessel sitzen. Stromo kämmte sein kurzes, eisengraues Haar, atmete tief durch und rückte die Medaillen zurecht – die meisten von ihnen hatte er wegen seines Dienstalters bekommen, oder dafür, weil er zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen war. Bereit für den Dienst.

Mit langen Schritten ging er durch den Korridor, der Rücken gerade und die Schultern straff, das Kinn nach vorn geschoben, wie bei einem als sportliche Übung dienenden Powerwalk. Er kam an mehreren Soldaten-Kompis vorbei, nickte ihnen aus reiner Angewohnheit zu und war keineswegs überrascht, als sie den Gruß nicht erwiderten. Dinge wie Höflichkeit und dergleichen waren in der militärischen Programmierung der Soldaten-Kompis nicht vorgesehen.

Sie ersetzten menschliche Besatzungsmitglieder und erreichten fast die Größe eines durchschnittlichen Mannes. Arme und Beine waren besonders dick, der Rumpf gepanzert. Eine verstärkte Muskulatur und die synthetische Haut machten die Roboter ausdauernder und kräftiger als menschliche Soldaten, weniger anfällig für Verletzungen. Es kam einer Erleichterung gleich zu wissen, dass sich so viele von ihnen an Bord befanden.

Stromo betrat die Brücke und ließ seinen Blick über die dortige Crew streichen. Die seltsame junge grüne Priesterin Clydia saß an ihrer Station, berührte den Schössling und schien wie üblich mit offenen Augen zu träumen. Die haarlose Frau trug nur Shorts und ein weites Hemd, weder Schuhe noch Insignien – wenn man von den zahlreichen Tätowierungen auf ihrer smaragdgrünen Haut absah. Stromo hielt grüne Priester für kaum mehr als primitive Wilde, aber er war dankbar dafür, dass ihnen Clydia verzögerungsfreie Kommunikation ermöglichte. Bei anderen Kriegsschiffen nahm die Übermittlung von Nachrichten enorm viel Zeit in Anspruch.

Außer der grünen Priesterin befanden sich ein hochgewachsener ägyptischer Waffenoffizier namens Anwar Zizu, der mit Erscheinungsbild und Verhalten den Eindruck erweckte, aus Eichenholz geschnitzt zu sein, und ein Kommunikationsoffizier auf der Brücke, an den sich Stromo nicht erinnerte, daneben zwei Techniker, die die Kontrollen der Sensoren und Scanner bedienten, und einige Soldaten-Kompis an den übrigen Stationen. Als niemand auf seine Ankunft reagierte, räusperte sich Stromo demonstrativ. Eine junge Ensign, die die Navigationsstation übernommen hatte – Terene Mae, wenn er sich richtig an den Namen erinnerte – nahm Haltung an. »Admiral auf der Brücke!«

Commander Elly Ramirez drehte sich in ihrem Sessel. »Wir nähern uns dem Qronha-System, Sir.«

»Dies ist nichts weiter als Routine.« Stromo übernahm den Kommandosessel von Ramirez. »Wir sammeln die Fluchtkapseln ein und fliegen zurück zur Erde. Unterwegs können uns die Dunsel-Kommandanten einen detaillierten Bericht geben.«

Ramirez lächelte. »Ich freue mich schon darauf, Commander Tamblyn wieder an Bord zu haben, Sir. Es hat sich nie richtig angefühlt, ihren Manta-Kreuzer zu übernehmen.«

»Sie haben nur Ihre Befehle befolgt, Commander Ramirez. Als Roamerin eignete sich Tamblyn nicht für unsere jüngsten Missionen.« Stromo wollte nicht noch mehr darüber hören, sah auf den Bildschirm und bemerkte die Scheibe eines Gasriesen. Auf der rechten Seite leuchtete das Zentralgestirn des Sonnensystems. »Ist das Qronha 3?«

Einer der Sensortechniker aktivierte einen Filter, der das solare Gleißen dämpfte. »Ja, Sir. In einer knappen Stunde sollten wir in Reichweite sein.«

»Irgendwelche Notrufe? Peilsignale von den Fluchtkapseln?«

»Wir sind noch zu weit entfernt, Sir«, sagte Ramirez. »Die Leistung des Kapselsenders ist begrenzt.«

Stromo lehnte sich zurück. »Weitermachen.« Für eine Weile war das Summen des Schiffes friedlich und entspannend, und einmal nickte er kurz ein. Er rieb sich die Augen, kämpfte gegen die Müdigkeit an und hoffte, dass er nicht geschnarcht hatte.

»Noch immer nichts«, sagte der Kommunikationsoffizier.

»Wir sondieren mit den Fernsensoren und suchen mit ihnen nach Trümmern oder Triebwerksspuren«, meldete der Sensortechniker.

Stromo runzelte die Stirn. »Wenn sechzig Rammschiffe mit Droger-Kugeln kollidiert sind, sollte es zu einem ziemlichen Feuerwerk gekommen sein. Haben Sie noch keine Residualenergie oder Radioaktivität entdeckt?«

»Nein, Sir. In den oberen Atmosphäreschichten des Gasriesen gibt es schwache Spuren, aber sie scheinen von Komponenten der Wolkenmine zu stammen. Es lassen sich weder Rammschiffe noch ildiranische Einheiten orten.«

Die Falten fraßen sich tiefer in Stromos Stirn. »Es muss doch etwas da sein. Wir sind nur einen Flugtag hinter den Rammschiffen.«

Als sie kurze Zeit später den Gasriesen erreichten, fanden sie dort nichts: keine Fluchtkapseln, keine Hinweise auf Explosionen, keine Wracks. »Suchen Sie weiter«, brummte Stromo. »Sechzig Rammschiffe können doch nicht einfach spurlos verschwinden.«

3 * WEISER IMPERATOR JORA'H

Kugelschiffe der Hydroger schwebten am Himmel von Ildira, dazu bereit, den Prismapalast zu zerstören. Selbst im Licht der sechs verbliebenen Sonnen fühlte sich Jora'h so, als wäre ein schwerer Schatten auf seinen privaten Raum in der Himmelssphäre gefallen.

Er war zu seinem Podium im großen Palast zurückgekehrt und rechnete damit, dass die Hydroger einen Gesandten schickten. Wenn das geschah, stand Jora'h das wichtigste Gespräch in der ildiranischen Geschichte bevor. Nie zuvor hatte ein Weiser Imperator eine so gefährliche und erschreckende Krise zu bewältigen. All die Jahrhunderte der Planungen und Intrigen erschienen jetzt völlig unzureichend. Jora'h saß in seinem Chrysalissessel und schauderte angesichts der bitteren Erkenntnis, dass sich das Ildiranische Reich verändern würde.

Seine Tochter Osira'h hatte die Hydroger nach Ildira gebracht, wie von ihm erhofft. Und jetzt?

Dem Weisen Imperator stand eine Konfrontation mit Wesen bevor, die so mächtig waren, dass sie Sonnen erlöschen lassen konnten. Vor zehntausend Jahren hatten sie mehrere Zivilisationen im Spiralarm vernichtet. Was konnte Jora'h solchen Geschöpfen anbieten?

Wir haben dies selbst herausgefordert, dachte er.

Mit Klikiss-Robotern als Vermittler hatten Hydroger und Ildiraner vor langer Zeit eine Art Nichtsangriffspakt geschlossen, der vor kurzem verletzt worden war, aus Gründen, die Jora'h nicht verstand. Die verräterischen Roboter hatten sich gegen Ildira gewandt und verfolgten nun eigene Ziele.

Doch mit Osira'h brauchte der Weise Imperator keine anderen Vermittler. Sie war die Brücke. Jora'h wusste nicht, wie das Mädchen die Fremden dazu gebracht hatte, nach Ildira zu kommen, und er verstand auch nicht ganz Osira'hs besondere Fähigkeiten, die ihr offenbar eine Kommunikation mit den Hydrogern gestatteten. Als die Fremden mit ihr aus den Tiefen des Gasriesen aufgestiegen waren, hatte sie ihm eine kurze, schreckliche Nachricht übermittelt: Sie verlangen, dass du ihnen dabei hilfst, die Menschheit auszulöschen. Wenn du nicht einverstanden bist, wird niemand von uns überleben. Worte wie eine kristallene Sense, die alle seine Hoffnungen zerschnitt …

Ein Kurier eilte in den vom Sonnenschein erhellten Raum. »Adar Zan'nh besteht auf einer Unterredung mit Ihnen, Herr! Sein Manipel aus Kriegsschiffen erwartet Ihre Befehle. Soll er das Feuer auf die Hydroger eröffnen?«

Jora'h nahm das Kommunikationsgerät von dem flinkfüßigen Mann entgegen. Ein Bild seines ältesten Sohns entstand, des Kommandeurs der Solaren Marine. Zan'nh wirkte hohlwangig, aber sein Gesicht brachte auch Pflichtbewusstsein und Entschlossenheit zum Ausdruck. Sein Haarknoten war nach hinten geschoben und geölt; ein Insignienband hielt ihn zusammen. »Mein Manipel ist bereit, Ildira zu verteidigen, Herr. Du brauchst nur den Befehl zu geben.«

Wir werden nicht kapitulieren und uns irgendwo verkriechen, um auf den Tod zu warten. Trotz der Überlegenheit der Kugelschiffe konnte die Solare Marine erheblichen Schaden anrichten. Das sollte auch den Hydrogern klar sein.

»Dann käme es zu einem Massaker, Adar. Nein, kein Angriff. Zieh die Kriegsschiffe auf eine sichere Entfernung zurück und halte dich dort in Bereitschaft. Ich rechne bald mit dem Eintreffen eines Gesandten der Hydroger. Immerhin sind die Kugelschiffe auf meine Bitte gekommen.«

Die Worte klangen unmöglich, als er sie aussprach. Wenn Jora'h hier versagte, drohte dem ganzen Ildiranischen Reich der Untergang. Dann würden seine glühenden Knochen nie bei denen der Vorfahren ruhen, im Ossarium unter dem Prismapalast. Und seine Seele würde vermutlich blind die Reise zur Sphäre der Lichtquelle antreten.

Mit offensichtlichem Widerstreben bestätigte Zan'nh und unterbrach die Verbindung. Der Kurier nahm das Kommunikationsgerät entgegen, verneigte sich förmlich und lief besorgt zum Audienzsaal zurück.

Die kleine Osira'h saß neben Jora'h auf der Treppe und blickte zur gewölbten Decke hoch. Buntes Licht fiel durch die segmentierten Kristallflächen und schien sich zu bewegen, als wäre das Mädchen imstande, nicht nur Gedanken zu beeinflussen, sondern auch das Licht. »Der Gesandte ist unterwegs.«

»Hast du ihn gerufen?«, fragte Jora'h. Er hatte noch keine Zeit gefunden, seine Tochter von ihren Erlebnissen berichten zu lassen. »Kannst du die Fremden beeinflussen?«

Osira'h schenkte ihm ein seltsames, geheimnisvolles Lächeln. »Die Hydroger glauben, dass sie aus freiem Willen handeln. Aber ich denke, da irren sie sich. Ich verstehe sie jetzt besser, und sie verstehen mich. Sie können meine Gedanken lesen, doch das fällt ihnen nicht leicht.«

Die kleine Osira'h wirkte erschöpft, aber in ihren großen Augen schuf das Licht sonderbare Reflexe. Das Gesicht war noch immer kindlich und unschuldig – bis man genauer hinsah. Die Kommunikation mit den Hydrogern musste für dieses kleine Mädchen enorm anstrengend gewesen sein; vielleicht hatte es dabei seine Seele verloren.

Jora'h wünschte sich, ebenso stark zu sein. »Ich bin bereit für den Gesandten. Kannst du mir helfen?«

Osira'h blickte in die Ferne. »Der Hydroger wird mit dir sprechen, und du sprichst mit ihm. Ich werde seine Gedanken zu meinen eigenen nehmen, und er wird meine hören.« Ein seltsames Lächeln umspielte ihre Lippen. »Ich werde ihm keine Wahl lassen. Als ich eine Brücke geworden bin, sind Verbindungen entstanden. Ich habe mir einen Weg ins Bewusstsein der Hydroger gebahnt und mich ihnen geöffnet. Ich habe dafür gesorgt, dass sie hierherkamen. Ein Teil davon ist Zwang, ein anderer … Verlockung. Aber ich kann sie nicht zwingen, zuzuhören oder einverstanden zu sein.«

»Das ist meine Aufgabe.«

Die vielen Weisen Imperatoren vor Jora'h hatten auf diesen Tag hingearbeitet, aber er fühlte sich trotzdem ungenügend vorbereitet. Er fürchtete das, was er den Hydrogern versprechen musste, damit sie die Ildiraner in Ruhe ließen.

Plötzlich zuckte es im Gesicht des Mädchens wie von jähem Schmerz, und dann glätteten sich Osira'hs Züge wieder. »Ich habe dem Gesandten eine akzeptable Route durch den Palast gezeigt. Andernfalls hätte er die Kuppel der Himmelssphäre durchstoßen. Hydroger mögen keine Hindernisse.«

Jora'h spürte die beunruhigende Präsenz, wie ein Schimmern in der Luft und im Licht. Er stand auf und trat neben Osira'h – er wollte dem Emissär gegenüber nicht schwach erscheinen.

Eine kleine Ambientalzelle schwebte durch den großen Torbogen. Osira'h richtete den Blick darauf, gefangen zwischen zwei gegensätzlichen Kräften. Im Innern der Zelle bildeten superdichte Gase wogende Schleier, die bestrebt zu sein schienen, den Hydroger zu verhüllen. Das fremde Wesen erweckte den Eindruck, aus flüssigem Metall zu bestehen, das sich zu einer humanoiden Gestalt formte. Es umgab sich mit der Nachbildung eines bestickten Overalls mit vielen Taschen und Reißverschlüssen. Das Gesicht war menschlich, das Haar lang, aber wie aus Quecksilber. Offenbar hatten die Hydroger dieses Erscheinungsbild von einem ihrer ersten Opfer kopiert.

Die Stimme des Gesandten war ein pulsierendes Summen – er schien die Luftmoleküle zu manipulieren, anstatt ein Lautsprechersystem zu benutzen. »Wir sind gekommen. Möchten Sie vernichtet werden?« Es klang nicht nach einer Drohung, sondern wie eine legitime Frage.

Der Weise Imperator stand mit hoch erhobenem Kopf da und sprach ruhig, obwohl er sich von einer jähen Flut erfasst fühlte und nach einer Rettungsleine suchte. »Ich habe Sie hierhergebeten, um über Frieden zwischen Hydrogern und Ildiranern zu sprechen.«

»Der Frieden mit den Ildiranern nützt uns nichts.« Es beunruhigte Jora'h zu sehen, dass sich Osira'hs Lippen synchron zu den Worten bewegten. Sie schien mit dem Gesandten verbunden zu sein. »Unser Krieg galt den Verdani. Jetzt kämpfen wir auch gegen die abtrünnigen Faeros. Und wir haben vor kurzer Zeit erfahren, dass die Wentals zurück sind. Die Ildiraner sind nur ein kleiner Störfaktor für uns.«

Die Hydroger machen sich ebenso schnell Feinde, wie Erstdesignierte Sexualpartnerinnen bekommen, dachte Jora'h. »Wir wissen, dass die Faeros den Hydrogern große Verluste zugefügt haben.«

»Die Verluste der Faeros waren noch größer. Und die Ildiraner werden alles verlieren, wenn sie uns in die Quere kommen.« Der Gesandte sprach in einem völlig gleichgültigen Ton.

»Ich erinnere Sie an unsere alte Übereinkunft, die Sie offenbar vergessen haben«, sagte Jora'h. Er dachte an die erbarmungslosen Angriffe der Hydroger auf ildiranische Kolonien – Angriffe, die keinen Sinn ergaben.

»Nur wegen jener alten Vereinbarung sind wir zu dieser Begegnung bereit gewesen. Aber die Klikiss-Roboter sprechen nicht mehr für Sie.«

»Osira'h spricht jetzt für uns. Wir möchten die Friedensbedingungen besprechen.« Das auf der Treppe sitzende Mädchen sah auf, als erwartete es eine Lösung vom Weisen Imperator. Wenn es nur so einfach gewesen wäre!

»Sie haben nichts, das für uns von Interesse wäre«, erklang die Stimme des Hydrogers.

Jora'h überlegte, wie er die Meinung des Gesandten ändern konnte. Er wusste nicht, auf welche Weise es damals den Klikiss-Robotern gelungen war, die Hydroger von weiteren Angriffen auf die Ildiraner abzubringen. Wie hatten sie die Fremden aus den Tiefen der Gasriesen überzeugt? Erneut verfluchte Jora'h seine Vorfahren, weil sie so viel geheim gehalten und die Aufzeichnungen in der Saga der Sieben Sonnen zensiert hatten. Ohne jenes Wissen befand er sich jetzt in einer sehr schwierigen Situation.

Der Weise Imperator erinnerte sich an Adar Kori'nhs überraschenden Erfolg – ihm war es gelungen, bei Qronha 3 zahlreiche Kugelschiffe der Hydroger zu zerstören. Vielleicht ließ sich der Tenor der Verhandlungen mit einer Erinnerung an Stärke verändern. Jora'h hob die Stimme und sprach voller Selbstbewusstsein. »Ihre Kugelschiffe haben großen Schaden auf ildiranischen Splitter-Kolonien angerichtet, und unsere Solare Marine hat viele Ihrer Schiffe zerstört. Solche Entwicklungen nützen weder Ihnen etwas noch uns.«

»Auf Planeten lebende Spezies stören nur und verbreiten verderblichen Einfluss. Sie verstehen nichts. Ihre Streitereien und banalen Konflikte lenken uns von unseren wahren Feinden ab.«

Die Worte gaben Jora'h einen Ansatzpunkt. »Die Menschen setzen weiterhin ihre Klikiss-Fackeln gegen Planeten der Hydroger ein. Wie viele Ihrer Welten sind bereits vernichtet, und wie viele von Ihnen starben dabei?« Er hob die Hand. »Ich kann dafür sorgen, dass die Menschen ihre Angriffe einstellen.«

»Wir werden dafür sorgen, dass sie aufhören. Indem wir sie auslöschen.« Der Gesandte glitt zur gewölbten Wand der Ambientalzelle. »Vor langer Zeit haben wir den Klikiss-Robotern dabei geholfen, das Volk ihrer Schöpfer zu vernichten. Jene Auslöschung ist ein geeignetes Modell für alle zukünftigen Konflikte.« Ein kalter, metallener Blick durchdrang die Schlieren des superdichten Gases. »Da wir nach Ildira gekommen sind … Es wäre durchaus effizient, diese Gelegenheit für die Vernichtung des ildiranischen Volkes zu nutzen.«

4 * JESS TAMBLYN

Jess verließ Jonah 12, wo Klikiss-Roboter einen Stützpunkt der Roamer zerstört hatten. Sein wie Perlmutt glitzerndes Wasser-Schiff beschleunigte, und das dunkle System blieb rasch hinter ihm zurück. Im Innern des lebenden Raumschiffs befanden sich ein kleines, beschädigtes Schiff und zwei verletzte Passagiere, einer von ihnen Cesca – sie starb.

Jess schwamm im vitalen Wasser, blickte durch ein Bullauge der Aquarius und sah den arg mitgenommenen Nikko Chan Tyler. Der junge Pilot beugte sich über die Frau, die Jess liebte, konnte ihr aber kaum helfen. Sie lag auf dem Deck, blass und bewusstlos. Beim Absturz der Aquarius hatte sie schwere innere Verletzungen erlitten; es grenzte an ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebte.

Nikko kümmerte sich trotz der eigenen schmerzhaften Wunden um sie und schien in den letzten Stunden um ein Jahrzehnt gealtert zu sein. Der junge Mann hatte sich die Hand verstaucht, und hinzu kamen zahlreiche blaue Flecken, Abschürfungen und einige gebrochene Rippen – alles Dinge, die sich mit dem Inhalt der Erste-Hilfe-Pakete behandeln ließen –, aber er war nicht einmal von Cescas Seite gewichen. Jess wünschte sich verzweifelt, sie selbst berühren zu können, wenn auch nur, um ihre Hand zu halten.

Doch als er Teil der Wentals geworden war, hatte er viel von seiner Menschlichkeit aufgegeben. Es war die einzige Möglichkeit gewesen, am Leben zu bleiben. Auf keinen Fall wollte er Cesca verlieren! Inzwischen waren die Wentals schon seit einer ganzen Weile Teil seines Körpers – sie hatten ihn grundlegend verändert, obwohl er die mächtigen Fremden immer noch nicht verstand. Jess hatte die Wentals gebeten, eine nahe Roamer-Basis zu suchen, oder eine Hanse-Kolonie mit einem medizinischen Zentrum. Aber alle derartigen Einrichtungen waren zu weit entfernt.

Warum halfen die Wentals Cesca nicht? Jess wusste, dass sie dazu imstande waren.

Vor Jahren hatten sie ihn gerettet, mit einer Veränderung seiner Körperchemie. Jess war von ihnen in einen seltsamen Dynamo verwandelt worden, dessen Berührung jeden anderen Menschen töten konnte. Mit seinen neuen Kräften war er imstande, Großes zu leisten und sogar zu einer wirkungsvollen Waffe im Krieg gegen die Hydroger zu werden.

Doch einige der einfachsten Dinge blieben ihm verwehrt. Was nützten ihm seine neuen Fähigkeiten, wenn er auf das verzichten musste, was er sich am meisten wünschte? Wie sehr er sich danach sehnte, Cesca in den Armen zu halten und ihre Schmerzen zu lindern! Er konnte nicht einmal die kalte, feuchte Stirn der Sterbenden berühren. Aber er wollte ihr wenigstens so nahe wie möglich sein.

Er schwamm durchs warme Wasser, passierte die Luftschleuse der Aquarius und stand tropfnass auf dem Deck. Hauchdünne weiße Kleidung haftete an ihm, und sein Haar bewegte sich wie Tang in der Strömung. Nikko sah voller Hoffnung zu ihm auf und schien zu glauben, dass Jess ein Wunder vollbringen konnte. Doch ein solches Wunder gehörte nicht zu seinen Möglichkeiten.

»Ich habe in der medizinischen Datenbank nachgesehen, Jess, aber ich bin einfach nicht in der Lage, ihr zu helfen.« Nikko hob den frisch bandagierten Arm. »Beim Leitstern, ich kann gerade so mit einem verstauchten Handgelenk fertig werden. Cesca hat zahlreiche innere Verletzungen erlitten. Bestimmt gibt es innere Blutungen, und ich nehme an, ein Lungenflügel ist perforiert. Es sieht ziemlich übel aus.«

Mit der unverletzten Hand verabreichte er Cesca ein Stimulans, um die schlimmsten Auswirkungen des Schocks zu neutralisieren. Cesca kam dem Wachsein etwas näher und begann zu husten. Blut schäumte zwischen ihren Lippen. Das Wasser-Schiff raste mit unvorstellbarer Geschwindigkeit durch den interstellaren Raum, aber Jess wusste: Es konnte nicht rechtzeitig einen Planeten erreichen, auf dem es medizinische Hilfe gab. Cesca würde sterben, wenn die Wentals ihr nicht halfen.

»Sie muss überleben, Nikko.« Jess ballte die Fäuste und fühlte sich hoffnungslos isoliert. Er konnte Cesca nicht einmal berühren! »Sie … ist die Sprecherin der Roamer.« Es klang nach einem vernünftigen Grund, aber noch viel wichtiger war der Umstand, dass Jess sie liebte.

Die Stimme der Wentals erklang hinter Jess' Stirn. Die Frau wird bald sterben.

Jess fühlte Ärger, weil sich die fremden Wesen darauf beschränkten, Offensichtliches festzustellen. »Rettet sie.«

Gewisse Dinge können nicht geändert werden.

Jess suchte nach dem Ursprung der Stimme, als wäre ein ganz bestimmter Wental die Quelle des Pessimismus. »Und manche Dinge können geändert werden.« Elementare Kraft ließ seine Stimme so laut von den Wänden der Aquarius widerhallen, dass sich Nikko duckte. »Ich gebe ihr Wental-Wasser zu trinken, so wie ich es selbst trank! Dann seid ihr in ihrem Körper und könnt ihr helfen.«

Allein der Kontakt mit Wental-Wasser wird sie nicht aufdie Weise verändern, wie wir dich veränderten. Es muss ein bewusster Vorgang unsererseits sein.

»Dann fangt damit an. Ihr ahnt nicht, wie viel mir die Frau bedeutet.«

Wir wissen, wie viel sie dir bedeutet. Wir verstehen.

»Warum weigert ihr euch dann, mir zu helfen? Ihr habt mich gerettet, warum nicht auch sie?« Jess verdankte den Wentals alles, aber jetzt hasste er sie fast.

Es war notwendig, dich zu retten. Ohne dich wären wir ausgestorben. Doch diese Frau spielt für unsere Entwicklung keine Rolle.

»Sind die Wentals so egoistisch? Geht es ihnen nur darum, was für sie wichtig ist? Cesca ist für mich wichtig, und wenn ihr Hilfe verweigert … Woher soll ich dann wissen, dass ihr es so gut meint, wie ihr behauptet? Vielleicht seid ihr so böse wie die Hydroger, nur verschlagener.« Nie zuvor hatte sich Jess gestattet, über diese Möglichkeit nachzudenken.

Du weißt, dass das nicht stimmt, Jess Tamblyn.

Verzweiflung trieb ihn an. »Ich weiß, dass Cesca sterben wird – und dass sich meine Verbündeten weigern, ihr zu helfen.«

Hilflos und voller Kummer umgab Nikko die reglose Cesca mit Kissen und rückte ihre Decke zurecht. »Warum unterscheidet sich dies von der Art und Weise, wie sich grüne Priester mit dem Weltwald verbinden? Die Bäume machen, was sie wollen; sie haben damit keine Probleme. Sind die Wentals nicht ähnlich?«

Unsere Verbindungen sind nicht mit denen zwischen Verdani und grünen Priestern zu vergleichen. Die Weltbäume sind passiv, ihre Vereinigungen symbiotischer Natur. Die Wentals sind flüssig, unkontrollierbar und empfindlich. Eigennütziges Handeln bringt Verderblichkeit. Als wir dich verändert haben, veränderten wir auch uns selbst. Manchmalkommt es dabei zu verzerrten Reaktionen. Du ahnst nicht die zerstörerische Kraft eines verdorbenen Wentals. Die Gefahr ist groß.

»Welche Gefahr?«, fragte Jess. Er dachte nur an Cesca.

Sieh nur deine eigene Veränderung. Du weißt, wie viel du verloren hast.

»Das alles spielt keine Rolle, wenn ich Cesca verliere.« Eine plötzliche Erkenntnis funkelte in Jess. »Aber wenn ihr sie auf die gleiche Weise rettet wie mich … Dann ist sie wie ich. Dann bin ich nicht mehr allein. Macht sie zu meiner Artgenossin.«

Eine Zeit lang herrschte Stille, und dann antworteten die Wentals: Wir können sie nicht einfach so verwandeln. Es muss ihre Wahl sein, und unsere, bevor sie sich verändert.

Vor Jess' innerem Auge entstand das Bild eines sturmgepeitschten, leblosen Ozeans – die erste Welt, zu der er die Wentals gebracht hatte. Das ist unsere nächste Welt. Flieg zu unserem primären Meer. Dort entscheiden wir über das Schicksal der Frau.

5 * RLINDA KETT

Die wiederbelebte Frau mit der schneeweißen Haut stand in der Wasserminen-Höhle unter dem Eis von Plumas. Ein seltsames Feuer brannte in ihren nicht mehr menschlichen Augen. Karla Tamblyns Haar knisterte und bewegte sich wie im Wind.

»So was sieht man nicht jeden Tag«, sagte Rlinda Kett mit automatischem, wenn auch gezwungenem Humor. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder schreien sollte – sie wollte nur weglaufen. Die Roamer-Arbeiter wirkten wie erstarrt.

Die wieder belebte Frau hatte Andrew Tamblyn getötet. Karla machte einen weiteren, gleitenden Schritt, und unter ihren Füßen schmolz das Eis von Plumas. Ihr Körper schien aufgeladen zu sein. Rlinda verglich ihn mit einem unter hohem Druck stehenden Behälter, der kein Ventil hatte und zu explodieren drohte.

BeBob starrte die Frau mit kindlicher Verblüffung an, und Rlinda zog ihn zur Seite. »Ich schlage vor, wir geben ihr all den Platz, den sie haben möchte.«

Er stöhnte. »Es war keine besonders gute Idee, hierherzukommen.«

»Erscheint dir ein Kriegsgerichtsverfahren mit Todesurteil auf der Erde besser?«

»Dies entspricht nicht unbedingt meiner Vorstellung von einer geeigneten Alternative. Seit unserer Flucht ist alles schiefgegangen. Die Blinder Glaube wurde vernichtet, Davlin kam ums Leben, und wir sind von diesen irren Roamern gefangen genommen worden. Man sollte meinen, dass es inzwischen reicht.« BeBob presste beide Hände an die Stirn. »Und jetzt schickt sich dieses Ungeheuer an, uns alle umzubringen.«

»Normalerweise würde ich für so viel Pessimismus deinen hübschen Hintern versohlen, aber diesmal hast du recht.«

Karla ging mit vorsichtigen Schritten und achtete nicht auf den Toten hinter ihr. Andrew war zu ihr gelaufen, um sie zur Vernunft zu bringen, aber eine Berührung von ihr hatte ihn getötet.

»Was hast du getan, Karla?«, stöhnte Wynn und sah auf seinen toten Bruder hinab.

»Pass auf, komm ihr nicht zu nahe!«, warnte ihn sein Zwillingsbruder Torin.

Die Frau stapfte weiter und näherte sich dem Rand der Eisfläche; jenseits davon erstreckte sich das stahlgraue Meer. Caleb und Wynn nutzten die Gelegenheit, liefen zu Andrew und trugen die Leiche fort. Torin, der leichter zu beeindruckende der beiden Zwillingsbrüder, rief in einem beschwörenden Ton: »Karla, warum machst du das? Erkennst du uns nicht?«

Karla Tamblyn richtete den Blick ihrer glühenden Augen auf die Wohn- und Verwaltungskuppeln unter der dicken Decke aus Eis. Ohne zu verstehen, beobachtete sie die Anlagen der Wassermine, die hydrostatischen Pumpen, die Wasser an die Oberfläche brachten, um die Tanks von Raumschiffen zu füllen. Sie blieb in Bewegung, ohne zu antworten, wie angelockt vom kalten Meer. Als sie ins dunkle Wasser sah, erschien so etwas wie Sehnsucht in ihrem Gesicht.

BeBob wandte sich an Rlinda. »Glaubst du, die Roamer lassen uns jetzt gehen?«

»Ich glaube kaum, dass das derzeit ihre höchste Priorität ist.«

Jess Tamblyn, ein weiteres Mitglied des Roamer-Clans – Rlinda wusste nicht, wie groß diese Familie war –, hatte seine Mutter mithilfe exotischer Kräfte aus dem Eis geholt. Anschließend hatte er Plumas wegen irgendeines Notfalls verlassen, und Karla war allein aufgetaut und wieder lebendig geworden, wie von einem Dämon besessen.

Am Rand des Eises blieb sie stehen und hob die Hände – unsichtbare Energie ging von ihnen aus, wie die Kraft der Gravitation. Das Wasser vor ihr bewegte sich, wie von imaginären Händen gekneteter Ton. Von Kraftfeldern erfasst wogte es hin und her.

Hinter Karlas Füßen knackte das Eis und brach – es schien sie nicht zu kümmern. Als sich ein großes Stück vom Rest löste, stand Karla reglos darauf. Ohne einen Ton versank sie im tiefen Ozean. Die ganze Zeit über blieb sie völlig still und unbewegt. Das Wasser schäumte, und Dampf stieg auf, doch dann kehrte die Ruhe zurück.

Rlinda sah sich nach jemandem um, der erklären konnte, was gerade geschehen war. »Passiert hier so etwas oft?«

6 * KOTTO OKIAH

Nachdem die Hydroger bei Theroc zum zweiten Mal besiegt worden waren, verließ ein sehr zufriedener Kotto Okiah den Waldplaneten.

Er war von seinem Stützpunkt auf Jonah 12 aufgebrochen, um den Theronen beim Wiederaufbau zu helfen. Anschließend war er zu den Kellum-Werften bei Osquivel geflogen, hatte dort ein kleines, intaktes Kugelschiff der Hydroger untersucht und dabei eine neue Verteidigungsmöglichkeit entdeckt. Mit seinen »Türklingeln« hatte er sich dann erneut auf den Weg nach Theroc gemacht.

In der Zwischenzeit hatten die Tivvis Rendezvous zerstört, und Kottos Mutter war zusammen mit den Clans verschwunden. Jhy Okiah konnte gut auf sich selbst aufpassen, aber er hätte trotzdem gern gewusst, wo sie sich befand. Bestimmt war sie irgendwo in Sicherheit, zusammen mit Sprecherin Cesca Peroni. Kotto mochte es, wie Sprecherin Peroni ihn anlächelte, wenn er bei der Lösung eines Problems »Roamer-Einfallsreichtum« zeigte. Auf seine jüngste Erfindung würde sie besonders stolz sein.

Seine Schiffe waren wie die rettende Kavallerie bei Theroc eingetroffen und hatten hunderte von Haftmatten ausgeschleust: Sie vibrierten mit einer Resonanzfrequenz, die die Luken der Kugelschiffe öffnete, wodurch die superdichte Atmosphäre ins Vakuum des Alls entwich. Ein feindliches Schiff nach dem anderen war wie ein Kreisel davongeschwirrt. Ganz allein hatte Kotto den Weltwald gerettet.

Nun, vielleicht nicht ganz allein.

»Wir haben die Droger in die Flucht geschlagen, selbst ohne den Wental-Kometen, der im letzten Augenblick erschienen ist«, sagte Kotto zu seinen beiden analytischen Kompis KR und GU. Er führte einen ständigen inneren Monolog, und manchmal sprach er Teile davon laut aus. Die immer interessierten Kompis antworteten so gut sie konnten.

»Wenn der Wental-Komet nicht gekommen wäre, hätte uns vielleicht die Vernichtung gedroht, Kotto Okiah«, gab KR zu bedenken.

»Wir hatten bereits alle unsere Türklingeln eingesetzt«, fügte GU hinzu. Die Beulen und Schrammen an seinem Polymerkörper erinnerten daran, dass er unabsichtlich die Luke der Hydroger-Kugel geöffnet hatte. »Wir konnten uns nicht mehr verteidigen.«

Kotto nickte geistesabwesend, als ihr kleines Schiff den Flug fortsetzte. »Ich beklage mich nicht darüber, dass rechtzeitig Verstärkung eintraf. Wie dem auch sei: Wir haben bewiesen, dass es funktioniert, nicht wahr? Unser einziger Fehler bestand darin, nicht genug Türklingeln mitgebracht zu haben. Wir brauchen jede Menge von ihnen.«

Bevor sie nach Theroc aufgebrochen waren, hatte Kotto die Blaupausen kopiert und dann eine bunt gemischte Gruppe aus Roamern mit dem Auftrag losgeschickt, irgendwelche Clan-Fabrikationszentren zu finden und mehr Türklingeln zu produzieren. Wenn Kotto die Osquivel-Werften erreichte, wollte er Del Kellum dazu bringen, sie zu tausenden herzustellen. Von jetzt an brauchte niemand mehr hilflos den Hydrogern ausgeliefert zu sein.

Kotto war kein Politiker wie seine Mutter (er hatte sie nie um ihre Rolle als Sprecherin beneidet), aber er wollte auch die Kolonien der Hanse mit Türklingeln versorgen. »Wenn wir der Großen Gans gegen die Droger helfen, ist sie vielleicht nicht mehr so sauer auf die Clans«, überlegte er laut.

»Was hat eine Geschmacksrichtung damit zu tun, Kotto Okiah?«, fragte GU. Die Kompis lernten gern, und deshalb erklärte Kotto, was er mit »sauer« meinte.

»Sie glauben, dass die Terranische Hanse aus Dankbarkeit die Angriffe auf Niederlassungen der Roamer einstellt, wenn wir ihr helfen?«, fragte KR.

»Scheint mir vernünftig zu sein. Es sollte keine Feindschaft zwischen uns geben. Aber für solche Dinge bin ich nicht zuständig. Ich überlasse sie den Profis.«

»Ein weiteres Rätsel«, sagte GU.

»Ja, was in der Art.« Kotto flog nach Osquivel und wollte so schnell wie möglich die Untersuchung des kleinen Hydroger-Schiffes fortsetzen. Ihm waren bereits zwanzig neue Tests für die fremden Systeme eingefallen, und sein besonderes Interesse galt dem Transportal, das er in der Kugel entdeckt hatte. Er überließ das Schiff der Obhut der beiden Kompis, machte sich Notizen und bereitete mit Skizzen die neuen Analysen vor …

Doch als Kotto den Ringplaneten erreichte, blieben seine Kommunikationssignale ohne Reaktion. Alles schien verlassen zu sein.

»Hallo? Wo seid ihr? Ich bringe gute Nachrichten.« Kotto hoffte, mit diesem Hinweis eventuellen Zuhörern eine Antwort entlocken zu können. »Hallo?«

Die Werften, die Schmelzanlagen, Erzverarbeitungszentren, Rohstoffasteroiden, Wohnkomplexe, Raumdocks und Konstruktionsgerüste … Ein großer Teil davon war verschwunden.

KR und GU sendeten weiterhin auf den Frequenzen, die normalerweise von Roamern benutzt wurden. »Vielleicht haben die Hydroger alle getötet«, spekulierte GU.

»Sei kein Pessimist«, erwiderte Kotto und spürte, wie sich bei dieser Vorstellung etwas in ihm zusammenkrampfte.

Als sie vorsichtig durch die Ringe des Gasriesen flogen, fand er keine Spur des kleinen Kugelschiffes, das er in sicherer Entfernung von den Anlagen der Roamer zurückgelassen hatte. »Das kleine Schiff ist nicht mehr da! Jemand hat es fortgebracht!«

Verwirrt, verärgert und auch besorgt flog Kotto zum zentralen Werftkomplex. Er fand viele Trümmer und nur wenige intakte Strukturen – und kein Anzeichen von Leben. Alles war in eine gespenstische Aura der Leere gehüllt, als hätte jemand die Werften geplündert und sie dann wieder verlassen.

»Ich stelle Hinweise auf einen Kampf oder einen Unfall fest«, sagte KR. »Aber der Schaden scheint nicht groß genug zu sein, um alle Anlagen unbewohnbar zu machen.«

»Alles deutet darauf hin, dass die Roamer die Werften absichtlich verlassen haben«, fügte GU hinzu. »Vielleicht hat eine Evakuierung stattgefunden.«

Kotto blickte auf die Anzeigen, als er zwei weitere Male um den Ringplaneten flog. »Es ist niemand da, absolut niemand. Man könnte meinen, Del und seine Leute hätten einfach ihre Sachen gepackt und sich aus dem Staub gemacht.«

Was konnte jemanden wie Del Kellum veranlassen, die Werften einfach so aufzugeben? Steckte die TVF dahinter? Hatte die Große Gans hier ebenso zugeschlagen wie bei Rendezvous? Kotto schnitt eine Grimasse, als er an diese Möglichkeit dachte. Und jemand hatte die kleine Hydroger-Kugel mitgenommen! Wie sollte er jetzt Del Kellum, Sprecherin Peroni, seine Mutter und all die anderen Roamer finden?

»Und ich dachte, es gäbe endlich keine Rätsel mehr.«

7 * DENN PERONI

Über Jahrhunderte hinweg hatten die Roamer nur mit knapper Not überlebt, und deshalb erwarteten sie nie, dass sich die Dinge genau wie geplant entwickelten. Das Unvorhergesehene geschah mit erschreckender Regelmäßigkeit.

Denn Peroni hatte die Wasserminen von Plumas verlassen und noch immer einen dicken Kopf – er war so sehr betrunken gewesen, dass er sich zusammen mit den Tamblyn-Brüdern darauf eingelassen hatte, ein Handelsschiff der Hanse zu kapern, mit Pilot und Kopilot an Bord. Voller Verlegenheit über das Ausmaß ihrer kollektiven Dummheit war er fortgeflogen und hatte die Gefangenen zurückgelassen. Früher oder später würden Caleb und seine Brüder merken, dass sie gar nicht wussten, was sie mit Rlinda Kett und Branson Roberts anfangen sollten. Denn war froh, allein an Bord seines Schiffes zu sein, ohne das ständige Gerede und die Schlampigkeit von Caleb Tamblyn.

Er flog mit der Sture Beharrlichkeit von einer Clan-Siedlung zur nächsten und änderte seine Route, als er Nachrichten empfing – die meisten von ihnen waren alt. Durcheinander und Verwirrung herrschten bei den zornigen Roamern, und bei den Außenposten, die Denn besuchte, bekam er kaum mehr zu hören als Gerüchte, haarsträubende Geschichten und jede Menge Unwissenheit.

Er erfuhr, dass sich seine Tochter Cesca auf einem kleinen Planetoiden namens Jonah 12 befand, auf der anderen Seite des Spiralarms. Als Sprecherin schickte sie Mitteilungen an die Clans und forderte sie auf, nach der Zerstörung von Rendezvous durchzuhalten und Vorbereitungen für den Wiederaufbau zu treffen. Denn machte sich Sorgen um seine Tochter, aber er war sicher, dass Cesca mit den Problemen fertig werden konnte, denen sich die Roamer jetzt gegenübersahen.

Er hörte auch Positives. Nikko Chan Tyler hatte gemeldet, dass Golgen frei von Hydrogern war – dort konnte wieder Ekti gewonnen werden! Denn beschloss, diese Nachricht weiterzugeben, bis Cesca eine offizielle Verlautbarung herausgab.

Forreys Torheit war der größte Metallasteroid in einem Gürtel aus kosmischem Schutt, der einen kühlen orangefarbenen Stern vom K2-Typ umgab. Als sich die Sonne verdichtet hatte, war Masse der primordialen Wolke zum größten Teil in ihr aufgegangen, und für die Entstehung von Planeten war nicht genug übrig geblieben. Doch mit seinen reichen Metallvorkommen ähnelte Forreys Torheit einer reifen Frucht, die darauf wartete, gepflückt zu werden. Zahlreiche Minenschächte durchzogen den Asteroiden.

Kleinere Satelliten aus Stein umkreisten den länglichen Asteroiden, winzige Monde, die Forreys Torheit bei seinen Wanderungen durch den Schuttgürtel eingefangen hatte. Sie umschwirrten ihn wie Motten eine Lampe. Ihre Flugbahnen konnten natürlich berechnet werden, veränderten sich aber immer wieder durch Kollisionen.

Vor hundert Jahren war Karlton Forrey der erste Roamer gewesen, der Geld in eine Schürfanlage investiert und mit dem Abbau der Metalle begonnen hatte. Aber bei der Berechnung der Umlaufbahnen der vielen kleinen Monde war ihm ein Fehler unterlaufen: Es kam zu Kollisionen, und die Steinbrocken schossen wie von einer kosmischen Flinte abgefeuerte Schrotkugeln davon. Einige von ihnen trafen Karltons Wohnschiffe. Die meisten Mitglieder seiner Familie starben, und die gesamte Ausrüstung war ruiniert. Eine falsche Stelle hinter dem Komma, mit schrecklichen Konsequenzen. So kam der Asteroid zu seinem Namen: Forreys Torheit.

Als sich die Sture Beharrlichkeit näherte, überprüfte Denn immer wieder seine Berechnungen und bat per Funk um die Übermittlung einer Liste der sicheren Flugbahnen. Kurz darauf geriet er in visuelle Reichweite und bemerkte eine große Gruppe von Roamer-Schiffen weit außerhalb der Mondumlaufbahnen. Er sah Evakuierungstransporter, zu interstellaren Schiffen umgebaute mobile Schürfanlagen, sogar Komponenten von Raumdocks. Der Anblick verwirrte Denn – es sah nach einer groß angelegten Sache aus, nach der Verlegung eines ganzen Stützpunkts. Aber Forreys Torheit diente doch nur zur Gewinnung von Ressourcen.

Dann nahm er die Clan-Markierungen an den Schiffen zur Kenntnis. Kellum.

»Hier spricht Denn Peroni. Ich befinde mich im Anflug und komme mit Handelswaren und Nachrichten. Ich habe Oscar seit Jahren nicht gesehen. Wer sind die Besucher? Ist Del Kellum da?«

Der Kommunikationstechniker der Station antwortete ihm. »Ja, nach der Evakuierung von Osquivel hat er alle Flüchtlinge hierhergebracht.«

»Nach der Evakuierung von Osquivel?« Denn konnte es gar nicht abwarten, die Details zu erfahren. »Ich bin in einigen Minuten bei euch, mit einer ganzen Schiffsladung frischer landwirtschaftlicher Produkte von Yreka, falls es jemanden interessiert.«

»Das ist die beste Nachricht des Tages, Sture Beharrlichkeit.«

»Ach, haben Sie gestern was Besseres gehört? Dann sollte ich vielleicht etwas von meinem Getreide für einen anderen Kunden zurückhalten.«

Angesichts von Kellums Flüchtlingen hatte Forreys Torheit viele zusätzliche Mäuler zu stopfen, und deshalb trennte sich Denn fast von seiner ganzen Handelsware. Die an Entbehrungen gewöhnten Minenarbeiter aus dem Clan Kowalski beschlossen zusammen mit den hunderten von Roamern, die Osquivel verlassen hatten, sich ein Festmahl zu gönnen. Roamer hielten es für richtig, jeden Tag zu genießen, denn es kam zu häufig zu Katastrophen, als dass man davon ausgehen durfte, dass es immer ein Morgen gab.

Kellum freute sich darüber, Denn wiederzusehen. Der kräftig gebaute Mann saß am Tisch, sprach zu laut und verhielt sich so, als leitete er Forreys Torheit, anstatt nur ein Gast zu sein. Denn vermutete, dass er irgendeine Form von Kooperation mit den Kowalskis plante, um Menschen und Material zusammenzuführen.

Del Kellum hatte die Geschichte offenbar viele Male erzählt. »Als die verdammten Tivvis verschwanden, wussten wir: Uns blieben nur einige wenige Tage, bis sie es sich anders überlegen und zurückkehren würden.« Er beugte sich vor und klopfte auf den Arm seiner Tochter. »Zhett hat Lehrgeld gezahlt und weiß jetzt, dass man den Tivvis nicht trauen kann.«

Die junge Frau schüttelte ihr dunkles Haar zurück. »Erzähl ihm, was passiert ist, Vater.«

»Wir hatten bei den Werften nur Kurzstrecken-Schiffe, für interplanetare Flüge bestimmt, ohne einen ildiranischen Sternenantrieb. Wir wussten, dass wir es nicht zu einer anderen Clan-Siedlung schaffen konnten. Aber verdammt, wir wollten nicht unsere gesamte Ausrüstung zurücklassen. Die Tivvis hätten den Kram demontiert und für ihre eigenen Zwecke verwendet.«

Kellum nahm einen gelben Maiskolben und unterbrach sich kurz, um daran zu knabbern. Einige Körner blieben in seinem melierten Bart stecken.

»Deshalb beschlossen wir, die Zelte abzubrechen, so viel wie möglich zusammenzupacken und den Kram zu unseren Kometen-Anlagen hoch im Kuiper-Gürtel zu bringen. Die Tivvis sind nicht gewitzt genug, dort Ausschau zu halten. Dort oben gibt's reichlich Platz.«

Die anderen am Tisch brummten zustimmend.

»Bei den Kometen-Anlagen hatten wir viele Langstreckenschiffe und sechs Sternenantriebe für den Einbau in die neuen Konstruktionen. Wir haben einige der großen Schiffe modifiziert und Osquivel aufgegeben. Jetzt sind wir hier in Sicherheit, was wir dem Kowalski-Clan verdanken.« Kellum sah zu einem bohnenstangendünnen Mann mit eisblauen Augen, buschigen Augenbrauen und einer Krone aus weißem Haar, die einen Ring um den ansonsten kahlen Kopf bildete. »Unsere Freunde von Forreys Torheit bieten uns ihren Schutz an, doch wir möchten ihre Gastfreundschaft auf keine zu harte Probe stellen. Ich hoffe, wir fallen euch nicht zur Last, Oscar.«

»Das ist nicht der Fall … noch nicht«, erwiderte Oscar Kowalski. »Aber kein Roamer-Stützpunkt hat genug Vorräte, um so viele Flüchtlinge länger als nur für kurze Zeit zu versorgen.«

»Falls wir nicht vereinbaren, hier neue Werften einzurichten, brechen wir in einer Woche wieder auf«, sagte Kellum. »Wir sind Roamer und immer unterwegs. Nun, wo ist die Sprecherin? Wir brauchen ihren Rat.«

»Als ich zum letzten Mal von meiner Tochter hörte, war sie auf Jonah 12 und versuchte, die Clans wieder zusammenzubringen«, sagte Denn Peroni. »Ich glaube, Jhy Okiah war ebenfalls dort. Sie bringen die Dinge bestimmt in Ordnung.«

»Beim Leitstern, das hoffe ich!« Oscar räusperte sich. »Wir haben jede Menge zu tun!«

Denn beobachtete, wie die Roamer von Forreys Torheit erneut zulangten und die frischen Lebensmittel ganz offensichtlich genossen. »Da Sie den größten Teil meiner Fracht von der Sture Beharrlichkeit verdauen … Haben Sie Handelsware für mich? Ich könnte neue Fracht für mein nächstes Ziel gebrauchen.«