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Patrick Nest

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Beschreibung

Ruri und Lukas sind seit Kindertagen eng miteinander befreundet. Bevor sich ihre Wege trennen, sagt Lukas ihr, dass er sie gern heiraten möchte, wenn sie erwachsen sind. »Nicht zum verliebt sein … zur Sicherheit«, meint er. Viele Jahre später finden sie unverhofft noch einmal zueinander. Lukas ist ewiger Junggeselle, der in der Nähe von München lebt und sich um seine Mutter kümmert. Ruri ist in Berlin geblieben und hat mit der Arbeit und ihrem Teenager-Sohn genug um die Ohren. Dennoch wachsen die Gefühle der beiden füreinander über alles bisher Erlebte hinaus. So sehr sie die Rutschpartie ins Glück genießen, müssen sie trotzdem erkennen, dass das Schicksal auch Hürden bereithält. Ist die Verbindung aus Freundschaft und Liebe stark genug, um den Widrigkeiten zu trotzen?

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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VON FREITAGABEND BIS SONNTAGMITTAG

PATRICK NEST

IMPRESSUM

Von Freitagabend bis Sonntagmittag

Deutsche Erstausgabe 2023/2. Auflage 2024

©Copyright 2023

Patrick Nest

Lektorat: Andreas März

www.am-korrektorat.com

Covergestaltung: Rainer Wekwerth www.kreativesschreiben.net

Bildvorlage: „TatoSievers“ - stock.adobe.com

Buchsatz: Alexandra Mazar

www.alexandra-mazar.com

Patrick Nest

Friedrichstädter Chaussee 20

25832 Tönning

Kontakt: [email protected]

Urheberrecht und Haftungsausschluss: Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. AlleRechte vorbehalten. Nachdruck oder Reproduktion (auch auszugsweise) in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie oder anderes Verfahren) sowie die Einspeicherung, Verarbeitung, Vervielfältigung und Verbreitung mit Hilfe elektronischer Systeme jeglicher Art, gesamt oder auszugsweise, ist ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Autors untersagt. Alle Übersetzungsrechte vorbehalten. Das Werk inklusive aller Inhalte wurde unter größter Sorgfalt erarbeitet. Dennoch können Druckfehler und Falschinformationen nicht vollständig ausgeschlossen werden. Der Autor übernimmt keine Haftung für die Aktualität, Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte des Buches, ebenso nicht für Druckfehler. Es kann keine juristische Verantwortung sowie Haftung in irgendeiner Form für fehlerhafte Angaben und daraus entstandenen Folgen von dem Autor übernommen werden.

ISBN TB: 9783759206213

ISBN eBook: 9783759206206

WIDMUNG

Für Christa, Alisa und Angelika

INHALT

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Über den Autor

1

KINDER 1984

Zum Ende des dritten Schuljahres merkte Lukas, es blieb kaum Zeit um Ruri zu heiraten. »Ich werde mich beeilen, dann klappt es«, versprach er sich immer häufiger. Diesmal so laut, dass man es hören konnte. Das Geschehen, in der Ecke des Schulhofs, sorgte für ausreichend Gebrüll. Zuversichtlich, dass niemand etwas mitbekam, verschob er die Aufmerksamkeit zurück auf das Bild vor seinen Augen.

Der Irre, der die Spatzen vom Baum holte, glänzte wie ein Engel, dachte Lukas. Alles an ihm sah teuer aus. Die gegelte Frisur, die Adidasschuhe, die weiße Trainingshose, das Trikot und die Taschenrechneruhr am meisten. Der Junge war groß, besuchte die sechste Klasse und sorgte immer für Aufregung. Diesmal stocherte er so lange in einem Nest herum, bis es aufbrach und drei Vogelbabys aus dem Baum fielen. Nackt lagen sie auf der Erde. Mit riesigen Glupschaugen. Eines bewegte sich, die anderen nicht. Viele Schüler standen im Halbkreis davor und sahen zu, wie er mit einem Stock in den Bäuchen der Küken bohrte. Lukas zuckte zusammen, als jemand ihn mit einem kräftigen Griff um sein Handgelenk aus der Gruppe zog.

»Warum siehst du dir so was mit an?«, schimpfte Ruri.

Sie war genau zwei Monate älter und sein bester Freund seit der Vorschule. Ihre Eltern, Maria und Toshi, hatten sich in Tokio kennengelernt. Die schwarzen Haare und die mandelförmigen Augen hatte sie von ihrem Vater. Die Nase und das Durchsetzungsvermögen von der Mama. Lukas mochte sie vom ersten Tag an. Sie zeigte ihm Verstecke in den Gebüschen um den Viktoria-Luise-Platz herum, kletterte auf Laternen – fast bis ganz hoch, und da ihr Vater Japaner war, lernte Lukas sogar manchmal Karatetricks von ihr.

»Ich wollte wissen, was da los ist. Konnte ja nicht ahnen, wie ekelhaft es wird«, sagte Lukas.

»Komm mit, ich zeige dir was Besseres!«

Die fünfte Stunde war geschafft, sie begaben sich auf den Heimweg.

* * *

1984 war der Berliner Sommer bunt wie eine Lidschattenpalette. Der Himmel blieb für Wochen strahlend blau. Autos gab es in allen Farben, sie standen oder fuhren auf dem grauen Asphalt, vor den braunen, weißen und gelben Häusern. Überall gediehen die Büsche von hell- bis dunkelgrün. Mit dem Ranzen auf dem Rücken liefen beide die Welsastraße hinunter zum Viktoria-Luise-Platz. Der Flieder blühte seit Wochen. Hauseingänge und Straßenecken waren lila bewachsen. Ruri löste ihren Griff um seine Hand und ging zu einem der Sträucher hinüber. Lukas fand, es roch frisch und gesund, wie in einem Pflanzenreich. Er war ein Stadtkind und kannte es nicht anders.

»Schau mal: Honig«, sagte sie und zupfte eine der Blüten des Strauches ab. Sie nahm den winzigen Stängel zwischen ihre Lippen und saugte dran. Lukas versuchte dasselbe und merkte, es war süß wie Zuckerwasser. Eine Biene summte direkt neben Ruris kleinen Fingern.

Er hatte niemals Taschengeld, um Kaugummis, Wundertüten oder Überraschungseier zu kaufen. Im Gegensatz zu anderen sprach Ruri es nicht an. Lukas war überzeugt, sie fand es spannender, ihm zu zeigen, wie man an dem glücklich wird, was umsonst da war.

Nachdem beide die Flüssigkeit aus vier Blüten genuckelt hatten, schlenderten sie auf dem Gehweg am Platz entlang und bogen in die Regensburger Straße. Noch lebte Lukas mit seiner Mutter und neuem Stiefvater in einer Hinterhofwohnung, im zweiten Haus vor der Ecke. Bald mussten sie umziehen, weil die Gegend zu teuer wurde, hatte seine Mutter gesagt. Sie arbeitete am Fließband bei Philip Morris in Neukölln. Was genau der Mann tat, ahnte Lukas nur. Etwas in der Baubranche vermutlich. Fragen wollte er lieber nicht.

Barie, der Bernhardiner, stand allein vor der Auffahrt. Ruri lief auf ihn zu, hockte sich hin und schmuste mit ihm. Dem Hund schien es zu gefallen. Die Tiere kamen immer von allen Seiten auf sie zu, um sich von ihr streicheln zu lassen. Das tat sie jedes Mal ohne Angst: Kaninchen, Katzen, Hunde. Egal wie groß oder gefährlich sie aussahen. Lukas fürchtete sich vor dem riesigen Barie und war froh, als der gehörlose Nachbar vor der Tür einen lauten Pfiff ausstieß. Der Hund verstand und folgte dem Befehl.

Beide liebten es, nach der Schule zu trödeln. Sie gingen an seinem Hauseingang vorbei, weiter in ihre Richtung. Es war so eine Gewohnheit, dass keiner von ihnen ein Wort sagte. An ihrer Ecke blieben sie stehen.

»Was hast du am Wochenende vor?«, fragte sie.

»Ich glaube, wir fahren zu meinem Onkel in den Garten. Und du?«

»Nach Valentinswerder. Das ist eine Insel im Tegeler See. Komm doch mit. Frag mal deine Mama.«

»Das werde ich.«

»So ein blöder Kerl vorhin«, sagte Ruri. »Ich wünschte, es kommt ein Riese und stochert ihn in seinem Bauch rum.«

Was sie beschrieb, erschien dem Jungen brutal. Aber sie hatte recht. Es war grausam. Die kleinen Küken hatten keine Chance. Warum jemand so Strahlendes derartig gemein war, fragte sich Lukas in dem Moment.

»Ja, stimmt«, sagte er. Die Worte erreichten sie nicht. Zu sehr war sie in ihren Gedanken versunken.

Ein Fahrzeug der Müllabfuhr blieb auf der kleinen Kreuzung stehen. Ruri hielt sich die Nase zu, er sich seine Ohren. Mit einem Zischen fuhr der Wagen weiter. In dem Augenblick löste sich aufgeschreckt ein Vogel aus dem Gebüsch hinter ihr und flog direkt über Ruris Kopf.

»Der hätte dich fast erwischt«, sagte Lukas und lachte.

»Niemals! Sieh doch, wie sie fliegt, die kann das bestens! Es ist eine Kohlmeise.«

»Echt?«

Beide sahen dem Vogel nach, bis er hinter einer Hausecke verschwand.

»Möchtest du mal so sein? Fliegen können?«, fragte Ruri. Er sah erneut in die Richtung, aber der Vogel war weg.

»Wäre doch toll. Auf Bäumen oder Dächern sitzen, sich alles von oben ansehen …« Sie blieb auf der Stelle stehen, während sie die Arme ausbreitete und ihren Oberkörper abwechselnd von links nach rechts und zurück bewegte.

»Und Würmer essen«, sagte Lukas. Sie lachte.

»Ich meine ja nicht für immer. Nur eine kurze Zeit.«

»Ich wäre lieber ein Affe«, sagte er.

»Wärst du nicht.«

»Doch, klar, ich will ein Affe sein. Für immer. Die sind mutig, lustig und schnell.«

»Ich glaube nicht, dass du das willst. Du hast nur Angst wegen des Umzugs.«

»Nein, gar nicht«, log er sie an.

»Ein neuer Papa, andere Wohnung und eine fremde Schule. Ich hätte Angst.«

»Ich nicht. Du kommst ja trotzdem zu meinem Geburtstag, oder?«

»Klar! Wie immer.«

Damit drehte sie sich zur Tür und schloss auf. An dem Tag trug sie Sandalen, die so schwarz wie ihre Haare waren, eine lila Latzhose und ein weißes Hemd.

»Frag deine Mutter wegen Valli«, rief sie. Dann schloss die schwere Tür hinter ihr.

»Mach ich.«

Lukas rannte den Weg nach Hause. Seine Mutter arbeitete diesen Nachmittag in der Spätschicht. Als er ins Wohnzimmer trat, sah er zwei Teller auf dem Esstisch stehen. Der Stiefvater hatte Rippchen mit Kartoffeln und Sauerkraut aufgewärmt. Lukas setzte sich wortlos. Was da vor ihm lag, sah in seinen Augen furchtbar aus. Das Fleisch war grau und voller Fett. Der Geruch erinnerte ihn an die nassen Kartons im Keller. Lukas stach mit seiner Gabel in ein Stück, bis sie durch den Widerstand des Knochens aufgehalten wurde. Er dachte an die Küken auf der Erde und an den Stock. Nichts davon würde er runterkriegen, das war ihm schnell klar.

»Du stehst nicht eher auf, bis der Teller leer ist«, sagte sein Stiefvater.

»Ich will das nicht essen«, erwiderte Lukas.

»Wirst du aber!«

Er saß da und starrte auf den Teller. Die Wanduhr, wie ein Metronom, schlug den Takt in seinem Kopf mit. Ihm wurde übel. Er wünschte, seine Mutter wäre zu Hause. Ein Blick zur Uhr ließ ihn erkennen, dass er eine Zeit lang mit dem Stiefvater allein sein würde. Der hatte alles, was auf seinem Teller war, gegessen und starrte ihn nun an.

»Friss schon! Als Gott die Scheiße verteilt hat, musst du hundertmal ›HIER‹ gerufen haben. Du bist ein nutzloses Dreckskind.«

Der Mann stand auf, lief um den Tisch herum, packte Lukas mit der kräftigen Arbeiterhand fest beim Nacken und zog ihn vor sein Gesicht.

»Nutzloser, genetischer Abfall, der mich mein wohlverdientes Geld kostet.«

Lukas schnellte blitzartig vor, verbiss sich in der Nase des Mannes und ließ nicht mehr los. Der Stiefvater hingegen lockerte seinen Griff sofort. Nach einigen Sekunden spürte Lukas ein Stück der Nasenspitze auf seiner Zunge, das er abgebissen hatte. Voller Ekel spuckte er es auf den Boden. Der Mann schrie vor Schmerzen. Seine Nase war an der Stelle erst weiß, dann färbte sich der Umriss schnell rot, bis das Blut lief. Er drehte sich um die eigene Achse und rannte ins Badezimmer.

Er war der vierte in den letzten drei Jahren. Außer ihm selbst behielt seine Mutter niemanden lange. Die Erfahrung lehrte Lukas, dass ihre Partner mit ihm machten, was sie wollten, wenn sie nicht dabei war. Manchmal sogar vor ihr. Es sei denn, er setzte frühzeitig ein deutliches Zeichen.

So wie jetzt. Der Mann würde bei jedem Blick in den Spiegel eine Erinnerung an den Vorfall behalten. Nach wenigen Minuten kam er aus dem Bad. Sein weißes T-Shirt war blutbefleckt. Er zog eine Jeansjacke über und verließ die Wohnung. Lukas hob das kleine Stück Fleisch vom Boden auf und tat es zu dem anderen auf seinen Teller. Langsam ging er damit in die Küche, um den Abwasch zu erledigen.

* * *

Sonntagnachmittag klingelte es beständig an der Haustür von Familie Tawanga. Ruris Schwester sprang aus dem Wohnzimmersessel und rannte durch die Küche zur Kammer. Den Fernseher ließ sie laufen. Hana war einen Kopf kleiner als Ruri, drei Jahre jünger und etwas pummelig. Ihre schwarzen Haare reichten bis über die Ohren. Nur mit roter Strumpfhose und einem pinkfarbenen T-Shirt bekleidet, hockte sie hinter der Waschmaschine und gab ihr Bestes, unsichtbar zu sein. Der Kater beobachtet den Aufbruch, lief ihr nach, sprang auf die Maschine und sah auf sie herab.

»Verschwinde, Kimba«, flüsterte Hana und versuchte, das schwarz-weiße Tier von seiner Aussichtsplattform zu schieben. Das Klingeln brach nicht ab.

»Hana, kannst du bitte zur Tür gehen? Du bist doch gleich da«, rief Ruri aus dem Kinderzimmer. Sie saß oben, in ihrem Bereich des Etagenbetts und klebte kleine glitzernde Sticker in ihr Album. Der Klingelstrom wurde kurzzeitig unterbrochen und durch hämmerndes Klopfen gegen die Tür ersetzt.

»Aaaach Mann!«

Ruri kletterte genervt aus dem Bett und schlappte zur Tür.

»Guten Tag, Herr Feldhäuschen«, sagte sie, nachdem sie geöffnet hatte.

Arne Feldhäuschen, der Nachbar aus dem Stockwerk unter ihnen, sah nicht aus, als habe er den Tag so weit genossen. Das tat er nie. Er war ein kleiner runder Mann Anfang fünfzig, mit Glatze, Brille und Schnurrbart. Er trug immer ein frisch gebügeltes Hemd, Bundfaltenhose und Lederschuhe. In dem Wohnhaus arrangierten sich acht Parteien. Bis auf Herrn Feldhäuschen verstanden sich alle miteinander. Sie feierten Hoffeste, grillten gemeinsam, gaben sich die Tageszeitungen weiter und halfen dem anderen, wenn nötig. Nur er zog es vor, nicht mitzuwirken.

»Ruri, ich muss deine Eltern sprechen.«

»Die sind leider nicht hier.«

Ihr fiel ein strenger Geruch auf. Der Gestank erinnerte sie an Hannas’ Windeln, die vor wenigen Jahren mehr Raum in ihrem Leben eingenommen hatten, als es ihr lieb gewesen war.

»Was, wo sind die denn?«

»Bei Freunden. Sie kommen heute Abend. Soll ich etwas ausrichten?«, fragte Ruri. Sie war bemüht, keine Luft durch die Nase einzuholen.

»Mein Gott«, schimpfte Herr Feldhäuschen. »Seid ihr nicht zu jung, um ständig allein zu bleiben?«

»Ich bin schon zehn!«, antwortete Ruri und sah ihn dabei an, als hätte er sie soeben tödlich beleidigt.

Der Mann zeigte auf rote Turnschuhe, die neben der Fußmatte standen. »Gehören die dir?«

»Nein«, sagte Ruri. »Das sind Hanas. Sehen Sie doch, wie klein die sind.«

»Wo ist deine Schwester?«

»Weiß nicht. Ist eine Weile her, seitdem ich sie gesehen habe.« Ihr fiel nichts anderes ein. Bei Hana musste sie grundsätzlich damit rechnen, dass sie was ausgefressen hatte.

Der Mann schüttelte den Kopf. »Wie ist das möglich? Ihr seid zwei Grundschulkinder, die in derselben Wohnung leben, und keine alten Tanten aus unterschiedlichen Dörfern!«

Ruri sah ihn an und wusste nicht, was man darauf antworten konnte. Also ließ sie es.

»Na gut. Dann komm mit nach unten zu den Briefkästen. Ich will dir was zeigen.«

»Okay …«, erwiderte sie zögerlich.

Der Briefkasten von Herrn Feldhäuschen stand offen. Ruri roch das Problem, bevor sie es sah.

»Schau dir diese Schweinerei an«, schnauzte er.

In dem Briefkasten lag eine Portion Hundekacke. Daran bestand für sie kein Zweifel. Sie wollte nicht näher herantreten, um sicher zu sein. Ein paar braune Schlieren erkannte sie oben am Einwurfschlitz. Auf dem Boden lag ein Stock.

»Igitt! Das ist ja eklig. Tut mir leid für Sie, aber das war ich nicht.«

»Wer von euch beiden es war, oder ob ihr es gemeinsam erledigt habt, ist für mich unbedeutend«, sagte er. »Schau mal unter die Schuhe deiner Schwester. An denen klebt die andere Hälfte. Das kann ja kein Zufall sein, oder? Wenn du nicht möchtest, dass ich die Polizei rufe, solltet ihr das schnellstens sauber machen. Und zwar picobello!«

Ruri sah von einer Ausrede ab. Sie kannte ihre Schwester und war sicher, dass diese sich vor etwa einer Stunde auf dem Hof und an der Haustür herumgetrieben hatte.

»Bitte nicht die Polizei rufen. Ich mache das sauber.«

Sie rannte die Treppen hinauf. Um Reinigungszeug zu finden, sah sie in der Kammer nach. Mit Gummihandschuhen, Wassereimer, Seifenspender und Schwamm lief sie zurück ins Erdgeschoss. Kimba folgte ihr auf Schritt und Tritt. Bei der Arbeit zog sie ihr T-Shirt über Mund und Nase. Es rutschte immer wieder runter. Die Handschuhe waren zu groß, doch ohne hätte sie es gar nicht ertragen. Zweimal bekam sie Brechreiz. Nach etwa einer halben Stunde war alles erledigt. Der Nachbar sah die ganze Zeit zu, inspizierte, verlangte Korrekturen, bis er zufrieden war. Dann verabschiedete er sich. Es wurde dunkel.

Zurück in der Wohnung, meckerte Kimba lautstark. Ruri öffnete eine Packung Katzenfutter und füllte damit seinen Napf. Danach wusch sie sich gründlich. Sie verbrachte zwanzig Minuten im Badezimmer. Ihre Eltern waren noch immer nicht da. Als sie in das Kinderzimmer trat, saß Hana oben auf ihrem Bett anstatt in ihrem eignen.

»Was machst du da? Komm sofort runter. In meinem hast du nichts zu suchen. Das weißt du genau.«

»Ist schon gut«, sagte Hana, gähnte und kletterte runter in ihr Bett.

»Wegen dir hätte der Feldhäuschen fast die Polizei gerufen. Wie kamst du bloß auf diese grausige Idee?«

»Der hat mich angemeckert, als ich auf dem Hof mit der Fahrradklingel spielte«, sagte Hana. »Er hat es verdient«, fügte sie hinzu.

Ruri stieg die Leiter hoch in ihr Bett. Versteckt unter dem Kopfkissen fand sie das Album und vier leere Blätter, die voll mit Aufklebern hätten sein müssen. Hana hatte alle Sticker eingeklebt: durcheinander, zum Teil auf dem Kopf, schräg und unordentlich. Ruri war zu müde und fragte nicht mehr, warum.

* * *

Eine Woche Stubenarrest für die abgebissene Nasenspitze. Lukas verstand nicht, wie Erwachsene so etwas berechnen. Ob es Tabellen gab, von denen er nichts wusste?, ging es ihm durch den Kopf. Jedenfalls hatte sich die Situation daheim beruhigt. Seiner Mutter ist es am Wochenende gelungen, den Stiefvater zu besänftigen.

Lukas wartete wie jeden Morgen an der Straßenecke, doch Ruri kam nicht. Zögerlich machte er sich allein auf den Weg. Sie erschien zur zweiten Stunde und selbst da noch zu spät. Sie trat mit gesenktem Blick in den Klassenraum und sagte keinen Ton. Erst als Ruri saß, hob sie den Kopf. Lukas bemerkte ihre geschwollenen Augen. Es dauerte nicht lange, bis sie anfing zu weinen.

Bis zur kurzen Pause hatte Ruri sich wieder im Griff. Sie stand allein in der Ecke gegen die Wand gelehnt.

»Was ist denn los mit dir?«, fragte Lukas.

»Kimba ist tot«, sagte sie. Dicke Tränen rollten erneut ihre Wangen herunter. Bei dem Anblick hätte er am liebsten mit geweint, aber das konnte er nicht. Lukas hatte es vor einigen Jahren verlernt. Seither lief keine einzige Träne mehr. Selbst wenn er es sich wünschte.

»Ooh Mann, das tut mir schrecklich leid. Wie ist er denn gestorben? Er war doch nicht alt. Hat er etwas Giftiges gegessen?«

»Nein«, sagte Ruri. »Er fiel vom Fensterbrett.«

»Oh Gott, aus dem vierten Stock. Aber manchmal können doch Katzen solche Stürze abfangen, oder?«

»Er fiel direkt auf den Zaun. Hing dort an einem Zacken aufgespießt. Es sah furchtbar aus.«

»Armer Kimba.«

»Ja«, sagte Ruri.

Lukas trat etwas näher an sie heran. Er wollte eng neben ihr stehen, um ihr das Gefühl zu geben, es war jemand für sie da.

In der Mathestunde bekam er wie immer nichts von dem mit, was vorn erzählt wurde. Diesmal überlegte er die ganze Zeit, womit er Ruri eine Freude machen konnte. Mit dem Klingelzeichen zur Hofpause sprang er auf und rannte aus dem Klassenzimmer, über den Flur in die Jungentoilette. Dort versteckte er sich, bis der Pausenlärm nachließ. Langsam schlich er zurück in den leeren Raum. Unter dem Lehrerpult fand er sofort, was er wollte. Die Schachteln mit der bunten Kreide. Er nahm sich drei verschlossene Packungen von den sechs, die da lagen. Das kam ihm fair vor. Er verstaute sie in seiner Schulmappe und schlich sich dann unbemerkt zu den anderen nach draußen.

Auf dem Heimweg – sie hatten sich schon einige Hundertmeter von ihrer Schule entfernt – blieb Lukas auf einmal stehen.

»Schau mal Ruri, was ich habe.« Er nahm den Schulranzen vom Rücken, öffnete ihn und brachte die Schachteln mit der Kreide zum Vorschein.

»Hast du die geklaut?«, fragte sie.

»Geliehen«, sagte er. »Sollte ich mal welche bekommen, lege ich sie zurück. Wir könnten damit Besseres anfangen, als Aufgaben an die Tafel zu schreiben. Zum Beispiel ein paar Erinnerungsbilder für Kimba malen. Wenn wir die groß genug machen, kann er sie aus dem Katzenhimmel sehen.« Ruri lächelte. Ihm wurde dabei warm ums Herz.

»Sind deine Eltern schon zu Hause?«, fragte er.

»Nein, meine Mama ist verreist und Papa kommt erst abends. Ich habe einen Schlüssel. Hana muss ich um vierzehn Uhr vom Kindergarten abholen«, antwortete sie.

»Super, dann lass uns eine geeignete Stelle zum Malen finden.« Für ihn würde es Ärger geben, wenn er zu spät nach Hause kam, aber das kümmerte ihn nicht. Sie liefen die Straße ein Stück runter über die Kreuzung in einen verkehrsberuhigten Bereich. Spielstraße nannten sie den. Dort würden keine Autos fahren, wusste Lukas.

Ruri hatte hin und wieder die schrecklichen Bilder des Vorabends im Kopf. Sie freute sich aber über Lukas’ Bemühungen. Ein witziger Junge, dachte sie, als er sich auf die Straße hockte und zu malen begann. Sie sah ihn sich dabei genau an. Ihrer Meinung nach waren seine Haare etwas zu lang, unordentlich und komisch. Die Farbe ließ sich nicht bestimmen. Sie kamen ihr weder blond noch braun vor, hingen über beide Ohren und standen an den Seiten ab. Auf seiner Nase verteilten sich Sommersprossen. Sonst blieb das Gesicht davon frei. Seine Haut fand sie zu hell. Sie war besorgt, er würde sich einen Sonnenbrand holen.

Lukas skizzierte erst einen riesigen Katzenkopf, dann drei Wolken, als Nächstes den Körper des Tieres.

»So fett war Kimba auch wieder nicht!«, meinte Ruri.

»Oh, entschuldige.« Er wischte die weiße Linie sorgfältig vom Asphalt. Es dauerte etwas, dann zog er eine neue.

»Ist es besser?«

»So ist es gut!«, sagte sie.

»Zum Glück regnet es nicht. Regen hätte mir meinen ganzen Plan vermiest. Möchtest du den Körper ausmalen? Ich mache die Wolken.«

»Ja, okay«, sagte Ruri.

Am echten Himmel über ihnen war nicht eine zu sehen. Der blieb strahlend blau. Immer wieder kamen Erwachsene an den beiden kreideverschmierten Kindern vorbei. Niemand beschwerte sich. Nach einer Weile liefen Ronja und Silke, zwei Mädchen aus ihrer Klasse, mit ihren Eltern den Gehweg entlang.

»Schau mal, wie die angezogen sind. Als ob sie in die Kirche gehen«, meinte Lukas.

»An einem Dienstag?«

Allesamt sahen sie auf die beiden herab, grüßten aber nicht.

»Die Tussis meinen, sie sind was Besseres«, sagte Ruri.

»Na und, dafür können sie nicht malen«, behauptete Lukas. »Mir sind die egal.«

»Mir auch.«

Schon bald taten ihnen die Hände weh. Wenn die Kreidestückchen zu klein wurden, kratzten die Fingerspitzen manchmal über den Asphalt.

»Schau, ich bin fertig«, verkündete Lukas.

»Ich auch gleich«, sagte Ruri.

Beide traten zurück, um ihr Kunstwerk zu betrachten. Es zeigte einen schwarzen Kater mit weißen Flecken, der in den Wolken schwebte. Dahinter schien eine Sonne. Unten, auf der Erde, wuchsen vier Blumen: zwei rote und drei blaue mit grünen Blättern.

»Das ist gut geworden«, stellte Ruri fest. Lukas lächelte und nickte. »Es ist groß genug, um vom Katzenhimmel aus gesehen zu werden!«

* * *

Am nächsten Tag saß Lukas in der ersten Pause vor dem Sekretariat seiner Schule.

»Na, was hast du wieder ausgefressen?«, fragte Frau Simon, die Biologielehrerin. Sie hatte blondes gelocktes Haar, trug immer Strickpullover, Leinenhosen und Birkenstockschuhe. Sie wusch ihre Kleidung aus Überzeugung nicht mit Chemikalien und roch deshalb etwas anders. Sie war gutmütig zu ihm, er mochte sie. Lukas zog die Schultern hoch und ließ sie wieder fallen.

»Na ja, viel Glück«, sagte sie und zwinkerte ihm zu.

Lukas sah ihr nach. Eine nette Frau, dachte er. Die meisten Lehrer sagten immer Dinge wie »Na, der Stuhl scheint für dich reserviert zu sein« oder »Warum ziehst du nicht gleich hier oben ein.« Sie fanden es offenbar lustig, wenn ein Kind allein vor geschlossenen Türen saß. Diese Art von Humor verstand er nicht.

Er hörte die Schritte, das Türschloss und dann die Stimme von Herrn Buchsteiner, dem Konrektor: »Komm bitte rein, Lukas.«

Er trat in das Büro. Genau genommen gefiel es ihm. Auf dem Schreibtisch und den Kommoden standen mehrere Schiffsmodelle. Einige frei, die anderen, kleineren, steckten in Flaschen. Er fragte sich bei dem Anblick jedes Mal, wie man die dort reinbekam mit all den Masten und Segeln. Er glaubte nicht, dass der Buchsteiner das mit seinem dicken Fingern selbst konnte. Außerdem machte der Konrektor auf ihn nicht den Eindruck, als besäße er handwerkliches Geschick. Er schaffte es ja nicht einmal, seine Frisur ordentlich zu kämmen. Die Haare standen in alle Richtungen. Sein Anzug sah aus, als hätte er darin geschlafen. Nur sein Gesicht war frei von Falten und Emotionen.

»Setz dich, Lukas. Weißt du, warum du heute hier bist?«

»Ja.«

»Na, dann erzähle mir mal, warum?«

»Frau Nollte sagte mir nach der zweiten Stunde, dass ich mich hier bei Ihnen melden soll.«

»Ja, das stimmt. Ich würde gerne von dir wissen, was du glaubst, warum sie dir das sagte.«

Er zuckte mit den Schultern.

»Bin mir nicht sicher, Herr Buchsteiner.«

»Dann helfe ich dir etwas auf die Sprünge. Heute Morgen wurde an uns herangetragen, dass man dich gestern dabei sah, wie du fast die Hälfte der verkehrsberuhigten Zone am Viktoria-Luise-Platz mit Kreide beschmiert hast. Das ist eine Straftat. Man nennt es Sachbeschädigung. Hast du das schon einmal gehört?«

»Nein«, antwortete Lukas. »Beim nächsten Regen wird alles wieder sauber sein. Ich habe doch nichts kaputt gemacht.«

»Außerdem stellte sich heraus, dass bunte Kreide aus dem Lehrerpult in deinem Klassenzimmer fehlt.«

»Es war für einen guten Zweck und ich werde sie ersetzen«, beteuerte Lukas.

»Das ist Diebstahl!«

Der Konrektor sah ihn streng an. Lukas sagte nichts. Er überlegte, wie traurig seine Mutter sein würde, wenn er ins Gefängnis käme.

»Nun weiß ich natürlich, dass du nur noch ein paar Wochen an unserer Schule bleiben wirst. Ich erkenne keinen Sinn darin, nochmals eine Bestrafung zu erwägen. Du wirst dich eh nicht ändern. Alle Maßnahmen waren ja bis hierher offenbar ergebnislos. Mir tun die Menschen leid, die mit dir zukünftig auskommen müssen.«

Lukas saß geknickt in seinem Stuhl und schwieg.

Vor ihm auf dem Schreibtisch lag ein Umschlag. Der Konrektor griff danach und hielt ihn in die Luft. »Das ist ein Brief für deine Mutter. Den gibst du morgen unterschrieben wieder im Sekretariat ab.«

»Okay, das mache ich.«

»Du kannst jetzt in deine Klasse zurück.«

»Danke, Herr Buchsteiner«, sagte er. »Die übrige Kreide habe ich schon zurückgelegt.«

Der Konrektor sah ihm nach und schüttelte den Kopf.

Lukas kam sich leichter vor, als er die Treppen runterlief. Er war froh, dass ihm keine Frage zu Ruri gestellt wurde. Er log nicht gern. Seiner Mutter würde er die traurige Geschichte mit dem Kater schon erklären können. Davon war er überzeugt.

Im Klassenzimmer sahen Ronja und Silke dabei zu, wie er den Brief in seiner Schultasche verstaute. Er fühlte die Blicke der blonden Mädchen, er brauchte nicht hinzusehen. Ihm war klar, wer ihn verpetzt hatte.

In der Hofpause wurde Ruri ebenfalls aufgefordert, das Sekretariat aufzusuchen. Lukas stand direkt neben ihr, als die Klassenlehrerin sie ansprach. Seine Freundin warf ihm einen ernsten Blick zu.

Sie beschloss, kein Wort mehr mit Lukas zu wechseln. Ruri trat in den Klassenraum, darauf bedacht, niemanden anzusehen und nichts zu hören. Sie verstaute den Brief in ihrem Schulranzen, schnallte den auf den Rücken und ging wieder zur Tür hinaus. Es standen noch drei Unterrichtsstunden bevor, doch das war ihr egal.

Auf dem Heimweg stellte sie sich unterschiedliche Varianten vor, wie Lukas sie verpetzt hatte. Ihr war klar, sie musste seinen Namen komplett aus dem Gedächtnis löschen. Sie beschloss, als Erstes seinen Poesiealbumeintrag zu entfernen. Abends würde sie sich überlegen, wie es klappen könnte, ihn nicht mehr zu hören und zu sehen. Zum Glück wohnt er nur noch ein paar Wochen hier, dachte sie.

Das Sicherheitsschloss ihrer Wohnungstür war nicht verriegelt. Ruri zog den Schlüssel heraus und überlegte, ob sie etwas vergessen hatte. Ihre Mutter war für zwei Tage auf einer Geschäftsreise. Ihr Vater würde erst abends zu Hause sein, und Hana befand sich im Kindergarten. Die Tür öffnete nach nur einer Umdrehung mit dem Zentralschlüssel. Beim Eintreten nahm sie einen ungewohnten Geruch wahr. Neues Parfum? Sie legte den Ranzen ab, zog ihre Schuhe aus und lief ein paar Schritte den Korridor runter. Die Wohnzimmertür stand offen. Dort sah sie ihren Vater auf der Couch sitzen. Er trug einen Bademantel, seine Haare sahen chaotisch aus. Das allein hätte sie kaum verwundert. Die Frau neben ihm, die nur mit einem weißen T-Shirt und Unterhose bekleidet war, passte nicht ins Bild. Ruri stand einen Augenblick sprachlos da. Die kurzen, braunen Haare der Unbekannten waren ebenfalls völlig durcheinander. Sie starrten sich gegenseitig an. Für Ruri sah es aus, als wollte die Frau lächeln, aber ihre Mundwinkel fanden nicht den Weg nach oben.

»Hallo, schon zu Hause?«, fragte ihr Vater.

»Ja, es sind ein paar Stunden ausgefallen. Ein Lehrer ist krank. Warum bist du denn schon hier?«

»Ich habe etwas früher Schluss gemacht«, sagte Toshi. Sie erkannte bei ihm keine Spur von Nervosität. Er benahm sich wie immer. »Ruri, kannst du bitte Hana abholen? Dann können wir heute zusammen früher essen. Ich gehe gleich einkaufen.«

Sie bekam nicht den Eindruck, dass er vorhatte, die Frau vorzustellen.

---ENDE DER LESEPROBE---