Von Rot zu Rot - Guschti Meyer - E-Book

Von Rot zu Rot E-Book

Guschti Meyer

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Beschreibung

Skotor, der Magier, und Radozorro, der rote Ritter, erforschen das verlorene Wissen über die Farben. Geschichte über Geschichte und über viele Zeiträume tauchen sie ein in verschiedenste Konflikte und Verstrickungen. Skotor versucht mit raffinierten Techniken und hinterhältigen Schlichen, Radozorro sein Wissen zu entreißen. Dieser muss den Weg durch qualvolle Erlebnisse mit Einblicken in seine eigene Vergangenheit gehen, um zur Selbsterkenntnis und schließlich zur Versöhnung zu gelangen. Nach und nach offenbaren sich die Farben als Persönlichkeiten, die helfen und heilen, aber auch prüfen. Die Bildtafeln im Buch zeigen wesentliche Eigenschaften der Farben. Erfahren Sie mehr über Guschti Meyer und die Farben unter www.farbenkunst.ch oder [email protected]

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Seitenzahl: 453

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2023 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99146-111-1

ISBN e-book: 978-3-99146-112-8

Lektorat: Caroline Siewert

Umschlagfoto: XXX

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Innenabbildungen: Guschti Meyer

www.novumverlag.com

Gewidmet allen, die bereit sind, Konventionen zu durchbrechen und Neues zu ergründen.

1 Rot

Hast du den roten Drachen gesehen?

Still und zahm ruht er in sich. Er sieht aus wie ein geschlossener Kreis. Friedlich hält er seinen feuerroten Schweif wie eine süße Frucht im Mund und blickt gerührt auf seine niederrinnenden Speicheltropfen. Und erst die gezackten, die furchterregenden Flügel! Sie liegen weich und sanft wie schattenspendende Blätter auf seinem schuppigen Leib. Die kampferprobten Klauen aber sind schon gar nicht mehr sichtbar, eingezogen sind sie. So liegt der mächtige Drache! Und ob du es glaubst oder nicht: Noch nie war er so mächtig! Das muss ich dir näher erklären, denn es ist ein nicht leicht zu verstehendes Geheimnis.

Es ist eine uralte Geschichte.

Versuche, so weit zurückzudenken, wie du kannst. Ja? Gut! Doch das ist noch lange nicht genug. Füge noch einmal das Hunderttausendfache dazu und dann denke, dass dies erst ein winziger Tropfen der Zeit ist im größten der Meere, welches du dir vorstellen kannst.

Damals also fiel ein Punkt, ja, ein Punkt, etwas noch nie Dagewesenes, etwas Unfassbares, von oben herab: ein Punkt. Also winzig klein, eigentlich nicht sichtbar und doch wirklich. Dieser war rot, ganz rot. Die Bedeutung dieses Punktes kann nur ermessen, wer die Gegenwart versteht, wer in der Gegenwart alle Vergangenheit und alle Zukunft begreift. Zuerst war der Punkt wie eine winzige Träne, feucht und glänzend. Diese Träne fiel also herab, einfach herab. Bis anhin konnte nie etwas einfach herabfallen, das gab es nicht. Es gab keinen Raum, kein Unten und kein Oben, kein Innen und Außen wie auch kein Rot und kein Grün, und weder Zeit noch Ort. Es war alles in allem und alles war alles. Aber woher kam denn plötzlich die Änderung? Ja, um dies verstehen zu können, braucht es eben die Geschichte vom roten Drachen.

Der Punkt entstand durch seinen Fall und der Fall durch den Punkt. Der Punkt war rot. Und er wurde durch dieses Fallen größer. Er wuchs und wuchs, je länger er fiel. Zugleich wurde er schwerer und bedeutender, er begann, Form anzunehmen. Und durch sein Fallen bildete sich der Raum und bildete sich die Zeit. Erst dadurch wurden diese zwei wahrnehmbare Wirklichkeit. Der Punkt konnte dies als seinen Verdienst ansehen.

Schließlich kam der Augenblick, da sich dieser Rotraum nicht mehr weiter ausdehnte. Doch seine Wärme nahm zu und seine Kraft entwickelte sich fort. Du musst dir jetzt einen feurig glühenden Ball vorstellen, mit Weisheit begabt, in Schönheit glänzend, mit Kraft und Macht ausgestattet. Und da auch die Zeit geworden war, gebar die Zeit den Wunsch: Der Feuerball war nicht mehr damit zufrieden, einfach zu sein, er wollte etwas Bedeutendes werden. So wuchs in ihm ein winziges Wesen heran, gebildet durch das eigene Begehren. Anfänglich glich dieses Wesen einer kleinen, roten Farbwolke. Es war noch unbedeutend, aber es bewegte sich und konnte sich in Form und Farbe unablässig verwandeln. Es wurde schöner, vielgestaltiger. Es war helle Freude. Doch die unzähligen spielerischen Versuche, das rote Wesen immer neu zu formen und immer neue Rotfärbungen hervorzubringen, brachten die Erfahrung der Grenze. Plötzlich gab es Wiederholungen, es war nicht mehr möglich, Neues und Erstmaliges zu schaffen. Es war wie ein Erwachen. Verstehst du? Bis dahin geschah alles ganz selbstverständlich, einfach so, ohne Frage, ohne Anstrengung. Alles war wundervolle, spielerische Entwicklung. Jetzt aber gab es einen Bruch, einen Riss. Plötzlich war nichts mehr wie vordem. Verantwortlich dafür war die Zeit. In der Zeit sind Werden und Vergehen beschlossen. Und auch Grenzen. Dessen war sich der rote Punkt allerdings nicht bewusst, als er so mir nichts, dir nichts beschlossen hatte, zu fallen und zu wachsen.

Doch während es bis anhin nur vollkommenen Einklang und tiefe Glückseligkeit gab, entstanden auf einmal Wut, Ärger und Unzufriedenheit. Das brachte allerdings mit sich, dass der rote Feuerball sich selbst in neuer und intensiver Weise wahrzunehmen vermochte. Er hatte starke Gefühle, und er wurde sich seiner selbst bewusst. Diese neuen Gefühle wurden Mutter und Vater seiner neuen Gestalt. Sie formten ihn zum Drachen. Die rotfarbenen Luftgebilde nahmen Wut und Selbstbewusstsein in sich auf und begannen, sich zu verdichten. Das war der Vater. Sie verschlangen Weisheit und Schönheit. Das war die Mutter.

Der Drache, der sich aus den transparenten und noch wesenlosen Farbschleiern entwickelte, war anfangs weich und freundlich. Er lächelte süß und freute sich über sein Dasein. Dabei sah er aus wie ein kleines, niedliches Schlänglein. Und er war zahm. Wendig und lustig bewegte er sich im Licht des Feuers. Er wuchs schnell, wurde ungestüm und wild. Aber er war allein im wesenlosen, weiten Raum, im heißen Dampf der roten Kugel. Bald ergriff ihn eine mächtige Unruhe, ein Drang, etwas Besonderes zu werden, etwas Gewaltiges zu wagen. Er suchte eine Herausforderung, er wollte seine Kräfte erproben. Wo aber konnte er ein Gegenüber finden?

Hier beginnt ein weiteres Geheimnis, das in den Tiefen der Zeit verborgen liegt. Heute aber ist der Augenblick gekommen, es zu enthüllen. Du wirst es erfahren, wenn du den Bildern dieser Geschichte folgen magst.

Zunächst übte der Drache seine Gefühle der Kraft an sich selbst, mit sich selbst. Er bewegte sich zum Beispiel besonders schnell und zackig. Er versuchte, die eigenen Weichheiten abzuschleifen. Er wollte hart werden. Das stärkte seine Meinung von sich selbst. Und sieh da, die unzähligen Übungen trugen Früchte. Seine Gestalt begann sich zu verändern. Es wuchsen ihm da und dort kleine Fortsätze, die sich langsam zu hieb- und stoßkräftigen Gliedern ausbildeten. Bestärkt durch diese Tatsache intensivierte der Drache seine Bemühungen. Er übte unablässig, und er tat es mit großem Stolz. „Ha, ich bin wer!‘, sagte er zu sich selbst. Schließlich wuchsen an seinen Gliedern Krallen und spitze Nägel, und seine Haut wurde hart und schuppig. So kam es, dass er mit acht Beinen, sechs Flügeln und sieben Hörnern ausgestattet und seine Größe auf das Tausendfache gewachsen war. Ja, er besaß sogar mehrere Zungen. Aber es fehlte immer noch sein Gegenpart, irgendein Wesen, das ihn bewunderte, dem er seine Kraft und sein Können demonstrieren konnte.

Da geschah es, dass eines Tages eine große, weiße Wolke erschien. Sie war weich, sanft und hell, fast nur aus Luft und Licht bestehend; aus einem anderen Licht als dem, welches die rote Kugel erhellte. Die unfassbar zarte Schleiergestalt schwebte leise herab. Der Drache war begeistert. Endlich kam für ihn die große Stunde. Dieser Wolke würde er beweisen, wie groß, mächtig und erhaben er war, und wie nichtig und schal sie in ihrer blassen Durchsichtigkeit einherging. Wenn sie ihm nicht Ehre und Anerkennung zuerkennen würde, dann wollte er sie zum Kampf herausfordern. So beschloss er. Und diesen Kampf würde er in jedem Falle gewinnen, daran bestand nicht der geringste Zweifel. So betrachtete er voll triumphierender und erwartungsvoller Freude das langsame Herabgleiten der Wolke. Sie kam näher und näher. Sie wurde heller und heller; so hell, dass der Drache schließlich die Augen zukneifen musste. Sie brannten ihn. So viel Licht war er nicht gewohnt. Aber das würde sich geben. Er konnte auch mit geschlossenen Augen kämpfen, und mit seinem Sieg würde das Licht der Wolke zweifellos erlöschen.

Die Wolke jedoch schien den Drachen überhaupt nicht zu beachten. Mit unverminderter Langsamkeit schwebte sie heran. Ganz selbstverständlich, ganz lautlos. Sie war groß, sehr groß, das sah der Drache, als er zwischendurch einmal blinzelnd hinaufblickte. ‚Umso besser‘, dachte er, ,dann ist meine Macht entsprechend größer, wenn ich sie besiege und mir unterwerfe.‘ Endlich war die Wolke ganz nahe, so nahe, dass er sie fast berühren konnte.

Sogleich wollte der Drache ihr mit einer gebieterischen Rede Einhalt gebieten, sie in Schranken weisen. Aber er kam nicht dazu. Denn die Wolke begann, ihn zu durchdringen. Ja, sie ging buchstäblich einfach durch ihn hindurch. Ganz langsam, gleichmäßig, unaufhaltsam und stetig. Es war unerhört, es war schrecklich. Kannst du dir das vorstellen? Der arme Drache war so perplex, dass er beinahe in Ohnmacht fiel. ‚Das geht doch nicht, es ist gegen jede Vernunft, es ist nicht möglich.‘

Kurz darauf ergriff ihn eine sonderbare, unbeschreibliche Müdigkeit. Alles in ihm wurde matt und unklar. Alle Konturen verloren sich. Sein Wille, seine Vorsätze, ja sogar sein Kampfesmut, wurden schwächer und schwächer. Und noch etwas geschah: Eine unerklärliche Weichheit durchströmte ihn, ja, sie verwandelte ihn buchstäblich, sodass in ihm plötzlich sein Schlangendasein und sein Schlangenbewusstsein wiedererwachten. Und er vermochte dadurch, die Zeit zu durchdringen, und er sah seine eigene frühere Weisheit und seine Schönheit. Tief in seinem Inneren begann sich eine alte Erinnerung zu regen. Sie sagte ihm, dass er noch vor aller Zeit einmal selbst ein Wesen von wolkenhafter Durchsichtigkeit und Zartheit gewesen war. Er konnte in die helle, selbstverständliche Geborgenheit und in die reiche Fülle seiner Herkunft blicken. Doch das dauerte kürzer als alles Kurze. Bald verlor er sein Bewusstsein und fiel in einen tiefen Schlaf. Die Wolke aber schmiegte sich fast liebevoll um ihn; sie umhüllte ihn weich und warm.

Da hatte der Drache einen Traum.

Er sah, wie ein roter Ritter durch eine Wüste ritt. Sie bestand aus Sand, aus nichts als goldgelbem Sand und graugelbem Sand und Sand in vielen anderen Farbnuancen von Gelb. Außer dem Ritter, der auf seinem Pferd in wildem Tempo durch die kahle Wüste ritt, war nichts zu sehen. Man konnte lange, lange hinschauen: Das Bild sah immer ungefähr gleich aus. Es schien eine Wüste von unermesslichen Ausmaßen zu sein. Oder ritt etwa der Reiter immer auf derselben Stelle? Aber nein, bei genauem Hinsehen gab es winzige Veränderungen der Farbatmosphäre. So ritt er fort und fort, und der Drache schaute gebannt auf das immer gleiche Bild des dahinjagenden Reiters. Und so lange es auch dauerte, der Drache wandte den Blick nicht ab, denn er spürte deutlich, dass irgendwann etwas Außerordentliches passieren würde.

Endlich tauchte in der Ferne ein eigenartiger dunkler Hügel auf. Und der Hügel kam näher, nein, vielmehr ritt der rote Reiter auf ihn zu. Aber das ist ja einerlei, denn es ist dasselbe. Bald konnte der Drache erkennen, dass der Hügel hoch und gefährlich war. Er bestand aus mächtigen Felsen, die der Reiter niemals würde überwinden können. Aber diesen kümmerte solches offenbar nicht, denn er ritt mit unverminderter Geschwindigkeit auf das Hindernis zu. ‚Nein, das ist doch nicht möglich, er wird an den Felsen zerschellen, und sein Pferd mit ihm! Er soll doch endlich sein Tempo drosseln! Es ist nicht auszuhalten. Jetzt, gleich wird es passieren! Aah, Aah!‘ Der Träumer hatte die Augen schließen müssen, dieses schreckliche Bild konnte er nicht mit ansehen, selbst wenn er ein Drache war.

Nach einer Weile wagte er vorsichtig, die Augen wieder zu öffnen: Seltsam, was war das? Der Reiter war immer noch auf seinem Pferd und ritt im selben Tempo, als ob nichts geschehen wäre, weiter. Doch er ritt jetzt durch eine schmale Gasse in einer äußerst steilen und engen Felsschlucht wie durch ein Nadelöhr. Wie hatte er nur einen Durchgang finden können? Das war die reinste Zauberei! In der Felsschlucht aber dröhnte ein gewaltiges, gleichmäßig vibrierendes Tongebilde: ein urmächtiger Klang, bestehend aus vielen ineinander verwobenen Tönen. Es hörte sich an wie ein unsägliches, lautes Jammern aus fernster Zeit, wie ein gleichzeitiges Ertönen aller je erhobenen Klagen. Gleichmäßig und unaufhörlich schrie es durch die düstere Schlucht. Und dieses unerträgliche Klagegeschrei schien ewig zu währen. Und wäre der Reiter nicht vorangekommen, und hätte die Schlucht sich nicht geweitet, und die Felsformationen an Höhe und Härte abgenommen, der Jammer hätte den Reiter wahrscheinlich niedergestreckt. Doch weil die Landschaft weicher und offener wurde, verringerte sich die Tonstärke. Und endlich war nichts mehr zu hören und es herrschte wieder vollständige Stille wie vordem. Und wieder war nichts anderes mehr zu sehen als die unendlich sich ausdehnende Wüste; heißer Sand, nichts als Sand und Staub.

Der Drache aber wusste im Traum, dass sich auch diesmal etwas verändern würde, wenn er nur genug Geduld hätte, unablässig hinzuschauen.

Und sieh da: Endlich zeichnete sich am fernen Horizont eine winzige Erhebung ab. Es war etwas Grünes, das sich immer deutlicher als eine Oase entpuppte: etliche Bäume, Büsche und sogar Steinbrocken. Immer noch ritt der rote Reiter mit rasender Geschwindigkeit. Aber diesmal schien er gewillt, seinen Ritt zu unterbrechen und innezuhalten, denn er verlangsamte das Tempo. Unmittelbar vor der Oase hielt er sein Pferd sogar an und betrachtete konzentriert die vor ihm liegende Wasserstelle. Schließlich umritt er sie langsam, unablässig mit scharfem Blick auf sie schauend. Endlich stieg er vom Pferd, band es an einen alten, verkrüppelten Baum und ging suchend umher. Er schritt in eigenartigen Kreisbahnen zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch. Was hatte er wohl vor, was suchte er? Jetzt kam er an eine leicht abfallende Mulde, die mit dichten Gräsern und etlichen verkorksten Sträuchern bewachsen war. Er bahnte sich einen Weg durch das Dickicht, stieg hinab in eine feuchte, verwilderte und modrig riechende Vertiefung. Dort fand er eine mächtige Felsformation, die fast vollständig mit Moos und Flechten überwachsen war. Vorsichtig kratzte er an verschiedenen Stellen das Moos und die Flechten Stück für Stück weg. Was hoffte er darunter zu finden? Außer gewöhnlichem grauem und schrundigem Stein war nichts Besonderes zu sehen. Aber der rote Reiter ließ sich nicht beirren und führte seine Arbeit beharrlich weiter. Mehrmals prüfte er eine gewisse Stelle minutenlang und minutiös. Schließlich setzte er sich erschöpft hin. Seine Arbeit schien nicht von Erfolg gekrönt zu sein. Sinnend saß er in der feuchten Mulde vor dem moosigen Felsungetüm. Unbeweglich verharrte er in der gleichen, leicht gebeugten Haltung. Sein faltiges Gesicht sah müde und alt aus, die Haare zerzaust. Die herabhängenden Schultern schienen eine schwere Last zu tragen.

Plötzlich schreckte ihn ein Geräusch aus seinen Gedanken. Eine jähe Erinnerung trieb ihm das Blut in den Kopf. ‚Was ist das? Habe ich das nicht schon einmal gehört? Da ist es wieder, ganz deutlich: ein eindringliches, ächzendes Knirschen, hervorgerufen durch verrostete Angeln einer schweren Tür, die mühsam mit aller Kraft aufgedrückt werden.‘ Der rote Ritter horchte gespannt. Er musste unbedingt herausbekommen, aus welcher Richtung das eigenartige Geräusch kam. Denn es war ein unverkennbarer, deutlicher Hinweis auf die Stelle, die er suchte. Er konzentrierte sich, er hielt den Atem an: ein leises, langgezogenes Knirschen, ein Reiben von uralten Eisenteilen aus längst versunkenen Zeiten. Ja, jetzt war es deutlich genug, jetzt war er sicher, woher es kam. Es musste ganz in der Nähe sein, dort drüben. Er sprang auf, stürzte einige Schritte voran und blieb plötzlich wie erstarrt stehen. Eine mächtige Furcht hatte ihn übermannt, er zitterte. Trübe und schwere Gedanken durchzogen seinen Geist. Plötzlich war er nicht mehr sicher, ob es richtig sei, den Versuch zu wagen, das alte Geheimnis zu erforschen. Es war unglaublich gefährlich. Hatte er wirklich die Kraft dazu? War es der richtige Zeitpunkt?

Er wusste genau, dass nur eine einzige Zeit die günstige war, und dass nur diese eine Zeit Erfolg versprechen konnte. In jedem anderen Fall war ein Scheitern sicher, dann aber bräche eine Dunkelheit sondergleichen herein, und die große Chance für eine erlösende Erhellung wäre für Millennien vertan. Er hatte alle Bedingungen sorgfältig studiert, hatte die Stellungen der Sterne geprüft, hatte sich in einem Kreis von Wissenden intensiv auf diese Stunde vorbereitet. Er hatte alles in seinen Kräften Stehende getan, um sich auf diese Aufgabe einzustimmen, denn es brauchte zum Gelingen nicht nur Weisheit und Wissenschaft, sondern noch weit höhere Qualitäten. Es brauchte ein reines Herz.

Aber jetzt kamen Furcht und Zweifel, gerade sie, die er in sich besiegt zu haben glaubte. Plötzlich fühlte sich der Ritter allein, unsäglich allein. Und er kam sich ganz klein und unbedeutend vor. Er fühlte sich schwach. Mit welcher Entschlossenheit und Kraft war er doch eben noch im Sturmritt herangeprescht. Furchtlos war er durch das Tal der Qualen gedrungen und hatte heiße, wasserlose Wüsten durchquert. Und jetzt? Was war geschehen? Wovor schreckte er plötzlich zurück?

Es war die Erkenntnis von der Möglichkeit eines Scheiterns. Er erkannte erst in diesem Augenblick die Tragweite des Unterfangens. Erst jetzt ging ihm auf, wie hochgefährlich die Aufdeckung der innersten Geheimnisse der sieben Beweggründe war, welchem Risiko er gegenüberstand. War es da nicht besser, alles beim Alten zu lassen und zurückzukehren? War es nicht ehrlicher, ja, vernünftiger, den Lauf der Dinge einfach geschehen zu lassen, statt einzugreifen? Vielleicht könnten ja die Entdeckungen in falsche Hände geraten. Dann würden sie zur negativen Seite hinzugeschlagen und das Unheil verstärken. Statt Nutzen brächten sie Schaden, statt Fortschritt weitere Verhärtung. Konnte er eine so hohe Verantwortung auf sich nehmen?

So sann der Ritter hin und her. Traurig setzte er sich nieder, unentschlossen, unfähig, irgendetwas zu tun. Gleichzeitig wuchs seine innere Unruhe. Immer stärker ergriff ihn eine quälende Spannung. Er musste etwas tun! Es blieb nicht mehr viel Zeit. Niemand konnte ihm die schwere Entscheidung abnehmen. Verpasste er diese Gelegenheit, wäre alles unwiderruflich verloren.

Er blickte zum Himmel. Eine wolkenlose blaue Tiefe war zu sehen, unerforschlich, ohne Zeichen.

Dann geschah etwas Sonderbares: Während der rote Ritter – eigentlich gar nicht mehr ein roter, sondern eher ein blassrötlicher – niedergeschlagen und unentschlossen auf dem Stein saß, kroch eine kleine Eidechse sein Bein hoch und sonnte sich. Der Ritter ließ sie gewähren, sie störte ihn nicht. Ja, er empfand beim Anblick des niedlichen Tieres, dessen Bauch sich mit dem Atem so wundervoll hob und senkte, einen gewissen Trost. Er betrachtete das wunderbare Muster auf dem Körper des kleinen Tieres und wurde dabei ruhiger. Die einfache Selbstverständlichkeit der Kreatur ergriff ihn, er fühlte sich ihr in einer Weise verbunden, die er noch nie erlebt hatte. Und er begann sogar, dem kleinen Reptil von seinen Schwierigkeiten zu erzählen. Er empfand es als tiefes Glück, dass er zu einem lebendigen Wesen sprechen konnte. Und wenn die kleine Eidechse ihn auch nicht verstünde, so spürte er doch eine Verbindung, die sich zart zu weben begann. Ja, er gewann das kleine, atmende Wesen lieb. Die Eidechse verharrte still, ganz still. Wer kann so wundervoll zuhören wie sie?

Doch dann drehte sie sachte ihren Kopf, sodass der Ritter in ihr Auge blicken konnte.

– Und was sah er da? – Der rote Ritter sah im Auge der Eidechse das Auge des Schöpfers! Er sah es ganz deutlich. Es bestand keinerlei Zweifel. ‚Gott‘ blickte ihn durch das Auge des kleinen Wesens an. Und gleichzeitig sah er darin sein eigenes Auge. Das hatte nichts mit Trugbildern zu tun, gewiss nicht, aber der Ritter hatte gelernt, mit seinem Herzen zu sehen. In diesem Augenblick erwachte er wie aus einem tiefen Schlaf. Jetzt war ihm plötzlich bewusst, dass er gerufen wurde. Dass er einen Auftrag angenommen hatte, der nicht nur seinen eigenen Namen trug. Was hatte er sich denn eingebildet, wer er sei? Er konnte die Botschaft der drei Augen zwar nicht in ihren ganzen Dimensionen erfassen, dazu war sie zu groß, aber er begriff, dass er Ja gesagt hatte und handeln musste, und er verstand, dass dieses Ja nicht nur seine in diesem Körper begrenzte Person umfasste. Er musste in einem höheren Auftrag handeln, er war Bote, Instrument. Sein mangelnder Mut, sein Zögern, seine Furcht kamen aus seiner persönlichen Schwäche. Jetzt musste und wollte er sie überwinden.

Er dankte der kleinen Eidechse und gab ihr einen sanften Stoß, sie schlüpfte weg und verschwand im Gestrüpp. Dann horchte der Ritter gespannt, ob er die Geräusche nochmals vernehmen könne. Nichts! Er hatte die Chance verpasst, die Richtung vergessen. Jetzt musste er den Einstieg wieder mühsam ohne genauere Hinweise selbst suchen. Vielleicht gab es irgendein anderes Merkmal, welches die betreffende Stelle kennzeichnete. Er wusste, dass der Schlüssel zur Öffnung der unterirdischen Felsgruft in Form eines Symbols in den Stein gehauen war. Es galt, das Zeichen zu finden und zu entziffern. Und dies musste noch vor Sonnenuntergang geschehen, denn die rechte Zeit kommt nicht zweimal. Mit wachsender Unruhe und Ungeduld untersuchte der Ritter das ganze Gebiet. Es begann schon zu dämmern. Er konnte es nicht fassen: Hatte er bereits verloren? Durch seine Zweifel und seine Furcht den Auftrag verpasst? Irgendetwas lag schief. Die Zeit zerrann. Ermussteden Einstieg finden! Und immer schneller und nervöser durchsuchte er die wild verwachsenen Steinformationen. Dabei stieß er mit dem Knie so heftig gegen einen messerscharfen Stein, dass er vor Schmerz zu Boden stürzte. Eine tiefe, blutende Wunde klaffte.

Der träumende Drache erwachte. Die Bilder, die er eben gesehen hatte, bewegten ihn tief. Aber gleichzeitig war er äußerst missmutig. Wer hatte ihn geweckt? Das ging doch nicht. Man konnte doch nicht mitten in einer spannenden Geschichte einfach aufwachen. Er wollte unbedingt weiterträumen. Da spürte er die weiche Wolke, die ihn zärtlich und sanft, ja, liebevoll umhüllte. Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass dieser Traum etwas mit ihm selbst zu tun hatte. Irgendwie diffus zwar, aber doch ganz sicher, konnte er einen Zusammenhang ahnen zwischen den Traumbildern und eigenen … Ja, was …? Eigenen Gefühlen, eigenen …; er konnte es nicht finden. Und doch … Aber du kennst das! Der Verstand kommt eben nicht überall mit. Nicht einmal ein Drachenverstand.

Schließlich gähnte er laut und streckte seine vielen Glieder. Inzwischen hatte er vollkommen vergessen, dass er eigentlich die Wolke hatte bekämpfen wollen. Die Wolke aber begann, sich ganz unbemerkt davonzuschleichen. Sie verdünnte sich einfach, zog sich sozusagen aus der Sichtbarkeit zurück. Und so war eben der gewaltige Drache wieder allein. Aber er war jetzt nicht mehr derselbe. Er besaß ein Stück eines Traumes. Und dieses Traumstück wollte er sorgsam bewahren. Und tief in seiner Drachenseele hegte er sogar die Hoffnung, dereinst den Traum doch noch weiterträumen zu können.

*

Inzwischen hatte der Ritter die Wunde verbunden.

Jetzt saß er ganz still da und dachte an nichts. Eine große Ruhe umfing ihn. Er fühlte eine wohltuende Müdigkeit. Irgendwie stand die Zeit plötzlich still. Und damit verlor alle Anstrengung jede Bedeutung. Er horchte auf seine Atemzüge und empfand ein tiefes Glück, dass er lebte. Im Sein, im natürlichen und fraglosen Dasein, fühlte er höchste Kostbarkeit, ja, sogar Weisheit, denn im vollen Erleben der Gegenwart konnten sich keine Sorgen einnisten.

In seiner Vorstellung sah er wieder die atmende Eidechse: War sie nicht mit der Weisheit des Lebens mehr im Einklang als er selbst? Sie war einfach da. Sie folgte ihrem inneren Gesetz ohne Fragen und Zweifel. Das konnte er von ihr lernen! Aber auch sie empfand Furcht. Ihr kleines Herz war unzähligen Ängsten ausgeliefert. So hatte also auch sie noch einen Weg zu gehen! Den Weg der Eidechse! – Der Weg der Eidechse? – Der Ritter stutzte. Plötzlich dämmerte ihm etwas. Könnte dies nicht der Schlüssel sein, des Rätsels Lösung? Natürlich, das war ein sicherer Hinweis, wie er den Zugang zur unterirdischen Gruft finden konnte. Endlich glaubte er, die Spur wieder zu haben.

Er stand vorsichtig auf, ging zum nahen Felsen und legte sein Ohr auf den warmen Stein. Er horchte konzentriert auf jedes Geräusch, das aus dem Inneren kam. Er versuchte, Eidechse zu sein, eine ganz kleine, ängstliche aber weise Eidechse. Oh, wie war es wohltuend, so zu horchen. Was er da alles hörte! Er hätte es nie für möglich gehalten: Die alten Steine sangen. Sie erzählten lange verschlüsselte Geschichten. Es musste wunderbar sein, so ein Eidechsenleben. Jedenfalls, wenn keine Gefahr drohte. Er horchte und horchte, und dabei hörte er immer mehr, vernahm immer feinere Töne. Flüsternde Stimmen hörte er. Seufzen und Klagen, aber auch Singen und Summen. Es war allerdings nicht leicht, die vielfältigen, sich zum Teil überlagernden Geräusche genauer zu entziffern. Aber er war überzeugt, dass er das Entscheidende vernehmen und verstehen würde. Das hatte ihm die kleine Eidechse deutlich mitgeteilt. Er musste nur versuchen, mit den inneren Ohren hinzuhören.

Endlich vernahm er ein leises dreifaches Tropfgeräusch, und dreimal dasselbe. Das musste ein erster Hinweis sein! Da war es wieder, nochmals dasselbe: plopp, plopp, plopp. Und nach einer Weile ein drittes Mal. Das Zeichen war unverkennbar: dreimal dreimal drei! Wie aber kann eine solche Botschaft verstanden werden? Der Ritter folgte seiner Intuition. Ohne darüber nachzudenken, gehorchte er der ersten unmittelbaren Eingebung. Er nahm drei Steine vom Boden, klopfte mit dem ersten Stein dreimal an den Felsen, genau an der Stelle, an welcher er sein Ohr hingelegt hatte; darauf tat er dasselbe mit dem zweiten Stein und schließlich nochmals dasselbe mit dem dritten. Das war der erste Teil. Dann wartete er den im Inneren des Felsens abgelauschten Zeitraum ab und wiederholte den ganzen Vorgang dann noch ein drittes Mal mit genauen Zeitrhythmen.

Was darauf geschah, lässt sich nur annähernd und skizzenhaft beschreiben. Die dröhnenden und ächzenden Geräusche, die von uralter Geschichtsträchtigkeit trieften, können nicht wiedergegeben werden, ebenso wenig die gewaltigen Beben und Verschiebungen der Felsmassen. Und noch weniger kann eine Vorstellung vermittelt werden vom Schwall der Gerüche, der aus den Tiefen der Vergangenheit aufstieg und von unzähligen Leiden und Schwären aller Kreaturen berichtete. Es war ein Moment, in dem die Verdichtung von Jahrtausenden auseinanderbrach und sich aufspaltete, in dem die Fülle von gelebtem Leben so sintflutartig hervorbrach, dass ihr kein atmendes Wesen ohne Ohnmacht begegnen konnte.

So erging es auch dem roten Ritter. Erst Stunden später begann er, sich vom gewaltigen Schlag zu erholen.

Was er vor sich sah und fühlte, überstieg die kühnsten Vorstellungen, die er in sich getragen hatte. Er war auf vieles vorbereitet. Doch diesen Anblick konnte er nur mit dem größten Aufwand an Selbstbeherrschung ertragen: Er sah in die verworrenen Abgründe unzähliger Seelenlandschaften, er blickte in die Tränenmeere vergangener Zeiten, er erkannte die mächtigen Gewichte von Schuld und Unschuld. Und die unaussprechbaren Leiden, die Menschen als Preis für ihre Freiheit auf sich nahmen, lasteten wie dickflüssige Luft über allem. Das alles war hier sichtbar, hörbar und fühlbar ausgebreitet. Und er musste Augen, Ohren und Herz verschließen, um von den übermächtigen Eindrücken nicht überwältigt zu werden. –

Auch die Tektonik hatte sich verändert: Direkt vor ihm führte eine schmale, glitschige Felsentreppe durch die schummrige Düsternis steil hinab. Das musste sein weiterer Weg sein! Er hatte keine Zeit zu verlieren. Denn auch dies gehörte zu seinen Prüfungen: sich durch keine Eindrücke von seinem Weg abhalten zu lassen. Er tastete sich vorsichtig auf den wackligen Stufen ins Dunkle. Die Stufen waren feucht und morsch. Höchste Vorsicht war geboten. Im düsteren, nebligen Dämmerlicht griffen gierige Schattenwesen mit grauenerregenden, schlingernden Armen nach ihm. Nur durch bewusstes, konzentriertes Fernhalten aller inneren und äußeren Einflüsterungen konnte er den Weg bewältigen. – Weißt du, was mitternächtliche, lichtlose Einsamkeit bedeutet, wenn wüste Gedanken ihre Schlingen auslegen? Hast du eine Vorstellung von der Fratze auswegloser Verzweiflung, im Moment, da sie sich auf dich stürzen will? – Es half dem Ritter, dass er auf seine Kniewunde achtgeben konnte; sie schmerzte wieder. Er konzentrierte seine Gedanken auf diese Schmerzen. Das war gut, obwohl sie dadurch heftiger wurden. Dieses Knie führte ihn, es veranlasste ihn, vorsichtig zu gehen, es beanspruchte alle seine Sinne. So kam er langsam hinab, immer tiefer hinab. Und tief unten gelangte er in eine bucklige, unterirdische Gruft. Dort blieb er stehen und blickte suchend umher. Hier musste es sein! Ja, genau diesen Raum hatte er in einer Vision vor sich gehabt. Diese seltsamen Buckel der Wände, diese stickige Feuchte, das kleine rötliche Rinnsal, wie auslaufendes Blut; er hatte sogar solche Geräusche vernommen: das gleiche trockene Knacken und Knirschen wie von Knochen. Ja, er war zweifellos angekommen. Aber was sollte jetzt geschehen? Wie ging es weiter, was konnte er tun? Seine Weisung ging nur bis hierher. Von da an musste er sich gänzlich der im Augenblick entstehenden Führung überlassen. Sein Verstand konnte ihm dabei wenig helfen.

Plötzlich fiel sein Blick auf ein menschliches Knochengerüst. Er starrte es mit gebanntem Blick an. Seine Augen wurden buchstäblich von den Knochen angesogen. Er war außerstande, sie wieder davon zu lösen. Immer tiefer hinein bohrte sich sein Blick. Langsam und unaufhaltbar verbanden sich in ihm alle Lebensprozesse zu einem einzigen Strom, der zu den Augen floss, und von den Augen hinaus auf der Blickbahn über den Luftraum sich in die daliegenden Knochen ergoss. Die gebannte Haltung des Mannes begann, sich der gebannten Lage des Skelettes anzugleichen. Für den kürzesten Moment der Zeit war die Lebenskraft der beiden dieselbe. Dann fiel der Körper des roten Ritters mit einem kurzen, schweren Ton leblos zu Boden. Die in der Höhle liegenden Knochen aber begannen, das Öl der Bewegung in sich aufzunehmen und der Balsam des Lebens ergoss sich in sie. Sie erhielten Fleisch und Blut, Kraft und Mut. Das Rad der Jahrtausende rückte in wenigen Momenten um unzählige Rundungen zurück.

Dann erhob er sich, der einstmals Verblichene.

Rot ist die Erde im Innern. Hast du dir das schon einmal vor Augen geführt? Du kannst es natürlich nicht mit deinen körperlichen Augen sehen. Du musst dir Rot vorstellen. Ein Rot ohne Gelb und ohne Blau. Das reine Rot, das mächtige, das königliche. Ein Drachenrot! Das röteste aller Rot. So rot wie die Kraft, die aller Materie Urgrund ist.

In diesem Rot liegt der Schlüssel des Geheimnisses der Erde. Alle Weisheit hat Teilhabe an diesem Rot.

Aber das mag vorerst recht rätselhaft klingen. Und es braucht noch viele Seiten der Geschichte, um dies begreiflicher zu machen. Du musst noch länger zuhören.

2 Orange

Im Wasserland von Galapivo, einer nur spärlich besiedelten Gegend, hauste eine wohl ernährte, kräftig gebaute und stark behaarte Spinne. Sie saß die meiste Zeit unbeweglich und erwartungsvoll vor ihrer kleinen Höhle und zählte im Geist die Fäden ihres Netzes. Sie war eine bedeutende Persönlichkeit und trug den Namen Galistra Droganella. Von ihrer kleinen Warte aus beherrschte sie weite Teile des Wasserlandes. Ja, ihr Einfluss reichte sogar noch um vieles darüber hinaus. Das wussten die übrigen Bewohner: etliche Tiere, Menschen und Wesen der Elemente, nicht. Denn die Weisheit der Galistra Droganella war eine geheime. Und am ehesten hatten noch die Elementarwesen eine Ahnung von deren Wirklichkeit und Macht.

Es gab in Galapivo auch einen Tempel. Er bestand aus rohen, unbehauenen Steinen, die kunstvoll zu einem mächtigen, hügelförmigen Bau aufgeschichtet waren. Dieser Tempel war uralt, sodass niemand mehr um dessen machtvolle Eigenschaften wusste. Seine Formen, Proportionen und Oberflächen waren mit höchstem Wissen gestaltet worden: Sie bündelten terrestrische und kosmische Energien und erzeugten Töne und Laute, welche Verbindungen mit den unsichtbaren geistigen Ursprüngen allen Daseins herzustellen vermochten. Die Menschen jedoch hatten sich im Laufe der Zeit so gemütlich in den Tälern und Hügeln des Irdischen eingerichtet, dass sie sich nicht mehr um solches kümmerten. Sie hatten längst vergessen, woher die Vorfahren ihrer Vorfahren kamen. Es bestand für sie kein Bedürfnis mehr, eine Verbindung zu einer unsichtbaren Welt aufrecht zu erhalten. Die herrlichen Gaben der Erde genügten ihnen.

Galistra Droganella war die Einzige, die das alte Wissen noch vollumfänglich bewahrt hatte. Und sie war stolz darauf. Sie war auch fest entschlossen, niemandem etwas davon zu verraten. Denn sie wusste genau, dass dieses Wissen auch Macht bedeutete.

So gingen die Jahre dahin, und die Menschen badeten immer tiefer im angenehmen Schlamm des irdischen Genusses. Sie erfanden immer neue stoffliche Vergnügungen. Sie vermehrten sich, sie bekämpften einander, und sie wurden unzufriedener. Die Überzeugung begann sich durchzusetzen, dass die Fülle des Glücks mit der Fülle des Besitzes zusammenhänge. Um zu Besitz zu gelangen, brauchten sie Geld, um zu Geld zu gelangen, brauchten sie Macht, um Macht zu erhalten, brauchten sie Einfluss, Einfluss aber konnte nur haben, wer Geld hatte. Es gab nicht genug für alle. Man musste immer mehr haben als die anderen. Das war das Ziel, das bedeutete Glück. Nur konnte dies nie lange hinhalten, denn immer war nach kurzem jemand anderer wieder reicher und mächtiger, sodass man ununterbrochen, Tag und Nacht, dafür sorgen musste, das Ziel für einen kurzen Augenblick zu erreichen, um es auch sogleich wieder zu verlieren. Und immer musste man weiterkämpfen. Wer aber nicht mitzukämpfen gewillt war, oder wer aus irgendeinem Grund nicht in der Lage war, an diesem lebenserhaltenden Duell teilzunehmen, geriet ins Abseits, verarmte, verhungerte, verkam. Es musste einer schon zäh sein und auch aus einem besonderen Holz geschnitzt, um in dieser Zeit dennoch durchzukommen. Solche wurden Ewiggestrige genannt; sie selbst nannten sich insgeheim Zukünftiggegenwärtige.

Im Wasserland Galapivo lebte die uralte Weise Galistra unerkannt. Denn wer hätte schon eine Spinne für weise und wissend gehalten? Welche Bedeutung konnte denn solch ein hässliches, behaartes Wesen, das die Menschen verabscheuten, schon haben? Lächerlich ist es. Die Tiere sind sowieso nicht gerade klug, und schon gar nicht eine simple Spinne. Diese Eingebildetheit der Menschen gereichte Galistra zum Vorteil. Denn niemand beachtete sie, niemand versuchte, ihr das geheime Wissen zu entreißen. Allerdings hatte auch sie ihre Sorgen. Sie war ohne Nachkommen, und sie wurde älter. Auch sie entkam trotz ihrer Weisheit nicht dem Gesetz der Erde, altern und einmal sterben zu müssen. Zwar hatte sie versucht, die Fäden ihres geheimen Wissens so zu verbinden, dass sie die Unsterblichkeit erreichen würde. Doch es gelang ihr nicht, durch Jahrhunderte nicht. Es konnte ihr nicht gelingen, denn es fehlte ihr der entscheidende Faden. Diesen nämlich konnte nur finden, wer sich selbst aufgab. Und daran dachte die Spinne nicht. Im Gegenteil, sie wollte allein alles Wissen und alle Macht besitzen. Und so sonderbar es scheinen mag: Durch alle Zeit hindurch kam ihr nicht ein einziges Mal in den Sinn, dass ihr dies überhaupt nichts nützte. Sie war stolz, verschlossen, habgierig. Und doch nagte unaufhörlich eine zähflüssige Sorge an ihrem eingetrockneten Leib: Wohin sollte ihr geheimer Schatz des Wissens, wenn sie sterben würde? Was geschähe dann mit ihm? Es kam für sie selbstverständlich nicht in Frage, dass sie davon irgendeinem anderen lebenden Wesen etwas verraten wollte. Doch was sollte sie tun? So brütete sie Tag und Nacht und suchte nach einer Lösung: Vielleicht könnte sie geheime Zeichen erfinden und die Botschaft verschlüsselt irgendwo vergraben, vielleicht könnte sie mit ihrem Speichel eine klebrige Masse herstellen und damit den toten Leib einer ausgesaugten Hornisse umkleistern, in welchem sie die Zeichen verborgen hätte. Aber wer würde die Sache entdecken? Was würde dann geschehen? So nahmen ihre Sorgen stetig zu, je älter sie wurde. Denn die Möglichkeit, dass der Schatz verloren gehen könnte, war ihr gleichermaßen unerträglich wie diejenige, irgendein Wesen außer ihr könnte Kenntnis davon haben.

– So schützt selbst Wissen nicht vor Qual, wenn es zum Besitz erhoben wird. –

Galapivo veränderte sich immer schneller. Die Erde konnte als Folge der Bodenverdichtung das Wasser nicht mehr schlucken, sodass es immer häufiger zu wüsten Überschwemmungen mit Zerstörungen kam, und dabei die unverarbeiteten Gefühle der Menschen sichtbar wurden. Sie stanken. Sie blubberten in hässlichen, schmutzigen Schaumblasen aus der Tiefe hervor. Einige erschraken bei diesem Anblick. Die meisten aber hielten sich Nase und Ohren zu und schauten weg. Und bald kam mit trockenerem Wetter wieder der normale Wettlauf um mehr Besitz.

Das Wasser wurde einstmals als heilige Quelle der Schönheit und Weisheit verehrt. In ihr wurde die Schöpferkraft alles Mütterlichen erkannt. Sie war mit dem Mond in inniger Weise verbunden und schenkte allen freigebig die Fähigkeit zur Veränderung. Wer sich mit ihr im Einklang befand – so wusste man – konnte spielerisch leicht sich wandeln und mit fröhlichem Herzen durch die Welt tanzen.

Die heiligen Wasser von Galapivo fließen in einer doppelten Schwingung unter dem uralten Tempel hindurch, unsichtbar, unter Tag und Licht. Ihre heilende Kraft ist Teil des Geheimnisses des Tempels. Aber darauf achtete schon lange niemand mehr. Und noch etwas muss erzählt werden: Es gibt einen Tag im Jahr, an welchem für sehende Augen im Tempel ein außergewöhnliches Ereignis stattfindet. Dann kommen die Farbwesen des Wassers an die Oberfläche. Sie zeigen sich im Tempel. Sie tun es, weil sie hoffen, erkannt zu werden. Sie haben einen wichtigen Auftrag. Sie sollen helfen, den Menschen die Augen zu öffnen. Sie haben aber nur einen einzigen Tag im Jahr und eine einzige Minute an diesem Tag, an welchem sie sich zeigen können. Und während vor Zeiten weise Frauen die Zeit noch wussten und hohe Erkenntnisse von den Farben des Wassers empfingen, sind heute die Augen, die sehen, nicht mehr vorhanden. Dieser Umstand erfüllt die Farbwesen mit unsäglicher Trauer. Sie leiden, weil sie ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen können.

So steht es um Galapivo.

*

Eines Tages kam ein Fremder in die Gegend. Er war weit hergereist. Ein kräftiger, stattlicher Mann war er, ein ungekrönter König, über und über in rot gekleidet. Er kam mit einem bestimmten Auftrag. Zum Glück wusste das niemand. Nur Galistra Droganella, die immer noch – wenn auch nur noch hauchdünn – lebte, spürte eine seltsame Unruhe seit seiner Ankunft.

Der Mann hieß Radozorro.

Im Hinterland von Galapivo gab es eine Quelle, die am Fuß eines hohen Gebirges aus bizarren Felsformationen hervorsprudelte und dort das Licht des Tages und der Nacht erblickte. Es war jene Quelle, die den unterirdischen Wasserlauf des Tempels speiste. Diesen Quellsprung sollte Radozorro suchen und dort das uralte Geheimnis von Galapivo ergründen. Im gleichen Moment, in welchem er seinen Herzschlag im Rücksprung der Zeit in jener unheimlichen Gruft wiedererlangt hatte, wusste er, wo er seine Suche fortsetzen musste. Die Quelle musste der Ort sein, wo die heilige Weisheit, wo die mütterliche Liebeskraft geboren wurde.

Die Aufgabe, in solche verborgenen Tiefenschichten vorzudringen, war allerdings ungewöhnlich schwierig. Rein äußerlich betrachtet, zeigte der Anblick der Quelle nichts Besonderes. Wie konnte denn schon ein schmales Wasserrinnsal, das aus ein paar skurrilen Felsbrocken hervorquoll, eine tiefere Bedeutung haben? Und selbst wenn diese Quelle hier aus tausenden herausragte, wie konnte das hinter der Sichtbarkeit Verborgene gefunden und entschlüsselt werden? Radozorro hatte keine Ahnung. Wie immer vertraute er der Eingebung des Augenblicks und der Hilfe durch kleine Zeichen und Hinweise. Er wusste, dass er gerade die winzigen und scheinbar unbedeutenden Dinge beachten musste, und dass die Natur ihre Weisheit dem offenbart, der sie als lebendiges Wesen ernst nimmt und sich mit ihr in Liebe verbindet.

So setzte er sich neben die kleine Höhle, aus welcher das Wasser leise singend hervorsprudelte und seinen Weg in die Weite der Landschaft begann. Er hörte auf die vielfältigen Weisen, die das Wasser zu erzählen hatte. Er studierte sorgfältig die verschiedenen Klanghöhen, die Mehrstimmigkeit, die wechselnden Rhythmen. Und er war erstaunt über die Regelmäßigkeit und Ordnung, die der großen Vielfalt und Lebendigkeit zu Grunde lag. Der Gleichklang der Wiederholungen war wohltuend. Er empfand darin Geborgenheit und Umhüllung. Ja, es war, wie wenn die Ewigkeit selbst zu ihm spräche. Und gleichzeitig verbanden sich der Atem des Wassers und sein eigener Atem zu einem einzigen Wesen. Die Zeit hatte keine Bedeutung mehr. Alles war eins. Er war Wasser, und das Wasser war er.

Radozorros Bewusstsein atmete in denselben Klangschwingungen, in der gleichen rhythmischen Regelmäßigkeit. So nahm er in seiner Verschmelzung mit dem Wasser nicht mehr wahr, was außerhalb dessen geschah. Er spürte weder den Lauf der Sonne noch die Veränderungen von Temperatur und Feuchtigkeit.

Es war schon tiefe Nacht, als ein scharfer, zischender Laut schmerzhaft in sein Ohr drang und bewirkte, dass er aus seiner Verschmelzung mit dem heiligen Wasser losgerissen wurde. Diese hatte ihn schon tief hinein in die hohen Hallen von Freude und Freiheit geführt, und nur weniges hätte gefehlt, und er wäre der Lösung der Aufgabe ein großes Stück nähergekommen. Doch das war nicht nach dem Sinn von Galistra Droganella. Sie war es, die im letzten Moment ihr grelles Gift in Radozorros Ohrgrube stach. Sie hatte alle Kräfte ihres alten Leibes und alle Künste, die ihr zur Verfügung standen, aufbieten müssen, um noch zur richtigen Zeit die Enthüllung des Geheimnisses zu verhindern.

Radozorro griff sich an das heftig schmerzende Ohr, sprang auf und suchte nach dem Feind. Dass er niemanden sehen konnte, beunruhigte ihn. Es war Nacht. Er war allein. Irgendjemand hatte ihn verfolgt, beobachtet und im entscheidenden Moment angegriffen. Dieses grelle, überlaute Zischen und die Verletzung seines Ohrs musste von einem Menschen verursacht sein. Er hatte einen Feind, einen Widersacher, vielleicht mehrere. Wie konnte er gegen sie kämpfen, wenn er sie nicht kannte? Was konnte er jetzt tun? Mit größter Vorsicht suchte er im Dunkeln die nähere Umgebung ab. Vielleicht könnte er irgendeinen Hinweis entdecken, der ihm weiterhalf. Aber schon bald musste er es aufgeben, es war zu dunkel. Der zerrende Schmerz in seinem rechten Ohr, die unheimliche bewegungslose Stille und die Ungewissheit lasteten schwer auf ihm.

Da hatte er einen Einfall. Auf dem Weg vom Berg herab zur Quelle hatte er eine besondere Hügelformation entdeckt, die von alten mächtigen Bäumen umstanden war. Die natürliche Anlage war fast kreisförmig. In der Mitte befand sich eine Vertiefung. Die Hügel und die Bäume umgaben diese Mulde wie mit einem Schutzwall. Dorthin würde er jetzt gehen. Dort war er durch die natürlichen Energien einigermaßen geschützt. Und vielleicht könnte er mit ihrer Hilfe am kommenden Tag sogar die Erzählungen des Wassers innerlich zu Ende träumen. Während der Nacht kam so etwas nicht in Frage, da musste er alle Sinne zur höchsten Wachsamkeit aufbieten. Vorsichtig machte er sich auf den Weg. Die Spinne aber sprang unbemerkt in eine Falte seines Mantels. Sie kicherte vor Freude und Erwartung, denn sie wusste genau, wie sie ihn in jener Mulde würde treffen können. ‚Ha‘, dachte sie siegesgewiss, ,dort kann ich ihn weit in die Vorzeit zurückschlagen, sodass er viele der erreichten Ergebnisse wieder verlieren wird. Jetzt wird es ganz nach meinem Sinn gehen.‘ Und sie verbarg sich tiefer im roten Mantel des ungekrönten Königs.

Radozorro setzte sich in die weiche, schützende Mulde. Mit überwachen Sinnen verbrachte er die Stunden, bis er der ihn immer dichter umgarnenden und schwerer wiegenden Müdigkeit nicht mehr widerstehen konnte und einschlief.

Im Traum stieg Radozorro viele Treppen hinab. Plötzlich tauchten überall flammende Schwerter auf. Sie kamen auf ihn zu. Es wurde brennend hell und heiß. Furcht lähmte ihn. Er konnte weder vor- noch zurückgehen. Die rasende Bewegung der wechselnden Formen raubte ihm Sinn und Verstand. Im nächsten Moment würden die grellen Lichtschwerter ihn durchstoßen und verbrennen! – Aber seltsam; sie durchdrangen ihn, ohne ihn zu verletzen. Er konnte unbeschadet mitten durch die heiße Flammenhölle schreiten.

Da lief ein Schatten über sein Gesicht. Es war nicht die Spinne, die ihn verursachte. Er rührte von einer Vogelfeder, die vorsichtig im Abstand von wenigen Zentimetern über sein Antlitz bewegt wurde. Mit dem Schatten, der über ihn strich, legte sich gleichzeitig eine bannende Starre auf ihn. Die Feder war mit einer zauberischen Kraft imprägniert und vermochte bei entsprechender Anwendung zu hypnotisieren.

Die Spinne erschrak! Sie hatte nicht geahnt, dass es noch einen zweiten Gegner gab. Jetzt wurde die Sache für sie gefährlich. Wenn jemand die Bannkraft beherrschte, musste er in den magischen Künsten schon weit fortgeschritten sein. Aber so schnell würde sie sich nicht zurückschlagen lassen. Auch sie hatte ihre Waffen! Und es kam ihr eine echte Spinnenidee: Sie wollte zuschauen und abwarten, wie sie es ja meistens tat. Ihr Reich war der heimliche Hinterhalt. Sie hatte nur die Fäden entsprechend zu richten, und es würde sich alles von selbst ergeben. Niemand würde sie sehen, und niemand würde auch nur ihre Gegenwart vermuten. Ihr Plan war folgender: Sie wollte zur geeigneten Zeit diesen gebannten Roten von seiner Starre lösen und ihn dadurch dem neuen Schwarzen zum offenen Gegner machen. Dann könnten diese zwei miteinander kämpfen, während sie selbst das zweifellos gewaltige Schauspiel unerkannt mitverfolgen könnte. Sie freute sich so unsäglich über ihre Idee und über das bevorstehende Kampfgetöse, dass ein juckendes Kichern in ihre Beine fuhr und sie mehrmals hochspringen musste.

Unterdessen hatte der Neue, es war ein kleiner, in einen rabenschwarzen Mantel gehüllter, buckliger Mann, die nähere Umgebung sorgfältig abgesucht. Er wollte herausfinden, ob der Rote den Eingang zum geheimen Reich der Quelle schon gefunden und Versuche unternommen hatte, ihn aufzubrechen, denn in dieser Absicht befand er sich zweifellos hier. Er fand keine Anzeichen. Umso besser. Wie aber konnte er den Roten von hier fortschaffen? Er durfte keinesfalls in dieser Gegend liegen bleiben, auch wenn die Körperstarre mehrere Tage dauern würde. Eben hatte er, Skotor, nach außerordentlich langwierigen und anstrengenden Bemühungen den Ort des Zugangs zum zweiten Weisheitsstrom in Rauchzeichen magischer Rituale erkannt und gefunden. Jetzt musste er allein sein, niemand durfte ahnen, was hier vor sich ging. Der Körper des Roten aber könnte bei einem zufällig Vorbeigehenden Argwohn erregen. Er beschloss deshalb, ihn zu töten und dann fortzuschaffen. Er musste ihn irgendwo vergraben. Ärgerlich betrachtete er den Daliegenden, der ihm solche Umstände verursachte. Wütend versetzte er ihm einen Fußtritt. „Du hässlicher Rotbarsch, bald wirst du ins Gras beißen, dann wird dich deine tolle Einbildung umbilden!“ Er grummelte diese Worte mit einer Mischung von Wut und Triumph, und sie wurden von einem glucksenden Grinsen begleitet, welches aus seinem Gedärm hochstieg und sich so schmerzhaft misstönend anhörte, dass selbst die Spinne davor schauderte.

Da aber war ihr Augenblick gekommen: Sie sprang auf den Kopf des Schwarzen, der sich eben niederbeugte, um dem Roten das Messer ins Herz zu rammen, und stieß ihm mit kalter Leidenschaft ihren Giftstachel in die Stirn über der Nasenwurzel, sodass er vor Schmerz auf den Rücken fiel und sich im Dreck wälzte. Die Spinne sprang nochmals. Diesmal landete sie auf der Nase des Roten. Sie biss ihn, saugte sein Blut und bekleckerte ihn mit ihrem Speichel.

Jetzt hatte sie ihr Ziel fürs Erste erreicht: Der eine war betäubt, der andere begann aus der Betäubung zu erwachen. Und sie konnte genüsslich ausruhen und zusehen, was sich ergeben würde. –

Ein erster, sanfter Lichtstrahl kündete den nahen Morgen an. Zwei Männer lagen in einer Erdmulde mitten in einer waldigen Hügelformation nahe beieinander, als schienen sie Freunde, ein rot gekleideter, ein schwarz gekleideter. In geringem Abstand von ihnen lauerte abwartend eine behaarte alte Spinne.

Als Radozorro aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte, wusste er nicht mehr, wie er in diese Gegend gekommen war. Er hatte alles vergessen: seine Rückwandlung in der Gruft, seine Erlebnisse an der Quelle. Plötzlich sah er neben sich den stöhnenden, schwarzumhüllten Mann. Ein jähes Erwachen und ein tiefer Schrecken jagten ihm das Blut hoch. ‚Das ist doch … nein das kann, darf nicht sein, das ist … wie kommt denn der hierher, wo bin ich, wie ist das möglich?‘ Der Anblick des Schwarzen verwirrte ihn völlig. Und die schreckliche Ahnung wurde langsam zur Gewissheit: Es war Skotor, der Finstere, sein größter Gegner.

Sie beide waren auf der gleichen Suche nach dem Geheimnis des Drachen. Doch es gab einen entscheidenden Unterschied: Skotor suchte die Macht. Beflügelt durch die bevorstehende Lust, alles auf immer beherrschen zu können, übte er sich unaufhörlich in den magischen Künsten und schreckte vor keiner Tat, und sei es die scheußlichste aller denkbaren, zurück. Radozorro jedoch handelte nicht mit persönlichen Absichten und eigenen Interessen. Er war berufen worden, das Licht, welches durch die Lösung des Drachenrätsels erstehen würde, allen zugänglich zu machen. Und wenn auch viele Menschen nicht bereit wären, ihre alten Augen abzulegen, und sich weiterhin an die selbsterfundenen Vorstellungen von Glück klammern würden, indem sie unverändert nur um sich selbst kreisten, so gäbe es auch manche, denen durch das Offenbarwerden des Drachenwortes Augen und Herz geöffnet würden, und die bereit wären, einen neuen Weg zu gehen. Es wäre zwar nicht der leichtere, nicht der bequemere Weg, aber einer, der aus der Enge herausführte, der die im Innersten aller Wesen lebende Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe zu erfüllen geeignet wäre. Skotor aber verfolgte die Linie des ungebrochenen irdischen Erfolgs. Er ritt auf den Flügeln einer Entwicklung, die nicht bereit war, Grenzen mit dem Risiko eigenen Machtverlustes zu überschreiten. Und es gab auf dieser Fährte nicht die geringste Scheu, Verletzungen, Tod und Zerstörungen in Kauf zu nehmen, wenn sie dem Allmachtsgefühl auf den Thron halfen.

Jetzt trafen die Repräsentanten der zwei Wege aufeinander. Es gab kein Ausweichen mehr. Radozorro wusste, dass vom Ausgang des Kampfes mehr abhing, als sein menschliches Bewusstsein zu begreifen vermochte. Er wusste auch, dass er nicht allein kämpfen musste. Seine Kraft kam nicht von ihm selbst. Und dieses Wissen gab ihm Mut und Vertrauen.

Skotor schien nicht ganz gegenwärtig zu sein, Radozorro sah es deutlich. Das war eine große Chance. Vorsichtig betrachtete er den schwer atmenden Körper des Liegenden. Er strömte einen widerlichen, fauligen Geruch aus, hatte verhornte und schwielige Haut und eine bucklige Gestalt. Aus dem Mund floss zäher Schleim und die Ohren waren mit einer gelben Paste verklebt. ‚Seltsam‘, dachte Radozorro, ,dass ein Wesen wie dieses so viel Wissen und Macht besitzen kann. Der Mann sieht so armselig und schwächlich aus; es ist fast nicht zu glauben, dass er gefährlich ist. Ja, wenn er so halbbewusst daliegt, wirkt er nicht einmal böse.‘ In einer kurzen Sekunde ergriff ihn sogar Mitleid mit dem Schwarzen.

Da schlug dieser die Augen auf: rotgeäderte Augen mit Eiterfluss. Sein glanzloser, schattiger Blick traf Radozorro mit Eiseskälte. Aber er wich ihm nicht aus. Er wusste, wie die selbstverständliche Kraft seiner offenen Augen wirkte, das hatte er von Kindern gelernt. Und tatsächlich, Skotor zwinkerte ärgerlich und verzog den Mund. Ein Zittern durchlief seinen Leib. Langsam erhob er sich. Und wie klein sein Körperwuchs auch war, er wirkte unerhört mächtig. Eine seltsame Kraft schien ihn zu vergrößern, und seine Ausdünstung schien wie vorzuprellen und alles wegzudrängen. Die Luft wurde dick und schwer. Das Tageslicht büßte an Helligkeit ein. Die Spannung stieg; unsichtbare Energien begannen, sich spürbar aufzuladen. Es knisterte wie bei Hochspannungsleitungen. Radozorro verharrte unbeweglich an derselben Stelle. Das war seine einzige Möglichkeit. Er musste standhalten, was auch immer geschehe. Jedes Zurückweichen würde Niederlage bedeuten.

So standen die beiden voreinander, gegeneinander. Und jeder hoffte, der andere würde einen kurzen Moment nachgeben und zurückweichen. Jeder der beiden wartete auf den Augenblick, da der Gegner seine Spannung nicht mehr ganz würde aufrechterhalten können. Das wäre der Zeitpunkt des Zuschlagens. In ein winziges Vakuum hinein könnte eine Bresche geschlagen werden. Dann könnte die Kraft des Gegners geschwächt und seine Macht in der Folge überwunden werden. So warteten beide in höchster Anspannung und Wachsamkeit. Und da beide gleichermaßen wussten, dass alles von dieser Konzentration abhing, ließen auch beide darin nicht nach.

Wann aber würde Müdigkeit ihr Gewicht in die Waagschale werfen? Welchen der beiden würde sie als Ersten ergreifen?

Wir wissen nicht, wie lange der stumme Zweikampf noch gedauert hätte. Er kam nicht zu einem natürlichen Ende. Ein scharfer Lichtblitz fuhr plötzlich zwischen die beiden und trennte sie. Es folgte urmächtiges Donnergrollen und ein sintflutartiger Regen. Die elektrische Entladung, als Folge der ins Unermessliche gestiegenen Spannung der zwei Gegner, war so grell, dass beide für Minuten jede Orientierung verloren und mit qualvoll erblindeten Augen umherirrten. Skotor rannte in wilder Flucht den Abhang hinunter, Radozorro wich seitwärts aus und grub sein schmerzendes Antlitz in die weiche, heilende Erde.

Galistra Droganella gefiel diese Szene, sie war begeistert! Doch ihre Freude sollte nicht von langer Dauer sein.

Zufällig hatte sich Radozorro an jener Stelle niedergeworfen, wo in der Erde eine kleine Öffnung, eine Art Luftkanal, von einer unterirdischen Kammer an die Oberfläche grenzte. Als er die schmerzenden Augen endlich wieder öffnen konnte, traf sein Blick auf eine kleine, eigenartige, von tönernen Steinen überwölbte Höhlung. Er entdeckte im geschützten Inneren ein winziges Loch. Er ahnte sogleich, worum es sich handelte. Jetzt war ihm klar, weshalb Skotor hier war. Die Chance, die ihm der Blitz verschafft hatte, musste so schnell wie möglich genutzt werden, wer wusste, wie bald Skotor wieder auftauchte. Sofort nahm er aus seiner Tasche einen kleinen Magneten und ließ ihn an einem langen Faden in die Öffnung hinabgleiten, bis er den Grund erreichte, darauf sprach er leise und langsam die drei Losungsworte: „Aar –, Uur –, Ehir“.

Die Wirkung würde jeden Uneingeweihten aufs Äußerste verblüfft haben. Ungefähr dreizehn Fuß neben der geheimen Öffnung begann sich die Erde langsam auseinander zu schieben, sodass ein schmaler Eingang oder vielmehr Abgang ins Innere mit Treppenstufen sichtbar wurde. Radozorro verlor keinen Augenblick, er ging sogleich die schmalen Stufen hinab und schloss wenig später die Öffnung von innen, indem er die gleichen Silben in umgekehrter Reihenfolge sprach:„Rihe –, Ruu –, Raa“.

Inzwischen hatte sich auch Skotor wieder erholt. Er ärgerte sich über den hässlichen Blitz und fluchte. Beinahe hätte er den Roten bezwungen, er hatte dessen aufkommende Schwäche schon gespürt. Noch eine Sekunde, und mit seiner energetischen Übermacht hätte er diesen jämmerlich verbrannt. Jetzt schmerzten ihn die Augen, sodass er beinahe nichts mehr sehen konnte, und zudem hatte er sich in kopfloser Flucht weit vom magischen Eingang in die geheime Tiefe entfernt. Hoffentlich ging es dem anderen noch schlimmer. Mühsam suchte er mit verkniffenen Augen den Weg zurück. Er konnte kaum gehen. Überschäumende Wut kochte in ihm.

*

Im Quellland, das tief im Inneren der Mutter Erde lebt, speisen sich alle Wasser vom Tanz der Farben. Wenn Gelb sich mit Rot vermählt, wenn Rot durch Gelb hindurchblickt, wenn beide zusammen im durchscheinenden Schleiergewand fröhlich tanzen und in allen Klängen des Orange leuchten, dann singen die Wasser ihre ersten Töne. – Du kannst dir davon ein Bild machen! Es ist schöner als das Schönste, das du je gesehen und gehört hast. – Im Übereinandergleiten zarter Bewegungen von roten und gelben Wasserschleiern bilden sich die schöpferischen Kräfte, wachsen die mütterlichen Impulse, entstehen die liebenden Gefühle. Und auch die Göttin Mond hat ihren Anteil am zauberhaften Tanz von Licht und Farben. Sie sorgt für immerwährende Veränderung, sie heiligt jeden, der bereit ist, sich zu wandeln.

Radozorro befand sich auf dem Weg zu diesem Quellland. Er kam gut voran. Die Treppenstufen waren erleuchtet und leicht zu gehen. Endlich schienen die größten Hindernisse überwunden zu sein. Skotor würde den Zugang nicht mehr so leicht öffnen können. Denn es war nicht möglich, zweimal hintereinander auf dieselbe einfache Art durch das Tor zu kommen. Nur dem Erstankommenden wurde diese Chance gewährt. Beim zweiten Mal mussten andere, höhere Anforderungen erfüllt werden.

Nach und nach wurde der Weg etwas mühsamer, die Stufen veränderten sich zu unbehauenen Felstritten. Noch konnte man gefahrlos hinabgehen. Es ließen sich immer noch gute Vertiefungen für die Füße finden. Auch Licht war noch genug da. Später wurde der Fels nass und das Gehen schwieriger …–

Ein plötzlicher Raum-Zeit-Kipp, eine übergangslose Umstülpung, eine umwälzende Veränderung, lässt diese Bilder im Ungewissen entschweben, löst sie auf und formt neue.

Nichts mehr gleicht dem vorigen Zustand.

*

Radozorro ist nicht mehr dieser. Gawril ist jetzt sein Name. Die Verbindung zwischen den beiden bildet die unteilbare Gegenwart. Alles ist in ihr enthalten, auch wenn kein Atom mehr das gleiche ist.

Gawril ist barfuß, nur mit kniehohen Hosen und einem ärmellosen Leibchen bekleidet. Sein Haar ist zerzaust, seine Füße zerschunden. Ausgemergelt und ausgetrocknet ist sein Leib. Mit wild entschlossenem Blick geht er auf dem harten, steinigen Boden.