Von Schatten begleitet - Charlotte Kliemann - E-Book

Von Schatten begleitet E-Book

Charlotte Kliemann

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Beschreibung

Bei der Räumung eines verkauften Hauses wird ein Laptop gefunden. Aufgeklappt, als warte er auf jemanden, steht er auf dem Boden in der Mitte eines leeren Zimmers. Auf der Festplatte eine einzige Datei: der Lebensbericht einer Frau. Der herrenlose Laptop gelangt in den Besitz des Redakteurs Martin Heuser. Als sei es eine Botschaft, für ihn bestimmt, liest er, was Claudia Arnsberg dem Computer anvertraut hat. Er liest vom Schicksal ihrer Großeltern und Eltern und von der Rolle, die dem Mädchen in der Familiengeschichte zugedacht war. Mit dem Laptop meint Martin auch Claudias Geschick in den Händen zu halten. Also macht er sich auf die Suche. Er möchte dieser Frau in die Augen sehen, er möchte ein Gesicht haben zu ihrer ungewöhnlichen Geschichte, die ihren Anfang zwei Generationen vorher nimmt, mit einer Kinderfreundschaft in den Wirren des Dritten Reichs. Charlotte Kliemann hat einen melancholischen, couragierten Roman über die Schatten der Vergangenheit geschrieben und über die Mühe, sich von ihnen zu befreien.

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Seitenzahl: 478

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Bei der Räumung eines verkauften Hauses wird ein Laptop gefunden. Aufgeklappt, als warte er auf jemanden, steht er auf dem Boden in der Mitte eines leeren Zimmers. Auf der Festplatte eine einzige Datei: der Lebensbericht einer Frau. Der herrenlose Laptop gelangt in den Besitz des Kulturredakteurs Martin Heuser. Als sei es eine Botschaft, für ihn bestimmt, liest er von Claudia Arnsbergs außergewöhnlichem Schicksal – und verliebt sich in sie. Doch wer ist diese Claudia Arnsberg wirklich? Und hat sie es gefunden, ihr wahres Selbst? Oder hat sie mit ihrer Suche, die sie als junges Mädchen tief in die ihr verheimlichte Vergangenheit entführt, sich endgültig verloren? Sich, ihr gewohntes Leben und das, was einmal so selbstverständlich ihre Identität gewesen ist?

Mit dem Laptop meint Martin auch Claudias Geschick in den Händen zu halten. Also macht er sich selbst auf die Suche. Er möchte dieser Frau in die Augen sehen, er möchte ein Gesicht haben zu ihrer berührenden Geschichte, die ihren Anfang zwei Generationen vorher nimmt, mit einer Kinderfreundschaft in den Wirren des Dritten Reichs.

Charlotte Kliemann, Literaturwissenschaftlerin, ein bisschen Philosophin, ein bisschen Medizinerin und ganz viel Familienmensch, wuchs im Ruhrgebiet auf und lebt heute in Lübeck. Von Schatten begleitet ist ihr erster Roman.

Das Zitat auf Seite 31 ist entnommen aus:

Fjodor Dostojewskij: Die Brüder Karamasow. In der

Übersetzung von Swetlana Geier. Frankfurt am Main 2006.

Fischer Taschenbuch Verlag. Seite 651.

Für Waltraud,

die sich angesprochen fühlte.

Was aus Liebe gethan wird,

geschieht immer jenseits von Gut und Böse.

Friedrich Nietzsche

Jenseits von Gut und Böse

Inhaltsverzeichnis

Ein langer Prolog

Sonntagmorgentraum

Liebste Carola

Bernard, warum?

Väter

Weit weg vom eigentlichen Leben

Marthe, Juni 1941

Die blauseidene Mappe

Gerda, April 1922

Henning küsst nicht

Henning und ich

Leo, Mai 1933

Gerda, Juni 1933

Und Henning tanzt

Abschied: erst Henning

Dann Carola

Michael lächelt und fragt nicht nach

Könnte das Liebe sein?

Marthe, Februar 1936

Gerda, August 1936

Kehrtwende

Ein Fehltritt

Das Versprechen

Versprechen und Irrtum

Gerda, April 1938

Trauer

Zwei Fremde

Ein Foto in Schwarzgrau

Gerda, Juni 1941

Ein Schwur wird gebrochen

Leo ist Kettenraucher

Gerda und Leo, 28. Januar 1942

Gerda weint

Gerda und Leo, Juni 1942

Ein Schicksal haben

Jutta und Helmut, April 1965

Böses

Der Brief

Dame mit dem Hermelin

Eine unbegreifliche Tat

Das Richtige

Ein kurzer Epilog

Ein langer Prolog

Ich hörte von Claudia Arnsberg zum ersten Mal im Oktober 2005, an einem Sonntagmorgen. Es war ein Sonntag in der Folge jener sonnigen und warmen Oktobertage, die der Herbst wie zur Versöhnung an das Ende des restlos verregneten Sommers reihte.

Robert nannte ihren Namen und brachte damit alles Weitere ins Rollen. Sein Anruf an diesem Morgen kam nicht gerade ungelegen, allerdings dann doch in einem ungünstigen Augenblick.

Ich hatte gerade eine Wette verloren gegeben, nach zwei mühseligen Stunden an meinem Schreibtisch. Was mich am Abend vorher zu der Wette getrieben hatte, war mir jetzt, nach diesen zwei Stunden, schleierhaft.

Den Artikel über John Lennons fünfundsechzigsten Geburtstag würde ich schreiben, ohne Google auch nur ein einziges Mal zu Hilfe zu nehmen, hatte ich großspurig behauptet, und mein Kollege in der Redaktion hatte dagegengehalten: Niemals, hatte er mich herausgefordert, niemals würde ich das schaffen. Wir hatten um eine Kiste Rotwein gewettet.

Um diese Kiste Wein erleichtert, öffnete ich also den Browser. Der Reihe nach clickte ich Link um Link an und blieb plötzlich hängen – das Bed-In von Lennon und Yoko Ono, 1969 in Amsterdam.

Es gab da die eine Szene, die mich immer nachdenklich stimmte, wenn ich mir die Aufnahmen ansah: John im Pyjama nimmt Yoko in den Arm, zieht und zupft sich die Bettdecke zurecht und vorne im Bild seine nackten schmutzigen Fußsohlen. Es war etwas an diesen Fußsohlen, das mir naheging. Stundenlang hatte Lennon, im Bett sitzend und diskutierend, sich für Frieden und Freiheit eingesetzt – und dann seine nackten Füße mit den rührend schmuddeligen Sohlen, die die Kamera für wenige Sekunden eingefangen hatte und der Welt für immer präsentierte.

Ich starrte auf den Monitor, auf John Lennons Fußsohlen und tastete auf dem Tisch nach meinem Handy. Es förderte meine Konzentration, das Handy in der Hand, wenn mein Daumen die Tasten streichelte, während ich grübelte. Und tatsächlich spürte ich, wie die entscheidende Idee, der Aufhänger für meinen Artikel in mir aufstieg, ein Flattern, das ich nur fassen musste . . . da hüpfte das Handy und surrte, als hielte ich ein übergroßes Insekt in meiner Hand gefangen.

Was ich gerade mache, wollte Robert wissen, wie immer, und wie immer sprach er ziemlich laut.

Auch nicht schlecht, nur virtuell alt zu werden, lachte er und pfiff Imagine. Zweimal rief er beschwörend Martin in den Hörer, als wäre es nötig, mich zu wecken, und musste dann etwas loswerden.

Ich stand vom Schreibtisch auf. Das Handy am Ohr stellte ich mich ans Fenster und sah auf den Stadtpark hinaus, in die Morgensonne, die mit flachen Strahlen gleich porösen Stahlklingen in die bunten Kronen der Bäume stach, während das Sonntagsgeläut fordernd gegen die Scheiben schwang.

Es ging um eine der Haushaltsauflösungen, mit denen mein Bruder sich sein Geld verdiente. Eine, bei der ihm, wie er sagte, nur Merkwürdigkeiten begegnet seien: Der Auftrag sei ihm telefonisch gegeben worden, ein Anruf von einer Claudia Arnsberg . . .

Von wem? fragte ich nach. Ich war noch in Gedanken bei meinem Artikel, übte mich aber seit einiger Zeit darin, mir fremde Namen zu merken, etwas, das mir schon immer schwer gefallen war.

Der Name täte jetzt absolut nichts zur Sache, rief Robert ungeduldig, es sei eine Frau gewesen, eine Frau, deren verkauftes Haus er habe räumen sollen. Keine fünf Minuten habe das Gespräch gedauert. Die Schlüssel habe er sich dann beim Makler abgeholt, und die Frau habe er nie jemals gesehen, noch ein weiteres Mal gesprochen.

Genau das ist es, schoss es mir plötzlich durch den Kopf, John Lennon, die Ikone, auf der einen Seite, und auf der anderen John Lennon, der Mensch, getrieben, verletzlich, nach einem Halt suchend – eine zerissene Persönlichkeit.

Keine neue Erkenntnis, kein Zweifel, doch ein Motiv, um meinem Artikel Struktur zu geben. Erleichtert lehnte ich die Stirn ans Fenster und verstrich dann mit dem Zeigefinger den Fettfleck auf dem Glas. Draußen befleckte eine Schar Krähen den blauen Herbsthimmel und zerstäubte wie eine grobkörnige schwarze Wolke über der Grasfläche des Parks.

Ich ging in die Küche hinüber, und während ich mit der Kaffeemaschine hantierte, redete Robert auf mich ein: Ein schniekes Haus solle ich mir vorstellen, die Einrichtung fast komplett vorhanden. Als wären die Bewohner geflüchtet. Und alles vom Feinsten. Zu dritt hätten sie gearbeitet, rein ins Haus und vollgepackt wieder raus zum Transporter, hin und her. Und die ganze Zeit habe ihnen eine Nachbarin im Weg gestanden, von einem Fuß auf den anderen sei sie getreten und plötzlich habe sie losgetratscht, wie ein Wasserfall. Alkoholiker, rief Robert mit quäkend hoher Stimme in den Hörer, Alkoholiker sei er gewesen, der Herr Arnsberg . . . Der Mann von dieser Claudia Arnsberg, verstehst du, erklärte Robert mit normaler lauter Stimme und fuhr dann mit dem Gequäke fort: Mit ihren Rosen im Vorgarten sei sie beschäftigt gewesen, als dieser Mensch unter schauerlichen Krämpfen unendliche Mengen Blut hervorgewürgt habe, hier auf der Straße, hinter seinem Auto, unmittelbar nachdem er die Kofferraumklappe zugeschlagen habe, sie selber habe gerade grüßen wollen, da habe er den roten Blutschwall gekotzt und dabei seinen Anzug versaut . . .

Robert! unterbrach ich ihn.

Er hörte nicht: . . . und schließlich sei er, dieser Herr Arnsberg, auf allen Vieren mit hängendem Kopf in der Lache aus Blut herumgekrochen, als wäre ihm entfallen, wer er war. Und nun habe ihn das Trinken, wen wundert’s, ins Grab gebracht.

Ich klaubte meinen Becher aus dem Abwasch, schob ihn unter den Kaffeespender und drückte den Startknopf. Die Maschine dröhnte, und der Kaffee schoss hervor.

Robert fragte: Hörst du mich noch?

Jaja, aber . . .

Das sei noch nicht alles, rief er, jetzt käme das Entscheidende. Im Haus habe ein Laptop gestanden, in einem der Zimmer, mitten auf dem Parkett. Er habe seinen Augen nicht getraut, denn so ein Ding passe ja wohl in jede Tasche und dann stehe es dort aufgeklappt auf dem Fußboden, geradezu herausfordernd. Damit nicht genug, rief er weiter, auf diesem Laptop habe er eine Datei gefunden, eine einzige Datei.

Diese Datei, sagte Robert, enthält ein Textdokument.

Zurück am Fenster schlürfte ich von meinem Kaffee die obere schaumige Schicht ab und beobachtete dabei ein Mädchen im Jogginganzug, das zusammen mit einem großen schwarzen Hund am Park entlangtrabte. Träge klang das Glockengeläut aus, im Osten zwischen den Häusern wartete die Sonne.

Robert hatte eine halbe Minute lang bedeutungsvoll geschwiegen, in der er wohl auch nicht erwartet hatte, dass ich irgendetwas sagte, denn ohne Umschweife fuhr er dann fort: Abends, zu Hause, habe er angefangen zu lesen und auch nicht aufgehört, als ihm klar geworden sei, dass er da aus dem Leben dieser Claudia Arnsberg lese.

Von rechts knatterte orangerot der Rettungshubschrauber heran, flog auf die Sonne zu, neigte sich vor ihr anmutig zur Seite und fiel hinter die Dächer.

Und jetzt könne er nicht vergessen, was er gelesen habe, und die Frage ginge ihm nicht aus dem Kopf: War das Absicht gewesen? Hatte die Frau dem Laptop ihr Leben anvertraut und ihn dann mit Absicht dort stehen gelassen? Damit er es liest und Bescheid weiß?

Ich stellte den Becher ab und öffnete einer Fliege das Fenster, sie schwirrte hinaus und verlor sich in den Weiten des Sonnenlichts. Ich schwitzte und knöpfte mein Hemd auf. In meinem Magen rührte sich etwas Hartes, Brennendes, ich drückte die Hand auf die Magengrube.

Robert rief: Die Sache wird mir zu viel, und ich dachte, die Geschichte könnte dich interessieren, ich meine, als Redakteur eines Feuilletons?

Ich nahm die Hand vom Magen und fragte: Feuilleton? Ich bin Redakteur der Kulturseite einer stinknormalen Tageszeitung.

Robert hörte wieder nicht: Der Laptop sei schon unterwegs, ich solle mir die Sache einmal ansehen. Außerdem sei ich vor Ort, denn das, worum es gehe, habe sich hier bei mir im Ruhrgebiet abgespielt.

Zwei Tage später rannte ich den Lieferanten des Paketdienstes an der Tür beinahe um. Ich war in Eile, trotzdem öffnete ich das Paket und sah mir das Gerät an. Es war eins von den besseren Notebooks, Robert würde es irgendwann zurückfordern. Einstweilen aber stand es hier auf meinem Schreibtisch zwischen Zeitungshaufen und verrutschten Bücherstapeln und würde bis zum Abend warten müssen.

Dann war es in der Redaktion spät geworden, beinahe Mitternacht. Müde schloss ich meine Wohnung auf, und als Erstes fiel mein Blick auf den Laptop. Er starrte mir entgegen, einen Spaltbreit geöffnet, als wollte er mir etwas zurufen, suchte aber noch nach dem richtigen Wort.

Ich wollte Robert nicht enttäuschen, also setzte ich mich und startete das Programm. Auf dem Monitor wurde eine einzige Datei angezeigt mit dem Namen C.A. – sonst Leere auf der 120-Gigabyte-Festplatte, Leere wie ein eisiger Hauch um die eine einsame Datei.

Ich goss mir einen Whisky ein, griff mir die Maus, clickte und begann zu lesen.

Nachts, es war schon nach drei, öffnete ich das Fenster. Die nachtschwarzen Büsche im Park schwenkten ihre Zweige im Wind, und zwischen ihnen tanzten die Lichter der Straße, oben auf den Baumkronen lag die Mondsichel. Der Rhythmus der gelesenen Worte ließ mich nicht los. Halblaut sprach ich den einen oder anderen Satzfetzen vor mich hin, Bruchstücke, die plötzlich hervortraten und mit unnachgiebiger Dringlichkeit verlangten, wiederholt zu werden.

Ich lauschte in die Nacht, auf das nächtliche Rauschen der Stadt, in dem ich immer eine anonyme Geborgenheit gefunden hatte und das jetzt wie ein Wehen von Verlorenheit über allem schwebte.

Den Rest der Nacht schlief ich erwartungsgemäß unruhig, und gegen Morgen hatte ich einen klaren Traum.

Ich träumte, ich würde durch ein Geräusch geweckt. Mit Erschrecken sah ich, dass neben mir im Bett eine Frau lag. Ich konnte mich nicht erinnern, in der Nacht eine Frau eingeladen zu haben, aber ich wusste, wie es im Traum üblich ist, sofort, dass die Frau neben mir Claudia Arnsberg war. Sie hatte sich das Kissen über das Gesicht gezogen, und von dort, unter dem Kissen her, war leises Schluchzen zu hören. Im nächsten Augenblick drückte sie ihr Gesicht an meine Schulter, mein Kinn lag auf ihrem Kopf, und ich spürte, wie sich ein Bein zwischen meine schob. Ich griff ihr ins Haar und zog behutsam ihren Kopf in den Nacken, um ihr ins Gesicht zu sehen.

In diesem Moment wachte ich auf. Obwohl ich sofort wusste, dass ich geträumt hatte, fühlte ich doch ganz deutlich das weiche Haar in meiner Hand und den Druck des fremden Beines an meinen Schenkeln.

In der Küche sprang der Kühlschrank mit einem Rumpeln an, die Bierflaschen in der Tür klirrten. In meinen Ohren summte ein Bienenschwarm, und nur widerwillig beruhigte sich mein Geschlecht. Ich tastete das kalte Betttuch neben mir ab. Träume waren Wunscherfüllungen, das war allgemein bekannt, und eine Frau in einem Traum war keine Frau, sondern ein Symbol.

Ein gesichtslose Frau, las ich beim Frühstück, steht für die weibliche Seite der männlichen Psyche, für Gefühle und Stimmungen.

In keinem Link ein Hinweis darauf, dass es angebracht wäre, zu einer Frau ohne Gesicht, deren Leben man kannte und die man im Schlaf immerhin in den Armen gehalten hatte, ein Gesicht zu finden.

War es nicht das, worauf es ankam: Zu dem, was geschah, ein Gesicht zu haben, in das man blickte und an das man sich erinnern würde?

Das sonnige Herbstwetter war über Nacht umgeschlagen, wie es im Ruhrgebiet leicht passiert. Es regnete fast täglich. Auf dem Weg in die Redaktion stemmte ich den Schirm gegen die Windböen, nasse Blätter klatschten um meine Hosenbeine, und die endlose Kette der Autos zog zischend vorüber und spritzte Pfützenwasser auf die Gehsteige.

Zu Hause stand der Laptop jetzt neben meinem Bett. Ich warf einen letzten Blick darauf, bevor ich in der Nacht das Licht löschte. Morgens, wenn ich aufstand, strich ich zärtlich mit den Fingern die Kanten entlang. Er stand still da, und doch war es wie eine lebendige Anwesenheit, wie ein raunendes Bewegen, das mir durch die Zimmer folgte. Manchmal sprach ich ihn leise an. Claudia, sagte ich leise. Es war ein wenig beängstigend.

Aber immer öfter sann ich auch über einen Artikel nach, einen langen Artikel. Oder vielleicht sogar eine Beilage? In Gedanken feilte ich daran, begann immer wieder von vorne und setzte Abschnitt für Abschnitt dazu: über das Fortwirken der Vergangenheit, über Familien und ihre Geheimnisse. Irgendwann einmal würde ich ihn aufschreiben, etwas ganz Großes würde es werden.

Die Wochenenden verbrachte ich in meiner Wohnung. Ich stand viel am Fenster und dachte nach. Schritt für Schritt zog sich der Herbst aus dem Park zurück und überließ ihn dem Winter. Ich suchte nach einem Gesicht für das, was ich wusste, und grübelte über Vergangenes nach, das zwar vergangen war, aber doch in irgendeiner Weise noch vorhanden, und immer wieder über die Familie, wie jeder ihr ausgeliefert ist, wie jedes einzelne Schicksal durch sie geprägt wird.

Vorerst genügte es mir, das Grübeln und Abwarten.

Manchmal kam es mir in den Sinn, Sonja anzurufen. Erst im September hatten wir uns getrennt, es war vielleicht noch nicht zu spät. Immerhin ein Jahr lang, und es war kein schlechtes gewesen, hatten wir es zusammen ausgehalten. Man könnte noch einmal über alles sprechen, notfalls könnte ich meine Freundschaft anbieten. Es wäre nicht ganz so hart, man würde sich zum Essen verabreden, gemeinsam ins Kino gehen. Machten andere es nicht auch so? Mit ein bisschen gutem Willen könnte es gehen. Wenigstens so lange, bis mir eines Tages der neue Freund vorgestellt werden würde und ich ihn sympathisch finden und mir Beziehungsprobleme anhören müsste.

Meinem Bruder, der hin und wieder Auskunft verlangte, wich ich aus, gelegentlich ließ ich das Handy klingeln. Ich fürchtete mich vor seiner Bitte, den Laptop zurückzuschicken. Jeden Tag konnte es so weit sein.

Erst am Neujahrstag rief ich Robert an, es war in der Eislaufhalle in Winterberg.

Ich machte mit meinen Kindern Urlaub. So war es vom Gericht festgelegt worden, in den Ferien und an zwei Wochenenden im Monat standen mir die Kinder zu.

Ich lehnte an der Theke der Kaffeebar und wartete auf meine Bestellung. Unter dem Hallendach staute sich das Schreien der Eisläufer, hinter mir fauchte die Kaffeemaschine. Vor mir auf einer Bank unter einem roten Coca-Cola-Werbeschirm saß ein altes Paar, das sich an den Händen hielt und die gleitenden Wirbel der Schlittschuhläufer betrachtete. Meine Kinder auf der Eisfläche hatte ich aus den Augen verloren. Ich sah auf die ineinander verhakten Finger der beiden Alten, und undeutlich fühlte ich etwas wie ein leises Heimweh.

Robert benahm sich einfühlsam, machte nicht viele Worte. Ich solle nur kommen, dort, wo sie den Laptop zurückgelassen habe, dort würden wir mit der Suche beginnen.

Das Wochenende Mitte Januar war ideal, kein Schnee, kein Eis, stattdessen moderate Temperaturen, viel Sonnenschein. Der Verkehr auf der A40 strömte in gleichmäßigem Tempo dahin. Er glitt in eine Schlucht hinab, die zwischen die Häuser geschlagen worden war. Mit monotonem Surren floss er in seinem Bett aus Betonwänden. Manchmal, weit vorne, spannte sich eine Brücke über den Abgrund, über die langsam wie in Zeitlupe rot-weiße Straßenbahnzüge krochen. Die Straße stieg an, wir stürmten aus der Schlucht, Häuserfronten tauchten auf, Fenster mit vergessenen bunten Lichterketten.

Dann ging es auf die A1 Richtung Norden, eine öde Strecke. Ich hörte Radio, um mich abzulenken.

Robert hatte eine Lasagne gekocht, und am Nachmittag, es dämmerte bereits, fuhr er mich zu dem ehemaligen Haus von Claudia Arnsberg hinaus.

Es lag in einer neuen Siedlung außerhalb der Stadt, umgeben von ländlichen Wiesen mit Knicks, hinter denen ein schwarzer Waldrand stand. Der Wagen schlich durch stille Straßen, pompöse Häuser dösten in angemessenem Abstand vor sich hin. Wir hielten vor einer quadratischen Villa mit einem auf Säulen gestützten Vordach und schmalen, bis zum Boden reichenden Fenstern. Ich musste an Italien denken, an Pinienwälder und Olivenhaine.

Die neuen Eigentümer der Villa, ein junges Ehepaar, konnten mir keine Auskunft geben. Der Augenblick war ungünstig gewesen, ich hatte die junge Frau beim Lackieren der Fingernägel gestört. Sie wedelte gereizt mit den Händen, und zu meinen Fragen schüttelte sie den Kopf und zog wie angeekelt die Oberlippe hoch.

Auch in dem Maklerbüro, das bei dem Verkauf des Hauses eingeschaltet gewesen war, half man mir nicht weiter. Es gebe schließlich einen Datenschutz, belehrte mich die Maklerin, da könne ja jeder kommen. Sie nahm ihre Brille ab und sah mich eindringlich an. Ob ich denn das Internet schon gefragt hätte.

Es gäbe Menschen, sagte Robert im Auto, die hielten alle anderen ihrer Mitmenschen für beschränkt.

Fürs Erste wussten wir nicht weiter, und da Robert noch etwas zu erledigen hatte, fuhren wir zu seinem Werkhof hinaus. Hier hatte er eine Lagerhalle gepachtet, in der er die Möbel unterbrachte, die bei seinen Haushaltsauflösungen anfielen. Während Robert im Büro telefonierte, ging ich in der Halle auf und ab. Wie immer, wenn ich an den Reihen von Schränken und Sofas und an den Kisten mit Hausrat vorüberging, fühlte ich eine Beklemmung, als schritte ich über einen Friedhof von Schicksalen. Alle hatten sie einmal voller Hoffnungen begonnen, und jedes hatte sich für einzigartig gehalten, und schließlich hatten sie alle hier in dem grell beleuchteten Lager ihr anonymes Ende gefunden.

Am Abend dann lernte ich Roberts neue Freundin kennen. Sie hieß Irina, hatte lange dunkle Haare und schmale Augen und stammte aus Russland. Schon als Kind war sie nach Deutschland gekommen. Ihr Vater war im diplomatischen Dienst beschäftigt gewesen. Eines Tages war er mit dem Hubschrauber über dem Ural abgestürzt, noch zu Breschnews Zeiten. Der Mutter mit der damals fünfjährigen Irina hatte man dringend geraten, in Deutschland zu bleiben.

Irina erzählte, und ich lauschte ihrer Stimme, die weich und rau zugleich klang, als drehte man einen Stöpsel aus geschliffenen Glas in einem ebenfalls geschliffenen Flaschenhals.

In der Nacht im Bett des Gästezimmers in der Stille fühlte ich mich unbehaglich.

Am Sonntagnachmittag fuhr ich ein weiteres Mal in die Vorstadtsiedlung hinaus, die mit ihren luxuriösen Häusern auf eine rücksichtslose Art behäbig in der Landschaft lag.

Ich befolgte Roberts Rat, auch Claudia Arnsbergs ehemaliger Nachbarin, der Tratsche, wie er sie nannte, einen Besuch abzustatten.

Die Tratsche, vielleicht siebzigjährig, empfing mich freundlich. Sie wies auf die schwarze Wolke, die sich auf die Siedlung herabgesenkt hatte, und zog mich ins Haus: Es sähe nach einem Unwetter aus und ich sei sicher der Herr Redakteur, der nach Frau Arnsberg suche.

Ich wurde mit Tee bewirtet und hörte dem Nachbarsmann und der Frau zu, während draußen ein Hagelschauer niederging, der mit gleichmäßig rauschendem Tosen das Haus einschloss, als meinte er nur dieses eine Haus, und der, als er abzog, die Dunkelheit zurückließ, die trübe vor den Fenstern stand wie Wasser eines schlammigen Sees.

Die Fahrt zurück zur Wohnung meines Bruders durch die dunklen nassen Straßen war mühselig. Lange rollte ich schrittweise auf eine abwechselnd rot und grün leuchtende Ampel zu. Auf der Gegenfahrbahn, auf mich zukommend, lösten sich Scheinwerferpaar für Scheinwerferpaar ab und verlöschten zischend hinter mir.

Ich zog einen Zettel aus der Tasche, den ich ans Armaturenbrett heftete. Jedes Mal, wenn das Licht eines Scheinwerfers über ihn hinwegwischte, las ich: Pierre Arnsberg, Travemünde.

Ich sah den Mund der Nachbarsfrau vor mir, der mit unglaublicher Beweglichkeit über die Zähne gefahren war und dabei unentwegt wiederholt hatte: Perr Arnsberg heißt er, Perr Arnsberg, Perr mit Vornamen. Und ich hörte ihren Mann, der die Hände auf die Oberschenkel geschlagen und mit weinerlicher Stimme gerufen hatte: Ach Annegret, nun sprich doch diesen Namen einmal korrekt aus.

Pierre Arnsberg, so hatte ich erfahren, war Claudias Schwiegervater. Mit ihm hatten die Nachbarsleute, wenn er von Zeit zu Zeit drüben bei den Enkelkindern eingehütet hatte, so netten Kontakt gehabt, wie sie sagten. Opa Pierre hätten die Kinder ihn genannt, ein gebildeter Mann und dabei so umgänglich.

Nein, nein, das sei offensichtlich gewesen, hatte der Nachbarsmann gesagt, die junge Frau Arnsberg und der Schwiegervater hätten sich gut verstanden.

Ja und der junge Herr Arnsberg, hatte die Frau ergänzt, was mit dem los gewesen sei, das habe sie nie verstehen können. Er habe mit Sportartikeln gehandelt und sei ein hohes Tier im Handballverein gewesen. Sympathisch und aufgeschlossen. Die junge Frau sei ja immer etwas verschlossen gewesen, freundlich zwar, aber verschlossen. Nicht so der Mann. Warum er dann dieser Trunksucht verfallen sei, das habe sie bis heute nicht verstanden. Er habe doch gut verdient, sehr gut. Nein, wie oft ist er nachts von seinen Sportkollegen, das nehme sie mal so an, dass es die Sportkollegen waren, wie oft ist er nach Hause gebracht worden. Getragen hätten sie ihn. Und wohin das alles führe, das sähe man ja.

Der Nachbarsmann hatte mit der Hand gewedelt und den Kopf geschüttelt: Nein nein, bei der jungen Frau Arnsberg sei er ganz anderer Meinung. Die habe Klasse, ein bisschen melancholisch, ja, das gebe er zu. Manchmal im Sommer, wenn die Türen offengestanden hätten, habe sie Musik gehört, Rockmusik, und sie habe mitgesungen. Das habe schon sehr verloren geklungen, sehr berührend. Aber sonst, wenn sie durch den Garten gegangen sei, da habe man schon auf Gedanken kommen können.

Seine Frau hatte den Kopf mit den grauen Locken gesenkt und auf ihren Schoß gesehen. Der Nachbarsmann hatte sie in die Küche geschickt, eine zweite Kanne Tee aufbrühen. Er hatte geschwiegen, bis sie hinter der Küchentür verschwunden war, und dann versucht, mich auf fachsimpelnde Weise in ein Gespräch zu ziehen über interessante Frauentypen, große, schlanke, mit blondem Haar und ausgeprägtem Profil.

Ich lehnte mich im dunklen Auto zurück. Ich wusste nicht, warum, aber Claudia, wie sie mit trauriger Stimme die Songs mitsang . . . diese Vorstellung stimmte mich zuversichtlich.

Pierre Arnsberg war groß und mager, wirkte beinahe zerbrechlich. Er trug einen viel zu weiten grauen Pullover, der am Hals einen fest verschlossenen schwarzen Hemdkragen freiließ.

Es war Montagvormittag, und ich war der weiblichen Stimme des Navigators gefolgt, die mir befohlen hatte, mal rechts mal links abzubiegen, und ihren Befehl, während ich ihn schon ausführte, jedes Mal insistierend wiederholt hatte. Vor der Tür eines Reihenhauses am Rand Travemündes war sie verstummt.

Ich reichte Pierre Arnsberg meinen Presseausweis und versuchte, mich an meine zurechtgelegten Worte zu erinnern. Ein Manuskript hätte ich, von seiner Schwiegertochter, behauptete ich, könne sie aber nicht erreichen. Ich sagte: Manuskript, weil es mir unverfänglich erschien und nicht ganz falsch.

Arnsberg wendete den Ausweis in der Hand hin und her.

Wollen Sie mich erpressen? fragte er und sah mich erwartungsvoll an, als käme ihm eine Erpressung gerade recht.

Erschrocken machte ich einen Schritt zurück. Es war wohl nötig, die Sache näher zu erklären. Ich sagte, ohne mich eigentlich entschlossen zu haben, die Wahrheit: mein Bruder, der Räumungsauftrag von Claudia, der zurückgelassene Laptop mit dem Leben.

Pierre Arnsberg sann einen Augenblick lang nach, betrübt, wie mir schien, und dann, ganz unerwartet, winkte er mich herein, nahm mir sogar den Mantel ab und wies mich in einen Sessel, einen ledernen runden Clubsessel neben einer gelb leuchtenden Stehlampe zwischen deckenhohen Bücherregalen. Er verschwand und kam allen Ernstes mit einer Rotweinflasche und Weingläsern zurück und sagte, nicht mehr ganz so bekümmert, es sei zwar noch nicht einmal Mittag . . . aber in Gesellschaft . . . und er sei Lehrer gewesen, zuletzt Gymnasialdirektor.

Ich sah auf seinen schwarzen Hemdkragen und dachte daran, dass sein Sohn erst vor wenigen Monaten verstorben war.

Er hob sein Glas. Diesen Laptop, fragte er, den hat sie dort stehen gelassen? Als sie das Haus verkauft hat? Und Sie haben es gelesen?

Ich spürte seine Missbilligung. Ich wusste nicht, ob sie Claudia oder mir galt, und ich äußerte meinen Lieblingsgedanken: In meinen Augen ist es ein Hilfeschrei.

Nachdenklich sah Arnsberg mich an. Ja, er wisse, wie es Claudia ergangen sei, aber die Depressionen, die seien erst mit dem ersten Kind gekommen. Bernard könne also nichts damit zu tun gehabt haben. Es müsse mit ihrer Vergangenheit zusammenhängen. Und trotzdem habe Bernard sich immer schuldig gefühlt. Seine ganze Kraft habe er investiert, um ihr zu helfen.

Hatte ich seinen Sohn beschuldigt? Ich versuchte, es wieder gutzumachen: In dem Manuskript beschreibe sie ihn als sehr verständnisvoll. Ich sagte wieder Manuskript, mir fiel nichts Besseres ein.

Er habe aufgegeben, es zu verstehen, klagte Arnsberg, es zermürbe nur.

Ich bat ihn, ein wenig zu erzählen. Auch, weil ich annahm, dass es alten Leuten guttut, von der Vergangenheit zu sprechen.

Arnsberg blinzelte zweifelnd: Warum interessiert Sie das Schicksal einer fremden Familie?

Vielleicht sollte es alle angehen, sagte ich, man darf über so etwas nicht hinwegsehen.

Ich dachte an den Artikel, den ich schreiben würde, ein Journal müsste es werden.

Arnsberg trank sein Glas leer, und erst an der Art, wie er es auf dem Tisch abstellte, sehr langsam, und sich dann mit drei Fingern an dem Stiel festklammerte, fiel mir seine Traurigkeit wieder auf. Vielleicht verführte sie ihn, vielleicht dachte er, ihr für eine Zeitlang entfliehen zu können, jedenfalls fing er tatsächlich an zu reden.

Claudia und Bernard hatten sich in einer Studentenkneipe kennengelernt. Warum Bernard als erfolgreicher Unternehmer und noch dazu als verheirateter Mann mit Studenten verkehrte, war Arnsberg schleierhaft. Aber er war nicht glücklich gewesen in dieser ersten Ehe. Und Claudia hatte in ihm den jungen Indianerhäuptling erkannt, nach dem sie seit ihrer Kindheit Ausschau gehalten hatte. Das hätte sie einmal verraten, und Arnsberg habe gelacht, weil Bernard mit seinem langen dunklen Haar in der Tat Ähnlichkeit mit einem Indianer gehabt habe. Meine Mutter, sagte Arnsberg, ist Französin gewesen, Südfrankreich.

Dann Bernards Scheidung, das Sorgerecht für die vierjährige Tochter, Mireille, wurde ihm zugesprochen. Sobald es ging, heiratete er Claudia. Sie war damals fünfundzwanzig und hatte gerade ihr Jurastudium abgeschlossen. Als Rechtsberaterin sollte sie in Bernards Firma eintreten, und vor allem sollte die Kleine schnell wieder eine richtige Familie haben. Claudia liebte Mireille, beinahe stärker als ihre eigenen Kinder, die dann geboren wurden, erst Sarah und zwei Jahre später Benjamin. Aber mit den Kindern seien eben die Depressionen gekommen. Arnsberg konnte es sich nicht erklären. Und dann habe Bernard mit dem Alkohol angefangen, bis er schließlich in diese Klinik gebracht worden sei. Dort in den Zimmern habe man die Autobahn gehört, da sei er hingegangen. An seinem Ring hätten sie ihn identifizieren müssen. Kein Abschiedsbrief, kein Hinweis auf die Beweggründe. Zum Glück habe seine, Arnsbergs, Frau das nicht mehr erleben müssen. Aber Mireille und Claudia, die seien wie Freundinnen gewesen.

Ich sprach mein Beileid aus, es schien mir angebracht, auch nach einem halben Jahr noch. Ein zweites Glas Wein lehnte ich ab, ich musste ja noch fahren. Und dann stellte ich die entscheidende Frage: Dass Claudia bei einer Cousine, einer Lissi, im Schwarzwald untergekommen sei, hätte ich aus den Unterlagen erfahren – dieses Mal sagte ich: Unterlagen –, ob er vielleicht eine Nummer hätte, eine Adresse?

Arnsberg zögerte. Ich kam ihm entgegen: Ich würde ihm meine Handynummer hier lassen, und wenn er so freundlich wäre, könne er bei Claudia oder Lissi anrufen, alles erklären und um einen Rückruf bitten.

Sie sind mir sympathisch, sagte er plötzlich, und Ihr Eifer rührt mich, obwohl er mich auch misstrauisch macht.

Ich drückte mein Verständnis aus: Eine ungewöhnliche Situation, zugegeben, doch es sei mir sehr wichtig, und er ginge ja kein Risiko ein.

Weil Sie mir zugehört haben, sagte er endlich. Und ich ging einen Schritt weiter, ich fragte nach einem Foto, von Claudia und der Familie, nur, um es einmal anzusehen.

Arnsberg schüttelte den Kopf. Er hatte alle Fotos vernichtet.

Warum denn das? Ich konnte es nicht glauben.

Er habe sich nicht erinnern wollen. Jeder gegenwärtige Tag sei so schwer, weil Jahrzehnte der Erinnerung auf ihm lasteten.

Aber es habe doch auch gute Erinnerungen gegeben, glückliche? Warum denn auch die wegwerfen?

Er habe es für notwendig gehalten, beharrte er.

Beim Abschied tat er mir leid. Ich sei ihm sympathisch, hatte er gemeint. Es war wie eine Verpflichtung. Ich versprach, ihn so bald wie möglich wieder zu besuchen, wenn es ihm recht sei, und ich sah, dass ich das Richtige gesagt hatte.

Vier Wochen lang wartete ich vergeblich auf einen Anruf von Claudia.

Es war Mitte Februar, als ich während einer Pause am späten Nachmittag die dunklen Wege im Park auf und ab lief. Der Wind stürmte feucht und ungewöhnlich frühlingsmild durch die kahlen Bäume, und über den schwarzen Himmel hetzten Wolken, die seltsam helle Fetzen mit sich rissen. Ich suchte Schutz in einem aus Baumstämmen gezimmerten Unterstand und rief Sonja an.

Ich erreichte sie in dem Studio, in dem sie Nachrichtenfilme für einen Lokalsender zurechtschnitt. Sie stellte die Frage, die alle Frauen stellen, wenn sie zu einem ungünstigen Zeitpunkt angerufen werden: Ob etwas passiert sei?

Nein nein, ich wolle ihr nur etwas Wichtiges mitteilen und das möglichst sofort, damit ich es nicht wieder vergäße . . .

Ich stockte, eine ziemlich schräge Logik. Eine Weile blieb es still, nur der Wind fuhr in das Mikrofon. Ich wischte meine Verlegenheit beiseite: Ich möchte dich bitten, etwas zu lesen, sagte ich tapfer, etwas, das mir . . . zu dem ich deine Meinung hören möchte.

Im Hintergrund waren Stimmen zu hören, ein Männerlachen.

Wir könnten etwas essen gehen, setzte ich hinzu.

Ich habe gerade wenig Zeit, sagte Sonja leise, auch am Samstag muss ich arbeiten.

Samstagabend ist gut, ich hole dich ab.

Ich weiß nicht, sagte Sonja.

Am Samstagabend, kurz vor sieben Uhr, lehnte ich mit den Unterarmen auf der Tür eines Taxis und ließ den Eingang zum Bürohaus nicht aus den Augen. Kaum ein Fenster war erleuchtet. Rechtsanwälte, Ärzte, Steuerberater, unten ein Café mit wenigen Gästen und im dritten Stock hinter herabgelassenen Jalousien das Studio, in dem Sonja arbeitete.

Mister, würden Sie mal die Tür zumachen, es zieht im Rücken, rief der Taxifahrer, ohne sich zu mir umzudrehen. Ich bückte mich in den Wagen, zog meine Aktentasche vom Rücksitz und warf die Autotür zu.

Hi, hörte ich Sonja sagen. Sie stand hinter mir, zwischen Laternenpfahl und Taxiheck. Ich schluckte. Sie schien mir unerreichbar schön, ihr schüchternes Lächeln, der vorsichtig prüfende Blick, die roten Haare zu einem Pferdeschwanz aufgesteckt.

Wir tauschten zwei Wangenküsse. Dabei war mir der Aktenkoffer im Weg, ich legte ihn für einen Moment auf dem Taxi ab.

Im Wagen saßen wir nebeneinander auf der Rückbank. Ich achtete darauf, ihr nicht zu nahezukommen, in ihrer weißen Jacke mit dem bunten Schal wirkte sie unberührbar.

Hoffentlich hast du nicht ein zu elegantes Restaurant ausgesucht, sagte sie lachend, ich habe nur Jeans und Bluse an.

Die Bedenken äußerte sie noch einmal, als wir vor dem Bonner Hof aus dem Taxi stiegen.

Dich würde man auch im Schlafanzug bedienen, sagte ich und hielt ihr die Tür auf.

Mein Aktenkoffer stand neben mir auf dem Stuhl. Noch bevor unsere Bestellung serviert wurde, hatte ich alles erzählt. Sonja hatte mich unverwandt angesehen. Unter ihren hellblauen Augen mit der schwarz gerahmten Iris kam ich mir immer ein wenig schmuddelig vor.

Weißt du, es ist wie mit diesen Bomben, die manchmal bei Bauarbeiten gefunden werden . . .

Du meinst Blindgänger? warf sie ein.

Ja. Diese Zeit hat ihre Spuren hinterlassen, und es wirkt nur an der Oberfläche so, als wäre alles vorüber. Kaum fängt man an zu graben, stößt man auf Explosives.

Ich ließ die Schlösser meines Koffers aufschnappen, der Deckel sprang an die Tischkante. Claudias Aufzeichnungen hatte ich ausdrucken und zu einem dicken Heft binden lassen. Das legte ich neben Sonjas Teller.

C.A., fragte Sonja, das sind die Initialien der Frau, um die es geht?

Ich nickte, und ich hinderte sie daran, das Deckblatt aufzuschlagen.

Nicht hier, sagte ich.

Ich begleitete sie im Taxi nach Hause. Vor ihrem Haus stieg ich mit aus. Sofort bemerkte ich ihren flatterigen Blick und blieb stehen, ich ging nicht mit zur Tür.

Danke für den Abend, sagte ich und: Du meldest dich dann.

Sonja verschwand im Hausflur, die Tasche mit Claudias Aufzeichnungen hing über ihrer linken Schulter.

Ich sah an den Fenstern hoch, bis in ihrem Schlafzimmer das Licht aufleuchtete.

KAPITEL 1

Sonntagmorgentraum

Diese Zeilen entrangen sich einst meiner Seele,

es sind keine Zeilen, sondern Tränen.

Fjodor M. Dostojewskij, Die Brüder Karamasow

Mein Name: Claudia Arnsberg.

Mein Alter: bald sechsunddreißig Jahre.

Es hat sehr lange gedauert, ich weiß, bis ich auf das zurückkomme, was ich dir versprochen habe.

Sind es wirklich achtzehn Jahre?

Doch es scheint nur so, als hätte ich mich in dieser Zeit immer weiter davon entfernt. In Wahrheit, glaube ich, habe ich mich Tag für Tag dem Augenblick genähert, an dem ich endlich mein Versprechen einlösen würde, das ich dir damals in dem kleinen Park gegeben habe. Ganz unvermittelt hatte ich dir von meinem Vater erzählt. Du hattest mir zugehört und mich ernst angesehen. Ich kannte deine Augen und deinen Mund nur lachend, doch jetzt, nachdem ich über meinen Vater gesprochen hatte, warst du ernst, und ernst hattest du gesagt: Wenn unsere Toten nicht bei uns wären, dann müssten wir vor Einsamkeit sterben.

Es war Sommer mit einem lauen weichen Wind, und die Rentner, die das große Schachspiel umringten, hatten geschwiegen. Ich hatte in deine feierlich gestimmten Augen gestarrt, und plötzlich hatte ich etwas gespürt, von dem ich dachte, es könnte Liebe sein.

Mein Entschluss, endlich alles aufzuschreiben, und nicht nur für dich, muss zu den Entschlüssen gehören, die lange reifen, ohne dass man diesen Prozess wahrnimmt, im Verborgenen, und dann reicht ein kleiner Anlass, und mit einem Mal ist die Entscheidung gefallen.

Es war gestern, ein Sonntagmorgen im August, als ich mich an mein Versprechen erinnerte und plötzlich auch den Mut fand, es zu erfüllen. Ein Sonntagmorgen, der, wie ich hoffe, alles verändern wird. Und da ich mich heute tatsächlich an meinen Laptop setzte und die ersten Sätze tippte, kann ich dir auch das genaue Datum nennen: Es war der fünfzehnte August 2004, gegen halb neun in meinem Bett.

Gewöhnlicherweise träume ich nicht, doch gestern war ich aus einem Traum aufgewacht. Auf einem wundervollen Gefühl von Weite war ich aus dem Schlaf geglitten, und gleich hatte ich gespürt: Es war etwas aufgebrochen. Die harte Schale, hinter der ich mich verkroch, war geplatzt. Es war nur ein Riss, aber dort sickerte Licht hervor.

Normalerweise nämlich treibt die Nacht mich mit einem brausenden Tosen vor sich her. Öffne ich morgens die Augen, rücken alle Dinge um mich herum zusammen, als wollten sie mir keinen Durchschlupf lassen, und unter dem Fenster lauert etwas Schauerliches, etwas, das auch vor Gräueltaten nicht zurückschrecken wird. Rückwärts schleiche ich dann zur Tür und lasse Artus herein. Er trottet, die Nase am Boden, zum Fenster, er weiß, was er zu tun hat. Gehorsam schnüffelt er den Teppich ab, dort, wo das Grausige sitzt und auf mich wartet, und erst wenn Artus den Kopf wendet und mich mitleidig ansieht, wage ich es, am Fenster vorüber zum Schrank zu gehen.

Entscheidungen treffe ich auch schon lange nicht mehr, und schon längst habe ich es aufgegeben, mich zu Vorsätzen durchzuringen. Das Leben ist für mich um einiges erträglicher geworden, seit ich nichts mehr von mir erwarte. Nur das Brennen, das schwelende Brennen einer Sehnsucht, ich weiß nicht, wonach, nach einem Mehr, nach einem Zündfunken, der aufflammt und dich warm durchlodert, dieses Brennen musst du ertragen können.

Gestern also, als ich das erste Mal seit Jahren wieder geträumt hatte, lag ich ganz still, während die feuchtwarme Morgenluft durch den Kippspalt des Fensters über mich hinwegstrich. Ein Auto summte die Straße entlang, und die Fliegen am Fenster rammten unermüdlich die Köpfe gegen die Scheibe, die sie wohl nur an den brizzelnden Zusammenstößen mit ihren Körpern erkennen.

Immer wieder ging ich durch meinen Traum, durch das Haus, das ich nicht kannte, in dem ich aber, so wusste ich, von nun an leben würde. Immer wieder kam mir der Mann entgegen, den Kopf gesenkt, weil er in einem Buch las. Durch die Tür, die ins Freie führte, war er hereingetreten und stand dann neben mir und sagte leise: Hast du schon hinausgesehen? Immer wieder machte ich den Schritt durch die offene Tür hinaus und wurde überwältigt von einem heftigen Glück. Über einer weiten Landschaft glänzte Sonnenlicht, Wiesen mit blühenden Bäumen und Büschen, deren Blüten weiß leuchteten, keine Zäune, kein Ende. Ich dachte: Noch nie habe ich mich so glücklich gefühlt.

Noch verwunderlicher als der Traum ist die Tatkraft, mit der ich mein Vorhaben umsetze. Heute, wie gesagt, begann ich tatsächlich zu schreiben, und ich schreibe nicht nur für dich, dem ich es hatte versprechen müssen. Schreib dir alles von der Seele, hattest du gesagt und gemeint, dass es mir helfen würde. Ja, ich schreibe auch für mich, und ich schreibe für Bernard, obwohl ich gleich wusste, dass ich ihm nichts davon sagen würde.

Möglicherweise aber ist an meiner bemerkenswerten Entschlossenheit auch die E-Mail von Janette schuld, die zwischen Newslettern und Spam hervorgeschossen war und mich wie ein Schlag getroffen hatte. Das war am Samstagabend gewesen, dem Abend vor dem Sonntagmorgen, an dem ich geträumt hatte. Mit Janette hatte ich während der Jahre im Internat ein Zimmer geteilt. Weiß der Himmel, wie sie mich gefunden hat und wie sie an meine Mail-Adresse gekommen ist.

Hallo Claudi, erinnerst Du Dich noch an mich? schrieb sie, und ich saß da und wagte nicht, mich zu rühren, als wäre ich plötzlich zu dünnem Glas erstarrt, das bei der nächsten Bewegung zerbrechen würde. Ich sehe Dein verwundertes Gesicht geradezu vor mir. Es ist schon so lange her, ich glaube, seit der Abi-Feier haben wir nichts voneinander gehört. Aber ich hoffe, Du hast die große starke Janette in lieber Erinnerung behalten. (Hier blinkte ein grellgelber augenzwinkernder Smiley.) Ich denke in letzter Zeit oft an unser gutes altes Internat, las ich weiter, und habe ganz einfach Sehnsucht nach euch allen. Und da ist mir die Idee gekommen, ein Klassentreffen zu organisieren. Es wäre nett, wenn Du ein wenig von Deiner Zeit opfern und mir dabei helfen würdest. Physiotherapeutin sei sie, mit einer eigenen, mit Turbo laufenden Praxis. Von Massage bis Yoga biete sie alles an. Manchmal wisse sie nicht, wo ihr der Kopf stehe (ein Smiley, einer, an dem Schweißtropfen herabrannen), denn nebenbei (wieder der augenzwinkernde Smiley), nebenbei sei sie auch noch glücklich verheiratet und habe zwei Töchter, zehn und acht Jahre alt. Aber, schrieb sie in einem neuen Absatz, no problem, eigentlich sei es voll geil, immer unter Strom zu stehen, so setze sie wenigstens keinen Rost an.

Ich hatte die Mail sofort gelöscht und anschließend den Papierkorb geleert. Den ganzen Abend über schlug mein Herz hart im Hals, als wäre ich hinterrücks überfallen worden.

Diese Mail am Abend und am Morgen dann der ungewöhnliche Traum. Wie passte das zusammen?

Doch dann, während des ganzen Sonntags, spürte ich ein Wohlgefühl. Und am Abend, als ich wieder in meinem Bett lag und im Dunkel die Konturen der Möbel zerflossen und plötzliche Ausbeulungen und Fortsätze bildeten, dachte ich: Es ist eine Chance.

Noch hatte ich kein Wort geschrieben. Aber immerhin dachte ich nicht: eine letzte Chance.

KAPITEL 2

Liebste Carola

Heute also setzte ich mich an meinen Laptop und öffnete das Schreibprogramm.

Vorher war ich im Zimmer auf und ab gegangen. Lange hatte ich in der offenen Tür gelehnt und hinaus in den Garten gesehen: Dort verglüht der Sommer. Die Birken standen regungslos unter der Sonne, eine Amsel mit ausgebreiteten Flügeln schlief mitten auf dem Rasen, und über den Sommerastern surrten die Bienen und wählten sorgfältig, bis sie sich für eine Blüte entschieden. Ich versuchte mir den Winter vorzustellen, die kahlen Bäume am Waldrand, den grauen Himmel, die Krähen, die aus den Wiesen auffliegen, die nasse Kälte. Es gelang mir nicht, und ich dachte, wie leicht wir uns vom Gegenwärtigen verführen lassen und wie schwer es doch ist, ganz darin zu leben.

Und nun schreibe ich.

Meine früheste Erinnerung: Carola steht vor uns. Ihr widerspenstiges lockiges Haar ist in stramme Zöpfe geflochten. Sie reicht meiner Mutter einen Blumenstrauß. Mein Vater fragt sie, ob ich ihr verraten hätte, dass meine Mama heute Geburtstag habe. Carola sieht mich fragend an. Mein Vater lacht laut und lädt sie ein, mit uns Kuchen zu essen.

Lange Zeit hielt ich Carola für einen Engel. Wenn ich als Kind einen Engel malen sollte, dann malte ich Carola: lange gelbe Locken und viele kleine gelbe Kringel um ihr Gesicht, einen lachenden Mund und helle blaue Augen.

Carola war meine Freundin, die einzige, die ich jemals gehabt habe. Oft spielten wir, dass wir Zwillingsschwestern wären. Denn wir waren im selben Jahr und im selben Monat geboren. 1968 im September. Nur ein Tag lag zwischen unseren Geburtstagen.

Ich weiß nicht, ob es einen Tag gegeben hat, an dem wir uns kennengelernt haben. Für mich war sie immer schon dagewesen. Sie wohnte mit ihren Eltern in einem weißen Haus, das mir, so wie es am Ende unserer alten Siedlungsstraße stand, immer wie gerade neu errichtet erschien, selbst noch in den Jahren, in denen ich in den Internatsferien dort zu Besuch war. Wie eine weiße schimmernde Perle hing es an der Reihe der alten grauen Siedlungshäuser, die mit ihren spitzen roten Dächern und den grünen Fensterläden dazu verleiteten, Gartenzwerge oder kleine bunte Windmühlen in den Vorgärten aufzustellen.

Vor dem leuchtendweißen Haus, in dem Carola wohnte, stand eine Plastik. So hatte mein Vater die schwarze Schiffschraube mit den zerfetzten, verbogenen Kanten genannt. Sie war auf einem steinernen Sockel festgeschraubt. Am Ende der Fahrt hatte jemand auf den Sockel gemalt mit Buchstaben, die sich aneinanderlehnten und weit nach rechts neigten, als wollte ein kräftiger Wind sie umblasen. Die Schiffschraube war ein Werk von Carolas Großvater.

Er ist Künstler gewesen. Manchmal gab Carola damit an. Und im Krieg ist er gefallen. Auch damit gab sie an. Und manchmal gab sie damit an, dass ihr Vater eine Apotheke hatte. Ich hatte keinen Großvater, aber mein Vater war Ingenieur und baute Fabrikanlagen und Sporthallen.

Ich wohnte mit meinen Eltern in einem der grauen Siedlunghäuser. Es stand beinahe neben Carolas weißem, nur das Haspers-Haus trennte uns. Obwohl das Haus der Haspers fast am Ende der Straße und sogar am Rand des ganzen Viertels lag, kann ich es mir nur als seinen Mittelpunkt vorstellen. Die beiden alten Haspers nämlich lagen den ganzen Tag im offenen Fenster, auch im Winter, und so entging ihnen nichts. Man musste nur zu ihnen ans Fenster treten und fragen, und man erfuhr alles, was für Nachbarn untereinander von Bedeutung war. Sie kannten alle Geburtstage, sie wussten, wer verreist war, und sie wussten, in welchen Familien es Streit gegeben hatte. Lange war ich der Meinung, dass es die Aufgabe der alten Haspers war, sich aus ihrem Küchenfenster zu beugen und diese Informationen an alle Interessierten weiterzugeben.

Auch wir Kinder wurden manchmal an das Fenster gerufen. Dann reichte uns die alte Frau Haspers eine Tafel Schokolade oder eine Tüte Gummibärchen heraus und wartete darauf, dass wir uns bedankten, so wie es sich gehörte.

Die beiden Haspers waren kleiner als andere Erwachsene und sehr dürr. Die alte Frau Haspers hatte ein faltiges Gesicht, und wenn ich sie ansah, schmeckte ich auf der Zunge ganz deutlich die modrige Säure von zu lange gelagerten, verschrumpelten Äpfeln. Um die vielen Falten herum schwebte das Haar, das weiß und dünn war wie Federflaum bei jungen Tauben, und darunter schimmerte die rosa Kopfhaut, bei deren Anblick ich manchmal einen ziehenden Schmerz in den Beinen verspürte.

Von der Straße aus konnte man nicht sehen, dass die beiden auf einer Treppe mit zwei Stufen standen. Die hatte der alte Herr Haspers gezimmert, damit sie sich, da sie ja beide so klein waren, bequem mit ihren Unterarmen auf der Fensterbank aufstützen konnten. Für dieses Aufstützen waren außerdem Kissen nötig, die in einer Holztruhe aufbewahrt wurden.

Wenn Carola und ich einmal auf die andere Seite des Fensters in die Küche zu einer Tasse Kakao eingeladen wurden, hüpften wir die beiden Stufen auf und ab, bis die alte Frau Haspers die Hände an ihren schrumpeligen Kopf legte und behauptete, das Gehopse mache sie krank. Dann setzten wir uns an den Küchentisch, und obwohl wir uns sehr bemühten, eine vernünftige Unterhaltung zu führen, wurden wir regelmäßig von Kicherkrämpfen geschüttelt. Besonders die vielen Spitzendeckchen, die auf unzähligen kleinen Tischen und Kommoden lagen, reizten Carola zu immer neuen Lachanfällen.

Die beiden sind immer fröhlich, kommentierte die alte Frau Haspers unsere Albernheit. Sie versuchte dann, auch zu lachen, und dennoch erhaschte ich manchmal einen misstrauischen Blick von ihr.

Kam Carola zu mir, lief sie am Haus der alten Haspers vorbei und winkte nach rechts zu ihnen hinüber. Besuchte ich Carola, blickte ich nach links und winkte ihnen im Laufen zu. Oft dachte ich später, als ich im Internat lebte, wenn ich auf meinem Bett saß und mich nach Carola und unserer Kinderzeit sehnte, dass unsere Fußspuren sich auf dem Weg vorbei am Haspers-Haus dem Erdboden für immer eingeprägt haben müssten, so viele Tausend Mal sind wir ihn entlanggelaufen.

Carolas Vater nannte ich Kurt, ihre Mutter Inge.

Meine Mutter hieß Jutta, mein Vater Helmut.

KAPITEL 3

Bernard, warum?

Weiterhin glimmt der Sommer. Von meinem Platz aus, an dem ich schreibe, sehe ich auf die in der Wärme erstarrten Birken und den kleinen Ahorn. Unbeweglich stehen sie, der Sommerwärme hingegeben, als hätten sie vorübergehend auf ihr Leben verzichtet und es dem Luftraum zwischen sich übergeben. Dort tanzen kleine Insekten, ohne innezuhalten, bis sie wohl am Abend tot vor Erschöpfung zu Boden fallen werden.

Heute Nacht, als Bernard gebracht wurde, flog eine Motte ins Haus. Sie schien schon lange Zeit um die Außenlampe geschwirrt zu sein und auf das Öffnen der Tür gewartet zu haben. Ich sah sie, als wüsste sie im Haus Bescheid, hier auf die Bücherwand zufliegen und hinter einer Buchreihe verschwinden.

Ich stehe auf und nehme einige Bücher aus der Regalwand. Ich suche nach der Motte, kann sie aber nicht finden.

Beim Frühstück habe ich die Kinder angelogen. Ich sagte, Bernard habe einen Infekt. Mireille sah prüfend zu mir herüber, und als ich am Tisch stand und das Schulfrühstück fertig machte, kam sie zu mir und strich mir tröstend den Rücken.

In der Nacht, als die Motte ins Haus flog, schleppten Vereinskollegen zu dritt Bernard die Treppe hinauf. Ich ging im Schlafanzug hinterher, und mein Blick folgte der Motte von oben, wie sie über den Schreibtisch flog, als hätte sie sich Wellen anvertraut, die über den Tisch wogten und mit denen sie schließlich hinter die Bücherreihe stürzte.

Die Freunde halfen mir, Bernard auszuziehen und ins Bett zu legen. Er ließ es mit sich geschehen, nur als ich seinen Hosenbund öffnete, fuchtelte er mit den Armen, als wollte er es verhindern. Sein Kinn klappte herunter, er hustete, Schweißperlen traten schnell hintereinander aus der Stirn und rollten ihm ins Haar. Mir krampfte sich der Magen zusammen, doch die Freunde meinten, er müsse nur seinen Rausch ausschlafen.

Als sie gegangen waren, sah ich lange auf ihn hinab. Ich verwarf den Gedanken, Mireille zu wecken. Bernards rechter Arm fiel aus dem Bett, streifte mein Bein und stützte sich mit der äußeren Handkante auf dem Boden ab. Er fühlte sich kalt und feucht an, die dunklen Haare darauf waren verklebt. Ich schob ihn vorsichtig unter das Laken neben die Brust, in der es heftig atmete.

Dann stand ich am offenen Fenster. Der Halbmond hing weiß über dem dunklen Garten. Die Luft war warm und weich, in der Ferne zuckten blaue Lichter am schwarzen Himmel, in den Büschen zirpten die Grashüpfer. Ich musste an alte amerikanische Liebesfilme in Schwarz-Weiß denken, in denen immer Sommer ist mit Mondnächten und Grillengezirpe, und ich fragte mich, ob es mir gut täte zu weinen.

Hinter mir gab es einen dumpfen Aufschlag. Der Arm war wieder aus dem Bett gefallen. Ich rückte den Sessel aus der Ecke heran, hob den Arm auf und schob den Sessel darunter. Ich strich über Bernards Handrücken und meinen Ring, den er am kleinen Finger trägt. Bernards Augenlider zuckten, er zog unwillig die Brauen zusammen, als hätte ich ihn in einem wichtigen Gedankengang gestört.

Ich kämpfte gegen die Versuchung an, in mein Zimmer hinüberzugehen, die Tür zu schließen und mich ins Bett zu legen. Artus kam angetrottet. Er schnüffelte Bernards Gesicht ab und schmiegte sich dann verschlafen an mein Knie. Am Waldrand klagten die jungen Eulen mit langen Schreien wie verlassene Wesen aus einer Sagenwelt.

Bernard warf plötzlich das Laken von sich und schlug mit den Armen um sich. Er rollte den Kopf auf dem Kissen hin und her, als litte er große Schmerzen, röchelte und erbrach sich gurgelnd auf das Bett und die Sessellehne.

Mit beiden Händen packte ich sein Haar und drehte den Kopf zur Seite, damit das Erbrochene ablaufen konnte. Ich presste seinen Kopf mit aller Kraft auf das Kissen gegen seinen unbedingten Willen, ihn hin und her zu werfen. Über die Bettkante schwammen Erbsen und Möhrenstücke in einem gelben wässrigen Schleim auf den Teppich hinunter. Ganz überraschend ließ Bernards Spannung nach. Ich fiel über ihn, auf das Kissen und in den warmen Brei. Ich schnellte hoch. An meiner Hose schwangen elastische Fäden, ein Stück Gurke kroch meinen Bauch abwärts und verschwand in einer Falte des Stoffes wie in einem Tunnel.

Ich riss meinen Schlafanzug auf, wand mich hinaus und stieß ihn mit dem Fuß in die gelbe Lache. Ich trat den Sessel weg und zerrte an Bernards Körper, bis er auf der Seite liegen blieb. Aus dem Schrank holte ich eine Decke, die ich zusammenrollte und mit der ich seinen Rücken abstützte. Danach kauerte ich mich neben das Bett auf den Teppich und weinte. Ich zog einen Zipfel des Bettlakens von Bernards Füßen und drückte ihn mir vor den Mund. Artus mühte sich, mir das Gesicht zu lecken, und begnügte sich schließlich mit meinem nackten Rücken.

Der saure Geruch des Erbrochenen klebte an mir. Ich ekelte mich, und ich suhlte mich in diesem Ekel, es schien mir das Einzige, was ich noch hatte: dieser abstoßende bittersaure Gestank und der wühlende Ekel davor.

Artus tappte langsam um das Bett herum, duckte sich und näherte mit vorgestrecktem Kopf vorsichtig seine Nase der gelben Lache. Dann sah er mit einem aufmerksamen Blick zu mir herüber, als teilte er mir etwas Wichtiges mit. Sofort fühlte ich mich besser. Mit dem Lakenzipfel wischte ich mir die Augen und warf ihn auf das Bett zurück. Ich sah auf meinen nackten Busen hinunter, ich streckte die Beine und betrachtete meine Füße. Ich ließ sie nach außen fallen und führte sie wieder zusammen. Schuhgröße vierzig, dachte ich, und der Gedanke beruhigte mich, dass meine Füße ein Maß hatten, das man mit einer Zahl benennen konnte, und es Millionen anderer Frauen gab, die dieselbe Größe hatten.

Ich wartete, bis ich mich stark genug fühlte, aufzustehen und den Sessel und den Teppich zu reinigen. Ab und zu warf ich einen Blick auf Bernard. Er schlief, und sein Atem ging jetzt ruhig.

Dann stand ich lange unter der Dusche, und als ich mich ins Bett legte, waren mir noch drei Stunden geblieben, bis es Zeit war, die Kinder zu wecken.

KAPITEL 4

Väter

Ich erinnere mich an Nachmittage im Sommer: Carola und ich nebeneinander auf dem Bauch im Gras, jede mit einem Buch.

Carola stieß mich mit dem Fuß an.

Sturmwind, rief sie. Sie rollte im Gras hin und her und schrie: Er ist zurück in die Prärie gerannt.

Sie setzte sich auf, zog die Oberlippe hoch und zeigte mir die schmale Lücke zwischen ihren mittleren Schneidezähnen, die sich langsam mit den neuen Zähnen hervorgeschoben hatte. Seitdem war sie für mich ein Zeichen, in dem sich Carolas Persönlichkeit bündelte. Nichts vertrat sie so eindeutig wie dieser Spalt zwischen den Schneidezähnen.

Ich sah auf ihre Zähne und die Lücke und dachte nach.

Wenn ich erwachsen bin, sagte ich, heirate ich einen Indianerhäuptling. Wie Emily. Sie hat Schnellen Büffel geheiratet, damit es endlich Frieden gibt zwischen den Weißen und den Indianern. So etwas werde ich auch tun.

Ja, rief Carola und sprang auf, ich heirate einen Prinzen und fahre in einer Kutsche mit weißen Pferden.

Wenn ich an Carola denke, dann denke ich auch an unsere Trennung. Ich denke an die vielen Unbegreiflichkeiten, die sich aneinanderreihen und mit einem Mal ein Leben gebildet haben, das unverrückbar dasteht. Und ich denke an die vielen Tage voller Traurigkeit und an die Mühseligkeit, sich durch solche Tage zu schleppen. Und an die freudigen Augenblicke, die aus einem freundlichen Wort hervorschnellen, aus einem sonnigen Fenster oder einem Regenrauschen und die sich heimlich davonschleichen.

Die beiden Haspers hatten viele kleine Ställe im Garten, in denen neben- und übereinander wie in einem Etagenhaus Kaninchen lebten.

Carola und ich halfen manchmal beim Füttern und beim Ausmisten der Ställe. Dann durften wir jede ein Kaninchen auf dem Arm herumtragen. Jedes Mal sagte die alte Frau Haspers: Aber beschwert euch nicht, wenn sie euch vollpinkeln. Obwohl sie es immer wieder sagte, ist es nie vorgekommen.

Mir taten die Kaninchen leid. Sie waren alle so ängstlich, wenn wir sie herumtrugen. Es war ganz egal, welches ich mir aussuchte, jedes drückte sich an meine Brust und wollte sich partout nicht trösten lassen. Doch wenn ich sie zurück in ihren Stall setzte, hoppelten sie erleichtert den kleinen Hüpfer von einer Wand zu anderen, als gäbe es keinen glücklicheren Ort als diese winzigen Stallkabinen.

Von Zeit zu Zeit saßen neue Kaninchen hinter den Gittern, weil, wie der alte Herr Haspers sagte, die anderen jetzt beim Lieben Gott seien. Niemand erklärte uns, wie es wirklich war. Niemand sagte uns, dass die alten Haspers die Kaninchen fütterten und versorgten, um sie zu schlachten und sich ein Mittagessen daraus zu kochen.

Als wir es entdeckt hatten, weil der alte Herr Haspers hinten in seinem Garten in den Sägespänen neben dem Hauklotz einen blutigen Kaninchenkopf vergessen hatte, war es wie eine Demütigung gewesen. Ich dachte an die Freude der Kaninchen über ihren vertrauten Stall, und ich spürte das Verhängnis, das in einem solchen Glück lauert.

Nichts anderes war meine Kindheit als an ein glückseliges Gehoppel von einer Stallwand zur anderen. Und ich schäme mich, dass andere dabei zugesehen haben, wohlwissend um die Kläglichkeit solcher Geborgenheit.

Zu meiner Kinderzeit gehörten auch Steffen und Christian, meine Cousins, und ihre Mutter, meine Tante Helga. Sie war die Schwester meines Vaters, und im August, wenn mein Vater Geburtstag hatte, wurden sie eingeladen.

Später fiel mir auf, dass meine Eltern und ich ihre Besuche nie erwidert hatten. Als es mir endlich aufgefallen war, war es überflüssig geworden zu fragen, warum das so war.

Steffen und Christian benahmen sich häufig schlecht. Für meine Tante war das nicht verwunderlich, für sie war es ganz natürlich. Denn Steffen und Christian mussten ohne Vater aufwachsen. Immer wenn es Ärger gab, war der Vater verantwortlich, der seit Jahren abwesend war und sich nicht kümmerte.

Steffen war fünf Jahre älter als ich und sah grundsätzlich über mich hinweg. Nur wenn sich die Gelegenheit bot, seinem Bruder einen Stoß zu geben, wusste er ihn so anzubringen, dass Christian gegen mich fiel und mich im Fallen umriss. Lagen wir beide am Boden, wischte Steffen sich zufrieden die Handflächen aneinander ab.

Mein Vater hob mich dann auf seine Schultern und trug mich ins Haus. An der Tür ging er in die Hocke und watschelte wie eine Gans, damit wir beide durch den Türrahmen passten. Einen Vater zu haben, das bedeutete, auf Schultern getragen zu werden, ohne sich sorgen zu müssen, dass man mit dem Kopf an den Türrahmen stoßen könnte.

Manchmal entdeckte ich Steffen im Arbeitszimmer meines Vaters. Dort saß er am Schreibtisch, die Arme auf der Tischplatte ausgestreckt, und blickte mit einer seltsam sinnenden