Von Stein - Viktoria T. G. - E-Book

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Viktoria T. G.

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Beschreibung

Mia hat in ihrem jungen Leben schon viel durchgemacht. Eine Schicksalhafte Begegnung, verhilft ihr nicht nur zu einer Familie, sondern auch zu ihrem Gefährten. Bevor sie aber glücklich sein kann, muss sie noch einen steinigen Weg hinter sich bringen. Doch mit Ric, den von Steins und ihrer toten Oma, an der Seite, schafft sie auch das und bringt ihren gewalttätigen Cousin zu Fall. Seine kriminellen Machenschaften fördern unvorstellbare und grausame Taten ans Licht...

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Seitenzahl: 638

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Viktoria T. G.

Von Stein

Ein Roman über

Liebe, Schicksal, Glück,

Realität und Phantasie.

tredition GmbH Hamburg

2022 Viktoria T.G.

Druck und Distribution im Auftrag des Autors: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich Geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.

Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag Des Autors, zu erreichen unter:

tredition GmbH, Abteilung „Impressumservice“ Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland

1. Auflage Januar 2022

ISBN 978-3-347-38999-1

ISBN 978-3-347-39000-3

ISBN 978-3-347-39001-0

1

Die Scheibenwischer des Geländewagens laufen auf vollen Touren, und können doch nicht viel ausrichten. Der Himmel hat die Schleusen geöffnet. Es sind zum Glück nur noch ein paar Kilometer, bis Ric wieder zu Hause ist. Verbissen starrt er auf die Straße. Der April macht seinem Namen alle Ehre. Ein Wetter, das keinen Hund vor die Tür lockt. Ein Trugschluss, wie sich herausgestellt hat, mich schon, leider! Er seufzt. Erstens, kommt es anders, zweitens, als man denkt.

Seine Mutter hat ihn gebeten, bei ihrer Freundin frische Kuhmilch, Käse und Eier zu holen. Lisa Moser besitzt mit ihrem Mann Gustl und den drei Kindern, am anderen Ende des Dorfes, einen Bauernhof mit Hofladen. Jeden Freitagvormittag fährt sie normalerweise selbst. Heute hatte sie keine Zeit dafür. Da Ric ihr so gut wie nie etwas abschlagen kann, ist er gefahren.

Der Weg führt direkt an der Schule vorbei, deshalb sind ihm die Autos vom LKA aufgefallen. Eines davon gehört seinem Freund, Michael Merz. Vor drei Jahren, gerade mal vierundzwanzig, ist er schon Einsatzleiter einer Spezialeinheit geworden. Bei seinen Kollegen ist der Bär, wie er von allen genannt wird, genauso beliebt, wie er gefürchtet wird. Die acht Jungs seiner Elitetruppe, sind ein eingeschworenes Team und können sich blind aufeinander verlassen. Jeden einzelnen Mann hat er sich selbst ausgesucht und auch ausgebildet. Ihr zielsicherer Instinkt, gepaart mit einem messerscharfen Verstand, machen die Jungs zu einer Einheit ganz besonderer Art. Manchmal holt ihn Mike zusätzlich ins Boot.

Heute hat sich Ric selbst eingeladen. Er muss grinsen, wenn er daran denkt, wie sehr sich die Jungs über sein unerwartetes Erscheinen gefreut haben. Nach einer kurzen, aber herzlichen Begrüßung, schilderte ihm Mike mit knappen Worten die Sachlage. Eine Clique von Schülern hatte sich einen Lehrer und sieben Kinder als Geiseln genommen. Sie verschanzten sich im großen Gemeinschaftsraum und fuchtelten mit zwei Revolver und ein paar Messern, großspurig vor den verängstigten Kindern herum. Ein zufällig vorbeigehender Lehrer erkannte den Ernst der Lage und schlug sofort Alarm.

Kopfschüttelnd denkt er an die Einfaltspinsel. Keinem von ihnen ist die Tragweite ihres Handelns bewusst. Für sie war alles nur ein Abenteuer, ein Spiel! Die Geiseln dachten anders drüber! Sie fürchteten um ihr Leben!

Der Zugriff wurde schnell und präzise ausgeführt. Bevor jemand begriff was geschah, war auch schon alles wieder vorbei. Das Ergebnis konnte sich wirklich sehen lassen! Alle Vier saßen, wie begossene Pudel, in Handschellen, da. Zwei davon durften sogar mit dem Notarzt Bekanntschaft machen, während die Geiseln mit einem Schrecken fürs Leben davongekommen sind.

Geschieht ihnen ganz Recht, dachte Ric grimmig. Sie sind schließlich auch nicht zimperlich mit den Kids umgesprungen, obwohl sie selbst nicht viel älter sind. Ein total cooles Videospiel nachstellen, wie krank ist das denn?! Jedenfalls werden sie nie wieder so ein krummes Ding, a la Spiel, drehen. Der Schuss ist gewaltig nach hinten losgegangen! Trotzdem hatten sie noch viel Glück, hätte auch anders ausgehen können… Bei solchen Aktionen, gibt's jeden Tag Tote und schwer Verletzte. An ihrer Dummheit werden sie ihr ganzes Leben lang zu knabbern haben. Hoffentlich lernen sie draus und werden trotzdem anständige Kerle. Statt Adrenalin und Heldentum, gibt's jetzt erst mal Arrest und Jugendhaft. Strafe muss sein! Eine kleine Menschengruppe lenkt ihn ab. Oh nein! Was ist denn jetzt wieder los?!

Durch den Regen ist sein Sehvermögen beeinträchtigt. Erst auf gleicher Höhe kann er drei Jungs erkennen, die eine zierliche Person unsanft hin und her schubsen. Zum Donner, haben wir Vollmond, oder was?! Automatisch tritt er auf die Bremse und fährt rechts ran. Na toll, jetzt werd ich auch noch tropfnass! Wütend reißt er die Tür auf, springt aus dem Wagen und schlägt sie heftig hinter sich zu. Mit dem geschmeidigen Gang einer Raubkatze, bewegt er sich auf die Gruppe zu. „-besseres. Und jetzt Püppchen, zeigen wir dir mal, wo der Hammer hängt! Mal schauen, wer von uns gut genug für dich ist, hochnäsige, eingebildete Schlampe!“ Dabei betatschen sie das Mädchen hämisch grinsend.

Rics Hand legt sich kurz auf die Schulter des Sprechers. Der eiserne Griff, lässt den Jungen gepeinigt aufjaulen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht geht er in die Knie. Erschrocken drehen sich alle zu ihm um.

Rics tiefe Stimme ist hart und klirrend kalt. „Ihr wollt die Kleine doch nicht belästigen…, oder irre ich mich?!“

Sie weichen entsetzt ein Stück zurück. Instinktiv wissen sie, dass sie keine Chance gegen ihn haben, obwohl sie zu dritt sind. Noch niemals sind sie einem Mann begegnet, der so viel Gefahr ausgestrahlt hat. Eisige Kälte kriecht ihre Körper hoch und lähmt sie vor Entsetzen. Seine Augen gleichen Gletschern. Der Blick lässt ihnen das Blut in den Adern gefrieren.

Kalt lächelnd kommen die nächsten Worte über Rics Lippen. „Ich denke, es wird Zeit, hier zu verschwinden…, oder soll ich euch vorher noch Manieren beibringen? Hab ich mich klar genug ausgedrückt?“

Sie zucken zusammen. Ein ängstliches Nicken ist alles, was sie zustande bringen. Ein tiefes Knurren seinerseits löst ihre Starre und sie laufen, als wäre der Teufel persönlich hinter ihnen her.

Seine klirrende Stimme jagt Schauer über Mias Rücken. Dieser Kälte konnte auch sie sich nicht entziehen. Und das hat nichts mit dem Wetter zu tun… Trotzdem ist sie über sein Erscheinen froh. Vor Erleichterung geben ihre Knie nach und sie sackt in sich zusammen. Ihr Körper gehorcht ihr nicht mehr, kraftlos bleibt sie auf ihren Fersen sitzen. Ein Häufchen Elend.

Schwarze lange Haare bedecken ihr Gesicht und ein viel zu großer Pullover klebt an ihrem zierlichen Körper. Eine Jeans, die ebenfalls ein paar Nummern zu groß scheint, lassen lange dünne Beine vermuten. Sie wirkt verloren. Seine Augen ruhen mitleidig auf ihr. Er bückt sich, um ihr auf die Füße zu helfen.

Ruckartig hebt sie den Kopf, schiebt ein paar nasse Haarsträhnen aus dem bleichen Gesicht und starrt ihn mit angstvoll aufgerissenen Augen an.

Er hält inne. Grüne Augen! Leuchtend grüne Augen! Momentan ist das aber nicht sein Problem, sondern die Panik, die sich darin spiegelt. Seine tiefe Stimme ist jetzt beruhigend und weich. „Ich bin Ric. Du brauchst keine Angst mehr haben… ich helfe dir hoch.“ Er hält ihr seine ausgestreckte Hand entgegen, umsonst. Verunsichert und etwas hilflos blickt er auf sie nieder. Normalerweise rappelt man sich doch schnell wieder auf, froh mit einem Schrecken davon gekommen zu sein. Sie muss was sehr Traumatisches erlebt haben. „Ich möchte dich ansprechen können… Wie heißt du?“

Verwirrt blinzelt sie ihn an. Wie? Hat er mich eben nach meinem Namen gefragt?! Sie wird etwas ruhiger und diese unheimliche Aura ist auch verschwunden. Seine wasserblauen Augen sind jetzt warm und freundlich. Wie war sein Name? Ach ja, Ric. Ist das derselbe Mann, wie eben, oder hab ich alles nur geträumt?! Nein, ganz sicher nicht, denn jetzt macht sich der Regen wieder bemerkbar. Klatschnass und durchgefroren, fängt sie an zu schlottern. Tief einatmen und langsam ausatmen…, einatmen, ausatmen… Doktor Rank hat ihr gezeigt, wie sie ihre Angst unter Kontrolle bringen kann. Nach einigen Minuten gelingt es ihr schon ganz gut. Heiser antwortet sie. „Mia.“ Sitzen bleibt sie trotzdem.

Plötzlich ist Ric sich seines Auftretens bewusst. Wäre ich mir so auf der Straße begegnet, hätte ich die Beine wohl in die Hand genommen. Aber dieses Verhalten ist stark übertrieben… Missmutig runzelt er die Stirn. Hm, sie ist nur noch Haut und Knochen… Trotz der Umstände konnte er gut erkennen, was für eine atemberaubende Schönheit sie doch ist, nein wäre, mit zehn Kilo mehr auf den Rippen. Rics Gesicht verzieht sich zu einer hässlichen Grimasse. Je schöner die Frauen sind, desto kälter ließen sie ihn mittlerweile. Wer Lehrgeld zahlt und nichtsdraus lernt, ist selbst schuld. Oh Gott! Man könnte tatsächlich glauben, ich wär vierzig, statt einundzwanzig. Seltsam, aber irgendwie liegt hier der Fall anders, denn sie hat etwas an sich, dass nicht nur seinen Beschützerinstinkt weckt. Ein neues und eigenartiges Ziehen im Magen, dazu sehr heftiges Herzklopfen, beunruhigen ihn plötzlich. Nun ist ihm doch mulmig zumute…

Der jäh einsetzende Hagel unterbricht seine Gedankengänge und zwingt ihn zum Handeln. Die Körner knallen unbarmherzig auf ihre Köpfe herab. Hart packt er sie und zieht sie, ohne Federlassen hoch.

Voller Panik stößt Mia einen spitzen Schrei aus, reißt sich unerwartet los und läuft blindlings drauf los.

Damit hat er nun wirklich nicht gerechnet!

Der Überraschungseffekt verschafft ihr einen Vorsprung, doch ein Bruchteil von Sekunden reicht Ric, um sich zu fangen. Lange und sehr harte Lernprozesse haben ihn geschult, denn ein zögern im falschen Augenblick, kann dich das Leben kosten. Mit wenigen Schritten hat er sie eingeholt, umklammert Ihre Taille und drückt sie fest an seinen Körper. Ohne anzuhalten spurtet er zum Wagen, reißt die Tür auf, wirft sie buchstäblich hinein und schiebt sie einfach auf den Beifahrersitz.

Benommen rappelt sich Mia im Polster auf. Ihr Kopf ist unfähig einen klaren Gedanken zu bilden. Was passiert grade? Was war das eben? Im Schockzustand bleibt sie bewegungslos sitzen.

„Sag, wo wohnst du? Ich fahr dich nach Hause.“ Immer noch keinerlei Reaktion. „Hallo, Erde an Mia…, Mia?! Na schön, dann werde ich dich, wohl oder übel, mit zu uns nehmen müssen. Das ist nicht weit, gleich am Ortsrand von Steinberg…, Mia? Tz. Okay, einen Versuch war's wert.“ Die Worte kamen einfach nicht bei ihr an.

Das donnernde Geräusch holt Mia in die Realität zurück.

„Wie lang halten die Scheiben das wohl aus?“

Als er einsilbig antwortet, wird ihr bewusst, dass sie laut gedacht hat.

„Panzerglas.“ Er ist erleichtert, sie weilt wieder unter den Lebenden. Ohne auf sie zu achten, konzentriert er sich auf die Straße, was gar nicht so einfach ist, da man diese teilweise nur erahnen kann.

Mias Lebensgeister erwachen nun vollends. Neugierig schielt sie zu ihm rüber, denn bisher hat sie nicht viel von ihm wahrgenommen. Das nasse Hemd klebt auf seiner gebräunten Haut. O mein Gott, wie muskulös er ist! Arme so dick, wie mein Oberschenkel… nein, eher wie beide zusammen! Als er sie vorhin umschlang und ins Auto warf, konnte sie seine Kraft spüren. Mehr verblüfft als verängstigt, stemmte sie sich gegen ihn, aber sein Arm gab kein bisschen nach. Wie in einen Schraubstock, nicht mal den Hauch einer Chance hatte ich… Ein beklemmendes Gefühl macht sich in ihr breit. Schnell verdrängt sie den unangenehmen Gedanken und konzentriert sich stattdessen auf ihn. Sein Gesicht ist schön. Seine Nase ist fast ein wenig zu groß, aber eben nur fast. Die Wangenknochen sind hoch und sein glattes Kinn ist sehr markant. Das zerzauste schwarze Haar, das jetzt ein wenig wirr absteht, lässt ihn verwegen aussehen. Seine Lippen sind voll und sehr sinnlich. Die Augen kann sie nicht sehen, doch vorhin auf der Straße nur zu gut. Dieser Blick hat sich eingebrannt. So ein einzigartiges Blau hat sie noch nie gesehen. Augen wie Eis, so kalt. Wie Wasser, so tief. Wie Bergkristall, so klar. Und wie die Sonne, so strahlend heiß. Feuer und Eis zugleich. Sie verbrennen dich, oder lassen dich erfrieren… Ungläubig muss sie feststellen, dass sie im Moment keine Angst verspürt. Nein, ganz im Gegenteil! Er zieht mich an, wie Motten das Licht. Er ist anziehend…, schön und sehr faszinierend… Solche Gedanken hatte sie noch bei keinem Mann. Ihr Herz fängt an, Purzelbäume zu schlagen. Hoffentlich bekommt er das nicht mit… Verwirrt senkt sie die Augen. Ach du Schreck! Ich hab wohl keinen Grund über ihn die Nase zu rümpfen, schau nicht besser aus! Er hat mir geholfen…, ich kann ihm vertrauen… Ha,ha,ha, hast du von deinen Mitschülern auch gedacht… Nein, ich vertraute ihnen keinesfalls! Ichmisstraute ihnen nur nicht. Das ist doch was ganz anderes! Bei ihm hab ich irgendwie so ein Gefühl, sicher zu sein… Vielleicht irre ich mich ja… Nein, das darf nicht sein! Das kann nicht sein! Ich muss doch nur noch die sechs Wochen überstehen, damit nicht alles umsonst war! Verzweiflung macht sich in ihrem Herzen breit.

Abgelenkt durch ihre eigenen Überlegungen, bemerkt sie Rics prüfenden Blick nicht. Was hat sie nur so kaputt gemacht? Warum steckt kein Leben in ihr? Leer, ja leer ist wohl das passende Wort für sie. Wovor hat sie solche Angst? Und wieso zum Teufel, geht sie mir so unter die Haut?! Wut kriecht in Ric hoch, Wut auf sich selbst. Hallo, bist du jetzt total übergeschnappt?! Im Moment hast du andre Sorgen…, zum Donner noch mal! Doch seine Gedanken schweifen immer wieder ab. Sie hat sich so gut angefühlt…, ah, wie erbärmlich! Die Wut verstärkt sich noch ein wenig, doch dieses Mal kann er sich nicht entscheiden, ob er auf sich, oder doch lieber auf sie sauer sein soll.

Zum Glück kommt die Abfahrt Richtung Steinberg und befreit ihn vorerst von seinem Dilemma. Nur noch über die Brücke und an der Fabrik vorbei, zwei Kilometer geradeaus, dann links, kurz vor dem Ort ist die breite Zufahrt zum Anwesen der Familie von Stein.

Ric drückt einen Knopf auf dem Armaturenbrett und zwei beeindruckende Tore, aus Holz und massivem Stahl, gleiten auseinander. Jetzt kann man das imposante Areal einsehen, das mit einer hohen dichten Hecke von der Außenwelt abgeschirmt ist.

Er fährt in eine geräumige Garage, dessen Tor sich zeitgleich geöffnet hat und sich jetzt wieder automatisch hinter ihnen schließt. „Komm, wir müssen ein Stück über den Hof. Ich wohne noch bei meinen Eltern. Bei ihnen bist du bestens aufgehoben. Schau mich nicht so an! Sie fressen dich sicher nicht, genauso wenig wie ich…“

Mia merkt erst jetzt, wo sie gelandet ist. Ausgeliefert! Schlagartig wird ihr diese Tatsache bewusst. Mit weit aufgerissenen Augen, offenem Mund und zugeschnürter Kehle, starrt sie ihn an.

Dieser Anblick verschlägt Ric buchstäblich den Atem. Noch niemals haben ihn Augen so sehr aus der Fassung gebracht! Das intensive grün lässt sein Herz erneut schneller schlagen. Oh Gott, dieser Gesichtsausdruck… Verstimmt beschließt er, ihn einfach zu ignorieren. Er geht um das Auto herum und öffnet die Tür. Sie schreit auf. Verdammt Lady! Mit einer übertrieben höflichen Geste fordert er sie auf, endlich auszusteigen.

Doch dazu ist Mia nicht in der Lage. Trotz der Wärme im Auto friert sie entsetzlich und die nasse Kleidung verstärkt diesen Zustand noch gewaltig.

Ric kann sie nicht begreifen! Was geht bloß in deinem hübschen Kopf vor? Und wie komm ich nur an dich ran, Lady? Er seufzt und beugt sich ins Wageninnere.

Ängstlich weicht sie zurück und bricht in Tränen aus. Instinktiv geht er auf Abstand. Sein Gefühl sagt ihm, dass er sie nicht anfassen darf, obwohl er geradezu danach fiebert! Nichts, absolut nichts, würde ich jetzt lieber tun, als dich ins Haus tragen… Ich will dich beruhigen, trösten und beschützen, wovor auch immer! Stattdessen macht er noch ein paar Schritte rückwärts, dreht sich um und geht langsam weg. „Ich werde jetzt ins Haus gehen, meine nassen Klamotten ausziehen, eine heiße Dusche nehmen und meine Mutter überreden, dir die gleiche Behandlung zukommen zu lassen.“

Beruhig dich Mädel, seine Mutter wird da sein. Steig aus und lauf hinterher! Mach schon! Du musst das Risiko eingehen! Wenn du dir keine Lungenentzündung holen willst, bleibt dir keine andere Wahl. Du musst ihm nachgehen… Zögernd steigt sie aus. Sein breiter Rücken zieht ihren Blick magisch auf sich. Aufmerksam betrachtet sie ihn. Er ist groß, sehr groß sogar. Obwohl sie mit ihren einssiebzig, für eine Frau nicht gerade klein ist, überragt er sie fast um einen ganzen Kopf. Langsam senkt sich ihr Blick, über seine breiten ausladenden Schultern zu seiner Kehrseite. Die enge nasse Jeans betont seinen knackigen Hintern. Am liebsten würde sie ihre Hände auf diesen Rundungen spazieren gehen lassen. Es juckt sie in den Fingern. Oh nein, was ist nur los mit mir?! Ich will seinen Hintern streicheln?! Ihn anfassen?! Verwirrt senkt sie ihre Augen ein paar Grad abwärts und steckt, sicherheitshalber, die Hände in die Hosentaschen. Er hat lange und kräftige Beine. Leider können sie ihr wild schlagendes Herz auch nicht wirklich beruhigen… Sein Hintern zieht ihren Blick erneut auf sich. Verdammt noch mal, der ist aber auch knackig…

Er fühlt ihren Blick und eine Gänsehaut überzieht seinen Körper. Ist schön, auf diese Weise gestreichelt zu werden…, aber deine Hände auf mir, wären mir lieber… Missmutig schiebt er den Gedanken weg, wird aber trotzdem langsamer, denn schnell oder langsam ist ganz egal, durchnässt sind sie ja sowieso schon bis auf die Haut. In der Garderobe streift er die Schuhe ab und stellt sie ordentlich auf ein schwarzes Abtropfgitter.

Obwohl sie die Tür offen lässt, folgt Mia seinem Beispiel zögernd, achtet aber stets darauf den größtmöglichen Abstand zu halten.

Was ihn wurmt, sehr sogar! Daher ruft er um einiges lauter, als eigentlich beabsichtigt. „Mom!! Kannst du bitte mal kommen?! Ich habe einen Gast mitgebracht!“

Mia fährt heftig zusammen, macht einen Satz rückwärts und wäre beinahe zur Tür raus gefallen.

Eine große schlanke Frau, mit einem flotten brünetten Pagenschnitt, erscheint. „Geht die Welt gleich unter?!“ Unsagbar erleichtert, schließt Mia die Haustür.

Mit einem ironischen Blick mustert Carmen ihren Sohn und reicht Mia lächelnd die Hand. „Oh, wie seht ihr denn aus?! Ich bin jedenfalls nie so nass, wenn ich Milch hole, schneller bin ich auch, trotz eines Schwatzes… Hallo, ich bin Carmen. Komm rein. Darf ich dich duzen?“

Carmens melodische Stimme und ihre warmen braunen Augen, geben Mia sofort ein Gefühl von Sicherheit. „Ja, natürlich… Mia… Entschuldigung… Ich mach alles ganz nass…“ Verlegen bricht sie ab.

Carmen fackelt nicht lange. „Ric geh bitte nach oben, leg dich dort trocken. Ich steck Mia hier ins Bad und such ihr ein paar Sachen von mir raus.“

Ric küsst seine Mutter liebevoll auf die Wange. „Ich kann dich beruhigen, die Milch war's sicher nicht! Aber die Fahrt an sich, hatte es in sich! Erzähle ich später, sauber und trockengelegt. Ich lasse die Damen dann mal allein. Dankeschön, herzallerliebste Mutter.“

Carmen schüttelt den Kopf. „Jetzt aber dalli, sonst setzt du mir noch das ganze Haus unter Wasser!“

Betreten folgt ihr Mia ins Bad.

„Schmeiß deine Sachen einfach in die Wanne. Hier sind Duschtücher… Was du sonst noch brauchst, steht in der Dusche… Ich geh inzwischen was zum Anziehen holen.“ Noch bevor Mia etwas sagen kann, ist sie verschwunden. Obwohl sich Mia eiligst auszieht, hat sich eine Pfütze gebildet. Das lässt sich nicht ändern, erst muss ich wieder warm werden! Während das heiße Wasser auf ihren Körper herab prasselt, stöhnt sie erleichtert auf. Langsam entspannen sich ihre steifen Muskeln. Einige Zeit bleibt sie einfach stehen und genießt das heiße Wasser. Als ihr warm genug ist, wäscht sie ihr Haar und trocknet sich ab. Ins Badelaken gewickelt wartet sie und schaut sich um.

Die Wände sind cremeweiß und der Boden dunkelblau. Vereinzelt sind auch in den Wänden dunkelblaue und im Boden cremeweiße Fliesen eingearbeitet worden. Alles ist geschmackvoll und sehr harmonisch aufeinander abgestimmt. Einfach wunderschön…

Es klopft und Carmen reicht ihr einige Kleidungsstücke.

„Sie sind sicher zu weit, aber irgendwie wird's schon gehen. Zur Not hol ich noch einen Gürtel.“

Dankbar nimmt sie die Sachen entgegen. „Sie machen sich meinetwegen so viele Umstände… Danke.“

„Ach i wo!“ Wehrt Carmen ab und schließt die Tür. Verlegen schlüpft Mia in Carmens Unterwäsche. Schnell zieht sie Jogginghose, Sweatshirt und die flauschigen Socken über. Da nirgendwo ein Fön zu sehen ist, rubbelt sie ihr Haar mit dem Handtuch ab. Im Haus ist es schön warm, da trocknet der Rest von ganz allein. Die Pfütze noch schnell aufwischen, dann ist wieder alles in bester Ordnung. Zögernd geht sie auf eine Tür zu, hinter der Stimmen zu hören sind. „Hallo…“

Ric steckt den Kopf raus. Er ist ebenfalls mit Jogginghose und Shirt bekleidet. Sein freches Grinsen bringt ihr Herz schon wieder aus dem Takt. „Dachte ich mir doch, dass ich was gehört hab. Komm rein! Hast du Hunger?“ Sie bekommt keine Gelegenheit zum Antworten. Carmen übernimmt das vom Herd aus. „Natürlich hat sie Hunger! Was soll die Frage?! Bitte, deck den Tisch ein! Dad hat heute etwas früher Schluss gemacht und bringt Anna gleich mit. Sie werden bald hier sein.“

Ric ist froh, dass seine Mutter das Gespräch an sich gerissen hat, denn Mias Anblick lassen seine Hormone schon wieder verrückt spielen. Du siehst auch noch im Räuberzivil zauberhaft aus, obwohl du eindeutig viel zu mager bist, Lady… Reiß dich gefälligst zusammen!

Ihre Glieder sind zierlich, trotz ihrer Größe. Die Wangen sind eingefallen und die Haut blass, doch ihr Gesicht ist ein engelsgleiches Oval mit sehr schön geschwungenen Brauen. Das lange, jetzt lockige Haar, ist gar nicht so tiefschwarz, wie es den Anschein hatte. Jetzt da es trocknet, sieht man den rötlichen Schimmer sehr deutlich. Schwere weiche Locken aus dunklem Mahagoni…, wenn das nicht verrückt macht, was dann?! Brummend deckt er den Tisch. So bleibt ihm Zeit, seine Gedanken wieder zu ordnen. Verstohlen beobachtet er sie aus den Augenwinkeln heraus.

Mia schaut sich neugierig in der gemütlichen Küche um. Alles ist liebevoll arrangiert und ordentlich, nur auf der kleinen Kommode unter dem Fenster herrscht Chaos. Ric muss meinem Blick gefolgt sein…

Ein wohliger Schauer läuft Mias Rücken hinab, als er mit seiner faszinierenden tiefen Stimme erklärt: „Alles von meiner kleinen Schwester, Anna. Sie wird am fünfzehnten Mai vierzehn, ist ein Wirbelwind und hält die ganze Familie auf Trab. Kurz gesagt, unser Sonnenschein…

Außerdem wickelt sie alle um den Finger…, außer Mom natürlich!“ Setzt er schnell nach, weil seine Mutter ihn, mit hochgezogenen Brauen, streng mustert.

„Ihr seid selbst schuld, wenn das so ist! Lass dir ja nichts einreden! Sie lieben und verwöhnen das kleine Biest über alles, zu meinem Leidwesen! Magst du Eintopf?“ Mia nickt zustimmend. Bei diesem neckenden Geplänkel wird ihr schwer ums Herz. Familie…

Plötzlich fliegt die Tür auf und ein schlankes Mädchen, mit schwarzem Pferdeschwanz, stürmt in die Küche.

Entsetzt fährt Mia herum.

Mit durchdringender Stimme plappert die Kleine sofort los. „Mommy, hey Mommy! Es hat gehaaagelt, rieeesige Teile, soooo groß wie Tennisbälle! Ehrlich! Jetzt regnets, wieeee verrückt! Bin gaaaanz nass geworden, nur weil Daddy so getrödelt hat!“

Carmen nimmt ihre Tochter in den Arm, küsst sie, zieht ihr den Regenmantel aus und drückt ihr das gute Stück, mit Nachdruck, in die Arme. „Ist das denn möglich?! Wie furchtbar! Ach übrigens, hallo mein Kind.“

Anna kennt ihre Mutter und weiß ganz genau, was das zu bedeuten hat. Eiligst verschwindet sie in Richtung Garderobe. „Oh, hab ich doch glatt vergessen…“ Derweilen taucht der Herr des Hauses auf. Eine ältere Ausgabe von Ric. Sein dichtes Haar ist kürzer und mit grauen Strähnen durchzogen, außerdem ist er etwas kleiner und schmaler.

Er legt kurz eine Hand auf Rics Schulter, dann nimmt er seine Frau in den Arm und küsst sie herzlich, bevor er sich an Mia wendet. „Hallo, meine Lieben! - Das ist doch der Hausanzug meiner Frau?! Nur der Inhalt ist mir ganz und gar unbekannt… Das werden wir aber auf der Stelle ändern! Ich bin Alex.“

Jetzt kann sie eine große entstellende Narbe auf seiner rechten Gesichtshälfte sehen. Sie zuckt zusammen, denn damit hat sie nicht gerechnet. Nach dem ersten Schock stellt sie verblüfft fest, dass das überhaupt keine Rolle spielt. Wow, trotzdem ein schöner Mann… Und sosympathisch, mit Rics Augen. „Ähm, Grüß Gott, Mia.“

Er schmunzelt wissend, diese Reaktion ist er gewöhnt und stört ihn schon lange nicht mehr. Selbstsicher reicht er ihr seine Hand.

Flüchtig und kurz reicht sie ihm ihre.

Anna schreit zwischen Tür und Angel. „Hallo Mia, bist du Rickys Freundin?“

Mia wird krebsrot. Eine Antwort wird ihr auch dieses Mal geschenkt, denn Anna redet ohne Punkt und Komma weiter. „Wird auch langsam Zeit! Er ist schon überreif! Immer nur in der Kuppel! Arbeiten! Das ist doch echt langweilig und macht keinen Spaß! Er- ahh!“

Ric nimmt sie von hinten in den Schwitzkasten und beendet den Wortschwall damit. Sie kichert, wehrt sich aber erst gegen ihn, als er mit seinen Bartstoppeln über ihren Hals kratzt. Nach kurzer Zeit hat er erbarmen und hält sie nur noch fest. „He, Miss Überklug! Halt die Luft an! Ich muss dich leider fürchterlich enttäuschen, sie ist nicht meine Freundin. Hab sie auf der Straße aufgegabelt. Sie ist unser Gast, also benimm dich!“

Die Kleine fühlt sich sichtlich wohl bei ihm. Als sich sein Griff lockert, dreht sich Anna um, zieht sich an ihm hoch und umklammert ihn mit Armen und Beinen. „Okay, aber sie könnte doch deine Freundin werden, dann muss ich mich nicht immer um dich sorgen.“

Ric verdreht die Augen und beugt sich leicht nach vorne.

„Dir geht's wohl zu gut! Zieh die Reißleine, sonst…“ Bedeutungsvoll lässt er den Rest des Satzes, im Raum stehen, während er ihr einen Klaps auf den Po verpasst und sich aus ihrer Umklammerung befreit.

Alex zieht Anna am Pferdeschwanz zur Eckbank. „Jetzt ist's wirklich genug, mein Fräulein! Setz dich und sei still! Entschuldige Mia, wo bleiben bloß unsere Manieren?!“ Fügt er ironisch hinzu. „Bitte setz dich doch zu Anna auf die Bank, wenn's dir nichts ausmacht.“

Carmen macht dem ganzen Geplänkel ein jähes Ende.

„Alle hinsetzen, Essen ist fertig!“

Nach dem Alex den Topf zum Tisch getragen hat, setzt er sich neben Ric auf den Stuhl.

Mit einer Suppenkelle in der Hand schließt Carmen die Runde. Sie füllt auch gleich die Teller. „Guten Appetit. Mia iss tüchtig, du kannst es wahrlich gut vertragen, wie mir scheint… Jedenfalls ist genug für alle da!“

Während des Essens herrscht angenehmes Schweigen. Danach wird der Tisch gemeinsam abgeräumt und jeder trägt seinen Part dazu bei.

Mia beobachtet das ganze Geschehen fasziniert. Hinterher kommen die Gespräche in Gang. Heute hat Ric am meisten zu erzählen. Zuerst die Geiselnahme in der Schule, dann natürlich Mias Rettung. Die Runde ist mal lustig, mal ernst. Jeder schiebt sich abwechselnd in den Vordergrund. Oft quatschen sie laut durcheinander und ziehen sich gegenseitig auf, aber keiner wird ausfallend oder geht unter die Gürtellinie.

Gespannt und total fasziniert lauscht Mia den Dialogen. Manchmal muss sie sogar grinsen.

Plötzlich richtet Alex das Wort an sie. „Mia, solltest du dich nicht zu Hause melden? Deine Familie macht sich sicher Sorgen. Ich hol das Tel-“

Sie wird bleich und Angst verzerrt ihr hageres Gesicht.

„Nein! Nein, bitte nicht! Ich kann…, will nicht zu ihm…“ Ihre Worte kommen erst laut und stoßweise, dann immer leiser und am Schluss ist es nur noch ein Flüstern.

Betroffen halten alle inne.

Nach dem ersten Schreck legt Anna eine Hand auf Mias Arm. „Du darfst in meinem Bett schlafen. Du musst nicht gehen…, oder? Daddy? Mommy?“

Carmen nimmt Mia schweigend in die Arme.

Alex meint vorsichtig. „Na ja, ganz so einfach ist das leider nicht, Mäuschen… Mia, wie alt bist du?“

Stockend antwortet sie. „Noch, noch bin ich- ich siebzehn…, aber in- in sechs Wochen, am sechsten Juni, werde ich achtzehn… Bis dahin muss ich noch durchhalten… Bitte, bitte, schickt mich nicht weg, nicht zu ihm…“ Ein heftiger Weinkrampf schüttelt sie.

Ihnen bricht es schier das Herz, sie sind entsetzt.

Weswegen kann ein so junges Mädchen derart verzweifelt sein? Carmens Stimme ist ruhig, aber bestimmt.

„Anna, geh bitte auf dein Zimmer und mach deine Hausaufgaben. Nein! Ausnahmsweise ohne Diskussion! Mia muss sich erst beruhigen, und bis es soweit ist, werden wir sie in Ruhe lassen. Sobald sie zum Reden bereit ist, erfährst du's als Erste…, aber eben nicht jetzt sofort.“ Anna verlässt die Küche aufgewühlt und wortlos. Sie fühlt, dass das momentan das Beste ist.

„Jetzt beruhige dich. Keiner wird dich hier wegschicken! Trotzdem müssen wir wissen, was los ist, sonst können wir dir nicht helfen. Also? – Alex, gib mir bitte ein paar Taschentücher rüber.“

„Danke.“ Mit zitternden Händen wischt Mia die Tränen weg und putzt sich die Nase. Sie sind alle so nett zu mir… ich muss erzählen! Sie atmet tief durch, bevor sie beginnt. „Als ich sechs war, sind meine Eltern bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen… Meine Oma hat mich zu sich genommen… Ich überforderte sie schnell, sie war schon fast siebzig… Deshalb musste sie mich, schweren Herzens, ins Internat geben. Mit dreizehn habe ich gewechselt… Dort machte ich das Abitur.“ Heftig schluckend verdrängt sie die aufsteigende Panik.

„Ich studiere jetzt in München. Oma ist vor einem Monat gestorben, da holte mich mein Cousin zu sich.“ Jetzt wird sie wieder unruhig und Carmen streichelt aufmunternd über ihren Rücken. „Heute Morgen muss Erika, seine Frau, im Bad gestürzt sein. So hat er es mir jedenfalls erzählt, als ich aufstand… Sie muss sich schwer verletzt haben… Wie schwer, weiß ich nicht. Sie hatten sie schon ins Krankenhaus gebracht.“ Nach einer Pause spricht sie weiter. „Nur Erika habe ich's zu verdanken, dass ich vor ihm sicher war… Er wurde zudringlich…“

Sie mussten sich anstrengen, um Mia zu verstehen. Immer leiser wird ihre Stimme. „Er hat mich gegen die Wand gedrückt und mein Hemd aufgerissen… Hab ihm das Knie in den Unterleib gerammt, da hat er mich losgelassen und ich konnte davonlaufen… Ich wollt zur Hütte, mich verstecken, aber da haben mich die Jungs angerempelt… Nur noch sechs Wochen.“ Hilflos hebt sie die Schultern, um sie gleich wieder fallen zu lassen. Weinend legt sie den Kopf an Carmens Brust.

Ric sitzt mit zusammengebissenen Zähnen da und sein brennender Blick ist starr auf Mia gerichtet. Seine berühmte Selbstbeherrschung bekommt Risse. Er kann die Hoffnungslosigkeit und den Schmerz fühlen. Jede einzelne Faser seines Herzens schreit nach ihr. Lass mich dich trösten, dich beschützen, deinen Schmerz lindern, leg deine Hände in meine. Ich brauch dich, gehöre mir! Gemartert schließt er die Augen. Als kleiner Junge hat er ein ganzes Jahr gebraucht, um den Scherbenhaufen, den sein Erzeuger hinterließ, aufzuarbeiten und um sein Gleichgewicht wieder zu finden. Jetzt hat ihn die Vergangenheit eingeholt. Die harte Arbeit ist mit einem einzigen Schlag vernichtet. Erneut ist er der kleine zerrissene Junge von damals. Verletzt und verwirrt springt er auf. Ich muss hier raus, sonst dreh ich durch!

In Carmen breitet sich ein banges Gefühl aus. Die ganze Zeit schon, spürt sie Rics Unruhe. Sie hat ihn nicht eine Sekunde lang aus den Augen gelassen. Sie wäre eine schlechte Mutter, wenn sie ihn nicht sehr gut kennen würde. Die Blicke, mit denen er Mia angesehen hat, sprechen mehr als tausend Worte. Er hat sich in sie verliebt! Besorgt blickt sie zu Alex rüber.

„Ich weiß, mein Schatz… Ist schon spät, heute kann ich nichts mehr für Mia tun. Bring sie auf ihr Zimmer… Für Ric schon.“ Er beugt sich über den Tisch und streichelt zärtlich die Wange seiner Frau, dann geht er.

Mia bekommt von all dem nichts mit. Carmens Herzschlag ist alles was zählt. Als sie den Kopf hebt, kann sie nicht sagen, wie viel Zeit vergangen ist. Mit verhangenen Augen sieht sie hoch. „Tut mir leid… Ich will Euch nicht in Schwierigkeiten bringen. Ich-“

Mit einem leisen „Schsch“, unterbricht Carmen sie. „Das kriegen wir hin! Es ist gut, wenn man nicht allein ist und jemanden zum Reden hat. Die paar Wochen bringen wir rum… Bescheid müssen wir deinem Cousin trotzdem geben, sonst lässt er dich noch suchen… Gib mir bitte seine Telefonnummer, ich erledige das gleich… Morgen werden wir, schätzungsweise, zu deiner Cousine fahren. Wenn ich mich nicht täusche, wird Alex mit ihr sprechen wollen… So, genug davon! Ich räum hier auf und dann ruf ich an! Du gehst zu Anna, Treppe hoch, die erste Tür links. Du kannst ihr erzählen, was los ist. Aber denk dran, sie ist noch ein halbes Kind! Sie ist durcheinander und außerdem die neugierigste Person der Welt. Wir wollen nicht, dass sie heute Nacht nicht schläft, oder?! Und dein Bett müssen wir auch noch beziehen.“

Mia ist so erleichtert, dass sie ihre Arme spontan um Carmen schlingt. „Danke, und nochmals danke!“

Carmen ist überrascht und gerührt zugleich. „Ach was! Ist doch halb so wild! Wenn wir uns jetzt nicht aufraffen, wird das nichts mehr! Zu guter Letzt, musst du doch noch in Annas Bett schlafen!“ Entschlossen schiebt sie Mia aus der Küche und schließt die Tür hinter ihr.

Das Laufband läuft auf höchster Stufe. Ric rennt sich die Seele aus dem Leib. Schweiß läuft ihm den Rücken runter. Nichts denken… nichts fühlen… Nach einer Stunde ist er ausgepowert. Zitternd schaltet er das Gerät ab und geht erschöpft in die Knie.

Alex hat geduldig auf einer alten Truhe gesessen. Jetzt setzt er sich zu Ric und zieht ihn in seine Arme. Schon als kleiner Junge hatte das eine beruhigende und tröstende Wirkung auf ihn. „Weist du noch, unsere erste Begegnung, mein Söhnchen?“

Die Reaktion der Wortwahl bleibt nicht aus. Über Rics Gesicht huscht ein müdes Lächeln. Kein anderes Wort, als Söhnchen, konnte besser ausdrücken, wie groß ihre bedingungslose Liebe zueinander ist. Alex war und ist sein Fels in der Brandung. Er hat ihn und seine Mom aus dem Sog, in dem sie sich befanden, gerissen. Er hat ihnen gezeigt, was Liebe und Vertrauen bedeutet, und wie man respektvoll, ohne Gewalt und Hass, miteinander umgeht. Er hat ihnen Geborgenheit gegeben und ihnen beigebracht, wie schön das Leben trotz mancher Hindernisse ist. auch was wahres Glück bedeutet.

„Niemals werde ich diesen Augenblick vergessen… Ich spürte sofort, dass du meine Verzweiflung fühlst, meine geschundene Kinderseele siehst.“ Er legt den Kopf auf Alex Schulter. „Du bist in die Knie gegangen und hast deine Arme nach mir ausgestreckt. Seltsam, aber ich hab nur deine Augen gesehen… So voller Zärtlichkeit und Mitgefühl, dass ich nicht anders konnte, als mich an deine Brust zu schmiegen. Endlich tröstete mich jemand, endlich konnte ich weinen. Bis dahin fraß ich alles in mich rein… Mom sollte doch nicht auch noch wegen mir leiden müssen… Nur wenn er nicht daheim war, konnten wir uns aneinander kuscheln… Mom hatte das genauso nötig wie ich. Diese wenigen kurzen Augenblicke gaben uns die Kraft, alles zu überstehen.“

Alex muss schlucken, wenn er an den bebenden kleinen Jungen denkt. Auch heute noch gibt es ihm einen Stich, mitten ins Herz. „Ja, dich so leiden zu sehen, war kaum zu ertragen… Jetzt leidest du wieder.“

„Dad…“

„Nein, hör einfach zu! Du musstest dich, nach dem du dein Gleichgewicht wiedergefunden hattest, noch nie mit dem stärksten aller Gefühle, der wahren Liebe, auseinandersetzten. Du hast gelernt mit Trauer, Wut, Hass und all den andern Gefühlen umzugehen. Mit der Liebe in der Familie, den Freunden… Nur die echte und wahre Liebe zu einem Partner war nie dabei. Ich weiß, du glaubst nicht dran, doch jetzt hat sich einiges geändert, denn es betrifft dich! Ich erklär's gern noch mal, denn ich denke, heute hörst du mir mit beiden Ohren zu! Wenn du dich in deinen Finger schneidest, hast du Schmerzen, Messer weg und Pflaster drauf. Der Finger heilt, die Schmerzen sind vergessen… Wenn du dir den Arm brichst, fühlst du erneut große Schmerzen. Du bekommst einen Gips, passt nächstes Mal besser auf und wartest, bis dein Arm verheilt ist. Der Schmerz ist auch da bald vergessen… Nur wenn's einmal ganz besonders übel war, kannst du dich noch vage dran erinnern… Egal, welcher Art die Schmerzen auch sind, alle vergehen… Alle, außer dem, der wahren Liebe… Bleibt sie unerfüllt, lebst du bis an dein Lebensende mit diesem Schmerz in deiner Brust… oder du zerbrichst irgendwann dran… und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst! Siebzig Prozent der Menschen suchen ein Leben lang vergebens danach… Sie binden sich dann an jemanden, den sie besonders gernhaben, um nicht zu vereinsamen oder zu leiden. Für sie bedeutet das Liebe und Glück, weil sie es einfach nicht besser kennen. Das ist gut so, denn damit ist der Großteil zufrieden… Nur ein kleiner Teil hat das Glück, diese Liebe zu finden.“.

Versonnen lächelt er. „Ich habe das Glück… Diese Liebe kann man niemandem beschreiben, man muss sie selbst erleben. Sie ist, und sie hat, die größte Macht der Welt! Sie baut dich auf… oder zerstört dich. Einen Kompro miss gibt's nicht. Und sie hält ein Leben lang. Denk an den Juwelier, ich mein, denk an die Prophezeiung…“

In Rics Gesicht arbeitet es. Die widersprüchlichsten Empfindungen spiegeln sich darin wider. Alex war vom ersten Augenblick an, sein Vater. Keine Sekunde konnte er den Onkel in ihm sehen. Eine eigenartige Wärme breitet sich in seiner Brust aus. Ja, sie haben eine ganz besondere Bindung… Die Liebe hat so viele Gesichter. Er liebt seine Mutter, seine kleine Schwester und seine Freunde. Alles hat er, ohne nachzudenken, zugelassen. Keine seiner Freundschaften beunruhigt ihn. Im Gegenteil, sie sind feste Bestandteile in seinem Leben und machen ihn damit glücklich und zufrieden.

Unbewusst fasst er nach der Hand auf seiner Schulter und zieht sie etwas enger um sich. Seinen Kopf bettet er erneut auf Alex Schulter. „Dad, ich muss andauernd an Mia denken… Es macht mich wahnsinnig, sie nicht berühren zu dürfen… Noch bei keiner Frau fühlte ich mich so elend und hilflos…“ Einen Moment horcht er in sich und die Erkenntnis trifft ihn, wie ein Blitzschlag. „Dad, ich fühle den Schmerz, der nicht vergehen will… Ich liebe sie! Ja, ich liebe sie, mit der ganzen Macht meines Herzens!“ Fassungslos über diese Tatsache, rückt er von Alex ab und sieht ihn mit großen Augen an. „Ich denke, Mia ist meine große Liebe! Kann das wirklich sein?!“

Für Alex ist Rics Erleuchtung Balsam. „Das kann ich dir nicht beantworten… Denk mal an deine vielen, soooo tollen Freundinnen zurück… Wenn du dich verliebt hast, bist du immer völlig überdreht heimgekommen und der Himmel hing voller Geigen…, bis du ihnen den Laufpass gegeben hast…, oder sie dir. Am Boden zerstört, hat Mom dich getröstet. Denk an ihre Worte. Na?“ Amüsiert boxt er Ric in die Rippen.

Grinsend wiederholt er ihre Worte. „Geh in dich und sag mir, war‘s Liebe oder ist nur dein Stolz geknickt? Auch Kratzer tun weh, vergehen aber, bis der nächste kommt.“ Plötzlich fällt es ihm wie Schuppen von den Augen.

„Stimmt! Alle meine Beziehungen waren oberflächlich. Es ging eigentlich immer nur um Schwärmerei… und in erster Linie Sex… Kein Mädel berührte mein Herz, ich mochte sie nur irgendwie gern… Aber Mia geht mir unter die Haut… Sie liebe ich wahrhaftig!“

Er kann es noch immer nicht glauben. Ein Glücksgefühl schleicht sich in sein Herz. Der beklemmende Ring um seine Brust bricht entzwei. Jetzt, da er den Grund für seine Unruhe kennt, ist alles in Ordnung. Schmetterlinge im Bauch sind doch ein herrliches Gefühl! Unter solchen Umständen, darf das Herz doch außer Takt schlagen… Plötzlich wird ihm ihr Verhalten wieder bewusst und der Ring zieht sich erneut fest. „Sie mich aber nicht…, sie weist mich zurück und geht auf Abstand.“

Alex widerspricht. „Nein! Sie fährt nur gerade Karussell, alles dreht sich immerfort… und sie hat Angst! Sie kann im Moment nichts auf die Reihe bringen. Lass ihr Zeit, dann wird sich entscheiden, wie sie zu dir steht. Doch mein Gefühl sagt mir, du bist ihr nicht gleichgültig.“ Befreit springt Ric auf die Füße und reicht seinem Vater, mit einem strahlenden Gesicht, die Hand.

„He, langsam mein Sohn, ich bin nicht mehr der Jüngste! Außerdem kann ich für Mia nix tun, wenn ich selbst mit gebrochenen Knochen im K-Haus liege.“

Erschrocken löst er seine Umklammerung und tritt einen Schritt zurück. Als er jedoch das belustigte Gesicht vor sich sieht, muss er lachen. „Oh Dad, du bist schon eine besondere Nummer! Danke.“

„Es gibt fast nichts Schöneres, als seine Kinder glücklich zu sehen, dann ist man auch glücklich und zufrieden.“ Ric runzelt die Stirn. „Auf keinen Fall überlass ich Mia diesem Ekel. Lieber mutiere ich zum Verbrecher!“

Kalt meint Alex. „Ich denk, das wird nicht nötig sein. Ihre Cousine wird mir eine Vollmacht ausstellen, dann ist Mia in unserer Obhut, bis sie volljährig ist.“

„Aber was, wenn sie damit nicht einverstanden ist?“

Alex Gesichtszüge werden eisig. „Keine Sorge, sie wird

damit einverstanden sein…, so oder so.“

In solchen Augenblicken konnte man erkennen, dass sie Brüder waren. Ric fröstelt. Eiskalt, berechnend und über Leichen gehend…, und ich bin auch so… Hass lodert in seinen Augen auf. Purer Hass, der sein schönes Gesicht zu einer Fratze verzerrt.

Alex ahnt, was in ihm vorgeht. „Solange wir unser Herz dabei nicht vergessen, werden wir niemals so sein! Wir lieben und werden geliebt, und wir sind stark und haben keinerlei Minderwertigkeitskomplexe, die uns auch zu Tyrannen machen, oder werden lassen… Dir ist schon klar, dass Mom und ich der Grund dafür sind.“

Ric reagiert heftig. „Nein! Kein Mensch sucht sich aus, wen er liebt. Beziehungen gehen andauernd zu Bruch… Es wird gelogen und betrogen. Wenn jeder das eigene Scheitern an seinen Mitmenschen auslassen würde, gäb es nur noch Mord und Totschlag auf der ganzen Welt… und die Menschheit schon lange nicht mehr! Wir müssen alle zu unseren Gefühlen stehen, genauso wie zu unseren Fehlern! Und wir müssen einen Weg finden, damit zu leben, aber nicht auf Kosten anderer!“

Alex drückt ihn fest an sich. „Stimmt…, aber nicht jeder ist stark genug dafür. Egal, wie auch immer… Er war ein zerrissener Mensch, dennoch mein Bruder. Seine Labilität wurde ihm zum Verhängnis… Ich hab ihn trotzdem über alles geliebt… und etwas Gutes hat er auch zustande gebracht…, dich! Und Richard hat mir, zu meiner Familie verholfen… Dafür musste er einen sehr hohen Preis bezahlen… Ohne ihn hätte ich Mom nie kennen gelernt… Vergiss das nie! Denk immer dran, was wir erleben ist was uns prägt und wir sind. Das macht uns zu einem glücklichen oder unglücklichen Menschen… Solang wir uns selbst treu bleiben, ist alles Bestens! Leider gibt's immer wieder Situationen, in denen uns keine Wahl bleibt… Wenn du nicht kaputt gehen willst, musst du eben hart werden! Ich denk, du weißt selbst am besten, was ich damit sagen will. Wir können Recht und Unrecht voneinander unterscheiden, somit passt alles… Ob wir immer danach handeln, ist eine andre Sache… Da kein Stein, an Stelle unsres Herzens, in unsrer Brust schlägt, besteht auch keine Gefahr.“

Das lodernde Feuer erlischt „Manchmal übermannt mich die Angst… Ich fühle, wie ich unbeherrscht werde…“

Alex nimmt ihn bei den Schultern und schüttelt ihn.

„Jeder fährt mal aus der Haut! Richard wurde dazu erzogen… Ich bin doch auch nicht so…, oder? Wie gesagt, viele Situationen erfordern diesen Teil von uns… Damit hilfst du trotzdem vielen, was du auch schon oft genug bewiesen hast… Du wirst geliebt und du setzt deine Fähigkeiten richtig ein! Auch wenn's saublöd klingen mag, schlechte Fähigkeiten können Gutes bewirken… Hast du schon einen Bankräuber mit, bitte leg deine Waffe auf den Boden und stell dich auf dem Revier, entwaffnet, während du auf den Knien gelegen bist?“

Bei dieser lächerlichen Vorstellung muss Ric grinsen.

„Okay, kapiert… Immer wenn ich zweifle, werd ich dran denken. Jetzt geht's mir schon viel besser… Schweiß und eine Sitzung bei Doc von Stein, hilft doch immer! Hab ich eigentlich mal erwähnt, dass ein Psychiater an dir verloren gegangen ist?“

„Oh ja, nicht nur einmal! Kann ich diesmal ein Honorar einfordern? Das artet nämlich langsam aus!“

Ric geht auf den neckenden Ton ein. „Danke Dad, aber wie immer, sind deine Sitzungen mit keinem Geld der Welt zu bezahlen.“ Zerknirscht fügt er hinzu. „Scheinbar muss ich mich heute ganz besonders bedanken.“

Alex schlägt theatralisch die Hände über dem Kopf zusammen. „Gott sei Dank ist der Tag gleich zu Ende! Das ist ja nicht mehr auszuhalten!“

Geschmeichelt und gerührt schubst er Ric aus dem Weg und flitzt die Treppe im Eiltempo hoch.

Ein tiefes zufriedenes Lachen hallt hinter ihm her.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, spurtet Ric hoch und stößt beinahe mit Carmen und Alex zusammen.

„-mich an, wenn sie nicht bis zehn zu Haus ist, schalte ich die Polizei, wegen Entführung und Kidnapping, ein! Die derben Wörter, die er noch benutzt hat, möchte ich nicht wiederholen. Ist denn das zu fassen?!“

Alex streichelt Carmens Arme. „Beruhige dich, Schatz. War doch irgendwie zu erwarten.“ Mit einem Blick auf seine Armbanduhr fährt er fort. „Wenn er tatsächlich so ein mieses Ekel ist, wie Mia ihn beschrieben hat, was ich ihr auch glaube, will er sich Zeit verschaffen, um-“

Ric vollendet den Satz eiskalt. „-ins K-Haus zu fahren. Entweder, um seine Frau dran zu hindern, Dummheiten zu machen… oder er denkt, Mia besucht Erika sicher, dann hat er sie… Erika hatte einen unfreiwilligen Sturz, meiner Meinung nach… Wir müssen Mia fragen.“ Carmen stöhnt, damit hat sie nicht gerechnet!

Ric spricht aus, was Alex dachte. „Jetzt müssen wir schnell sein! Wir dürfen ihn nicht unterschätzen!“

„Wir haben, eins und eins, zusammengezählt, sicher tut er das auch, deshalb sollten wir mit dem Schlimmsten rechnen! Du fährst mit Mia zu Erich aufs Revier. Sie muss eine Aussage machen. So können wir ihn bis zum Montag hinhalten, ganz legal hinhalten. Ich fahr ins K-Haus, um mit Erika zu reden… Mom, wo ist Mia?“

Ihre Stimme klingt besorgt. „Bevor ich bei diesem netten Herrn anrief, schickte ich sie zu Anna aufs Zimmer.“

„Gut, hol sie bitte runter, aber Anna darf nichts davon mitkriegen! Lass dir was einfallen! Wenn Dad und Mia weg sind, schalte die Anlage scharf. Du hast bestimmt unsern Namen genannt, daher weiß er, wo wir wohnen und wer wir sind… Über die Knöpfe bleiben wir in Verbindung. Auf gut Deutsch, alles wie gehabt! Ich lass die Pferde aus der Garage… Ich liebe euch!“

Ric steckt sich einen der Knöpfe ins Ohr und wirft die Übrigen auf das Sideboard, dann steigt er in den Sportwagen und lässt die vierhundert PS aufheulen.

Alex verzieht das Gesicht. „Wie nett von ihm! Während du Mia holst, ruf ich im K-Haus an, sicherheitshalber. Wäre ja gelacht, wenn wir das nicht hinbiegen können! Kopf hoch, mein Schatz!“ Aufmunternd gibt er ihr einen dicken Kuss und drängt sie zur Treppe.

Mias Alarmglocken schrillen. Carmen hat sich zwar gut im Griff, aber sie hat eine feine Antenne.

Mit einem leichten Kopfschütteln deutet Carmen an, vor Anna zu schweigen. „So, das reicht für heute! Wird Zeit schlafen zu gehen. Mias Augen fallen schon zu und ihr Bett ist noch nicht bezogen.“

Wie erwartet protestiert Anna. „Es ist doch erst neun,

und Freitag! Morgen ist keine Schule! Mia-“

Carmen unterbricht sie sanft, aber bestimmt. „Richtig, doch was ist mit Bärbels Geburtstagsfeier? Da willst du morgen doch sicher hin… Schon vergessen? Das wird lustig werden, wenn du am Tisch einschläfst.“

Anna verzieht das Gesicht. „Gar nicht! Mommy-“

„Heute oder morgen? Du hast die Wahl.“

Schmollend brummt sie. „Na gut… Morgen darf ich aber, bis mindestens zwölf, bei Bärbel bleiben…, oder gleich über Nacht, dann müsst ihr mich nicht holen.“

„Wir werden sehen. Jetzt schläfst du jedenfalls, denn das wird ein laaaaanger Tag werden. Sei ein braves Mädchen, sonst überleg ich's mir doch noch mal.“ Liebevoll nimmt sie Anna in den Arm und küsst sie, dann zieht sie Mia mit sich und schließt die Tür. „Dein Cousin will, dass du bis zehn zu Hause bist, sonst ruft er die Polizei. Wir müssen deshalb heute noch was unternehmen. Du bist müde, ich weiß… leider muss das sein!“

Ein dicker Kloß sitzt in Mias Hals. „Wieso, ähm, was?“ Alex legt das Telefon zur Seite. „Kommt in die Küche… Hat Anna was mitbekommen?“

Carmen schüttelt den Kopf. „Nein, der Geburtstag von Bärbel beschäftigt sie. Hab grade noch dran gedacht.“ Sie setzen sich an den Tisch und Alex beginnt ohne Umschweife. „Dein Cousin ist sehr wütend, er wird alles versuchen, um sein Ziel zu erreichen!“

Leichenblass geworden, fängt Mia zu zittern an. Tröstend legt Carmen einen Arm um ihre Schultern.

Alex spricht weiter. „Keine Sorge, wir sind auch nicht ohne! Ric ist bereits auf dem Weg zu Erika. Er passt auf sie auf, bis wir kommen… Mia, wie ist ihr Verhältnis zueinander? Das kann wichtig sein!“

Mia schaut ihn unsicher an. „Er ist der große Boss im Haus. Alle müssen nach seiner Pfeife tanzen. Er ist sehr jähzornig und schnell auf tausend. Wird auch mal handgreiflich… Manchmal schlägt er Erika…, glaub ich. Sie hat Angst vor ihm, das sieht man ihr an. Sie sagt zwar nie was und versucht immer, alles zu verharmlosen… Hundertprozentig sicher bin ich mir aber nicht…“

Alex ist zufrieden. „Das reicht schon. Wir zwei fahren jetzt zur Polizei. Du musst eine Aussage machen, dann sind wir auf der sicheren Seite und haben was in der Hand! Erich ist der Chef, ein sehr guter Freund dazu. Er wird uns helfen. Das ist nur für den Notfall, falls wir mit Erika nicht sprechen können. Damit verschaffen wir uns, bis zum Montag, einen Aufschub. Erst dann sind die Behörden wieder offen… Alles verstanden oder Fragen?“

„Ja, warum Erika?“ Durcheinander wie sie ist, kann sie sich darauf keinen Reim machen.

Alex wechselt einen schnellen Blick mit Carmen. „Er wird nicht wollen, dass sie dir erlaubt bei uns zu bleiben, denn wenn sie zustimmt, kann er nichts dagegen unternehmen. Wir müssen momentan mit allem rechnen… Vielleicht tun wir ihm unrecht…, aber ich will‘s nicht drauf ankommen lassen. Besser jetzt übervorsichtig, als dann hinterher Katzenjammer… Außerdem könnte Erika auch in Gefahr sein…“

Carmen steht auf. „Genug geredet, die Zeit drängt! Ich halte die Kommunikation aufrecht. Außerdem muss einer bei Anna bleiben. Bei Alex bist du in den allerbesten Händen… oder hast du etwa Angst vor ihm?! Brauchst du echt nicht, die Narbe dient nur zur Abschreckung. So muss ich nicht andauernd sämtliche Verehrerinnen abwimmeln, die sonst immerzu an seinem Hals hängen würden. Glaub mir, eigentlich ist er ein liebes und nettes Kuscheltier. Aber erzähl das ja nicht weiter!“ Kuscheltier?! Lieb und nett sicher, aber Kuscheltier?!

Mia muss grinsen. „Nein, mach ich nicht, aber…“ Carmen lächelt aufmunternd und küsst beide, bevor sie zum Sideboard eilt.

Alex nimmt einen der Stöpsel entgegen. „Tz, darüber werden wir noch reden müssen, mein Schätzchen.“

Hört sich nicht sehr bedrohlich an…

Nachdem sich die Haustür hinter ihnen geschlossen hat, flitzt Carmen ins Büro. Ein gigantischer Wandschrank verbirgt die Sicherheitsanlage. Sie schiebt die großen Türen lautlos zur Seite und schaltet die Monitore, mit einem einzigen Knopfdruck, ein. Der schwere Audi von Alex fährt gerade vom Grundstück. Hinter ihm schließen sich die Tore. Für sie das Zeichen, die Außenanlage scharf zu schalten. Jetzt überprüft sie noch alle Türen und die Fenster, damit auch die Innenanlage aktiviert werden kann. Das Haus gleicht jetzt einer Festung.

Vorsichtig spät sie in Annas Zimmer. Erleichtert stellt sie fest, dass sie ruhig und tief schläft. Carmens Nervosität legt sich allmählich. Sie kann jetzt nur noch abwarten…

2

Wie ein Geschoss, fliegt der Ferrari über die Straße. In Windeseile hat er das Krankenhaus erreicht. Gegen alle Regeln bringt Ric den Wagen vor dem Haupteingang zum Stehen. Normalerweise nutzt er seinen Status nicht aus, aber hier handelt es sich um einen Notfall. Jeder kennt ihn, deshalb braucht er keine Angst haben, dass er Schwierigkeiten bekommt oder gar abgeschleppt wird. Es hat Vorteile, ein großzügiger Sponsor zu sein.

Eine aufgelöste Schwester erwartet ihn ungeduldig.

„Gott sei Dank! Herr Horn ist vor zehn Minuten hier eingetroffen und benimmt sich, wie die Axt im Walde. Doktor Leitner versucht ihn aufzuhalten.“

„Ist er zu Frau Horn durchgekommen? Wo sind sie?“

Die Schwester schüttelt den Kopf. „Nein, Ihr Vater hat rechtzeitig angerufen. Wir haben sie sofort verlegt. Der Doktor versucht Herrn Horn klar zu machen, dass sie nicht bei Bewusstsein ist. Sie sind in der Intensivstation. Folgen Sie mir bitte, Herr von Stein.“ So schnell es ihre Füße zulassen, läuft sie voraus.

An der Intensivstation angekommen, hindert Ric sie am Eintreten. „Ich danke Ihnen, ab jetzt geh ich allein weiter! Sie sorgen bitte dafür, dass sich hier niemand aufhält. Informieren Sie auch das betreffende Personal und sorgen Sie dafür, dass die Patienten nichts davon mitbekommen. Wir wollen doch keine Panik auslösen. Das sind reine Vorsichtsmaßnahmen! Danke.“

Die Schwester hört bleich aber gefasst zu, nickt dann und eilt mit wehendem Kittel davon.

Schlagartig ändert sich Rics Körperhaltung und seine Miene wird hart. Entschlossen drückt er die Tür auf.

Vor einer Zimmertür hat sich Doktor Leitner aufgebaut und versucht einen großen dicklichen Mann, der ihn attackiert und wüst beschimpft, am Eintreten zu hindern. Ein junger Pfleger versucht verzweifelt dem Arzt zu helfen und einige Schwestern stehen hilflos daneben.

Mit Handzeichen gibt Ric ihnen zu verstehen, dass sie in die Zimmer zu den Patienten gehen sollen. Lautlos nähert er sich und spricht den Wütenden mit klirrender Stimme an „Was soll das? Benimmt man sich neuerdings im Krankenhaus so?“

Horn fährt herum und starrt ihn hasserfüllt an. Als er losbrüllt, schlägt Ric eine üble Alkoholfahne ins Gesicht.

„Was geht dich das an? Scher dich zum Teufel!“ Seine Geduld ist jetzt am Ende, er hat jetzt genug von den Spielchen! Grob packt er den Kittel des Doktors und zerrt ihn brutal von der Tür weg.

Mit einem schnellen Schritt fängt Ric den strauchelnden Arzt ab. Noch bevor sich Horn ins Zimmer stürzen kann, hat Ric die Hände wieder frei. Hart packt er Horns feisten Unterarm. Jaulend geht er zu Boden, dreht sich aber sofort um und tritt, aus Leibeskräften, nach Ric.

Hass und Alkohol sind eine sehr gefährliche Mischung, die ungeahnte Kräfte freisetzt. Mit Vernunft ist dem Kerl nun nicht mehr beizukommen.

Geschmeidig wie eine Katze, weicht Ric den tretenden Füßen gekonnt aus. Blitzschnell kniet er sich auf Horns Brust und verpasst ihm einen ordentlichen Kinnhaken. Bewusstlos streckt er die Glieder von sich.

Durch die plötzliche Stille neugierig geworden, öffnen sich die Türen reihum. Ungläubig starren sie den am Boden liegenden Mann an.

Der Doktor ist einiges gewöhnt und gleich wieder Herr der Lage. „Wir haben den wütenden Mann unter Kontrolle! Bitte gehen Sie wieder an Ihre Arbeit. Sie wissen, die Patienten auf dieser Station, sind auf Ihre Hilfe ganz besonders angewiesen! Eine Intensivstation nennt sich nicht umsonst so. Danke!“

Ric packt den Bewusstlosen am Hemdkragen und zieht ihn unsanft in das leere Zimmer hinter sich.

„Mein Gott, bin ich froh, Sie zu sehen, Ric! Ihr Vater hat angerufen und uns vor diesem Barbaren gewarnt!“

Ric grinst. „Geht doch nichts über gute Kommunikation, was Doc? Sie haben fix geschaltet. Danke, dafür haben Sie was gut! Warten Sie kurz – Mom, alles in Ordnung. Hab ihn eben lahmgelegt. Alles gut, bis nachher. – Dad, wo seid ihr? – Gut. Nein, ist k.o. Sag Erich, wir brauchen Handschellen. – Sorry Doc, aber das musste sein! Hier haben wir nämlich ein größeres Problem.“

„Weswegen?! Klar, wollen sie Bescheid wissen! Aber ich muss mich bei Ihnen bedanken. Ich hätte keine Chancen gegen diesen, diesen Rüpel gehabt… Eine Schwester hat er so geschubst, dass sie gegen einen Rollstuhl geprallt ist und sich vermutlich eine Handgelenkfraktur zugezogen hat. Von den Prellungen will ich gar nicht erst reden! Eine weitere Schwester hat sich Schürfwunden eingefangen… Dieser…, dieser Blödmann hat das halbe Krankenhaus zusammen gebrüllt und randaliert!“

Er bückt sich und betastet das Kinn des Bewusstlosen, dann gibt er ein lobendes Schnauben von sich. „Gute Arbeit! Eindeutig gebrochen… Sie wissen ganz genau, wie Sie den größtmöglichen Schaden anrichten können, was? Wir müssen ihn röntgen.“ Mit Genugtuung fügt er hinzu. „Er wäre der Erste, der Ihren Kinnhaken ohne Schaden überstanden hätte! Pah, ich gönne ihm das, von ganzem Herzen! Die Schmerzen, die er haben wird, wenn er wieder zu sich kommt, samt dem Bienenschwarm in seinem Kopf, wenn er nüchtern wird, dazu! Von dieser Begegnung zehrt er noch eine ganze Weile… Oh, ich habe nichts gesagt! Nicht ein einziges Wort! Kapiert?!“ Mit durchdringendem Blick pikt er einen Finger in Rics Brust. „Verstanden, Richard von Stein?!“

Ric hebt beschwichtigend die Hände. „Wovon reden Sie bloß, Doc? Sie kümmern sich doch rührend, geradezu aufopferungsvoll um Ihren undankbaren Patienten… Leider sprechen Sie undeutlich…“

Verschwörerisch grinsen sie sich an.

Alex fährt schnell und sicher durch die Stadt. Das Revier befindet sich am anderen Ende von Holzen. Ehe Alex aussteigt, schaut er sich aufmerksam um.

Erich hat schon ungeduldig auf sie gewartet. Mit ernster Miene kommt er ihnen entgegen. Einer von Rics besten Freunden, zuverlässig und immer da, wenn er gebraucht wird. Eine Seele von einem Menschen, wenn man ihn nicht anlügt. Er riecht das noch aus einigen Kilometern Entfernung, dann ist nicht gut Kirschen essen mit ihm. Fehler verzeiht er, ist menschlich, aber Lügen niemals!

Alex umarmt ihn herzlich. „Erich, schön dich zu sehen! Der Anlass ist leider nicht so erfreulich…“

Mia ist ausgestiegen und steht abwartend da.

„Darf ich dir Mia- äh, wie ist-“ – „Lichtner“ – „Mia Lichtner vorstellen? Um sie geht‘s bei der ganzen Sache.“ Flüchtig nimmt Mia die ihr dargebotene Hand und mustert den Polizisten. Er ist nicht sehr groß, aber breit wie ein Panzer und seine Hand hat das Ausmaß eines Desserttellers. Das blonde raspelkurze Haar und das grüne Hemd, erinnern eher ans Militär als an die Polizei.

„Hallo Mia, darf ich du sagen? – Okay, dann wollen wir mal sehen, was wir für dich tun können. Kommt rein in die gute Stube… Du bist ja eiskalt! Erst besorgen wir dir eine große Tasse Tee… Kopf hoch, Mädchen! Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird!“

Die Männer nehmen sie in ihre Mitte. Krampfhaft versucht sie, die aufkommende Panik zu unterdrücken. Er ist doch nett… Die Polizisten damals waren nicht so freundlich, eher kalt und distanziert. Die Frauen konnten mir nicht mal in die Augen schauen, von den Männern ganz zu schweigen! Kein Lächeln, kein nettes Wort. Nichts! Sie haben mich behandelt, wie einen Gegenstand… Die Freundlichkeit, die ihr entgegengebracht wird, ist Balsam für ihre wunde Seele. Plötzlich kann sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.

Alex dirigiert sie auf einen Stuhl in Erichs Büro. Als er jedoch tröstend eine Hand auf ihre Schulter legen will, weicht sie zurück. Sein Gesicht wird zu einer steinernen Maske und er geht auf Abstand. „Erzähl Erich alles. Ich hol inzwischen Tee.“ Er steuert auf eine blonde Polizistin zu, die sich riesig freut und ihm strahlend um den Hals fällt. Alle sind sichtlich erfreut ihn zu sehen. Er scheint beliebt und ein gern gesehener Gast zu sein.

Seltsam, aber auch hier stört sich niemand an seinem entstellten Gesicht. Seine Art ist so beruhigend und vertraut, ich mag ihn… Betroffen dreht sie sich zu Erich, der ihr eine Box mit Taschentüchern reicht.

Ihr Verhalten Alex gegenüber, weckt sein Interesse. Die Narbe kann es nicht sein, denn auch zu ihm ist sie auf Distanz gegangen, was ihm sein geschultes Gespür sofort verraten hat. Dieses Verhalten ist nicht normal, dafür hat er schon zu viel erlebt. Er beschließt, erst mal zur täglichen Routine überzugehen. Routiniert bedient er das Diktiergerät, dann nickt er Mia auffordernd zu. Nebenbei gibt er, gewohnheitsmäßig, Mias Namen in den Computer ein. Volltreffer!

Während sie erzählt, überfliegt er die Akte, äußert sich aber erst am Ende der Geschichte. „Das ist übel. Das einfachste ist tatsächlich, deine Cousine um Zustimmung zu bitten. Hat sie auch das Sorgerecht für dich, oder nur Volker Horn allein?“

„Nur Erika. Oma hat das noch zu Lebzeiten geregelt.“ Erich greift zum Telefon. „Gut für dich, aber wir müssen sofort einen Beamten ins Krankenhaus schicken. Sie muss unter Schutz gestellt werden.“

„Ric ist schon unterwegs dorthin.“

Erleichtert legt er den Hörer zurück. „Prima! Vielleicht ist dein Cousin schon dort… Wenn er ausrastet, kann viel passieren! Obwohl das unser Glück sein würde… Dann könnten wir ihn, als Gast, bei uns behalten und ihr hättet bis Montag einen Aufschub, beziehungsweise Luft.“ Sein Instinkt sagt im, da steckt noch mehr dahinter. „Das ist doch nicht alles…, oder?“

Mia ist verwirrt und überlegt fieberhaft, was Erich damit meinen könnte. Plötzlich stöhnt sie auf. „Ja, natürlich! Daran dachte ich, in der ganzen Aufregung, gar nicht mehr! Bin ganz durcheinander! Ich bekomm zu meinem achtzehnten Geburtstag eine Menge Geld! Es sind in etwa zweihunderttausend Euro. Das Erbe von meinen Eltern… Oma hat's für mich verwaltet und bei einem Notar hinterlegt. Mit der Vormundschaft ist alles auf Erika übergegangen. Er hat mich gleich am Anfang bedrängt, ihm einen Vertrag zu unterschreiben, damit er aus dem Schneider ist, falls was wäre. Er hat irgendwas von Investition gefaselt und gemeint, alles durchlesen bräuchte ich nicht, da ich's eh nicht verstehe…