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Diese autobiografisch gefärbte Prosasammlung nimmt uns mit auf eine Zeitreise von den Straßen Kreuzbergs der 1940er Jahre bis zum Mauerfall. Durch lebhafte Anekdoten und persönliche Erinnerungen schildert der Autor das Aufwachsen im Berlin der Nachkriegszeit und das Ringen mit einer moralisch strengen Gesellschaft in den 1950er und 60er Jahren. Zwischen kindlicher Neugier und der Schwere gescheiterter Träume entfaltet sich ein Leben, das durch Anpassung und innere Stärke geprägt ist. Mit einer Mischung aus Zeitgeschichte, persönlichen Rückblicken und gesellschaftskritischen Einblicken gibt das Buch einen charmanten, humorvollen Blick auf ein Leben voller Höhen und Tiefen.
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Seitenzahl: 155
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Vorwort
Familie – Berlin in den Fünfzigern
Mutter und Vater
Schulzeit
Spiele
Laufbursche
Prinzenbad
Das liebe Geld
Seelenheil
Auf Tour
Silvester
In der Lehre
Bohnenstange
Mädchen
Kumpels
100 Punkte
Vom Leben und Sterben
Auf Stellungssuche
In der Fabrik
Fotokunst
Kleister und Tapeten
Rosita
Das neue Leben
Twenty Five
Barbara
Alain-Delon-Verschnitt
Alltagstrott
Menschen
Auf der Messe
Immer einen Plan B parat
Traum vom eigenen Büro
Jutta
Brief an das Verkehrsministerium
Karinaa
Im Osten
Mauerfall
„Von Trümmern und Träumen“ ist eine humorvolle, bisweilen schrullige Sammlung wahrer Geschichten. Sie präsentieren sich den Leserinnen und Lesern mit einer Prise Geschichte und Gesellschaftskritik sowie einem Schuss Lebensweisheit.
Begleiten Sie den Helden Lothar, der in einer Welt voller Veränderungen konstant auf der Suche nach sich selbst bleibt und dabei zwischen dem Wunsch nach Freiheit und der Konfrontation mit der eigenen Unzulänglichkeit navigiert.
Die Episoden führen von den 1940ern bis hin zum Fall der Berliner Mauer 1989. Unser Held muss sich durchboxen, im wahrsten Sinne des Wortes, denn das Leben spart nicht mit Herausforderungen. Er arbeitet hart, ist erfinderisch und setzt sich mit einer kleinbürgerlichen Moral auseinander, die in Sachen Sexualität und Religion jede Menge Tabus kennt.
Die Reise des Erzählers ist gespickt mit skurrilen Begegnungen, voller Fallstricke und gelegentlicher Triumphe. Ein großes Thema: die Frauen. Sie heben ihn mal in den Himmel, mal holen sie ihn unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück.
Zwischen Gebeten und Bekenntnissen, zwischen Werkbank und Versicherungsformularen entfalten sich Erfahrungen, die zeigen: Am Ende des Tages ist das Leben vielleicht kein Witz, aber es hilft definitiv, wenn man darüber lachen kann.
Gabriele Brähler
Aufgewachsen im Herzen von Kreuzberg – genauer gesagt in SO 36, benannt nach dem gleichnamigen historischen Postzustellbezirk –, bin ich ein echtes Berliner Kind. Dabei ist Kreuzberg nicht nur irgendein Kiez. Kreuzberg ist eine Einstellung.
In der Reihe von fünf Geschwistern komme ich als letzter. Jürgen, Gerhard, Otto, Ruth, geboren zwischen 1929 und 1937. 1947 erblicke ich, der kleine Lothar, das Licht der Welt. Den Älteren war es peinlich, ihre 42-jährige Mutter mit Kinderwagen auf der Straße zu sehen. Ein Kinderwagen, gebaut aus Trümmerteilen. Ich, das Schlusslicht, fühle mich im Kreis der Großen als Einzelkind. Unsere Bude – immer voller Leben. Es gibt viel Gelächter, aber auch viel Gekreische. So ist das nun mal, wenn man in einer Großfamilie aufwächst.
Anfang der 1950er. Wir leben in einer halb weggebombten Wohnung, in der ein Zimmer nicht betreten werden darf. Mich als kleinen Bengel reizt dieses natürlich besonders. Immer lauere ich auf eine Gelegenheit und beobachte dann durch ein Loch im Boden das Treiben der Nachbarn unter uns.
Kindergärten gibt es nicht – und wenn doch, weiß meine Familie nichts davon. Egal, wo Mutter hingeht, sie schleppt mich immer mit; außer wenn sie auf Hamstertour geht. Wo sie Beute macht, bleibt ihr Geheimnis. Dann bin ich im Schlepptau meiner Brüder. Sie müssen raus, Bauklötze klauen. Für notwendige Bauarbeiten an der löcherigen Wohnung.
Wenn meine Mutter nach Hause kommt, bringt sie immer Taschen voller Gemüse mit. Hauptsächlich Kartoffeln und Mohrrüben. Mohrrüben gibt’s in allen Variationen zu essen. Sie hat wohl einen geheimen Platz aufgetan, den keiner kennt und der auch nicht von einem Bauern bestellt wird. Durch das viele Karotin habe ich eine gesunde Hautfarbe. „Sie müssen wohl den Kleinen nur mit Mohrrüben füttern“, meint einmal unser Kinderarzt. Ohne diese geheime Quelle an Karotten hätten wir sonst wohl nur Kartoffeln auf dem Teller gehabt. Obwohl – Mutter ist eine wahre Künstlerin – langweilig sind ihre Kochkünste nie.
Eines Tages bereitet sie zum Abend für alle einen Berg Schnitzel zu. Selten, dass wir mal alle sieben zusammen essen. Es riecht kräftig nach Gebratenem und alle freuen sich. Bis Jürgen meint: „Es gab doch heute keine Fleischzuteilung. Was ist das da eigentlich?“ Aufmerksam fummelt er an der Panade der Schnitzel. Weißes gewelltes Fleisch kommt zum Vorschein. „Iiih, das ist ja Kuheuter.“
Da ich noch nie eine Kuh gesehen habe, weiß ich auch nicht, was ein Kuheuter ist. Dennoch nimmt mir das angewiderte Gesicht meines Bruders die Lust auf das Gebratene. Auch die anderen lehnen ab. Mutter ist enttäuscht. Nur mein Vater freut sich, greift beherzt zu und mümmelt ein Stück nach dem anderen weg. „Probiere doch einfach mal“, meint er mit dicken Backen genüsslich schmatzend. In einer Zeit der ewigen Knappheit an Lebensmitteln hat er jetzt endlich mal Gelegenheit, richtig satt zu werden.
Mein Versuch am Kuheuter scheitert an meinen Milchzähnen. Ich bekomme den Lappen nicht durchgebissen. Das Fleisch dient eher dazu, die Kaumuskulatur zu stärken. Irgendwie erinnert mich das Teil an die Lederteile, die mein Vater bearbeitet. Nur dass diese nicht weiß sind. Vater stückelt mir kleine Teile vom Kuheuter zurecht. Die Panade schmeckt am besten.
Mein Vater ist Schuster. Er sitzt überwiegend mit einem Holzbrett auf dem Schoß im Wohnzimmer und klopft mit einem Hammer munter auf Schuhe ein. Dieser hat auf der einen Seite ein flaches Ende. Die andere Seite läuft spitz aus. Was er da genau macht, bleibt mir ein Geheimnis. Aber es ist lustig, wie er einmal oder zweimal leise auf die Holzplatte klopft und dann mit Wucht auf einen Stift schlägt, der aus der Sohle eines Schuhs herausragt. Das immer wieder. Klopf, klopf und krach.
Um mich zu erschrecken, schlägt er aus Spaß einmal nicht auf den Nagel, sondern in meine Richtung. Dumm nur, dass ich in dem Moment das Brett anfasse und der Hammer den linken Mittelfinger erwischt. Autsch, das tut weh. Das Nagelbett nimmt den Schlag wirklich krumm und verformt sich auf ewig. Zeit meines Lebens habe ich so ein Andenken an meinem Vater.
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Immer haben wir Hunger. Irgendwann taucht bei uns ein Hase auf. Mucki. Er wird zum heimlichen King in der Familie. Meine Brüder spielen mit ihm, wenn sie zu Hause sind. Und streiten um ihn. Er ist ihr Versuchskaninchen, das sich viel Kurioses gefallen lassen muss. Sie postieren ihn zwischen Kissen, als würde er in einem Sessel sitzen, versehen ihn mit Brille und Zeitung. Er muss Parkour laufen, fliegen lernen, in einer Schüssel schwimmen. Ob der Hase Spaß hat? Jedenfalls läuft er nicht weg, wenn ich ihn streicheln möchte. Wahrscheinlich lässt er aus purer Angst alles über sich ergehen. Das arme Tier.
Es folgt ein neuer Glückstag für meinen Vater. Ein Essen mit der ganzen Familie ist angesagt. Meine Brüder kommen nach Hause und rufen nach Mucki. Aber kein Mucki weit und breit. Mutter ruft zu Tisch. Die Jungs stürmen ins Wohnzimmer und ihnen stockt der Atem. Mucki liegt braungebrannt in einer Schüssel. Meine Mutter macht hinter meinem Rücken ein Stück zurecht, das nicht mehr nach Hasen aussieht. Mama isst eine Keule, ich bekomme die kaschierte Keule und Papa den Rest. Die Geschwister hocken trauernd in ihren Zimmern.
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Das Leben dreht sich zu der Zeit immer ums Essen. An der Mühsal der Beschaffung habe ich keinen Anteil, für mich ist es einfach da. Und das, was da ist, macht mich satt. Große Auswahl kenne ich nicht, so bin ich einfach zufrieden.
Eines Tages liegen rote Kugeln mit einem dünnen Stiel auf dem Tisch. Mann, schmecken die toll. Mit Wonne verschlinge ich die halbe Tüte. Bis Mutter dazukommt und mir den Rest wegnimmt. „Die anderen wollen auch was abhaben.“ Aus himmlischer Gier habe ich auch ein paar Steine mit runtergeschluckt. Als ich frage, ob das schlimm sei, nimmt mich mein Bruder Otto mit einem Grinsen beiseite. „Da sind Kerne drin. Die Kerne sind der Samen für neue Obstbäume. Jetzt wächst in dir ein Kirschbaum.“
Mit großen ängstlichen Augen renne ich zu meinem Vater. „Papa, Papa; Ottchen hat gesagt, in meinem Bauch wächst ein Kirschbaum.“ – „Lass mal hören“, er nimmt mich auf den Schoß, legt sein Ohr an meinen Bauch und meint nach ein paar Sekunden mit ernstem Gesicht: „Da raschelt was. Ich glaube, der Kern ist aufgegangen.“
Nachts kann ich nicht schlafen. Fasse immer auf meinen Bauch, um zu fühlen, ob der Bauch dicker geworden ist und da in mir was wächst. Am Morgen merkt meine Mutter, dass etwas nicht stimmt. „Bist du krank?“, will sie wissen. „Nein, ich habe Angst, dass morgen ein Kirschbaum aus meinem Mund wächst. Horch doch mal.“ Sie: „Du Dummerchen, die haben dich doch nur geärgert. Der Kern ist doch schon verdaut.“
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Im Gegensatz zu meinen Brüdern ist meine Schwester Ruth friedlich. Auch wenn sie dazu verdonnert wird, mit mir spazieren zu gehen. Was ihr gar nicht gefällt. Anfang der Fünfziger ist sie pubertär und will Jungens kennenlernen. Dabei stört ein quengelnder Knirps, der neugierig auf die Welt ist und alles im Sinn hat, bloß nicht in irgendwelchen Hauseingängen rumzustehen und übelriechenden Qualm einzuatmen. Nach jeder gemeinsamen Tour kommt die Ermahnung: „Du sagst aber nichts Mutti.“ – „Dann lass mich doch spielen.“
Für mich sind Ruinen einfach nur großartige Spielplätze. Da ist eine Stange, ein Stahlträger, der aus einer Wand ragt. Darauf will ich schaukeln. Ruth (mit ein paar mehr Jahren mehr hat sie Erfahrungen, die ich nicht habe): „Das ist doch viel zu gefährlich.“ Ihr Nein zum Stahlträger-Schaukeln zahle ich ihr heim. Vor der Wohnungstür werde ich noch mal eingeschworen: „Du hältst den Mund. Ja?“ Die Tür geht auf, schwups bin ich drin und springe in meine Lieblingsecke mit dem Satz: „Ruth raucht und trifft sich mit Jungens.“ Ich glaube, für meine Schwester war ich der Teufel.
Rückblick. Meine Mutter Elly, Jahrgang 1906, arbeitet lange Zeit für eine Postkartenfirma. In Heimarbeit klebt sie kleine gefaltete Ziehharmonikabilder in eine doppelseitige Postkarte. Die Vorderseite zeigt eine Landschaft. In dem Bild ist eine kleine Lasche. Zieht man diese Lasche auf, fallen zehn gefaltete Bilder heraus.
Mutter hat im Laufe der Zeit viele Jobs. Egal, welche Arbeit sich bietet, sie versucht alles, um sich und ihre Familie durchzubringen. In den Zwanzigern arbeitet sie bei einem Industriellen als Mamsell. Dann bei einem Botschafter als Köchin. Als dieser nach Russland versetzt wird, soll sie mit. Sie lehnt ab.
Die Liebe kommt in Form meines Vaters. Mit ihm die Resultate – fünf Kinder, die sie tagein, tagaus auf Trab halten. Mein Vater, in unserer Familie Otto der Erste, wird 1899 in Königsberg, Ostpreußen, geboren. Als gelernter Stellmacher ist er handwerklich sehr geschickt. Nach dem Tod meiner Mutter finde ich sein Soldbuch mit drei Eintragungen.
1916 wird er an die Westfront geschickt und hat drei Lazarettaufenthalte; keine glorreichen Verwundungen für das Vaterland, sondern Magenschmerzen, Koliken und Blinddarmreizung. Das Kriegsende verschlägt ihn nach Berlin, wo er sich mit zahllosen Gelegenheitsarbeiten über Wasser hält. Dann wird er Straßenbahnfahrer. Damals sind die Straßenbahnen noch ohne Dach. Bei Minusgraden im Winter nicht gerade angenehm. Da helfen auch gepolsterte schwere Stiefel und Pelzmantel nichts.
Irgendwann wohnen sie in Friedrichshain, in der Nähe der Oberbaumbrücke. Das Einkommen ist bescheiden. Politisch eher uninteressiert, ist ihre einzige Sorge, zu verhindern, dass die Kinder Mitglieder in der Hitlerjugend werden.
Kriegsbeginn, 1. September 1939. Mein Vater geht in eine Bäckerei, nimmt ein Brot aus der Auslage und verlässt seelenruhig, ohne zu bezahlen, das Geschäft. Hinter ihm eine heillose Aufregung. Die Verkäuferin rennt los, gestikuliert wild, schreit wie am Spieß. Ein Schupo stoppt ihn. Mein Vater bleibt gelassen, lässt sich bereitwillig festnehmen. Es gibt eine schnelle Verhandlung, drei Monate Arrest und das Verbot, an den Siegen der Wehrmacht teilzunehmen. Er ist 40 Jahre alt. Er will einfach nie wieder einen Schützengraben sehen.
Fünf Jahre später, als jeder herangezogen wird, um die Stadt zu verteidigen, nutzt er die tragische Situation eines Bombardements. Er bricht sich das linke Bein und kommt in Gips. Und behält den Gips fast ein halbes Jahr. Er läuft auf Krücken von Bunker zu Bunker. Niemand soll ihn wiedererkennen; niemand Fragen nach der Länge des Heilungsprozesses stellen. Bekannte warnen ihn: „Otto, wenn sie dich erwischen, stellen sie dich an die Wand.“
Ja, er ist ein Simulant. Aber ist er deshalb feige? Nein, er muss ständig auf der Hut sein, nicht erwischt zu werden. Seiner Kunst der vollendeten Simulation verdanke ich meine Erzeugung, also mein Leben. Die Kapitulation erlöst ihn. Allerdings mit einem bleibenden Schaden am verletzten Bein. Er beherrscht zum Glück das Schuhmacher-Handwerk. Dem widmet er sich. Im Vergleich zum Heldentot das kleinere Übel.
Mutter lebt mit den Kindern in der Endphase des Krieges in Wolmirstedt bei ihren Eltern. Durch ihr Geschick und Organisationstalent sowie gute, alte Verbindungen findet sie eine Anstellung als Köchin im Lazarett.
Das Land liegt in Schutt und Asche. Die Amerikaner stehen vor den Toren der Stadt. Der Chefarzt des Krankenhauses hat den Befehl, bis zum letzten Mann zu kämpfen. Die einzigen Männer weit und breit sind seine Patienten, schwerverletzte Soldaten. Der zuständige General hat längst die Flucht ergriffen. Somit ist der Chefarzt selbst die höchste Instanz. Und er hat genug Leiden gesehen. Eine weiße Fahne muss her, die wird gehisst und das Krankenhaus ergibt sich.
Das finden die Amis toll und unterstützen fortan die Klinik mit Medikamenten und Verbandszeug. Auch an Lebensmitteln fehlt es nicht. Es gibt so reichlich, dass meine Mutter mit dem Bollerwagen täglich eine volle Ladung nach Hause schafft.
In der Zeit, in der es Mutter in Wolmirstedt gut geht, greift Vater in Berlin mit seiner Behinderung nach allem, was essbar erscheint. Wie mir mein Bruder Gerhard erzählt, macht er auch vor Hunden, Katzen und weiterem Getier nicht halt. Eigentlich gilt er als Tierliebhaber und kommt mit allen Hunden, auch fremden, immer gut aus. Ob groß oder klein, sie fressen ihm aus der Hand. Nach dem Krieg machen sie alle, ob Streuner oder Erzogene, einen großen Bogen um ihn.
Irgendwann kehrt meine Mutter nach Berlin zurück. Das, was sie einmal ihr Heim nannte, ist nichts als eine Ruine. Auf einem Stein findet sie eingekratzt: „Elly, ich bin im Auffanglager Betanien.“ Das ist nicht weit. Sie muss jedoch über die kaputte Oberbaumbrücke über die Spree hinweg. Dieser Weg und dieser Fluss entscheiden über unser weiteres Leben. Denn jetzt ist sie in Kreuzberg.
Die Spree trennt den Bezirk Kreuzberg von Friedrichshain. Kreuzberg wird von den Amis und Friedrichshain von den Russen verwaltet. Zum Glück ist zu dieser Zeit die strikte Trennung der Bezirke noch nicht per Mauer manifestiert. Und zum Glück hat sie immer ihren Ausweis dabei. So kann sie sich als Berlinerin ausweisen und bekommt eine Wohnung in der Köpenicker Straße nahe dem U-Bahnhof Schlesisches Tor. Oberstes Stockwerk, notdürftig hergerichtet, aber das Dach ist dicht. Was will man mehr. Ach so, na klar, ihren Mann hat sie dann auch im Auffanglager wiedergesehen.
Gott sei dank ohne Bomben, aber der Lebenskampf geht weiter. Lebensmittel und Geld für die Miete müssen herangeschafft werden. Vater repariert Schuhe, Mutter geht hamstern. Sie organisiert Essen oder zieht aus Trümmern verbeulte oder angeschlagene Hausratgegenstände, die sie putzt und verkauft. Man arrangiert sich mit den Umständen und ist froh, noch zu leben. Alle Träume sind mit den letzten Rauchfahnen des Krieges verflogen.
In der Schule singe ich Sopran. Eigentlich, um den Lehrer zu ärgern. Bekomme dafür eine Eins. Verstehe einer die Welt. Vor allem als Knirps. Meine Acht, die ich mit zwei übereinandergesetzten Kullerchen male, gebe ich auf. Muss mich anpassen; die Lehrerin will, dass ich sie als Schleife male.
Die Lehrer stehen vorne und erzählen irgendetwas. Im Rückblick kommen sie mir wie Moderatoren vor. Ich gucke ihnen zu und lausche – versuche mich zu konzentrieren. Am Anfang gelingt’s. Dann werde ich müde. Ein paar Minuten lang schaffen es die Worte bis ins Gehirn, dann werden sie immer verzerrter, lösen sich auf. Ich gleite mit meinen Gedanken ab. Ich sehe meine Spielsachen vor mir, denke an Basteleien und überlege, wie ich Geld verdienen kann.
Eine Frage unterbricht meine inneren Bilder: „Lothar, wie alt wurde Friedrich der Große?“ – „Äh, der ist doch schon lange tot, glaube ich.“ Mit dieser Antwort schieße ich den Vogel des Tages ab, sorge für Gelächter bei den Klassenkameraden und kassiere eine Fünf im Klassenbuch.
Die Lehren des Lebens bleiben haften. Da können Pädagogen mit ihren Weisheiten nicht mithalten. In den 1950er-, 1960er-Jahren kennt das Schulsystem fünf verschiedenen Stufen. Als erstes steht für alle die Grundschule an. Dann kommen die Oberschulen – unterteilt in einen praktischen Zweig, technischen Zweig und wissenschaftlichen Zweig. Von dort springen die guten Schüler aufs Gymnasium.
Ich komme auf die Gerhard-Hauptmann-Schule, die Schule der desillusionierten Lehrer. Die, die dort arbeiten, haben schon lange aufgegeben. Sie versuchen erst gar nicht, Stress zu machen. Sie spulen herunter, was sie vor langer Zeit gelernt haben. Interesse, ob ihr Wissen bei uns anlandet? Keine Spur. Ständig schauen sie auf die Uhr, hoffen auf das baldige Ende des Unterrichts – wie Drittklässler.
Einer von ihnen peppt dann doch die Stunden auf. Schildert Storys aus dem Krieg. Na, das ist doch mal was. Er erzählt vom Afrikakorps, hat mit Beduinen in der Wüste am Lagerfeuer gegessen, Rommel gesehen und bei der Belagerung von Tobruk Glück gehabt. Das ist kurzweilig.
Meine Stunde kommt jede Woche beim Zeichnen und Werken. Ein Lehrer gibt mir den Tipp, ich solle doch mal Kurse in der Volkshochschule besuchen. Das reizt mich und ich melde mich an. Ein Lehrer fordert mich auf, einen Dschungel zu zeichnen. „Mit Tarzan oder ohne?“, frage ich. Aber er ist schon beim nächsten Schüler. Ich folge seiner Anweisung und zeichne ineinander verschlungene Blätter, Lianen und Bäume. Wie ein Dschungel aussieht, weiß ich aus den Groschenheften von Akim, dem Dschungelhelden. Als ich fertig bin, gehe ich zum Lehrer und frage, was er von meinem Werk hält. Seine Antwort: „Gut. Wir sehen uns dann nächste Woche. Die Stunde ist vorbei.“ Dreht sich um und geht. Ich bin enttäuscht, mehr noch: frustriert. Das war dann mein Ausflug in die Welt der bildenden Künste.
Vaters Leidenschaft gehört dem Spiel. Er beherrscht alle Karten- und Brettspiele. Und alle Tricks, um möglichst oft zu gewinnen. Ich habe mir viele Tricks abgeschaut, mitspielen darf ich lange nicht.
Mit den Gewinnen füttert Vater auch die chronisch leere Haushaltskasse. Wenn er mal kein Glück hat und es gerade an Ultimo ist, dann geht er mit dem kleinen Mietbuch am Zahltag zur Vermieterin und verhandelt. „Nächsten Monat kommt die volle Summe, versprochen“ – und guckt der Vermieterin tief in die Augen. Wieder einmal geschafft, der Monat ist gerettet.
Irgendwann bringt er mir das Schachspielen bei. Über zehn Jahre, bis zu seinem Tod, spiele ich mit ihm. Gewinnen kann ich nie. „Schach ist das schönste, intelligenteste und bedeutendste Spiel der Welt. Man lässt nie jemanden aus Mitleid oder Gefälligkeit gewinnen“, bläut er mir ein. „Also streng dich an.“ Das tue ich.
