Von Wegen - Birgit Pölzl - E-Book

Von Wegen E-Book

Birgit Pölzl

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Beschreibung

Was tun nach dem Scheitern alternativer Lebensentwürfe? In ihrem letzten Roman "Das Weite suchen" erzählte Birgit Pölzl die Geschichte von Anna, Klaus und Georg, die gemeinsam ein Jahr in einer Kommune leben. Nun gehen sie getrennte Wege, um ihre Vision von einem Leben zu verwirklichen, das Gier und Optimierungszwang hinter sich lässt. Nachdem Annas von allen geliebte Adoptivtochter Maja bei einem tragischen Unfall stirbt, reist Anna nach Nepal, um sich in Majas Geburtsland trauernd von ihr zu verabschieden. Klaus hat als Finanzberater das Geld von Bekannten verzockt. Pointiert erzählt er davon, wie nah Idealismus an Fundamentalismus und Naivität liegt. Georg arbeitet weiter als Künstler auf dem Hof, bricht dann aber nach Griechenland auf, um seine erotische und politische Erlösung bei einer Frau zu finden. "Von Wegen" besticht durch seinen stilistischen Reichtum, erzählt in drei ineinander verschränkten Erzählschichten, in sehr verschiedenen Tonlagen, von rhythmischer Prosa bis zu Aphorismen im Twitter-Format. Der Roman macht so den Erfahrungsraum der Hauptfiguren für die Leser sinnlich zugänglich - und eröffnet neue Perspektiven auf uns und über uns hinaus. Darin liegt das Besondere dieses außergewöhnlichen Romans in einer Zeit, die den Bewusstseinswandel braucht.

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung
ANNA
Klang alles anders. Maja! Maja!
KLAUS
Ich musste irgendwo unterkommen, #lebenohnetwitter
ANNA
Wolkenkind
GEORG
Ich musste Irene wiedersehen
KLAUS
Ich und die Christenmenschen
GEORG
Ich selbst bin Anarchist, aber von einer anderen Art
KLAUS
Ich war der Loser unter den Losern
ANNA
Angst
GEORG
Wie ambivalent Begehren sein kann
KLAUS
Ich verlor die Zukunft nicht aus den Augen
GEORG
Als wär’s ein Film
ANNA
Herbert
KLAUS
Ich denke, es war ein Sprung
ANNA
Herbert, Maja, ich
Birgit Pölzl
Copyright

Vorbemerkung

Drei Figuren, die ich mir so ans Herz habe wachsen lassen, dass sie ich sagen. Anna, Klaus und Georg. Sie sind an die vierzig und haben ein Jahr lang in einer Kommune auf einem hoch gelegenen Bauernhof verbracht: Der Ginthof ist Erinnerungsraum und Bezugs­horizont geblieben. Eine Rückkehr ins alte Leben kommt für keinen von ihnen in Frage, zu groß ist die Skepsis gesellschaftlichen Entwicklungen gegenüber, zu einschneidend das, was sie erlebt haben.

Anna fliegt nach Nepal, um auf den Spuren ihrer Adoptivtochter Maja, die bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, zu trauern. Klaus, Eroto- und Egomane, versucht gemeinsam mit Christine einen Bauernhof zu bewirtschaften.

Georg, der an erektiler Dysfunktion leidet, bricht nach Griechenland auf, um jene Frau wiederzusehen, die ihm aus seinen sexuellen Nöten geholfen hat.

Alle drei Figuren entwickeln eigenwillige Vorstellungen, fällen bizarre Entscheidungen – und ringen mir Bewunderung, ja, auch Liebe ab, weil sie, allesamt Sinn-Dilettanten, anders zu leben versuchen, und dieses Ringen Gültigkeit besitzt in einer Zeit, die Wandel braucht wie Luft zum Atmen.

ANNA

Klang alles anders. Maja! Maja!

Auf Maja hatten wir gewartet: Jahre, Herbert, ich, ein Paar, das noch und noch zusammenbleibt, und plötzlich sagten sie, das Kind sei abzuholen: Maja.

Vielleicht macht heil das Kind, verfugt den Riss und kittet. Ich flog nach Nepal, Maja abzuholen, Herbert flog nicht mit, weil seine Arbeit eine Unterbrechung grade nicht erlaube, Workaholic, Egomane, warf ich ihm zum Abschied an den Kopf. Männer ließ ich aus, weil ich mich schwanger fühlte, ließ aus den Mann, der Zeug aus Nepal in die USA verkaufte, duftete und an die Scheibe tippte; Fotos zeigte ich dem Mann von Maja, meinem Kind, das ich bald sehen würde.

War alles anders, weil ich mich schwanger fühlte, strange, ich wich dem Dreck nicht aus und sah kaputte Schlappen, sah zerschlissenes Gewand, trug Sonnenbrillen, auch wenn keine Sonne schien, damit ich über Blinde weinen konnte, die mir die Hand entgegenhielten, über Bettler, die am Rand der Straße Müll verheizten, über Kinder, die an Autoscheiben klopften, rüd dabei vertrieben wurden, Sonnenbrillen trug ich, auch wenn keine Sonne schien, damit ich über Hunde, die sich um ein Fleischstück balgten, weinen konnte, Köter, ausgemergelt, ohne Fell, nur rosa Haut und Krätzenblüten, groß gewachsne Zitzen.

Dann sah ich Maja, Maja – hatt samtne Haut mein Kind, gezopft das Haar, das an den Bund des Rocks ihm reichte, rot der Rock und ausgewaschne Socken trug es – schlecht gestopft warn Bluse, Socken, Rock, und spürt ich Freude, die beschämte, in den Himmel hob – und scharten sich die Kids vom Waisenhaus um mich und lachten, fünfzehn teilten sich nen Raum, drei Betten immer übereinander, öffneten die Kids vom Waisenhaus mir Truhen mit leuchtendem Gesicht, die unter ihren Betten und auf Brettern lagen: Hefte, Zettel, Bücher, ausgewaschne Shirts und Kreiden, Stifte, Reifen, abgetragne Schuhe, Bälle, Bänder, Fotos, Fotos, it’s my brother, it’s my sister, it’s my mum, my dad, und wieder diese Freude die beschämte, in den Himmel hob.

Mein Glück, mein Sonnenschein war Maja; lehrte ich sie, was man so können muss, lehrte Maja mich die Freude und den Mut; und Leben, so viel Leben war in ihr und nicht die Gier nach Leben, die ich vom Pflichtprogramm her kannte, von der Kür. Berührte sie die Tiegel, Schälchen, Gels, Lotionen und Shampoos und schmiegte sich, als ich ihr vorlas, in den Arm; ich nahm sie auf den Schoß, ich wiegte sie, ich drehte in der Dusche Wasser auf für sie und stellt mich drunter, Maja starrte hin zu mir, um selbst dann in der Dusche Wasser auf- und zuzudrehen, es zu mustern, wie’s in Strahlen aus dem Duschkopf kam, die Wände runter rann und in die Tasse fiel, dann legte Maja sich ins Bett und drückte sich ne Packung Chips, die sie zum Abschied mitbekommen hatte, an die Brust, umarmte diese Packung Chips wie eine Puppe, wie ein Tier aus Plüsch, und ich ging raus auf den Balkon und weinte.

Die Bäume, die am Wegrand standen, nahm ich wahr, den Plastiksack, den raschelnd leicht ein Windstoß hob, wir schauten Wolken an, wir gaben ihnen Namen, gingen Hand in Hand die Felder lang, wir spielten, schwiegen: alles Gegenwart; auch war mir klar, dass ich mit Maja anders leben würde, nicht dies designte Glück, das abgeschaut und durchgeplant in einem fort zu stemmen war.

Herbert holte uns vom Flugplatz ab, auch Herbert nannte Maja Sonnenschein und hatte kaum Affären mehr, er schnitt sich seiner Seele Innerstes heraus und gab es in ein Glas, das er nur dann aufmachte, wenn er zum Radfahrn ging mit Maja oder Skaten, wenn er ihr vorlas oder sich mit ihr nen Film ansah – ich wollte weg, nur weg, wenn Herbert, come, come on und super, weiter, einmal noch und höher sagte; sein Atem renne wie ein Irrlicht her vor ihm, verscheuche Majas Heiterkeit. Ach, Hirngespinst, er bringe halt was weiter und lebten, nebenbei, wir gut davon, denn was schon gehe mit nem Lehrerinnenlohn.

Flanierten wir durch Straßen Hand in Hand und Maja liebte Sauberkeit und Maja liebte Straßenbahnen und entwertete die Karten, setzte sich und schaute auf die sauberen Jeans und schmiegte sich an mich, bedankte sich nach jedem Satz, bis ich ihr sagte, dass sie nicht immer danke sagen müsse, ein Wunder warn für Maja Einkaufswagen, die sie sorgsam schob, Gefährte aus dem Traum, in die man legt, was einem so gefällt; gemeinsam kochten wir und warteten auf Herbert, mit Widerwillen ich, mit Freude Maja, und im Sekundenbruchteil fragte Herbert, was sie gelernt, gedacht – danke, sagte Maja, danke, wenn sie nicht weiter wusste, danke sehr, ich wollte aufstehn, weg, nur weg mit Maja in ein andres Leben, das nicht gespannt war, auf dem Sprung und jeden Augenblick vernutzte, nichts verschenkte, keinen Millimeter.

Mit Maja ging ich langsam, schau, die Weiden, wie sie Kätzchen tragen, schau die Primeln, die Platanen; neben Maja blieb ich sitzen auf dem Wiesenstück, trank ­Apfelsaft und schaute Äste, Blätter, den azurnen Himmel an, wir beide hielten inne, warn in diesem Stückchen Himmel. Maja weinte sich die Sehnsucht von der Seele, Freundinnen und riechen, Roti riechen, Blumen riechen, Haare riechen, Seife, Lachen, Mist. Da umarmte ich mein Kind und weinte mit ihm, Bäume, Schreine zeichnet’ Maja, färbt’ das Waisenhaus, den Himmel, Kinder rot mit Sindoor ein. Das Herz sprang mir zur Mitte und hinauf um ein, zwei Finger breit, wenn Maja lachte, wurde weit, wenn Maja mich frisierte, mir erzählte, mein Herz zog sich zusammen, wenn Herbert aufsprang, um ein Tuch zu holen und Speisen auf den Teller, in den Mund sich legte, schluckte, Maja im Sekundenbruchteil fragte, wie sie denn ihre Zeit verbracht, was Neues sie gelernt hat, jeden Fehler korrigierte und zur Übung analoge Sätze bildete.

Zur Schule hatten wir den gleichen Weg, ich lehrte, Maja lernte; rutschte auch in der Schule aus der Schnürung, was gebunden war und driftete, ich hörte mich Selbstbestimmtheit, Empathie und Geist den Schülern sagen, sah mich Wendigkeit, Verfügbarkeit und Effizienz verlangen; ich sah, dass Herbert ohne Freude war im Grunde seines Herzens und den Grund deshalb versiegelt hielt; auch Maja spürte es, obwohl er dauernd sagte, wie erfolgreich und gefordert er denn sei und sich am Leben spüre, Maja aber blieb ihm nah, Maja schmiegte sich an ihn und schenkt’ ihm Zeichnungen mit Bäumen, Tieren, weiten Himmeln, schenkte Blätter ihm und Steine, Federn, Wurzeln und die Buchstaben aus der Schule.

Wir lernten Georg kennen, seine Frau und seine Kinder; Georg: Softie, Loser, ausgebrannter Wirtschaftsguru; Herbert fand ihn unerträglich – er, nicht das System, sei krank, der Loser, der nichts auf die Reihe bringt und plötzlich von Bescheidung spricht.

Ich mochte ihn, den Loser, mochte, was in ihm zu gehen lernte, sich nach Flügeln sehnte, ich mochte seine Zuversicht, dass er, der Loser, auf dem Lande anders leben würde. Der Unterhaltungskünstler Herbert mimte Georg, den Romantiker – mistete aus, stach Schweine ab und setzte Bohnen zwischen Gartenzwerge und Salat und alle hielten sich den Bauch; ich geh aufs Land mit diesem Loser, sagte ich, und nehme Maja mit. Ich wurde fremd, erzählte Maja von dem Haus am Land, in dem die Menschen gut zusammen lebten, achtsam seien, anders dächten, grün sei alles um das Haus und glücklich, blühe. Gerne lebte ich mit ihr in diesem Haus und Herbert käme uns besuchen; Herbert, komm mit uns ins Haus, dann hast du eine Zeit. Maja ließ ne Pause, eine … Zeit und deutete das Nicht-Zerhackte, Ganze an.

Sein Atem sei zu schnell und treibe Maja an – er drauf immer, Maja leide deshalb, weil die Mutter esoterisch, egoistisch sei, und manchmal sagte er schuld, dass ich an Majas Schwermut schuld sei; er sei schuld, entgegnete ich, er, der alles bloß vernutze, nicht den kleinsten Spalt frei ließe, er sei schuld, weil alles Zweck sei, aber auch schon alles, und stritten wir, bis wir einander fremd und müde wurden.

Ein Jahr vereinbarten wir und nannten es Versuch, Scheiß-Spinnerei und Schmonzes sagte Herbert, die Traurigkeit versiegelt’ er, dass sie nicht hochstieg und das Denken infizierte; Sonnenschein, nannte er Maja, und, lieb,sagt’ er, ichhabdichsehr,sehrlieb-am Abend würd’ er immer an sie denken, wenn er aufwacht in der Früh: sie müsse wiederkommen, bitte, wiederkommen, ja, versprechen bitte muss sie, dass sie wiederkommen wird; die Bitte schmeckte nach der Traurigkeit, die er versiegelt hielt, ja, sie würde wiederkommen, sagte Maja, schmiegte sich an ihn; Herbert winkte lang, als wir mit Sack und Pack ins Auto stiegen; sehr ­bescheiden waren Sack und Pack, nur wenig mehr als Fluchtgepäck.

Anarchisch war die Achtsamkeit,am Anfang galt nur sie, der Glaube dran, und wenig Regelwerk, kaum Hierarchie: Wir wollten anders denken, wollten, dass unser Denken anders sich erfinde; dievomGinthof waren wir, dieGinthof-Leut’,wir regten auf; ein rotes Tuch, ein Dorn im Aug warn wir den Heimischen, auch schmeckte Glück ganz anders als gedacht, erschreckten die kaputten Ziegel, feuchten Flecken, das Gerümpel und der Putz, der arg gebröckelt ist; erschreckte uns der Matsch ums Haus; erschreckte uns das Teilen: Zimmer, Küche, Kasten, Betten, Bürsten teilten wir, auch Ablehnung erschreckte uns: Wir warn die Zugereisten, ohne Glauben oder mit dem falschen Glauben, die sich alles unter ihre schwarzen Nägel reißen wollten.

Glück, wir sagten: Freude, war in Zwischenräumen, in der Stille, in den Spielen mit den Kindern, Glück lag in der Gegenwart; wir hoben Fersen, winkelten die Knie und rollten über Ballen, warn im Heben, Winkeln, Rollen, warn in derBewegung und nicht in der nächsten und nicht in der übernächsten. Bild-, lichtgängig warn die Grenzen, lose Fügungen, Hannah Arendt, Wiesen, Roland Barthes, der Nachbar, ich; der Petermichl lieh mir seine Unschuld, ich ihm Wörter: eine Möglichkeit im Glück, auch Mira und Holunderblüten und Maja lachend auf die Buchenblätter, die zur Welt wie grüne Kälber kamen, zeigend, aufgehoben alles, wir in allem aufgehoben Augenblicke lang – dann schrie ein Vogel, fiel ein Blatt zu Boden, ein Gedanke ein, wurd’ eine krank, erhängt’ sich einer, doch das Leid, es schmeckte anders, etwas blieb vom Glück in ihm.

Maja hat sich wohl gefühlt von Anfang an, es war genügend Zeit in ihrer Zeit, um zu verweilen, das Kalb zu bürsten, Küken, Ferkel in den Arm zu nehmen, Wessely, den Ginthof-Hund, zu streicheln, es war genügend Zeit in ihrer Zeit, um Blätter, Hölzchen, Steine, Nadeln aufzulesen; schwebend leise war der Atem, nicht mehr scharf gezogen – über Brücken und durch Kammern strich er, richtete Gedanken, Maja konnte Georgs Hand in ihre nehmen und die Nester anschaun, die die Sonne auf den Boden legte oder auf dem Traktor neben Mira sitzen, um mit ihr zu singen, Maja konnte Theater spielen mit den Zwillingen, Maja konnte Glück vom Himmel und vom Grund des Herzens pflücken: Glücklich-Sein war Majas himmlisches Talent; sie kämmte Haare, pflückte Blumen, nahm mich an der Hand und zeigte mir die neugebornenKätzchen, schmiegte sich an mich.

Wir hielten Wort und fuhrn zu Herbert in die Stadt, extrem konträr warn die Entwürfe: cut, nein, unbedingt versuchen, ja und doch und nein und Herbert war erregt und sprang ins Auto, startete und reversierte, Maja rannte, rannte ihm ins Auto.

KLAUS

Ich musste irgendwo unterkommen, #lebenohnetwitter

Alles sollte mager sein, Alltag, Ego, Wiese, Klo, freilich sagten wir nicht, mager, wir sagten BESCHEIDEN, BESCHEIDEN, nannten mager nur die Wiese, die wunderbunt blühte und zur Matrix im Vergleiche-Himmel avancierte.

Spätgeborne, erdachten wir ein Gesellschaftsideal (wieder einmal): Jeder nimmt so viel vom Raum, den Nährstoffen, vom Licht, wie er braucht, nicht mehr (und ohne Wauwau), weil er ja glücklich ist, wenn alle glücklich sind.

Gesindel, hießen wir, Zugereiste, Spinner, Brut, Kommunen-Pack, den falschen Glauben hatten wir (hatten SIE: im Unterschied zu den Brüdern und Schwestern begann ich das Leben 900 Meter über dem Meeresspiegel agnostisch).

Ganz zu Beginn hatte ich noch lässig geredet, kann ich in eurer bescheidenen Utopiewohnen und so, das hatten sie mir bald abgewöhnt, auch gab es kein Handy, kaum vorzustellen im Nachhinein.

Wir, nein, sie: die Brüder und Schwestern versuchten als Kommune zu blühen, waren empathisch (zartelten), um das Denken aus den Bahnen zu wiegen, die ums Ego sich geschliffen hätten.

Die Brüder und Schwestern wollten die Suppen, die eingebrockt waren, nicht weiter auslöffeln (teils waren sie eingebrockt, teils hatten sie sie selber eingebrockt, auch so ein Thema).

Unter den Erdvernarrten kamen meine Bonmots nicht besonders an, ich kann nicht direkt vor dem Wind schneller als der Wind segeln, aber ich kann schneller als der Wind segeln, ein Beispiel.

Sie: die Brüder und Schwestern drängten zum Du, und Du war auch die Glockenblume und die Kuh.

Die Hiesigen wollten wir ans Herz nehmen, um gemeinsam Mimosenland zu bestellen, die Hiesigen aber verwehrten sich gegen uns Zugereiste, weil wir auf die Rohheit, die Teil ihrer Ordnung war, und auf die Kirche zeigten.

Man kam nicht mit Überheblichkeit, man kam mit Entwürfen, die wie Bannsprüche in die Plastikfenster-Ästhetik, die Lagerhaus-Romantik, das Mode-Zalando der Bauern spazierten (was eine Störung bewährter Sinnausgabestellen bedeutete).

Man könne keine neuen Ozeane entdecken, wenn man nicht den Mut habe, die Küste aus den Augen zu verlieren: eines meiner Bonmots, traf auf offene Ohren, weil die Brüder und Schwestern Ozean mit ozeanischem Gefühl gleichsetzten.

Die Status- und Selbstoptimierungs-Sätze seien so eingeflüstert gewesen, sagten die Brüder und Schwestern, dass sie Ego-Kathedralen errichtet hatten, deren Betrieb ALLES abverlangte, man hatte sich die Riemen aus der eigenen Haut zu schneiden.

Sie redeten das Kleine schön; den Lindenbaum vor dem Haus, die Furchen, in die sie Kartoffeln legten; die Gräser, die ihre Waden streiften, ließen sie bedeutungsvoll sein, als trügen sie Heil in sich.

Mein Vater hockte mir auf den Schultern (anluven, Klaus, an den Wind, Klaus, die Pinne an das Segel – schau, die Fock killt, leicht abfallen jetzt, abfallen, die Pinne andersrum, Himmelherrgott, wie blöd kann man sein, abfallen ist dort, wohin meine Hand zeigt, Klaus).

Sie seien nur wirklich in der Anstrengung gewesen, sagten die Brüder und Schwestern, sie seien immer weitergelaufen mit hechelnder Zunge, auch hätte das Verbesserungspotential des eigenen Körpers sie überfordert, deshalb die Weidezeit.

Mit Grazie versuchten sie die Ego-Kathedralen abzutragen, die Augen (Herzen) auf Beginn gestellt.

Bis an den Horizont reichten die Schmetterlingsanalogien, ständig wollte man, singsing, darüber reden; die Überhöhung sollte freisprechen von der Vermurksung des eigenen Lebens.

Ich konnte den Sinn, der in den Furchen, im Gras und auf dem Waldboden lag, nicht spüren anfangs, dort lagen Trümmer, die mir den Atem nahmen (Geldvermehrungs- und Geldbeschaffungsgeschichten, Geldverschiebungsstrategien und Geldrückgabever­sprechungen).

PENGPENG – PENG: Insolvenz, PENG: Konkurs, PENGPENG: Privatkonkurs.

Noch immer kann ich sie abrufen: die beiläufige Stimme, es habe sich was aufgetan, es gebe eine Chance, fünfzehn Prozent Rendite im ersten Jahr, Tendenz steigend; ab 700.000 Euro sei man dabei.

Meine gierverklebten Synapsen ließen nur die Bahnen für Gedanken an den sagenhaften Reichtum frei, grell ausgemalte Bilder, als sei ich auf Drogen.

Die Wirklichkeit wurde ident mit dem Versprechen, es gäbe kein Risiko, nur Gewinn; ihre Projekte ließen sie glänzen im Netz und auf Meetings.

Sie, das waren die schäbigen Ritter: der Experte und der Key Account Manager, sie, das waren wir: die Gier-Schnallen.

Euphorisch die Stimmung, als legten wir uns Linien, wir reden, meine Herren, von Renditen im zweistelligen Bereich (Damen waren nicht dabei); und er, der Experte, und er, der Key Account Manager und Freund eines Freundes, seien reich geworden auf ähnliche Weise.

Die PROJEKTE PROJEKTE waren die Eisen, die sie heiß redeten (den Cricketplatz in Südafrika, das Jagdschloss am Plattensee, das Ressort auf Fidschi, die Müllverbrennungsanlagen in Kanada).

Das Benennen war ein Beschwören, als besprächen sie die Füße von Pferden, so Geldlenkung, so Geldhebung, so Geldmehrung.

Ich hatte nicht begriffen, dass eine Verblödung vonstatten ging: sie hatten mir das Rationale aus dem Leib gesungen (ich hatte mir das Rationale aus dem Leib gesungen), der Selbstübergriff führte in eine rauschhafte Erregung, ich gehörte zur Tafelrunde.

Im Keller ein Bunker mit Goldbarren, ein Tresorraum, in den man uns führte wie in eine Verheißung – als würden sie uns den heiligen Gral zeigen; wir waren die Auserwählten, die den letzten Zipfel ihres Denkvermögens in die Schale legten.

Wir sprachen darüber, wie viel Geld vor uns läge, wir sprachen unaufhörlich darüber, mit fliegenden Fahnen bewegten wir uns auf die Deals zu.

Wir warteten.

Wir fragten, ohne dass sich der Experte und der Key Account Manager zu einer Antwort bequemten: Die gedanklichen Fügungen mauserten sich zu absurden Erklärungen, zu Kitsch- und zu Hoffnungsbildern.

Das Update nach Monaten strahlte in Form eines neuen Projekts, das noch mehr Rendite versprach und die anstehende Ausschüttung auf einen symbolischen Betrag reduzierte.

JOJOBA JOJOBA sei der Treibstoff der Zukunft, eben jetzt würden Plantagen ungeheuren Ausmaßes parzelliert und sie, der Experte und der Key Account Manager, hätten zugeschlagen, mit unserem Geld in der Schale.

Unglaublich, wie das Brainwashing für (uns) Saugierige funktionierte.

Ich suchte mir die Schönen, die alles gaben – Sterne, die am Himmel hingen, um sich bedienen zu lassen, montierte ich ab; auch begann ich darüber Buch zu führen.

Der Glaube war ein Schranz, der Glaube war ein Flug, der die Gewinne sicher redete: ich kaufte Wohnungen in bester Lage.

Im Kosmos, den ich mir eingerichtet hatte, markierten Ekstasen die Punkte, über die ich Kurs zu halten imstande war, auch als die Sache rauer wurde.

Klar zur Wende, Vater erschien mir im Traum, anluven, Klaus, die Pinne von dir weg drücken und laut und deutlich REE sagen; nicht weiter abfallen, Klaus, stell die Pinne mittschiffs, Klaus, Himmelherrgott, was soll das, in die Mitte, Klaus.

Ich war offen für alle, Schmalgesichtige mit großen Schamlippen, Rundgesichtige mit schmalen Schamlippen, am liebsten waren mir herausdrängende Labien.

Meine Glaubensbereitschaft wuchs und inspirierte zu Großkotzereien, die mich selber begeisterten – ein richtiger Steuermann fährt mit zerrissenem Segel; selbst wenn die Takelage verloren ist, zwingt er den Rumpf noch auf Kurs.

Das Aufbieten war in die Zukunft gerichtet und beschwor eine Zeit, in der zur Erfüllung käme, woran wir ungeteilt zu glauben bereit waren – ich überredete Freunde, mir ihr Erspartes anzuvertrauen undborgte noch einmal Geld von den Banken.

Meine Gier spielte mit der Gier der anderen; wenn sie sich die Zunge anlegte, war sie eine Überzeugungsmacht.

In Pornos waren die Schamspalten schmal bis auf wenige Ausnahmen.

Als ließe ich sie den Schrein mit der Hand der heiligen Anna berühren oder die Ampulle mit dem Blut des Papstes oder die Paramente Pater Pios, so hatte ich die Geber überzeugt, auch sie begannen zu hoffen in dieser abgefahrenen Gier.

In Abständen wurde das Datum der Ausschüttung nach hinten verschoben, auch waren der Experte und der Key Account Manager nicht erreichbar.

Obwohl sie alles ständig neu benannten, hielt ich auf ihre Geschichten und reichte sie den Darlehensgebern weiter – das nützte mich ab, ich verlor an Glanz.

Der Experte und der Key Account Manager rückten die fernere Zukunft in helles Licht: über die nähere Zukunft würde man sich gerettet und die Verluste abgeschrieben haben, wichtige Partner seien abgesprungen.

Die Nachricht störte das Miteinander, die Banken, Bekannten und Freunde wollten ihre Schäfchen aus dem pekuniären Sumpf ins Trockene treiben und forderten ihre Darlehen zurück.

Als sie mir nahe traten, begann ich mit den Armen zu schlagen, dass sich an der Oberfläche Krönchen bildeten, eine vertrauensbildende Maßnahme, die sie Aufschub gewähren ließ für eine befristete Zeit.

Es galt Reste (oder Reste von Resten) zu retten und so zu verschieben, dass sie nicht sofort verdampften, wenn sie ins Spiel kamen.

Immer noch konnte ich auslaufen, weil ich die Manöver im Effeff habe, die mein Vater mir eingebläut hatte.

Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, wie scheiße war dieser Satz im Angesicht des Brockens, den ich tagaus, tagein hinaufrollte unter Aufbietung all meiner Überzeugungskraft.

Die anfangs dagewesene Lässigkeit zerfiel und musste gespielt werden, behauptet gegen den Lärm, den die Verbindlichkeiten schlugen.

Ich hielt die Augen gesenkt, weil sie das Weiße herauszukratzen begannen, zornige Schabarbeit von Seiten der privaten Gläubiger, professionelles Abtragen der einzelnen Schichten durch die Bankenvertreter.

Damit ich im ständigen Hinab nicht ausharren musste, rief ich mir das Fisten und das Segeln ins Gedächtnis, Mutter verscheuchte ich, so gut es ging, weil sie die Arme dauernd um mich legen und zu weinen beginnen wollte.

Die heimliche Freude das Sisyphos besteht darin, dass sein Schicksal ihm gehört, solche Sätze müsste man sagen können, ohne laut aufzuheulen.

Ich stellte mich hin vor die Partner und Freunde, zuckendes Lid, weg alles, weg eure Darlehen.

Ich meldete Konkurs an, was den Apparatschiks Beine machte, die die Scherben zu verwalten hatten, Scherben, die nicht einmal dazu reichten, die Arbeit der Apparatschiks zu bezahlen: ich, der Konkursit, stand zur Verfügung.

Ich überlebte den Pranger, ich überlebte den Ruin meiner Freunde, weil ich den Gefühlshahn zugedreht hatte, oder die Gefühle waren einfach versiegt.

Ich meldete Privatkonkurs an, und weil es sieben Raben, sieben Geißlein, sieben Zwerge, sieben Laster, sieben freie Künste gibt, werden meine Einkünfte sieben Jahre lang abgeschöpft.

Sieben mal sieben ist feiner Sand, jeden Brocken, der im Sieb blieb, hielten sie gegen das Licht, die Gläubiger reichten Klage ein gegen mich.

Das rief man mir nach samt Unschuldsvermutung: Klaus K. MSc, erfolgreicher Unternehmensberater, zunehmend wirtschaftliche Schieflage durch dubiose Provisionsgeschäfte, bei denen Gläubiger wissentlich hinters Licht geführt wurden.

Was ich im Spiegel sah: Klaus, dünn, im Verhältnis zur Körpergröße kleiner Kopf, schüttere Haare, zwei Furchen über die Wangen.

Was in den Medien stand: Klaus K., Sohn des bekannten Radiologen Gery K., wurde angeklagt wegen Betrugs.

Kalt stand ich vor dem Richter, acht Monate bedingt wegen Darlehensbetrugs, kalt innen der schäbige Ritter.

Sein Fels sei seine Sache, ebenso ließe der absurde Mensch, wenn er seine Qual bedenke, alle Götzenbilder schweigen, geblähte Luft.

Ich zog mich auf den Ginthof zurück, ohne den Idealismus der Brüder und Schwestern zu teilen (ich konnte die Drecksarbeit nicht kathartisch finden und eingehängt in den Abend schlendern), ich musste, mittellos, einfach irgendwo unterkommen.

ANNA

Wolkenkind

Quarz lag über Rippen aus Granit, die sich über den Bergrücken bis an die Piste zogen. Niedrige Sträucher wuchsen auf Hängen, Windpocken, sagte Liza auf dem Beifahrersitz, um mich ein wenig aufzuheitern, Nester, sagte ich und begann laut zu weinen. Zum Fahrer, der gegen das Weinen zum hundertsten Mal Om Mani Padme Hum spielte, sagte Liza auf dem Beifahrersitz, another song, please.

Ich hab dich lieb, ich hab dich lieb, Blutfäden aus der Nase, Blutfäden aus den Ohren. Groß die Kühlerhaube über uns. Herbert hatte sich hingehockt, Herbert hatte seine Hand gestreckt. Er durfte sie nicht berühren. Und Gott hab ich gedacht, Gott auch gesagt, hab dich lieb zu Maja – und dann gedacht, dass es ihn gar nicht gibt. Oder Gott hatte sich auf Gesichtsgröße zusammengezogen, auf Kindergesichtsgröße.

Das hatte sich ausgewachsen: dass alles unwirklich wird.

Mit der Hand musste ich über den Tisch, ob der Tisch der Tisch noch ist, oder ich musste mit der Hand ans Knie, ob das Knie das Knie noch ist. Nur Maja war da, Maja, die Herbert getötet hatte. Das habe ich nur einmal gesagt und er hat geweint, da habe ich überfahren gesagt, dass er sie überfahren hat.

Das war die Angst auch, die ich hatte: dass Maja gleich unwirklich würde wie alles andere. Nur noch selten konnte ich die Haut in Majas Gesicht spüren, samten, mit Härchen zu den Ohren hin, nur noch selten konnte ich Maja frisieren, den Scheitel ziehen durchs dunkle Haar und dabei verstohlen die Krone berühren, den Himmel, den mein Kind dort liegen hatte. Manchmal sah ich die Tür durchs Kind hindurch, manchmal sah ich den Baum, vor dem Maja stand, den Ast, der tiefer hing, wenn er im Herbst die Früchte trug. Riechen konnte ich Maja noch. Ich wusste, wie sie am Haaransatz roch und am Hals, ich wusste, wie Maja roch, wenn sie vom Sommer draußen kam und wenn sie Frühherbst in den Kleidern trug. Dann war es Abend und ich entkleidete Maja, die undeutlicher wurde, und roch die Achseln und den Bauch, nach Beeren roch Maja, wenn sie die Arme hob und über ihren Kopf das Hemdchen streifte, still roch sie um den Nabel, ganz leicht nach Tamarinde um die Scham.

Wolken fuhren über den Himmel – wie Krapfen, sagte ich zu Maja – fuhren als Schatten über den Rücken der Berge, verdeckten die Sonne, gaben sie frei, rechten das Licht, zogen es von einem Punkt aus in Streifen.

Der Jeep hielt an, wir stiegen aus. Der Fahrer stellte sich hinter den Wall am rechten Rand, wir hockten auf der anderen Seite hinter dem Damm. Schön, sagte Liza, die neben mir ein Feuchttuch aus der Tasche zog. Ja, schön, sagte ich und drehte mich weg und rief Maja, damit wir gemeinsam auf die Wälle gingen; erst raschelten die Gräser, erst wichen wir den Disteln aus, dann sahen wir Sand und Licht und Berge, die hinter den Wällen wie Tierleiber lagen; wir nannten sie Katzen- und Bärenberge, wir nannten sie Hundehügel und Elefantenrücken. Hinter den braungrünen Leibern gleißten Berge aus Schnee; das sind die Königinnen, sagte Maja. Ja, sagte ich und nahm sie an der Hand, damit sie nicht zu den Königinnen lief, weiß und schön, wie sie waren. Ich ging mit Maja zum Auto zurück, ich bettete sie im Auto neben mich und machte die Augen zu, damit ich nicht reden musste.

Ich spürte Lizas Hand auf meinem Oberarm, wir hatten angehalten, die vorderen Türen standen offen. Ich stieg aus, ging durch das Tor, betrachtete die Gebetsmühlen, ging um den Schrein, ging ein zweites und ein drittes Mal - Maja kam nicht mit auf den Platz, Maja trat nicht durch das Tor, ich sah nur den Fahrer und die Frau und ein paar Fremde, die auf den Stufen vor dem Tempel saßen, das Rad aus Gold stand still zwischen den Gazellen über ihnen, darunter das rotbraune Band aus Stroh, die nach außen laufenden Mauern. Eine Frau warf sich hin, streckte die Arme nach vor, stand auf, führte die Arme über dem Kopf zusammen, winkelte sie, berührte mit den Daumenballen die Stirne, das Kinn, die Brustmitte, kniete sich hin, glitt wieder nach vorn, lag gestreckt im Staub; einen Plastikschurz trug die Frau und Lappen hatte sie an den Händen. Nach jeder Umrundung sah ich ein anderes Bild, die Frau war dem Tempel um zwei Körperlängen näher gekommen oder der Fahrer hatte sich eine Zigarette angezündet, Liza, die neben dem Fahrer gestanden war, stand zwei Stufen höher, hatte die Sonnenbrille abgenommen und die Kamera auf die Frau im Staub gerichtet, ein Vogel kreiste über ihnen. Ein Vogel kreiste nicht mehr über ihnen.

Wir warten, rief Liza zu mir herüber. Ihre Stimme war deutlich, hatte sich nicht verloren, als stünde ich in einem Haus aus Plastikfolie, Glas und abgeblühten Rosen. Als hätte Maja wie früher vom Garten her gerufen. Sandkuchen, Ketten aus Löwenzahn, Zitronenfalter, Kreidebilder, Blumensträußchen, Birkenrinde waren in der Stimme. Vielleicht, weil sie sanft war, ohne Anflug von Ungeduld, vielleicht, weil die Frau im Staub lag und der Vogel wieder kreiste.

Als ich mich bückte, um die Schuhe auszuziehen, sah ich den Hof leer und hart ausgeleuchtet; die anderen hatten den Vorhang zur Seite geschoben und waren in den Tempel getreten, die Frau mit dem Plastikschurz warf sich neben mir nieder, Maja kam nicht, obwohl ich sie rief. Ich schob den Vorhang ein wenig zur Seite und sah, wie die anderen Geld zu Geld legten. Überall Scheine, in Schalen auf Getreidekörnern, zwischen Vitrinenscheiben, vor Bildern, die reinkarnierte Lamas zeigten.

Weinrot lagen die Mäntel der Mönche, zwölf Filzmäntel in jeder Reihe. Von oben fiel ein wenig Tageslicht herein, das die Farben grell machte, die weiter hinten im Raum von den Butterlampen gedämpft waren, besänftigt. Wie das Bettzeug, das am Abend lindgrün wurde, wie meine Stimme, die feiner wurde, wenn ich im lindgrünen Bettzeug vorzulesen begann. Liza legte mir ihre Hand an den Rücken und schob mich zu einer anderen Statue hin. Tausend Arme, sagte Liza, und Augen in den Händen. Ich rückte von ihr und zündete Butterlampen an, zeigte Maja die Statue und bat sie, dass sie bei mir bleiben möge.