Von wegen den Tieren - Noëlle Revaz - E-Book

Von wegen den Tieren E-Book

Noëlle Revaz

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Beschreibung

Der Bauer Paul ist engstirnig und hartherzig, ein Schläger und Trinker. Aber selbst merkt er das gar nicht. Kunstvoll und präzise lässt Revaz ihn seine eigene Welt schildern - und sich dekuvrieren. Paul lebt für seinen Hof und seine Tiere, er ist ein wortkarger und harter Mann, der seine Frau einfach nur "Vulva" nennt, seine Kinder nicht beim Namen kennt und schon mal zuschlägt, "weil was man gern hat, das klopft man". Doch dieser Sommer ist anders, denn Vulva wird krank, die Tiere geraten in Gefahr, und der Wanderarbeiter Georges bringt neue Töne in Pauls Leben und das der ganzen Familie. Es ist eine ungewöhnliche, außerordentlich kunstvolle Sprache, die die Brutalität und Frauenfeindlichkeit des Mannes ebenso genau zum Ausdruck bringt wie seine zaghaften Kommunikationsversuche. Revaz hat ihrem Protagonisten eine lebendige, authentische Stimme gegeben, kunstvoll formt sie die Rede eines schwierigen Menschen, dem Sprache eigentlich fremd ist und der hier in seiner ganzen Widersprüchlichkeit, seiner Härte und Verletzlichkeit zu Wort kommt. Ihre Leistung, Pauls Beschränktheit wie Komplexität zu einem inneren Monolog zu formen, hat Andreas Münzner kongenial ins Deutsche übertragen - eine Einladung in eine archaische Sprach- und Lebenswelt.

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Seitenzahl: 332

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Noëlle Revaz

Von wegen den Tieren

Roman

Aus dem Französischenvon Andreas Münzner

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2018

www.wallstein-verlag.de

Umschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf

© SG-Image unter Verwendung einer Abbildung von Pixabay

ISBN (Print) 978-3-8353-3243-0

ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-4241-5

ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-4242-2

1

Wenn ich vorne am Morgen hinausgehe, stürze ich schon einmal ein Gläschen und die Dinge greifen eins ins andere wie beim Stroh. Zuerst habe ich ein verdrücktes Gesicht und Knoblauch im Atem und kann’s nicht haben, wenn mir jemand um die Beine streicht wie die Welpen, denen der Geifer hinunterläuft. Den Kopf schnell unter den Wasserhahn, und ich schiebe schon die Maschinen hinaus. Die Vulva trödelt noch herum, sie schrubbt sich in der Ecke und trocknet sich ab in der Küche.

Gefüttert muss werden. Die Tiere stehen lange vor uns auf, sie sind nicht von der faulen Sorte, sie warten geduldig bis wir mit unseren Waschungen fertig sind, damit sie sich kräftigen und wieder ans Tagwerk können. Gefüttert muss werden, und auch gemolken. Die Vulva wäre eine gute Hilfe, wenn sie’s wenigstens wäre, aber die Milchkannen sind schon voll, wo sie noch drin herumhustet, und ich kriege meinen Kaffee kalt und den Toast vertrocknet. Manchmal esse ich nur, was sie nicht kocht, und schlucke nicht, was sie braut, und ich spucke ihr die Teller voll. Die Vulva hat ein dickes Fell, sie sagt kein Wort. Das ist wie mit dem Vieh: Wenn die Tiere nämlich sehen, was so ein Stock bewirkt, denken sie daran, bevor sie’s falsch anstellen, und genau so muss man sie halten, durch die Nachwirkung und den Respekt vor dem Meister.

Am Morgen gibt’s sagenhaft viel Arbeit, die wartet. Man weiß es noch vor dem Einschlafen, man weiß es schon am Abend, und auch wenn man Lust hat hinauszugehen und anzupacken und ein gutes Stück voranzukommen, muss man zuerst liegen und schlafen, und das ärgert, nichts zu tun und in der Nacht seine Zeit zu verlieren. Ich kann noch bis lange wach sein im Dunkeln, wenn ich an den Haufen Arbeit denke, die noch zu erledigen ist. Die Vulva denkt nicht. Sie schläft immer ein ganz allein und grunzt die ganze Nacht.

Wenn die Vulva nicht wäre auf dem Hof, wäre alles im Einfachen gelaufen. Ich hätte keine Einstellungskosten gehabt für den Arbeiter, wenn die Vulva Platz gemacht hätte für irgend sonst einen, der fähig ist, ich hätte die Maschinen nicht genommen und die Schulden nicht gemacht und das Stück Land nicht verkaufen müssen, das wir noch von vor dem Vater haben. Es gäbe die Kleinen nicht: Und die Kleinen sind viel Arbeit. Das heißt, den ganzen Tag aufpassen, dass sie nicht mit den Eggen spielen, das heißt zusehen, dass sie sich nicht in den Silos verstecken, wenn man einschüttet, und nicht mit dem Arbeiter plaudern, weil das nicht gut ist, wenn sie zugleich portugiesisch sprechen wie französisch. Diese Kleinen von der Vulva, die hat sie nicht allein gemacht und man muss ihnen den Vater stellen. Wenn ich auf sie aufpasse, gebe ich ihnen, was ihnen fehlt, und wenn sie zu wild herumschwirren, eins drauf, weil was man gern hat, das klopft man.

Das Leben ist so, voll Löcher und Beulen und nicht wirklich lustig oder schön anzusehen, so dass man die Schande aufsteigen spürt und die Lust auf einen Klopfer, wenn man am Abend sieht, wie die Vulva ausgelatscht ins Bett sinkt und mit ihren Dummheiten im Hals gurgelt, der noch vom Abendessen voll ist, so dass es einem den Arm aus dem Bett reißt und man packt zu und hält die Dinge in die Luft, und ich schreie: »Schluss jetzt, verdammt!«

Jeden Abend oder fast äußert sie nämlich ihr Verlangen, sie reibt sich an meinem Bein und das erregt, obwohl es auch ekelt, und ich kriege Angst, wie fest sie stöhnt und an mir klebt. Ich stoße sie an den anderen Rand, dass sie mich in Ruhe lässt und mir gefälligst allein schläft.

Manchmal in der Nacht, wenn ich nachdenke, wenn ich höre, dass sie ruhig atmet, gehe ich ihr zwischen die Beine und mache ihr schnell mein Geschäft, nicht dass sie mir noch ihren Weiberkram nachservieren kommt.

2

Ganz am Anfang, wo der Arbeiter gekommen ist, habe ich zur Vulva gesagt: »Jetzt kommt dann der Arbeiter. Es ist ein Portugiese. Er redet nicht gut französisch. Man muss ordentlich mit ihm tun, damit er bleibt und ihm nicht die Bullen hinterhergesprungen kommen.«

Und die Vulva hat ja gesagt.

»Nicht, dass du um ihn herumstreichst und herumturtelst. Der Kerl ist zum Arbeiten gekommen, nicht, dass du ihm den Bauch zeigst, das ist keiner für die Weiber.«

Zugleich habe ich sie von hinten gepackt zum Zeigen, wie und wo man die Lust im Zaum hält. Die Vulva ist so, sie kapiert nur mit dem Körper. Ihr Kopf ist weit weg, er ist ganz leicht angemacht und manchmal sage ich mir, auch wenn man ihr den Kopf abnähme, wäre das noch die gleiche Vulva, wenn man ihr den Rest lassen würde. Das Denken ist nicht ihr Fach, bei ihr kommt alles vom Untergeschoss und wenn ich ihr sage, du denkst wohl da unten, macht sie nur ja, und wahr ist es. Sie hat nie alles begriffen, sie ist nur gut zum Kleine Machen und fürs Geschäft, das dazugehört, aber sie lernt rasch, wenn man ihr aufs Fleisch zwickt. Wenn sie folgen soll, dressiere ich sie mit der Pinzette, das wirkt, garantiert. Sonst setzt es einen mit dem Stock, wie bei den Kleinen, oder dann mit dem Gürtel oder der Schere auf die Knöchel und sie kapiert und sagt ja.

Darum notgedrungen haben wir aufgehört zu reden und man hört auch kein Geschwätz auf dem Hof, nur die Kleinen, die draußen spielen und herumrufen. Das stört überhaupt nicht, weil ich arbeite eben so: mit der Ruhe, damit man denken kann und sich auf die Tiere konzentrieren. Die Vulva spricht nichts mit dem Maul, sie macht nur ja, weil sie immer einverstanden ist, und sonst aufgepasst das Luder. Die Wörter kommen ihr nass und schlapp heraus wie Schlamm, das setzt den Ekel, und ich lasse sie nichts reden, wenn uns die Behörden vorbeikommen, um Guten Tag zu sagen und zu prüfen, ob wir niemanden schwarz ausbeuten.

Jeden Tag ist die Vulva an meiner Seite und insgesamt habe ich mich daran gewöhnt, weil ich sie nie sehe und nicht an sie denke. Aber manchmal Herrgott sage ich mir: »Die Vulva ist auch jemand!« und ich schaue sie frisch an, als ob ich noch nie Titten gesehen hätte auf einem Weib und ein dickes dummes Kinn und das viele Fett zum drin Wühlen wie Teig. Wie die Vulva hässlich sein kann! Sie ist hässlicher als ein Truthahn.

Manchmal ist es schon eigenartig, wenn man ihr beim Gehen zuschaut, wie sie in ihrer Küche zugange ist und den Kleinen zu essen macht, dann packt einen fast die Lust auf etwas, fast will man sagen: »Du bist manches Mal ein gutes Weib, Vulva.«

Aber nicht, dass man’s wirklich sagt, weil da sind noch die Bilder, die nicht weggehen und einem die Vulva vom Abend vorspielen und machen, dass man nicht nachgibt, weil die Weiber nutzen die kleinste Gelegenheit für sich aus und drehen sie für sich zurecht. Und darum, wenn ich sie anschaue, tue ich gern so, wie wenn auch sie denken könnte. Es stimmt, die Vulva hat ihren Kopf, sie hat ihre Augen und den ganzen Rest. Wenn man ihr beim Gehen zusieht, macht es zwar nicht den Anschein, es macht eher den Anschein, als ob sie schläft, aber vielleicht stellt sie sich nur tot und will sich auflehnen und macht den Aufstand und sperrt mich im Keller ein? Es gibt so Sachen, die gibt’s.

In diesen Tagen, wenn ich ihr auflauere, spürt es die Vulva, weil sie es immer nutzt und versucht, sich einzuschmeicheln mit ihrem Geseufze: Sie glaubt darum, dass ich mit ihr schlafen will und pfuscht nur noch beim Putzen. Aber ich versuche zu reden und tue so, wie wenn ich den Kleinen die Befehle gebe, und zugleich passe ich nämlich auf und was sehe ich? Dass diese Vulva nicht reden kann, dass diese Vulva nichts von dem versteht, was man referiert, und wenn man einen Satz sagt, macht sie nur ja, ja, ja, und das Maul bewegt sich nicht, dass man meinen möchte, sie sieht nichts und kriegt nicht viel mit, und wenn man sie fragt: »Was denkst du, Vulva, wegen den Körnern?«, starrt sie geradeaus und hört auf mit dem Putzen und antwortet nichts von nichts, das Maul breit offen. Darum sage ich mir, dass diese Vulva nichts richtig denken kann und dass nichts drin ist in ihrem Kopf, wie ich es schon immer gewusst habe, und ich muss ihr schon bald zusetzen, weil sie mich mit ihrem nichts Sagen so aufregt und als Person so blöd ist, und ich haue ihr eine herunter. Das zeigt seine Wirkung, weil sie macht kein Geschrei, sondern geht ab, und so ist wenigstens Ruhe.

Gut, und danach bin ich allein mit den Bengeln. So ein Bengel ist nicht schwierig, der muss nur lernen, stillzuhocken und seinen Teller zu leeren, und wenn alles aufgeputzt ist, schreit man: »Raus!«

Bis man das Maulwerk wieder zu hat, lungert kein einziger mehr herum. Die Bengel mögen die Vulva auch nicht, sie scheren sich nicht um sie. Sie kommen, wenn gegessen wird, und verschwinden, sobald man sie einmal amortisieren möchte. Die Vulva steckt sie am Abend ins Bett und sie kriegen den Brechreiz, wenn sie ihnen die Küsse geben will, man hört genau, wie sie sich vor Ekel schütteln, sobald sie die Türe zugemacht hat. Die Bengel schlagen ein bisschen mir nach, aber sie haben auch etwas von der Vulva, und das genau stört und macht, dass man sie nicht richtig gern hat und keinem den Namen auf den Kopf weiß.

3

Am Tag, wo der Arbeiter gekommen ist, haben wir das Zimmer zurechtgemacht. Ich habe zur Vulva gesagt, sie soll neben dem Haus einen Platz freimachen, im Gewächshaus, wo wir im Sommer die Tomaten ziehen und im Winter die Salate, weil die Glaswände die Wärme schön drin halten. Wir haben eine Art Bett hineingestellt und einen Stuhl, und die Vulva hat eine anständig saubere Decke gebracht und geblümte Leintücher, die gut nach Waschmittel gerochen haben.

»Recht so«, habe ich zur Vulva gesagt, »der Arbeiter wird hier am Morgen früh geweckt, sobald sich die Sonne zeigt. So kann er nicht tagediebern, weil man ihm alles von außen ansieht: Wenn er kommt und sagt, er sei krank, oder wenn er eine rauchen will, muss man nur nachschauen und ihn zur Rede stellen.«

Die Vulva hat ja gesagt. Darum habe ich ihr gesagt, sie soll zuhören, und ich habe sie an der Schulter gepackt, weil sie das kapieren muss, und es sind Sachen, die sind wirklich enorm wichtig: »Hör gut zu, Vulva«, habe ich gesagt, »wenn ich bei den Tieren bin oder auch in der Werkstatt oder aber wenn ich abernte oder mit dem Traktor zugange bin, du redest nicht mit dem Arbeiter.«

Die Vulva hat ja gesagt. Ich weiß ja, dass sie nicht redet, aber ich habe das gemacht, um sicher zu sein, dass sie wirklich nicht plaudert.

»Der Arbeiter, der kommt, das ist ein ehrlicher Ausländer, der keinen Rappen bei sich zu Hause hat und zu uns will, um seinen Bauch zu füllen und seine Familie zu versorgen und ihnen das Besteck zu versilbern, wie ich das hier für euch mache. Dass ihm keiner im Weg steht.«

Die Vulva hat mit den Zähnen gelächelt zum Zeigen, wie brav sie ist.

»Ich weiß schon, dass du eine Brave bist«, habe ich ein bisschen gesagt, damit sie sich beruhigt, »aber ich weiß auch, wie hintergedänklerisch du tun kannst, wenn du etwas erreichen willst. Du sollst ihm nicht zu nahe kommen: Dieser Arbeiter hat manchmal komische Gelüste«, habe ich noch gesagt, um ihr Angst zu machen, »der klopft seine Weiber gerne durch und er hat schon fast einmal eine tot gemacht.«

Sie hat ja gesagt, aber ich weiß nicht, ob sie etwas dabei gedacht hat, weil ihre Augen sind undurchsichtig geblieben.

Dann ist der Tag mit dem Postauto gekommen, das den Arbeiter abgesetzt hat. Durch die Küchenfenster haben wir gesehen, wie er kommt: ein Schrank von einem Arbeiter, der den Weg ausgefüllt hat bis unter die Bäume und das ganze große Tor, und der an die Küchentüre geschlagen hat: Bumm, bumm, bumm! Von nahem erschrickt man, aber ich habe keine Angst gehabt wie die Vulva, die ins Zimmer gerannt ist. Darum ist es wie sonst auch gewesen, habe eben ich aufgemacht.

Was für ein klobiger Klotz von einem Kerl, einiges höher und breiter als ich! Von nahem habe ich die Augen gar nicht gesehen und musste einen Schritt zurück tun, so schwarz war er und mit dunklen Stellen, wo man überhaupt nichts erkennt. Ich habe ihm die Hand hingehalten, und er hat mit einer eigenartig tiefen Stimme seinen Gruß gesagt. Die Vulva ist wieder hervorgekommen, aber ich habe ihr ein Zeichen gemacht zu verschwinden, weil wir etwas besprechen müssen. Der große Arbeiter hat einen Stuhl genommen, er hat sich an den kleinen Tisch gesetzt, er hat sich umgeschaut und gefragt, ob das meine Frau sei?

»Ja, sicher«, habe ich gesagt, »das ist meine Frau, die Vulva.«

Ich habe wieder an das Sätzchen gedacht, das ich für ihn vorbereitet habe von der Distanz, die man halten soll vor den Weibern von den anderen und vor der Vulva vom Meister, der das Schicksal und das Leben vom Arbeiter in der Hand hat, und ich habe angefangen zu sprechen, aber die Sätze haben erzählt, wie die Vulva zwar brav ist, aber schlecht arbeitet und immer nur ans Schlafen denkt. Der Arbeiter hat gefragt, wo sie denn schlafe, diese Vulva?

»Da«, habe ich gezeigt und ihn zuerst im ganzen Haus herumgeführt, das überall seine Ecken und Gänge hat, wo wir die Bretter und die alten Eisen herumliegen haben, die vor sich hinrosten. Im Zimmer haben wir die Vulva gesehen, wie sie auf dem Bauch liegt und die Hemden flickt, die nach dem Werktag immer zerrissen sind.

»Mach dich fort, Vulva«, habe ich gesagt, zugleich wie der Arbeiter mit seinem portugiesischen Akzent »Guten Tag, Madame« gesagt hat, und das tönt so komisch, wenn man hört, wie jemand »Madame« sagt zur Vulva.

Die Vulva ist aufgestanden. Ohne sie zu kennen hätte man vielleicht gedacht, sie ist wütend, weil sie jetzt rot war und das Kinn gehoben hat, als wolle sie es in den Mund nehmen. Aber ich kenne die Vulva, ich weiß genau, wem sie den Gehorsam und den Respekt schuldet, sie wäre kaum in der Lage, ein Trotzgesicht aufzusetzen, nur um mich dumm aussehen zu lassen vor dem großen Arbeiter. Ich hab ihr eins auf den Hintern gezwickt und gesagt: »So, ab jetzt!« Sie hat nicht gemuckst und wir haben gesehen, wie sie abgeht, und der Arbeiter hat zufrieden ausgesehen, wirklich erleichtert, als sich diese fetten Schinken wegbewegt haben, und ich habe gedacht, das ist einer, der kann auch keine Weiber nicht ausstehen.

In der unteren Kammer ist der Vater gestorben. Darum, habe ich zum Arbeiter gesagt, kann man ihn eben nicht in diesem Bett schlafen lassen, weil wegen dem Glauben und dem Andenken an die Vorfahren, die man nicht stört und vor denen man nicht zu laut tut, sondern fromm und ehrfürchtig. Der Arbeiter schien nicht erstaunt zu sein, er schien zu wissen, was das ist, ein Toter und eine Kammer, die man nicht benutzt wegen der Religion.

»Und was sind Sie, katholisch?«

Der Arbeiter hat ja gemacht und nein mit den Händen, dann hat er gesagt, dass das für uns auf jeden Fall nicht darauf ankomme, weil wir nie die Zeit haben würden, in die Messe zu gehen, und er wisse nicht wirklich, ob es ihn gebe, den lieben Gott. So wird es gleitig gehen: Da wir niemanden in die Kirche schicken, können alle den Hof fertig machen, weil sogar am Sonntag muss noch gearbeitet werden und sogar genauso hart, die Tiere hören auch nicht auf zu fressen. Das ist wirklich praktisch, so ein Arbeiter.

Nachdem wir die Maschinen angeschaut haben (das braucht Zeit, weil man die Knöpfe angucken muss und genau die Drähte erklären) und auf den Vorplatz hinausgetreten sind, haben wir das Gewächshaus inspiziert.

»So, hier, das ist für dich, deine Unterkunft«, habe ich zum Scherz vor dem Bett gesagt, und weil nach und nach habe ich angefangen, du zu sagen: Hier sagt der Meister zu allen du, auch wenn der andere größer ist als man selbst, man muss eben trotzdem zeigen, wer hier das Sagen hat. Am Anfang, aus Überraschung, habe ich vielleicht Monsieur oder Sie gesagt, überhaupt nicht aus Feigheit oder etwa, weil er so massig ist, aber am Anfang habe ich’s lieber: Man muss die Dinge nehmen, wie sie sind, und höflich sein und erst wenn man den andern kennt, benutzt man das Du und sagt den Namen. Sein Name ist Jorge, aber ich sage Georges: Wir sind hier schließlich keine Ausländer.

Der Georges hat auf das Bett gedrückt. Drunter ist nicht wirklich ein Gestell, sondern das alte Holzgatter, das die Vulva mit einer Schaummatratze unter die Leintücher gelegt hat.

»Ich glaube, das geht so«, habe ich gesagt.«

»Und wo sind die Toiletten?«, hat der Georges gefragt.

»Man muss hinaus auf den Vorplatz und dann in den ersten Stock, aber das ist kompliziert für dich«, habe ich dem guten Georges erklärt, der doch nicht ganz so stämmig ist, »du kannst einfach dort hingehen …«

Da steht alles voll Klee und voll Mais, die nur darauf warten.

»Gut«, hat der Arbeiter gesagt, und dass er sich ausruhen wolle, aber da bemerke ich: »Hast du gesehen, wie spät es ist?«, und er schaut auf seine Uhr und sieht wie ich, dass er sich, hoppla, geirrt hat und es noch überhaupt nicht Zeit ist zum Ausruhen, sondern Zeit für die Tiere, und nachher muss noch gesäubert werden und da sind wir noch gute drei Stunden dran. Es ist wegen der Reise, der Arbeiter ist noch in der falschen Schicht gewesen, er hat nicht einmal mehr daran gedacht, dass man noch säubern muss und die Kühe melken, darum hat er gelacht und gesagt: »Ich komme sofort.«

Er hat seine schönen blauen nagelneuen Überhosen ausgepackt, noch glatt gebügelt und mit den Falten vom Koffer. Ich bin geblieben zum Schauen und habe gesehen, dass seine schwarzen Beine ganz dünn sind, wie bei mir.

4

Jetzt, wo der Arbeiter im Gewächshaus einquartiert ist, will die Vulva das Gemüse dort nicht mehr selber holen gehen. Der Georges versetzt ihr einen Schreck, darum muss ich gehen. Nicht nur, dass ich als Erster aufstehe, nicht nur, dass ich füttern muss, nicht nur, dass ich den Traktor und die ganzen Felder und den Mist besorge, aber dazu muss ich auch noch zurückkommen, wenn’s am Essen fehlt, und ich finde das nicht recht oder normal. Wenn sie dann nicht mehr aufstehen will, muss man sich noch selber das Essen und Trinken zusammensuchen und den ganzen Lebensunterhalt.

Ich merke schon, dass es jetzt handeln heißt, ich muss die Lektion wiederholen: Die Vulva vergisst manchmal, wie man sich benimmt und anständig folgt, darum muss man sie wieder einüben, wenn sie nachlässt und ihre Pflichten vergisst. Das heißt Zeit investieren und es gibt Dinge, die pressieren, aber ich mache den Misthaufen besser, wenn ich weiß, dass die Vulva in unserem Heim in der Lage ist, die Zügel in der Hand zu halten, und auch in der Lage wäre, allein ins Gewächshaus zu gehen und die Tomaten zu pflücken ohne aufzuschauen und zu zittern, wenn der Georges drin ist. Und außerdem, was hätte der da zu suchen, wo er immer arbeiten muss.

Die Lektionen mit der Vulva haben wir zuerst an den Spinnen verübt: Als ich die Vulva zu mir genommen habe, hat sie noch geschrien wie am Spieß, sobald eine Spinne sie berührt hat. Und ob es auf dem Hof welche hat! Dicke Fette, die an den Wänden hochkriechen, wenn kein Licht ist, möchte man meinen, es sind Ratten, die sogar den Kühen Angst einjagen; auch magere gelbe, richtig Fiese, die in die Haut stechen und beißen, und manche sagen sogar, die Spinne legt ihre Eier hinein. Am Abend spät in der Küche und im Zimmer kann man sehen, wie sie über die Mauern gleiten, nirgends kein Weiß mehr zu sehen. Sie kriechen wohl in der Nacht, wenn es ruhig ist, aus dem Gebälk und machen sich an die Esswaren in den Kammern.

An einem schönen Abend, ich weiß nicht warum, ist mir der dringende Gedanke gekommen, der Vulva damit ihre Lehre zu erteilen. In der Nacht habe ich ihre Hand genommen und an die Wand gehalten, aber die Vulva hat nichts gespürt, weil sie gefragt hat: »Was machst du?«

»Spürst du etwas?«, habe ich sie gefragt.

Die Vulva hat noch klar gesprochen: »Was ist das?«, hat sie gesagt, dann habe ich Licht gemacht.

Das Theater! Sie hat sich weiß werden lassen, aber ich habe die Hand festgehalten und habe das Getier kommen und einen Augenblick lang darauf hin- und herlaufen lassen.

»Siehst du, Vulva«, habe ich sanft und aus Sympathie nicht grob gesagt, weil ich doch gefühlt habe, dass sie ziemlich verschreckt war, »sie machen dir kein bisschen etwas, wenn du lieb bist und den Finger nicht rührst.«

Aber die Vulva konnte es sich nicht verkneifen zu zappeln und zu zetern, ich habe genau gespürt, wie sie die Spinnen nervös macht.

»Halt still, sage ich dir«, habe ich angefangen mich aufzuregen, »sonst siehst du dann, wie sie beißen.«

Die Vulva hat den Mund aufgerissen, aber die Müdigkeit von mitten in der Nacht hat sie so gelähmt, dass ihre Stimme gestockt hat und in ihr drin geblieben ist.

Es ist eine Grüne gekommen mit Beinen, die fast durchsichtig waren, mit gelben Streifen, die vielleicht ein Ei trug. Da habe ich gleich gespürt, dass das eine Lektion wäre, um die Vulva ein für allemal von ihren idiotischen Vorurteilen zu befreien: Wenn sie vor der Grünen mit ihrem Ei keine Angst hat, wird sie auch vor den Braunen keine Angst mehr haben, die zwangsläufig weniger weh tun.

»Komm her«, habe ich sanft gesagt und die Hand von der Vulva ausgestreckt, die nein gemacht hat, aber ohne richtige Überzeugung, weil sie den guten Zweck von der Lektion allmählich geahnt hat.

Die Grüne ist schnell herangekommen und hat sich auf einmal gefechtsbereit aufgestellt, mit den langen Beinen voraus und man möchte meinen wie in Angriffsstellung. Sie hat die Falle gerochen. In dem kurzen kleinen Moment, wo ich das Biest im Auge hatte, gab es ein Zögern, die Vulva hat eine falsche Bewegung gemacht und sie hat die Grüne berührt, die gerade auf sie drauf gesprungen ist mitten auf die Nase ins Gesicht. Sie hat so laut geschrien, dass ich ihr eine Ohrfeige setzen musste. Das Ei hat den Schlag nicht überlebt, es gab einen Unfall: Die kleinen Babyspinnen sind über die Vulva und über die ganze Decke ausgeschwärmt wie Pfeile, richtig süß und winzig. Das Laken war sofort braun und ich hatte meine Freude daran, sie handvollweise auf dem Boden zu zerdrücken, während die Vulva hinausgesprungen ist und die Hände vor sich her geschüttelt hat.

5

Dieses Mal habe ich für die Lektion etwas Einfaches ausgesucht, nicht dass es ihr jedes Mal missrät: Die Vulva muss nur einmal hin und zurück, während sich der Georges im Gewächshaus befindet, und an ihm vorbeigehen. Es ist besser, nichts im Voraus zu sagen, damit die Vulva nicht mit ihren Vorahnungen kommt, die den Weibern nur die Kaltblütigkeit nehmen.

Am Abend rufe ich ganz sanft mit der honigsüßen Stimme, wie ich sie mache, wenn ich ein Huhn abtun will, und die Vulva kommt zutraulich zu mir, wie wenn ich Körner streuen würde, und sie wartet mit dem breiten, blöden Gesicht von einer Nichtsahnenden.

Diese Weiber, sie machen alles, was man ihnen verlangt, sie hätten nicht eines Tages die Unabhängigkeit zu sagen: »Heute gehe ich in die Spargeln«, oder »Am Abend machen wir noch einmal Polenta«.

Sie warten wie ein weicher Kuhfladen und vergeuden ihre Zeit damit, sich das Gesicht abzuwaschen und zu fragen, wann endlich heizen wir. Sie haben nicht mal den Mut, die Stirn zu bieten für einen eigenen Gedanken, wenn man auf eine Entscheidung drängt: Sie wählen sich instinktiv die abseitigsten Holzwege und unmöglichsten Katastrophen, und wenn man nicht einverstanden ist, trauen sie sich nicht mal, dazu zu stehen, und am Schluss sagen sie, man habe recht, anstatt wie wir, die es gern haben, wenn gepoltert und geschrieen wird und sie Rede und Antwort stehen, so dass man sich anständig mit ihnen unterhalten kann und es nicht nötig hat, sich zurückzuhalten oder sich zu zieren. Aber die Vulva weiß nicht recht, sie traut sich weder ja noch nein zu sagen, und wenn man sie zwischen Kohl und Rüben wählen ließe, würde sie noch zehn Jahre lang still und dumm davor stehen bleiben. Dabei habe ich immer drauf bestanden, dass sie laut und deutlich sagt, was sie auf der Leber hat, und wenn ich ausrufe, dann habe ich eben auch mal Lust, wie ein rechter Bauer und Meister von seinen vier Wänden und x Sprösslingen herauszuposaunen, was ich auf dem Herz habe.

»Heute Abend essen wir Tomaten«, befehle ich im Ton vom Meister. Da macht die Vulva eine Bewegung in der Art wie ein verschrecktes Huhn, das sogar vor einem Schatten Angst hat, doch ich gehe auf sie zu und noch bevor sie anfängt, ihr Geschnatter, das sie von ganz hinten aus dem Hals holt, loszulassen, weiß ich schon, was sie bringen wird, weil ich ihr jetzt ihr dummes Hühnergegacker nachmache und sage: »Hababer Angst vorm Wächshaus«, und dabei die Schultern senke, wie sie es selber gerade tun will, und ich mache dabei so gut die Vulva nach, dass sie mich völlig perplex anglotzt und sich dabei hoffentlich auch schämt.

»Hast du Huhn denn nicht kapiert, dass wenn ich dich schicke, ist der Georges nicht drin, er ist woanders, mach schon, du Ausgeburt von einem Huhn!«

Und zugleich stoße ich sie mit ihrem Kübel und lange dabei an ihre prallen Doppelschinken, in die ich heute gerne meine Hände hineinstecken würde.

Die Vulva geht vors Gewächshaus, aber sie getraut sich noch immer nicht hinein, auch wenn ich sie von weitem überwache und sie anschnauze, um ihr Mut zu machen: »Herrgott, du dumme Kuh, gehst du jetzt hinein oder wie? Ich sage dir doch, dass der Georges anderseitig mit den Zäunen beschäftigt ist. Jesus nochmal, Vulva!«

Aber das stimmt nicht, weil ich habe dem Georges extra nett gesagt, er solle im Gewächshaus drin ein kleines Schläfchen machen und sich nicht um den Rest scheren, sondern den Pyjama anziehen, auch wenn es warm ist und er sich gewöhnlich nicht damit hinlegt, wie er es uns jeden Abend, wenn man ihn durch die Scheiben sieht, wissen lässt. Der Georges ist wie überrascht gewesen, dass ich vom Schlafen rede. Er hat an den Himmel geschaut und gesagt: »Es ist doch nicht die Zeit zum Schlafengehen!«

Aber ich habe die Zeitverschiebung und die Umstellung erwähnt, und dass er ein guter Arbeiter ist, der einen guten Lohn verdient, einen guten Lohn an Schlaf, damit er anständig entschädigt wird. Zur Warnung habe ich noch gesagt, weil man die Überraschungsreaktionen von diesen Portugiesen von Riesenkerlen nicht im Voraus kennt: »Musst keine Angst haben, wenn dir jemand vielleicht ein Besüchlein abstattet«, habe ich gesagt mit einem Augenzwinkern im Gesicht und in der Stimme, und mit den Händen habe ich die Formen von der Vulva nachgemacht, ein Höcker vorne, einer hinten, und das breite dumme Kinn und die eingedrehten Füße, aber ohne mehr zu sagen, nur damit er vielleicht vormerkt, dass ein Hase im Schilf ist, aber gerade nicht ganz, nur dass ihm, wenn er sie sieht, das Lämpchen zündet und er sagt: »Sackerment, darum also hat der Meister so gezwinkert!« und dass er die Vulva schön pflücken lässt und sie nicht mit dummen Sprüchen und Beleidigungen verschreckt. Ich spüre wohl, wie es ihn stören würde, wenn ihn so ein Weibsstück im Schlaf weckt, und als guter Meister mit Respekt warne ich lieber vor. Der Georges hat ausgesehen, als würde er es erraten, aber wirklich fast sofort: »Ein Besuch?«, hat er gelacht, »da sage ich nicht nein …«, und er hat sein Reklame-Lachen gemacht, wo man sich jetzt dran gewöhnt, aber die Kleinen haben noch immer Schiss. Ich habe noch gesagt, weil ich nicht will, dass er sich stören lässt: »Mach dir nichts draus, wenn du sie hörst. Wenn sie kreischt, ist das nur Luft, die aus dem Maul pfeift …«, und ich habe nochmal das Zwinkern nachgemacht und der Georges hat mich angeschaut und wiederholt: »Ach so, nur Luft …«, und es war klar, dass der Schlaumeier alles kapiert hat, und er hat sich sofort im Gewächshaus bereitgelegt, damit dieses fette Aas von einer Vulva ihre Lektion und Prüfung serviert bekommt.

Gut, und jetzt ist dann genug Milch im Kessel, dass diese Vulva nicht ins Gewächshaus will, was macht sie denn nur? Sie dreht sich um und als sie sieht, dass ich dastehe und in den Händen die Schaufel halte, geht sie hinein, dass die Türe davon zittert, und sie bückt sich und fängt an zu sammeln. Man hört nichts, weil sicher hat dieses Vieh nicht gesehen, dass der Georges da ist, und sie pflückt sich gemütlich ihren großen Kübel voll Tomaten, und ich frage mich schon, was los ist. Und dann sieht man den Georges sich bewegen, aber sie kommt nicht heraus, weil die Falle funktioniert, nichts einfacher als das.

Kommt endlich der Moment, wo man sich wieder an die Plackerei machen und die Vorderpfoten einspannen kann: Die Zeit, die man mit den Weibern verliert, das sind gute Arbeitsstunden, die man sich allesamt in den Wind hängen kann.

6

Wenn die Vulva etwas will, merkt man’s sofort: Sie kommt herein und drückt sich im Stall herum, obzwar es nichts zu tun gibt, für sie zu tun, weil für uns gibt es immer massenhaft zu schuften und dem Georges wird es nie langweilig, da schaue ich schon.

Sie ist eben zahm geworden und die Falle hat so gut funktioniert, dass die ganze Stunde drüber verstrichen ist. Die Tomaten sind nicht reif gewesen, sie hat fast nichts eingesammelt, obwohl sie überall nachgeschaut hat. Ihr Kübel war leer, plus zwei drei fünf Rote und die Halbgrüne, die wir der Sau hingeworfen haben. Ich habe dann den Georges gefragt, weil ich wissen wollte, was er davon hält.

»Die Falle hat recht gut funktioniert, sie hat wohl Schiss gehabt?«

Ich habe Lust gehabt auf die Einzelheiten, dass er mir erzählt: »Was hat sie gemacht, hat sie geheult?«

»Oh nein, nicht geheult. Ich habe gut aufgepasst, wie es der Meister befohlen hat und ich mache immer die Arbeit, die der Meister befiehlt.«

Da ist nichts herauszukriegen, dieser Georges kann nicht erklären und man weiß nie, was er denkt. Der ist nur ein Tier für zum Schuften und zum die Maschinen Polieren. Wenn er reden würde, hätte man ganze Abende zu plaudern und säße vor dem Zwetschgenwasser, aber da ist nichts herauszukriegen: fertig gegessen, guten Morgen, guten Abend, er sperrt sich ins Gewächshaus und man sieht ihn nachdenken ganz allein und er löscht das Licht und schläft ohne Kleider.

Dass die Vulva herumgeschlichen kommt, um etwas zu fragen, habe ich nicht gern, ich finde, das ist nicht ihr Platz. Zunächst hat eine Vulva nichts zu fragen, sie hat nur still zu sein und zu kommen, wenn man sie ruft. Mich kann man nicht einfach nur für ein Ja oder ein So stören kommen, der Hof muss geführt werden, und so eine Vulva wäre gewiss nicht die richtige, mich zu ersetzen, wenn ich einmal ein Loch tiefer pfeifen will. Und dann sind es nur so Sachen und Geschichten von unserem Vulvalein, Heulereien von einer mit zwei linken Händen, die nicht selber entscheiden kann. Wenn man mich, während ich nachdenke und arbeite, stören kommt, um zu wissen, ob ich es gerne weichgekocht oder eher hart möchte, bringt mich das auf die Palme und es kommt vor, dass ich schreie und ihr das nächste Mal eins überziehe. Und wenn ich ein Werkzeug zur Hand habe und werfe, tut das nur umso besser.

Dieses Mal sieht man sie von draußen kommen, wie sie geschwind zum Kuhhaus rennt. Man weiß sofort, wenn sie uns sucht, das Maul offen und die Arme nach vorn gestreckt, als wäre irgendwo ein Gaswerk explodiert, weil sonst gibt es keinen Grund, sie an einem Ort zu treffen, wo gekrampft wird und es nicht nach Hyazinthen duftet: Die Vulva hat nämlich eine Nase, die ihr recht gut funktioniert und die sie nicht gern vergisst um anzumerken, dass es stinkt.

Sicher, es stinkt. Einen Hof, der nicht stinkt, würde ich wenigstens nicht wollen. Es ist gewiss normal, dass ein Hof stinkt, mitsamt dem Bauern, der dazugehört, und dass die Fliegen den Leuten, die da wohnen, das Leben sauer machen. Die Vulva regt sich auf wegen den Fliegen, sie erträgt es nicht, ihren Dreck zu sehen, sie haut drauf und die Butter wird ranzig und sie nimmt den Käse auseinander. Sie kann von diesen Dingen nicht abstrahieren, die einen stören, wenn man zu viel an sie denkt, mich zuallererst, die aber zu nichts und völlig nebensächlich werden, sobald man aufhört, sie vertreiben zu wollen oder sich darum zu kümmern, und danach sind sie sogar beruhigend, wenn man sich mit dem Beobachten und Fangen die Zeit vertreibt. Aber die Vulva weiß nichts von nichts. Bei ihr ist immer eine Fliege, die kreist und sie ärgert und die sie wild macht, anstatt sie sein zu lassen. Die Fliege riecht das und findet es lustig, die Vulva zu ärgern, bis die Vulva nicht mehr kann und die Klatsche holt, die dann alle aufscheucht.?

Wenn uns die Vulva vorbeikommt, denkt sie nicht, dass wir sie kommen hören und uns verstecken können, damit sie uns nicht findet. Sie denkt nicht mal daran, durchs Fenster zu linsen, ob da jemand ist. Es wäre einfach, sie hereinzulegen und auf der anderen Seite hinauszugehen, aber es ist kein großer Spaß, eine hereinzulegen, die nichts von nichts weiß, die den Trick nicht erkennt und nicht begreifen oder sich vorstellen kann, wie viel weniger intelligent sie ist. Also tue ich nichts und schweige nur und sage nichts, wenn sie ruft um zu fragen, wo ich bin: Es ist nicht gut, die Schwäche der Schwachen auszunutzen. Man kann rufen um zu warnen und schelten um klar zu machen, wo die Grenzen sind und man das Limit nicht ausreizen darf, nach denen einem das Recht zusteht, einzugreifen und draufzuklopfen, damit es unters Fell geht, und das ist etwas, was ich sowohl mit der Vulva feststelle, die mir einiges an Anstrengung abverlangt, der ich aber nicht schaden darf, weil ich ihr vorgesetzt bin, als auch mit den Kleinen, die so tun, als verstünden sie nichts, wenn man sie anschreit. Was man im Kopf behalten muss, ist, dass man nicht böse sein darf mit jemandem, der den Grad der Bosheit nicht verstehen würde: zum Beispiel mit den Tieren, da nützt es nichts, sie anzuschreien, da sie nichts davon verstehen. Man muss nur treten und sie beruhigen sich, wie die Vulva auch: Ich sage die Sätze und die Warnungen, die sie kapiert, sonst nennt man das Gewalt oder geistige Folter. Und der Georges sagt, man solle die Gewalt vermeiden, weil sie sich wieder gegen einen wendet, wenn die Opfer aggressiv werden.

Mit dem Georges ist es anders: Wenn ich mit ihm rede, spüre ich nicht, dass ich der Meister bin, ich rede nicht wie der Chef, sondern wie der Nachbar oder ein Ebenbürtiger, weil er genug intelligent ist und es überhaupt nicht nötig hat, dass man ihm Angst macht zum Arbeiten. Das hat er klar gesagt. Schlussendlich muss ich gar nichts mehr sagen und der Georges und ich arbeiten zu zweit im gleichen Boot, und sobald einer spürt, dass der andere ihn anschaut, ist es Zeit fürs Bier.

7

Die Vulva kommt herein. Sie sieht mich nicht vor lauter Staub und Kühen, die muh machen und im Stroh herumscharren.

Ich kenne sie, alle diese Kühe, ich kenne ihre Namen auswendig. Ich kann sagen, wann sie geboren sind, welches die Krankheiten gewesen sind und der Name der Mutter. Ich habe schon immer ein gutes Gedächtnis gehabt, und ich erinnere mich noch an Sachen, wo die Vulva sich schon lange nicht mehr entsinnt, so klein ist ihr Kopf. Dieses Spiel spiele ich gern: die Vulva daran erinnern, was an diesem oder jenem Tag passiert ist, und ihr vorzeigen, dass sie nie nichts weiß und völlig im Dunst schwimmt: »He Vulva, erinnerst du dich, wie einer von den Kleinen in den Brunnen gefallen ist?«

Die Vulva macht ihre dumme Birne, die sich nicht einmal an den Vortag erinnert.

»Und als du den Lippenstift aufgemalt hast?«

Das übersteigt ihr Verständnis.

»Und der Tag, an dem die Douce gekalbt hat, erinnerst du dich?«

Aber die Vulva erinnert sich an nichts.

»Neunzehnhundertneunundachtzig, am Sonntag, ich erinnere mich daran, als wäre es gestern.«

Und wenn ich alles so genau aufsage, schaut sie mich mit einer Verdutztheit an, weil ich nicht nur mit meinem Körper, sondern auch mit meinem Geist überlegen bin, und bei den Männern wie auch bei den Weibern ist das der Hauptpunkt, hat der Georges gesagt, weil wir über den Tieren stehen.

Bei den Kühen hat es die Vulva nie geschafft, sie auseinanderzuhalten. Am Anfang hat sie den Namen gesagt, aber sie hat sie immer verwechselt, und sie sagte die Brunette zur Fleur, und Louise zur Jasmine. Die Kühe haben es satt gehabt, sie haben sich aufgeregt und Misstrauen gefasst gegen die Vulva: Wenn sie vorbeigeht, brüllen sie sie an und die Vulva hat Angst. Statt dass sie ein rechtes Scheit nimmt, das herumliegt, und es ihnen ins Euter drischt, ihnen selber Angst einjagt, wie die Kleinen es schon von Geburt an wissen und tun, sie hätte kein Geschreck mehr, weil sie würde sehen, wie sie ganz rassig abgehen wie Angsthasen, und dass es nur fette Gras- und Heusäcke sind, aus denen man Rahm macht.

Der Georges kennt sich aus mit den Kühen, er hat einen Trick: Er redet ein bisschen und sie kommen, sie reiben sich zart an ihm und lecken ihm die Hand ab, auch ohne Salz. Das geht sogar auf die Nerven, wie er sie rumkriegt: Nur schon wenn er pfeift, traben sie an und man möchte fast meinen zufrieden, und wenn ich rufe, drehen sie nicht einmal ein Ohr.

Mich macht das weder heiß noch kalt, ich bin kein Neider, ich lasse mir nicht den Hut hochgehen, weil es ist nicht möglich, dass sich der Georges auf einen Schlag das Vertrauen von mehreren Jahren Hofarbeit aneignen kann: Sie spüren genau, wer hier der Meister ist und wer der dicke Portugiese, und sie wissen auch, wem sie das Dach und das trockene Heu verdanken. Ein Neuer kann ihnen zwar den Kopf verdrehen, wenn sie so einen massigen Kerl sehen, der ihnen pfeift, und sie laufen hin, weil sie dumm sind, anstatt dass wenn sie überlegen würden, sähen sie, wo der Kopf ist und der Meister und der Kummer, den sie ihm machen, aber es sind alles nur Weibchen. Manchmal möchte ich schon gern verhindern, dass sie ihm auf den Leim laufen. Aber man darf nicht gallig werden, sage ich mir, wenn ich nachdenke, weil irgendwann wird der Georges weg sein, und die Kühe vergessen ihn und kommen wieder zum Meister zurück, um sich ihre Zuneigung abzuholen.

Der Georges hat einmal versucht, der Vulva die Kühe beizubringen. Das hat mich fast zum Lachen gebracht, wie er am Abend in die Küche kommt, als die Kinder im Bett sind und ich beim Zwetschgenwasser sitze und die Vulva mit der Bürste hantiert. Er hat sich hingesetzt und hat gesagt: »Morgen bringe ich der Vulvinha die Kühe bei.«

Es ist komisch, wie er sie nennt, die Vulva. Er sagt Vulvinha