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Als die Polizeibeamten zur Tür hereinstürmen, weiß Oya gar nicht, wie sie eigentlich in die Razzia geraten ist. Alle im Raum sind wie erstarrt und fragen sich fassungslos, wie es dazu kommen konnte. Oya war der Einladung zum Abendessen bei Ali, einem Arbeiter in der örtlichen Textilfabrik, gefolgt und sitzt als einzige der anwesenden Frauen neben den Männern, die sich über Politik und ihre Lebenspläne streiten. Mit der Verhaftung gerät das Leben der jungen Frau, die wegen ihrer Kritik an der Militärdiktatur in der Provinzstadt Adana bereits in der Verbannung ausharren muss, erneut aus den Fugen. Die anschließende lange Nacht in Gewahrsam lässt Erinnerungen an die Gemeinschaft der Unterdrückten aufsteigen. Vor allem der Widerstandsgeist der Frauen, die all ihre Kraft gegen ihre Ausgrenzung aufbieten, verleiht Oya Mut. Sevgi Soysals 1975 erschienener Roman Vor dem Morgengrauen wurde als ein überwältigender Chor von unterdrückten, verletzten und aufgebrachten Stimmen aus allen Winkeln der türkischen Gesellschaft gefeiert. Die Autorin setzt darin Frauen aller Schichten und ihrem Kampf um die Freiheit ein Denkmal.
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Seitenzahl: 366
Veröffentlichungsjahr: 2025
Sevgi Soysal
Roman
Aus dem Türkischen von Judith Braselmann-Aslantaş Mit einem Nachwort von Emine Sevgi Özdamar
Schöffling & Co.
Adanas Hitze drückt unerbittlich auf die Stadt, Abkühlung ist nicht in Sicht, die Herbstnacht elend schwül. Alle erwarten den erlösenden Regen. Nur das verbindet das prächtige Villenviertel und seine paradiesischen Gärten mit der armseligen Gecekondusiedlung des Öte-Geçe-Randbezirks: die erbarmungslose Sonne, die auf alle scheint, und die Sehnsucht nach Regen, der Dürre in Überfluss verwandeln wird. Ein Überfluss, von dem man in den Armenvierteln freilich nichts bemerken wird. Hier wachsen weder Orangen noch Palmen, keine Blumenpracht, und nicht mal die Zierpflanzen mit ihren dicken, fleischigen Blättern gedeihen hier. In den verschlungenen Gassen des İstiklalviertels mit seinen bescheidenen Baracken gibt es nichts außer stickiger Luft, die aber im Überfluss. Wie auch von der Enge unter den Bewohnern viel zu viel vorhanden ist, jedes Zimmer gnadenlos überfüllt. Gleich wird es regnen.
Der Abend ist angebrochen. Man sitzt um das Tischtuch herum auf dem Boden, alle Löffel bedienen sich aus dem gleichen Topf, das Brot wird mit den Händen zerteilt und mit frischem Rettich, grünem Paprika, Petersilie und Zwiebeln gegessen. Dann werden die Matratzen ausgelegt, und aus dem Esszimmer wird die Bettstatt. Von draußen hört man die Trillerpfeifen der Wachmänner, aus den Cafés dringt das Getöse der Rangeleien und mischt sich mit dem Anblick von misshandelten Frauengesichtern. Liebesnächte werden mit Rakı begonnen und mit Streit beendet. Die Polizeiwache wird zum lebendigsten Ort der Nacht. Ständig gibt es Razzien gegen Drogenhandel und Zigarettenschmuggel.
Niemand wundert sich daher über das Polizeiauto, das durch die Straßen schleicht, mit eingeschaltetem Blaulicht, und vor jedem Haus anhält. Nur die jungen arabischen Männer, die hier zu Hause sind, verschließen vor dieser Zudringlichkeit fest ihre Türen. Das Polizeiauto schleicht weiter, kriecht von Haus zu Haus, eins wie das andere. In einem Viertel wie diesem, dem Viertel der Unabhängigkeit, ist das Aufspüren einer bestimmten Adresse keine leichte Sache, dafür braucht es List und Tücke.
Ein heftiger Fußtritt und die dünne Tür fliegt auf. Ein einziger Tritt und Oya begreift, wieso sie schon seit Einbruch der Nacht so unruhig ist. Es kommt ihr vor, als wäre außer ihr niemand mehr da, weder Hüseyin noch Mustafa, weder der Gastgeber Ali aus Maraş noch Gülşah, die eben noch ein großes Tablett mit Speisen aufgetragen hat, als wäre sie die Einzige in diesem Haus, in dem sie doch nur vorübergehend zu Gast ist. Als hockte sie ganz allein auf dem Bettgestell, das mit einer Decke und ein paar Kissen zum Sofa umgewandelt wurde. Ein heftiger Tritt und kaum dass die Tür aufgebrochen wird, verschließt Oya ihre eigenen Türen, es war ihr schon die ganze Nacht lang nicht recht gelungen, sich den anderen gegenüber zu öffnen. Die mit Fußtritten geöffnete Holztür, die Zivilbeamten, die das Haus stürmen, das durchsuchte Haus und die darin Anwesenden, das alles scheint ihr weit weg, wabert um ein »Ich« herum, das gewohnt ist, sich selbst zum Mittelpunkt zu machen, und verschwindet.
In den letzten Jahren hat Oya viel von der harten Realität gesehen, doch ihr hässliches Gesicht entsetzt sie immer wieder aufs Neue. Sie weiß, dass Schönes und Hässliches untrennbar in allen Dingen vorkommt, doch als jemand, der mit Schönheit aufgewachsen und vielleicht übertrieben für sie empfänglich ist, muss sie das Hässliche einfach ausblenden. Für schöne oder edle Ziele schreckt sie vor nichts zurück, und weil sie Mut als solchen schön findet, kann sie auch mutig sein. Doch sich dem Hässlichen zu stellen, dazu fehlt ihr jeglicher Wille. Vielleicht ist Oya also im Grunde entsetzt über ihre eigene Feigheit. So erklärt sie sich zumindest später den Schreck, der sie durchfährt, als die Tür so plötzlich eingetreten wird.
Jetzt ist nicht der Moment für müßige Selbstbezichtigungen. Überall in der Stadt werden Türen eingetreten, überall führt die Polizei Razzien durch. Oya ist nur eine von vielen, die Entsetzen, Wut und nackte Angst empfinden, das muss sie begreifen, ob sie will oder nicht. Und diese Razzia teilt sie mit anderen, noch dazu mit Leuten, die sie kaum kennt. Allein hier im Haus sind es Ali, Hüseyin und Mustafa, Ekrem, Zekeriya, Gülşah und Ziynet. Eben waren sie noch Fremde. Bis die Polizei die Tür eingetreten hat. Nun muss sie etwas mit ihnen gemeinsam haben, muss Ähnliches erleben wie sie.
Ali, der Hausherr, begreift als Letzter, was vor sich geht. Sonst hätte er seinen Neffen Mustafa nicht noch gefragt: »Und was sollen wir jetzt tun, Junge?« Doch obwohl auf einmal drei Zivilbeamte in seinem Haus stehen und die Anwesenden finster mustern, stellt er unbeirrt seine Frage. Erst als Hüseyin vor Schreck den Rakı aus seinem Glas wieder in die Flasche zurückschüttet, durchfährt es Ali. Er bemerkt die Polizisten und springt auf.
Nicht nur Ali, sie alle stammen aus Maraş. Es sind Arbeiter vom Land und aus der Fabrik, die alle nach Adana gezogen sind, um ihren Teil vom großen Überfluss der Çukurova-Ebene zu ergattern. Alis Neffen Hüseyin und Mustafa sind die Einzigen, die sich von ihrer Herkunft befreit haben. So sieht es zumindest Hüseyin. Er ist Anwalt, sein Cousin Mustafa Lehrer. Im Grunde hält er sich und Mustafa insgeheim für was Besseres. Wäre Mustafa heute nicht überraschend in Adana aufgetaucht, wäre er selbst vielleicht gar nicht darauf gekommen, seinen Onkel zu besuchen. Ali hat jahrelang in dem Werk in Yüreğir und in der Textilfabrik Akdeniz Sanayi gearbeitet. Nun hat er eine Rentenangelegenheit zu klären, die in eine Sackgasse geraten ist, und erwartet von seinem Neffen, dass der sie für ihn regelt. Hüseyins Verwandte erhoffen sich ständig was von ihm. Ständig behelligen sie ihn mit irgendwelchen Fragen, und wenn sie aus einer Sache nicht mehr rauskommen, kreuzen sie unweigerlich bei ihm auf. Allmählich ist er das leid, glauben sie etwa, dass er hexen kann? Und doch ist es ihm unangenehm, dass er Ali noch nicht weiterhelfen konnte. Schließlich ist er ja trotz seiner Bildung und seines Berufs immer noch und vor allem ein Mann aus Maraş … Deshalb sieht er es auch als seine Pflicht an, sich um die Angelegenheit seines Onkels zu kümmern. Zum einen ist die Sache aber nicht ganz einfach, und zum anderen hat Hüseyin das Anwaltsbüro, das er zusammen mit zwei Freunden eröffnet hat, noch gar nicht richtig zum Laufen gebracht. Zwar verfolgen sie gerade gemeinsam ein paar Fälle, die Geld einbringen sollen, doch sie werden die ganzen Bekannten und Verwandten einfach nicht los, die ständig auf einen Kaffee oder Tee in der Kanzlei vorbeischauen. Es sind vor allem Hüseyins Verwandte, und alle haben irgendwelche juristischen Probleme, die er aus reiner Herzensgüte für sie lösen soll. Meist etwas Privates, nicht im Mindesten die Sorte rentable Fälle, die Hüseyin und seine Partner zum Überleben so dringend bräuchten. Diese Leute haben sich in der Çukurova ausgebreitet, aber in der ertragreichen Ebene bisher nichts vermehrt außer ihrer eigenen Sippe. Ständig landen sie vor Gericht, und dann brauchen sie natürlich einen Anwalt an ihrer Seite. Hüseyin soll immer zur Stelle sein, wenn es um sonstige Gefälligkeiten geht, sei es, dass sie heiraten oder ein Neugeborenes anmelden wollen, er muss ständig irgendwelche Anträge für sie stellen oder Briefe schreiben. Und nie kommen sie allein, immer haben sie noch einen Freund oder Bekannten im Schlepptau, vor dem sie damit angeben wollen, dass einer der Ihren studiert hat und Anwalt geworden ist. Das ist für Hüseyin nichts Neues und nicht weiter überraschend. Er weiß ja, dass er nicht zuletzt oder vielleicht sogar nur deshalb zum Studieren geschickt worden ist. Er hat auch gar nicht die Absicht, die Familienbande zu kappen. Schließlich hat er seit seiner Kindheit davon ebenso viel Nutzen wie Verpflichtungen, und das war es auch, was ihm den Mut gegeben hat, in Adana eine Anwaltskanzlei zu eröffnen. Die vielen Verwandten, die in den Textilfabriken von Öte-Geçe arbeiten, haben mindestens ebenso viele Bekannte und allesamt immer wieder mit der Regierung, mit Vorgesetzten, der Versicherung und den Gewerkschaften zu tun, kurz, ihr Hals steckt ständig in der Schlinge, und sie alle müssen mit ihren Problemen zu Hüseyin kommen. Das sind aber noch Zukunftsträume. Bisher holen Hüseyin und seine beiden Partner mit ihren Einnahmen nicht mal die Miete für die Kanzlei wieder rein. Und so langsam können sie sich auch all den Tee und Kaffee für seine Verwandten nicht mehr leisten, die mit ihren dreckigen Gummischuhen den Teppich beschmutzen, der noch nicht mal abbezahlt ist. Trotzdem hat Hüseyin ein schlechtes Gewissen, weil er die Sache mit Alis Versicherung hat schleifen lassen. Die Verwandten gehen ihm oft genug auf die Nerven, aber dennoch fühlt sich Hüseyin ihnen eng verbunden und vor allem seinem Onkel gegenüber verpflichtet, der ihn so sehr unterstützt hat. An diesem Abend hat er auf dem Weg zu Ali fieberhaft nach einer Ausrede gesucht. Doch sein Onkel hat ihn einfach nur hereingebeten, kein Wort über die Versicherung. Und dann sprang die Tür auf.
Sein Onkel Ali ist ein kluger Mann. Er hat sich selbst das Lesen beigebracht. Verfolgt die Nachrichten in der Tageszeitung und im Radio. Auch die Politik ist ihm nicht fremd. Im selben Moment, als die Tür eingetreten wird, hat er gerade dazu angesetzt, mit Mustafa darüber zu reden, dem er mehr vertraut als ihm. Hüseyin hat gesehen, wie Ali auf den Lippen herumkaut, eine Angewohnheit, kurz bevor er etwas Wichtiges ansprechen will, und sofort gedacht, jetzt wird er das Thema mit der Versicherung anschneiden. Ob er deshalb den Rakı in die Flasche zurückschüttet oder weil ihn die Razzia überrascht hat, ist völlig unklar.
Seltsamerweise bleibt der Rakı in der Flasche klar, das fällt Oya auf. In der kurzen Zeitspanne, in der alles so schnell geht, fällt ihr ausgerechnet dieses Detail auf. Hüseyin trinkt seinen Rakı pur – ohne Wasser, ohne Eis. Er behauptet immer, die wahren Kenner stammten aus dem Südosten. »Wie kann man Rakı bloß mit Eis trinken? Was für ein Aufwand! Und haben unsere Großväter etwa welches reingetan? Die konnten es auch nicht leiden, wenn man seine Worte oder den Rakı verwässert.« Das sagt Hüseyin immer gern. Doch an diesem Abend plagen ihn Magenschmerzen. Seine Zunge ist mit einem rabenschwarzen Belag überzogen, er hat ein Geschwür. Doch das ignoriert er und trinkt seinen Rakı ohne Wasser. Als die Tür eingetreten wird, schüttet er seinen Rakı vor Schreck einfach zurück in die Flasche. Und weil kein Wasser in seinem Glas ist, wird der Rakı in der Flasche nicht trüb.
Mustafa hätte Hüseyin am liebsten die Flasche aus der Hand gerissen und sie den grimmig hereinplatzenden Polizisten an den Kopf geworfen. Beinahe glaubt er, Hüseyin habe den Rakı nur zurückgeschüttet, um ihn davon abzuhalten. Im Haus deines Onkels wird eine Razzia durchgeführt, und du hast nichts Besseres zu tun? Kaum raus aus dem einen Schlamassel, gibt es schon wieder Schwierigkeiten, und du bleibst seelenruhig!
Mustafa ist Mathematiklehrer. Doch schon in seinem ersten Lehrerjahr in Urfa wurde er von der Ausnahmezustandsbehörde von Diyarbakır verhaftet und nach Istanbul gebracht. Ganze vierzehn Monate hat er in Selimiye in Untersuchungshaft gesessen. Bis ihn die Staatsanwaltschaft vor genau zwei Tagen, als er sich schon auf eine jahrelange Gefangenschaft eingestellt und gar nicht mehr damit gerechnet hatte, plötzlich freiließ. Man teilte ihm mit, dass er lediglich nach Paragraf 296 des Türkischen Strafgesetzes, also nicht zu einer Haftstrafe, verurteilt würde. Seine Untersuchungshaft hatte sich schon so lange hingezogen, dass er befürchtete, wegen etwas Ernstem wie verfassungsfeindlicher Umtriebe verurteilt zu werden. Und nun hat er stattdessen das große Los gezogen. Mustafa ist sich nicht sicher, ob er sich darüber freuen soll oder nicht. Genau wie seine Verhaftung hat auch seine Freilassung ihn kalt erwischt. Als er rauskam, hatte er weder Geld, um nach Hause zu fahren, noch rechneten seine Verwandten mit ihm. Zum Glück sammelten seine Freunde im Gefängnis Geld für ihn, ohne dass er etwas sagen musste. So stand er an seinem ersten Tag in Istanbul wenigstens nicht völlig mittellos da. Kaum draußen, kaufte er sich ein Ticket nach Adana und schlenderte bis zur Abfahrt des Busses durch die Straßen. Beim Laufen merkte er nach einer Weile, dass er die Lieder vor sich hin summte, die er mit seinen Freunden gesungen hatte. Als liefe er immer noch mit ihnen im Gefängnishof auf und ab. Sie hatten Lieder gesummt, um nicht nachdenken zu müssen, um den Teufelskreis zu durchbrechen, um nicht im Gleichmaß der eintönig vergehenden Tage zu versinken, um den letzten Rest innerer Zuversicht aufrechtzuerhalten. Lautes Singen war verboten. Das Summen war also im Grunde eine Schutzmaßnahme. So wie man den Körper jeden Tag wäscht und pudert, damit er nicht altert. Aber jetzt? Um ihn herum gab es keine Wände mehr, und doch tigerte er immer noch auf und ab. Er durfte hinausgehen, losziehen, sich so schnell bewegen, wie er wollte. Nachdem er vierzehn Monate lang versucht hatte, sich dafür zu wappnen, wusste er jetzt nicht, wohin. Was hat ihn so aus der Fassung gebracht, als man ihm sagte: »Na los, du bist frei«?
Ja, die ganze Zeit hatte er sich darauf vorbereitet, noch mal von vorn zu beginnen, sich ganz neu ins Leben zu stürzen, zumindest hatte er das geglaubt. Jetzt war er draußen und musste erst mal wieder Boden unter die Füße bekommen. Seine Freunde hatten sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Er wollte sich zusammenreißen, seine innere Stärke wiederfinden, und dann? Mustafa versuchte nachzudenken, dann fing er, wie um sich zu betäuben, wieder an, zu summen und umherzulaufen. »Sie machen Staub aus Stahl/streuen Asche in dein blindes Auge, ach/dein Herz zerschmettern sie, bis Blut fließt …« Mitten im Lied musste er an seine Frau denken. Wie konnte es sein, dass er seit seiner Freilassung noch keinen Gedanken an sie verschwendet hatte? Drinnen hatte er so oft an sie gedacht. Wenn Güler wüsste, dass ich frei bin! Ja, was, wenn sie es wüsste? Diese Frage hallte unangenehm in ihm nach. Er wusste nicht mal, ob seine Frau gerade in Urfa war oder nicht. Seit einem Monat hatten sie keinen Kontakt mehr. Nach einem versuchten Aufstand im Gefängnis hatte man über Mustafas Zellentrakt ein Nachrichten- und Besuchsverbot verhängt. Man durfte weder Briefe schreiben oder empfangen noch Angehörige treffen. Und ausgerechnet da ließ man ihn frei? Er ärgerte sich über diesen Gedanken, das war doch feige! Er musste auf alles vorbereitet sein, was ihm draußen begegnen konnte, auf noch mehr noch besser vorbereitet sein.
Mustafa setzte sich ins Café Sebil, trank Kaffee und schaute eine Weile den vorbeiziehenden Dampfern hinterher. Er würde sofort nach Adana fahren und eine, wenn es sein musste, zwei Nächte bei den Verwandten dort verbringen. Er würde herausfinden, was mit Güler war, und dann nach Urfa weiterfahren. Was mit Güler war? Es ärgerte ihn, dass er das Unbehagen und den Pessimismus, der ihn beschlich, nicht abschütteln konnte. Er konnte nichts dagegen tun, dass der Gedanke an Güler, sogar unter Folter ein Licht am Horizont, jetzt durch Zweifel getrübt wurde. In ihrem letzten Brief hatte Güler geschrieben, dass sie Urfa verlassen werde, zusammen mit ihrer gemeinsamen Tochter, die während seiner Untersuchungshaft zur Welt gekommen war. Güler verstand sich nicht besonders mit Mustafas Verwandten aus Maraş. Solange Mustafa draußen gewesen war, war das nicht weiter schlimm gewesen, vor allem nicht in den Tagen der Repressalien und der Solidarität. In solchen Zeiten war es leicht, Privatangelegenheiten zurückzustecken.
Mustafa hatte Güler während seines Studiums an der Fakultät für Naturwissenschaften in Istanbul kennengelernt. Sie war ebenfalls in der Bewegung gewesen. Jedenfalls machte sie nicht den Anschein, außerhalb zu stehen. Sie war kontaktfreudig und hatte ein selbstbewusstes Auftreten, die anderen Jungs begegneten ihr mit Respekt. Jetzt erinnerte Mustafa sich aus dieser Zeit nur an ihre großen schwarzen Augen und ihre knochigen Hände. Sie stammte ebenfalls aus armen Verhältnissen, wenn auch nicht aus ganz so armen wie Mustafa. Ihre Mutter war eine einfache Bankangestellte, ihr Vater gestorben, als sie noch klein war. Ja, in Mustafas Familie waren zwar die meisten nur Arbeiter auf dem Land oder in den Fabriken, aber sie waren viele. Die Unterstützung füreinander war groß, immerhin hatte die Familie Hüseyin und ihm das Studium finanziert. So gesehen war Güler zwar ein Beamtenkind, aber dennoch schien sie einsamer und weniger behütet aufgewachsen zu sein als er selbst. Ihre Mutter, die sich krummgelegt hatte, um ihr die Schulbildung zu ermöglichen, erwartete jetzt den Lohn dafür.
Doch Güler brach ihr Studium ab, um Mustafa zu heiraten. Mit seinem Mathematikdiplom fand Mustafa mit Mühe und Not eine Stelle als Gymnasiallehrer in Urfa. Gülers Mutter wollte nicht mit ihrer Tochter nach Urfa ziehen. Und Güler selbst gefiel es dort auch nicht besonders. Sie hatte einige der zahlreichen Verwandten ihres Mannes bereits in Istanbul kennengelernt. Damals mochte sie sie, oder es hatte zumindest den Anschein. Wenigstens erwarten sie nicht wie meine Mutter immer eine Gegenleistung, sagte sie. Sie unterstützen einander, aber nicht, um davon zu profitieren. Es gab wirklich viele helfende Hände, die Mustafa während seines Studiums unterstützt hatten. Am meisten aber hatte Ali für ihn getan. Güler hatte damals immer gesagt, seine Selbstlosigkeit rühre sie zu Tränen. Mustafa dagegen war Rührung fremd. Was Blutsverwandtschaft bedeutete, hatte er mit der Muttermilch aufgesogen. Man half eben dem Studierenden, dem Wehrdienstleistenden und dem, der im Knast saß. Eine Familie musste sich wie ein einziger Körper verhalten und alle Glieder versorgen. Und zwar schlicht, um zu überleben.
Nachdem sie nach Urfa gezogen waren, schien Güler die Maraş-Sippe leid zu werden. Ständig tauchte einer von ihnen auf, man wusste nie, wann sie kamen und gingen. Und das noch bevor sie und Mustafa ihre Wohnung halbwegs eingerichtet und überhaupt Töpfe und Besteck im Haus hatten – alles Dinge, die den Verwandten nichts bedeuteten. Ihnen war es egal, wie der Tisch gedeckt war, ihnen war nur wichtig, dass Güler ihrem Mann diente. Sie wollten, dass sie wie eine Sklavin alles für ihn tat. Einmal war Güler der Kragen geplatzt, und sie hatte gesagt: »Die wollen jetzt, dass du mich benutzt und ausbeutest, genau wie du sie benutzt hast.« Ja, so weit war sie gegangen.
Jetzt, am Tag seiner Freilassung, nach so langer Zeit, loderten diese Worte in Mustafa wieder auf. Wie hatte sie so etwas sagen können? Im Grunde war er selbst dran schuld; Güler hatte ja lediglich gewollt, dass er sie seinen Verwandten gegenüber in Schutz nahm. Sie erwartete seine Bestärkung, um sie selbst sein zu können oder so, wie sie früher war. Doch auch dabei hatte er sie im Stich gelassen. Güler entsprach einfach nicht den Vorstellungen seiner Verwandten von einer Ehefrau, und daran konnte sie nichts ändern. Für sie spielte Güler einfach keine Rolle.
In dieser unsicheren Phase in Urfa hatte Güler sich von ihm zurückgezogen, hatte sich von Mustafa entfernt. Sie war schwanger damals. Er selbst war für solche Nebensächlichkeiten zu beschäftigt. Die Bewegung war sein Ein und Alles. Sie erfasste ihn mit Haut und Haar und ließ alles andere nichtig erscheinen. Für Persönliches, Alltägliches hatte er keine Zeit. Das konnte warten. Und Güler? Sie musste stark sein, ihm Halt geben. Und das tat sie auch. Aber im Stillen. Von ihrer Direktheit, mit der sie früher klipp und klar ihre Meinung gesagt hatte, ihrer forschen Art war nichts mehr übrig. Außer an jenem einen Tag, diesem letzten, an dem sie die bitteren Worte ausgesprochen hatte, die ihm jetzt auf der Seele brannten. Er tat ihr vielleicht unrecht, aber er konnte sich beim besten Willen nicht erinnern, wann sie sonst je gesagt hatte, was in ihr vorging. Was ging damals überhaupt in ihr vor? Davon hatte er keine Ahnung, wie ihm jetzt klar wurde. Er erinnerte sich an Güler, wie sie kochte, wie sie dasaß und strickte, das war alles. Damals war er mit Güler zufrieden gewesen. Auch seine Freunde hielten viel von ihr. Aber hielt Güler auch etwas von ihnen? Das hatte er nie hinterfragt. Jetzt aber, in dieser kurzen Zeit, die es brauchte, um einen Kaffee zu trinken, überfielen ihn Zweifel. Hat sie mir vertraut, an mich geglaubt? Hat sie mich geliebt, war sie glücklich? Was erwartete Güler überhaupt vom Glück? Damals war ihm gar nicht der Gedanke gekommen, Güler könnte eigene Vorstellungen davon haben. Dabei war sie doch mal so selbstbewusst gewesen, zumindest bis sie geheiratet hatten.
Der Kaffeesatz hinterließ einen bitteren Nachgeschmack in seiner Kehle, als Mustafa dachte: Ich habe damals nur von Güler genommen, ich habe ihr gar nichts gegeben. Güler hat zwar nie nach irgendwas gefragt. Sie hätte aber auch keine Antwort erhalten. Und warum? Weil er alles der Bewegung gab. Also hatte er ihr nicht wirklich vertraut. Er wusste, als er im Sebil saß und einen Kaffee nach dem anderen trank, dass es keinen Sinn hatte, sich so zu zermartern, aber er konnte einfach nicht anders.
Güler war für ihn ein einziges Fragezeichen. Eine ganz andere als die, an die er während seiner Haft gedacht hatte. Im Gefängnis hatte er sich seine Frau als unerschütterliche Stütze vorgestellt. Immer liebevoll, immer lächelnd. Doch in der Nacht vor dem Morgen, an dem er festgenommen worden war, hatte sie nicht gelächelt. In dieser Nacht des Streits hatte Güler sich gegen ihn aufgelehnt. »Ich bringe morgen ein paar Leute mit, die bleiben eine Weile bei uns, nur damit du Bescheid weißt«, hatte Mustafa zu ihr gesagt. »Was für Leute?«, hatte Güler gefragt, so wie man fragt: »Möchtest du noch einen Tee?« Vielleicht hätte es genügt, einfach nicht zu antworten, doch Mustafa war der Kragen geplatzt: »Meinst du, das ist jetzt der Zeitpunkt für Rumgezicke?« Und da hatte Güler aufbegehrt, wieder ihre kämpferische Haltung aus Studienzeiten angenommen. »Das ist auch mein Haus, ich nehme hier keine Leute auf, die ich nicht kenne, nur dass du es weißt!«, hatte sie gesagt. Mustafa war von seinem Sessel aufgesprungen, hatte Gülers Fotoromane genommen (ja, sie hatte angefangen, Fotoromane zu lesen und zu sammeln, die ach so gebildete Güler!), hatte sie zerrissen und ihr ins Gesicht geschleudert. »Hast du deine dumme Neugier da her?« Güler war in Tränen ausgebrochen. »Was soll ich denn machen? Hab ich eine andere Wahl, als mir Ablenkung zu suchen? Das ist das Einzige, was mir geblieben ist!« Sie hatte auch im Bett noch lange geweint, und Mustafa hatte sie gestreichelt und getröstet. Beim letzten Schluck seines dritten Kaffees im Café Sebil dachte er: Vielleicht habe ich sie nur getröstet, weil ich wusste, dass ich sie am nächsten Tag brauchen würde.
Während er mit starrem Blick den vorbeiziehenden Dampfern hinterhersah, kam ihm noch etwas in den Sinn, was sie in der Nacht gesagt hatte: »Ich will einbezogen werden, warum lässt du mich nicht? Mir reicht es langsam mit deinen Idealen. Eines Tages packe ich noch meine Sachen und verlasse dich. Ich brauche Abstand von dir und deinem kranken Verhalten.« »Wenn ich gewusst hätte, dass du so eine Heulsuse bist …«, hatte Mustafa geschimpft. Da war aus Gülers Schluchzen plötzlich ein wütender Aufschrei geworden: »Du bist genauso rückständig wie deine Leute aus Maraş! So wirst du es nie zu etwas bringen!« Ja, sie hatte »Du wirst es nie zu etwas bringen« gesagt. Wie war es möglich, dass er während der ganzen Zeit in Selimiye nie wieder daran gedacht hatte? Und wie war damals seine Reaktion gewesen? Vielleicht hatte er geflucht, vielleicht hatte er Güler auch geschlagen. Daran wollte er sich lieber nicht erinnern.
Am nächsten Morgen aber war Güler wie ausgewechselt gewesen. In ihrer fürsorglichen Art, die sie im Laufe der Ehe angenommen hatte, fragte sie Mustafa, der seinen Tee rasch hinunterstürzte, um so schnell wie möglich aus dem Haus zu kommen: »Soll ich dir heute Bumbar machen, möchtest du das?« Güler wusste, dass Mustafa Bumbar liebte. Aber sie selbst ekelte sich vor diesem aus gefülltem Dickdarm bestehenden Fleischgericht und hatte es bisher noch nie gekocht. Warum hatte sie es ihm an diesem Morgen dann vorgeschlagen? Hatte sie in weiblicher Intuition gespürt, wie durcheinander er an diesem Morgen war? Mustafa hatte jedenfalls schroff reagiert: »Nein, danke, mir ist egal, was du kochst. Was spielt das in Zeiten wie diesen für eine Rolle? Hauptsache, du hast genug zu essen im Haus.«
Im selben Moment hatte es an der Tür geklingelt. Völlig unerwartet. Ich muss blass geworden sein, dachte er im Rückblick. Obwohl ihn das Klingeln nicht im Mindesten hätte überraschen sollen, war er wie versteinert gewesen. Güler musste die Tür öffnen. Und prompt wurden seiner schwangeren Frau vier Maschinenpistolen an die Stirn gehalten: »Ergib dich!«
Obwohl ich genau wusste, wer das war, habe ich meine schwangere Frau zur Tür geschickt. Das war nichts, was man einfach so wegwischen konnte. Mit diesen düsteren Gedanken begann sein erster Morgen in Freiheit.
Am Abend stieg er in den Bus nach Adana, und dort angekommen, ging er gleich zu Hüseyin ins Büro. Er war hundemüde.
Mustafa stampft zornig auf dem Boden auf. Genauer gesagt, er tritt Hüseyin auf den Fuß. Hüseyin ist so überrascht, dass ihm die Flasche aus der Hand fällt und der Rakı quer über den Tisch läuft. Immer trifft Mustafas Wut Hüseyin. Heute habe ich ihm in der Kanzlei den ganzen Tag seine blöden Fragen beantwortet und mit keinem Wort nach Güler gefragt. Typisch Mann, hab einfach nicht den Mund aufgekriegt. Mustafa hat nur herausgebracht, dass er am nächsten Morgen nach Urfa weiterfahren werde. Wäre Hüseyin ein wahrer Mann, hätte er das Thema von selbst angesprochen, hätte Mustafa von sich aus etwas über seine Frau und seine Tochter erzählt. Aber was kümmerte das Hüseyin, kaum hat der die Gelegenheit zu quatschen, hört er gar nicht mehr auf: Wir haben uns hier geirrt, wir haben uns dort geirrt – der war ja selber fein raus!
Dass Mustafa in Adana war, hatte sich über das Familiennetzwerk in Windeseile bis in den hintersten Winkel verbreitet. Sogleich strömten sämtliche Verwandten aus Maraş in Hüseyins Büro. Alle wollten ihn zu sich einladen. Wenn es nach denen ginge, würden sie mich mindestens einen Monat lang hier festhalten, dachte Mustafa. Was mit Güler ist oder mit meiner Lehrerstelle, kümmert sie nicht. Die glauben, weil ich Beamter bin, kann mir nichts passieren. Als er in Untersuchungshaft war, hatte der Lehrerverband seine Frau unterstützt. Aber sobald ich verurteilt werde, dachte Mustafa, schmeißen sie mich raus, wenn nicht schon vorher. Güler war über die Unterstützung des Lehrerverbands froh gewesen, das war ihr lieber, als die Hilfe seiner Leute annehmen zu müssen. Vielleicht gab es keinen Grund, sauer auf Hüseyin zu sein, vielleicht hatte er einfach keine Ahnung, was Güler gerade machte.
Nur Alis Einladung konnte Mustafa nicht ausschlagen. Ali war wie ein Vater zu ihm, er hatte so viel für ihn getan. Hatte ihn bei sich in Adana aufgenommen und auf die Mittelschule geschickt, hatte Mustafa behandelt wie sein eigenes Kind. Oder eher wie seinen eigenen Sohn, denn die Tochter konnte Ali nun nicht weiter zur Schule schicken. Wer weiß, wie er das Geld für all die Stifte und Radiergummis zusammengekratzt hatte, die Mustafa in der Schule achtlos liegen ließ. Darüber dachte Mustafa später oft nach. Ali hatte ihm niemals Vorwürfe gemacht. Er sah es so, dass schon einer im Haus zur Schule ging, deshalb kam es für seine ältere Tochter nicht mehr infrage. Damals war das Mustafa ganz normal vorgekommen. Wenn jemand zur Schule geschickt wurde, dann die Söhne. Und wenn die Eltern eines Jungen nicht dazu in der Lage waren, mussten eben die Onkel mütterlicher- oder väterlicherseits einspringen. Auch wenn er heiratete oder seinen Wehrdienst leisten musste. Dann wurden alle Kräfte vereint, vor allem für die Söhne. Denn die Söhne waren ihre einzige Hoffnung.
Und als Mustafa in Adana zur Schule ging, hatte er Ali versprochen: »Wenn ich erwachsen bin, schicke ich deinen Jüngsten zur Schule.« Damals war Hasan noch ein Baby.
In der dunklen Zelle in Selimiye, wo es immer so früh Nacht wurde, verfolgten ihn diese Worte. Alis Sohn war inzwischen längst im Schulalter, und nun musste doch wieder Ali dafür aufkommen, dass Hasan zur Schule gehen konnte. Wieder musste er das Geld dafür mühsam zusammenkratzen, und was war mit Mustafas ganzen Versprechungen? Dass Mustafa seine Schuld nicht beglichen hatte, wurde für ihn zum Albtraum. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen und konnte nicht schlafen. Vor seiner Verhaftung war das anders gewesen. Da hatte er über seine Schulden bei Ali und den anderen Verwandten aus Maraş nicht groß nachgedacht. Wenn er überhaupt daran dachte in dieser Zeit voller Hoffnung und Ideale. Damals hatte er geglaubt, dass er weniger Ali und der Familie etwas schuldete als der Allgemeinheit. Die große Schuld gegenüber der Masse überwog seine persönliche Schuld gegenüber Alis Sohn bei Weitem. Was konnte der Schulbesuch eines einzelnen Jungen schon bewirken? Er hätte Ali eine Last von den Schultern genommen, aber es ging doch darum, dass nicht nur Ali, sondern alle von ihren Lasten befreit wurden …
In Selimiye überkamen ihn immer wieder Zweifel, das könnten alles nur Ausflüchte gewesen sein. Was habe ich in dieser Zeit denn schon bewirkt?, dachte Mustafa jetzt. Was habe ich erreicht? Habe ich mich wirklich für all die Alis dieser Welt eingesetzt oder mich im Grunde gedrückt? Habe ich mir nur vorgemacht, ich würde mich heldenhaft um das große Ganze kümmern? Dabei konnte ich nicht mal meine kleinen Verpflichtungen einhalten. Was habe ich vorzuweisen? Was habe ich für meine Leute getan, wenigstens für meine Familie? Habe ich wenigstens sie überzeugen können? Obwohl ich sie nicht für die Sache gewinnen konnte, waren sie immer für mich da, haben so viel für mich getan und so viel von mir erwartet. Und doch konnte ich sie nicht überzeugen, nicht mitreißen. Wo war die Allgemeinheit, wo waren die Massen? Außer dass ich im kleinen Kreis mit fünf bis zehn oder auch mal fünfzig Leuten zusammengesessen und geredet habe, was haben wir anderes getan, als Kontakte zu knüpfen und uns in Schwierigkeiten zu bringen? Warum konnten wir uns bei den Verhören nicht in die Augen sehen? Diese Gedanken machten Mustafa in der Zeit der Verhöre, die ihn an seinen Überzeugungen zweifeln und seine Selbstachtung verlieren ließ, zu schaffen. Später, im Schlafsaal, würde er das alles beiseitewischen und vergessen.
Er erinnerte sich, wie erleichtert er an dem Morgen, als man ihn in Urfa verhaftet hatte, über eines gewesen war: Man hatte ihn geschnappt, bevor er eine Straftat begehen konnte. Und man hatte niemanden in seinem Haus gefunden. Doch er war nicht erleichtert, weil keine Gefährten in seinem Haus festgenommen wurden, sondern weil man ihn nicht auf frischer Tat ertappt hatte. In den langen Nächten im Gefängnis brachte diese Einsicht seinen Glauben daran ins Wanken, dass er sich als Teil jener Bewegung sehen durfte, die ihn von seiner persönlichen Schuld gegenüber Ali befreite. Als sie niemanden bei ihm fanden, hatte er auf einmal gehofft, sie würden auch ihn nicht mitnehmen. »Herr Kommandant, Sie sehen ja, die Anzeige ist unbegründet … Kann ich jetzt zur Arbeit gehen? Meine Frau ist schwanger, Herr Kommandant …« Ja, vor allem darüber, dass er »Meine Frau ist schwanger« gesagt hatte, wollte er lieber nicht nachdenken. Güler hatte ihm nur einen Blick zugeworfen. Ganz still. Sie hatte nichts zu dem Kommandanten gesagt. Weder »Herein« noch sonst irgendwas. Gar nichts. Nur er hatte sich um Kopf und Kragen geredet, um zu verbergen, was er von dieser Razzia hielt … Beinahe unterwürfig hatte er sich gegeben, in der Hoffnung, man würde ihn laufen lassen. Der Kommandant hatte nichts erwidert. Er verachtet mich, weil ich meine Frau vorgeschickt habe, hatte Mustafa gedacht. Es spielte keine Rolle, was der Kommandant dachte, aber Güler in diesem Augenblick der Gefahr die Tür aufmachen zu lassen war einfach unverzeihlich. Und dann auch noch zu sagen: »Meine Frau ist schwanger.« Diese erbärmlichen Worte waren Mustafa vor allem in den ersten Nächten in der Zelle immer wieder durch den Kopf gegangen und setzten ihm zu wie eine schlimme Krankheit.
Auch jetzt sitzen sie ihm im Nacken. Alles stürmt auf ihn ein: die mit Fußtritten geöffnete Tür, das Gesicht mit dem fiesen Schnauzbart des Polizisten Abdullah, Alis Frage: »Und was sollen wir jetzt tun, Junge?«, wie Hüseyin den Rakı zurück in die Flasche schüttet. Und mitten in all dem Gülers Gesicht, wie die letzte Perle, die nicht mehr auf die Gebetskette passt, diese Erinnerung bleibt ihm im Gedächtnis hängen. Bevor man ihn im Militärfahrzeug fortbrachte, hatte sie gelächelt und »Mach dir keine Sorgen« gesagt und ihn gefragt, ob er Geld habe. An diesem Morgen war sie wirklich großartig gewesen. Das war die Güler, an die Mustafa all die Monate gedacht, zu der er aufgeschaut hatte. In diesen Zeiten musste man jemanden haben, zu dem man aufschauen konnte. Irgendwas musste man haben.
Als Mustafa mit dem Fuß an Hüseyins Fuß stößt, zieht er ihn sofort angeekelt wieder zurück. Das Ekelgefühl überfällt ihn wie das haarsträubende Gefühl, wenn Fingernägel an einer Wand entlangkratzen. Wer hat wen verraten? Jeder jeden. Das war eine Schmach, die sehr schnell geteilt wurde, es tat gut, sie zu teilen. Zwischen den Verhören stürzten sie noch tiefer in diese Schmach, aber es war eine Schmach, in die sie zusammen stürzten. Deshalb wurden sie ja auch gegeneinander ausgespielt. Sie wissen es, sie wissen es sowieso, also haben sie geredet, sie haben sowieso schon geredet, ich habe geredet, ich habe sowieso schon geredet, wir haben alle geredet. Diese Seelenqualen waren nichts gegen das, was man über die Nacktheit, die Elektroschocks, die über einem ausgeschütteten Wassereimer und die aufgeplatzten Fußsohlen empfand. Der blutige, schmutzige Schlafanzug. Die Fußfesseln. Die Angst, dass man nichts mehr weiß, was man preisgeben oder nicht preisgeben kann. Ein einziges Nichts sein. Verängstigt sein. Befreit werden wollen. Von diesem schmutzigen Schlafanzug, dem Kettenrasseln, den Nächten voller Schreie. Nicht mehr nackt sein und klatschnass, vom Sirren der Elektroschocks befreit sein. Vom eigenen entstellten Körper und dem Weinen. Endlich den Stoffwechsel anhalten, um all dem zu entkommen.
Er stahl sich immer in einen Garten voller Aprikosenbäume. Dort schlief er im Schatten eines Baums, der gerade erblüht war. Weit weg von Güler und seinen Gefährten, von klugen Sprüchen, geballten Fäusten und sich selbst. Dort schlief er wie ein nasser Sack.
Irgendwann, als auch die anderen sahen, dass er nichts anderes war als ein nasser Sack, wurde er offiziell verhaftet und nach Selimiye geschickt. Er war so froh darüber gewesen. Ein schöner Revolutionär war er. Nein, ich war ja kein echter Revolutionär. Ich war ein Niemand. Ein nasser Sack und nichts drin.
Es gab Tote. Ich bin nicht gestorben, aber andere sind gestorben. Darauf hat man uns vorbereitet. Aber auf die Folter? Darauf hat man uns nicht vorbereitet, dachte Mustafa. Wie es sich anfühlt, zu einer leeren Hülle zu werden. An den Tod haben wir gedacht, wir haben an alles gedacht, nur an die Folter haben wir keinen Gedanken verschwendet, obwohl es so wichtig gewesen wäre. Wir haben die Augen davor verschlossen und sind zu leeren Hüllen geworden. Halb schlafend, halb wach zwischen den Verhören, war das der einzige Gedanke, den er fassen konnte. Er fühlte sich leer, abgeschnitten von seinem alten Leben. Den Mustafa von früher hatten sie alle gemeinsam verraten. Seine Vergangenheit war wie eine zerrissene Gebetskette. Und jetzt saß er vor den verstreuten Perlen und fragte sich, wie er sie wieder aufziehen sollte. Mustafa hatte nicht aufgepasst auf seine Gebetskette. Als er endlich ins Gefängnis kam, bedeutete das für ihn einfach nur das Ende der Folter, das Ende einer schrecklichen Leere, und er versuchte, sein Verhalten während des Verhörs zu betrachten. Gut, ich wurde verraten. Die wussten längst, was ich getan habe. Und ich habe es auch zugegeben. Habe viel zu viel gesagt. Wo fängt der Verrat an, wo hört er auf? Hätte er sich anders verhalten können? Wofür war er ganz allein verantwortlich? Er kam nicht darauf. Er fand keinen vernünftigen Lösungsweg. Obwohl das so bitter nötig war. Für danach. Um wenigstens eine neue Kette aufziehen zu können. Am Ende seiner Entwirrungsversuche landete er immer bei Güler, und bei Ali. Wenn er an Ali dachte, wurde ihm schlagartig alles klar. Ali war es, an dem er Verrat begangen hatte, es waren seine Landsleute aus Maraş. Er hatte sie als Erste verraten und dann die Gesellschaft als ganze. Als ich mich der Masse verpflichtete, habe ich dafür Ali im Stich gelassen. Aber habe ich es nicht um der größeren Sache willen getan? Das wissen die ja längst, habe ich mir gesagt. Doch eigentlich begann mein Verrat an ihnen allen erst, als ich mich selbst belastete. Da lag meine Schuld, das war mein Fehler. Andere zu verraten war nicht das Schlimmste. Aber wir hatten kein Recht, Verrat an uns selbst zu begehen. Nur haben wir das nicht gewusst, oder besser gesagt, das kriegten wir nicht hin. Ich habe nicht nur mich betrogen, sondern uns alle in Schwierigkeiten gebracht. Nachdem er zu diesem Urteil gekommen war, kam Mustafa wieder zu Kräften. So geht es den meisten, wenn sie sich erst mal das Ausmaß ihrer Niederlage eingestanden haben. Wie schön ist dann der Neuanfang!
Auch Gülers Gesicht hatte er sich anfangs immer so vorgestellt, wie sie an dem Morgen aussah, als man ihn abgeholt hatte. Die andere Güler, die aus Langeweile Fotoromane las und bei der Hausarbeit vor sich hin welkte, verbannte er aus seiner Erinnerung. Nie war er mehr im Reinen mit sich als während der Monate im Gefängnis. Er hatte keine Angst mehr, er war entschlossen. Er war zuversichtlich, dass er Fortschritte machte und vorankam. Er ließ sich nicht hängen. Er las regelmäßig, drehte morgens und abends seine Runde, machte seine Gymnastik, aß wenig, diskutierte viel. So kam er wieder auf die Beine.
Doch warum brachte ihn die Freilassung dann so ins Wanken? Hätte er eine längere Phase der Genesung gebraucht? Er fühlte sich wie ein Patient, der aus dem Krankenhaus entlassen wird, ohne geheilt zu sein. Und an seinem ersten Morgen in Freiheit, als er merkte, dass er noch nicht stark genug, noch nicht gesund war, befielen ihn erneut Zweifel an Güler.
Er wusste nicht, ob er Güler in Urfa finden würde und was mit seiner Lehrerstelle dort war. Angesichts all dieser Ungewissheiten kam ihm die Einladung zu Ali äußerst ungelegen. Er wollte sich ihm als jemand zeigen, der sein Leben in Ordnung gebracht hatte, nicht als jemand, der voller Zukunftsängste war. In seine Gedanken verstrickt und unfähig, sie zu entwirren, brachte Alis Frage Mustafa aus der Fassung. Wer im Unrecht ist, fährt schnell aus der Haut. »Ich sage euch, wenn ihr die Sache nicht selbst in die Hand nehmt, wird gar nichts daraus!« An seiner Antwort war etwas Wahres dran, aber warum hatte er »ihr« gesagt und sich selbst ausgenommen? Doch bevor er darüber nachdenken konnte, war die Tür eingetreten und das Haus gestürmt worden.
Alis Frau Gülşah und seine Schwägerin Ziynet haben gerade erst die letzten Speisen aufgetragen. Die frisch verheiratete Ziynet lebt noch im Haus ihres Schwagers und ihrer älteren Schwester, die sie großgezogen hat. Eigentlich schert Ziynet sich weder um das Essen für die Gäste noch um die Hektik ihrer Schwester. Ihr Herz schlägt ganz aufgeregt. Heute Morgen ist Zekeriya mit guten Neuigkeiten aus İskenderun zurückgekommen: Das mit der neuen Arbeitsstelle hat geklappt. Er kann in der Motorenwerkstatt arbeiten, sie werden, sobald es geht, nach İskenderun ziehen. Ziynet muss dann endlich nicht mehr bei ihrer Schwester wohnen. Aber sie hat ihre Freude noch gar nicht so richtig mit ihrer Schwester teilen können. Die war den ganzen Tag mit den Vorbereitungen für die Gäste beschäftigt, die am Abend kommen sollten. Und Zekeriya hatte, als er die morgendliche Hektik bemerkte, wie alle Männer mit einem Funken Selbstachtung, das Haus sofort wieder verlassen, Ziynets Träume waren ihm egal. Ziynet wartet jetzt nur darauf, dass die Gäste endlich verschwinden. Verstohlen schaut sie immer wieder zu ihrem Mann, der stumm sein Essen hinunterschlingt, während die anderen Männer sich unterhalten, und wird immer röter.
Gülşah betrachtet noch einmal alles, was sie auf der Decke angerichtet hat. Okraschoten, Salat, Rettich, Petersilie, Brot, Wasser, gekochte Eier, Bumbar, es ist alles da. Ziynet und sie sitzen nicht bei den anderen. Sie füllt die Teller der Männer mit den Köfte, die Ziynet gegrillt hat. Auch für Hasan stellt sie eine Portion beiseite. Für sich und Ziynet nimmt sie nichts. Erst mal sollen die Männer essen. Erst wenn sie sich vergewissert hat, dass die genüsslich ihr Essen kauen, weiß Gülşah, dass sie ihre Pflicht erfüllt hat. Und genau da wird die Tür aufgetreten. Gülşah ist entsetzt. Schuldbewusst starrt sie zur Tür, als wären die Köfte nicht richtig durchgebraten, als hätte sie den Männern das Essen nicht rechtzeitig serviert, als hätte sie sie hungern lassen.
Die Zivilbeamten, die durch die Tür hereinplatzen, verderben das Essen und machen ihre ganze Arbeit zunichte. Daran gewöhnt, niedergemacht zu werden und immer die Schuld auf sich zu nehmen, läuft sie eine Zeit lang aufgescheucht herum, als hätte sie vergessen, Salz, Brot oder Wasser zu bringen. Bis sie begreift, dass es nicht ihre Schuld ist, dass die Ruhe und Ordnung im Haus gestört wurden.
Oya hingegen, wie sie da auf der Sofakante hockt, ist fast froh darüber, dass die Ordnung des Hauses durcheinandergeraten ist. Bis die Tür eingetreten wurde, hat sie sich so unwohl und so fehl am Platz gefühlt, dass sie über das Einkrachen der Tür fast erleichtert ist. Dass sie die einzige Frau ist, die an der Mahlzeit teilnimmt, dass Gülşah und Ziynet sich nicht dazusetzen, sondern die anderen bedienen, ärgert sie, sie schämt sich für ihr Privileg, das dadurch offenbar wird.
Vor allem war das für Ziynet und Gülşah auch noch ganz selbstverständlich. Oya war etwas anderes, nicht wie sie. Das akzeptieren sie, es kümmert sie nicht mal.
Oya ist in ihren Augen weder Frau noch Mann, sondern nur ein Anhängsel der Männer, die sie bedienen. Deshalb scheut Oya sich wahrscheinlich heute Abend, Rakı zu trinken, obwohl sie sonst nie ein Problem damit hat, sich wie ein Mann zu benehmen, es gefällt ihr sogar. Bis die Tür eingetreten wurde, hat sie den Mund nicht aufgekriegt. Und ist sie nicht hierhergekommen, um mit anderen Leuten zu reden, neue Leute kennenzulernen? Außerdem unterhält sie sich gern mit Menschen, die sie nicht kennt. Aber heute Abend kann sie sich nicht am Gespräch während der Mahlzeit beteiligen, von dem Ziynet und Gülşah ausgeschlossen sind und sie nicht. Sie würde sich schlecht fühlen, die beiden Frauen ebenfalls zu ignorieren und ihnen den Rücken zuzudrehen. Bedrückt von dem Gespräch und der Atmosphäre beim Essen kommt sie sich vor wie ein Wesen zwischen den Geschlechtern. Fast will sie aufstehen und zu Gülşah und Ziynet rübergehen, dann denkt sie, sie könnte die beiden dazu bringen, sich mit zu den anderen zu setzen, aber aus Angst, beides könnte lächerlich wirken, lässt sie es bleiben. In diesem Zwiespalt ist sie, als die Tür aufgestoßen wird.
Und so ist Oya die Einzige, die Gülşahs Verwirrtheit im Moment der Razzia bemerkt. Aber das schafft zwischen ihr und Gülşah auch keine Verbindung, im Gegenteil. Dass ihr dieses brutale Eindringen aus persönlichen Gründen entgegenkommt, fällt gar nicht so sehr ins Gewicht. Doch dass sie sich beide dafür verantwortlich fühlen, macht die Kluft zwischen ihr und Gülşah noch tiefer. Oya selbst glaubt ja, dass die Razzia ihr gilt. Dass sie der Grund dafür ist. Dass sie die Ruhe und Ordnung des Hauses zerstört, Gülşahs Mühen zunichtegemacht hat. Wie kann sie das ihr gegenüber je wiedergutmachen?
Sie wird Adana ohnehin bald verlassen. Ihre Verbannung geht zu Ende. Die ganze Zeit über hat sie sich vorsichtig verhalten. Sie musste klug handeln, und das hat sie getan, um weiteren Schaden von sich abzuwenden. Alles konnte sowohl gut als auch schlecht ausgehen. Sie durfte sich die Schwierigkeiten, in denen sie steckte, nicht zu Herzen nehmen. Nur durchhalten. Allein das zu schaffen kann einem das Gefühl geben, etwas geleistet zu haben. Als ob man seinen Körper vor einer Krankheit bewahrt. Als ob es nur darum ginge, gesund zu bleiben, sich nicht mit neuen Krankheitskeimen anzustecken. Mit all dem konnte man sich in gewisser Weise beruhigen, Halt finden. Aber der Körper kann sich nicht gegen mehrere Krankheiten gleichzeitig zur Wehr setzen. Also? Musste sie für sich bleiben.
