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Lehrer Nünlist erwägt eine Urschreitherapie, Frau Brenzikofer setzt auf einen Lottogewinn, aber warum wirft Klara in einer kalten Januarnacht ihre Tasche in den Fluss? So verschieden die Personen in 'Vor dem Tunnel' sind, sie werden alle getrieben von Sinnsuche, Sehn-Sucht und Selbstzweifeln. "Also", sagt die Kioskfrau. "Das mit Ihrem Mann ist ja wirklich kaum zu glauben. Ich muss ständig daran denken." "Danke." Frau Brenzikofer bemüht sich um einen betrübten Gesichtsausdruck. "Ist auch schon wieder zwei Monate her. Die Zeit fliegt ja nur so." (Aus: 'Am Kiosk') "Wissen Sie, am zweiten Montag im November gehen wir immer nach Rorschach und von dort mit dem Bähnlein nach Heiden hinauf. Dort essen wir dann immer Wild." Je länger er erzählt, desto mehr kommt es Livia vor, als verfolge sie eine Seifenoper. (Aus: 'Der Banknachbar')
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Ruth Siegenthaler liest und schreibt seit früher Jugend leidenschaftlich. Nach der Ausbildung zur Sekundarlehrerin phil. I studierte sie englische Soziolinguistik und Philosophie. Daneben reiste sie als freiberufliche Musikjournalistin durch die Welt und unterrichtete Französisch, Englisch und Deutsch. Sie lebt und schreibt in Luzern und unterwegs.
Abschied von Lotti
Blodikold
Der Banknachbar
Die einspurige Strasse
Der Kastanienbaum
Am Kiosk
Konjunktiv II
Die Linde
Der Nussgipfel
Roland
Der Selfiemacher
Und die Schildkröten hocken träge
Vor dem Tunnel
Der Urschrei
Weihnachtsparabel
Wiedersehen
Zinkenkrieg
Der letzte Zug
„Frau Sollberger?“
„Ja!“
Ich stand auf und legte die Illustrierte auf das Tischchen zwischen mir und einem Paar im fortgeschrittenen Alter.
„Fröhlicher, grüezi.“ Der schlanke, grauhaarige Mann im weissen Kittel, mit grauem Schnurrbart und Hornbrille, reichte mir seine rechte Hand zum Gruss. Mit der linken machte er eine einladende Bewegung, ihm zu folgen. Im Geiste registrierte ich seine schlanken, warmen Finger. Eine richtige Chirurgenhand, dachte ich, der ich Lotti wohl getrost anvertrauen konnte.
„Nun“, sagte er, als wir einander im Sprechzimmer gegenübersassen. „Sie kommen aus S.? Sind Sie über den Brünig gereist?“
„Nein, durchs Emmental. Ich finde die Landschaft so beruhigend, wissen Sie.“
„Das stimmt, das finde ich auch.“, gab er mir recht.
„Und warum kommen Sie zu uns nach Thun?“
„Wegen des Stockhorns.“
Dr. Fröhlichers Stirn legte sich in Falten, er zögerte, schien zu überlegen und wiederholte:
„Wegen des Stockhorns?“
„Ja, wissen Sie, das ist mein Lieblingsberg und ich bin sicher, dass es sich positiv auf meine Heilung auswirkt, wenn ich nach Thun komme. Hier hat es eine ganz besonders gute Energie. Ich habe immer gesagt, wenn ich einmal ins Spital müsse, dann nur nach Thun oder überhaupt nicht.“
„So, so.“
Dr. Fröhlicher bewegte die Maus auf seinem Pult und suchte etwas auf seinem PC.
Im Geiste lüftete ich den Hut vor meiner Hausärztin, Frau. Dr. Märki. Hatte sie meine Daten so schnell schon nach Thun geschickt?
„Hier“, sagte er in meine Gedanken hinein. „Ich schaue gerade, ob... - Wir haben hier in Thun im Moment eine Bilderausstellung zum Stockhorn ... - ‚Das Stockhorn, der andere Berg‘. Wenn sie noch läuft, dann könnten Sie ja ... - oh, ich sehe gerade, sie ist am 24. Dezember, vor drei Tagen erst, zu Ende gegangen.
„Schade. Aber wissen Sie, ich mache jetzt einen Malkurs; dann kann ich es ja selber einmal malen.“
„Und Sie kommen also wegen Ihrer Schilddrüse zu uns?“
„Ja. Ich habe hier diesen Kropf.“ Ich legte meinen Kopf in den Nacken.
„Der ist nicht zu übersehen.“
Dr. Fröhlicher stand auf, trat hinter mich und umfasste meinen Hals mit beiden Händen, als wollte er mich würgen.
Er nickte bloss und setzte sich wieder.
„Und wann wollen Sie kommen?“ Er nahm eine kleine Agenda aus der Brusttasche seines Arztkittels. Ein Arzt und eine so kleine Agenda, dachte ich.
„So Ende Februar.“
„Erst?“
