Vorgestern im Teufelsmoor - Herma Brockmann - E-Book

Vorgestern im Teufelsmoor E-Book

Herma Brockmann

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Beschreibung

Auf unserer Lebensreise haben wir bisher ja immer eine Handbreit Wasser unter dem Kiel gehabt - möge es noch lange so bleiben!

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Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für die Seute Deern

mit einem späten Dank

für ihre nie endende Geduld und Fürsorge

Inhalt

DAS TEUFELSMOOR

GNARRENBURG 21

DIE SIPPE

TO HUS

KNIRPSE

STAATSCH KLEDAASCH

»MUTTI, WAS IST EIN WELTKRIEG?«

EIN LAND IN SCHUTT UND ASCHE

DIE WÄHRUNGSREFORM

MANCHE MÖGEN’S KLUG

AUFGERAPPELT

VIRTUELL UNTERWEGS

WENN EINER EINE REISE TUT …

FESTE FEIERN

ADSCHÜSS!

WARUM NICHT MAL HINFAHREN?

ANHANG 1 – REZEPTE

ANHANG 2 – BAUERNREGELN

Märchenstunde mit Oskar

»Es war einmal

… eine turbulente GGG (Gnarrenburger Gören-Gruppe), die sich vor langer Zeit mitten im Krieg auf einen Lebensweg begab, der so ganz anders aussah als der ihrer Eltern.

Alle Mitglieder machten ihre ersten Schritte und Erfahrungen in einer Epoche, in der mehr denn je gelitten, gehungert und gestorben wurde und die man heute als das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte beschreibt.

Gut war sie also wirklich nicht, diese alte Zeit um 1940, aber die GGG hatte Glück!

Trotz Gefahren und Entbehrungen durfte sie eine fast normale Kindheit erleben, die ein gütiges Schicksal, elterliche Fürsorge und das Wohlwollen einer ganzen Dorfgemeinschaft ermöglichten.

Eine kurze Reise ins Land von Vorgestern soll ein paar Schlaglichter auf den Alltag dieser Heranwachsenden in und um Gnarrenburg werfen, die selbstverständlich auch das beherrschten, was alle Kinder können: Unumgängliches akzeptieren, daraus möglichst viel Vergnüglichkeit ziehen und so auch schlimme Zeiten einigermaßen wohlbehalten überstehen.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute …«

DAS TEUFELSMOOR

»Ich komme aus dem Teufelsmoor!«

Diese Aussage verwandelt immer wieder schlagartig Gesichtsausdruck und Körperhaltung meiner Gesprächspartner in Fragezeichen.

»Teufels… was …?«

»TeufelsMOOR! Liegt in Norddeutschland, und Gnarrenburg, wo ich 1940 geboren bin, ist mittendrin!«

»1940? Im Krieg also?«

»Richtig! Und auch noch im eisigen Winter.«

Man hört mir zu.

Ein so gruseliger Name, auch wenn er ursprünglich mit dem Teufel gar nichts zu tun hat, schindet immer wieder Eindruck!

Vielleicht wundert man sich auch, wie ich es geschafft habe, relativ unbeschadet meine Kindheit auf der falschen Seite einer wahrlich explosiven Geschichte zu durchsegeln.

Ehrlich, da staune ich selbst!

Meine Freunde und ich müssen rührige Schutzengel gehabt haben, die uns, mit tatkräftiger Unterstützung durch Angehörige und Nachbarn, geschickt durch eine besonders heiße Phase europäischer Vergangenheit bugsiert haben.

Gruselig? Das Teufelsmoor?

Nö, eigentlich nicht!

Höchstens ein büschen, und zwar gerade genug, um einer zauberhaften Landschaft noch einen pikanten kleinen Extrakick zu geben, denn spannende Erzählungen von Torfhexen und gespenstischen Irrlichtern beflügeln ordentlich die Neugier.

In diesem Zusammenhang faszinieren vor allem Berichte über gelegentlich entdeckte Moorleichen, von denen einige sogar nach Jahrtausenden noch Hinweise auf Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand der Verunglückten, Strafversenkten oder Geopferten erlauben.

Die letzten Funde wurden in den Jahren 2000 und 2005 im Uchter Moor gemacht, als Überreste der um 650 v. Chr. wahrscheinlich im Alter von 15 Jahren verstorbenen »Moora« auftauchten. Die Todesursache der ältesten Moorleiche Niedersachsens konnte zwar nicht genau festgestellt werden, aber es gibt solide Anzeichen dafür, dass das junge Mädchen regelmäßig wiederkehrenden Hungerzeiten ausgesetzt gewesen sein muss.

Auch der stellenweise unter einem forschen Schritt leicht wackelnde Moorboden heizt die Fantasie an bei der Überlegung, wie weit man denn wohl schlimmstenfalls in ihn einsinken könnte, denn das Moor hält Eindringlinge bekanntlich eisern fest! Die Tatsache, dass jede Leiche ewig in der braunen Brühe konserviert wird, verschafft bei solchen Abwägungen gar keine Beruhigung!

Wenn auch Mini-Gruselfaktoren wie diese Spannung bringen, so ist jede Sorge um die Sicherheit von Besuchern des größten besiedelten Feuchtgebietes Deutschlands absolut unberechtigt. Auch der Teufel hat mit der Gegend gar nichts zu tun, denn die Bezeichnung »duves Moor« (taubes Moor, für Bauern unbrauchbar) hat sich nämlich erst allmählich zum »Düvelsmoor« für die noch vor wenigen Jahrhunderten als unbewohnbar geltende Gegend entwickelt.

Dieser wilde Zustand änderte sich erst, als um 1750 der Kurfürst von Hannover die Kolonisation der feuchten Wüste zwischen Wümme und Hamme beschloss, bei der der spätere Moorkommissar Jürgen Christian Findorff (1720–1792) eine immer wichtiger werdende Rolle spielte. Offensichtlich vereinte dieser freundliche Mann alle für die schwierige Aufgabe benötigten Gaben, wie Weitsicht, ehrliches Interesse an Menschen, Gerechtigkeit, Diplomatie und ein geniales Organisationsvermögen.

In Interviews will man gelegentlich wissen, welche Person, tot oder lebend, der Befragte gern treffen möchte, hätte er einen Wunsch frei. Ich glaube, Mahatma Gandhi wird in diesem Zusammenhang am meisten genannt, aber bei aller Bewunderung für den asketischen, erfolgreichen Inder würde ich mich für Herrn Findorff entscheiden! Wenn man den Schilderungen glauben darf (kann man das?), dann hätte ein so motivierter und erfolgreicher Verwalter auch noch heute viele hilfreiche Ratschläge auf der Pfanne, und das nicht nur für Nordlichter!

Aber zurück zum respektierten und später sogar verehrten »Vater aller Moorbauern«. Er interessierte Knechte und Mägde, Tagelöhner und Häuslinge, Handwerker und arme zweitgeborene Bauernsöhne ohne Aussicht auf einen eigenen Hof für das unwirtliche Gebiet, indem er ihnen lebenslange Freistellung von Militärdiensten und erleichterte Steuerzahlungen versprach und ihnen außer einem großen Stück Land auch eine aus Bauholz, Getreide und Obstbäumen bestehende Starthilfe zuteilte.

Das Grab des Jürgen Christian Findorff in Iselersheim. Er wurde am 22. Februar 1720 in Lauenburg/Elbe geboren und starb am 31. Juli 1792 in Bremervörde. Quelle: Stadt Bremervörde

Der Bau von schornsteinlosen Katen für Menschen, Tiere und Vorräte konnte also von mutigen Siedlern in Angriff genommen werden, wobei man sich nicht mit langen Vorbereitungen aufhielt. Es ist einleuchtend, dass die so im Schnellverfahren entstandenen Behausungen dann auch entsprechend primitiv ausfielen: Sie bestanden aus nur einem Raum mit offener Feuerstelle, deren Rauch, Qualm und Gestank nur durch die Tür und das einzige Fenster abgeleitet werden konnten. Musste man also wählen zwischen Ersticken und Erfrieren?

Es war zwar vorgesehen, diese gesundheitsschädlichen Unterkünfte schnellstmöglich durch solide Häuser zu ersetzen, aber nicht oft konnte dieser Verbesserungsplan verwirklicht werden mit der Folge, dass die meisten Bewohner für lange Zeit in unguten Lebensumständen festsaßen.

Abgesehen von der Gefahr für Leib und Leben sackten die wenig stabilen Bauwerke auch nicht selten nach und nach in den weichen Boden ab, sodass ich mich frage, ob Beten und Hoffen die Katen aufrecht hielten oder wie oft sie abgestützt, renoviert oder sogar ersetzt werden mussten.

Eine Vielfalt von mehr oder weniger erfolgreichen Entwässerungsmaßnahmen und das Ausheben von schiffbaren Kanälen folgte, aber trotz aller Anstrengungen gab es immer wieder Überschwemmungen, die nicht nur Wiesen und Weiden unter Wasser setzten, sondern auch noch die ärmlichen Behausungen fluteten.

Das Leben in einer unerschlossenen feindlichen Landschaft, im Matsch und in kalten, verrußten Buden war schon hart genug, aber ein Unglück kommt ja bekanntlich selten allein: Die »offiziellen Kolonisten« waren der Rage von schon ansässigen »wilden Siedlern« ausgesetzt, die sich eigenmächtig Land unter den Nagel gerissen hatten und die neue Konkurrenz anfeindeten, indem sie deren Katen zerstörten, Werkzeuge und Tiere stahlen und frisch ausgehobene Gräben wieder zuschütteten.

Es sieht so aus, als ob’s mit der uns Deutschen oft angedichteten Autoritätshörigkeit noch nicht weit her war, denn immer wieder rebellierten Dorfbewohner gegen die Anweisungen »von oben« und hielten so den Betrieb der Besiedlungspolitik auf: Der wilde Norden!

Trotzdem: Die Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe müssen funktioniert haben, denn sonst hätten die Menschen derartige existenzielle Herausforderungen nicht so erfolgreich bestehen können.

In einer so extrem verkehrsfeindlichen Umgebung hätten auch die Transportprobleme einzelner Pioniere ohne die Unterstützung durch andere nicht bewältigen werden können. Da es noch keine festen Wege gab, konnte nur mithilfe einer einigermaßen gut funktionierenden Nachbarschaftshilfe alles Lebensnotwendige herbeigeschleppt werden, denn nicht selten musste selbst das Baumaterial auf dem Buckel befördert werden.

Transporte in Kähnen waren zwar in einigen Gegenden möglich, allerdings nicht im Winter, denn dann froren auch die wenigen erschlossenen Wasserwege regelmäßig zu. Erst Anfang des letzten Jahrhunderts gab’s feste Straßenanbindungen für viele Ortschaften, in denen zuvor die Familien im Winter in ihren feuchtkalten und verrußten Katen auf eisigem Boden festsaßen. Dann musste sogar der verstorbene Opa bis zum nächsten Tauwetter in der Scheune zwischengelagert werden …

Aber nicht nur die kalte Jahreszeit, sondern auch die Sommermonate konnten ungemütlich werden, denn Ungeziefer breitete sich ungebremst aus, und außerdem reicht im Moor bei Trockenheit ein Fünkchen für das Entzünden von weitflächigen Feuersbrünsten, die dort ganz besonders tückisch sein können, weil sie oft unentdeckt unterirdisch weiterbrennen.

Es fehlte auch an sauberem Trinkwasser. Das aus Moorbächen und Gräben entnommene Wasser war eigentlich ungenießbar und neben mangelnder Hygiene ein Grund für die Ausbreitung von Krankheiten, denen viele der entkräfteten Menschen zum Opfer fielen.

Bei so viel Not, Krankheit und Armut wurde die Frage eines Schulbesuchs für die Kinder, die ja immer und überall mithelfen mussten, natürlich gar nicht erst gestellt. Selbst Findorff, überzeugter Verfechter des Schulwesens, konnte in den Betteldörfern kein Interesse fürs Lernen erwecken, denn der harte Überlebenskampf erlaubte einfach keine zusätzlichen Belastungen.

Selbst noch um 1800 schien der Widerwille gegen Schulbildung unbesiegbar, aber schließlich konnte man sich doch auf einige Winterschulen einigen, da während der ruhigeren Monate die Bauern leichter auf die Arbeitskraft der Kinder verzichten konnten.

Ja, sie hatten’s nicht leicht, unsere bettelarmen Vorfahren in ihren grob gewebten Kleidern und selbst geschnitzten Holzschuhen. Wir schulden ihnen Dank für ihre Pionierdienste, und großen Respekt!

Und stolz sein können wir auch auf sie!

Die eindrucksvolle Plastik »Menschen im Moor« kann man in Bremervörde bewundern.Quelle: Stadt Bremervörde

Mehr Information:

Moorkolonisierung

https://de.wikipedia.org/wiki/Moorkolonisierung

Teufelsmoor - ARD 1983 - Miniserie in 6 Teilen

http://www.fernsehserien.de/teufelsmoor

Von 1769 bis 1790 wurde der Oste-Hamme Kanal …gebaut

http://www.klenkendorf.net/klenkendorf/oste-hamme-kanal/

»Den Eersten sien Dood, den Tweeten sien Noot, den Drüdden sien Broot«

Wenn man heute über die gepflegten Straßen von Gnarrenburg nach Worpswede (eine der ältesten Routen durch das Moor) fährt und dabei die sauberen Häuser mit ihren ordentlichen Gärten bewundert, fällt es schwer, sich das elende Leben und die Opfer derer vorzustellen, die die Gegend vor so vielen Jahren erschlossen haben.

Leichter verständlich ist dagegen, dass diese reizvolle Gegend mit ihrem besonderen Licht, den tiefen Wolken und dem etwas schwermütigen Charme in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Maler und Dichter so faszinierte, dass sie sich in der Gemeinschaft von Torfbauern in und um Worpswede ansiedelten.

Eine beeindruckende Invasion legte den Grundstein für die mittlerweile weltberühmte Künstlerkolonie: Worpsweder Museen, Kunst- und Kulturstiftungen, Galerien und Ateliers, Cafés, Restaurants und Parkplätze werden an Wochenenden und in der Hochsaison geradezu überrannt von Touristen und Kunstliebhabern. Manchmal ist es gar nicht so einfach, einen Parkplatz oder einen freien Tisch zu ergattern.

Kunst in Worpswede .Quelle: Maren Arndt

Naturfreunde, die es gern ruhiger haben, finden in der Gegend um Gnarrenburg auch schnuckelige Kneipen und Wanderwege in stillen, geheimnisvollen Gebieten voller Heidekraut, Moorbirken, Torfmoos, Schilf und Wollgras, in denen viele Enten und seltene Vogelarten leben und ihre Jungen aufziehen. Auch die verschiedensten Libellenarten fühlen sich wohl in dieser Umgebung.

Bis vor Kurzem war diese Idylle übrigens ernsthaft bedroht durch Pläne, noch mehr riesige Moorflächen leer zu räumen und so über Jahrtausende gewachsenen (circa einen Millimeter pro Jahr) Torf maschinell in wenigen Augenblicken per Automaten aus dem Boden zu reißen.

Ein solcher Raubbau hätte nicht nur den Bewohnern der Umgebung das Leben schwer gemacht, sondern auch den regionalen Wasserhaushalt belastet und einen wichtigen CO2-Speicher neutralisiert. Auch das Klima, das laut einer amerikanischen Studie vom März 2013 heute schon wärmer ist als zu irgendeinem Zeitpunkt in mindestens 4000 Jahren, wäre noch zusätzlich aufgeheizt worden.

Und nun die Sensation: Nach jahrelangen Auseinandersetzungen wurde im Herbst 2012 über alle Parteigrenzen hinweg beschlossen, den großflächigen industriellen Torfabbau zu beenden!

Die Vernunft hat gesiegt! Das macht Hoffnung!

Natürlich holte man auch in unserer Kindheit schon Torf aus dem nassen Boden, aber der Abbau war kaum automatisiert und interessierte uns nicht mehr als Omas Hühnerauge.

Wie konnten wir denn auch ahnen, dass eine durchrationalisierte und über große Landstriche schwappende Demontage das Paradies unserer Kindheit eines Tages bedrohen würde, in dem wir noch nach Herzenslust toben und über im Sumpf stehende Bulten (Büschel) springen konnten?

Für uns war nur wichtig, nicht ins Wasser zu fallen und am Nachmittag rechtzeitig nach Hause zu laufen, denn bei Dunkelheit passieren im Moor ja bekanntlich seltsame Dinge …

»Mit jedem Moor, das wir erhalten oder in seinem Zustand verbessern, tragen wir durch die Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen aus Mooren aktiv zum Klimaschutz und gleichzeitig zur Erhaltung der biologischen Vielfalt bei.«

Quelle: Das Niedersächsische Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz

Dat is jo wiet un siet bekannt, dat wi meistens plattdütsch schnackt opt Land

Ich bin »zweisprachig« aufgewachsen, denn mit meiner Mutter und deren Familie sprach ich Hochdeutsch, mit Oma und Opa Brockmann und einigen Cousins dagegen schnackte ik platt.

Im Dorf war diese Sprachkombination völlig normal und wäre auch nicht erwähnenswert, wenn sie nicht für viele Kinder zu saftigen Problemen in der Schule geführt hätte, wo möglichst piekfeines Hochdeutsch angesagt war.

Einen zusätzlichen Tritt erhielt das gemütliche, sehr originelle und oft an Deutlichkeit nicht zu überbietende Plattdeutsch auch durch die Ankunft der vielen Flüchtlinge, die uns Einheimische nicht verstanden. Und wir sie auch nicht.

Ohne ein Minimum an Hochdeutsch ging’s also nicht, denn Frau Keehnichsberrch und Frau Gnarrenburg hatten eh ihre liebe Not, sich über die Nutzung des Waschkessels zu einigen. So richtig gut verknusen konnte man sich nämlich anfangs nicht.

Wer konnte, redete also vornehm, wobei allerdings weiterhin über den s-pitzen S-tein ges-tolpert wurde, was das Zeug hielt – wie es ja auch Loki Schmidt zeitlebens tat. Eigentlich hatte ich die unlogischen Zischlaute statt des edlen s-t nicht übernehmen wollen, aber als eines Tages meine kleine Tochter auf einen s-pielenden Hund hinwies, war der Moment der verbalen Kapitulation – in ihrem Interesse – auch für mich im Jahre 1964 gekommen.

Interessanterweise war ich wohl nicht die einzige, die zu der Zeit endgültig aufs Hochdeutsche umstieg, denn Platt ging seit den 60ern immer schneller den Bach runter. Glücklicherweise hat sich die Sprache von Oma und Opa inzwischen teilweise den ihr zustehenden Respekt zurückerobert, denn eine bessere Möglichkeit für Klartext gibt es schließlich nicht! Warum denn auch drum herumreden, wenn man so einfach und bei Bedarf auch in unnachahmlicher Grobheit direkt auf den Busch kloppen kann?

Selbstverständlich gibt es auch viele Ausdrücke von Zärtlichkeit, wie zum Beispiel den Kosenamen »Schietbüdel«. Übersetzen sollte man hier besser nicht, sondern einfach nur darauf hinweisen, dass auch unsere (zweite) Moderspraak verschmitzte Begriffe für einen liebevollen und traulichen Umgang miteinander bietet.

Leider habe ich in den letzten Jahrzehnten überhaupt kein Plattdeutsch mehr gesprochen und beherrsche daher unsere Seelen streichelnde Mundart kaum noch. Sogar meine tolerante Oma hatte eines Tages die Nase voll von meinen stümperhaften Konversationsversuchen: »Deern, laat dat wesen mit din Plattdütsch!«

Okay, wenn das so ist …

Mehr Information:

Grete Hoops erzählt auf Plattdeutsch lustige und auch nachdenkliche Erlebnisse

Isensee Verlag - http://tinyurl.com/k4rgynb

Plattdeutsches Wörterbuch im Internet

www.deutsch-plattdeutsch.de

»Platt is cool«

Nur noch ungefähr zehn Prozent der älteren Niedersachsen sprechen Platt, bei den Jungen sind’s sogar nur unter fünf Prozent. Die Frage nach dem Weiterbestand unserer alten und so besonders heimeligen Sprache ist also berechtigt.

Der Erhalt wird nicht einfach sein, aber es gibt durchaus Bemühungen, sie aus dem Tal zu schnacken: In einigen Schulen wurde das Wahlpflichtfach Niederdeutsch eingeführt, und in einem Hamburger Krankenhaus spricht man Platt mit älteren Patienten in der Hoffnung, ihnen dadurch ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln und die Heilung zu beschleunigen.

In diesem Zusammenhang ist vielleicht auch eine Initiative aus der Wallonie/Belgien interessant, die das aussterbende Wallonisch vor dem Vergessenwerden bewahren will.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war Wallonisch, ein galloromanischer Dialekt mit germanischem Spracheinfluss, die vorherrschende Sprache, vor allem natürlich in der Wallonie, aber auch in einigen benachbarten Regionen Frankreichs.

Obwohl es durchaus Bemühungen gibt zum Erhalt des gestrigen »Saveur et Chaleur« einer alten Sprache, und zwar durch Bücher und Zeitschriften, Amateurtheater und spezielle Radiosendungen, ist auch diese linguistische Tradition bedroht.

Im Mai 2013 hat also Marc Bolland, Bürgermeister von Blegny (Provinz Lüttich), im Rahmen einer Pressekonferenz den Vorschlag gemacht, Wallonisch in Schulen zu unterrichten, wenn auch zunächst nur auf freiwilliger Basis.

Dieser Vorstoß erntet zwar erheblichen Zuspruch, führt aber verständlicherweise gleichzeitig auch zu der besorgten Überlegung, ob nicht das Erlernen europäischer Sprachen wichtiger für den beruflichen Erfolg der Kinder ist.

Außerdem ist nicht klar, ob man genug qualifizierte Lehrer finden kann für eine korrekte Weitergabe der Sprache von Eltern und Großeltern, in der jeder gesiezt wird, einschließlich Ehepartner und Haustier.

Und überhaupt: Welcher der verschiedenen wallonischen Dialekte soll’s denn sein?

In Irland und Israel haben wir gesehen, dass gefährdete Sprachen zwar durchaus wiederzubeleben sind, ein so mühsamer Prozess aber nur durch massive Motivation angeschoben und getragen werden kann.

Hebbt wi dat?

Mehr Information:

Platt is cool

http://www.platt-is-cool.de/index.html

Eine Sprache zum Verlieben

Ein lüttes Vokabular:

Ich slah dien Hemd in Flammen!

---> Ich schlag dich windelweich!

»Allens een Övergang!«, see de Bur un prickel sien Fru mit de Messfork.

---> Es geht alles vorüber.

»Eegen bün’k nich, aber wat ick nich will, dat doh’k nich, und wenn ick nich in Saal pissen dörp, will’k öberhaupt nich danzen!«

---> Trotzköpfchen …

»Wi kun’n as Bröder tohopen leeven, wenn du man blots dat verdammte Slagen sien laten würs«, sä de Jung to sien Vadder.

---> Das Unmögliche wünschen

»Allens lichten!«, see de Schipper, dor smeet he sien Fru över Bord.

---> Ballast abwerfen

Plüschmors

---> Hinterteil einer Hummel – und niedliches (Platt-)Wort des Jahres 2010

»Jede Drüppen hölpt«, see de Pismieg un pinkel in’t Watt. ---> »Jeder Tropfen hilft«, sagte die Ameise und pinkelte ins Wattenmeer.

Und hier noch einige besonders fantasievolle Berufsbezeichnungen:

Klütjenbacker – Bäcker

Kaminrutscher – Schornsteinfeger

Mudder Griepsch – Hebamme

Quäkenpuhler – Gärtner

Putzbüdel – Friseur

Pinselquäler – Maler

Mudder Wischmann – Toilettenfrau

Muulklempner – Zahnarzt

Muurklacks – Maurer

Pansenklöhner – Bauchredner

Und zum Schluss ein guter Rat:

»Wenn du nich weißt, ob mir, ob mich, schnack plattdüütsch, denn blamierst’ di nich.«

GNARRENBURG 21

Es war bestimmt ein heikles Unterfangen für den Klapperstorch, mich an einem besonders kalten Märztag des Jahres 1940 heil durch den heißen und rußigen Schornstein unseres Hauses Gnarrenburg 21 in die Arme meiner junger Mutter zu schleusen.

Nach eigener Aussage war sie über unser Treffen sehr erfreut, was man wohl Liebe auf den ersten Schrei nennt (böse Zungen behaupten, dass dem noch entnervend viele und in gesunder Lautstärke folgten).

Meinen Vater habe ich erst sehr viel später kennengelernt.

Die ersten Lebensjahre verbrachte ich also nur mit meiner Mutter, wuchs aber trotzdem nicht in einem Single-Haushalt auf, denn ich war umgeben von Omas und Opas, Tanten, Onkeln, Cousinen, Cousins und Nachbarn. Sie alle erzogen nicht nur irgendwie und mit vagem Erfolg an mir herum, sondern waren auch ohne großes Brimborium zur Stelle, wenn’s irgendwo brannte und wir Hilfe brauchten.

Man hielt eben zusammen im Dorf und half sich gegenseitig. Diese selbstverständliche Unterstützung findet man möglicherweise öfter in Gemeinschaften, in denen jeder den anderen kennt.

Oder lag’s am Krieg?

Oder weil Wenig und Nichts leichter zu teilen sind als Viel?

Oder an der schlichten und allgemein akzeptierten Tatsache, dass »man ein ganzes Dorf braucht, um ein Kind zu erziehen«?

Wahrscheinlich trugen die genannten und noch ein paar andere Bedingungen dazu bei, dass es uns trotz Armut und Knappheit an nichts Wesentlichem fehlte.

Frieden kannten wir Kinder ja nicht und konnten mit dem Begriff auch nur wenig anfangen. Ein solcher Zustand gehörte bestenfalls ins Reich von Märchen und Sagen, in denen ein Frosch zum Prinzen wird, ein Rumpelstilzchen sich selbst in der Mitte durchreißen kann und Butter ohne Bezugsschein zu kaufen ist.

Geschichten »von früher« waren daher auch die Renner, die meine Mutter mir immer wieder erzählen musste. Ich war stumm vor Staunen über eine Vergangenheit, in der man Waren und Lebensmittel auswählen und einfach so kaufen konnte. Wie glücklich mussten die Menschen gewesen sein, dachte ich voller Ehrfurcht.

Volle Regale in den Geschäften hatte ich noch nie gesehen, und man munkelte sogar, dass die ohnehin schon knappen Rationen noch weiter reduziert werden sollten: zusätzliche Mühe und noch mehr Risiken beim Durchwursteln und zeitraubenden Hamstern.

Dabei hatten wir noch Glück, denn bei uns im Dorf wurde nicht gehungert, soweit ich mich erinnern kann. Alle Familien nutzten die Ernten ihrer Gärten und waren sehr geschickt in der Verwaltung von Proviant, und zwar ohne Kühlschränke und Tiefkühltruhen.

Es ist wirklich bewundernswert, wie unsere Mütter und Großmütter es geschafft haben, den mageren Lebensmittelvorrat so optimal zu bewahren, dass nichts verdarb: Alles gerade noch irgendwie Essbare wurde fix zu Klopsen oder Eintöpfen verarbeitet und sofort verspeist.

Lagerbare Lebensmittel kamen in die wohl in allen Häusern vorhandenen Speisekammern, in denen vergitterte Fenster für Frischluftzufuhr sorgten und gleichzeitig Eindringlinge draußen hielten. Außerdem gab’s ja auch noch die kühlen Keller, in denen im Sommer leicht Verderbliches länger haltbar blieb und in denen sich im Winter die Regale unter Gläsern mit Eingemachtem bogen.

Viele Familien vergruben auch Teile ihrer Ernte in Erdmieten (Vorratsgruben), aus denen sie sich im Winter nach Bedarf den jeweils benötigten Vorrat ausbuddelten und ihn dann vor der Zubereitung mit viel Wasser reinigten, von dem es glücklicherweise ja genug gab.

Ich bin davon überzeugt, dass nur diese gut durchdachten und umsichtigen Regelungen sichergestellt haben, dass meine Mutter mir den gewünschten Spinat kochen und Kartoffelpuffer mit Apfelmus servieren konnte, wann immer ich darauf Appetit hatte. Schließlich erwartete ich, wie alle meine Freunde, jederzeit einen gut gefüllten Teller, und kein Kind machte sich irgendwelche Gedanken darüber, welchen Preis die Erwachsenen dafür zu zahlen hatten.

Ob in Hamburg oder in Gnarrenburg – wer hätte sich in einer solchen Notsituation vorstellen können, dass man heute aus einem verwirrenden Überangebot von fast 200 000 Produkten in den Supermärkten wählen darf? Und dass außerdem auch noch ein unanständig hoher Anteil dieser Lebensmittel auf dem Müll landet?

Vorgestern hätte ein solches Ausmaß an Verschwendung selbst die allerkühnste Fantasie total überfordert.

DIE SIPPE

die Seute Deern und die anderen Omas und Opas

Vor nicht allzu langer Zeit war es noch völlig normal in meiner Gegend, dass mehrere Generationen unter einem Dach lebten.

Klar, manchmal gab es Stunk in der Bude, aber es hatte auch eine Menge Vorteile, vor allem für Kinder: Es war immer jemand da, bei dem man sich ausheulen oder der einem helfen konnte.

Ja, diese Lebensform hört sich heute beschaulich an, aber leider war ein solches System des Zusammenseins für viele Alte und Kranke nicht immer angenehm, denn sie waren vollständig vom guten Willen ihrer Angehörigen, Kinder und vor allem der Schwiegerkinder abhängig. Wenn die Kräfte der »Oma fürs Grobe« nachgelassen hatten, wurde sie oft nicht im Zweifel darüber gelassen, wie lästig sie war und dass man mit dem Geld für ihren Unterhalt auch Besseres anfangen könnte.

Für unsere Pusoma (Mutter von Opa Brockmann) gab’s allerdings kein Problem mit mangelnder Autorität, im Gegenteil! Sie hatte den Ruf einer Respektsperson, an die ich mich allerdings nur noch schemenhaft erinnere. Man hat mir erzählt, dass sie an Asthma litt und ihr Zimmer deswegen vollgestopft war mit getrockneten Heilpflanzen, mit denen sie sich selbst behandelte. Wie schade, dass das Wissen einer offensichtlich kenntnisreichen Kräuterhexe so spurlos verloren gegangen ist.

Oma Steinberg, die Mutter von Oma Brockmann, habe ich dagegen noch in ziemlich klarer Erinnerung, obwohl ich sie nicht so oft sah, denn sie lebte im benachbarten Brillit. Eigentlich war ich ziemlich stolz auf die plietsche Alte mit ihrem trockenen Humor, die sogar im Alter von über 90 Jahren noch zu Fuß regelmäßige Besuche bei ihrer Tochter in Gnarrenburg machte (drei Kilometer Luftlinie) und auch abends wieder allein durchs Eichholz zurückmarschierte. Bloß kein Gedöns!

Oma Brockmann,

… von meinen Kindern die »Seute Deern« genannt, war eine meiner wichtigsten Bezugspersonen. Sie hatte eine wirklich endlose Geduld mit ihren Enkeln, und ihre Gutmütigkeit war nicht zu übertreffen.

Leider war ich nicht immer sehr brav, worüber sie sich gelegentlich beklagte, weil ich ihrer Meinung nach »jümmers lieke frech un drauk« war. Sie hatte wohl leider recht, aber nun ist’s zu spät für eine Entschuldigung. Trotzdem, versuchen kann ich’s ja mal: »Tut mir leid, Oma!«

Zwar fuhr sie nicht »im Hühnerstall Motorrad«, aber sie kümmerte sich tatsächlich ums Federvieh und war auch regelmäßig unterwegs. Meistens reiste sie mit dem Zug, bei nicht allzu weiten Entfernungen ging sie problemlos zu Fuß oder stieg einfach aufs Rad, bei Regen auch gern mit aufgespanntem Schirm. Das soll ihr erst mal jemand nachmachen! Wenn ich an mein eigenes Rumgewackel auf dem Drahtesel denke, dann kann ich mich nur schämen und gleichzeitig freuen, dass Oma das Trauerspiel nicht sieht!