Vorhof - M.T. Schobach - E-Book

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M.T. Schobach

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Beschreibung

Sommerferien, ein Jahr vor dem Abitur. Ein Gefühl von Freiheit, verliebt sein und vielen Möglichkeiten sich die Welt zu erobern. Doch plötzlich ist alles anders. Ein junger Mann muss sich selbst und seinen düsteren Dämonen stellen. Schon bald gerät er in einen selbstzerstörerischen Strudel aus Schuld und Sühne. Eine Geschichte über Gewissen, Hass und verspielten Hoffnungen. Kann Schuld vergeben werden? Kann man sich und anderen verzeihen oder zerbricht man daran?

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Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2016

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M.T. Schobach

Vorhof

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1: Erwachen

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6: Zwischenspiel

Kapitel 7

Kapitel 8: Zwischenspiel

Kapitel 9

Kapitel 10: Zwischenspiel

Kapitel 11: Jägers Erinnerungen

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22: Zwischenspiel

Kapitel 23: Jägers Erinnerung

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28: Zwischenspiel

Kapitel 29: Ultima Memoria

Kapitel 30: Sühne

Danksagung

Impressum neobooks

Prolog

Thomas lag auf dem Rücken und beobachtete träge blinzelnd den klaren Sternenhimmel. Wann immer er die glasigen Augen entspannte, drohten die Lichter der kleinen Himmelskörper, miteinander zu verschmelzen. In jenem Zustand erforderte bloßes Betrachten zu viel Konzentration. Schließlich, einige Augenblicke des Widerstands später, gab er seinen müden Augen nach.

Die Sterne verdoppelten sich innerhalb eines Augenschlags und leuchteten verstärkt auf ihn ein. Das Zirpen der Grillen verschmolz mit der Seele einer lauen Sommernacht. Hauchend, ja beinahe behutsam strich der Wind sanft durch die Blätter und rüttelte leicht an den vollen Ästen, die leise zu rascheln begannen. Sacht fuhr er über die müde und junge Gestalt. In Thomas Magen wirkte eine unbekannte Macht. Denn dem Unterleib schienen Flügel gewachsen zu sein und jene vermehrten das Gefühl der trägen Schwerelosigkeit. Mit schielendem Blick schaute er in das Universum und das gigantische Loch starrte mit Millionen Augen zurück.

In der Ferne dröhnte noch der Bass des Nachtclubs, in dem er sich einen üblen Rausch angetrunken hatte. Dessen Scheinwerfer zauberten gleißende Lichtsäulen und durchstachen das Dunkel. Dank des hellscheinenden Halbmonds konnte er die hektisch umherirrenden Fledermäuse beobachten, die wie dunkle Blitze geräuschlos auftauchten. Sie tranken die Nacht und verschwanden im Nichts. Thomas musste einige Male hilflos blinzeln. Ihre unberechenbaren Flugrouten glichen einem Schattenspiel und versetzten seinen alkoholgetränkten Geist in wohlige Trance. Und so mussten die müden Augen vor den bleischweren Lidern bald kapitulieren. Er seufzte schwer. Unweit hallte der Gesang einer Nachtigall durch das Dunkel.

Sie schien vergeblich zu versuchen, gegen das Geschrei und Getöse dieser vom Feiern trunken und wild gewordener Menschen anzukommen. Das schneidende Klirren und Splittern der achtlos auf den Boden geworfenen Bierflaschen übertönte von Zeit zu Zeit das Gejohle und fügten sich in die disharmonische Symphonie ein. Wie er auf diese abgelegene Lichtung gekommen war, wusste er nicht mehr.

Spielte das überhaupt eine Rolle? Schließlich zählten nur das Ziel und das Ergebnis: Sich ins Nirwana zu katapultieren. Thomas brummte zufrieden. Denn das konnte er als gelungen abhaken. Dennoch spürte er, dass etwas gehörig schief gelaufen war. Zwanghaft versuchte er sich, an Gespräche und an Personen des heutigen Abends zu erinnern. Aber das gelang ihm nicht. Details, Unterhaltungen, all diese Banalitäten bildeten einen undurchsichtigen Malstrom.

Jedoch, in den dunklen Schatten seines Geistes, hinter der angsteinflößenden Kellertür der eigenen Abgründe, lauerte Vergessenes. Verdrängtes. Eingesperrtes. Bedeutendes wollte die Barriere durchbrechen und die Grenze von längst Vergangenem und Gegenwärtigem einreißen. Gewissenhaft setzte er die Rumflasche an, um diesen Weg zu versperren. Er brannte im Abgang wie Feuer. Als er sich hart auf die Zähne biss, erlangte etwas anderes die Aufmerksamkeit von Thomas. Sein Kiefer schmerzte und pochte. Glücklicherweise konnte das dank des hohen Blutalkoholspiegels ausgehalten werden. Eine Schlägerei? Unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen.

Normalerweise verfiel er nie in Aggression, wenn er trank. Normalerweise ist so ein Wort, in dem unglaublich viel Rechtfertigung stecken kann. »Scheiß drauf«, raunte er tapfer mit kratziger Stimme. Er musste sich bestimmt keine Vorwürfe machen. Weshalb denn auch? In der Ferne konnte man die Sirenen eines Rettungswagens oder der Polizei vernehmen, die immer lauter heulten. Es stank nach Verbranntem. Wäre es Tag gewesen, hätte er die dunklen Rauchschwaden, die sich immer mehr empor türmten, beobachten können.

Thomas nahm noch einen tiefen Schluck aus der Rumflasche und musste ein Würgen unterdrücken. Die pure Notwendigkeit brannte in der Kehle und gesellte sich, langsam kriechend, zur Essenz einer wütenden Zecherei. Der Wind gewann an Stärke. Aber nicht weniger zärtlich ließ die Natur seine von Asche geschwärzten Haare hin und her wehen. Wie eine Amme, die sanft und bestimmt ein Kind in den Schlaf wog. Die Sirenen kamen näher und der kakophonische Lärm von eben, gepaart mit dem Kreischen der Leute, verwandelte sich in eine Oper des Entsetzens. Das Jetzt und das Gewesene. Nur ein Traum in einem Traum.

Wir sind nur treibende Stücke eines vielschichtigen Mosaiks. Betrachte die Oberfläche, breche sie auf und grabe, wühle darin. Um das alles zu verstehen, müssen deine Eindrücke, deine Erinnerungen mit mir, mit uns verflochten werden. Gib mir deine Hand.

Kapitel 1: Erwachen

Ich bin die Sühne.

»Der Radiowecker schaltete sich ein und verkatert rieb ich mir die Augen. Kein Mensch hätte bei diesem Gedudel weiter pennen können. Es war 10.00 Uhr in der Früh, das behauptete jedenfalls der Wecker. Verschlafen griff ich nach dem Glas Wasser, das neben meinem Bett auf einem alten und mitgenommenen Nachttisch stand. Zwei Tabletten Aspirin verfeinerten das Getränk. Im volltrunkenen Zustand musste ich sie mir aus dem Badschrank geholt haben und in Gedanken klopfte ich, mich für diese Weitsicht lobend, auf die imaginären Schultern des Egos.

Mir war ein bisschen schwindelig. Es dauerte einen Moment, bis die vom Schlaf getrübten Augen die Verschwommenheit ablegten. Als ich versuchte mich aufzurichten, schoss ein glühender Schmerz durch meinen Schädel und reflexartig fasste ich mir stöhnend an die Stirn. Mit beiden Zeige- und Mittelfingern massierte ich die Schläfen in langsamen, kreisenden Bewegungen, in der trügerischen Hoffnung, dass das helfen könnte. Tat es natürlich nicht. Kopfschmerzen also, und zwar keineswegs diese Art von leichtem Kopfweh, sondern jene, die es einem versuchen begreiflich zu machen, dass man es am Vorabend stark übertrieben hatte. Jene, die einem zu verstehen geben, anflehen, nicht nochmal wild die Nächte durchzumachen.

Ich beschloss heute die Senkrechte zu vermeiden und ließ meinen geschundenen Leib wieder in ins Bett fallen. Die falsche Entscheidung. Achterbahn. Alles drehte sich. Mich an das weiße Laken klammernd, fühlte ich wie der Magen die Kontrolle über meinen Körper übernahm und sich seines Inhalts entledigen wollte. Kurz: Ich musste tierisch kotzen. Na dann guten Morgen. Widerwillig verließ ich das, den Umständen nach gemütliche Bett und taumelte fröstelnd durch den dunklen Flur in Richtung Badezimmer.

Ich spürte nichts, war wie betäubt, zitterte und fühlte mich, wahrscheinlich wegen der harten Matratze, ziemlich gemartert. Ich sank erschöpft auf die Knie. Ohne die Toilettenbrille nach oben zu klappen, übergab ich mich mehrmals. Meine Hände verkrampften an der Schüssel und Tränen stiegen mir in die Augen, als Galle mit hochkam. Im Hintergrund spielte immer noch fröhlich der Radiowecker und entpuppte sich in diesem Zustand als ein grausames Folterinstrument. Eine aufdringliche weibliche Stimme trällerte irgendeinen Nonsens in ihr Mikro. Trivialen Mist, den man so plappert, wenn man übertrieben komisch und unterhaltend sein will. Über das Wetter, ein Fußballspiel der zweiten Liga und andere Lappalien.

Unter Ankündigung wurde das Geplapper von einem geltungssüchtigen Wichser abgelöst. Jemand der offenbar in irgendeiner Schrottshow den ersten Platz erhalten hatte und dadurch zu einem talentierten Musiker geadelt worden war. Ich keuchte vor Anstrengung. Auf meiner Stirn breitete sich kalter Schweiß aus und ich versuchte den wiederaufkeimenden Druck, der vom Magen ausging herunter zu schlucken. Doch nur, um nochmal kotzen zu müssen. Ich erwies mich als äußerst undankbares Publikum und hoffte nicht der Einzige zu sein, der so empfand, aus Angst den Restglauben an die Menschheit zu verlieren. Das Lied hatte ich noch nie gehört. Es hatte jedenfalls gewisse Ähnlichkeiten mit dem Toiletteninhalt. Übertriebene Dur-Töne die meinem Leiden eine besonders zynische Note verliehen. Irgend so ein Techno-Trance-Verschnitt. Morgens um 10:00 Uhr. Herz und Bass schlugen wie wildgeworden im Takt und mir rann der kalte Schweiß in vielen kleinen Tropfen von der Stirn und tröpfelte behäbig auf den Fließboden.

Erschöpfung gepaart mit den schrillen Klängen, brachen meine Moral nahezu vollständig. Halb sitzend, halb liegend blieb ich an das Klo gelehnt. Keine Ahnung, wie lange ich in der mitleiderregenden Position verharrte. Die Marterung ging erbarmungslos weiter. Sie, die schrille Nervensäge animierte die Zuhörer in dieser Sendung anzurufen, um peinliche Belanglosigkeiten aus ihren Privatleben preiszugeben. An die Themen erinnere ich mich nicht mehr. Ging es um Partnerschaft? Freunde? Sex? Hobbys? Partnertausch? Der Druck auf den Schläfen nahm zu und ich realisierte, dass mir ewig nichts mehr so sehr am Arsch vorbei gegangen sein musste.

Das Verlangen in diesem Radiostudio Amok zu laufen und das Bedürfnis jener Sendung eine Art goldener Himbeere zu verleihen hielt sich die Waage. Irgendwann gewann die Resignation. Einige Zeit später, nach dem sich meine Gliedmaßen erholt hatten, überwand ich mich wieder, mich aufzurichten. Ich schraubte den rostigen Wasserhahn auf und zwang meinen Kopf, trotz des eiskalten Wassers, darunter halten. Ich erschrak, obwohl ich mich darauf innerlich vorbereitet hatte. Es brannte regelrecht vor Kälte und ich versuchte, tief ein und aus zu atmen. Das Schwindelgefühl ließ ein bisschen nach und der Drang sich zu übergeben glücklicherweise ebenfalls. Vorerst zumindest.

Ich stemmte mich gegen das Waschbecken und blickte in den Spiegel. Zeitverschwendung. Hilflos versuchte ich, mein Spiegelbild zu betrachten. Es sah aus, als ob jemand mit einer wütenden Faust dagegen geschlagen hätte, völlig zersprungen. An den feinen und zum Teil auch groben Splittern, die es wie eine Eisblume aussehen ließen, klebte Blut. Wie klitzekleine Rubine. Hastig blickte ich auf meine Hände. Nichts. Wenigstens das. Keine Schnitte, noch nicht eine Rötung. Ich sah nur ein groteskes Mosaik, das mich wie ein abscheuliches Wesen darstellen ließ. Düster. Monströs. Auf surreale Art und Weise entstellt. Beängstigend.

Ich strich mir gedankenverloren über das Gesicht und wunderte mich schon rasiert gewesen zu sein. Seltsam. So zerstört wie der Spiegel, konnte ich anscheinend nicht aussehen. Zugegeben, dies wäre auch eine starke Leistung gewesen. Das Bad wirkte beim Verlassen unfassbar klein und die weißen Kacheln erschienen eigenartig bedrohlich in ihrer Passivität. Irritierend und zermürbend. Ich blickte in den dunklen Flur.

Auf keinen Fall wollte ich länger hier stehen, denn alles um mich herum wirkte feindselig. Egal ob Kachel, Spiegel oder Boden. Um den Lichtschalter zu finden, fuhr ich mit der Handfläche die grob tapezierte Wand entlang. Das dauerte eine Weile und Panik machte sich in mir breit. Komisch nicht wahr? Man beginnt immer an der falschen Seite. Klack. Die Glühbirne flackerte erst ein paar Mal, bevor ihr Licht langsam von tiefdunklem Rot zu grell Gelb wandelte. Gepaart mit dem speziellen Klang einer alten Lampe, die seit einiger Zeit nicht mehr benutzt worden ist. Ein hellklingendes und ein wenig schepperndes »Bing!« Ich musste ungläubig blinzeln. Es bot sich mir ein zutiefst verstörender Anblick. Überall lagen Dinge, die längst weggeworfen gehörten oder wenigstens in Kisten verstaut sein sollten.

Ich schwankte durch den Flur, der so eng und bedrohlich wirkte. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, ihn zu durchqueren. Komischerweise fiel mir das erst jetzt auf. Auf dem Weg zur Toilette war mir das überhaupt nicht aufgefallen. Vielleicht existierten diese Dinge vor ein paar Minuten noch gar nicht. Ein surreales Gesamtbild. Überall hingen Fotos. Alte und Vergilbte. Verwaschene. Aber auch einige, die mit einem scharfen Gegenstand bis zur Unkenntlichkeit zerkratzt waren. Beide Wände schienen damit volltapeziert. Ich versuchte wirklich, etwas auf ihnen zu erkennen. Zwecklos. Die anderen Bilder hatten wohl schon vor langer Zeit ihre Farben verloren. Jene wirkten wie eine Bildergalerie aus einem Schwarzweißfilm, aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Keine Ahnung.

Der Fußboden war mit alten Kalenderblättern ausgelegt. In Beige oder ein in diese Richtung ähnelnder Farbton. Als ich sie näher betrachtete, stellte ich fest, dass darunter Zeitungen auf den Boden geklebt worden waren. Nur Titelseiten, zwar konnte ich ein paar Überschriften entziffern, ebenso wie einige Daten, hilfreich schienen sie mir trotzdem nicht. September beispielsweise. Aber auch sie waren kaum lesbar.

Ich ging langsam und mit gedämpften Schritten den Flur entlang, bog links vor dem Schlafzimmer ab und trat in ein geräumigeres Zimmer ein. Dieses sah aus wie das eines Junkies und dabei konnte ich mich nicht erinnern, so ein Dreckschwein gewesen zu sein. Hatte ich Besuch? Viel wichtiger war jedoch die Frage: War das meine Wohnung und die Allerwichtigste und Beschissenste von allen aber war: Wer bin ich?

Ich konnte mich an die gesellschaftliche Lage, Geschichte und das Zeitgeschehen entsinnen. Nur nicht an meine Person, diese schien in der Erinnerung total getilgt. Ein Scheiß Gefühl. Und nicht nur den letzten Abend hatte ich vollkommen vergessen. Alles war wie ausgelöscht. Nur ein dunkler Schatten blieb. Die Identität- ein einziger Blackout. Verflucht. Ich wusste noch nicht mal den eigenen Namen. Kompletter Erinnerungsreset. Ich atmete schwer. Mein Körper fing an unkontrolliert zu zittern, ich musste auf den Teppichboden knien, aus Angst ich könnte umkippen. Ich versuchte, tief und kontrolliert zu atmen. Es half, aber es dauerte, bis das zu wirken begann. Als ich mich aufrichtete, realisierte ich, wie sich der vermeintliche Teppich als fingerdicke Staubschicht enthüllte. Ein beträchtlicher Teil blieb mir auf der schwarzen Hose kleben. Das Wohnzimmer, jedenfalls glaubte ich, dass es etwas in jener Art versuchte darzustellen, befand sich in einem schlechteren Zustand als der Flur. Und wann hatte ich mich überhaupt angezogen? Mochte ich denn dunkle Jeans? In dieser Staublandschaft stauten sich unzählige Dinge.

Die fleckigen Polster eines verdreckten weißen Sofas waren der Länge nach aufgeschlitzt oder aufgerissen worden. Eine Plastikfolie lag seltsam gewickelt darauf. Es lag hilflos da, einem verwundeten Lebewesen gleich. Dessen gelbes Futter verstreute sich über den gesamten Fußboden.

Was war denn nur in mich gefahren? Ein kleiner Fernseher rauschte auf einem Tischlein vor sich hin und auch hier wimmelte es vor Gerümpel, altem Spielzeug, Büchern und anderem Kram. Die einst weißen Wände hatte jemand beschmiert und der Gestank war mehr als fürchterlich, und als ob dies nicht genügte, steckte die Radiofrau in einer Art Endlosschleife fest. Ging man am Fernseher links vorbei, kam man in die Küche. Seltsamerweise war es hier drin sauber. Nein, schon fast steril.

Der Eigentümer, vielleicht war ja ich das, schien wohl zwanghafte Kontraste zu lieben oder wenigstens, für sie zu leben. Freak! Das war der Gedanke des Moments. Kann gut sein, dass es sich um ein experimentelles Yin und Yang Ding handelte. Scheiße, was weiß denn ich? Zurück zur Küche. Auch die hellen Fliesen bildeten einen fast bizarren Widerspruch zum Rest der Wohnung. Ich öffnete den Kühlschrank, machte mich auf das Schlimmste gefasst und versuchte dabei die Luft anzuhalten. Damit hatte ich, aufgrund des Gesamtbildes der Räumlichkeiten nicht gerechnet. Komplett leer und sauber. Es roch nach Chemie. Ein strenger, penetranter Zitronenduft. Ich sah mich langsam um. In den Schubladen befand sich keinerlei Besteck und im kleinen Küchenschrank, ebenfalls in tadellosem Zustand, war auch nichts zu holen. Weit und breit keine Spur von Tellern oder Gläsern. Lediglich eine Tasse und einige Beutel mit verschiedenen Teesorten lagen aufgeräumt auf der Küchenzeile. Packungen von Pfefferminz- und Salbeitee. Aber weder Wasserkocher noch Teekessel schienen in Sichtweite. Wie ungemein praktisch.

Auf dem Fensterbrett stand eine Blume und so wie es wirkte, war sie regelmäßig gegossen worden. Null Ahnung, um was für ein Gewächs es sich dabei handelte. Gärtner oder Biologe konnte ich schon mal keiner sein. Das mittelgroße Fenster zeigte mir, dass es nicht nur in der Wohnung ungemütlich aussah. Grauer Nebel und Dunst, so dicht und tief am Boden, dass ich kaum die Straßen hätte erkennen können. Was für eine resignative Tristesse.

Ich scheute vor dem Gedanken, ins Freie zu gehen. Ich wusste ja noch nicht einmal, in welcher Stadt ich mich befand und wenn ich es gewusst hätte, wäre mir diese Information angesichts meiner Amnesie keine Hilfe gewesen. Hier bleiben wollte ich aber auch nicht. Am liebsten wäre ich nirgendwo. Ich fühlte mich wie ein sinkendes Schiff. Wie etwas, dass langsam ins Dunkel gesogen wird. Hilflos und ohne Besatzung. Verlassen. Dem Untergang geweiht.

Innere Unruhe und aufkeimende Panik schienen die Kontrolle über mich zu nehmen. Musste einfach weg von diesem Ort. Eine Arztpraxis, ein Krankenhaus, danach wollte ich Ausschau halten. Vielleicht auch nach einer Polizeiwache. Mir ging es echt dreckig. Ich musste hier raus. Hatte mir jemand Drogen gespritzt? Oder war ich ein abhängiger Messie und der Zustand meines Körpers sowie der Wohnung, offenbarten einzig das Ergebnis des seelischen Raubbaus, den eine Drogensucht mit sich bringt? Alles schien in einem surrealen Äther gefangen zu sein.

Ich watete hastig durch die absurd wirkende Müllkippe in Richtung Wohnungstür und blieb, als ich mich vor jener befand, wie angewurzelt stehen. Auf der Tür stand in fettschwarzen Großbuchstaben »VORHOF«. Darunter war spielerisch mit roter Farbe ein kleines, lächelndes Smiley, hingekritzelt worden, dessen mittlerweile verschmierte Konturen es ungemein gruselig wirken ließ. Mein erster Gedanke war, ob mich ein psychopathischer Bastard unter Medikamente gesetzt hatte und das alles ein makabrer Streich sein konnte. Möglich wär es gewesen, aber wie ich später herausfinden sollte, traf dies nicht zu. Leider. Naja irgendwie schon, auf eine gewisse Art und Weise. Egal.

Praktischerweise steckte der Schlüssel. In dem heillosen Durcheinander hätte ich ihn nie finden können. Das Türschloss hatte bereits Rost angesetzt und einen kurzen Augenblick lang befürchtete ich, dass es nicht mehr nutzbar sein könnte. Schrill quietschend, so laut, wie ein vor Schmerz schreiendes Tier, ging sie auf und schloss sich ebenso geräuschvoll. Dieser absurd schiefe Klang ließ mir sämtliche Haare zu Berge steigen und eine Welle unangenehmer Kälte fuhr mir den Rücken hinab. Es schüttelte mich regelrecht durch. Das Treppenhaus stand in Staub. Ich sah unzählige Fußabdrücke auf dem einst so hellen Fliesenboden und ein alter Geruch von Ewigkeit hing in der Luft.

Die Wände selbst wurden von einer fusseligen Staubschicht bedeckt. Nicht einmal mit Hilfe einer blühenden Fantasie hätte man die einstige Farbe des Treppenhauses vermuten können. Dunkles grau. War das ungewöhnlich? Vorsichtig ging ich in Richtung Treppe und umfasste das kühle Geländer mit der Furcht im Nacken, ein vermeintlicher Peiniger könnte mir hier auflauern. Argwöhnisch hielt ich inne. Einbildungskraft kann unter Umständen die größte Folter sein.

Ich setzte ängstlich einen Fuß auf die oberste Stufe. »BUMM!« Ein klammes Gefühl breitete sich in der Magengegend aus und ich schämte mich ein wenig für den Angstfilm, der meine Stirn mehr und mehr in Beschlag zu nehmen drohte. Bei jedem Schritt, den ich auf eine Treppe setzte, dröhnte der dumpfe Bass anmutig wie der eines ruhigen Herzschlages sacht hallend durch das Gebäude. Je schneller ich auf die Stufen trat, desto plötzlicher hörte ich den stumpfen Ton dröhnen. Raus, raus, raus. Etage um Etage nahm die Kälte zu. So dass es anfing, leicht auf der Haut zu brennen. Unten angekommen rutschte ich beinahe aus. Der Fußboden des Erdgeschosses war mit einer dicken Schicht Raureif überzogen.

Beim Ein-und Ausatmen bildeten sich kleine weiße Wölkchen. Ich fröstelte sehr und schaute mich um. Ein stinknormaler Eingangsbereich eines Mehrfamilienhauses. Jedoch stach mir eine Deutlichkeit ins Auge. Blickte man zu den Stufen, die zu den Kellerabteilen hinab führten, konnte man glitzerndes Eis erkennen.

Das Eis schien langsam empor zu wandern, die Treppe aufzufressen und drohte bereits einen Teil des Geländers zu überziehen. Was zum Teufel? Ein Spuk in meinem Kopf. Neugierig darüber, was der Grund für diese unnatürliche Kälteentwicklung sein konnte, lugte ich vorsichtig in das eisige Dunkel hinunter. Ich sah, dass die Tür, welche tiefer in das Gewölbe des Hauses führte, völlig verreist und unpassierbar war. Komplett zugefroren. Mir war so kalt. So verflucht kalt. In einer Weise klirrend, dass mein Körper zügellos zu zittern begann. Anscheinend hatte niemand Anstrengungen unternommen, das Eis zu entfernen.

Das konnte, nein, durfte nicht real sein! Mir blieb kaum etwas anderes übrig als mit fassungsloser Ungläubigkeit den Kopf zu schütteln. Das alles hier überstieg meine Vorstellungskraft. Aus Angst, ich könne ausrutschen, tappte ich verwirrt und völlig ungelenk über den vereisten Boden zur Haustür. In der Wand rechts neben dem Eingang war ein Briefkasten eingelassen. Auf seiner kleinen Tür prangte ein schmales Schildchen. Doch der Name, der darauf stehen sollte, war unkenntlich gemacht worden. Die tiefen Furchen deuteten auf einen spitzen Gegenstand hin. Ich war verdutzt. Nur ein Briefkasten? Es dauerte einen Augenblick, bis mich die Erkenntnis traf. Nirgends hatte ich andere Wohnungseingänge gesehen, obwohl ich ja ein paar Etagen hinabgestiegen war. Was war das nur für ein Haus?

Skeptisch schaute ich die Treppe hinauf, doch die sichtlich gewöhnlichen Stufen und Geländer blickten nur stumm zurück. Resigniert zuckte ich mit den Schultern. Hier zu frieren und zu grübeln brachte mich auch nicht weiter und so tappte ich übervorsichtig zum Ausgang. Das gelang, ohne zu fallen. Dankbar trat ich hinaus ins Freie. Erst nach mehreren Schritten viel mir auf, dass die Temperatur um ein Vielfaches angenehmer war, als die des Treppenhauses und das zuckende Schaudern meiner Glieder ebbte ab.

Das Wetter wirkte mild. Jedenfalls um einiges wärmer als in diesem skurrilen Loch. Als ich mich umblickte, um mir ein Bild von meinem Standort zu machen, stellte ich fest, dass es hier keine Farben gab. Das Stadtbild bestand nur aus Grautönen, Weiß und Schwarz. Was sollten Farben überhaupt sein? Ich fühlte mich, wie in einem dieser Noirefilme zurückversetzt. Die Häuser weißgrau, das Gras dunkelgrau und ich hellgrau. In der Wohnung hatten doch Farbtöne existiert, dessen war ich mir fast gewiss.

Eine Welt in Grautönen, wie wunderschön, dachte ich bitter. Farblos und menschenleer. Obgleich es sich um eine Hauptstraße zu handeln schien, konnte ich niemanden ausmachen. Es herrschte völlige Stille, die nur ab und an von dem Krächzen einer Schar Raben unterbrochen wurde. Ich ging ein Stück. Ziellos. Wusste nicht wohin. Der Nebel, den ich verschwunden geglaubt hatte, eroberte sich die Straße wieder zurück und auf einen Schlag war ich ohne Orientierung. Er wurde immer dicker und undurchsichtiger. Waberte träge über den harten Asphalt und umhüllten meinen Körper. Der Schleier machte ein zügiges Vorankommen unmöglich. Ich konnte mich ausschließlich an den Schemen der Laternen orientieren und stolperte ziellos an verlassen aussehenden Häusern vorbei. Sie schienen jeglichem Leben beraubt zu sein. Hohl, wie eine von innen zerfressene Frucht.

Auch nur wegen der blinkenden Reklametafeln fiel mir ein altes Kino auf. Von der Fassade bröckelte bereits der Putz. Der einzige Filmtipp, der auf herausnehmbaren Lettern über dem Eingangstor stand lautete: »Ultima Memoria« - Ein lächerlicher Titel. Wahrscheinlich hätte ich ihn mir nicht angesehen. Ich versuchte etwas, durch das schmale Türfenster zu erkennen. Die Scheiben waren so matt von innen beschlagen, dass es sich als sinnlos herausstellte. Vergebens strich ich darüber, in der Hoffnung doch noch einen Blick in das Foyer werfen zu können. Flüchtig kam mir der Gedanke, gegen die massive Einlasstür zu klopfen, entschied mich aber nach kurzem Hadern schließlich dafür, es gut sein zu lassen.

Verloren legte ich den Kopf in den Nacken. Ein kleiner Tropfen platschte mir auf die Nasenspitze. Es begann leicht zu nieseln und ein ungemütlicher Wind blies mir entgegen. Zu allem Überfluss hatte ich keine Jacke an. Na Super. Eine staubige schwarze Hose, ein Unterhemd, ein weißes, fleckiges Hemd und ein Paar schlichte Halbschuhe. Unter einer wetterfesten Ausstattung verstand man was anderes. Deprimiert schaute ich mich um. Vor den Häuserblocks, die wie leere, verhärmte Gesichter gafften, standen einige Autos. Schrottlauben, die vermutlich irgendwelche Spinner demoliert hatten. Ein paar rostzerfressen. Aber alle schienen einst ausgebrannt zu sein.

Die Bäume, die die Straße umrahmten waren nahezu kahl und die Stämme sahen seltsam brüchig und verrußt aus. Manchmal wirkten sie total zerstört. Es schien, als hätte man versucht, sie anzuzünden. Die Baumrinden waren morsch geworden und wurden von kleinen Rissen durchzogen. Wie zersprungene Marmorplatten. Ich ging weiter die Straße entlang. Begegnete aber weder einer Menschenseele noch konnte ich weit und breit einen Anhaltspunkt für menschliches Leben ausmachen. Abgesehen von diesem Schwarm Raben, die fröhlich auf den Dächern krächzten und mich mit neugierigen Blicken beobachteten, schien die Stadt frei von Daseinsformen.

Jener Umstand ließ die Vögel sonderbar hämisch wirken. Aber das konnte man ebenso gut einer fortgeschrittenen Paranoia zuschreiben. Ich beschleunigte meine Schritte und mir lief es kalt über die Schulter. Es mag sich total bescheuert anhören, doch fühlte ich mich durch die verwaisten Fenster beobachtet. Sie starrten ohne Unterbrechung mit ihren dunklen Augenhöhlen tief in meine Seele hinein! Wo waren denn alle geblieben? Nicht dass ich nach einer bestimmten Person Ausschau gehalten habe, wie auch? Aber es fühlte sich einfach keinesfalls richtig an, eine so große Wohngegend ohne Bewohner. Nur dieser schwere Hauch einer postapokalyptischen Aura, der wie ein düsterer Schleier über der gesamten Gegend thronte, vergegenwärtigte sich mir zunehmend. Nahezu greifbar. Ich hätte mich auch über einen streunenden Hund gefreut, eine, über die Schulter arrogant blickende Katze.

Einfach alles schien mich aufzufressen. Egal ob Hauswand oder Asphalt. Ich lief noch einige Meter die skelettartige Allee entlang. Das Stadtbild änderte sich kaum. Ab und an umging ich ein verrostetes Auto, eine umgestürzte, angesengte Tonne. Das war mitnichten neu für mich und mittlerweile beachtete ich diese Skurrilität so gut wie gar nicht mehr. Also ging ich weiter.

Kapitel 2

Einige Zeit später, ich hätte es fast übersehen, kam ich an einem kleinen Geschäft vorbei. Naja, klein ist gut, es hätte vielmehr das Prädikat »schäbig« verdient. »Lebensmittel und Haushaltswaren«, stand in schiefen Buchstaben, auf der sich gemächlich, vom Wind hin und her schaukelnder, Tafel. An der Eingangstür, die aus mattem dunklem Glas bestand, prangte ein Schild, auf dem mit übertriebener Fröhlichkeit Blumen um das Wort »Geöffnet« gemalt worden waren.

Ich kann es nicht erklären, aber dieses talentlos geschmierte Schildchen spendete komischerweise Trost. Um die Harmonie noch zu vollenden, hatte man ein kleines Auto an der Wand neben der Tür postiert. Eine Art Karussell, wahrscheinlich um nörgelnde Kinder zu beschäftigen. Ein Funken Normalität, der ein wenig beruhigte. Als ich eintrat, schrie ich vor Schmerz auf. Ein brennender Stich in den Augen ließ mich laut Aufschreien. Ich versuchte reflexhaft selbige, mit den Händen zu schützen. Mein Schädel schmerzte und kurz wurde mir richtig schwummrig. Schon einen Moment später war es vorbei.

Vorsichtig blickte ich zwischen meinen schützenden Fingern. Was für eine Reizüberflutung. Von Blau, Gelb, Grün, Lila, Rot und all die anderen Farben. Es wirkte auf eine seltsame Art und Weise kitschig auf mich. Unpassend. Wie von selbst schnappte ich mir einen der roten Plastikkörbe und durchquerte das Drehkreuz in der Hoffnung ich könnte auf Leute treffen, die ihre alltäglichen Besorgungen erledigten. Ich blieb abrupt stehen. Denn im Grunde genommen wollte ich mir gar nichts kaufen und guckte ratlos auf den Korb herab und stellte dieses eher unpraktische Ding verstohlen auf die Seite.

Der Laden schien, entgegen meines ersten Eindrucks, den die Fassade mir vorspielte, recht groß. Es war vermutlich ein ganz gewöhnlicher Supermarkt mit den üblichen Abteilungen. Nach einigen Schritten durch Regale voller Krimskrams geschah es. Schlagartig zog mir ein fauliger Geruch in die Nase. Ich stockte. Die Kästen in der Obst- und Gemüseabteilung waren mit grün und grau tönigem Schimmel überzogen. Aber das war nicht das Eigenartigste. Da stand jemand und mein Puls begann, sich vor Aufregung zu beschleunigen. Eine Angestellte, sie mochte so Anfang zwanzig gewesen sein, räumte frisches Obst in versiffte Körbe ein. Ein legitimer Kündigungsgrund, wie ich trocken feststellte. Und zu allem Überfluss noch in diesen vollkommen monotonen und geschmeidigen Bewegungen, als wäre das die gewissenhafte Ausführung von, sagen wir mal, einer eher suboptimalen Firmenpolitik.

Ich stand weniger als drei Meter von ihr entfernt. Und, obgleich hier sonst kein Anderer außer mir anwesend war und allem Anschein nach auch schon seit einiger Zeit niemand mehr in diesem Geschäft eingekauft hatte, nahm sie mich nicht wahr. Als wäre ich meiner Existenz beraubt. Sie hatte die langen dunklen Haare zu einem streng wirkenden Zopf gebunden, einen Dutt? Haarknoten? Null Ahnung, wie das genannt wird. Ich ging vorsichtig ein paar Schritte nach links, um ihr Profil sehen zu können. Abgesehen davon, dass sie eine versteinerte und finstere Mine aufgesetzt hatte, fand ich sie äußerst hübsch.

Eigenartigerweise zu hübsch. Sie wirkte wie eine einst deplatzierte Fee, der diese Arbeit aus Mangel an Kreativität zugewiesen worden war. So unwirklich, dass man es eben nicht erklären kann. Der Inbegriff von fehl am Platz. Ich wollte sie antippen und fragen, was zur Hölle denn hier vorging. Doch bevor mein Zeigefinger die schmale Schulter erreichen konnte, drehte sie sich zu mir um und ich sah zur Überraschung, dass sie weinte. Naja tränte würde es eher treffen. Sie gab ja keinen Ton über ihre vollen Lippen. Ich runzelte perplex die Stirn. Leise kullerten dicke Tropfen von traurigen und leeren Augen die Wangen hinab. Der wütende oder säuerlich verzogene Mund blieb wie gehabt aus Stein gemeißelt, aber ihre graublauen Augen, die sich stetig mit Tränenwasser füllten, blickten hektisch um her. Voller Furcht. Plötzlich hob sie den Arm und zeigte mit einer bestimmenden Geste gen Ausgang.

Das verstand ich nicht. »Aber«, begann ich den Satz unbeholfen. »Ist der Laden heute geschlossen?« Ich deutete mit dem Daumen über die Schulter hinweg und schüttelte ungläubig den Kopf. »Auf Ihrem Schild steht nämlich, dass Sie geöffnet haben. Was machen Sie überhaupt? Sehen Sie denn nicht, dass hier alles faulig und verschimmelt ist?« Es war dämlich auf das Offensichtliche zu deuten und verlegen fasste ich mir ans Kinn. Ich war selbst ein wenig über meine Schroffheit erstaunt. Die Nerven lagen eben blank.

Kurz verharrten ihre suchenden Blicke. Dann sah sie mich fest an. Die Pupillen der jungen Frau schienen sich wie Enterhaken an mir festzukrallen. Wenn die Augen die Spiegel unserer Seelen sind, so musste ihre gebrochen sein und je länger ich in diese tiefe eisblaue Agonie blickte, desto mehr überfiel mich Hoffnungslosigkeit. Ein dunkler Schatten, der umsichtig und mit kühler Zärtlichkeit die Zuversicht in mir hinterrücks erdrosselte. In ihnen konnte ich so Vieles lesen und verstand dennoch rein gar nichts.

Ich versuchte meinen Blick von ihr loszureißen, doch zogen mich diese tiefen Augen wie zwei erbarmungslose Magnete an. Sie verzog die schönen Lippen zu einem schiefen, ja fast gehässigen Grinsen und winkte kopfschüttelnd ab. Die junge Dame hatte schneeweiße Zähne, aber dank der übertrieben geschnittenen Fratze, hatte sie mehr mit einem Raubtier gemein, als mit einer attraktiven Frau. Ich wollte noch zu einer Bemerkung ansetzen, doch sie hatte sich schon von mir abgewendet und ihr Körper nahm wieder die routinierten Arbeitsbewegungen an. »Entschuldigung«, fragte ich gedämpft, und als sie nicht zu hören schien, noch etwas lauter. »Ähm, verstehen Sie mich denn überhaupt?« Doch sie gab nur ein komisches Geräusch von sich, das in meinen Ohren wie ein schadenfrohes Kichern klang.

Ich blieb beharrlich. »Können Sie mir den Namen dieser Stadt nennen?«, fragte ich ein wenig hoffnungsvoll. Anstatt mir zu antworten, zeigte sie mit ihrem schlanken Zeigefinger auf mich. Ich schüttelte enttäuscht den Kopf. »Ja, danke für nichts und so«, seufzte ich resigniert und tat es mit einem Achselzucken ab. Aber der düstere Schatten in mir breitete sich aus. Nur ein surrealer abgefuckter Traum, mehr ist das nicht. Mehr darf und kann es einfach nicht sein. Verrückte Schachtel. Ich ging weiter, zugegeben, hastiger als zuvor. Die Frau hatte etwas Unberechenbares an sich und stellte das auch noch unverhohlen zur Schau. Im Gehen drehte ich mich nochmal um, nur um meinen Verfolgungswahn zu beschwichtigen. Die Angestellte machte weiter wie gehabt. Mein lieber Scholli, war die unheimlich!

Ich versuchte es in der Kühlabteilung für Fertiggerichte. Auch dort war kein Schwein zusehen, wie hilfreich. Wie ein Schiffbrüchiger klammerte ich mich an meinen Sarkasmus. Plötzlich wurde es unglaublich warm. Der Boden war, mit kleinen Pfützen überseht. In den Kühlbehältern befand sich nichts Genießbares, aber das überraschte mich kaum. Eigentlich war das auch egal. Ich verspürte keinen Hunger. Wen wunderte das schon bei diesem Gestank. Seltsamerweise nicht einmal Durst. Ich durchquerte die riesige Abteilung. Der Laden hatte von außen so klein gewirkt und nun musste ich feststellen, dass er, verglichen mit seiner Fassade, kolossal erschien.