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Was, wenn Anti-Ager feststellen, dass "warten auf die Rente" nicht alles ist, was einem mit Ü60 bleibt? Und darf man noch einen Ausbruch oder gar so etwas wie sexuelle Gefühle wagen? Und was wird aus den Zögerern und Eigenbrödlern dieser Altersklasse? Karl Feldkamp, ein Meister seiner Generation, erschafft in 8 ausgesprochen intelligenten Geschichten Protagonisten, die sich ihrem Schicksal stellen, teils mit nachdenklichem, teils mit spöttischem Fingerzeig.
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Seitenzahl: 60
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Vorruhestandswahn
Altern ist nur eine schlechte Gewohnheit
von
Karl Feldkamp
Impressum
Cover: Karsten Sturm, Chichili Agency
© 110th / Chichili Agency 2014
EPUB ISBN 978-3-95865-488-4
MOBI ISBN 978-3-95865-489-1
Urheberrechtshinweis:
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Die Oktobersonne scheint Kurt Hollenberg ins Gesicht. Hanna ist schon unterwegs. Sie joggt im naheliegenden Wald. Wie jeden Sonntag vor dem Frühstück. Mindestens zwei Stunden. Muss aus der Wohnung geschlichen sein. Vorher hatte sie, wie immer, die Schlafzimmervorhänge aufgezogen und das Fenster geöffnet.
Er schließt wieder die Augen. Hinter den gesenkten Lidern lässt ihn die Sonne kräftiges Rosa sehen. Gedämpfter Straßenlärm und das laute Tschilpen von Spatzen dringt zum Fenster herein. Irgendwo bellt ein Hund.
Kurt friert. Zieht die Bettdecke bis unter das Kinn.
Um das fünfzigste Lebensjahr begann er sich zu fragen, ganz, wie es von einem durch die Krise der Lebensmitte geschüttelten Mitteleuropäer erwartet wird, ob das Bisherige denn wirklich schon alles gewesen sei. Alles mit Frauen, alles an beruflicher Karriere, alles mit dem Leben an sich. Ging er bisher überhaupt seinen eigenen Weg oder folgte er einfach einer unbekannten Spur, die am Ende gar nicht die seine ist?
Noch immer mit derselben Frau verheiratet, keinen Seitensprung, allenfalls Seitenblicke, stets noch, wenn auch widerwillig Bürokrat. Die Friedhofsverwaltung der Stadt wollte er vor Jahren schon verlassen. Fand es unerträglich, für irgendwelche Schreibstubenhengste den Untertan zu spielen. Amtsleiter Erwin Kraschke hat was Manisch-Depressives. In seinen depressiven Phasen bemitleidet Kurt ihn. An Tagen, ja, manchmal in Wochen, in denen Kraschke sich manisch-allmächtig fühlt, leidet Kurt, ohne Mitleid von seinem Chef erwarten zu können. Der überhäuft ihn mit sinnlosen Aufträgen. Je sinnloser, desto mächtiger kommt Kraschke sich offenbar vor.
Seit nahezu 15 Jahren wacht Kurt jeden Morgen auf, bevor der Radiowecker ihn mit Nachrichten aus der Region nervt, verfällt noch im Bett liegend seinen Grübeleien und zieht wieder und wieder Bilanz.
In gut zwei Monaten, kurz nach seinem Fünfundsechzigsten wird er an einem Montagmorgen nicht mehr ins Bürogebäude neben dem Zentralfriedhof gehen. Ja, an einem Montag. Das bekommt er schon hin. Mit Resturlaub. Nach freien Wochenenden fällt es ihm nämlich besonders schwer, mit dem Bus zum Zentralfriedhof zu fahren. Sein Stressmagen reagiert montags unmittelbar nach dem Aufstehen mit Schmerz und Durchfall. Wie bei seinem Vater. Der hatte auch Angst, am Arbeitsplatz zu versagen. Dabei unterliefen Kurt in der Friedhofsverwaltung nie gravierende Fehler. Bisher nie!
Natürlich überlegt er schon seit ein paar Jahren, ob seine Krankheitssymptome ausreichen, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Neben dem Stressmagen plagen ihn Rheuma in den Händen, Knien und Schultern, seine Depressionen, Schlaflosigkeit, Kurzatmigkeit und dieses immer häufiger wiederkehrende Ziehen in der Herzgegend… Doch er hasst Alte, die über ihre vielen Leiden klagen.
Hanna ist jünger als er. Zehn Jahre. Frauen sind sowieso vitaler. Eigentlich will Kurt schon der Stärkere sein. Doch Hanna ist unternehmungslustiger, beweglicher, kontaktfreudiger. Und nachdem Hanna sich vor einigen Monaten die Haare kupferrot färben ließ, kommt sie ihm noch aktiver vor.
Er genießt es, dass sie ihm dennoch seine Ruhe lässt. Gleichzeitig schämt er sich seiner Unbeweglichkeit und hat natürlich Angst, Hanna könnte ihm davonlaufen.
Seit Monaten stellt er sich bei seinen täglichen Meditationen eine liebevolle mollige Frau vor, die bei ihm bleibt, auch wenn er sich nicht bemüht, ihr zu gefallen, die ihn nimmt, wie er ist. Und er ist bequem, inzwischen auch ziemlich beleibt und seine Angst wächst von Tag zu Tag. Manchmal isst er zum Abendessen hastig und Unmengen. Das beruhigt ihn irgendwie. Und immer häufiger trinkt er zwischendurch schnell einen kleinen Beruhigungsschnaps. Grappa hat sich da bewährt.
Hanna ist schlank und Hanna ist mutig.
Kurt lässt sich in die fleischigen warmen Arme seiner weichen Fantasiefrau fallen und atmet laut seufzend aus. Mit so einer Dicken würde er sich nie in der Öffentlichkeit zeigen. Auch Hanna würde er nie von ihr erzählen. Immerhin ist das auch eine Art Seitensprung. Obwohl für einen Sprung hat dieses Fallenlassen nicht sonderlich viel Dynamisches. Er zieht die Bettdecke bis über sein Kinn, riecht die leicht muffige Decke, genießt die Wärme, rekelt sich und gähnt.
Plötzlich wird er wieder wach. Die Oktobersonne ist inzwischen weiter gewandert und blendet ihn nicht mehr. Hanna ist noch nicht zurück. Die Zeitanzeige des Radioweckers blinkt. Drei Stunden ist sie schon unterwegs.
Gelegentlich spricht Hanna von ihrer Angst, im Wald von einem Vergewaltiger angefallen zu werden. Könnte bei Kurts nachlassender Lust – sie schliefen nur noch selten zusammen - durchaus eine ihrer sexuellen Fantasien sein.
„Vergewaltiger laufen nicht in Wäldern rum. Die überraschen dich eher an irgendeiner dunklen Straßenecke“, versucht er sie zu beruhigen. „Im Wald begegnet dir allenfalls mal ein harmloser Exibitionist.“
Hanna lacht dann mitleidig, zieht ihre Jogging-Klamotten an und verlässt winkend das Schlafzimmer.
Heute Morgen schlich sie ohne Abschied hinaus.
Kurt Hollenberg lässt sich von seiner Fantasiemutter liebevoll in die Arme nehmen, atmet tief ein und stöhnend aus.
Der Fahrstuhl! Die Lifttüren öffnen sich mit ihren typischen Schabe-Geräuschen. Im Schloss der Wohnungstür dreht sich weder der Schlüssel noch lassen die Scharniere ihr nerviges Quietschen hören. Hanna bat ihn vor Wochen schon, die Scharniere zu ölen.
Kurt steht auf, geht zur Toilette, zur Wohnungstür, wieder ins Bett.
Brötchen wird sie holen.
Nach dem Joggen frühstücken sie häufig im Bett, obwohl Hanna an warmen Tagen am liebsten auf dem Balkon frühstückt. Sie ist Frischluftfanatikerin. In der Wohnung zieht es immer. Sie lässt möglichst viele Fenster offen. Kurt erträgt Zugluft nicht, bekommt schnell einen steifen Hals, Kopf- und Ohrenschmerzen, Schnupfen.
Wieder sieht er auf die Zeitanzeige des Radioweckers. Dreieinhalb Stunden ist sie unterwegs. Er springt aus dem Bett, zieht sich Hose, Strümpfe, Unterhemd, Pullover, Armbanduhr und Schuhe an.
Die Strecke, die sie läuft, kennt er. Häufig gehen sie im Falkenforst spazieren und sie erzählt ihm, wem sie an welcher Stelle ihres Rundkurses durch den Wald begegnete.
Er rennt die Treppe hinab. Im Keller muss er erst die Reifen seines Fahrrades aufpumpen. War lange nicht mehr mit dem Rad unterwegs. Wischt mit dem Pulloverärmel den Staub vom Sattel. Trägt das Fahrrad hastig die Kellertreppe hoch.
Hinter einer Bahnunterführung beginnt der Falkenforst. Kurt fährt auf einem breiten mit Kies befestigten Weg in den Wald hinein. Zuerst zum Falkenweiher. Auf einer Bank knutscht ein junges Paar.
„Entschuldigung, haben Sie eine Frau mit kupferrot gefärbten Haaren und in einem graublauen Jogging-Anzug gesehen?“
Der junge Mann will seine Freundin auf den Mund küssen. Sie macht sich von ihm los.
„Eine ist hier schon zweimal vorbeigelaufen. Beim zweiten Mal mit so einem Typen!“
„Ja, meine Frau läuft meistens zwei Runden. Wann ist sie hier vorbeigekommen?“
„Vor einer Stunde? Die Beiden liefen in die Richtung. Die junge Frau zeigt mit dem Finger auf einen schmalen, abzweigenden Weg.“
Kurt schwingt sich auf das Rad. Immer wieder kommt er im lockeren Sand des schmalen Weges ins Rutschen, glaubt, die Spuren von Hannas Joggingschuhen im Sand zu erkennen. Sie haben so eine Art Zielscheibe als Profil. Da ist die Zielscheibe wieder. Hier keine mehr. Vielleicht ist Hanna auf dem Gras neben dem Sandweg weitergelaufen?
Rechts führt ein Trampelpfad in ein Waldstück mit jungen Buchen und ziemlich dichtem Unterholz. Da! Die Zielscheibe.
