Vorzimmer - Vilma Link - E-Book

Vorzimmer E-Book

Vilma Link

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Beschreibung

In «Vorzimmer» beschreibt Vilma Link mit faszinierender Genauigkeit einen Tag zwischen Schreibmaschine, Konferenzzimmer, Chefbüro und Telefon. «Ursprünglich wollte ich diesen meinen früheren Alltag nur für mich noch einmal reflektieren und ordnen, weil da vieles unbewältigt war, und dabei ist dann die Lust entstanden, dem Ganzen eine literarische Gestalt zu geben. Nur dadurch, daß ich jetzt draußen bin, ist mir die Beschreibung des Drinnen möglich geworden, und das Drinnen einer Sekretärin ist: geradezu teuflische Belohnungen für die Unterwerfung.»

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EPUB

Seitenzahl: 195

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Vilma Link

Vorzimmer

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Über dieses Buch

In «Vorzimmer» beschreibt Vilma Link mit faszinierender Genauigkeit einen Tag zwischen Schreibmaschine, Konferenzzimmer, Chefbüro und Telefon.

«Ursprünglich wollte ich diesen meinen früheren Alltag nur für mich noch einmal reflektieren und ordnen, weil da vieles unbewältigt war, und dabei ist dann die Lust entstanden, dem Ganzen eine literarische Gestalt zu geben. Nur dadurch, daß ich jetzt draußen bin, ist mir die Beschreibung des Drinnen möglich geworden, und das Drinnen einer Sekretärin ist: geradezu teuflische Belohnungen für die Unterwerfung.»

Über Vilma Link

Vilma Link ist 1938 in Paderborn geboren. Fünfzehn Jahre lang arbeitete sie als Sekretärin in München, danach als Übersetzerin auf dem Land.

Inhaltsübersicht

Die rororo-Reihe «neue ...1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel1979

Die rororo-Reihe «neue frau» legt erzählende Texte aus den Literaturen aller Länder vor, deren Thema die konkrete sinnliche und emotionelle Erfahrung von Frauen und ihre Suche nach einem selbstbestimmten Leben ist. Die monatlich erscheinenden Bände wenden sich an alle, die mit Spannung verfolgen, wie sich die Beziehung der Geschlechter und das Selbstverständnis der Frau wandelt.

1

Es gelang mir damals fast immer, beim Aufwachen nicht sofort ans Büro zu denken. Ich hatte gelernt, den Grund für das frühe Weckerrasseln noch für kurze Zeit aus meinem Bewußtsein herauszuhalten und mich ganz dem auszuliefern, was dieser Augenblick für mich bereithielt: Bewegungsunfähigkeit meines erschrockenen Körpers und ein Dröhnen und Beben, das aus den Mauern der Stadt selbst zu kommen schien, so sehr und so endgültig waren sie davon erfaßt. Aus den Mauern stieg es über die Dächer, fiel von dort in jeden Raum und auf jeden Gegenstand und erreichte mich über den stillen Hinterhof durch ein leise klirrendes, unaufhörliches Zittern der alten Balkontür.

An diesem Morgen regnete es nicht. Sonst hätte metallisches Klopfen auf der verrosteten Bodenplatte des Balkons wie ein Perlenvorhang vor der dröhnenden Glocke des Straßenlärms gehangen. Das Fehlen dieses Geräusches bedeutete aber nicht, daß das Wetter schön war, sagte nichts aus über die Farbe des Himmels, über Temperatur und Wind in der großen Stadt. Um aufstehen zu können, mußte die Bewegungsunfähigkeit umgewandelt werden in den Willen, den Körper wieder sinnvoll einander zugeordnete Bewegungen ausführen zu lassen: Augen, Hände, Füße wieder in Besitz nehmen. Sie sollten wieder meinen Befehlen gehorchen, für mich arbeiten. Noch durften sie schwerwarm und bedeckt daliegen, ich gewährte ihnen eine Frist zwischen Wecken und Aufstehen. Ihr Wohlbefinden drang in mein Bewußtsein, das sich später im Lauf des Tages ihrer kaum erinnern würde. Die Wärme des Bettes umgab uns wie weichgewordener Lack.

Probebewegungen. Meine Glieder an geordnetes, zweckmäßiges Hin und Her, Auf und Ab gewöhnen. Ich bringe die Zehen zum Knacken, kreise mit den Füßen, ziehe die Knie an, strecke die Beine ganz lang, schnippe mit den Fingern, balle die Hände zur Faust. Ihr werdet einen ganzen Achtstundentag lang viel für mich tun müssen. Ich will gut zu euch sein, euch verwöhnen, versöhnen damit, daß ich euch wieder bewußtlos mißbrauchen werde. Meinen Augen gebe ich Ruhe hinter geschlossenen Lidern, ehe ich sie langsam-langsam an diesen Tag gewöhne.

Durchs Bad kroch schon ein Schimmer von Tageslicht, aber es reichte nicht, ich mußte die Lampe über dem Waschbecken anknipsen. Blinzelnd im fahlen Neonlicht, ließ ich die Kälte der Kacheln, der verchromten Wasserhähne gegen meinen Körper prallen. Einen weiteren Augenblick lang stand er im Mittelpunkt meines Interesses. Das verdankte er jetzt nicht mehr der wohligen Wärme des Bettes, sondern der sauberen Kühle des Badezimmers. Sie drang nicht sosehr durch die Haut als vielmehr durch die Augen, die nur Glätte sahen. Die sogenannten warmen Farben von Kacheln lügen.

Ich dachte an Holz beim Anblick der Kacheln. Warmes, rauhes Holz unter den Füßen, Holz im Ofen knisternd, hölzerne Bottiche, Tische und Stühle und Menschen darauf. Viele Menschen in einer dampfenden duftenden Badestube aus Holz.

Ich muß meinen Körper in einem gekachelten Badezimmer herrichten für einen Arbeitstag, der ihn verbraucht. Wenn ich die Tür zumache, bin ich in einer Falle. Der Raum, wenn er geschlossen ist, macht angst. Aber die Konzeption stimmt: nicht zum Ausruhen, zum Verweilen ist er gemacht, sondern zum hastigen Hantieren. Flüchten. Kein Platz für Sinnlichkeit. Kein Raum für Zweisamkeit. Keine Berührung mit einem anderen Körper verleiht diesem Raum Wärme. Es ist nur ein Körper erwünscht in diesem Raum, kein zweiter, kein dritter oder gar mehr. Denn die Funktion dieses Raumes ist nicht, Lust zu spenden, Körper und Seele in Einklang zu bringen. Dieser Raum soll einen vereinzelten, einsamen Körper schnell und reibungslos, mittels kurzer präziser Bewegungen und unter Verwendung der vorgeschriebenen hygienischen Apparaturen und Präparate in den Zustand zu versetzen, den man draußen von ihm erwartet. Diesem optimalen Raum muß es gelingen, mich zu reduzieren auf das, was ich darzustellen habe: eine perfekte Sekretärin.

Mein Traum der vergangenen Nacht fiel mir ein. Ich gehe durch eine Wiese. Sie ist saftig grün, das Gras und die vielen verschiedenen bunten Kräuter und Blumen sind kniehoch. Ich glaube, jemand ist bei mir, aber ich weiß nicht, wer. Ein kleiner Bach schlängelt sich, nur sichtbar durch noch grüneres Grün und die breitblättrigen Pflanzen an seinen Ufern, in einiger Entfernung. Plötzlich ist da zwischen den hohen Gräsern, unmittelbar vor meinen Füßen, eine fremde Bewegung. Ich beuge mich ein wenig in Richtung auf diese Bewegung und erkenne einen Fisch. Er ist ganz verrottet, die Gräten liegen sichtbar zwischen dem sich zersetzenden, abfallenden Fleisch. Aber er zuckt noch und zappelt wie frischgefangen im Netz. Und plötzlich weiß ich, wer dieser Fisch ist: Henry Kissinger.

Träume hast du, wird Jürgen wieder sagen, man müßte sie malen.

 

Meine Augen hatten sich an die Grelligkeit aus der Röhre gewöhnt, jetzt kam der Moment, den ich jeden Morgen von neuem verabscheute und hinauszögerte: der Moment, wo ich in den Spiegel sehen mußte.

Mein Morgengesicht. Es ist kein schönes Gesicht. Es gefällt mir nicht. Es würde niemandem gefallen, denn es ähnelt kaum dem Bild, das man von mir hat, an das man gewöhnt ist, das ich in ungefähr einer halben Stunde bieten werde, wenn ich das Haus verlasse. Jeden Morgen werde ich zur Konfrontation mit meinem schmucklosen, glanzlosen, reizlosen realen Körper-Selbst gezwungen: fahle dreißigjährige Haut, hier und da rötliche oder braune Flecken, tiefliegende große Augen hinter dunklen Schatten, Wimpern und Brauen fast unsichtbar, farblos, lange, vorne wulstige Nase, hohe Stirn mit bereits tief eingegrabenen Falten, auch um die Augen sind Fältchen sichtbar, großer blasser Mund mit vollen Lippen, schwach blondiertes dünnes Haar, das morgens platt und strähnig herunterhängt, starker kurzer Hals …

Ich will dieses Bild nicht sehen. Es macht mich traurig und es macht mir angst. Man hat mir ja schon früh gesagt, daß dieses Bild nicht viel wert ist. Ich will nicht daran denken, daß ich das bin, dieses farb- und konturenlose Gesicht ist ja längst nicht mehr mein Gesicht. Ich leugne es, ich verleugne es, ich will es vergessen.

Dieses Gesicht bringt nichts, wenn man es offen mit sich herumträgt. Es muß versteckt werden. Ich brauche doch bloß zu behaupten, daß ich das nicht bin. Weil ich das nicht sein will. So will ich mich nicht. So will man mich nicht. Also mach ich etwas anderes aus mir. Jeder ist das, was er aus sich macht. Machen Sie das Beste aus sich. Vorher-nachher. Gewußt wie. Das ist man sich und den anderen schuldig. Mach was aus deinem Gesicht, hat meine Mutter gesagt. Erst ein gemachtes Gesicht ist ein schönes Gesicht. Mach dein Gesicht auf. Öffnen? Das Gesicht öffnen? Ist ein aufgemachtes Gesicht ein offenes Gesicht? Nein, ein aufgemachtes Gesicht ist ein verschlossenes Gesicht. Make-up macht Ihr Gesicht auf. Natur ist selten schön genug, man muß ihr nachhelfen. Natürlich schön sein. Natürlich muß man schön sein.

Und so versuchte ich jeden Tag, mein Gesicht zu verstecken. Ich griff zu den Krücken der Kosmetik, ohne die ich nicht mehr sein konnte. Ich habe es zugelassen, daß ich abhängig wurde von diesen Krücken, von dieser Perfektion, die sie meinem Gesicht verliehen. Nur unter großen Anstrengungen konnte ich diese Abhängigkeit verbergen. Mein Gesicht wurde jeden Morgen zur Perfektion verkrüppelt. Schon lange hatte ich nicht mehr den Mut, ohne die Krücken aus dem Haus zu gehen, auch wenn ich manchmal den Wunsch danach hatte. Wie konnte ich es auch wagen?

Ich muß mich an die Spielregeln halten. Ich kann den Leuten in der Firma doch nicht das Bild wegnehmen, das sie von mir haben. Sie kennen nur mein aufgemachtes Gesicht, niemand kennt mein Morgengesicht. Es wäre ein Schock für sie, ich stelle mir ihren erstaunten Blick vor, vielleicht wären sie erschrocken oder empört. Und ich würde mich schämen, nicht wissen, wohin ich mit meinen wimperlosen Augen sehen soll. Wie eine ertappte Lügnerin würde ich mir vorkommen, entlarvt als Blenderin. Und nackt. Ich glaube, es wäre genauso wie in dem Traum, in dem man nichts anhat als ein zu kurzes Hemd und alle Leute gucken auf einen und man schämt sich entsetzlich und versucht zu laufen …

Vor allem kann ich das meinem Chef nicht antun. Denn ich bin ja nicht nur seine rechte Hand. Ich bin auch seine Visitenkarte.

Die beste Visitenkarte eines Mannes ist immer noch eine schöne Frau.

Dieser Satz betrifft mich. Ich muß mich sogar bemühen, daß dieser Satz auf mich zutrifft. Ich muß mich ihm anpassen, muß dafür sorgen, daß er auch auf meinen Chef zutrifft. Mein Chef und ich, wir können von uns sagen, daß wir der Maxime dieses Satzes sehr nahe kommen. Darum muß ich mich jeden Tag von neuem bemühen. Darauf legt mein Chef Wert.

Denn das Äquivalent für mein Gesicht ist nicht nur meine Arbeitskraft, sondern auch mein Aussehen. Es tauscht sich Arbeitskraft plus Aussehen gegen Geld. Dieses Gleichgewicht darf von mir nicht gestört werden.

Also trage ich meine Haut zu Markte.

Nur Jürgen kennt mein Morgengesicht. Ich muß meine Angst nicht vor ihm verstecken.

Der erste Schwall des warmen Wassers traf meinen Rücken und brachte dieses kurze Frösteln. Doch die Gänsehaut hatte keine Chance, die Spannung unter dem Wärmestrahl der Dusche machte mich lebendig. Wohlbehagen sickerte wieder durch die Haut, fast gegen meinen Willen. Meine Gedanken richteten sich auf, befreit von dem Wunsch nach der abgestandenen Wärme des Bettes. Ich schloß die Augen und vergaß die Kühle der Kacheln. Die Minuten verstrichen, ich konnte mich nicht zur Eile entschließen.

Dies werden wieder die einzigen Minuten des Tages sein, in denen ich ganz mir selbst überlassen bin. Morgendliche Minuten der Muße. Mit mir sein. Nicht selbstvergessen. Selbstkonzentriert. Jeden Tag etwa zwanzig Minuten Beschäftigung mit sich selbst. Reicht das aus? Ich müßte ausrechnen, wie viele Minuten das im Jahr sind. Aber es lohnt nicht, die Zahl ist sicher lächerlich klein.

 

Ich fühlte mich wach und wohl nach dem Duschen und dem Frottieren. In diesem Moment des Wohlbefindens dachte ich an die Frau in dem spanischen Gefängnis, deren Tagebuch ich gelesen hatte. Ich versuchte, den Gedanken an sie, der aus der Magengrube unangenehm bitter in mir hochgestiegen war, wieder hinunterzuschlucken. Das Handtuch, das unbekümmerte, selbstbezogene Frottieren mit dem weichen Handtuch hatte mich darauf gebracht. Die Stelle des Textes kannte ich fast auswendig, sie hatte mich mehr getroffen als die Beschreibung der Folter. Folter ist unvorstellbar für mich, aber dies ist vorstellbar, trifft mich mit der ganzen Wucht des Banalen, dem die Banalität entzogen wurde durch eine extreme Situation des Leidens: ‹Ich habe nicht mal ein Handtuch für mich allein. Hier, im Trakt der «Isolierzellen», gibt es ein fabelhaftes Gemeinschaftshandtuch, das ich mit Vorsicht gebrauche, denn die Leute, die es benützen, sind hier meist nur auf Durchgangsstation. Aber gestern habe ich es gewaschen …›

Fabelhaft. Man kann ein dreckiges, blutiges, ja wahrscheinlich blutiges Gemeinschaftshandtuch fabelhaft finden. Wenn man nach tagelangem Foltern endlich in der Isolierzelle landet, ist wahrscheinlich ein Gemeinschaftshandtuch, in das alle gemeinschaftlich ihre Tränen und ihr Blut schmieren dürfen, etwas Fabelhaftes. Schon allein durch die Tatsache, daß es sich um ein Gemeinschaftshandtuch handelt, also etwas, das einen Hinweis darauf gibt, daß man nicht der einzige Mensch auf der Welt ist. Was machen Frauen mit ihrem Menstruationsblut in einer solchen Situation? Vielleicht ist es ihnen egal. Vielleicht kommt es auf das bißchen Blut mehr oder weniger auch gar nicht mehr an. Vielleicht sollte man nie ohne ein paar Tampons aus dem Haus gehen, für alle Fälle.

Jürgen schläft noch. Er hat wieder die halbe Nacht gearbeitet. Kann es sich leisten. Die halbe Nacht am Schreibtisch verbringen, Blätter vollschreiben. Ein Schreibtisch, der ihm gehört, Blätter, die ihm gehören, in denen er aufgehoben ist. In den Blättern, die ich vollschreibe, bin ich nicht aufgehoben. Ich hebe sie auch nicht auf, ich lege sie ab. Wie alte Kleider. Nichts von mir ist in ihnen, außer der Tatsache, daß die Buchstaben des Textes von mir auf der Maschine angeschlagen wurden. Das kann auch jemand anderes tun. Jederzeit kann es jemand anderes tun, ohne daß sich das Geringste am Inhalt der Blätter ändern würde. Meine Blätter sind sprachlos. Fehlerlos und sprachlos.

Neulich habe ich Sprachlosigkeit geträumt. Ich hatte einen Kloß im Hals, er würgte mich, ich war ganz hilflos und ängstlich, weil er nicht rauskam. Da habe ich mit der rechten Hand tief in meinen Rachen gegriffen, und als ich etwas in den Fingern spürte, fing ich an zu ziehen, da waren es lauter lange weiße Würmer, ich zog und zog, würgend, mit beiden Händen, und der Schweiß lief mir runter vor Anstrengung.

Sprachlos bin ich und perfekt. Die perfekte Sekretärin ist sprachlos. Je sprachloser, um so perfekter. Oder umgekehrt: je perfekter, um so sprachloser. Sekretärin und Hausfrau: je perfekter, um so machtloser. Oder: je perfekter, um so abhängiger. Oder: um so dümmer. Perfekt als Steigerung von sprachlos, machtlos, abhängig, dumm. Natürlich nicht dumm im Sinne von unintelligent. Selbstlos. Das ist es. Perfektion als höchste Form von Selbstlosigkeit. Denk an dich selbst zuletzt, dann wirst du perfekt sein. Ich glaube, ich bin ziemlich perfekt. Bis jetzt jedenfalls. Mit Anstrengung, ja. Aber es ist mir gelungen. Mein Gesicht. Meine Arbeit. Perfekt, wenn es das gibt. Jürgen soll mich nicht beunruhigen. Was heißt Sprachlosigkeit als Funktion. Er redet. Er meint, ich muß meine Sprache finden, aus der Sprachlosigkeit raus. Aber wohin. Er will mir helfen. Heute abend werden wir wieder reden. Ich muß ihm das von den Tampons erzählen. Über so etwas denkt er nicht nach, warum auch.

Mein Badezimmer ist keine Isolierzelle, ich bin keine Gefangene. Ich kann sofort rausgehen, wenn ich will. Niemand zwingt mich zum Bleiben. Außer meinem weichen sauberen Handtuch steht mir noch eine Fülle von Utensilien in vielen Formen und Farben zur Verfügung. Sie reihen sich auf dem Glas unter dem Spiegel, auf dem Absatz, den die Kacheln hinter der Badewanne bilden, auf dem zusätzlichen Brett an der Wand und im Schrank hinter dem Spiegel. Der Inhalt der Flaschen, Töpfchen, Tuben, Dosen aus Plastik, Glas und Blech ist zum Baden, Duschen, Cremen, Ölen, Salben, Pudern, Schmieren, Schminken, Abschminken, Lackieren, Massieren und Parfümieren. Magie des Designs. Ich glaube an die Versprechungen, liebe ihre täglichen Verführungen. Mein Verlangen nach dem, was außerhalb dieses Raumes von mir verlangt wird: Attraktivität, Perfektion, Sex. Ich liebe Düfte. Duft ist Leben. Du duftest nuß-fruchtig-herbst-herb, hatte Jürgen gesagt, als er sich nach dem Lieben an meinen Rücken legte. Er liebt keine künstlichen Düfte.

Die Sachen zum Schminken lagen griffbereit. Ich brauchte nur mit meiner rechten Hand in stets gleicher Reihenfolge die einzelnen Werkzeuge zu ergreifen und sie ihrer Bestimmung gemäß in meinem Gesicht zur Anwendung zu bringen. Ich wußte genau, welche Farben, welche Striche und Retuschen die Schwächen meines Gesichts so vorteilhaft verdeckten, daß ich danach zufrieden mit mir sein konnte. Jahrelange Routine ließ da kaum Zögern aufkommen.

Jahre rausschinden, gelebtes Leben wegschminken, Glätte ins Gesicht, Alter raus, Jugend rein. Altern ist verboten. Alt ist out. Mit dreißig wie fünfundzwanzig aussehen, mit vierzig wie dreißig und so fort. Sonst klappt der Verkauf nicht mehr: «Sie ist nicht mehr so leistungsfähig …» Altern muß bestraft werden. Altern ist nichts als Arbeit gegen das Altern, tägliche harte Arbeit. Nicht mehr daran denken. Noch nicht. Noch habe ich nicht gegen das Verbot des Alterns verstoßen. Ich will Jürgen fragen, ob es je ein Land oder eine Zeit gab, wo das Altwerden erlaubt war. Man müßte sich auf die Suche machen nach der Würde des Alterns.

Auf den kleinen Klapptisch in der Küche hatte ich am Abend vorher zwei Frühstücksgedecke gestellt, eins für Jürgen, eins für mich. Aber er schlief ja noch, es lohnte sich nicht, ihn zu wecken, denn ich mußte mich beeilen. Also ohne ihn nur schnell etwas heißen Nescafé in den Bauch. In letzter Zeit trödele ich morgens zuviel, mein Zeitplan klappt nicht mehr. Ich bin müde. Ich möchte keine Bewegung machen müssen. Ich möchte von mir behaupten können: ich kann nicht. Aber ich kann. Weil ich muß. Ich will.

Um Viertel nach sieben verließ ich das Haus. Ich fühlte mich sicher, mein Gesicht war nicht mehr nackt: große Augen, deren grau-grüne Farbe durch entsprechenden Lidschatten betont wurde, lange schwarzgetuschte Wimpern – die Augen, meine Damen, die Augen sind das Wichtigste! –, geschwungene Augenbrauen, die große Nase geschickt zurückgeschminkt, leuchtender glatter Teint, rosig betonte Wangenknochen, schöner großer, kräftig geschminkter Mund, glänzendes, weich fallendes Blondhaar. Das war ich, so wollte ich mich. So wollten mich die anderen. So kannte man mich. So konnte ich mich sehen lassen. Mein Chef konnte mit meinem Aussehen zufrieden sein. An seiner Visitenkarte war nichts auszusetzen.

2

Auf der Straße sah alles alltäglich aus. Nichts war anders. Die Großstadt schlug auf mich ein, Autos, Straßenbahnen, Menschen, Gestank, Lärm um mich herum wie an jedem Morgen, sie nahmen mich auf in ihre Bewegung, ich wurde Teil dieses Fließens, das nie zu enden scheint und das jeden dahinspült, wo er hingespült werden will. Ich vergaß mich sofort. Eingetaucht in dieses zielgerichtete Hasten vieler sich bewegender Körper ging ich mir verloren. Mein Körper wurde aufgesogen von diesem vielfältigen, vielförmigen, überwältigenden, gewalttätigen Körper des morgendlichen Straßenverkehrs. Eine Maschine, deren Bewegungen nie mehr zu stoppen sind. Ich lief, ich ordnete mich ein, ich blieb stehen, ich beachtete Verkehrszeichen, ich hatte ein Ziel, genau wie alle anderen Körper. Das verband uns. Alle wußten, was sie wollten. Alle wollten weg, gleich würde hier niemand mehr zu sehen sein, der sich jetzt noch hier befand. Jeder wollte woanders hin, jeder wußte von sich, wo er hinwollte, aber keiner wußte es vom anderen. Alle wollten zur Arbeit. Das war es, was uns verband. Nicht die Arbeit, die wir taten, aber der Umstand, daß wir sie tun wollten, tun mußten.

Eine große Gemeinde. Ich gehöre zu ihr. Bekannte Gesichter fremder Menschen. Die kurze Begegnung, das rasche Aufschauen reicht zum Kennen nicht. Niemand bringt mich durch Erkennen zu mir zurück. Ich bleibe verloren in dieser fließenden Menge.

Alltag ist das. Alltags der alltägliche Weg zur alltäglichen Arbeit. Arbeit ist Alltag. Alltag ist Werktag. Werktags gehen die Werktätigen zur alltäglichen Arbeit. Alltägliche Arbeit ist gewöhnlich. Kann man einen ungewöhnlichen Alltag haben. Einen ganz fremden, ungewohnten, ungewöhnlichen Alltag möchte ich haben.

Zur Straßenbahnhaltestelle hatte ich ungefähr drei Minuten zu laufen. Der Verkehrsfluß hatte dort eine Insel gebildet, angeschwemmt standen die Menschen mit alltäglichen Gesichtern und schauten auf ihre Füße, in eine Zeitung, auf den weiterfließenden Verkehr oder auf andere Wartende. Einige kannten sich, redeten miteinander, lustlos. Das Wetter war nicht so, daß es die Unlust des frühen Aufstehens, des Wartens und der Perspektive eines achtstündigen Arbeitstages verscheuchte. Ein grauer, unentschlossener Himmel hing über der Stadt und ließ nichts Gutes hoffen. An einem solchen Tag ist die Luft schwer und schon morgens erschöpft, als habe sie sich nachts nicht richtig erholen können, wie ein altes, schlaffes Gesicht. Man kann in ihr nicht leicht werden. Alles wird durch sie gewichtig und lastend, man hat darin nicht den langen Atem. Ein ehrlicher Regen wäre mir lieber gewesen.

Ich stellte mich unter die Wartenden und fing an, wie sie mit halb fremden, halb feindseligen Blicken um mich zu sehen. Ich wollte freundlich aussehen, spürte, wie mir das nicht gelang. Lächeln wäre übertrieben, würde komisch wirken, mißverstanden werden. Eine Frau auf der Straße, die keiner kennt, lächelt nicht als Mensch, sondern als Frau. Das Lächeln einer Frau auf der Straße ist eine Herausforderung. Ich lächele niemals grundlos auf der Straße. Und fremde Menschen, die mich morgens unfreundlich und fremd ansehen, sind auch kein Grund zum Lächeln.

Und so lächelte niemand, weil jeder sein eigenes und der anderen Lächeln für übertrieben gehalten hätte.

Zwei junge Frauen, Arbeiterinnen, standen unter den Wartenden. Sie unterhielten sich lachend. Ich meinte, ihre Gestalten zu einer einheitlichen, formlosen Masse zerfließen zu sehen: über zu kurzen Röcken, aus denen die Beine mit billigen Schuhen hervorkamen, trugen sie diese um etwa zwanzig Zentimeter kürzeren Manteljacken, verschieden in Farben und Mustern, gleich im Schnitt, Reverskragen, darunter grelle Chiffonschals, in den Händen hielten sie längliche Plastiktaschen, für den Einkauf nach Feierabend vielleicht, jetzt halbgefüllt, schlaff. Alltagskleider, Kleider für eine Arbeit, die keine anderen verdient. Kleider, die nicht anders als bewußtlos getragen werden können. Uniformen. Unter den Mänteln sicher knallige Pullover, Acryl, Helanca, gerippt, enganliegend, unter den Achseln wahrscheinlich Schweißgeruch.

Warum ziehen sie solches Zeug an. Sagt ihnen denn niemand, wie sie aussehen. Wieso kaufen sie das. Diese formlose Gleichheit. Sehen sie das denn nicht.

Nein. Sie sehen das nicht. Können es nicht sehen. Dürfen es nicht wissen.

Sie haben ja keine andere Wahl, da niemand eine andere Wahl hat, als sich für das zu entscheiden, was für ihn vorgesehen ist. Es wird dafür gesorgt, daß keiner sich vergreift, die Verteilung klappt: jeder bekommt seine Uniform.

Für mich war eine andere Uniform vorgesehen. Ich machte keine häßliche Arbeit, stand nicht am Fließband, putzte keine dreckigen Böden, ich schwitzte nicht – wenigstens nicht sehr – bei der Arbeit, ich brauchte keine Garderobe, die sich aufteilt in Alltags- und Sonntagskleider. Ich besaß nur diese zweite Kategorie, modisch, schick, geschmackvoll, kleidsam in Formen und Farben. Dafür wurde ich ja bezahlt. Ich konnte, ich sollte bewußt und lustvoll Kleider kaufen, mein Geschlecht sollte betont, nicht vertuscht werden. Die Kleider, die für mich vorgesehen waren, sollten sexy und zugleich elegant, auch dezent sein, sie sollten mir und anderen gefallen, Männern, Frauen, meinem Chef. Ich trug sie mit Lust, regte damit zur Lust an. Man gewährte mir das Privileg, schön zu sein. Ich war zur Schönheit verpflichtet.

Mitleidig und hochmütig sah ich auf die Frauen herab, die in geschmacklosen Kleidern mit mir an der Haltestelle standen. Ihre mißtrauischen, unfreundlichen Blicke bestätigten mir die Kluft, die uns trennte, symbolisiert durch die Kleider, die wir trugen. Ich war stolz, daß mich nichts mit ihnen verband, freute mich, daß ich nicht aussehen mußte wie sie. Wir musterten uns gegenseitig und richteten mit unseren Blicken die Barrieren auf, die andere schon für uns vorbereitet hatten. Unsere Kleider schrieben uns unsere Rollen zu, sie legten uns fest auf das, was wir zu sein hatten.