Voulez-vous ... - Sophie de Démo - E-Book

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Sophie de Démo

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Beschreibung

Deutschland und Frankreich sind Nachbarländer, da werden die kulturellen Unterschiede doch nicht so groß sein, oder? Claire ist 30, Bänkerin, Single und … Französin. Sie wird von ihrem Chef für drei Jahre nach Deutschland geschickt, ist aber nicht auf den Kulturschock vorbereitet, der sie in Frankfurt am Main erwartet. So hört sie zum Beispiel merkwürdige Worte wie 'Baiser': in Deutschland eine Süßigkeit, aber auf Französisch heißt es 'ficken'. Auch das Verhalten der Deutschen ist für eine Französin schwer zu verstehen: Warum können die Männer nicht flirten? Haben die Deutschen deswegen so wenig Kinder? Sind sie überhaupt an Sex interessiert? Da Claire schnell Deutsch lernen will, macht sie sich auf die Suche nach einer WG und findet bei dem jungen Chirurgen Tim, der Psychologiestudentin Britta und dem schwulen Inder Aryan die ultimative Multikulti-WG. Claire ist leidenschaftlicher Single, liebt die Männer und wechselt sie fast so oft wie ihre Unterwäsche, aber insgeheim hofft sie, Monsieur 'Le Prince Charmant' zu finden. Tims Chef und bester Freund ist zuverlässig und verantwortungsbewusst; Claire ist fasziniert von seiner Schlagfertigkeit und seiner schier unerschöpflichen Energie. Aber er ist ihr gegenüber arrogant und abweisend. Da begegnet ihr Jens, der Traummann: charmant, gebildet, sanft und romantisch. Claire verliebt sich … Diese hinreißende deutsch-französische Liebeskomödie nimmt die Unterschiede zwischen den Kulturen und den Geschlechtern gleichermaßen aufs Korn.

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Seitenzahl: 288

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Sophie de Démo

Voulez-vous …

Copyright: © 2014 Sophie de Démo

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Mein Dank gilt:

Kristina, Joachim, Heike-Franziska, Rahul, Peter, Samanta

Man hatte mich gewarnt: „Du wirst sehen, Deutschland ist anders. Die sind nicht so wie wir Franzosen.“ Der überhebliche Ton war nicht zu überhören, das Krähen des stolzen französischen Hahns auf seinem Misthaufen. Ich wollte aber nicht darauf hören was der Durchschnittsfranzose über die Deutschen dachte und zu wissen glaubte. Ich war eine intelligente Frau Anfang dreißig, bereit, mein neues, auf drei Jahre befristetes Leben als Bankerin in Frankfurt am Main zu beginnen. Ich wollte Spaß, Sex und nebenbei Deutsch lernen.

Ich war nicht vorbereitet.

Kapitel 1

Ich saß im Zug, der in Paris startete und der mich in mein neues Leben brachte. Ich war froh, positiv gespannt und bereit, alles Neue zu akzeptieren. Ich würde mich anpassen, egal was kommen sollte.

Na ja, trotzdem – irgendetwas war anders in diesem Zug. Ich sah mich um, begutachtete die Sitze. Gut, es war nicht gerade die Qualität der SNCF, der staatlichen Eisenbahngesellschaft Frankreichs, aber die Pünktlichkeit gefiel mir schon. An so etwas kann man sich schnell gewöhnen. Nein, das war es nicht, das war etwas Positives. Die Kontrolleure? Nein, die waren hier wie dort ernst und pflichtbewusst. Ich kam nicht darauf was es war. Statt sinnlos zu suchen vertiefte ich mich wieder in meinen Krimi. Ich hatte erst wenige Seiten gelesen, als mir plötzlich klar wurde, was das Problem war. Ich schaute mich um, und tatsächlich: Der Wagen war voller Männer, und alle waren in ihren Laptop oder in ihre Zeitung vertieft. Das gibt es doch gar nicht! Selbst wenn sie alle verheiratet wären, hätten sie doch einen Blick auf mich werfen können! So etwas hat in Frankreich noch keinen Mann von einem Flirt abgehalten. Oh mein Gott! Jetzt hatte ich es. Flirteten die deutschen Männer etwa nicht?

Hallo Jungs! Hier bin ich! Eine junge Französin, klein, knackig, braunhaarig und mit einem schönen Akzent. Die sollten mich doch eigentlich anmachen oder mich wenigstens anschauen!

Ich brauchte unbedingt einen Ganzkörperspiegel. War ich beim Grenzübertritt fett geworden? War meine Nase gewachsen? Schlimmer noch, war meine Oberweite zur Mikroweite geworden? Schnell, ein Spiegel! Ich stürzte auf die Toilette, machte die Tür zu und war sofort erleichtert. Mein Gesicht hatte seine Form nicht verloren. Die Brust war nicht auf dem Bauch gelandet, sondern saß exakt da, wo sie hingehörte. Kurze Kontrolle unter den Armen, um sicherzugehen, dass ich nicht wie ein Warzenschwein roch. Gott sei Dank. Bei mir war alles in Ordnung! Das bedeutete, dass die deutschen Männer spinnen. Ja, das war es. Sie nahmen die junge Göttin in mir nicht wahr. Sie sahen in mir, wenn sie mich überhaupt bemerkten, eine Frau, die es zu respektieren galt, weil sie ein Mensch war und daher auf gleicher Ebene wie die Männer.

Oh mein Gott, das war neu. War das der erste Unterschied, auf den ich mich einstellen musste? Eine Frau wird nicht einfach auf der Straße angemacht? Warum nicht? Ist das respektlos? Gefallen in Deutschland die Frauen mit ihrem Intellekt, ihrer Persönlichkeit, ihrem Humor – und nicht mit ihrem Körper? Oh Gott, werde ich überhaupt in den nächsten drei Jahren Sex haben? Ich habe nie richtig gelernt, so zu sein. Vielleicht weil ich bis jetzt noch nie auf der Suche nach einem potenziellen Ehemann war.

Ich verließ die Toilette und beruhigte mich sofort. Ich hatte vergessen, dass ich notfalls einfach den Zug zurück nach Paris nehmen konnte, die Fahrt dauert ja nur vier Stunden, der modernen Technik sei Dank. Nur vier Stunden, und ich würde wieder von den Bauarbeitern auf der Straße bejubelt werden. Ja, nur vier Stunden.

Ich ahnte damals nicht, dass ich die Art und Weise, wie deutsche Männer mit Frauen umgehen, einmal als angenehm empfinden würde. Heutzutage könnte ich einen Typen schlagen, wenn er mich anschaut als wäre ich ein Stück Fleisch.

Im Gang, auf dem Weg zu meinem Sitzplatz, konnte ich aber nicht anders als einen Mann anzulächeln. Er lächelte zurück und las weiter in seinem Buch. Niemand hörte mein Stöhnen, als ich meinen Roman wieder aufnahm. Über all das musste ich mehr herausfinden.

Kapitel 2

Voilà! Der Zug hielt an, meine Koffer standen neben mir, die Tür ging auf. In diesem Moment begann ein neues Kapitel in meinem Leben. Ich fühlte mich wie Neil Armstrong, als er als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte. Ich setzte meinen kleinen Fuß (der in einem schönen und teuren Pumps steckte) auf den Bahnsteig und stöckelte mutig durch den Frankfurter Bahnhof. Es wimmelte von Menschen und erinnerte mich an Paris, wo ich vor Jahren studiert hatte. Aber das Leben in der kleinen Stadt, in der ich meinen letzten Job hatte, hatte mich vergessen lassen, dass es so viele gestresste Menschen gibt. Sie gingen nicht, sie rannten. Aber wo rannten sie denn bloß hin, zur Arbeit? Wer rennt denn schon so schnell zum Arbeitsplatz? Komisch… Ich hatte keine Wahl, ich musste mitrennen, sonst wäre ich umgerempelt worden. Gott sei Dank hatte ich per Internet ein Zimmer reserviert. Das Hotel lag direkt am Bahnhof, ich musste nur noch rausgehen.

„Darf ich Ihnen helfen?“

„Was?“ Ich hörte etwas, aber ich verstand nichts.

„Darf ich Ihnen behilflich sein?“, fragte eine Stimme aus dem Off.

Ich sah den jungen Mann, sah sein lächelndes Gesicht, ich hörte ihn sprechen, aber verstanden hatte ich nicht viel. Ich versuchte zu erraten, was er sagte. Das war also das Ergebnis von sieben Jahren Deutsch in der Schule.

Die Franzosen sind bekannt dafür, dass sie keinerlei Talent für Fremdsprachen haben, und ich war das beste Beispiel. Ich hasste mich, ich hätte damals in der Schule besser aufpassen sollen, anstatt mit meinen Freundinnen über Jungs zu reden. Aber wenn man mir damals gesagt hätte, dass ich später mal für einige Jahre nach Deutschland gehen würde, hätte ich gesagt: „Du spinnst wohl. Ich gehe doch nicht in ein Land, in dem die Frauen sich nicht unter den Achseln rasieren!“

Mein Ritter stand immer noch da und wartete geduldig auf eine Antwort. Ich lächelte ihn an.

„Jabittedanke.“

Aus meinem Mund klang das wie ein Wort. Ich musste lernen langsamer zu sprechen. Die Deutschen sprechen langsamer und immer in der gleichen Tonhöhe, fast monoton.

„Oh, Sie sind Französin!“

Das war nicht etwa eine Frage, es war eine Feststellung. Toll. Ich hatte drei Wörter gesagt, und der junge, nicht unattraktive Mann hatte schon herausgehört, dass ich keine Deutsche war. Schlimmer noch, er hatte nicht etwa gehört, dass ich Ausländerin war. Nee, er hatte gehört, dass ich Französin bin. Vielleicht handelte es sich um eine Art Krankheit, die die Franzosen mit sich herumschleppten und die jeder Deutsche sofort sehen oder hören konnte.

„Ja.“

„Woher kommen Sie? Aus Paris, aus der Bretagne?“

Nicht jeder Franzose kommt aus Paris, und noch weniger kommen aus der Bretagne. Dort gibt es mehr Schweine als Menschen.

„Aus Nordfrankreich.“

„Und woher genau?“

Olàlà. Er will, dass ich mehr rede. Mon Dieu, was soll ich tun?

„Für drei Jahr.“

Sein Lächeln verschwand. Er schaute mich an und fing wieder an zu lachen.

„We could speak English if you want“, sagte er.

Anscheinend hatte ich etwas perplex geguckt. Sein Angebot war nett, aber auch keine Lösung, denn mein Englisch war fast genauso schlimm wie mein Deutsch. Wie gesagt, von Franzosen sollte man diesbezüglich nicht zu viel erwarten. Die Franzosen können Französisch und das muss reichen.

„Vous parlez français?“

„Nein, tut mir leid.“

Ich musste also auf Deutsch antworten. Mein Gott, ich war noch nicht mal fünf Minuten auf deutschem Boden und schon gezwungen, Deutsch zu reden!

„Ich habe nicht verstanden die Frage.“

„Aus welcher Stadt kommen Sie?“

„Saint-Quentin.“

„Ist das nicht ein Gefängnis?“

Fragt er mich, ob ich in einem Prison war?

„Nein.“

Vor lauter Stress hatte ich nicht bemerkt, dass wir schon am Ausgang angekommen waren.

„Es tut mir leid, aber ich muss los zur Arbeit. Ich wünsche Ihnen viel Spaß in Deutschland.“

Oh Gott! Es war nicht so, dass ich nichts verstand, aber ich war so gestresst, dass ich nichts mehr hörte. Es war fast so, als ob ich die Antwort antizipierte,so dass ich antwortete, noch bevor ich die Frage hörte. Aber ist das nicht das normale Verhalten aller hormongesteuerten Weiber? Ich traute meinen Deutschkenntnissen und war mir sicher, dass ich nur noch ein paar Tage brauchen würde, um mich klar verständigen zu können, auch wenn mein Gegenüber mich so anschaute als ob ich eine dumme Pute wäre. Übrigens ist „Pute“ ist das französische Wort für „Nutte“. Bestellen sich die Deutschen tatsächlich Putenbrust?

Er verabschiedete sich und schüttelte mir die Hand.

„Danke schön helfen. Auf Wiedersehen.“

Jetzt war ich allein, aber Gott sei Dank konnte ich mein Hotel schon vom Bahnhofsausgang aus sehen. Vor dem Bahnhof war ein großer Platz, der voll war mit Menschen, Taxis und Touristen, die wie ich nach oben schauten, um die Straßennamen zu finden und nicht zuletzt, um das Bahnhofsgebäude zu bewundern. Die Fassade war so schön alt und mit vielen Details verziert; leider bemerkte man es nicht sofort, weil der Platz von Gebäuden der 50er Jahre umgeben war. Unterschiedliche fremde Sprachfetzen erreichten mein Ohr. Trotz des Gewühls fühlte ich mich wohl. Frankfurt hatte das Flair einer internationalen Stadt, trotz seiner - laut Reiseführer - relativ kleinen Größe. Ich nahm meine zwei Koffer und meine Tasche, überquerte die Straße und betrat das Foyer.

„Guten Tag. Ich habe reserviert für heute ein Zimmer. Meine Name: Claire Duverger.“

„Guten Tag! Stimmt, hier habe ich die Buchung. Das Zimmer ist schon für die nächsten fünf Tage bezahlt. Hier ist Ihre Zimmerkarte. Ich gebe Ihnen auch einen Stadtplan. Herzlich willkommen in Frankfurt!“

„Danke.“

Ich ging hoch. Niemand half mir mit dem Gepäck. Das war aber egal, denn heute hatte ich schon einen Ritter gehabt. Und in Frankreich hätte mir ganz sicher niemand mit meinen Koffern geholfen. Französische Männer haben auf der ganzen Welt den Ruf, die besten Liebhaber zu sein, sie sind aber unfähig, einer zierlichen Frau auf einem Bahnsteig zu helfen.

Kapitel 3

Das Zimmer war einfach, sauber und preiswert, und das Hotel lag zentral. Dennoch wollte ich mich sofort auf die Suche nach einer anderen Unterkunft machen, nach einer kleinen Wohnung oder einer WG. Ich entschied mich für eine WG. Das würde mir helfen richtig Deutsch zu lernen.

Meine Sachen waren schnell ausgepackt und ich hatte nichts weiter zu tun als mich auszuruhen. Ich machte den Fernseher an. Franzosen wachsen mit laufendem Fernseher auf, essen beim Fernsehen und sehen abends fern bis sie auf dem Sofa einschlafen. Und was tun sie, wenn sie entspannen wollen? Richtig. Also zappte ich mich durch die Kanäle. Allerdings hatte ich vergessen, wo ich war. Der Krach, der aus dem Fernseher kam, war nicht Japanisch, obwohl es in meinen Ohren japanisch klang. Aber eines habe ich doch bemerkt und war schockiert, obwohl ich genau wusste, dass die Werbung, die ich mir ansah, sicherlich etwas anders sagen wollte, als das, was ich verstand. „Bitte ein Bit.“ Das Wort „bite“ (weiblich, Singular, also: la bite) bedeutet auf Französisch „der Schwanz“ (natürlich, der von Männern und zudem in einer vulgären Bedeutung; aber leider gibt es dieses Wort in der deutschen Sprache nicht). Also hatte ich zwei Möglichkeiten diesen Slogan zu interpretieren. Entweder: S’il vous plaît une Schwanz oder: Schwanz Schwanz. Und da ich clever bin, war ich mir sicher, dass Bit im Deutschen eine andere Bedeutung hatte als im Französischen.

Nach einer Stunde gab ich den Versuch auf und entschied, lieber nach draußen zu gehen. Es war Freitag, fünf Uhr nachmittags, und bestimmt gab es noch irgendwo eine Zeitung zu kaufen. Ich wollte nach Wohngemeinschaften Ausschau halten.

Es wurde langsam dunkel und die Lichter der Stadt schmückten die Straßen. Ich merkte, dass auch die Lichtverhältnisse anders waren als in Frankreich. Dort war es am Abend länger hell. Dafür war es am Vormittag länger dunkel. Aber das machte nichts, ich musste ja nicht um sechs Uhr aufstehen.

Im Oktober ist sowieso alles düsterer. Ich sagte mir, dass meine trübe Stimmung nichts mit Deutschland zu tun hatte. Das Gefühl der leichten Traurigkeit würde ich einfach ignorieren.

Ich spazierte ein wenig durch die Stadt, um einen ersten Eindruck von Frankfurt zu bekommen. Mir gefiel, was ich sah. Frankfurt war „multikulti“, aber ich war überrascht, dass es hier im Vergleich zu Frankreich verhältnismäßig wenig „farbige“ Menschen gab. Ich dachte, die Bevölkerung wäre überall auf der Welt so gemischt wie bei uns. Also waren Ausländer hier nicht so eindeutig identifizierbar wie in Frankreich. Plötzlich ging mir auf, dass ich selber Ausländerin war. Der einzige Unterschied war, dass man es nur merkte, wenn ich den Mund aufmachte.

Mein Hotel im Bahnhofsviertel lag zehn Minuten zu Fuß von der Innenstadt entfernt und ausnahmsweise nahm ich nicht- wie jeder Franzose es getan hätte - die U-Bahn, sondern ging ich zu Fuß. Die Innenstadt, und vor allem die Zeil, war ein bisschen enttäuschend. Es gab nur wenige kleine Läden, die den Charme und die Besonderheit mancher französischer Städte ausmachen. Die Zeil war breit und es gab anscheinend eine unausgesprochene Richtung für Fußgänger. Die rechte Seite der Zeil war für die Fußgänger, die in Richtung Konstablerwache gingen und die linke Seite war für diejenigen, die in Richtung Hauptwache gingen. Nur einige Leute trauten sich gegen den Strom zu gehen. Waren es Ausländer oder revoltierten einige Deutsche? Alle internationalen Läden waren hier stark vertreten und großzügig repräsentiert. Erst als ich die Einkaufsmeile verließ, entdeckte ich einige von Inhabern geführte Läden, was mir recht gefiel.

Ich kaufte eine Zeitung mit Immobilienteil und ging zum Hotel zurück. Allmählich machte sich die Erschöpfung von der Reise bemerkbar. Unterwegs kaufte ich eins dieser komischen kleinen, runden Baguettes, die man hier belegte Brötchen nannte. Ich aß es heißhungrig auf dem Bett, die Zeitung als Schutz gegen Krümel ausgebreitet.

Kapitel 4

Die Wohnungsinserate enthielten so viele rätselhafte Abkürzungen, dass ich nicht wirklich wusste, was ich da angekreuzt hatte. Es war mir aber auch egal, ich musste eben lernen, dass man im Leben nicht alles kontrollieren kann. Ich hatte ungefähr fünfzehn Adressen notiert und war nach etlichen Telefongesprächen auf Deutsch bereit, mir diese Wohnungen anzuschauen. Es waren alles WGs und abgesehen von dem Fremdsprachenstress freute ich mich endlich etwas für mein neues Leben tun zu können.

Es kam natürlich nicht in Frage eine dieser Wohnungen zu besichtigen, ohne mich vorher zurechtzumachen. Immer und überall gut angezogen zu sein, ist für Franzosen eine Selbstverständlichkeit; zumindest für Französinnen. Man läuft nicht mit diesen Birken…sowieso-Latschen rum (in Frankreich auch „écrase merde“, grob übersetzt „Kackezertreter“, genannt). Die Krönung ist, wenn diese Art von Schuhen mit Socken oder Söckchen getragen wird. Wie gesagt, wir Französinnen wollen auch mit unserem Körper gefallen, nicht nur mit unserem Intellekt. Frisch geduscht und gut riechend klingelte ich also an der Tür zu meiner ersten Besichtigung.

Eine Frau Anfang vierzig öffnete mir, gepflegt und mit rasierten Beinen, womit sie bei mir schon Pluspunkte gesammelt hatte. Viele deutsche Frauen, die ich in Frankreich getroffen hatte, rasierten sich entweder nicht die Beine oder sie hatten Haare unter den Achseln. Na ja das stimmte nicht ganz; der Fall von unrasierten Beinen traf nicht auf junge Singles zu, die auf der Suche nach einem Mann waren, sondern eher auf schon verheiratete Frauen, die sich nicht mehr die Mühe machen mussten, sich einen Mann zu schnappen und festzunageln.

Die Wohnung war groß, sauber und hell. Perfekt. Das Zimmer selbst war unmöbliert. Die Frau lud mich zum Tee ein. In Frankreich trinkt man praktisch nie Tee, außer vielleicht eine Tasse vor dem Schlafengehen, une tisane. Sonst trinkt man Kaffee und den in großen Mengen.

„Welche Sorte möchten Sie?“

„Es ist mich egal.“

Sie stellte einen seltsamen Apparat an, den ich später als „Wasserkocher“ näher kennenlernen sollte. Gab es denn keine Mikrowelle in Deutschland und- schlimmer noch- keinen einfachen Topf für Kochfelder? Sie drehte sich um und lächelte mich an.

„Und? Wie finden Sie das Zimmer?“

„Sehr gut. Der Preis war…?“

„Fünfhundert Euro warm.“

Haben die Deutschen warme Euro? Bestimmt nicht. Es gab sicher eine Erklärung.

„Was bedeutet warm?“

„Das heißt, dass in der Miete schon das Wasser und die Heizung enthalten ist.“

„Ah! OK!“

„Was haben Sie gedacht, was es sei?“

„Nichts. Ich hatte nicht verstanden. Haben Sie schon im Ausland geliebt?“

„Was meinen Sie mit geliebt?“

„Ob Sie schon in Frankreich oder England gewohnt?“

„Ah! Sie meinen „gelebt“? Nein, das habe ich nie und bin auch nicht daran interessiert. Ich habe immer in Frankfurt gelebt und fühle mich wohl hier.“

Warum spürte diese Frau nicht so wie ich den Drang, etwas anderes kennenzulernen, Menschen zu verlassen, um neue Freunde zu gewinnen? Für mich war das kein Verlust, sondern ein Gewinn. Warum hatte sie ihr Leben, ihren Alltag nicht satt? Warum haben einige unserer Vorfahren damals, als wir fast noch Menschenaffen waren, trotz eines schönen Lebens am Fluss mit Fisch in Hülle und Fülle ihren Clan verlassen – nur um zu sehen, was sich hinter dem nächsten Hügel verbirgt?

Wir tranken den Tee, der dank des Wasserkochers brühendheiß war, was dazu führte, dass ich, ganz weiblich und sexy, wie eine alte Oma schlürfte. Es war ruhig, zu ruhig für mich. Ich hatte den Eindruck, ich sei bei meiner Großmutter. Der Geschmack des Kräutertees erinnerte mich an Abende bei ihr, wenn meine Eltern mal schön ausgehen wollten. Wenn ich mich richtig konzentrierte, konnte ich fast hören, wie mein Leben an mir vorbeiraste.

Ich verabschiedete mich und sagte, ich würde sie kontaktieren. Ich machte mich auf den Weg zu meinem zweiten Termin, froh, der Wohnung entronnen zu sein, in der die Zeit stillgestanden hatte.

Die zweite Adresse war nicht weit vom Bahnhofsviertel entfernt. In allen Städten der Welt, die ich jemals besucht hatte, gab es kein Bahnhofsviertel, das nicht voller Menschen und voller merkwürdiger Gestalten war. Warum ist das so? Darauf habe ich bis heute keine Antwort gefunden.

Die Wohnung kam für schon mich auf den ersten Blick nicht in Frage. Es war ein Altbau, unrenoviert. Fast hatte ich den Eindruck in Frankreich zu sein. Die meisten Franzosen können oder wollen die Fassaden ihrer Häuser nicht sanieren. Ob sie dazu nur keine Lust oder auch kein Geld haben, ist schwer zu sagen. Aber häufig waren diese schäbigen Altbauten dafür von innen kunstvoll renoviert. Viele legen Wert darauf, sich in den eignen vier Wänden wohl zu fühlen, und da wird nicht gespart. Würde es hier auch so sein?

Ich klingelte an der Wohnungstür, ein Mann öffnete und ließ mich ein. Ich stand direkt in der Küche, denn es gab keinen Flur. Er lächelte kurz. Ich musste an amerikanische Fernsehserien denken, in denen die Häuser oder Wohnungen auch immer so dargestellt werden.

Der andere Bewohner der WG saß am Küchentisch und stand auf, als ich hereinkam. Er schüttelte mir die Hand. Warum küssen sich die Deutschen eigentlich nie, wenn sie jemanden begrüßen? Ich war daran gewöhnt meine Altersgenossen, auch die, die ich nicht kannte, zu küssen. Auf die Wangen natürlich. So frivol sind die Franzosen dann auch wieder nicht…

„Herzlich willkommen, äh… Claire? Ist das richtig?“

„Ja.“

„Soll ich Ihnen das Zimmer zeigen?“

„Ja. Danke.“

Er öffnete eine Tür. Das Zimmer war klein, dunkel und es roch nach abgestandenem Zigarettenqualm. Ich fühlte mich sofort unwohl. Der andere Mitbewohner zeigte mir das Badezimmer. Ich war geschockt. Als Frau brauche ich mindestens einen Spiegel, schließlich muss ich mich ab und zu mal schminken.

Der Duschvorhang war am unteren Rand schwarz vom Schimmel und von einer undefinierbaren Schmutzschicht. Und wenn ich mir diese beiden Männer so ansah, hatte ich den Eindruck, dass sie ebenfalls nicht in bester Verfassung waren. Ehrlich gesagt sahen die zwei wie Neandertaler aus, mit ihrer breiten Augenbrauen und tief liegenden Augen. Bestimmt waren sie Brüder. Nein! Das konnte ich nicht. Ich konnte nicht hier leben, das ging über meine Kräfte. Ich musste unbedingt hier raus.

„Es tut mich leid. Ich bin nicht interessiert von dem Zimmer.“

Ich flüchtete mehr als das ich mich verabschiedete. Keinem von beiden hatte ich noch einmal die Hand geschüttelt und plötzlich war ich sehr froh darüber, dass man sich hier nicht küsste. Germany: ten points.

Im Treppenhaus achtete ich darauf den Handlauf nicht zu berühren und fragte mich dabei, was die beiden Männer wohl von mir dachten, oder von Ausländern allgemein. Sobald man im Ausland lebt, ist man kein Mensch mehr, sondern ein Ausländer, was einen großen Unterschied macht, wie ich inzwischen festgestellt hatte. Auch in Frankreich hört man in den Nachrichten zum Beispiel hören: „Ein Libanese (oder Deutscher, egal um welche Nationalität es sich handelt) hat einen Mord verübt“. Ginge es um einen Franzosen, würde man nicht „Franzose“ sagen, sondern nur „ein Mann“. Diese Art und Weise, eine Nachricht zu übermitteln, kommt wahrscheinlich daher, dass die Bürger des Landes den Eindruck haben, dass viele Ausländer Kriminelle sind.

Ich ging in mein Hotel zurück, wo wenigstens die Luft im Zimmer erträglich war. Die ersten beiden Versuche waren nicht sehr positiv verlaufen und ich fing langsam an mir Sorgen zu machen. Was ich jetzt wollte war eine vertraute Stimme am Telefon. Ich wählte die Nummer meiner Freundin Christine, die mich durch mein ganzes Studium in Paris begleitet hatte, und berichtete ihr von meinem Abenteuer.

Kapitel 5

Nach der dritten Nacht im Hotel war ich wieder fit und ausgeruht. Heute war der erste Tag an meinem neuen Arbeitsplatz. Ich war sehr aufgeregt und entschied mich für ein bequemes, aber schickes Kostüm. Um halb neun ging ich zur U-Bahn. Komischerweise war die Bahn nicht so voll, wie ich es mir vorgestellt hatte. In Paris und sogar in der Stadt, in der ich gewohnt hatte, war um diese Zeit voller Betrieb. Ist heute vielleicht ein Feiertag? Ich beobachtete die Menschen um mich herum und sah einige Männer mit Laptop-Taschen. Nein, wahrscheinlich war das hier normal. Ich muss mir nicht ständig Gedanken machen.

Etwas anderes war ebenfalls merkwürdig: es war sauber. Kaum Graffitis, kein Papier auf dem Boden und die Sitze auf dem Bahnsteig schrien nicht nach einer Behandlung mit dem Flammenwerfer. Interessant. Die hiesigen Putzkolonnen schienen hoch motiviert zu sein. Sicherlich bezahlte die Stadt ihnen einen Haufen Geld. Obwohl es fast zu sauber war, ahnte ich, dass ich mich auch daran würde gewöhnen können.

Die U-Bahn kam, die Türen gingen auf und sämtliche Wartenden auf dem Bahnsteig blieben geduldig stehen bis alle Leute aus dem Wagon ausgestiegen waren. Kein Gedränge, keine Unordnung. Ich sah mich um, um herauszufinden, ob alle außer mir ein „Wer-ist-dran-Ticket“ gezogen hatten, um in der richtigen Reihenfolge einzusteigen. Dieses System kannte ich aus Frankreich, aber nur von der Wursttheke im Supermarkt. Ist ja auch bekannt, dass wir in Frankreich unter Wurstmangel leiden.

Nein, niemand hatte ein Ticket gezogen. Dennoch verlief das Ein- und Aussteigen reibungslos. Ordnung muss sein. Offensichtlich lebten die Deutschen nach diesem Motto.

Von meinem sauberen Sitz aus sah ich mir die Gegend an. Es war schönes Wetter. Einige Blätter fingen langsam an der Schwerkraft nachzugeben und ich sah eine Frau, die den Bürgersteig fegte. Sie war allein und psychisch sicherlich nicht wirklich im Gleichgewicht. Wer fegt denn schon den Bürgersteig!

Eine Frauenstimme sprach in der U-Bahn und sagte etwas, das ich nicht verstand. Kurz vor dem nächsten Halt sagte die Stimme noch etwas. Es dauerte einige Stationen bis ich begriffen hatte, dass diese Stimme die Namen der Haltestellen ansagte. Unglaublich. Der Fahrer konnte es nicht sein, denn das war ein Mann. Ich passte jetzt auf und wartete auf meine Station.

Fünf Minuten später war ich da. Mein neuer Arbeitsplatz war die Dependance einer französischen Bank. Als ich Frankreich verließ, wollte ich etwas ganz Neues anfangen und dazu gehörte eben auch eine neue Arbeitsstelle. Meine Bank befand sich nicht im Bankenviertel mit seinen Hochhäusern und den grau in grau gekleideten Männern, war jedoch nicht weit vom Zentrum der Stadt entfernt. Als ich das Gebäude suchte, sah ich, dass ein relativ großer Park in der Nähe lag. Der Grüneburgpark. Der Gedanke an die Mittagspausen im Sommer in diesem Park ermutigte mich. Zumindest war hier, im Gegensatz zum Bankenrviertel, nicht alles zubetoniert, sondern recht grün; die Frauen trauten sich auch mal einen rosanen Mantel zu tragen und nicht wie die Frauen im Viertel der Finanzmärkte nur schwarze Kostüme, um den Männern zu ähneln, damit sie akzeptiert werden.

Ich stieg aus, atmete tief durch und nahm die Treppen, die zum Eingang führten. Es gab kein Zurück mehr und ich war froh darüber. Ich ging zum Empfang und nannte meine Ansprechpartnerin: Frau Pfeufer.

Sie kam, ein strahlendes Lächeln im Gesicht.

„Herzlich willkommen bei uns.“

„Danke schön.“

„Ich zeige Ihnen Ihr neues Büro. Sie teilen sich zuerst eins mit Frau Weiß. Hier, wir sind da. Hallo, Frau Weiß“!

Sie platzte in das Büro von Frau Weiß ohne geklopft zu haben und ohne zu fragen, ob sie eintreten dürfe. Das waren schon seltsame Manieren. In Frankreich wäre soetwas als eindeutiger Übergriff auf fremdes Territorium gewertet worden und hätte vermutlich zu einem persönlichen Krieg zwischen den beiden Beteiligten geführt.

„Hallo, Frau Pfeufer. Bringen Sie die neue Kollegin mit?“

„Ja.“

Sie wandte sich zu mir um. Ich stand noch auf dem Flur und wartete darauf hereingebeten zu werden.

„Kommen Sie doch rein. Hier ist Frau Weiß.“

„Guten Tag.“

„Guten Tag. Ich habe schon alles für Sie vorbereitet. Sie brauchen nur noch Ihre Sachen einzuräumen.“

Sie zeigte mir mit einer lässigen Handbewegung das Resultat ihrer Arbeit. Das Aufräumen. So viel war mir schon klar geworden: die Deutschen mögen das Aufräumen. Immer und überall, draußen und drinnen. Ich wollte mich trotzdem für ihre Mühe bedanken.

„Vielen Dank“, sagte ich, „das ist nett von Ihnen.“

Ich stellte meine Sachen auf den Schreibtisch und machte den Computer an. Natürlich funktionierte er nicht, weil ich noch kein Passwort hatte.

„Der IT-Experte schaut heute Nachmittag bei Ihnen vorbei und erklärt Ihnen dann alles mit dem Computer“, kündigte meine Kollegin mir an.

Ich hörte: „Experte, Computer, heute“. Das waren die Wörter, die ich verstanden hatte. Ich war mir nicht sicher was sie damit sagen wollte, aber ich lächelte. Das Lächeln ist die absolut internationale Sprache.

„Kommen Sie, ich stelle Ihnen Ihre neuen Kollegen und direkten Nachbarn vor.“

„Ja, danke.“

Konnte ich denn nichts weiter sagen als „ja, danke“? Was das Reden anging, fühlte ich mich wie ein dreijähriges Kind. Was sollten bloß meine Kollegen von mir halten?

Wir gingen den Flur auf und ab und begrüßten die Mitarbeiter in jedem Büro. Es waren nur junge Menschen, ungefähr mein Alter und mein Bildungsstand. Ich registrierte sofort, dass es mehr Männer als Frauen waren (was relativ normal war, da ich in einer Bank arbeitete. Gott sei Dank bin ich nicht Frisörin geworden. Die Auswahl an Männern hätte sich damit sehr stark von selbst reduziert) und ich freute mich schon. Jagen ist der Lieblingssport der Franzosen… und der Französinnen.

Der Tag ging an mir vorbei, ohne dass ich etwas Konkretes getan hätte.

Ab fünf Uhr nachmittags fingen meine neuen Kollegen an wegzugehen und verabschiedeten sich mit einem: „Tschüss, bis morgen!“ Ich schaute noch einmal auf meine Uhr, um zu prüfen, ob sie vielleicht stehengeblieben war. Ich schüttelte sie sogar, um wirklich sicher zu sein, dass sie noch funktionierte. Ich fühlte mich verlassen und wusste nichts mit mir anzufangen. Frau Weiß entschied sich auch nach Hause zu gehen. Es war viertel nach fünf.

„Gehen Sie noch nicht?“

„Äh… nein! Nicht vor achtzehn Uhr dreißig.“

„Wissen Sie, wenn Sie früher als neun Uhr kommen würden, könnten Sie auch um fünf Uhr gehen.“

Ihrem Tonfall war nicht zu entnehmen, ob das ein Rat oder ein Vorwurf sein sollte. Ich entschied mich für den Rat.

„Das ist warum es gibt keine Menschen in U-Bahn um acht Uhr dreißig?“

„Ja, die meisten sind um acht schon bei der Arbeit. Manche sind schon um viertel nach sieben da.“

„Aber wie viel Uhr sie aufstehen?“

„Ich würde sagen zwischen sechs und halb sieben.“

„Aber das ist die Nacht-Mitte!“

„Nein, nein, das ist Vormittag.“

„Das ist die Nacht-Mitte, wenn ich gehe Mitternacht in Bett.“

„Dann muss man eben früher schlafen gehen.“

„Warum? Um früher arbeiten zu können?“

Sie starrte mich an und jetzt war sie diejenige, die nicht wusste, ob ich mich über sie lustig machte oder ob ich wirklich schockiert war. Ich wusste es selbst nicht. Ich verstand die Logik nicht.

„Dann sehen wir uns morgen, ja?“

„Ja, bis morgen.“

Ich wartete noch eineinhalb Stunden und ging wieder ins Hotel, ziemlich erschöpft von diesem Tag. Müde kaufte ich mir einen Döner. Ist das mittlerweile ein deutsches Gericht geworden? Wenn ich es genauer betrachte, gibt es in Deutschland (oder gilt das speziell für Frankfurt) recht viele Fastfood Läden und Restaurants(von den bekannten amerikanischen bis hin zu den italienischen oder türkischen).

Im Hotel angekommen, legte ich mich sofort hin. Gegen neun Uhr schlief ich ein. Ich hatte mich noch nie so deutsch gefühlt.

Kapitel 6

Ich wollte mich so bald wie möglich anpassen, also stand ich um halb sieben auf. Ich hatte das Gefühl als hätte mir jemand Sand in die Augen gestreut. Meine Augenlider waren schwer und taten weh. Es brannte. Alles in meinem Körper sagte mir: schlaf noch ein bisschen! Das war meine französische Stimme, besser bekannt als der innere Schweinehund… Ich ignorierte diese Stimme. Ich stand sofort auf, da ich wusste, wenn ich noch mal kurz dösen würde, wäre es mit der Anpassung schon wieder vorbei. Aber um richtig aufzuwachen, musste ich unbedingt duschen. Das Badezimmer im Hotel war nicht besonders einladend, aber immerhin besser als in einigen Hotels in Frankreich, wo man die Dusche und-schlimmer noch-das Klo mit den übrigen Gästen teilen muss. Obwohl Frankreich weltweit das beliebteste Touristenziel ist, gibt es dort eine Menge Hotels dieser Art, vor allem in Paris. Diese Hotels werden in Frankreich „Hôtel de passes“ genannt, was den sogenannten Stundenhotels in Deutschland entspricht. Mein Badezimmer war, wie gesagt, also kein Highlight, aber es war akzeptabel. Da ich überhaupt noch nicht wach war, vergaß ich meine Klamotten, einen sauberen Slip und den passenden BH dazu mit ins Badezimmer zu nehmen und das Fenster aufzumachen. Das führte dazu, dass ich mich weder schminken noch mein ganzes Erscheinungsbild betrachten konnte, da der Spiegel von dem Dampf komplett beschlagen war (und- nein-, ich habe nicht dreißig Minuten lang geduscht, weil ich sonst mal wieder zu spät gewesen wäre). Auch hatte ich vergessen das Duschgel einschließlich des Shampoos in die Duschkabine zu stellen und beim Rausteigen, um meinen Kulturbeutel (komischer Name: was hat so ein Beutel denn mit Kultur zu tun?) von dem Waschtisch zu holen, rutsche ich meisterhaft auf dem Boden aus und holte mir einen riesigen blauen Fleck auf der Pobacke (und hoffte dabei heute Nacht keinen Liebhaber zu haben, weil er mir sonst sehr weh tun könnte, falls er mich leidenschaftlich auf dem Po streichel). Ich ging in den Frühstücksraum des Hotels und genoss trotz meiner schlechten Laune mein Croissant mit Kaffee. Ein Hotelgast beobachtete mich und nach ein paar Minuten fasste er sich ein Herz:

„Sie müssen mehr essen als das Croissant und den Kaffee.“

„Warum?“

„Weil das nicht lange vorhält; Sie werden bald wieder Hunger haben.“

„Bis jetzt ich hatte nie Hunger in Frankreich.“

„Oh, Sie sind Französin?“

Dabei grinste er.

„Ja, ich bin.“

„Ich liebe Frankreich. Ich mache dort oft Urlaub.“

Es war viertel nach sieben. Morgens. Kein Franzose ist um diese Uhrzeit aufmerksam und geduldig.

„Es tut mir leid, ich muss weggehen zu Arbeit.“

„Ja, natürlich. Ich muss mich auch auf den Weg machen.“

„Auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen.“

Auf dem Weg ins Büro erlebte ich zum ersten Mal in der U- Bahn wie peinlich Schwarzfahren sein kann. Das Problem kannte ich aus Frankreich nicht, denn dort ist das eine Art Nationalsport. Man nimmt etwas in Anspruch, wofür man nicht bezahlt hat. Es ist nicht direkt klauen, es ist eher ein Beweis, dass man pfiffig ist oder zumindest pfiffiger als die anderen. Aber natürlich wurde ich hier erwischt. Ich war die einzige in der ganzen U-Bahn, die kein Ticket besaß. Kein Schwarzfahrer, außer mir. Es war so peinlich die vorwurfsvollen Blicke der anderen Passagiere ertragen zu müssen. Ich hatte den Eindruck, dass in der U-Bahn ausschließlich moralisch einwandfreie Menschen saßen. Ich fühlte mich schlecht und fragte mich, ob alle Deutschen so perfekt, so fehlerfrei wären. Und wenn ja, woher kam so ein Verhalten?

Als ich ins Büro trat, war Frau Weiß schon da. Noch bevor ich hallo sagen konnte, machte sie ein seltsames Geräusch.

„Naaa?“

Ich sah sie fragend an.

„Es tut mir leid, aber was bedeutet das?“

„Was denn?“

„Naaa.“

Ich war mir nicht sicher wie lang das A sein sollte.

„Ich weiß nicht so recht. Ich denke, es bedeutet ‚wie geht’s?“ „Oh. Ich gehe gut. Und Ihnen?“

„Sehr gut. Sie sind heute sehr früh.“

„Ja, und es gab viele Menschen in die U-Bahn.“

Sie antwortete nicht auf meine Bemerkung. Sie blickte auf ihren Bildschirm und setzte eine konzentrierte Miene auf. Nach einigen Minuten sagte sie:

„Um zehn Uhr haben wir eine Besprechung. Ich denke, Sie sollten mitkommen.“

„Ja, wo ist es?“

„Im Raum ‚Güttenberg‘.“

„Und was ist das Thema?“

„Es gibt drei neue Projekte und wir müssen entscheiden, wie wir die untereinander aufteilen.“

„Und wer macht die Entscheidung am Ende?“

Sie schaute mich merkwürdig an, anscheinend verstand sie mich nicht.

„Was meinen Sie damit?“

„Warum treffen sich die Mitarbeiter, wenn am Ende entscheidet der Chef?“

„Weil der Chef hören möchte, was wir darüber denken. Wir müssen gemeinsam eine Lösung finden, die für alle zufriedenstellend ist. Unser Chef soll nicht allein entscheiden.“

Das Wort „Lösung“ gab es auch im Französischen, aber in Verbindung mit „gemeinsam“ war es mir fremd. „Zufriedenstellen“ gibt es gar nicht im Wörterbuch französischer Firmen. „Zufriedenstellen“ ist ausschließlich für die Vorgesetzten gedacht. Ein französischer Chef fragt nie seinen Mitarbeiter was er über ein Problem denkt, und wenn er es tut, fragt er ihn nicht im Beisein anderer, sondern sperrt sich mit ihm in sein Büro ein und fragt ihn dann. Kein Vorgesetzter würde es riskieren mit einer Meinung konfrontiert zu werden, die seine Autorität in Frage stellen könnte.