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Julian Mailen ist Anfang dreißig und Gamedesigner. So erfolgreich er in seinem Beruf ist, so schwer tut er sich manchmal mit den Anforderungen des alltäglichen Lebens. Als seine Eltern in einen Autounfall verwickelt werden, den die Mutter nicht überlebt, stellt dieser Alltag den jungen Mann vor Herausforderungen, denen er kaum gewachsen zu sein scheint. Der in Folge des Unfalls an Aphasie leidende Vater entgleitet in eine stumme Parallelwelt, die sich dem Sohn verschließt und die er sich in seinen ausgefallensten Fantasien kaum hat vorstellen können. Aber sein japanischer Freund Akuma und die Erinnerung an die vielen Geschichten, die ihm seine Eltern als Kind erzählten, die überbordende Phantasie seines Vaters, der Rückblick auf sein Leben und nicht zuletzt eine sehr ungewöhnliche Idee der beiden Freunde weisen Vater und Sohn den Weg in eine Welt, die schon immer gesucht wurde und aus einer Welt, die man niemals hätte finden wollen ...
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Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Thomas Christen
VR - virtual reality
Roman
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Inhaltsverzeichnis
Titel
AFK - away from keyboard (Frühling 2019)
Freundlichkeit kann man kaufen und von weitem ist alles so klein
EOP - end of play (Winter 2018)
Niemandsland
Newbies & Protters (Sommer 2019)
Die Geheimnisse von Harris Burdick - Tongpartu
SCRUM – In einem anderen Universum (Sommer 2019)
Regen und Regenbögen
L2P - learn to play (Herbst 2019)
The Stranger – Ira Meemo
RL - real life (Winter 2019)
Anmerkungen
Impressum neobooks
VR - virtual reality
Wir verändern die Welt. Jeden Tag in hundert verschiedenen Arten.
(Warren Vidic zu Desmond Miles über Abstergo Industries; aus Assassin’s Creed)
‚Es gibt sie – es gibt sie nicht – es gibt sie – es gibt sie nicht ...’
Vorsichtig schreitet er die mausgrauen Platten des Bürgersteigs ab, den Blick starr auf seine Schuhe gerichtet und penibel darauf achtend, keine der teerverschmierten Fugen zu betreten oder auch nur zu berühren. Wenn aus einer der Fugen ein winziges Büschel Unkraut quillt oder die Platte vor ihm einen Riss aufweist, steigt er auf die Fußballen, tänzelt nach rechts oder links oder nimmt, wie ein Storch staksend, zwei Platten auf einmal. Er weiß, was die anderen denken, wenn sie ihn so sehen.
‚Es gibt sie – es gibt sie nicht.’
Er liebt dieses Spiel. Und er kennt unzählige Varianten. Wenn das nächste Auto, das an mir vorbeifährt, von einer Frau gelenkt wird, dann ... Wenn die Anzahl der Schritte bis zur nächsten Ecke eine gerade Zahl ergibt, dann ... schon bald – nie – schon bald – nie ... Wenn der Rosenstrauch im Garten von Nummer Neun um diese Jahreszeit noch wenigstens eine Blüte aufweist, vielleicht ...
Links, rechts, zwei kurze Schritte, oups, um ein Haar wäre das schief gegangen. Er hört den Bus aus der Ferne näherkommen und er registriert aus den Augenwinkeln die Pfütze über dem verstopften Abflussgitter am Bordstein. Ein kurzer Hauch von etwas wie Panik durchweht ihn. Lächerlich. Zwei Storchenschritte und dann hält er sich einen Augenblick lang am Geländer der Überführung fest. Der Bus rauscht vorbei und ein Schwall von Spritzwasser ergießt sich vor seine Füße. ‚Wenn auf der letzten Bank jemand sitzt, dann ...’, schießt es ihm kurz durch den Kopf, aber dann ist der Bus schon vorbei. Auf der letzten Bank hat niemand gesessen. Er lächelt. Es ist ein wenig wie das tägliche Lesen des Horoskops auf der Rätselseite der Tageszeitung. Kollegentratsch nötigt Ihnen im Moment bestenfalls ein Lächeln ab. Heute fehlt Ihnen die richtige Motivation. Der Umgang mit dem anderen Geschlecht dürfte heute ... Was für ein Unsinn! Na ja, vielleicht ... Aber morgen wird er das Horoskop wieder als erstes überfliegen. Jeder weiß doch, dass es ein Spiel ist. Und er liebt diese Spiele. ‚Es gibt sie – es gibt sie nicht – es gibt sie ...’
Als er das kurze, in der Luft hängenbleibende ‚Vorsi ...’ hört, läuft er der jungen Frau fast in den Kinderwagen, den sie vor sich herschiebt. Das Lächeln, das die Frau ihm schenkt, ist das Lächeln, das er schon so oft gesehen hat. Er weiß, was die anderen denken, wenn sie ihn so sehen. Er springt zur Seite, hebt entschuldigend die Hände und meint: „Oh, pardon. In Gedanken. Entschuldigen Sie bitte.“
„Nichts passiert“, erwidert sie freundlich und zieht dem Kleinen im Wagen die Mütze zurecht. Unbeholfen winkt er dem Jungen ein Auf-Wiedersehen zu. Einen kurzen Moment schaut er den beiden nach, und dann fällt sein Blick auf seine Füße. Wie ein kleines schwarzes Rinnsal verschwindet der blasige Teerstrich der Fuge unter seinem Schuh, um auf der anderen Seite wieder hervorzukommen. ‚Es gibt sie nicht’, flüstert er kopfschüttelnd, ‚aber es ist ja auch nur ein Spiel.’
Für Anfang Juni ist es deutlich zu nass und zu kalt. Es hat fast den ganzen Tag geregnet, und er hat sich am Schreibtisch viel zu oft dabei ertappt, wie er minutenlang gedankenverloren die Wasserschlieren auf der Fensterscheibe beobachtet hat. In seinem Team wissen sie Bescheid. Selbstverständlich hat er es ihnen allen seinerzeit erzählt. Sie waren alle ziemlich betroffen. Mittlerweile machen Marie und Sarah aber dann doch ab und zu ihre Witzchen, wenn sie bei ihm vorbeikommen und er geistesabwesend durch die Scheibe starrt. Eine Hand auf seiner Schulter und dann die leise Frage „Wieder afk?“ Er nickt dann meistens nur und müht sich ein Lächeln ab, und wenn Ikem in der Nähe ist und alles mitbekommt, rollt der regelmäßig mit den Augen und sagt zu den beiden Frauen: „Ladies, ihr wisst schon, was mein Name zuhause bedeutet?!“
Auch nur ein Spiel. Vielleicht eine anfangs verunglückte, aber dennoch nett gemeinte Geste, die man jetzt nicht mehr los wird.
Am Arbeitsamt steigt er in die Straßenbahn. Er weiß nicht, wie oft er sich in der letzten Zeit überlegt hat, ob er sich nicht doch ein eigenes Auto anschaffen soll. Er hat nie eines gebraucht. Das Geld wäre nicht einmal das Problem. Bisher hielt er es einfach für Dreck verursachende Verschwendung. Aber praktisch wäre es jetzt trotzdem manchmal.
Als sein Handy summt, zieht er es aus dem Rucksack und liest die Nachricht.
‚Morgen OBI-Wan kommt. Die neue Waschmaschine er bringt. 10.00 Uhr. Wenn nötig noch Geld, ich vorlege. M.’
Matze. Matthias Bogner. Ausgewiesener Kenner des gesamten Star-Wars-Universums und in der Firma Fachmann für die Sounds. Einen Monat nachdem der Vater damals aus dem Krankenhaus zurück war, kam Matze neu ins Team und suchte eine Wohnung. Die Entscheidung, ihm für eine Weile die eigene Wohnung zu überlassen, entstand damals ziemlich spontan, als Matze bei einem ihrer ersten abendlichen Biere meinte: „Die Begriffe ‚Platz für mein Klavier’ und ‚billig’ lassen sich in dieser Stadt in keinen realistischen Zusammenhang bringen.“
Er hatte geistesabwesend in sein Glas gestarrt und irgendwann gemeint: „Du kannst meine Wohnung haben. Zumindest für eine Zeit lang. Ich werde zu meinem Vater ziehen.“ Und dann hatte er auch Matze alles erzählt.
‚Ich werde keine Maßnahmen billigen, die uns in einen Bankrott führen. Ein großer Krieger du bist. J.’ Er weiß, dass Matze seine SMS richtig verstehen wird und dann drückt er auf Senden.
Am Bahnhof steigt er aus und auf dem Weg zur Bushaltestelle geht er noch an einem Kiosk vorbei. Seit er zu seinem Vater gezogen ist, hat er sich angewöhnt, gelegentlich eine Tageszeitung zu kaufen. Und er hat begonnen dieses Relikt aus einer anderen Zeit sogar zu mögen. Früher stand neben der Kaffeetasse und dem Brötchen auf dem Teller der Laptop. Jetzt bleibt selbst für das morgendliche Überfliegen der Überschriften meistens kaum Zeit und er muss zugeben, dass er dem Gefühl, sich im elterlichen Wohnzimmer eine Viertelstunde lang in einen Sessel zu setzen und das billige Papier in Händen zu halten, etwas abgewinnen kann. Außerdem sind die Zeitungen ganz nützlich, denn manchmal sammelt er die Anzeigen- und Reklamebilder, um sie immer wieder seinem Vater vorzulegen. Wenn sie nach dem Abendessen noch eine Weile am Küchentisch sitzen, jedes Mal in der Hoffnung, dass der alte Mann dieses Mal das Wort für das, worauf sein Finger zeigt, etwas klarer und zügiger aussprechen kann.
Als er die Zeitung an der Kasse bezahlen will, ist es wieder da. Dieses Bild und das damit verbundene Gefühl. Ausblenden ist unmöglich. Er kann diesen Moment kein einziges Mal einfach überspringen. Es ist wie ein Überfall, wie ein unabwendbarer Angriff aus dem Hinterhalt. Neben den Tageszeitungen liegen die Stapel aus unausrottbarer Banalität und Oberflächlichkeit. Immer die gleichen Gesichter aus denen unsagbare Glückseligkeit spricht. Papierne Enzyklopädien aus Lügen, Halbwahrheiten und belanglosem Tratsch. Beziehungsgeschwurbel, angesagte Kochrezepte und noch angesagtere Mode. Horoskope. Und jetzt muss er für einen Herzschlag lang kurz lächeln. Wie sehr hat sie diese Zeitschriften gemocht. Er sieht sie so klar vor sich, dass er meint, ihr über die Wange streicheln zu können. Seine Mutter im Sessel, auf dem Schoß die neueste Ausgabe eines dieser Blättchen, auf dem Weg in eines ihrer vielen Paralleluniversen. Wenn es einen Menschen auf der Welt gab, der die Kunst des Eskapismus perfektioniert hatte, dann war es seine Mutter.
Als er über den Bahnhofsvorplatz geht, liegen Wolken wie schmutziger Badeschaum über den Dächern der Innenstadt. Der Bus kommt erst in fünf Minuten, und um die Wartezeit nicht mit noch mehr Grübeleien zu verbringen, studiert er die Auslagen der angrenzenden Geschäfte, ohne eigentlich genau hinzuschauen. Er hat natürlich wieder alles Mögliche vergessen zu besorgen. Sein Vater bräuchte eine bequemere Hose. Sofia Reker hatte ihn beim letzten Mal darauf aufmerksam gemacht, dass wohl keine Seife und keine Zahnpasta mehr im Badezimmerschränkchen seien. Nichts wirklich Wichtiges, aber gemacht werden muss es trotzdem und für derlei Dinge ist sie nicht eingestellt worden. Im Kühlschrank fehlten gestern ein paar Sachen. Auch das ist eigentlich nicht wichtig, denn dann wird eben beim nächsten Einkauf daran gedacht. Aber er weiß, dass sein Vater zeit seines Lebens Wert darauf gelegt hat, dass der Kühlschrank ‚voll’ ist. Auch wenn das bedeutete, dass immer wieder mal etwas weggeworfen werden musste. Und dann entsteht auch das Bild wie ein Foto in seinem Kopf – sein Vater im weißen Kittel in seinem Geschäft, vom Büro zur Fleischtheke, der Obst- und Gemüseecke oder zu den Regalen mit Lebensmitteln gehend, unentwegt darauf bedacht, dass alle Waren nachgefüllt werden und ja kein Schmutz in den Gängen herumliegt. Als er den Laden vor gerade einmal fünf Jahren an einen Nachfolger übergab, sagte er eine Woche lang kaum ein Wort und die Mutter verkroch sich vollends in ihre goldenen Universen und grellbunten Fernsehserien. Bernd Mailen Feinkost war Geschichte. Also doch Grübeleien ...
Manchmal wundert es ihn, dass ihn seine Gedanken nicht bis in seine Nächte verfolgen. Er träumt nie davon. In der letzten Zeit sind seine Nächte nur ein hinter ihm liegendes schwarzes Loch. Leer und auf erschreckende Weise erholsam. Er versteht es nicht. Das Gestern verfolgt ihn tagsüber, und er weiß jeden Tag, heute, dass es morgen wahrscheinlich wieder so sein wird. Nicht ständig, aber zu oft. Keine Albträume, aber auf jeden Fall etwas, mit dem er nur ganz schlecht umgehen kann.
‚Wieder afk?!’ Nichts als ein dummer Spruch. Aber manchmal wünscht er sich, dass es wirklich nur das Keyboard oder die Tastatur wären, von denen ihn seine Gedanken forttreiben.
Ja, Matze, sage es nur: Viel zu lernen du noch hast ...
Auf dem Sitz vor ihm im Bus sitzt eine junge Frau in Sportkleidung, die ein Netz mit zwei Volleybällen auf dem Schoss hat. In den letzten Monaten war er vielleicht zwei- oder dreimal im Studio. Die Firma bezahlt ihm zwanzig Prozent der Abonnementskosten, und er weiß, dass ihn das Training, wenn er denn die Zeit dafür fände, mit Sicherheit wenigstens für eine Weile auf andere Gedanken bringen würde.
Wenn im Kühlschrank ‚Dinge fehlen’, dann ahnt er schon, dass das Thema Abendessen eine Frage der Improvisation werden dürfte. Also steigt er eine Station früher aus und macht den kleinen Umweg über den Supermarkt. Eine genaue Vorstellung, was er kaufen soll, hat er nicht. Er ist kein großer Meister im Zubereiten von Mahlzeiten. Wenn er später aus dem Büro kommt, fehlt ihm der Antrieb, irgendetwas Aufwendigeres zu kochen. Meistens ist es irgendein TK-Gericht, das er sich in der Mikrowelle warm macht. Manchmal geht er mit dem ein oder anderen aus dem Team um die Ecke und holt sich einen Döner, oder sie gehen nach Feierabend noch eine Stunde zum Italiener. Ging. Gingen. Holte. Vergangenheit.
Er schlendert ideenlos durch die Regale und als er an der Tiefkühltruhe vorbeikommt, holt er zwei TK-Pizzas heraus. Salami. Seine Mutter hat sie manchmal selber gemacht, aber diesen Gedanken verdrängt er so schnell wie er gekommen ist.
„Möchten Sie eine Tüte für zwanzig Cent?“
„Ja, bitte, geben Sie mir eine – ausnahmsweise.“
Über dieses Thema möchte er sich jetzt nicht auch noch den Kopf zerbrechen. Die Ausnahmen sind längst Regel. Das letzte Stück des Weges geht er zu Fuß. Der Bürgersteig besteht wieder aus dunklen Platten. Und Fugen. An den Einfahrten zu den Häusern liegen hier und da die kleinen, grauen Knochensteine, aber die haben nie gezählt. Jetzt geht er einfach weiter. Es kommen ihm viel zu viele Leute entgegen, und sich einmal am Tag lächerlich zu machen, reicht ihm völlig aus. Ein Spiel. Aber er hat keine Lust zu verlieren, auch wenn es natürlich absolut egal ist. Später am Abend wird er vielleicht noch einmal in seinen Account schauen und nachsehen, ob sich jemand gemeldet hat. Gemeinsam gegen allen Unbill der Welt ... Es gibt sie ... es gibt sie nicht ... Großer Gott, jetzt denkt er schon wie seine Mutter.
Sofia Rekers Nissan Micra steht noch vor dem Haus. Als er die Tür zur elterlichen Wohnung aufschließt, sieht er ihre Silhouette durch das Glas der Flurtür und hört, wie sie irgendetwas ruft. Er stellt den Rucksack ab, nimmt die Tüte mit den beiden Pizzakartons und geht hinein.
„Ah, guten Abend Herr Mailen. Ich wollte Sie gerade anrufen und fragen wie lange es noch dauert. Ich bin nämlich ein bisschen in ...“
„ ... Hallo, guten Abend. Ist alles in Ordnung?“ Er geht in die Küche und legt die Kartons auf die Ablage.
„Alles soweit in Ordnung, ja. Er sitzt auf dem Balkon. Ich finde es zwar noch ein wenig kühl, aber er ließ sich nicht davon abbringen.“
Er sieht wie ihr Blick über die Pizzakartons streift und wie sie für den Bruchteil einer Sekunde ihre Lippen zusammenkneift.
„Die Logopädin hat angerufen und lässt sich entschuldigen, dass sie morgen erst eine Viertelstunde später kommen kann.“
Er weiß, dass es nicht der Anruf war, der ihr gerade durch den Sinn ging. Er nickt nur, holt ein Glas aus dem Hängeschrank und hält es unter den Wasserhahn. Als sie in der Diele ihren Mantel vom Haken nimmt, kann sie sich dann doch nicht zurückhalten.
„Wenn Sie mir einen Zettel machen, Herr Mailen, kann ich Ihnen beim nächsten Mal gerne das ein oder andere ...“
„ ... Das ist wirklich nicht nötig“, unterbricht er sie, „wir kommen schon zurecht. Aber trotzdem Danke.“
„Wie Sie meinen. Ich dachte nur ... Tja, ich gehe dann mal. Bis übermorgen. Ich glaube, er würde gerne noch einen Tee haben, aber ...“
Sie legt den Kopf ein wenig zur Seite und hebt die Schultern.
„Auf Wiedersehen.“
Er hält ihr die Tür auf und bleibt dann noch ein paar Sekunden im Flur stehen. Kurz darauf hört er das leiser werdende Brummen ihres Nissans und geht in die Wohnung zurück.
Sein Vater sitzt auf dem Balkon, in eine Decke gewickelt und den Blick auf etwas gerichtet, das deutlich weiter entfernt sein muss als die Blumenrabatten im Garten des Erdgeschosses. Er hat die Hände im Schoss gefaltet, und die Daumen kreisen langsam umeinander.
„Hallo, Senior. Wie geht es Dir?“
Als der Vater zu ihm aufblickt, formen die Lippen ein spitzes Rund, aber im nächsten Augenblick verengen sich seine Augen und er legt die Stirn in Falten, weil dem Mund kein Laut entweicht. Und sofort dreht er den Kopf wieder zur Seite.
„Ist Dir nicht zu kalt? Was habt ihr heute gemacht?“
Als der Vater ihn wieder anschaut, scheint sein Blick zu sagen: ‚Was glaubst du denn?!’ Dann öffnet er den Mund und quälend langsam gelingt ihm ein ‚ ... chts’.
„Ich denke nicht, dass ihr nichts gemacht habt.“
Er nimmt den Becher vom Tisch auf und sagt:
„Möchtest Du erst noch einen Tee? Ich habe Pizza mitgebracht.“
Wieder öffnet sich der Mund unter dem weißen Vollbart, und die Bewegungen sehen aus, als wolle er etwas zerkauen was nicht da ist. Für einen kurzen Moment liegt in seinem Blick etwas Flehendes.
„ ... ien ... er?“
„Nein, nicht vom Italiener. Aber wenn Du willst, können wir auch ...“ Er hat es geahnt.
Der Vater macht eine abfällige, müde wirkende Handbewegung und starrt wieder hinunter in den Garten.
„Irgendetwas müssen wir essen, Vater. Ich hatte nicht viel Zeit.“
Es klingt wie eine völlig misslungene Mischung aus Enttäuschung und Anklage zugleich. Ein kaum erkennbares Nicken und ein Blick hinauf ins Nichts.
Er macht einen Schritt auf den Balkon hinaus, stellt sich ans Geländer und zeigt hinauf in die grauweißen Wolken.
„Was ist das?“, fragt er lächelnd, und als sein Vater ihn anschaut, liegt ein seltsames Funkeln in dessen Augen. Er muss das Wort förmlich aus sich herauspressen.
„ ... in ... ina!“
Ein kaum vernehmbarer Seufzer und ein paar Sekunden lang Stille.
„Wolken, Vater, das sind Wolken ... aber, wenn Du möchtest ... vielleicht ist Mutter ja auch irgendwo da oben.“
Und dann nimmt er die Tasse mit hinein und geht in die Küche.
Feinkost Mailen war eine Institution gewesen. Wie oft in meinem Leben hat mein Vater mir die Geschichte seines Vaters Emanuel erzählt, der Anfang der Fünfzigerjahre angeblich zweimal in seinen Goliath GV 800 gestiegen war, um für Wochen in die Gegend um Mailand und Bologna zu verschwinden, die Nächte neben seinem kleinen Koffer auf einer Matratze und unter einer Wolldecke im Stauraum des erst einmal noch leeren kleinen Busses verbringend, der dann irgendwann wieder vor dem Geschäft in der Hohestraße stand, voll beladen mit Kisten voller Sardinen, Kapern, Olivenöl, Reis, Nudeln, Käse, Wein und Panettone. Das Auspacken und Begutachten der Kisten und ihrer Inhalte hatte beide Male angeblich einem zeremoniellen Akt geglichen. Staunen, studieren, riechen, von dem, was auf den Etiketten stand, kaum etwas verstehen, aber in der prickelnden Vorahnung, wie sich alles in den Regalen ausmachen würde. ‚Wenn ich Ihnen noch etwas empfehlen darf, Frau Müller, frisch hereingekommen, eine Delikatesse.’ Die Geschichte wurde jedes Mal ein wenig umfangreicher, und ich habe jedes Detail geglaubt.
Den Reisen vorausgegangen, so hieß es, war ein umfangreicher Briefwechsel mit einem halben Dutzend Großhändlern und Erzeugern, die sich in den Jahren, die folgen sollten, zu treuen und zuverlässigen Geschäftspartnern von Feinkost Emanuel Mailen entwickeln sollten. La fonte di un'idea aziendale meravigliosa. Übersetzt hatte die Briefe damals angeblich der Ehemann einer Bekannten, und ich habe mir bei jeder Neuauflage der Erzählung vorgestellt, wie der Großvater durch das kleine Büro hinter dem Verkaufsraum auf und ab geht und mit blumigen Worten jenem Antonio Sätze und Höflichkeitsfloskeln in die Feder diktiert, die er niemals auf ihre Richtigkeit hin hätte kontrollieren können. ‚Das dolce vita’, dessen war er sich sicher, ,das dolce vita, bella Italia, der Duft und die Exotik des Mittelmeeres. Wer es sich leisten kann fährt nach Italien, meine Lieben. Warum sollte man nicht ein wenig davon zu uns holen? Damit lässt sich Geld verdienen. Ihr werdet es sehen.’
Wir haben es gesehen. Nun ja, ich selber habe es vielleicht am wenigsten gesehen. Dafür umso mehr geglaubt. Als mein Vater 1955 geboren wurde, war das Geschäft in weitem Umkreis bekannt, die treuen und betuchteren Kunden ließen anschreiben, und die Kinder, die ihre Mütter beim Einkauf begleiteten, bekamen regelmäßig eine kleine Süßigkeit aus dem großen Glas auf der Theke geschenkt. ‚Und, was sagt man?!’
Für meinen Großvater war das Geschäft sein Leben. Nicht, dass er meine Großmutter nicht geliebt hätte. Liebe nach den Maßstäben seiner Generation. Ich kenne keinerlei Geschichten oder Anekdoten, die von Zerwürfnissen oder Streitereien zwischen den beiden erzählen. Aber ohne es erklären zu können, ist das Bild, das ich von ihm habe, das Bild eines Mannes, für den rechtschaffen erworbener Erfolg, uneitle Schönheit und Seriösität das zu achtende und zu wertschätzende Maß aller Dinge waren. Ständig kreisten seine Gedanken um das Wohlergehen des Geschäftes. Und erst wenn diese Gedanken ein wenig zur Ruhe kamen, schien Raum in ihnen für die Familie und meine Großmutter zu entstehen. Als ich selber Jahrzehnte später meinen Eltern zum ersten Mal kundtat, dass ich Medien- und Gamedesign an der MD.H studieren wolle, war meinem Vater zwar die Verwunderung anzusehen, aber wenn er damals wirklich enttäuscht gewesen sein sollte, hat er es auf bemerkenswerte Weise verstanden, dieses Gefühl vor mir zu verbergen. Als ich ihm den Betrag nannte, der bis zum Ende des Studiums an Gebühren zusammenkommen würde, sah er mich nur eine Weile schweigend an. ‚Dann erwarte ich, dass Du nebenbei arbeiten gehst und dich für ein Stipendium bewirbst. Ersteres ist nicht verhandelbar, Julian. Sonst geht es nicht. Mit dem Stipendium müssen wir dann sehen’.
