Mein Glück, das ihr vergeudet - Thomas Christen - E-Book

Mein Glück, das ihr vergeudet E-Book

Thomas Christen

0,0

Beschreibung

DOCH MIT DES GESCHICKES MÄCHTEN, IST KEIN EW'GER BUND ZU FLECHTEN UND DAS UNGLÜCK SCHREITET SCHNELL. (Friedrich von Schiller) Ein Ire, der vor der Hungersnot flieht und damit das erste Kapitel einer berühmten Geschichte schreibt. Ein alter Herr, der versucht sich in seinem vom Sturm verwüsteten Garten an den Namen seiner Frau zu erinnern. Die mystische Reise eines Mannes, die ihn zu einem Turm am Meer führt, an dessen Tor unentwegt das Gestern anklopft. Ein Obdachloser, der mit seinem Hund durch Paris zieht. Ein junger Inuit, der an einem Morgen des heraufziehenden Polarsommers über sein Leben nachdenkt. Ein Mann, der in einem verlassenen Dorf des rheinischen Braunkohlegebietes eine unerwartete Bekanntschaft macht. Eine Krankenschwester, die in einer Wiener Nervenheilanstalt von der Vergangenheit heimgesucht wird.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 100

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mein Glück, das ihr vergeudet

Titelseite Thomas Christen Mein Glück, das ihr vergeudet Erzählungen  InhaltMein Glück, das ihr vergeudetDie WindmühleDie Steine BabylonsFrère JacquesNanoukAch, warum weinst du, Nachtigall?Pavillion 15Über den AutorImpressum

Thomas Christen

Mein Glück, das ihr vergeudet

Erzählungen 

Inhalt

1. Mein Glück, das ihr vergeudet

2. Die Windmühle

3. Die Steine Babylons

4. Frère Jacques

5. Nanouk

6. Ach, warum weinst du, Nachtigall?

7. Pavillion 15

Mein Glück, das ihr vergeudet

Work without hope draws nectar in a sieve,

and hope without an object cannot live.

Samuel Taylor Coleridge (1825)

1841

Mittlerweile schlug ihm das Wetter aufs Gemüt. Seit fast drei Wochen hatten sie nicht ein einziges Mal die Sonne gesehen. Es hatte in Strömen geregnet, als dieJeffersonMitte April in Boston abgelegt hatte. Vier Tage später waren sie in einen Sturm geraten, der selbst jemanden wie ihn befürchten ließ, das Ende der Welt sei angebrochen, lasse den Himmel einstürzen, um sie der unermesslichen Dunkelheit der eiskalten Tiefe unter den Planken zu übergeben. Und jetzt, hier, auf den Häusern und den schwarzen, sich zu Boden duckenden Dächern der Stadt und den endlosen, graugrünen Hügeln, die angeblich hinter der Stadtmauer lagen, schwebte ein Nebel, dessen Nässe man nicht sah, aber die man sofort auf der Haut spürte, wenn man nur für Sekunden das Gesicht zum Himmel hob. Er hatte die Hügel noch nie gesehen. Er hatte sich jedes Mal nie weiter als einen Steinwurf vom Schiff entfernt. Ein Gang über den Kai, ein, zwei Nächte in seiner Kajüte, an den Abenden ein Besuch in einem der nächstgelegenen Pubs, das ölige Bier, das nach Kaffee und Lakritz schmeckte und ansonsten – warten. Warten darauf, dass sie wieder ablegen würden. Diese Insel galt als der Geburtsort der Farbe Grün. Nichts, was er sah, entsprach auch nur im Geringsten dieser Annahme. Waterford. Irland. Dieser von ewiger Feuchtigkeit durchtränkte Außenposten Europas war ihm ein Gräuel. Es war seine dritte Fahrt in zwei Jahren und wie die beiden ersten Male hatte seine Sehnsucht nach der Heimat hier, auf der anderen Seite des Ozeans, ihren schmerzenden Höhepunkt erreicht.

Er legte eine Hand auf das nasse Holz der Reling und beobachtete gedankenverloren wie der ächzende Kran eine weitere Fuhre mit verschnürten Säcken und Kisten über den Spalt zwischen Wasser und Kaimauer hob. Seile knarrten und gebrüllte Anweisungen flogen wie aufgescheuchte Vögel durch die Luft. Einer der jungen Maate stand auf den Stufen zum hinteren Deck und rief einer Gruppe von jungen Frauen auf dem Kai etwas zu, für das er sich eigentlich sofort eine Rüge hätte einhandeln müssen. Aber James Bennett, der Proviantmeister derJefferson, wischte sich nur geistesabwesend die feuchte Hand am Rock ab und versank wieder in der Melancholie seiner Gedanken. Es war nicht seine Aufgabe, das brodelnde Blut dieser jungen Männer durch den Hinweis auf Anstandsregeln abzukühlen.

Der Gedanke schwebte an die Oberfläche wie eine Luftblase in brackigem Wasser. Auf der Überfahrt hatte die Arbeit alles andere verdrängt. Aber jetzt musste er wieder daran denken. Er konnte es immer noch nicht glauben. Niemand hatte es glauben können. William Henry Harrison war am 4. April gestorben. Ganze vier Wochen war er ihr Präsident gewesen. Einen kurzen Monat lang. Und dann war er den Folgen einer Lungenentzündung erlegen, die er sich in der Eiseskälte am Tag seiner Antrittsrede zugezogen hatte. Keiner der acht Präsidenten vor ihm hatte eine so lange Rede gehalten. James Bennett hatte es in der Zeitung gelesen. Die wichtigen Blätter hatten damals die gesamte Rede abgedruckt.

...Liebe Mitbürger, ich verabschiede mich heute auf das Allerherzlichste von ihnen. Tragen sie die Erinnerung an mein heutiges Versprechen mit sich nach Hause, dass ich mich den hohen Pflichten meines Amtes nach besten Kräften widmen und mich dieser Umsetzung mit größter Zuversicht zuwenden werde, im Kampf um das Recht und der ständigen Unterstützung meines großherzigen Volkes1...

Er versuchte sich zu erinnern. So oder so ähnlich hatte der Präsident seine Rede beendet. Und jetzt war er tot.

Das Brett mit Säcken und Kisten taumelte fünf Armlängen, an den Seilen stöhnend, über dem Kopf des Maats in der Luft hin und her. Sie würden die Saatkartoffeln und die Baumwolle gegen Wolle und Bleiglas eintauschen. Und Kisten voller von Holzspänen umhüllter gläserner Fläschchen, Vasen und Schalen, Glaspreziosen, die seit einigen Jahren die Nachttische und Kaminsimse seiner begüterten Mitbürger jenseits des Atlantiks zierten. Waterford Crystal. Sie würden auf der Fahrt zurück in die Heimat einen Umweg von gut zweihundert Meilen machen und säckeweise Getreide und Fässer mit gepökeltem Fleisch in Liverpool abladen. Ware, die sie morgen im Laufe des Vormittags einladen würden. Und dann. Dann, endlich, würde der Kapitän den Bug derJeffersonirgendwann nach Westen richten und sie würden Kurs auf die Heimat nehmen.

Sein Arm schnellte im selben Moment nach oben wie sein Mund den Schrei ausstieß.

„Browning ...!“

Der Maat schaute erschrocken herüber und sein Blick folgte eine Sekunde später unwillkürlich dem Weg, den die Hand des Proviantmeisters wies. Ein Herzschlag und dann machte er einen panischen Satz und sprang von der Treppe. Einer der äußeren Säcke hatte sich aus den Seilen gelöst, war dabei träge über den Rand des Bretts zu rutschten und drohte jeden Moment auf das Deck zu fallen. Als der Maat sich an der Reling umdrehte, schlug der Sack auf den Planken auf, zerplatzte wie eine Schweinsblase voll Wasser und eine Flut von Kartoffeln ergoss sich mitschiffs, in alle Richtungen kollernd. Der Maat blickte dankbar zu Bennett herüber und legte die Hand an die Schläfe.

„Danke, Sir. Vielen Dank!“

James Bennett fuchtelte mit den Armen durch die Luft, schüttelte den Kopf und zeigte dann auf die herumliegenden Kartoffeln.

„Besorgen Sie sich unter Deck einen neuen Sack. Und dann räumen Sie den Schlamassel fort. Bringen Sie den Sack auf den Kai. Und halten Sie sich gefälligst von den Frauen fern, verstanden!“

„Aye, aye, Sir.“ Der Maat grinste schief und verschwand in einer Luke.

James Bennett hob die Kartoffel auf, die bis vor seine Füße gerollt war und starrte auf die porige, dunkelbraune Schale. Seine Söhne verabscheuten sie. Seine Frau brachte sie dennoch manchmal auf den Tisch. Er selber fand sie – er hätte es nicht sagen können. Jenseits des Horizonts, dort draußen, so wusste er, ernährte sie eine ganze Nation.

Wäre James Bennett ein Mensch gewesen, der die Gabe der Vorsehung besessen hätte, vielleicht .... Aber diese Gabe gehört seit jeher in die Welt der Mythen. Es wäre ihm in diesem Moment des Jahres 1841 vergönnt gewesen Geschichte zu schreiben, Millionen von Menschen vor einem an Leid nicht zu beschreibenden, grausamen Schicksals zu bewahren, den Lauf der Geschichte umzuschreiben. Aber so machte er nur eine Faust um eine Knolle, fühlte die raue Oberfläche einen Augenblick auf der Innenseite seiner Hand und warf sie dann hinaus in das Brackwasser des Hafens.

1848

Wie konnte es sein, dass Stille derart laut dröhnte? Dass man das Nichts hörte und sicher war, jede Windböe zu sehen, lange bevor sich das Gras auf den Weiden einen Moment lang lautlos zur Seite neigte? Bewegte die Welt sich noch? Oder hatte auch sie endlich eingesehen, wie absolut sinnlos es geworden war, von hier nach dort zu gehen, eine Aufgabe zu beenden. Oder anzufangen. Und sei sie noch so unwichtig.

Auf dem Horizont im Westen lagen die Berge im feuchten Dunst und die pockennarbigen, moosartigen Flecken auf ihren baumlosen Schädeln waren nur zu erahnen. Es musste Ebbe herrschen, denn der Priel hinter der Wiese war fast leergelaufen. Er führte nie viel Wasser, aber bei Flut suchte sich das Meer seinen verschlungenen und langen Weg selbst bis hierher zu ihnen. Manchmal, wenn ein Vogel im Wasser landete, ertönte ein kurzes, spritzendes Geräusch. Töne, Klänge, ein kurzes Stöhnen der Natur ...

Sie war ihm eine Stunde westwärts entgegengelaufen, aber noch immer war von ihm keine Spur zu sehen. In aller Herrgottsfrühe war er losgezogen, um Algen zu sammeln. Und jetzt war es bereits später Nachmittag. Ihr klang das leise, langsam verklingende Rattern der Holzkarre noch im Ohr, denn sie hatte die halbe Nacht in der Dämmerwelt eines Halbschlafs verbracht und war längst wach gewesen, als er die Hütte verließ. Vielleicht würde er auch Torf mitbringen. Geräusche. Das Klappern des Stecheisens, das er auf die Karre warf. Das rhythmische Quietschen des Rades, das immer leiser geworden war. Sie lehnte sich einen Augenblick an eine der Bruchsteinmauern, die sich wie ein unregelmäßiges, weitmaschiges Netz, wie Adern durch die Landschaft zogen. Steine. Gab es ein Land auf dieser Erde, das mehr Steine hervorgebracht hatte als ihres? Der Klang der Müdigkeit. Der niemals endenwollende, im Hochnebel verborgene Hexengesang der Mutlosigkeit.

Die Torfsoden hinter ihrer Hütte gingen zur Neige und wenn er neue mitbrächte, würden sie sie erst wochenlang trocknen müssen. Unwillkürlich zog sie das wollene Tuch fester um ihre Schultern und ging auf den Weg zurück. Seit Wochen feuerten sie den Ofen nur noch einmal am Tag an. Zwei Soden, eine Stunde bevor sie schlafen gingen. Eine Stunde, die sie in wortlosem Schweigen verbrachten und in der sie auf den Torf starrten, der quälend langsam gelbblaue Flämmchen hervorbrachte. Worte gab es nicht mehr viele. Die Vergangenheit hatte sie aufgezehrt. Und die wenigen, die ihnen vielleicht noch einfielen auszusprechen, dafür fehlte ihnen inzwischen die Kraft. Jede Bewegung, jeder Atemzug verbrannte einen Teil des letzten Restes, der ihnen verblieben war.

Auf der Wiese hinter der Mauer standen Schafe, die träge vor sich hinstarrten. Sie hatte den Eindruck, dass es mit jedem Tag weniger wurden und die Verbliebenen immer abgezehrter aussahen. So wie die drei eigenen im Stall neben ihrer Hütte. So wie Louise und Betty, ihre beiden Ziegen, die inzwischen an allem herumnagten, was ihnen vor das Maul kam. Jenseits des Gatters lag ein verlassener Hof. Eingeschlagene Fenster. Das Dach voller Brandlöcher. Die beiden Äcker links und rechts der Scheune lagen brach. Über die Krume verstreute, schwarzgrüne Flecken aus verfaulten und liegengebliebenen Kartoffelblättern des Vorjahres. Vor zwei Monaten hatte der Schnee alles bedeckt und das Weiß und die Kälte hatten den Gestank erträglicher gemacht.

Nein, die Tiere waren ihr Allerheiligstes. Niemals, zu keinem Zeitpunkt wäre auch nur einem von ihnen die Idee gekommen eines der Tiere zu schlachten. Kein Hunger brannte so unerbittlich. Nur eines zu schlachten, hätte bedeutet, dass sie sich selber die Kehle hätten durchschneiden können. Das Vieh, das ihnen geblieben war, stellte ihren gesamten Besitz dar. Geld besaßen sie nicht und dennoch würden in den nächsten Tagen die Männer wiederkommen, um die rückständige Pacht einzutreiben.

Und was käme danach? Wenn es keine Tiere mehr gab? Keine Milch? Und nicht einmal mehr das Fleisch, das man sich nicht getraut hatte anzurühren? Wenn die Männer, die Pferde und die Wagen hinter dem Horizont verschwunden waren? Wenn es gar nichts mehr gab? Sie lauschte dem kurz aufkommenden Rauschen des Windes, dem Klackern eines Kiesels, den die Böe aus der Mauer riss und der Sekunden später mit einem leisen Rasseln über den Weg rollte.

Vor zwei Tagen hatte seine Schwester vor der Tür gestanden. Mary, ihre Schwägerin. Schweigend. Ohne ein Wort zu sagen. Aber es hatte keiner Worte bedurft. Sie hatten ihr sofort angesehen, was geschehen war. Sie trug einen schwarzen Schal und ihre Hände umklammerten einen Rosenkranz. Mit der letzten Kraft ihrer Verzweiflung hatte sie Deegan, ihren Mann, beerdigt, die Hütte zugeschlossen und sich mit vor Schweiß glänzendem Gesicht und wie in Trance auf den endlos weiten Weg von Ballinlass zu ihnen herunter aufgemacht. Vor zwei Monaten war ihr Sohn Patrick gestorben. Heute Morgen hatte Mary einen Beutel aus der Schublade des Tisches genommen und ihr gesagt, sie ginge Beeren suchen. Sie wussten beide, wie aussichtslos das um diese Jahreszeit war. Sie hatte nur genickt und dann gemeint: ‚Ich muss etwas tun. Ich kann nicht einfach nur dasitzen, Eileen.’

Und dann sah sie ihn. Sie wusste, dass er es war. Auch, wenn es nur ein winziger Strich im Grün der entfernten Weiden war. Sie meinte zu erkennen, dass er die Karre hinter sich herzog. Als sie glaubte ihn stürzen zu sehen, riss sie unwillkürlich eine Hand in die Höhe und ein entsetztes ‚Liam! Nein!’ stürzte über ihre Lippen.

Ein Seufzer, als sie sah, wie er aufstand und wieder begann den Karren den Weg entlang zu ziehen. Sie machte einen Schritt auf die Mauer zu. Sie musste sich abstützen. Das Rasseln in ihrer Brust. Das Krampfen ihres Magens. Sie hörte seinen schwer gehenden Atem. Das Rattern des Rades. Den Klang seiner Schritte. Das kurze Platschen, wenn er durch eine Pfütze stolperte. Aber sie wusste, dass das nicht sein konnte. Zu weit. Es gab nur eine weite Ferne. In Gedanken stand sie vor den beiden Kreuzen hinter ihrer Hütte. Fiona war erst ein halbes Jahr alt gewesen. Michael wäre im Sommer vier Jahre alt geworden. Alles konnte sein. Warum hatte es nicht sein dürfen? Sie hörte doch ihre Stimmen in ihrem Kopf. Liam, beeile dich! Nein! Liam, bitte geh’ ganz langsam ... Ich werde warten ... Ich habe geträumt ... Wann würde es enden? Wann würden die Geräusche verschwinden?

Als er eine halbe Stunde später langsam näher kam, rief sie ihm schon von weitem zu: