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Nun war es so weit, ab jetzt war ich ein Wächter unserer eigenen Gefangenschaft. Packend und mitreißend berichtet Gerd Pradel über seinen Dienst als Gefreiter an der Grenze der ehemaligen DDR. Dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund und gibt dem Leser einen spannenden Einblick, wie es damals zuging unter den Soldaten und ihren Vorgesetzten. Schikanen und Intrigen prägten den Alltag der Soldaten und machten diesen zu einem "Drahtseilakt". Trotz aller Dramatik der Ereignisse verliert der Autor jedoch nie seinen ganz eigenen Humor und kommentiert seine zahlreichen Erlebnisse stets mit einem Augenzwinkern. – Eine ebenso informative wie unterhaltsame Lektüre.
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Impressum 3
Der Abgang 4
Die Einberufung 11
Die Ausbildung 14
Potsdam 34
Sondereinsatz 38
Auf Wache 42
Weitere Erfahrungen 45
Peckfitz 58
Rothesütte 68
Feldlager 91
Weihnachten 94
Silvester und Winter 101
Schulung im Grenzdienst 112
Schach 114
Postenplätze 116
Gefechtsalarm 121
Haus Wietfeld 126
Gefreiter 130
Kamikaze 134
Der Fleck 137
30 Mark Uffz. und Besuch im Eckerloch 141
Ausgang 149
Der Neue 154
Russen 158
Unwetter 160
Irrtum 165
Zusatzposten 167
Der Armeegeneral 170
Sturm und Flaute 177
Die längste Schicht 182
„Jagdgeschichten“ 189
Alarmcode 195
A-Zug und Bergetrupp 198
Der Grenzaufklärer 201
Die Freundin 206
Grüßen 212
Außerirdische 214
Sondereinsatz 218
Wandertag 223
EK-Bewegung 227
Abgangsschicht 234
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-579-7
ISBN e-book: 978-3-99131-580-3
Lektorat: Alexandra Eryiğit-Klos
Umschlagfoto: Bruder | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen:
Bilder 1-9 und 11: © Gerd Pradel,
Bilder 10 und 12: © Kurt Wolter
www.novumverlag.com
Der Abgang
Für uns Soldaten, Gefreite und Unteroffiziere, die ihren Wehrdienst bei der NVA oder bei den Grenztruppen der DDR absolvierten, war der Tag, an dem ein Diensthalbjahr zu Ende ging, ein ganz besonderer Tag. Unbeschreiblich schön war es auch für mich, da ich nun endlich nach Hause entlassen wurde. Entlassen klingt etwas wie befreien, und das war es auch. Eine Befreiung von irrsinnig erscheinenden Befehlen, von chaotischen Tagesabläufen und eine Erlösung von Dingen, die ich ganz sicher nicht gern getan habe. Die Jungs, die noch ein halbes Jahr „dienen durften“, freuten sich natürlich auch, denn die nächste Entlassung war dann endlich auch ihre und ab jetzt waren sie die „Alten“, also das dritte Diensthalbjahr. Ich war 18 lange Monate bei den Grenztruppen und ich weiß, hier herrschte an jedem einzelnen Tag eine gewisse Unsicherheit. Wobei die sechs Monate Ausbildung anders einzuordnen sind als die Tage, die ich in der Grenzkompanie verbracht hatte. Die Unsicherheit an jenem Tag war die Frage, was für neue Soldaten in die Kompanie kommen würden. Die Leute, die nach ihrem halben Jahr Ausbildung an die Grenze versetzt werden. Bei den Grenzern war das ein eigenartiges Gefühl, über das manchmal auch offen, aber meist nur heimlich gesprochen wurde. Waren das alles „normale“ Soldaten, die nur ihren Dienst leisten mussten, oder hatte vielleicht jemand eine Dummheit im Sinn? Damit meine ich auch Republikflucht, wie es damals genannt wurde. Und dann waren ja auch Soldaten von der Staatssicherheit dabei. Leute, die zum Ausspionieren einfach den Dienst eines Soldaten mitmachten, einen auf dicken Kumpel spielten, nur um andere auszuhorchen und es dann weitermeldeten. Diese Unsicherheit war heute für mich endlich vorbei.
Unsere Kompanie, die 8. Grenzkompanie des Brockenbataillons, kam heute früh von der Nachtschicht. Die letzte Schicht für unser Diensthalbjahr. Ich war als UvD(Unteroffizier vom Dienst)im Objekt geblieben. Obwohl ich nur ein Gefreiter war, war ich eben auch ein Gruppenführer. Bei uns hieß das 30 Mark Uffz. Aber darüber werde ich später noch berichten.
Jetzt wartete ich nur noch ungeduldig auf meine Ablösung, da nun bereits alle Fahrzeuge aus dem Grenzabschnitt angekommen waren. Aber auch jetzt waren die Nerven immer noch angespannt, denn sogar an diesem Tag wurde uns noch mal aufgezeigt: Ihr seid noch bis 24.00 Uhr Angehörige der Grenztruppen der DDR.
Die anderen Jungs meines Diensthalbjahres widmeten sich schon unserer letzten Tradition, sie tranken Kaffee und aßen Torte, während ich immer noch Dienst schob. An diesem Tag war man noch etwas kameradschaftlicher zueinander als an den anderen Tagen. An Schlafen war jetzt jedenfalls noch nicht zu denken. Selbst die zukünftigen Gefreiten blieben noch wach und feierten unsere Heimfahrt mit. Es gab aber auch jene, die sich verkrochen hatten, um ihre Tränen nicht zu zeigen. So ein Abgang war eine sehr emotionale Angelegenheit. Seitdem wir bei dem „Verein“ dabei waren, hatten wir diesen Tag herbeigesehnt.
Um 12.00 Uhr sollte die offizielle Verabschiedung in einer Schule in Wernigerode stattfinden und bis dahin würden die mich schon ablösen, dachte ich. Dann war es endlich so weit, mein Nachfolger wurde „vergattert“ und mein letzter Dienst war beendet. Bis zur erhofften Abfahrt um 11.00 Uhr war jetzt noch genug Zeit, um sich gebührend von den anderen Jungs zu verabschieden. Wir zogen demonstrativ die Armeeklamotten aus und streiften uns genüsslich die Zivilkleidung über und trotz des besonderen Tages – oder gerade wegen des besonderen Tages – wurden immer wieder kleine Späße über die verbleibende Dienstzeit der anderen gemacht. Am häufigsten fiel das Wort „Tagesilo“, wenn es auch nicht mehr so ernst gemeint war wie das ein oder andere Mal im zurückliegenden Halbjahr. Warum sollte es den Jungs besser gehen als uns vor 180 Tagen? Der selbst gebastelte Bandmaßbehälter hatte nun ausgedient, er wurde aber immer noch voller Stolz getragen.
Adressen wurden ausgetauscht und das Versprechen abgegeben, einmal zu schreiben, dazu immer noch ein weiterer Kaffee getrunken. Eingeschenkt aus einer großen Blechkanne in die eigene Plastetasse. Wir hatten es nun wirklich geschafft. Die Spinde wurden geräumt und noch kleine „verbotene Dinge“ wechselten den Besitzer. Es hört sich heute einfach nur lächerlich an, wenn man die „Lukis“ (Luftsitzkissen), Radios, Spiritustabletten oder Bauteile für Bandmaßgehäuse als verboten bezeichnete. Ja, aber damals war es eben so. Es wurde sich verabschiedet und bei dem einen oder anderen flossen wieder Tränen. Das war aber in diesem Moment keine Schande oder Schwäche. Man verabschiedete sich ja von Leuten, mit denen man mindestens ein halbes Jahr nicht nur die Grenze bewacht, sondern auch schöne Dinge und lustige Sachen erlebt hatte.
Das heutige Gäste- und Freizeithaus Dreiländereck in Rothesütte war damals die Unterkunft der 8. Grenzkompanie des Brocken-Bataillons.
Später ging es mit gepackten Taschen zum Fahrzeug, mit dem wir die letzte Fahrt unserer Dienstzeit antreten sollten. Doch es wäre zu schön, um wahr zu sein, wenn hier in der Grenzkompanie mal etwas funktioniert hätte.
Der „Abgangs-LO“ von Robur stand bereit, obwohl er schon einen technischen Mangel hatte – das Getriebe sei kaputt, hieß es. Die nächste, aber auch letzte Schikane nahm ihren Lauf. Wir saßen auf dem Fahrzeug und hofften weiterhin, pünktlich in Wernigerode zu sein. Der Vorschlag, einen anderen LO zu nehmen, konnte nur von uns „Zivilisten“ kommen, denn man musste ja die Gefechtsbereitschaft der Kompanie gewährleisten. Denn wenn die Gefechtsbereitschaft nicht gewährleistet war, war der Sozialismus in großer Gefahr. Und der strategisch ganz wichtige Ort Rothesütte könnte seine Bestimmung nicht erfüllen. Obwohl da ein kaputter Lkw in der Einfahrt stand und andere Fahrzeuge sowieso nicht vorbeifahren konnten. Da war wieder diese Lächerlichkeit bei diesem „Unternehmen“. Der Mannschaftswagen wurde fahrbereit gemeldet.
Der Motor sprang unter den spöttischen Jubelrufen vieler Anwesenden an und fuhr endlich vom Hof, doch das Schalten der Gänge bereitete dem Fahrer hörbare Schwierigkeiten.
Da die Uhr bereits 11.30 Uhr anzeigte, war an eine pünktliche Abreise aus Wernigerode nicht mehr zu denken.
In Wernigerode warteten bereits einige unserer Angehörigen, denen es auch nicht viel besser ergangen war. Die Fahrpläne hatte man vorher schon gründlich studiert und die Gedanken kreisten um die Abfahrtszeiten der Züge oder Busse und deren Anschlussverbindungen. Ich war davon wenigstens nicht betroffen und daher ganz entspannt, denn ich hatte mit einem Kumpel aus einem Nachbarort die Heimfahrt geplant. Seine Eltern holten ihn mit dem Pkw ab und für mich war da auch noch ein Platz frei. Doch unser Abtransport endete bereits nach mehreren Metern, aber weit genug von der Kompanie entfernt, um vielleicht schnelle Hilfe zu holen. Das Abgangslied war jedenfalls noch nicht zu Ende gesungen, als das erwartete Malheur uns erwischte. Ja gut, ein Unfall wäre schlimmer gewesen, aber an so einem Tag war eine Panne einfach nur schlecht. Da im Grenzgebiet der Verkehr eher gering war, warteten wir lange, bis ein Fahrzeug vorbeikam. Dann wurde unsere Geduld wiederum auf die Probe gestellt. Warten … warten …warten. Aber das waren wir ja durch die letzten Monate gewohnt. Nach fast zwei Stunden passierte dann etwas Überraschendes. Eine Sache, an die wir fast nicht mehr geglaubt hatten. Der Sozialismus war nun doch äußerst geschwächt, denn man hatte die Gefechtsbereitschaft der 8. Kompanie aufs Spiel gesetzt, indem man uns einen zweiten und dieses Mal einen funktionierenden LO geschickt hatte. Wir durften tatsächlich umsteigen. Die Laune war dadurch wieder etwas besser geworden, aber der Gedanke, was noch alles passieren könnte, lähmte die ehemalige überschäumende Freude.
Sollte ich es jetzt wirklich überstanden haben? Ich stelle mir heute noch immer wieder viele Fragen und niemand sollte mir darauf Antworten geben. Selbst spätere Recherchen und die Einsicht in meine Stasiakte gaben mir keine Gewissheit. Zu viele Zeilen waren darin geschwärzt und ich vermute, dass die Zeit als Grenzer komplett entfernt wurde.
Auch meine Frage, wieso ich überhaupt an die Grenze kam. Wieso waren diese vielen Dinge passiert, die ich hier erlebt hatte? War das alles nur Zufall oder hatte man mich sogar bewusst provoziert und auf die Probe gestellt? Oder war ich doch nur ein Sandkorn in der Wüste und ich habe mir das alles bloß eingebildet?
Herbst-Heimgang-Rufe erschallten wieder und kurz vor Wernigerode wurde noch einmal das Grenzer-Lied aus voller Kehle gesungen. Als wir dann endlich in der Schule ankamen, trafen wir nicht auf freudestrahlende Angehörige, sondern auf eine verärgerte und unruhige Menschengruppe und ein paar Stabsoffiziere, die den Zeitpunkt unserer Ankunft herbeigesehnt hatten und nun bestimmt sehr froh darüber waren, aus der bestehenden unangenehmen Situation herauszukommen.
Was war hier geschehen? Kurz nach 12.00 Uhr, als die anderen EKs (Entlassungskandidaten) bereits angetreten waren und alle immer noch hofften, dass wir, die 8. Kompanie, endlich auftauchen würden, ergoss sich ein mächtiges Unwetter über Wernigerode. Die Schule war an diesem Tag geschlossen, darum fanden die Angehörigen kaum Unterstellmöglichkeiten. Nur ein überdachter Fahrradständer bot etwas Schutz vor dem heftigen Regenguss. Auch die „Noch“-soldaten in Zivil wollten sich unterstellen, aber das Militär ist hart.
So standen die Jungs auf dem freien Platz und warteten, bis der heftige Schauer vorbei war. Auch die Offiziere waren völlig durchnässt und haben dann doch entschieden, die Verabschiedung ohne die 8. Kompanie durchzuführen. Die Angehörigen betrachteten diesen Akt als pure Willkür und Schikane, aber wir kannten das ja aus den gesamten 18 Monaten des Grundwehrdienstes.
Die drei anderen Kompanien unseres Bataillons waren schon lange weg, aber die Stabsoffiziere mussten sich immer noch die heftigen Beschimpfungen der anderen wartenden Familienangehörigen anhören. Nachdem wir endlich angekommen waren, nahmen wir noch einmal Aufstellung. Vor der Ansprache erhielten wir noch unsere verbotenen persönlichen Gegenstände zurück. Diese Dinge hatten in so einem „Lager“ eben nichts zu suchen. Ich bekam mein Radio „Cora“ und ein kaputtes Luftkissen zurück.
Alles Dinge, die mir drei Wochen vor Dienstende bei einer Schrankkontrolle, weggenommen worden waren. Aber diese Dinge habe ich natürlich sofort heimlich an den Fahrer, einen Soldaten des Lkws, weitergereicht. Ein Altengeschenk zum Abschluss, wie wir es nannten. Dann ließen wir noch einmal das für uns so sinnlose „Blabla“ über uns ergehen und es war geschafft. Lange vor dieser geplanten Abreise hatten wir uns vorgenommen, mit dem Zug nach Hause zu fahren, um dabei das eine oder andere Bier zu kippen und so richtig zu feiern. Aber es wurde ja nichts daraus und es war vielleicht auch gut so. Denn auch bei der Heimreise hat man schon manchmal einige betrunkene Heimkehrer festgenommen, denn man ist ja noch bis 24.00 Uhr Angehöriger der Grenztruppen. So wurde es uns jedenfalls immer „eingehämmert“.
Auf unserer Heimfahrt im Auto diskutierten wir dann noch heftig über die „sinnlosen“ Anweisungen und die nicht nachzuvollziehenden Befehle, die bei der Verabschiedung gegeben wurden. Aber es hatte ja nun ein Ende, ein glückliches Ende. Endlich wieder nach Hause zu kommen zu meiner kleinen Tochter und meiner Frau. Der Gedanke daran stimmte mich sehr froh.
Die Einberufung
Hier wäre jetzt meine kleine Geschichte eigentlich schon zu Ende. „Beim Happy End wird im Film gewöhnlich abgeblendet“ – aber wie war es überhaupt dazu gekommen? Wieso kam ich überhaupt an die Grenze? Ich hatte doch so viele Verwandte im anderen Teil Deutschlands. Ausgerechnet ich, der ich im jugendlichen Übermut öffentlich gesagt hatte: „Wenn ich an die Grenze komme, haue ich ab.“ Trotzdem war ich bei den Grenztruppen der DDR. Schon ein Verwandter reichte bei anderen aus, um nicht für die Grenze zugelassen zu werden.
Den Grundwehrdienst ableisten musste ja fast jeder. Natürlich gab es hier auch Ausnahmen und auch noch die Männer, die den Dienst mit einer Waffe aus Überzeugung ablehnten. Aber trotzdem wollte jeder möglichst so schnell wie möglich die Wehrpflicht hinter sich bringen. Wenn man sich für eine längere Dienstzeit entschied, bekam man meist schon mit 18 Jahren die Einberufung. Ich hatte trotz massiver „Werbeversuche“ für eine längere Dienstzeit immer dagegen standgehalten.
Auf dem Wehrkreiskommando sagte man mir schließlich in dem gewohnt freundlichen Ton: „Da müssen Sie eben warten, bis wir Sie brauchen.“ In meiner unbeeindruckten, lockeren Art antwortete ich: „Vielleicht vergisst man mich ja!“ „Das wird sicher nicht passieren“, kam die prompte Antwort im zornigen Ton zurück. Ich zuckte nur mit den Schultern und durfte dann diesen ungeliebten Ort, das Wehrkreiskommando, verlassen. Aber man ließ mich nun wenigstens eine längere Zeit in Ruhe. Ich wollte studieren, doch als Gegenleistung verlangte man von mir erneut, in die Partei einzutreten und drei Jahre zur Armee zu gehen. Doch das wollte ich wiederum nicht. Da mir mein erlernter Beruf viel Spaß machte, lehnte ich immer wieder ab. Privat war mein Leben bisher eigentlich immer normal verlaufen. Ich verliebte mich, wir heirateten und bekamen eine Tochter und ich arbeitete auf dem Bau. An die Armee dachte ich daher nur selten, nur wenn wieder einmal ein Kumpel eingezogen wurde oder einer von der Armee zurückkam. Wir gingen an den Wochenenden nur noch selten zur Disco. Wenn doch, dann passten unsere Eltern auf unser Kind auf. So war es auch an jenem Samstagabend im Winter 1980. Ein Kumpel sprach mich an: „Weißt du, dass du im Mai zur ‚Fahne‘ musst? Ich kann dir auch sagen, dass es an die Grenze geht“, sagte er mit Gewissheit. „Die haben sich bei mir und auch noch bei anderen Leuten über dich erkundigt.“ Ich wusste, dass er der Stasi Informationen gab, denn er hatte daraus noch nie ein Geheimnis gemacht. „Ich habe nur Gutes über dich berichtet“, betonte er ganz stolz. Mir wäre es in diesem Fall lieber gewesen, er hätte da etwas anderes gesagt. Ich konnte es dennoch nicht richtig glauben. Die gute Laune meiner Frau war nach dieser Information sofort verschwunden und ich spürte gleich, dass ihr eine Laus über die Leber gelaufen war. Dass ich irgendwann würde eingezogen werden, wussten wir beide, aber das konnte es nicht sein, was ihr die gute Laune verdarb. Sie gab mir auch keine Antwort, als ich mich nach ihrer Stimmungsschwankung erkundigte. Was ich in diesem Moment noch nicht wusste, sie hatte noch meine Worte im Ohr: „Wenn ich an die Grenze komme, haue ich ab!“
Aber daran dachte ich überhaupt nicht mehr. Zu viel hatte sich ja seitdem verändert. Ich war nun verheiratet und hatte eine süße kleine Tochter. Meine Familie im Stich lassen, das kam für mich keineswegs infrage. Glaubte sie wirklich, dass ich sie für ein anderes Leben verlassen würde?
Wenn irgendjemand schlechte Laune haben durfte, war das ja wohl ich. Denn ich musste ja zur Armee. Ich dachte an meine Verwandtschaft im anderen Teil Deutschlands, schon deswegen zweifelte ich an den Worten meines Bekannten. Nee, ich glaubte das einfach nicht, das „die“ mich an die Grenze stecken würden.
Ich sollte mich aber gründlich täuschen, denn schon bald kam die Aufforderung, mich auf dem Wehrkreiskommando zu melden. Der Termin zur Einberufung wurde mir mit den sarkastischen Worten „Ja, mein Herr, wir haben Sie nicht vergessen“ mitgeteilt. Scheinbar hatte man meine kleine Aussage von einst sogar aufgeschrieben, denn es war bereits vor vier oder fünf Jahren gewesen, als ich diesen Ausspruch gemacht hatte.
Tja, dann sollte es eben so sein. Es begann eine ungewisse Zeit der Vorbereitung auf eben diesen Grundwehrdienst. Ich ließ mir kurz vorher schon die Haare schneiden, denn ich dachte, es sei vielleicht besser, nicht gleich unangenehm aufzufallen. Doch hier irrte ich mich erneut.
Die Ausbildung
Bei den Grenztruppen war alles anders. Bei diesem „Idiotenhaufen“ mussten einfach alle noch einmal zum Friseur gehen, egal ob die Haare schon armeetauglich waren oder nicht. Ich stellte mir nur vor, wenn jemand eine Glatze hatte, ob der auch zum Frisör gehen musste. Mitdenken war hier einfach nicht gefragt. Wir mussten nur den Befehlen gehorchen. Ob diese immer sinnvoll waren, war den Vorgesetzten ganz egal. Diese Umstellung fiel mir sehr schwer. Aus Kumpels wurden Genossen, wir machten Frühsport, einmal in der Woche gingen über 100 Mann gemeinsam zum Duschen, und das bei sechs funktionierenden Brausen; gegessen wurde im Schnelldurchgang und Gruppenbestrafungen waren an der Tagesordnung. Uns wurde gezeigt, wie wir unseren Spind einräumen durften, und dabei gab es keine Alternativen.
Selbst geschlafen wurde auf Befehl. Unser bester Freund war in dieser Zeit ein Hocker, der neben dem Bett stand. Sehr oft nahmen wir den Hocker, um uns auf dem Flur wichtige militärische Dinge erklären zu lassen. Mit Befehlen wäre ich schon zurechtgekommen, aber es wurde häufig nur rumgebrüllt. Dabei dachte ich sehr oft an den Ausspruch: „Wer schreit, hat nicht recht.“ Ich hatte geglaubt, wir sollten hier Soldaten werden, aber behandelt wurden wir eher wie Verbrecher. Es war eben alles anders. Wir trieben sehr viel Sport, was mir nicht besonders schwergefallen ist, andere Jungs hatten da mehr Schwierigkeiten. Häufig stand Laufen auf dem Programm. Natürlich die mittleren Distanzen 3000 Meter, 2400 Meter und wieder 3000 Meter. Sehr oft auch schon nach dem Wecken. Die Zauberworte waren hier: „Raustreten zum Frühsport, zack, zack!“ Wir schliefen zwölf Mann in einem Zimmer. Sieben Mann kamen aus Sachsen und fünf Leute aus Berlin. Sich zusammenraufen war hier die erste Devise. Die ersten Tage waren wir nur damit beschäftigt, unsere Ausrüstung und die Sachen entgegenzunehmen und nach Dienstvorschrift im und auf dem Spind zu verstauen.
Nachdem wir die Anschrift der Ausbildungskompanie in Halberstadt erhalten hatten, wurde in der ersten freien Zeit ein Brief nach Hause geschrieben mit der Hoffnung, auch bald etwas von zu Hause zu hören. Zur alltäglichen Postausgabe war dann die ganze Kompanie angetreten und es wurden die Namen verlesen, die einen Brief erhalten hatten. Hierbei war ganz wichtig, dass auf dem Brief Soldat über dem Namen stand. Eine Freundin des Soldaten Peter Meier hielt sich nicht daran. Sie schrieb immer ganz beharrlich „An Herrn Peter Meier“. Ihm wurde daher sogar angedroht, die Post nicht mehr empfangen zu dürfen. Er teilte es der Freundin mit und erhielt daraufhin einen Brief mit der Anrede „Sir Peter Meier“.
Die Kompanie konnte den Zorn des Hauptfeldwebels nicht teilen und es wurde lauthals gelacht. Unsere Freude kam jedoch einer Provokation gleich und es wurde zur Strafe unter schreienden Befehlen Exerzieren „geübt“. Humor wurde in dieser Welt ausgesperrt. Brüllen und irre Kommandos waren eher angesagt. Mein Gruppenführer, ein kleiner 18-jähriger Tollpatsch, wollte uns das Militärhandwerk beibringen, doch das ist etwa so, als wenn ein Grundschüler einem Mathematikprofessor das Rechnen beibringen möchte. Das klingt sehr überheblich, aber es entspricht schon sehr der Wahrheit. Er war nicht dumm, aber unerfahren, naiv und sein Auftreten und die Stimme waren keineswegs Respekt einflößend. Eine Stummfilmfigur kam seiner Erscheinung sehr nahe. Tja, aber wir mussten trotzdem gehorchen, sonst gab es Gruppenbestrafungen bis hin zu Kompaniebestrafungen, darin waren sich die Führungskräfte einig. Acht Wochen Grundausbildung ohne eine Chance auf Urlaub oder Ausgang kamen mir vor wie eine unendliche Geschichte. Grenzausbildung, Politunterricht, Gefechtsausbildung, Waffenausbildung und die Vorbereitung auf eine Kompaniebesichtigung sind alles Dinge, über die man nicht unbedingt schreiben muss, wenn da nicht der ein oder andere Zwischenfall gewesen wäre. Einmal wurde uns erklärt, was man zu tun hatte bei Artilleriefeuer, bei MG-Feuer oder sogar bei einem Atomschlag. Soldat „Müller“ war nicht ganz aufmerksam, also wurde er aus seinem Traum gerissen mit der harschen Frage, was er denn dabei tun solle. „Atomschlag“, stammelte er noch etwas geistesabwesend. „Da kannst du nur hinschauen, denn so was siehst du nie wieder, Genosse Oberleutnant.“ Der ganze Zug lachte laut los. Aber wie schon einmal erwähnt, wir waren bei den Grenztruppen und dort gab es keinen Spaß.
Darum durften wir uns bei dem eben einsetzenden Regenschauer hinlegen und in kurzen Sprüngen über das schon matschige Gefechtsfeld bewegen, was aber noch mehr Lachen auslöste, denn beim Aufstehen trat fast jeder einmal auf seinen angelegten Regenumhang und stürzte in eine der schon reichlich vorhandenen Pfützen.
Trotz großer Anstrengung, gelang es den „Häuptlingen“ nicht, unsere gute Laune zu vertreiben. Wir waren nass bis auf die von uns allen geliebten Unterhosen, die nicht nur nass, sondern auch schlammig waren, und das einen Tag nach dem Unterwäschetausch. Heute hatten wir wieder echt viel gelernt. Einmal in der Woche gab es nämlich neue Unterwäsche. Unterhose und Unterhemd, beides lang. Obwohl das nicht ganz richtig ist. Die jeweilige Konfektionsgröße passte nicht immer zu dem dazugehörigen Soldaten. Da wurden einfach zwölf Mal Unterwäsche ins Zimmer gebracht und danach die schmutzige Wäsche abgegeben.
Diese Kleidung mussten wir dann anziehen, ob sie passte oder nicht. Nach dieser Ausbildung und einer intensiven Schlammschlacht erhielten wir doch tatsächlich außer der Reihe einmal neue Unterwäsche. Die Felddienstuniform wurde aber nur getrocknet und anschließend ausgebürstet. Trocknen und ausbürsten ist gleich sauber. Doch auch darüber brauchte man sich keine Gedanken zu machen. Der Befehl hieß „sauber“, also war es die Uniform auch.
In diesen Wochen der Grundausbildung hat wohl kaum einer der neuen Soldaten daran gedacht, dass die Grenzer von einigen Menschen auch gehasst wurden. Später sollte ich diesbezüglich selbst einige Erfahrungen machen. Bestimmt gab es unter den Soldaten jene, die diesen Abschnitt ihres Lebens als gut oder geil empfunden haben. Armee gleich rumballern, schreien, andere Leute schikanieren. Das fanden sie gut. Ich gehörte aber ganz sicher nicht zu diesen Menschen. Für mich galt nur ein Gedanke, einfach nur durchhalten und die Zeit so gut es geht bewältigen. Sicher habe ich als Kind oft Cowboy und Indianer gespielt und auch gern mit einem Luftgewehr auf Röhrchen in einer Schießbude geschossen. Aber das war damals alles nur Spiel und Spaß. Nun wurden wir darauf vorbereitet, durch systematische Manipulierung und die Schaffung eines Feindbildes vielleicht sogar auf Menschen zu schießen. Dazu lernten wir unsere „beste Freundin“, die Kalaschnikow, kennen und bedienen. „Die Gedanken an Ihre Freundin oder Frau können Sie jetzt vergessen, Ihre Braut ist jetzt das Gewehr“, brüllte ein Offizier über den Appellplatz. Das Maschinengewehr wurde zum täglichen Begleiter. Wir zerlegten es in alle Einzelteile und bauten es wieder zusammen. Man informierte uns über die Flugbahn der Geschosse und die Wirkung bei einem Treffer. Ich konnte mir dennoch nicht vorstellen, wie es wäre, auf einen Menschen zu schießen. Die Hoffnung lebte in mir, niemals in solch eine Situation zu geraten. Ich redete mir oft ein, es wird schon nicht so schlimm werden. Doch dann bekamen wir immer wieder Meldungen über Leute, die aus dieser Welt ausbrechen wollten, manchmal auch mit Waffengewalt. Es sind ja auch Soldaten an der Grenze gestorben. Man musste schon sehr abgestumpft sein, wenn man diese Informationen nicht innerlich verarbeiten würde. Angst hatte ich keine, aber ein ungutes Gefühl war schon in mir.
In einem Abschnitt der Ausbildungszeit bei der Gefechtsausbildung erklärte man uns, wie man sich am besten tarnt. Wir bekamen den Befehl, uns die Gesichter schwarz anzuschmieren, damit uns keiner sieht. Es hat aber nicht ganz funktioniert. Ein Zimmergenosse versuchte um diesen äußerst wichtigen Ausbildungsteil herumzukommen. Nicht etwa, weil er eitel war, nein, er wusste, dass seine Haut allergisch darauf reagierten würde. Er hatte trotz aller Beteuerungen keine Chance, er wurde regelrecht gezwungen und von einem Gruppenführer unseres Zuges höchstpersönlich eingeschmiert. Für mich gehörte dieses Verhalten gegenüber diesen Kameraden nicht zu einer guten Ausbildung. Mein Gefühl sagte mir, dass ist einfach nur Schikane. Später, als die allergische Reaktion bei ihm einsetzte, überkam mich ein Gefühl von Zorn und Ekel. Dem „Professor“, das war später, als wir uns besser kannten sein Spitzname, löste sich bereits die Haut ab, als wir uns diese Verkleidung in der Kompanie abwaschen durften. Aber zu diesem Zeitpunkt war der Dreck schon über zwei Stunden im Gesicht. Als wir beim Abendbrot am Tisch saßen, brachte ich keinen Bissen runter, denn der Professor saß genau mir gegenüber. Ich war aber nicht der Einzige, dem der Ekel im Gesicht geschrieben stand. Proteste gegen einige unsinnige Befehle fanden eigentlich niemals Gehör, außer nach dieser Situation. Sonst musste es immer nach Dienstvorschrift gehen. Am Abend mussten wir uns ins Krankenbuch eintragen, erst dann durfte man am anderen Morgen zum Arzt gehen. Hier fand ausnahmsweise unsere Forderung Gehör. Wir verlangten, den Professor umgehend in den „Med-Punkt“ zu schaffen. Dort hat er dann auch sehr lange zugebracht, um sein Gesicht wieder ansehnlich zu gestalten und es auszukurieren.
Bald hatte ich selbst einen ungewollten Aufenthalt in der militärischen medizinischen Einrichtung in Halberstadt. Der Professor war zu der Zeit noch im Heilungsprozess. Die Wut, die durch diesen Zwischenfall im Zug gegenüber jenem Gruppenführer entstanden war, war so groß, dass er zu unserem Erstaunen sehr schnell versetzt wurde. Wir hatten den Unterfeldwebel einfach ignoriert. Seltsam dabei war, dass nichts unter uns Soldaten abgesprochen worden war.
Immer wenn ein Vorgesetzter in unsere Stube trat, wurde ihm Achtung entgegengebracht. Seit dem Vorfall beachteten wir diesen Gruppenführer aber nicht mehr. Er versuchte durch Brüllen diese Achtung zurückzugewinnen, was ihm aber nicht mehr gelang. Er wurde deshalb an die Grenze versetzt und dort als Grenzaufklärer beschäftigt.
Einige Zeit später, in der Woche der Vorbereitung zur Kompaniebesichtigung, stand das Buddeln eines Schützenloches auf dem Programm.
Am Abend vorher, als unser „Uffz“ wieder einmal einen „Samenstau“ hatte, so nannten wir es hier in der Soldatensprache, wenn einem Vorgesetzten unser Humor nicht gefiel, befahl er uns: „Vor der Kompanie mit Schutzkleidung antreten.“ Wir durften also unsere altertümliche Schutzbekleidung, welche uns vor Strahlen schützen sollte, vom Spind holen und antreten.
Solche speziellen Beschäftigungen ärgerten mich am meisten. Einzig unsere Gruppe war ausgewählt worden. Bestimmt hatte einer von uns nicht gegrüßt oder irgendein anderer Kinderkram war Auslöser dieser Maßnahme gewesen. Wir marschierten bis zu einer nahe gelegenen Wiese und übten anlegen, ausziehen, schön zusammenlegen und noch einmal anlegen und wieder und wieder. Zwischendurch krabbelten wir, wie eine Kindergruppe, über diese Wiese. Dabei hatte ich eine fleißige Biene beim Sammeln von Honig gestört. Bei dieser ungewöhnlichen Fortbewegungsart drückte ich eine Kleeblüte zu Boden, auf welcher die Biene saß. Die Biene fühlte sich zu Recht bedroht und stach zu. Dass es eine Biene war, konnte ich ganz deutlich sehen, denn sie klebte noch an der Handfläche. Aber auch der Stachel steckte in meiner Hand fest. Etwas theatralisch schrie ich auf und entfernte dann seelenruhig das Insekt und den Stachel. Die wütenden Anfeuerungsrufe unseres Vorgesetzten ignorierte ich erst mal. Dafür durfte ich als „Belohnung“ diese Strecke noch einmal ganz allein zurücklegen. Irgendwann war unser Sondereinsatz beendet. Ich weiß nicht, worauf das Insekt vorher gesessen hatte, aber die Hand schwoll schon über Nacht etwas an. Da laut Dienstvorschrift der Soldat eine solche Entwicklung voraussehen muss, durfte ich am nächsten Morgen trotz der sehr dicken Hand nicht zum Arzt.
Ich ging daher mit hinaus in den Wald, um das geplante Schützenloch zu buddeln. Mit meinen Feldspaten kratzte ich zwischen den Wurzeln im Wald herum. Aber nach kurzer Zeit konnte ich den Spaten nur noch mit einer Hand führen. Die Zeitvorgabe, um das „Bauwerk“ zu übergeben, war deshalb zu gering für mich. Ein „Mitbewerber“ bekam neben mir einen Fleck zugewiesen, welcher wieder ganz stark nach Schikane roch. Direkt auf dem Waldweg sollte er sein Schützenloch graben. Dass er die Zeitvorgabe auch nicht einhalten würde, war für mich sonnenklar. Aber Befehl ist eben Befehl.
Ich schachtete trotzdem mit meinen Feldspaten weiter, während meine rechte Hand immer mehr anschwoll und bereits aussah wie ein aufgeblasener Gummihandschuh. Die Finger konnte ich schon nicht mehr richtig knicken. Erstaunlicherweise hatte ich kaum Schmerzen dabei. Die Hand war eben nur prall und zu nichts mehr zu gebrauchen. Der Rest der Gruppe hatte es geschafft, in der geforderten Zeit dieses Loch herzustellen.
Bei der Abnahme der Schützenlöcher kam es trotzdem immer wieder zu einer kleineren oder größeren Kritik. Es wäre ja auch außergewöhnlich gewesen, wenn es dabei mal ein Lob gegeben hätte. Als der Stabsoffizier, ein Major, sich das Schützenloch von meinem Nachbarn ansah, fragte er sofort nach, welchen Beruf dieser Soldat habe. Als der antwortete, dass er Koch sei, rief ich aufgebracht dazwischen: „Selbst ein Schmied hätte auf dem Waldweg das Loch nicht geschafft!“ „Nur ein Idiot würde sich im Ernstfall auf dieser Stelle eingraben“, polterte ich weiter. Zu meinem Erstaunen stimmte der Major mir hier zu und kam dann ohne weitere Bemerkung an mein unfertiges Wunderwerk heran und fragte etwas spöttisch: „Und warum sind wir nicht fertig geworden?“, da mein Platz zum Graben ja viel günstiger war. Immer noch zornig, streckte ich ihm meine Hand entgegen und fragte, ob er vielleicht mit so einer Hand arbeiten könne, ich jedenfalls nicht. Sichtlich überrascht beim Anblick meiner Hand fragte er nach: „Warum gehen Sie denn damit nicht zum Arzt?“ „Tja, warum wohl? Weil wir hier bei der Armee sind und ich hatte mich gestern Abend leider nicht ins Krankenbuch eingetragen.“ Da war die Hand auch noch nicht so dick angeschwollen gewesen.
Da spürte ich ein erstes Mal in der absolvierten Armeezeit etwas Menschliches in einem Vorgesetzten. Er erkundigte sich, wie das passiert sei, und auch darüber, ob ich Schmerzen hätte. Mir schossen vor Rührung fast die Tränen in die Augen. (Das war jetzt ein Scherz.) Natürlich erzählte ich ihm den Hergang und auch von meiner Bitte, heute früh zum Arzt gehen zu dürfen. Er ordnete dann sofort an, mich umgehend in den „Med-Punkt“ einzuweisen. Ich bekam auch noch eine Begleitperson und ein eigenes Fahrzeug. Und so fuhr ich dann mit einem W50 ins Krankenhaus. Ein kleineres Fahrzeug war gerade nicht vorhanden. Worüber ich mir nun schon wieder Gedanken mache …
Nach der ersten Behandlung im Med-Punkt bekam ich ein Bett im Zimmer vom „Professor“. Den Spitznamen hat er dann später erst in der Grenzkompanie in Rothesütte erhalten. Aber seine Intelligenz bekam ich schon in den nächsten Tagen zu spüren. Wir hatten hier sehr viel Zeit, der Professor war im Med-Punkt schon gut bekannt und ich brauchte, obwohl ich ein „Neuer“ war, kein Revier reinigen, da mein Arm fest eingebunden war. Und ich sollte ihn nicht oder nur sehr wenig bewegen, was so gesehen gar nicht so einfach war. Der Gefreite, der die Reviere verteilte, erkannte, dass man mit einem eingebundenen Arm nicht gut kehren oder wischen kann. Somit war ich von dieser Maßnahme befreit. In den nächsten drei Tagen brachte ich dem Professor bei, wie man Schach spielt. Dass ich gut Schach spielen kann, glaube ich nicht wirklich. Ich weiß nur, wie man die Figuren setzt, und kenne den einen oder anderen Anfängerzug. Aber mehr auch nicht. Er sagte, dass er noch nie gespielt habe. Ich glaubte ihm, denn ich musste ihm erst einmal alles erklären. Wie man die Figuren aufstellt und wie mit den einzelnen Figuren gerückt wird. Die ersten Spiele gewann ich verständlicherweise alle. Es dauerte aber nicht lange, dann verlor ich schon mein erstes Spiel gegen ihn. Von Spiel zu Spiel wurde es schwerer zu gewinnen. Und schon bald schaffte ich es gar nicht mehr, ihn trotz großer Anstrengung zu besiegen. Das hat mich schon beeindruckt. Nach den vier Tagen wurde ich aus dem Med-Punkt entlassen. Der Professor blieb noch eine Weile dort. Für mich kam nun eine stressfreiere Zeit, da ich den Arm immer noch eingebunden hatte und meine „schwere“ Verletzung immer noch täglich behandelt wurde.
Behandelt durch einen medizinisch unqualifizierten Unteroffizier. Nicht dass er unfähig war, nein, er war ein gelernter Handwerker und wurde hier im medizinischen Bereich eingesetzt. Er bekam von einem richtigen Arzt den Befehl, meine Stellen an der Hand bis zur vollständigen Heilung jeden Morgen einzusalben und neu zu verbinden. Also ging ich jeden Morgen zur Sani-Stelle und ließ mich behandeln. Ich habe dann hin und wieder selbst Hand angelegt, um die winzigen Kratzer noch lange zu erhalten. Bis ich selbst entschieden habe, dass ich gesund bin. In dieser Zeit bin ich immer und überall zu jeder Ausbildung mitgegangen, aber die Ausbildungseinheiten habe ich dabei nur beobachtet. Hinsetzten durfte ich mich natürlich nicht. Meine Beine waren ja gesund. Aus mir sollte außerdem ein ganz harter Grenzer werden. Über den Schießbefehl an der Grenze dachte ich zu dieser Zeit immer noch nicht ernsthaft nach. Die Grenztruppen waren für mich eben nur ein notwendiges Übel. Nach acht Wochen Ausbildung stieg dann die Hoffnung, mit den neu gewonnenen „Kumpels“ mal in den Ausgang zu gehen und ein Bierchen zu zischen. Halberstadt wartete aber vergebens auf uns. Leider kam immer, wenn der 2. Zug zum Ausgang dran war, rein zufällig etwas dazwischen. Gefechtsalarm, Küchendienst oder ein anderer angeordneter Zeitvertreib. In dem ersten Halbjahr hatte ich es ein einziges Mal geschafft, aus der „Knochenmühle“, so hieß die Ausbildungsstätte im Armeejargon, in den Ausgang zu kommen. Und so hatte ich mir diesen Ausgang auch nicht vorgestellt. Wir als Gruppe wollten mal richtig die Sau rauslassen, aber daraus wurde nichts. Nur ein fast 27-jähriger Tänzer aus Berlin und ich waren die Einzigen der Gruppe, die in den Ausgang gehen durften. Ich war an diesem Abend nur ein guter Zuhörer, denn Peter war sehr frustriert über seine Situation. Er hatte zehn Jahre Tanzausbildung hinter sich und durch die Unterbrechung hier als Grenzer befürchtete er, dass seine Karriere schon fast wieder zu Ende war. So glaubte er zumindest. „Scheißarmee!“, hörte ich sehr oft an diesem Abend. Er berichtete mir über das Leben auf den großen Bühnen in Berlin. Ich hörte ihm geduldig zu und muss zugeben, es war viel Interessantes in seinen Geschichten. Wir speisten genüsslich und tranken auch ein paar Bier. Pünktlich und ohne besondere Vorkommnisse kehrten wir zurück.
Bei unserer Rückkehr wurden wir gründlich nach alkoholischen Getränken abgesucht. Ganz ehrlich, beim ersten Ausgang hatten wir wirklich nicht darüber nachgedacht, Schnaps oder Wein mit in die Kompanie zu schmuggeln. Wir waren über die Abläufe am Kasernentor auch noch zu unerfahren und wollten auch nicht eine Nacht im Arrest verbringen. Also haben wir es gar nicht erst versucht. Die Jungs auf der Stube waren anfangs etwas enttäuscht, aber dann hatten sie doch Verständnis.
Der allabendliche strenge Stubendurchgang ist bei uns nach einer Weile lockerer geworden. Päckchen packen, Stiefel putzen, aufgezogenes Koppel mit gefüllter Wasserflasche, das wurde dann auf unserer Bude nicht mehr ganz so scharf kontrolliert wie zu Beginn der Ausbildung. Wir hatten begonnen, kurz vor dem Stubendurchgang allerlei essbare Sachen auf den Tisch zu packen und da wurde dann in aller Seelenruhe gegessen. Die Unteroffiziere hatten das mitbekommen, weil eben dieser Tänzer, mit dem ich im Ausgang war, oft von zu Hause viele Bananen, Apfelsinen und andere leckere Dinge geschickt bekam. Sein Vater hatte einen Obst- und Gemüseladen in Berlin und versorgte daher die gesamte Gruppe. Er packte alles auf den Tisch und dadurch, dass die Unteroffiziere hier etwas schnorren konnten, hatten wir eben einen besseren Stand als die anderen Gruppen. Dazu kamen auch noch Zigaretten (Ligeros), welche er im Überfluss geschickt bekam. Diese Marke kam der legendären Sorte „Karo“ sehr nahe. Da er die Zigaretten schachtelweise verschenkte, war es den meisten Soldaten egal, wie die Zigaretten schmeckten, und es wurde zugegriffen. Bei dem geringen Sold waren kostenlose Zigaretten natürlich sehr beliebt.
Unser „Abendmahl“ wurde natürlich ständig verbessert. Die Bananen fanden dabei den größten Zuspruch. Aber auch alle anderen Dinge, die auf den Tisch kamen, aß man mit Genuss, denn das Abendbrot konnte man in der Abfütterungsstelle wirklich nicht genießen. Nicht dass es schlecht war, es waren normale gute Lebensmittel wie Wurst, Käse Butter und Brot, aber wir hatten keine Zeit zum Essen. Es ging alles im Schnelldurgang.
Der Befehl zum Essenfassen war noch nicht richtig verhallt, da kam schon der Befehl „Alles auf!“. Ob du da schon fertig warst mit dem Essen oder nicht, es war egal. „Auf“ heißt Aufstehen. Dabei muss man sich vorstellen, wenn der Befehl zum Essenfassen kam, stellten sich etwa 150 Soldaten an, um ihr Essen an der Küchenausgabe abzuholen. Der 1. und 2. Zug hatte es noch am besten und etwas mehr Zeit als der 3. und 4. Zug. Die dritte Gruppe vom 4. Zug war meistens als letzte dran und hatte somit am wenigsten Zeit, um sich zu stärken. Dabei spielte es keine Rolle, ob es Frühstück, Mittagessen oder Abendbrot war. Bei unserem Nachtmahl konnten wir das Essen wenigstens ein bisschen genießen. Wir stopften uns im Speiseraum die Taschen mit Brot, Butter und anderen Sachen voll und rundeten das Menü immer mit den Lebensmitteln ab, die von zu Hause im Paket geschickt wurden. Wir versuchten eben in diesem Abschnitt unseres Daseins den Dingen immer noch etwas Gutes abzuringen. Je länger wir hier in Halberstadt waren, umso besser gelang es uns.
Nach der Grundausbildung war es aber noch nicht vorbei mit der Ausbildung. Wir hatten das Glück – oder das Pech –, in unserem Ausbildungshalbjahr auch noch eine Stabsbesichtigung erdulden zu müssen. Erst eine Kompaniebesichtigung und dann noch eine Stabsbesichtigung. Für einen Sportler ist das wie Weltmeisterschaften und Olympische Spiele in einem Jahr. Es war da ja nicht nur wie bei der Kompaniebesichtigung und der Vorbereitung zur Kompaniebesichtigung, was ja schon zwei „Höhepunkte“ in unserer Ausbildung gewesen waren, nein, jetzt kam auch noch die Vorbereitung zur Stabsbesichtigung hinzu. Wir wurden also fünf Mal zu sportlichen Höchstleistungen angetrieben. Fünf Mal wurde die Ausrüstung kontrolliert und die Kompanien auf Herz und Nieren getestet. Es waren spätestens nach der Vorbereitung zur Kompaniebesichtigung alle Dinge der Ausrüstung da, wo sie sein sollten. Die Gruppen- oder sogar die Kompaniebestrafungen fruchteten sogar bei der letzten „Kompanieschlampe“. Fehlte etwas, wurde so lange gesucht, eingepackt und verpackt, bis alles am rechten Ort war. Auch die Soldaten, bei denen das komplette Inventar im Teil 1 und im Teil 2 vorhanden war, die durften natürlich trotzdem immer mitmachen.
Was wir alles mitschleppen mussten, wenn es „ernst“ werden sollte! Unvorstellbar, glaubten wir. Der Gedanke, im Kampf zu sterben, kam gar nicht auf. „Der Soldat schleppt sich zu Tode“, sagten wir oft scherzhaft. Die Ausrüstungsteile waren ja auch nicht gerade auf dem neusten Stand. Da denke ich an die Schutzanzüge, welche uns vor Strahlen schützen sollten. Bei den Dingern hätten wir schon geleuchtet, bevor der letzte Knopf geschlossen war. Es waren sehr alte Modelle. Auf Fotos, welche man uns zeigte, hatten die Schutzanzüge schon einen Reißverschluss. Es war gut zu wissen, dass es so etwas gab. Unsere Anzüge wurden noch geknöpft. Aber wir brauchten sie ja zum Glück nicht. Auch die Regenumhänge waren einfach „spitze“. Regen hielten die nicht ab, es war einfach nur Ballast. Die „imprägnierte“ Oberschicht saugte sich mit Wasser voll und so wurde der Umhang einfach nur schwerer. Wir drehten die Umhänge manches Mal andersherum, aber viel besser schützten sie dadurch auch nicht gegen den Regen. Selbst unsere Braut, die „Kalaschnikow“, war nicht immer auf dem neusten Stand. Aber sie wurde immer gut und viel gepflegt.
Dann kam endlich der erste Sonnenstrahl in unser Grenzer-Leben. Der erste Kurzurlaub. Wir durften am Freitag für ein verlängertes Wochenende nach Hause fahren, aber nur, wer nicht wegen irgendeines Fehltritts bestraft wurde. Die Termine für unsere drei Heimfahrten waren zwar geplant, aber vorher konnte ja immer etwas Unvorhergesehenes dazwischenkommen. Wir fuhren mit dem Zug nach Hause.
Dabei ging die Heimfahrt noch relativ schnell – im Gegensatz zur Rückfahrt. Ich weiß nicht mehr genau, um wie viel Uhr wir in Halberstadt losfuhren, es war aber zum späten Nachmittag. Gegen 24.00 Uhr war ich dann in meiner Kreisstadt angekommen. Hier war der letzte Zug in Richtung Heimatort gerade abgefahren. Die Abfahrt war fast immer pünktlich, nur die Ankunft leider nicht.
Nur einmal in Dresden hatte ich erlebt, dass der Zug in Richtung Zittau aufgehalten wurde, um den Anschlusszug zu schaffen. Dabei mussten sich alle Reisenden dennoch sehr beeilen, um auf den anderen Bahnsteig zu kommen, aber wir erreichten ihn doch. Bei der ersten Heimfahrt war der Regionalzug bereits abgefahren. Der nächste Zug wurde erst gegen 4.00 Uhr morgens eingesetzt. Ein Bus fuhr auch nicht mehr und den Weg zum Taxistand konnten wir uns um diese Zeit eigentlich auch sparen, denn dort standen um diese Zeit nur selten Taxis. Auch Handys gab es zu dieser Zeit noch nicht.
Meine Frau wollte mich vom Bahnhof abholen. Sie war sicherlich auch sehr enttäuscht darüber, dass ich nicht aus dem Zug gestiegen war. Dann war auch noch diese Unsicherheit. Ich hatte ihr schon geschrieben, wann ich zu Hause ankommen würde, aber wenn du dann nicht aus dem Zug steigst, stellt man sich doch die Frage, ob etwas dazwischengekommen ist oder was sonst noch alles passiert sein könnte. Da sie auch wusste, dass in den nächsten Stunden kein Zug mehr ankommen würde, ging sie wieder allein nach Hause.
