Wächter des Friedens - Malena Glück - E-Book

Wächter des Friedens E-Book

Malena Glück

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Beschreibung

Mära lernt eines Tages den Elfen Tian kennen und damit beginnt ein ganz neues Leben. Ein neues Leben in einem magischen Reich. Es verzaubert sie und sie lernt in dieser Fremde mehr über sich selbst. Dort im Nirgendwo einer anderen Wirklichkeit findet sie zu sich selbst und ihren eigenen Wünschen. Sie lernt die Narben und den Schmerz in ihrem Inneren zu teilen. Mit ihrem Elfen, der sie so zu lieben scheint wie sie es sich immer gewünscht hatte. Neben dem ohnehin schwierigen Unterfangen, ihrer eigenen Gefühle Herr zu werden, muss sie sich noch fremden Wesen, unbekannten Möglichkeiten und Magie stellen. Dabei muss sie sich ein neues Leben aufbauen und es leben lernen. Überwältigt stolpert sie von einem ins Nächste bis sie irgendwann ihren Weg mitten ins Leben findet.

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Seitenzahl: 358

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

Impressum

Widmung

WARNUNG

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

Seitenliste

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Cover

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2026 novum publishing gmbh

Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt

[email protected]

ISBN Printausgabe: 978-3-7116-1281-6

ISBN e-book: 978-3-7116-1282-3

Lektorat: novum Verlag

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Widmung

Gewidmet meinem Mann Christian, weil das Leben, mein Leben, mit dir erst angefangen hat. Danke!

WARNUNG

vor eventuell triggernden Inhalten

Meine Bücherreihe „Wächter des Friedens“ behandelt Themen wie Mobbing, sexuelle Übergriffe und Gewalt in unterschiedlichen Formen. Andere Themen sind auch Selbstkritik, Selbsthass, Verlust, Tod, Trauer, Schmerz, psychische Erkrankungen wie Depression oder bipolare Störungen, Selbstmord, Sinnlosigkeit, Selbsthass. Gefühle in den unterschiedlichsten Ausprägungen. Für alle, die mit solchen Themen Schwierigkeiten haben, genießt es mit Vorsicht und Achtsamkeit euren eigenen Gefühlen gegenüber. Überlegt selbst, ob ihr euch dem aussetzen wollt und was euch eventuell triggern könnte. Legt es weg, wenn es euch zu nahe geht, und lasst euch helfen, wenn es euch schlecht geht. Seid liebevoll euch selbst gegenüber und euren Erfahrungen. All eure Gefühle sind in Ordnung und dürfen sein. Ihr seid nicht allein! Selbst wenn es sich manchmal so anfühlt.

1. Kapitel

Hohepriesterin

„Mära, wenn alles gut verläuft, könntest du vielleicht mit etwas Zeit meine Nachfolge antreten. So die Göttin will, wirst du alles Nötige dafür lernen und aufbringen. Es fehlt zwar noch so einiges, aber ich bin zuversichtlich, dass du dich in die richtige Richtung hin entwickeln könntest. Du musst es nur wollen. Mit ausreichend Disziplin und Demut wird es dir gelingen. Du weißt selbst, dass dies eigentlich stets nur in meiner Blutlinie weitergegeben wurde. Doch in dieser Zeit müssen wir, um zu überleben, uns davon befreien. Es gibt nicht mehr viele des alten Blutes. Nicht mehr viele, die wahrhaft glauben. In dir sehe ich meine Hoffnungen, enttäusche mich nur nicht. Du kannst so viel mehr sein. Du musst es eben nur wollen. Ich hoffe, du verstehst das. Noch ist es nicht an der Zeit und deshalb mach dir nicht allzu große Gedanken darüber. Du brauchst noch Zeit. Zeit, um dich zu entwickeln“, sprach Nene fürsorglich zu ihrer Schülerin.

Ihre wahren Gedanken verbarg sie hinter einem beruhigenden Lächeln und einer gutmütigen Ausstrahlung. Wahrlich, sie überlud die Atmosphäre um sich herum fast schon mit dieser einlullenden Energie. Niemand sollte an ihr zweifeln, niemand durfte es. So nutzte die Hohepriesterin ihre Macht, um Einfluss auf die Leichtgläubigen auszuüben. Sie war so geschickt darin, die Menschen zu betrügen, ihre wahren Beweggründe vor ihnen zu verheimlichen. Nene konnte fast jeden von allem überzeugen. Das war noch nicht einmal ihre größte Macht, aber wohl die gefährlichste, die sie besaß. Ein Blick auf sie genügte und die meisten verfielen ihrem äußeren Schein. Ein Wort aus ihrem Mund tat den Rest und kaum einer konnte sich ihr entziehen. Sie erreichte alles mit nur wenig Aufwand. Die Göttin hatte sie wahrhaftig gesegnet. Das Wissen über die Energien und ihre Aura taten ihr Übriges im Laufe der Zeit. Ihre Erfahrung machte sie zunehmend unmenschlich und einnehmender.

So sah sie für jeden genau so aus, wie jemand in ihrer Position aussehen sollte, jemand mit ihrer Macht und ihrer Bedeutung. Sie war die Hohepriesterin. Die einzig wahre Hohepriesterin. Heilig aufgrund ihres Blutes, auserwählt von der Göttin höchst selbst. Geboren, um anzuführen und ein Gefäß der Göttin zu sein, ihren Segen zu verkünden oder ihre Mahnung. All das oblag Nene. Sie tat bescheiden und demütig. Aber sie wusste wohl, wer sie war, ist und sein wird. Sie war sich jederzeit ihrer selbst gewahr und ihrer Bedeutung für die Welt, ihrer Stellung darin. Nene verstand ihre Aufgabe und ihr Sein. So wirkte sie auf andere ein, gestaltete ihr Umfeld und ließ sich als die feiern, die man in ihr sehen wollte. Sie gestaltete ihren eigenen Faden und schrieb ihre eigenen Geschichten und war die Herrin ihrer Welt. Großartig, sollte man meinen. Jeder sollte so sein. Die eigene Wirklichkeit, das eigene Leben genau so richten, wie man es gerne hätte. In kleinen Dingen tun alle genau das. Wir alle gestalten unser Leben, nicht nur im Außen, sondern auch und zum größten Teil sogar im Inneren. Wir erschaffen unsere eigene Gedankenwelt, unsere Maßstäbe und Richtwerte. Wir beeinflussen unsere Erinnerungen und Einstellungen.

2. Kapitel

Nebenrolle oder Hauptfigur? Die wütende Gerechtigkeit

Jeder ist in seiner Geschichte die Hauptfigur. Im eigenen Leben hat jeder Bedeutung. Doch in den Geschichten, die wir gerne lesen, mit denen wir uns gerne die Zeit vertreiben, in diesen Geschichten ist kein Platz für unbedeutende Nebenrollen. Für Langeweile und triste Wiederholungen. Der Reiz eines einfachen Lebens erschließt sich nicht jedem. Die, die es leben, lernen es zu lieben oder eben nicht. Sie leben es einfach.

Mära träumte von einem besseren Leben, sie träumte von mehr und diese Sehnsucht ließ sie hoffen, nicht nur eine Nebenrolle zu sein. Unscheinbar und klein, keiner würdigte sie wirklich eines weiteren Blickes, war sie gefangen in Armut und Grausamkeit. Ihr Leben erschien ihr leer und ein einziger Kampf zu sein. Sie fühlte sich fremd und allein. Ja, sogar abgetrennt von allem anderen.

Ungerecht, das ist oft das Wort, das einem einfällt, und es macht einen wütend über die Welt. Ungerecht, so sei die Welt. Gerechtigkeit, ein so mächtiges Wort. Ein so wütendes Wort. Ein zerstörerisches Wort. Es zerstört die Seele. Dieser Kampf um Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit in ihrem eigenen Leben nagten an Mära. Sie fraßen ein Loch in ihr Innerstes. Aber wer war sie schon? Ein Niemand. Ein bedeutungsloses Leben, das keine Beachtung fand. Nene wollte das ändern. Zumindest sagte sie es zu ihr. Also, wer würde das nicht glauben wollen? Wer würde nicht gerne jemand sein wollen? Nicht nur für sich selbst, sondern auch für alle anderen? Anerkennung, Zugehörigkeit, Bedeutung – es ist doch immer die gleiche Masche, mit der man Menschen fangen kann, sie aushöhlen kann, bis sie, ohne zu fragen, ohne zu denken, Befehle ausführen.

Manipulation und Macht kann man leicht ausüben, weil so viele Menschen innerlich klein gehalten werden wollen. Sie kennen es gar nicht anders. Sie kennen nur das nagende Gefühl der Ungerechtigkeit und des Wunsches nach Gerechtigkeit. Die Wut frisst auf und sie betäubt, wenn man hilflos und verzweifelt ist. Menschen verlieren sich in ihren kleinen Leben, beginnen an der Ungerechtigkeit zu verzweifeln und hilflos verdammt zu sein, darin gefangen zu bleiben, weil die Welt eben so ist, wie sie ist. Weil die Welt ungerecht ist und es auch niemand, der es könnte, wirklich ändern möchte. Das ernährt eine zerstörerische Wut, die unaufhaltsam das Leben aushöhlt. Das Leben all der unbedeutenden Menschen. So schön sie auch versuchen, ihr Leben bedeutsam zu gestalten, die Grenzen, die ihnen gesteckt wurden, erlauben nicht sehr viel. Manche finden Erfüllung darin. Doch die meisten leben ein betäubtes Leben voller unendlichem Zorn. Andere würden sagen, sie empfänden nur Neid. Sie würden sie verdammen für ihre Wut und ihren Wunsch nach Gerechtigkeit. Andere Maßstäbe, andere Wertvorstellungen, ein aufgebürdetes Moraletikett.

Wie man auch darüber urteilen mag und ja, wir alle urteilen darüber auf die ein oder andere Art, jedenfalls ist sicher: Mära war ein wütendes Mädchen. Sie fühlte die Bürde der Ungerechtigkeit, seit sie fähig war, sie zu verstehen. Es war alles, was sie je von ihrer Mutter lernte. Die Welt ist ungerecht. Die Wut darüber ließ ihre Mutter in Depressionen versinken. Sie selbst war unfähig, der Wut zu entkommen. Mära hatte keine Antworten, sie hatte keine Macht, sie war ein Niemand. Selbst in ihrer eigenen Geschichte. Worauf sollte sie hoffen? Ein Leben stets am Rand der Gesellschaft, immer ausgeschlossen, unbemerkt, ungeliebt, arm? Kinder in die Welt zu setzen, denen sie nichts anderes zu bieten hatte? Zu nichts mehr da zu sein, als Kinder zu gebären?

Wie viel besser klang es da, die Nachfolge der Hohepriesterin anzutreten? Geachtet zu werden? Dazuzugehören? Wer würde es nicht glauben wollen, dass ein besseres Leben wartet, wenn man nur will? Wenn man nur gehorcht? Nene nutzte die Schwäche der menschlichen Natur. Ihr Wissen über die Menschen und ihre Erfahrung mit ihnen gaben ihr reichlich Macht über sie. So war sie wohl wahrhaftig mehr als ein Mensch geworden. Sie stand über ihnen. Als Hohepriesterin, wie könnte es auch anders sein? War sie doch die Vermittlerin zwischen dem Göttlichen und den Menschen. Mära war nur eine von vielen, die ihrem Narrativ glaubten. Nene bestimmte und lenkte ihr Denken und Handeln, ihre Gefühle. Sie kontrollierte sie, wie eigentlich alles und jeden um sich herum. Nur fiel es den wenigsten auf. Einem wütenden Mädchen konnte es doch auch gar nicht auffallen. Es wollte nur ein besseres Leben. Es sehnte sich nach mehr.

Vielleicht wollte sie mehr, als ihr zustand? Schließlich wollte sie hoch hinaus. Aber es war ein Ziel. Wir alle brauchen Ziele. Wir alle brauchen Träume. Und Mära träumte. Sie träumte davon, geliebt zu werden. Dass es einen Grund für ihr Leben gab. Einen Grund, zu sein, zu leben. Daran hielt sie fest. Sie freute sich über die Möglichkeit, die Chance, die Nene ihr geben wollte. Es war ihr so wichtig, Nene nicht zu enttäuschen. Es zu schaffen. Ihr Ziel zu erreichen. Also tat sie, worum auch immer Nene sie bat. Sie tat, was man ihr sagte, so gut sie es eben vermochte. Sie versuchte, jemand anderes zu sein, als sie im Grunde war. Ließ sich biegen, schikanieren, tadeln, kritisieren, verändern. Sie versuchte, jemand anderes zu sein, die Träume anderer wahr zu machen. Weil sie glaubte, es wären die ihren, es würde sie ihrem Wunsch nach Liebe und Zugehörigkeit näherbringen. Man lehrte sie, sie müsse dafür nur wollen und sie könnte alles erreichen. Und sie wollte mehr, als irgendwer je gewollt hatte. Aber Wollen allein reichte nicht, egal, was man ihr einredete.

3. Kapitel

Wenn Träume enden

Dass Wollen alleine nicht reichte, zeigte sich, als die Bluterbin geboren wurde. Nene hatte schlagartig keine Zeit mehr für etwas anderes als ihr eigenes Drama. Mära wurde wieder zu dem Niemand, der sie immer war. Ohne jegliche Hoffnung, je was anderes mehr zu sein. Sie wurde nicht mehr gebraucht, hatte keinen Nutzen mehr. In einem Moment hatte sie noch ein Leben, eine Zukunft, und im nächsten wurde sie von allen fallen gelassen, als hätte es sie nie gegeben. Als wäre sie nie für die Nachfolge auserwählt worden. Ja, als wäre sie einfach aus der Zeit gelöscht worden. Zumindest verhielten sich alle ihr gegenüber so. Mära könnte fast selbst glauben, sich all dies nur eingebildet zu haben, und genau das sollte es bezwecken. Die Wahrheit wurde das, was Nene behauptete, und die Vergangenheit wurde neu geschrieben. Tatsachen wurden zu Einbildung, und kollektives Vergessen war die Folge.

Mära wurde vergessen. Sie war nicht von Bedeutung, nie gewesen. Mära war von einem Moment auf den nächsten ausgelöscht. Menschen, die sie für Freunde hielt, sprachen nicht mehr mit ihr. Wozu auch? Sie war ein Niemand. Dass sie einst als Nachfolgerin auserkoren war, das war nicht mehr als ihr Wunschtraum gewesen. So tat man jetzt zumindest. Nichts von allem, was Mära erlebt hatte, war passiert. Sechs Jahre von Märas Leben waren einfach fort. Ungeschehen. Menschen taten so, als ob es sie nie gegeben hätte, sie sich nie gekannt hätten. Sie gehörte nicht mehr dazu. Gar nicht mehr. Sie existierte einfach nicht mehr. Mära wurde nicht mehr zu Nene gelassen. Ihre Anrufe nicht mehr entgegengenommen. Sie wurde wie eine Fremde behandelt, eine Außenseiterin, eine Verrückte. Dabei grinste der ein oder andere sogar hämisch aus Schadenfreude, wohl wissend, wer sie einst war und was man ihr versprochen hatte. Versprechen waren nichts wert.

Nene war schon in jenen Tagen gut mit Worten gewesen, als Mära noch Ansehen genoss und dazugehörte. Sie konnte schon da alles so drehen und verdrehen, wie sie es wollte. Sie legte die Worte aus, wie sie es gerade brauchte, wie es ihr am gelegensten kam. Nene hatte es immer schon so ausgelegt, dass es Mära war, die sich irrte. Sie hatte es einfach falsch verstanden. Es war immer schon Märas Fehler, ihre eigene Schuld. Auch jetzt, wo sie gänzlich ausgeschlossen wurde, legte man es ihr selbst als ihre eigene Schuld aus. Auf diese Weise ausgestoßen zu werden, versetzte Mära in völlige Verzweiflung. Man brachte sie dazu, an sich selbst zu zweifeln und an ihre eigene Verrücktheit zu glauben. Dabei hatte sich nur eins geändert: Die Bluterbin wurde geboren. Nene hatte eine Enkelin bekommen. Mehr war nicht geschehen. Mehr war nicht notwendig. Mehr musste nicht geschehen.

Mära wurde fallen gelassen. Sechs Jahre lernen, folgsam sein, gehorchen, gemeinsam eine Zukunft aufbauen, Freundschaften schließen, einer Gemeinschaft angehören, für die Gemeinschaft arbeiten. Sechs Jahre gemeinsam Zeit verbringen, gemeinsam leben. Vorbei. Sechs Jahre Lebenszeit vorbei und weggeworfen. Sechs Jahre Treue und Ergebenheit. Sechs Jahre einfach fort. Vergessen. Sie wandten sich alle von ihr ab, denn sie hatte Nenes Gunst verloren. Märas Verzweiflung über diesen Verlust war unbeschreiblich. Sie verlor jeglichen Halt. All ihre Freunde, all ihre Hoffnungen und Wünsche. Alles war verloren. Sie wurde, wie so oft in ihrem Leben, als nicht gut genug deklariert und fallen gelassen.

So bekam ihre Mutter wieder einmal Recht, die von jeher meinte, man dürfe niemandem trauen, sich auf niemanden verlassen. Die Welt wäre nun einmal so, sie wäre ungerecht, und sie müsse sich mit ihrem Los nun mal abfinden. Sie wäre eben nie gut genug für irgendwas. Sie müsste damit leben, eine Enttäuschung zu sein. Sie solle von ihrem hohen Ross herabsteigen und sich damit abfinden, wie alle anderen Niemande eben auch eine Arbeit zu verrichten, bis man eben eines Tages tot umfiele. Mehr gäbe es eben nicht.

Sechs Jahre lernte sie, dass man nur glauben müsste und die Göttin würde einem mehr schenken. Nur wollen müsste, und das Leben wäre voller Möglichkeiten. Doch dann kam es anders und stellte sich doch als Humbug heraus. Nun war sie so verzweifelt, dass sie nicht einmal mehr selbst wusste, was wahr war. Ob sie nicht selbst schuld daran hätte. Sie hätte einfach mehr glauben oder wollen müssen. Oder sie hätte nicht so leichtgläubig sein sollen und es besser wissen müssen. Man ließ sie nicht nur fallen, sondern zerstörte das kleine Bisschen ihres Selbstwertes mit Zweifeln und Verzweiflung. Man stieß sie aus der Gesellschaft aus. Allein blieb sie mit ihren Zweifeln und ihrem Schmerz zurück. Sich selbst überlassen. Ihre Mutter tat wie immer so, als hätte sie es ihr ja gesagt und von jeher vorhergesehen, dass es ein solches Ende nehmen würde. Sie wäre jetzt froh, weil das sowieso eine Sekte wäre und man sich auf so etwas nie einlassen hätte sollen. Mära solle doch auch darüber froh sein. Sie hätte noch einmal Glück gehabt, diesen Fanatikern entkommen zu sein.

Alles, was Mära die letzten Jahre wichtig war, was ihr Leben ausgemacht, ja erst zu einem Leben gemacht hatte, war nun für immer verloren. Die Menschen, die sie liebte und geglaubt hat, von ihnen geliebt zu werden, ihre Freunde und Wahlfamilie, sprachen nicht mehr mit ihr, über sie und gaben vor, sie nie gekannt zu haben. Sie nahmen ihre Existenz nicht mal mehr zur Kenntnis. Nichts als lästig war sie ihnen geworden. Die Menschen ihrer Gemeinschaft, die Menschen, denen sie sechs Jahre ihres Lebens geschenkt hat, hatten von einem Tag auf den anderen bewusst beschlossen, sie zu vergessen und aus ihrer Erinnerung zu löschen. Mit einem Mal musste Mära erkennen und begreifen, dass diese Menschen sie nie wirklich geliebt haben, sie nie als ihre Freundin sahen. Alles, was sie sich jetzt wünschte, war jemand, der sie liebte, so wie sie war. Wahre Liebe. Danach sehnte sie sich. Der Trost von jemandem, dem sie wirklich wichtig war. Sich in dessen Umarmung geborgen zu fühlen und sich darin zu verlieren. Das würde sie brauchen, um diesem Schmerz, der Leere, irgendetwas entgegenzuhalten. Sie fühlte, wie sie brach. Wie sie in tausend Stücke brach und sie einfach nicht mehr länger zusammenhalten konnte. Die gnadenlose Wirklichkeit traf sie, und wieder einmal in ihrem Leben war sie ohnmächtig ausgeliefert. Sie fühlte sich verraten und verloren. Es gab keinen Trost. Das Gefühl war überwältigend und einfach alles einnehmend. Es war alles so erdrückend.

4. Kapitel

Versunken in Depressionen kommt es anders, als man denkt

Sie hielt es in ihrem Zuhause nicht mehr aus. Es war ihr nie ein wirkliches Zuhause gewesen. Es glich mehr einem schwarzen Loch der Trostlosigkeit und Schwere. Ein Ort, der jegliche Freude einsog und für immer im Dunkeln einschloss. Ein Ort der Kritik. Hier lebte sie mit ihrer Mutter. Sie kannte kein anderes Daheim. Zwei Zimmer, Küche, Bad, keine Heizung, feucht und kalt und arm an allem. Es fehlte einfach an allem. Ganz besonders der Wärme eines mitfühlenden Herzens. Das hatte ihre Mutter schon lange nicht mehr, falls sie es je gehabt hatte. Sie kannte sie nur kalt und wütend, leer und alles Leben raubend. Mära hatte sie nie lachen gesehen. Es gab keinen Platz für Lachen oder Freude, keinen Platz für Träume oder Hoffnungen. Ihr Trost war es immer gewesen, die Zeit andernorts zu verbringen. Diesem Loch zu entkommen und zu entfliehen.

Sie wollte so gerne sich zugehörig fühlen. Sie war es nie. Sie wollte so gerne dazugehören. Sie hätte es besser wissen müssen. Schließlich lernte sie Nene durch eine Freundin ihrer Mutter kennen. Dabei sagte ihre Mutter selbst, so etwas wie Freunde gäbe es nicht, da man niemandem trauen dürfe. Also war es für sie eher eine Bekanntschaft als eine Freundschaft, jemand, der hin und wieder ihre Einsamkeit vertrieb. Diese Bekannte kam alle paar Monate zu Besuch und erzählte dabei auch von Nene. Mära war sogleich gefesselt und wollte Nene unbedingt selbst kennenlernen. Sie bettelte daher jedes Mal, wenn die Bekannte kam, bis diese irgendwann nachgab und eine Einladung, alle kennenzulernen, aussprach. So war es geschehen. Mära hatte auf so viel gehofft. Sie war noch so jung gewesen. Mit 14 Jahren traf sie diese Menschen. Sie wurde Teil von etwas Größerem, wie man ihr beibrachte. Sechs Jahre später verlor sie es wieder. Sie war wieder Teil von nichts. Einzig und allein ihr Glaube an die Göttin war zu tief in ihrem Herzen, als dass er ihr hätte verloren gehen können.

Einige Wochen, nachdem man jeglichen Kontakt zu ihr zur Gänze abgebrochen hatte, verließ Mära ihr Zuhause, ohne zu wissen, dass sie nie mehr dorthin zurückkehren würde. Sie lief einfach davon, von diesem einengenden Ort, der ihr stets wie ein Gefängnis vorkam. Sie musste raus. Sie verließ ihr Zuhause, ihre bekannte Welt, aufgewühlt und ohne große Vorbereitung. Sie dachte nicht groß darüber nach und nahm nichts mit. Sie hatte ja nur vor, dem tristen und trostlosen Jetzt für eine Weile zu entkommen. Frei, ohne Schwere und Leere, wieder mehr fühlen als Ohnmacht und Hilflosigkeit, so wollte sie für ein paar Stunden die Welt betrachten. Einfach gehen, wohin auch immer ihre Beine sie tragen würden. Sie spazierte los, ohne wirklich wahrzunehmen, was um sie herum passierte, immer noch gefangen in ihrem eigenen Gefühlschaos. Gefangen in ihrer Traurigkeit und ihrem Selbstmitleid. Mit ihren finsteren Gedanken alleine, wo sie auch immer hingehen würde. Ihren Gedanken nicht entkommen könnend. Sie war nie schnell gewesen, sie war unsportlich, aber selbst, wenn, vor sich selbst konnte sie nicht davonlaufen. Dennoch tat ihr die Bewegung gut, die Erschöpfung, die sich einstellte, war eine Wohltat. Sie war anders als die bleierne Schwere der negativen Gedanken und Gefühle.

Nach einer Weile war sie so erschöpft und unvorsichtig, dass sie über irgendetwas stolperte und, ehe sie es sich versah, lag sie auf dem Boden. Sie hatte ihren Sturz mit den Knien und Händen abgebremst. Diese waren jetzt schwer aufgeschürft und bluteten stark. Ihre Hose war zerrissen und zeigte in der Kniegegend ein riesiges Loch, durch das man die blutende Wunde des Knies gut sehen konnte. Nur mühsam kam sie wieder auf die Beine. Es war Nacht geworden, der Vollmond schien hell auf sie herab. Wenigstens, dachte Mära, war die Göttin bei ihr. Sie stützte sich auf einem Gebäude neben ihr ab. Ihre blutige Hand berührte den rauen Stein. Ihr war schwindlig. Der Schmerz stach heftig und begann mehr und mehr zu pochen. Ihr wurde leicht übel. Für einen kurzen Augenblick schloss sie die Augen, versuchte, sich zu beruhigen, atmete tief durch. Das Drehen wurde schlimmer, als würde sich auch der Boden bewegen. Sie drückte ihre Hand fester gegen den Stein, um sich mehr darauf zu stützen. Doch da war kein Stein mehr.

5. Kapitel

Mitten im unendlichen Irgendwo

Sie riss die Augen auf und fiel erneut zu Boden. Schmerzhaft landete sie auf einem sehr kalten, glatten Steinboden. So hatte es Momente zuvor noch nicht ausgesehen. Der Boden von zuerst unterschied sich von dem jetzt. Vorher handelte es sich um einen normalen und schmutzigen Gehsteig aus Beton einer menschlichen Stadt, aber nun handelte es sich um ein schwarzes, glattes Gestein, so sauber, dass man sich leicht darin spiegelte. Sie sah in ihr eigenes Gesicht. Immer noch war ihr schwindlig und übel. Sie blickte zur Seite, wo vorher noch eine Wand war, an der sie sich abgestützt hatte, war nun in einiger Entfernung ein riesiger, runder Torbogen inmitten einer noch viel größeren Halle. Nach und nach bemerkte sie mehr und mehr solcher Torbögen in den verschiedensten Formen und einige dreieckige Säulen, die bis in den Himmel zu ragen schienen, da die Decke nicht abzusehen war. Da war kein Mond mehr. Das einzige Licht kam von leuchtenden Symbolen, die anscheinend in die Säulen eingraviert waren. Ansonsten waren sie aus dem gleichen schwarzen Gestein wie der Boden. Die freistehenden Tore waren aus den unterschiedlichsten Materialien. Manche schienen aus Pflanzen geformt zu sein, andere aus Stein, manche waren Feuerringe, Wasserwellen oder aus purem Licht, es gab wohl nichts, das unmöglich war. Es waren freistehende Gebilde im Raum. Warum sie Mära an Tore erinnerten, konnte sie selbst nicht genau sagen.

Es war so erstaunlich und wunderlich, dass sie das alles gleich für einen seltsamen Traum halten wollte. So müsse es sein. Manchmal hatte sie schon Träume gehabt, in denen ihr bewusst war, dass sie träumte. Dieser hier fühlte sich nur sehr schmerzhaft an. Sie hoffte, bald aufzuwachen. Plötzlich bebte der Boden leicht. Zu dem Beben kam bald ein riesiger Lärm wie Donnerschläge hinzu. Im nächsten Moment erschien auch bereits der Verursacher von beidem in Märas Blickfeld. Ein riesiger Koloss in einer Rüstung bewegte sich in Eiltempo auf sie zu. Er war anscheinend bewaffnet. Dabei war das bei seiner Größe überhaupt nicht notwendig, um Mära zu töten, bräuchte er sie nur unter sich zu begraben. Das wäre ein Leichtes, wie das Zertreten einer Ameise. Es würde dem Etwas vor ihr genauso wenig auffallen. Ihr war klar, dass es sehr wahrscheinlich genau dazu kommen würde, da sie nie schnell genug wäre, um rechtzeitig auszuweichen. Sie bezweifelte, dass der Riese sie überhaupt bemerkt hatte und falls doch, dass dieser rechtzeitig abbremsen könne. Zum Glück, dachte sie, ist das alles nur ein Traum.

Das Wesen bremste abrupt ab. Kurz wurde es still in der Halle. Mära starrte auf allen Vieren nach oben, dabei hatte sie den Kopf in den Nacken gelegt. Sie war sich nicht sicher, ob sie das Ding vor sich vollkommen erfassen konnte. Jetzt wusste sie wohl, warum die Halle so überwältigend groß war. Schließlich musste etwas wie das vor ihr mit Leichtigkeit hineinpassen. Nach diesen wenigen Momenten der Erkenntnis wurde es wieder laut. Komische Knackgeräusche füllten die Halle. Nun war es wohl so weit, sie würde wohl in diesem Traum gleich sterben und in ihrem Bett wieder aufwachen. Die Kopfschmerzen wurden schlimmer, bis sie kaum mehr zu ertragen waren. Als weiterhin nichts geschah, löste Mära ihre Starre.

Bei Träumen, in denen man weiß, dass man träumt, kann man selbst eingreifen. Genau das hatte sie nun vor. Sie hielt den Schmerz einfach nicht mehr aus. Sie rappelte sich mit letzter Kraft auf, legte den Kopf in den Nacken und rief so laut sie konnte dem Riesen entgegen: „Mir tut mein Kopf weh, meine Knie und Hände sind wund, also wenn du dich damit beeilen könntest, mich zu töten, wäre ich dir dankbar!“ Kaum hatte sie angefangen zu schreien, waren die seltsamen Geräusche verstummt, die sie fast um den Verstand gebracht hätten. Der Riese regte sich nicht, als wäre er bloß eine Statue. Unbemerkt hatte eine weitere Gestalt die Halle betreten und sich Mära genähert. Sie war von all den Geschehnissen viel zu abgelenkt gewesen. Diese Gestalt huschte an sie heran und pustete eine kleine Brise Staub in die Luft. Bei ihrem nächsten Atemzug sog Mära ihn ein und fiel daraufhin unmittelbar in absolute Dunkelheit.

6. Kapitel

Traumabenteuer oder der Anfang eines neuen Lebens

Bei ihrem Erwachen lag sie auf einer harten Oberfläche. Im ersten Moment dachte sie, sie wäre im Park auf einer Bank eingeschlafen und wunderte sich über sich selbst. Aber beim Anblick der dunklen Wände lief ihr mehr als ein kalter Schauer über den Rücken. Der Raum hatte keine ersichtlichen Türen. Träumte sie etwa immer noch? Der Raum war besser beleuchtet als die Halle. Hier gaben leuchtende Kugeln, die knapp unter der Decke schwebten, ein starkes, grelles Licht. Es gab keine leuchtende Wandverzierung wie vorhin. Außer dem harten Steinblock, auf dem sie lag, gab es nichts. Wenigstens hatte sie im Augenblick keine Schmerzen. Ihre Hände hatten keine Schrammen mehr. Doch auch wenn ihre Knie heil waren, warum nur hatte sie immer noch ein Loch in ihrer Hose? Das war wohl der Traumlogik verschuldet, schlussfolgerte Mära. Sie setzte sich auf. Hoffentlich würde sie bald diesen seltsamen Traum verlassen und in der Realität aufwachen. Der Raum ohne Türen, ohne Ausweg, schien ihr sehr symbolhaft und unmissverständlich. So würde sie ihre Lebenslage auch bewusst einschätzen. Ausweglos. Dass sie das im Traum nun auch noch ertragen musste, schien ihr plausibel. So war ihre Existenz einfach. Ein schlechter Witz ohne Pointe.

Plötzlich trat ein Mann in den türlosen Raum. Er erschien einfach aus dem Nichts. Er war gut gekleidet, aber fremdartig. Alles an ihm war fremdartig. Seine Augen waren viel zu intensiv. Mit einem Blick auf seine Ohren war ihr klar, dass vor ihr kein Mensch stand. Sie waren lang und spitz. O ja, jetzt kam ihre Fantasieader zum Vorschein, oder war es doch ein Vulkanier? Er sah überaus gut aus. So, wie man es sich von Elfen, Elben und Vulkaniern erzählt. Sie kannte und liebte all diese Geschichten, und jetzt träumte sie davon. Endlich ein wenig Freude, ein kleines Traumabenteuer.

Er blieb ruhig stehen, ließ ihr Zeit, ihn zu begutachten. Zeit zu denken und sich zu sammeln. Dabei musterte er sie ebenso neugierig, wie sie ihn. Sein Gesicht zeigte keinerlei Gefühlsregung. Seine Körperhaltung war neutral. Sie konnte nicht sagen, was nun als Nächstes geschehen würde oder was sie von ihm zu erwarten hatte. Seine wohltuende, sanfte Stimme durchbrach schließlich die Stille: „Ich bin Tian. Der Rat hat mich gebeten, mit Dir zu sprechen und etwas mehr über Dich herauszufinden. Ich habe einige Erfahrung mit Menschen und ihren Sprachen. Ich wählte eine vertraute Anrede, ich hoffe, das ist in Ordnung. Man sagte mir, Du wünschtest deinen Tod? Ich hoffe, dies ist nun, da wir deine Wunden heilten, nicht mehr der Fall?“ „Äh, nein, ich wollte nur aufwachen“, stammelte Mära etwas verwirrt. „Aufwachen?“, erwiderte Tian. „Ja, äh, aus diesem Traum. Wobei jetzt mit Dir kann er ruhig noch etwas andauern. Schließlich fühle ich mich jetzt wieder besser. Anscheinend dank euch“, schmeichelte Mära ihm.

Wäre es kein Traum, würde sie nie so mit ihm reden. Aber wann, wenn nicht im eigenen Traum, kann man etwas mutiger leben. Vor Aufregung hatte sich ihr Herzschlag trotzdem stark beschleunigt. Was für ein herrlicher Traum, dachte Mära. Wann sprach man schon mit einem Elf/Elb/Vulkanier – Fantasiewesen oder besser gesagt: es mit ihr?

„Du glaubst zu träumen?“, erkundigte Tian sich. „Natürlich ist das ein Traum. Jemanden wie dich gibt es in der Wirklichkeit nicht. Das wurde mir viel zu oft beigebracht und eingetrichtert. Umso schöner ist es jetzt, wenigstens davon zu träumen. Ich hoffe, ich werde mich noch lange an die Begegnung mit dir erinnern“, stotterte Mära. „Ich verstehe. So etwas haben die Telepathen, die deinen Geist durchforstet haben, schon angedeutet. Leider muss ich dir mitteilen, dass du nicht träumst. Wir hatten gehofft zu verstehen, wie es sein kann, dass du jetzt hier bist, aber es scheint auch dir unbekannt zu sein. Ich kann verstehen, dass es für dein Verständnis unmöglich ist zu begreifen, was gerade geschieht, und es für dich daher leichter ist zu glauben, du würdest träumen. Es wäre uns lieber gewesen, wir könnten herausfinden, wie du hergekommen bist, um dich auf diese Weise wieder zurückzubringen, aber da es vorerst nicht möglich ist und wir nicht wissen, ob es je möglich sein wird, können wir dich auch nicht in deinem Glauben belassen. Du bist jetzt hier und lebst jetzt hier. Wir meinen, dass es keine Zufälle gibt und es daher einen Grund für dein Erscheinen geben muss. Oder anders ausgedrückt: Es ist dir zugefallen, hier zu sein. Insofern wirst du dich Schritt für Schritt an deine neue Situation gewöhnen müssen. Um deine Angst vor dieser großen Umstellung zu verringern, wurde ich dir als Helfer zugewiesen. Ich werde dich unterstützen. Du bist nicht allein. Es gibt viel Neues zu lernen. Wichtig ist zu begreifen: Das ist kein Traum. Das ist jetzt der Anfang eines neuen Lebens. Ich wünschte, jemand anderes hätte dir helfen können, da ich hierfür nicht unbedingt geeignet bin. Wenn du eine andere Betreuung haben willst, ist dies möglich, sobald du eingewilligt hast, den Universalübersetzer eingepflanzt zu bekommen. Du hast sicher viele Fragen. Du wirst genug Zeit haben, sie zu stellen und beantwortet zu bekommen, soweit es Antworten gibt bzw. du diese zu verstehen in der Lage bist. Fürs Erste haben wir eine Umgebung mit wenig Stimulanzien gewählt, um dir all das leichter zu machen. War das bisher Gesagte für dich verständlich?“, erklärte Tian.

Völlig vor den Kopf gestoßen, geschockt und überfordert von dem eben Gehörten, starrte Mära den Elf an. Sie hatte nur verstanden, dass er nicht hier sein wollte und er aus irgendeinem Grund dazu verpflichtet war. Wie könnte es auch anders sein? Ein so gutaussehender Elf gab sich doch nie mit ihr ab. Egal wozu. Erst im nächsten Moment dachte sie über die Aussage nach, dass es kein Traum war. Sie würde dort, wo auch immer das war, ein neues Leben anfangen. Na gut, damit hatte sie kein Problem. Traum hin oder her. Da wie dort hatte sie niemanden, der sie vermisste oder den sie vermisste. Nichts, das für sie wichtig war. Es war ihr also eigentlich gleich, ob es real oder ein Traum war. Ihr Leben war kein lebenswertes Leben, vielleicht würde es ja hier besser, was dieses Hier auch immer war. In ihrer Wirklichkeit gab es Schamanen, die sowieso davon ausgingen, dass alles nur ein Traum war. Gemeinsam geteilte Traumzeit. Das hatte sie zumindest schon mal irgendwo gehört. Traum hin oder her. Es war, wie es eben war. Sie ließ sich überraschen. War ihr doch bewusst, sie könnte nichts davon ändern. Es lag nicht in ihrer Macht. Dass gutaussehende Leute arrogant mit ihr sprachen und sie für dumm hielten, das kannte sie schon. Einige Momente blieb es still, während sie da saß und nachdachte. Der Elf gab ihr Zeit. Die Ruhe des Hinnehmens kehrte in ihr ein.

7. Kapitel

Der Kopfwurm oder auch IVR

„Was hat es mit diesem Universalübersetzer auf sich?“, hinterfragte Mära das Gehörte, nachdem auch das Letzte Gesagte verarbeitet war. „Gut, dass du gleich zum Wesentlichen kommst. Ich hatte schon Sorge, wir müssten erst einige Gefühlsausbrüche deinerseits überstehen. Das hätte uns viel Zeit gekostet. Mit Gefühlen umzugehen ist nicht unbedingt meine Stärke“, meinte Tian. Mära verdrehte leicht genervt ihre Augen und dachte insgeheim an Spock, den Vulkanier. Tian fuhr fort: „Der Universalübersetzer ist ein kleines Lebewesen, das sich in das Gehirn einnistet und eine Symbiose mit dem Wirt eingeht. Es ist in der Lage, alle Kommunikationsmöglichkeiten in die eigene Sprache des Individuums zu übersetzen, als würde die eigene Sprache gesprochen, geschrieben, symbolisiert, gedacht werden. Du bist dann in der Lage, jede Sprache zu verstehen. Damit fällt die Notwendigkeit weg, dass du nur mit mir sprechen kannst. Im Moment bin ich der Einzige, der mit dir sprechen kann, da du nur menschliche Sprache verstehst und da auch nur wenige Dialekte. Ich bin der Einzige hier, der diese Sprachen auch sprechen kann. Somit kannst du dich nur mit mir unterhalten. Da aber alle einen Universalübersetzer haben, können dich alle verstehen. Es wäre also einfacher, wenn du auch einen hättest.“ Angewidert hatte Mära ihr Gesicht verzogen. „Also bei uns Menschen ist das Einnisten irgendwelcher, ähm, wie soll ich sagen, ähm, Wesen ins Gehirn nicht unbedingt wünschenswert. Solcherlei Experimente sind eher Stoff für Albträume und eklige Filme. Aber da werde ich nicht drum herumkommen, oder?“, fragte Mära skeptisch.

„Nun ja, wenn du dich mit mir als einziger Möglichkeit des sozialen Austausches abfindest und deine Möglichkeiten, hier zu leben, beschränken willst, steht dir das natürlich frei. Niemand wird dich zu etwas zwingen. Es ist nur nicht ratsam“, antwortete Tian. „Du willst mir also sagen: Es gibt keinen anderen Weg, die Sprache der anderen zu lernen? Oder einen anderen Dolmetscher zu bekommen? Keine Wörterbücher? Künstliche Übersetzungsmechanismen?“, meinte Mära aufgebracht. „Wie schon gesagt, ich kann für dich als Einziger hier ein Dolmetscher sein. Aber ich bin kein Dolmetscher. Das ist nicht meine eigentliche Aufgabe. Ich habe auch anderes zu tun, als für dich zu übersetzen. Und bei der Vielzahl an Sprachen und deiner Fähigkeit, sie zu lernen, reicht dein kurzes Leben nicht aus, um dich hier zu verständigen. Du wirst es verstehen, wenn du mehr über das hier weißt. Du wirst dich damit abfinden müssen“, beschwichtigte Tian. „Tja, danke, ich weiß, dass mir Sprachen nicht so liegen. Aber einen Wurm im Kopf kann ich mir eben gar nicht vorstellen“, knurrte sie leicht gereizt. „Es ist kein Wurm. Das Lebewesen hat die Bezeichnung IVR und ist äußerst nützlich. Es wurde extra für diese Verwendung gezüchtet. Nicht jedem wird ein IVR angeboten. Viele würden mit dir tauschen wollen. Es ermöglicht das Reisen zu fremden Welten. Es bietet Möglichkeiten, und diese Möglichkeiten geben einem auch gewisse Freiheiten. Eine solche Verständigungsmöglichkeit erweitert das Denken und Verstehen. Es ist etwas, wofür du dankbar sein könntest. Mehr ein Geschenk. Alles ist immer auch eine Frage der Einstellung“, erklärte Tian. Mära hörte zu und seufzte. Wieder etwas, das wohl einfach hinzunehmen war.

Wie lautete noch dieses Mantra der Erde? Bitte schenke mir die Kraft, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Die Gelassenheit, alles hinzunehmen, was ich nicht ändern kann. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Unvorstellbar, aber irgendwie tröstete es sie ungemein, diese Worte in ihrem Kopf mehrmals zu wiederholen.

Bis sie schließlich resignierend zustimmte: „Also schön. Her damit, bitte. Was muss ich tun?“ Ein Ausdruck der Erleichterung huschte über Tians Gesichtszüge. So schnell diese Regung gekommen war, so schnell war sie auch wieder verschwunden. Mit eleganten und schnellen Bewegungen zog er etwas aus seiner Hosentasche, trat an Mära heran, strich ihr Haar nach hinten und träufelte etwas in ihr Ohr. Es fühlte sich glitschig und kalt an. Aber nur einen Moment. Dann war es fort. „Es wird etwas dauern, bevor es sich ganz entfaltet. Aber in wenigen Stunden sollte es vollständig funktionieren“, flüsterte Tian sanft. Er war jetzt ganz nah bei ihr, seine Hand verweilte immer noch bei ihrem Ohr. Diese kaum merkliche Berührung ließ sie erschaudern. Ihr Herz schlug wieder schneller und schneller. Es kribbelte sie überall. War das der IVR? Nein, es war wohl seine Nähe. Er roch so gut. Nie würde sie je wieder so fühlen, dachte sie und genoss es. Genoss seine Nähe und Aufmerksamkeit. Selbst wenn er es nicht so empfand, dachte sie. Dabei vergaß sie ganz das neue kleine Lebewesen, das es sich gerade in ihrem Gehirn gemütlich machte. Tian rührte sich nicht. Er beobachtete die Wirkung, die er auf sie hatte. Dabei lauschte er dem Rhythmus ihres schnell schlagenden Herzens. Ihre Blicke trafen sich und verschmolzen. Beide genossen den Augenblick miteinander in Stille. So vergaßen beide die Zeit, während sie einander nur ansahen. Nie hatte sie jemanden Eleganteren gesehen. Jemanden Edleren. Seine Ausstrahlung nahm sie ganz ein. Seine Augen durchdrangen sie. Darin lag ein Leuchten und eine Lebendigkeit, so intensiv, dass es sie mitriss. Das Leben rief nach ihr, es voll und ganz zu kosten. Sie fühlte unbändige, überschäumende Freude. Sie konnte sich davon nicht sattsehen und nicht losreißen. Sie wollte es auch gar nicht. In diesem Blick wollte sie für immer verweilen.

8. Kapitel

Umgebungsamulette

Ein Räuspern unterbrach die schöne Zweisamkeit jäh. Seine Hand verschwand eilig mit elegant fließenden Bewegungen. Als wäre sie nie da gewesen. Er hatte sich innerhalb eines Wimpernschlages von ihr entfernt. Stand jetzt mit einigem Abstand zu Mära. Der Neuankömmling lächelte sie an. „Der Rat würde gerne mit Ihnen sprechen. Falls Sie sich danach fühlen. Hat sie den IVR genommen?“, fragte er höflich, aber leicht ungeduldig. Tian nickte und wartete. Seine Augen verfolgten jede ihrer Regungen. Mära war jetzt an der Reihe. Sie hatte alles verstanden. Da wurde ihr klar, dass beide darauf warteten, festzustellen, ob dieser IVR auch funktionierte. „Ich habe Sie verstanden“, antwortete Mära zögernd. Das Lächeln auf dem fremden Gesicht wurde breiter. Der Neuankömmling war sichtlich zufrieden. „Wie erfreulich“, stieß er hervor. „Ich bin entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen“, sprach er und verneigte sich leicht. Weder fragte er nach ihrem Namen noch stellte er sich selbst vor. „Wir sollten den Rat nicht warten lassen. Nun, da alles geklärt wurde“, forderte er sie auf.

„Sie sollte noch ein Amulett zur Umgebungsanpassung bekommen“, entgegnete Tian und zog mit einer weiteren fließenden Bewegung ein Symbol aus einem ihr unbekannten Material hervor. Es leuchtete und schimmerte in den unterschiedlichsten Farben. Es schien selbst fließend und weich zu sein. Es veränderte seine Form und schien stets in Bewegung. „Noch ein Lebewesen, dessen Wirt ich jetzt sein werde?“, fragte Mära misstrauisch. Der Neuankömmling lachte auf. „Oh, nein. Wo denken Sie hin. Das ist nur Magie, die auf Sie geprägt wird, um Ihre Umgebung, die Wahrnehmung dieser, Ihren Präferenzen und Bedürfnissen anzupassen. So wird sichergestellt, dass alle Notwendigkeiten erfüllt sind und werden, die Ihre Spezies zum Überleben und Wohlfühlen braucht. Das betrifft einfach alles, von Temperatur, einwirkender Kraft und Druck, Anziehung, Lichtstärke, Schallfrequenzen, auch Lautstärke, Luftzusammensetzung bzw. Umgebungszusammensetzung, Strahlung, Eindämmung bis hin zu Empfindlichkeit und vielem mehr. Es werden alle möglichen Parameter berücksichtigt. Die Magie dahinter ist wahnsinnig komplex, anspruchsvoll und anpassbar. Man könnte sie wahrhaftig für ein Lebewesen halten, und in gewisser Weise ist Magie lebendig, aber der Unterschied führt jetzt zu weit. Es ist kein Lebewesen. Die Magie verbindet sich mit Ihnen, sie durchdringt und durchwirkt Sie, aber Sie sind nicht ihr Wirt. Sie ist ein natürlicher Bestandteil eines jeden Lebewesens, ist aber selbst kein Lebewesen“, erklärte der Neue begeistert.