Wächter des Meeres - Marisa Barkhoff - E-Book

Wächter des Meeres E-Book

Marisa Barkhoff

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Beschreibung

Sie existieren seit 450 Millionen Jahren Sie sind die am meisten gefürchteten Raubtiere des Meeres Nur sie haben die Macht, ihm zu helfen Der graue Riffhai Aro verbirgt seine Vorliebe, die Schönheit der Welt wahrzunehmen, statt sich einzig der Jagd zu widmen. Bis eines Tages eine Stimme aus dem Nichts zu ihm spricht. Sie behauptet, das Meer selbst zu sein. Es hat eine wichtige Aufgabe für ihn, die Aro aus dem Reich der Haie zu neuen Welten und uraltem Wissen führt. Unterstützt von Haien, die seine Gabe teilen, stellt sich Aro kiemensträubenden Abenteuern. Verfolgt von dem Tigerhai Kahn, der alle Haie, die mit dem Meer sprechen, vernichten will …

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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HYBRID VERLAG

Vollständige elektronische Ausgabe

04/2021

 

Wächter des Meeres – Die Gabe der Haie

 

© by Marisa Barkhoff

© by Hybrid Verlag, Westring 1, 66424 Homburg

 

Umschlaggestaltung: © 2021 by Creativ Work Design, Homburg

Stock-Fotografie-ID: 609818846, Bildnachweis: wrangel

Stock-Fotografie-ID: 618650324, Bildnachweis: Vpommeyrol

 

Lektorat: Paul Lung, Rudolf Strohmeyer

Korrektorat: Petra Schütze

Buchsatz: Lena Widmann

 

 

Coverbild ›Woodtalker‹

© 2019 by Creativ Work Design, Homburg

Coverbild ›Teufelsmeer‹

© 2020 by BG-Coverdesign

 

ISBN 978-3-96741-091-4

 

www.hybridverlag.de

www.hybridverlagshop.de

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

 

 

Printed in Germany

 

 

Marisa Barkhoff

 

Wächter des Meeres

-

Die Gabe der Haie

 

 

 

 

 

 

 

Fantasy

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gewidmet der Organisation Sharkproject

und meiner guten Freundin Hannelore Schettler

Vorwort

Prolog - Meergeborene

1.      Blüte in der Strömung

2.      Aus heiterem Gewässer

3.      Von jenseits des Meeres

4.      Forschung

5.      Das Reich der Haie

6.      Urkraft

7.      Die Mutprobe

8.      Des Meeres bester Freund

9.      Flüsternde Wellen

10.      Von einem Moment auf den anderen

11.      Schicksalsschlag

12.      Das Meer neben dem Meer

13.      Unerwartete Hilfe

14.      Gewagte Gedanken

15.      Ein neues Leben

16.      Die Haie aus einer anderen Welt

17.      Offenbarung

18.      Was sie eint

19.      Ein Albtraum von einem Freund

Danksagung

DIE AUTORIN

Hybrid Verlag …

 

Vorwort

 

Laut Vorname.com bedeutet Marisa unter anderem die aus dem Meer Kommende. Ehrlich.

Bei so einem Autorinnenamen kann der Debütroman nur vom Meer handeln. Früher hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass sich in ihm alles um Haie drehen würde. Bis ich herausfand, wie faszinierend diese sind. Egal was Massenmedien behaupten, bestehen Haie nicht nur aus ihren Zähnen. Sobald man Forschungsberichte über sie liest und sich seriöse Dokumentarfilme anschaut, zeigt sich, wie viel mehr es über diese uralten Tiere zu wissen gibt. Meine Hoffnung, eines Tages einen Tierroman mit ihnen als Protagonisten zu finden, hat sich leider nicht erfüllt. Aber wie sagt man so schön? Wenn du willst, dass es gut wird, mach es selbst.

Hier ist sie endlich, eine schon längst überfällige Liebeserklärung an eines der verkanntesten Geschöpfe des Planeten.

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen!

 

Prolog - Meergeborene

 

Das Meer funkelte im Licht der aufgehenden Sonne wie ein polierter Diamant.

Kendra beobachtete die auf der Meeresoberfläche tanzenden Schatten, doch vor allem die mächtige Gestalt des auftauchenden Pottwales. Er streckte seinen Kopf aus dem Wasser und selbst von hier unten sah sie den himmelwärts schießenden Blas. Das Objekt auf der Oberfläche, nur wenige Meter von ihm entfernt, bewegte sich in seine Nähe. Ein Gefährt der Menschen.

Kendra wusste, dass sie den Pottwal bestaunen wollten. Sie hörte ihr Jubeln selbst aus dieser Entfernung und trotz des dämpfenden Wassers. Es erinnerte sie an das Schnattern von Delfinen, nur beträchtlich langsamer.

Während sie ihn wohlwollend betrachteten, wäre ihre Reaktion bei ihrem Anblick ganz anders.

Dazu müssen sie nur meine Rückenflosse sehen, dachte Kendra.

Keine zehn Meeresmahre, so benannten Meerestiere die über alles gefürchteten Orcas, brachten sie dazu, der Oberfläche näher als fünf Körperlängen zu kommen. Das Ergebnis jahrhundertelangen Rufmordes, dem kein Hai etwas entgegen setzen konnte.

Der Pottwal tauchte senkrecht ab und bedachte Kendra mit einem kurzen Blick. Im Gegensatz zu Menschen machte sie ihm keine Angst. Er wusste, dass Haie nicht aus der Hölle stammten.

Auch Kendra fürchtete sich nicht vor dem größten fleischfressenden Raubtier des Meeres. Sie spürte, dass es satt war. Die Haifrau genoss es, seinen gewaltigen Körper aus der Nähe sehen zu können.

Auch wenn das allen Instinkten widersprach.

Aber sie besaß reichlich Übung darin, ihre Empfindungen beiseite zu schieben, wenn eine neue Erfahrung lockte. Für andere Haie ein völlig unmögliches Verhalten. Doch Kendra war nicht so wie Millionen andere Haie.

Die meisten würden sie für verrückt halten. Wenn sie denn jemals mit ihnen darüber gesprochen hätte. Einmal in ihrem Leben war es fast dazu gekommen, aber dann … Nein, sie wollte nicht mehr darüber nachdenken.

Kendra beschrieb einen Schlenker und schwamm schnell zurück zur Küste. Die Zeit ist gekommen, dachte sie aufgeregt, als das Strampeln in ihrem Bauch heftiger wurde. Sie spürte, dass eines ihrer Kinder ihr ähnelte. Ihre Gabe besaß. »Du wirst es nicht einfach haben. Ich hoffe, dir gelingt, woran ich gescheitert bin«, flüsterte Kendra. Es hing so viel davon ab.

Sie schwamm noch schneller, glitt mit mühelos kräftigen Bewegungen durch das Wasser. Ihr Herz schlug wie das eines Delfins im Angesicht einer prächtigen Welle, als sie den Ort sah, den sie zur Heimat ihrer Kinder erwählt hatte. Zumindest für die meisten von ihnen.

Das Gewässer um sie herum wurde immer flacher. Der Boden stieg sanft wie eine Welle empor und das über sie hinwegbrausende Wasser hatte die Steine glatt wie Delfinhaut geschmirgelt. Besonders gefiel Kendra der hohe Wall aus Felsbrocken, der fast das ganze Riff umsäumte. Sie lagen aufeinander wie Zähne eines riesigen Raubtieres und sie zwängte sich durch die einzige Zahnlücke.

Kendra hoffte, als ihr geschwollener Bauch an den Felsen entlang schrammte, dass kein Raubtier sich bemühte, es ihr gleichzutun. Dabei dachte sie vor allem an ein bestimmtes und ihre Augen verdunkelten sich vor Sorge. Ihre Kinder regten sich wieder, als wüssten sie, dass sie ihr Zuhause bald gegen ein wesentlich größeres tauschen würden. Die Haifrau schwamm bis zu dem Platz, den sie zum Geburtsort bestimmt hatte.

Eine breite, etwa zwei Meter tiefe Grube erstreckte sich vor ihr. Sie wirkte wie durch eine riesige Seeschlange in den Boden gedrückt. Kendra begab sich in ihre Mitte und zog dort geduldig ihre Kreise.

Der Schmerz kam nicht schlagartig, sondern mit der Unaufhaltsamkeit einer Welle, die auf Klippen zusteuert. Als Hai gehörte Schmerz zu ihrem Leben. Sie arrangierte sich mit ihm wie mit einer heftigen Strömung. Nach der fünften Runde spürte sie, wie sich das erste Kind aus ihrem Unterleib schob. Nach einem kurzen Pressen, das sich nach den vorherigen Schmerzen wie eine Massage anfühlte, war es frei. Kendra spürte eine kurze Berührung am unteren Teil ihrer Schwanzflosse, als die winzige Rückenflosse des Jungen dagegen stieß. Sie wendete und sah ihr Erstgeborenes. Es schwankte beim Schwimmen so stark von links nach rechts, dass man meinen konnte, es legte bald eine seitliche Rolle hin. Zweimal stieß es mit dem Köpfchen gegen den Boden, bis es schließlich Herr über seinen Körper wurde. Es schwamm ohne weiteren Zusammenstoß unter ihr durch und verschwand im Riff. Die Haifrau sah ihm nicht nach. Sie wusste, dass sie ihren Teil erfüllt hatte.

Den Nachwuchs an einem sicheren Ort zur Welt zu bringen. Binnen weniger Minuten erblickten drei weitere kleine Haie das Blau des Meeres. Auch sie schwammen für wenige Sekunden ein wenig ziellos herum, kaum begreifend, plötzlich so viel Raum um sich zu haben und die Bewegungen ihrer Geschwister nicht mehr zu spüren. Sie alle besaßen gelbe Augen, manche mit einer braunen Schattierung, und lernten zielgerichtetes Schwimmen binnen Minuten. Als sie davonschwammen, schwangen ihre Schwanzflossen gleichmäßig von links nach rechts.

Sie bewegten sich bereits jetzt mit einer Eleganz, die andere Fische selbst im hohen Alter nicht erreichten. Als letztes verließ ihr besonderes Kind ihren Körper. Bei keinem anderen spürte sie so deutlich jeden einzelnen Millimeter, den es zurücklegte. Kendra schwamm etwas weiter nach oben, krümmte sich ein letztes Mal und presste das Junge hinaus, das mit mehr Heftigkeit ins Leben schoss als seine Geschwister. Die Haimutter brauchte nur Sekunden, um sich umzudrehen, um ihr besonderes Kind das erste Mal zu sehen. Der kleine Körper hob sich deutlich vom sandigen Grund ab.

»Du bist es«, hauchte sie und die Wärme ihrer Stimme strömte aus ihrem Körper wie Hitze aus der Sonne. Die Haimutter betrachtete ihr Kind. Ein überwältigendes Glücksgefühl wogte durch ihren Körper und brachte eine friedvolle Ruhe mit sich.

Ihr Sohn besaß die Gabe, das spürte sie ganz deutlich. Sie stand am Ziel ihres Planes.

Das Einzige, das sie je in ihrem Leben geschafft hatte. Die Glücksgefühle verdrängten die plötzlich aufwallenden Erinnerungen an all die Misserfolge ihres Lebens. Kendra stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und betrachtete erneut ihren Sohn. Ein Schauer durchlief sie, denn er hatte noch etwas von ihr geerbt. »Auch du hast grüne Augen, wie schön«, flüsterte Kendra. Das ließ ihr Herz schneller schlagen. Es war nichtig, äußerliche Ähnlichkeiten zu beachten, vor allem in seinem Fall, aber dass sie beide diese Besonderheit teilten, berührte sie trotzdem. Nicht einmal seine geringe Körpergröße trübte ihre Freude.

Viele hätten ihm keine Chance auf ein langes Leben eingeräumt. Doch Kendra wusste, welche Kraft er in sich trug. Einfach würde sein Leben nicht sein, selbst als stattlichster grauer Riffhai aller Zeiten nicht. Körperliche Stärke stand an zweiter Stelle bei seiner Gabe. Sie hoffte nur, dass er das bald begriff.

Die Haimutter seufzte erneut.

»Ich habe ihn geboren«, sagte sie leise. Nur sie wusste, dass sie kein Selbstgespräch führte, sondern wirklich mit jemandem sprach.

Kendra betrachtete ihren Sohn ein letztes Mal, wie er ziellos in kleinen Kreisen schwamm. Obwohl sie wusste, dass sie aufbrechen sollte, tauchte sie auf seine Höhe herab. Der kleine Kerl betrachtete sie mit großen Augen.

»Ich wünsche dir alles Gute«, flüsterte Kendra. »Und denk immer daran: Gib niemals auf. Du bist nicht alleine.« Sie wollte noch viel mehr sagen. So viel mehr. Aber das würde er nicht verstehen. Noch nicht. Im schlimmsten Fall nie.

Sie schreckte vor dem Gedanken zurück. Ihr Sohn wandte sich von ihr ab und schwamm wie seine Geschwister davon. Er würde hier sicher sein. Fürs erste. Kendra hoffte, dass er zu gegebener Zeit den Weg zu seinem wahren Zuhause finden würde.

Ihre Aufgabe war erfüllt.

Ich kann in Frieden sterben, dachte sie ganz ruhig. Die Aussicht, vor der Zeit gehen zu müssen, begleitete jedes wilde Tier, aber Kendra spürte ihren nahenden Tod.

Doch nach der Geburt ihres Sohnes fühlte er sich nicht mehr wie ein würgender Tentakel an, sondern wie eine sanfte Strömung.

Kendra verließ das Felsriff mit schwungvollen Bewegungen. Sie lachte zufrieden auf und ihr Gelächter huschte durch das Wasser wie ein Delfin. Es gab ihr Frieden zu wissen, dass ihr Sohn einen Gleichgesinnten besaß. Obwohl sie noch viele Seemeilen trennten, wusste sie, dass er den Weg zu Dionus finden würde. Haie wie sie zogen sich gegenseitig an. Ihr Schatten verschwand im dunklen Grund des tieferen Wassers, als sie auf die Hochsee zuschwamm. Kendra nahm die Gefahrenmeldung ihrer Instinkte und die noch deutlicheren ihrer Sinne wahr. Sie ignorierte sie. Einige hundert Körperlängen vom Riff entfernt, meldete ihr Geruchssinn etwas. Es roch nach Verwesung. Der Geruch umhüllte ihre Schnauze nicht nur wie Nebel, sondern drängelte sich wie ausgehungerte Maden hinein. Ein Schatten zeichnete sich in der Ferne ab.

Zu weit entfernt, um Einzelheiten auszumachen, doch jetzt schon groß genug, um viele Meerestiere das Fürchten zu lehren. Sogar viele Haie.

Der Schatten nahm Gestalt an. Es war ein Tigerhai, mehr als doppelt so groß wie Kendra.

Während sie ihr Tempo verlangsamte, beschrieb ihr Gegenüber einen engen Bogen um sie. Die dunklen Streifen, die seiner Art den Namen gaben, wirkten im trüben Licht wie Wunden. Mit leicht geöffnetem Maul, das ein beeindruckendes Gebiss entblößte, fixierte der Haimann sie mit wütenden Augen.

Langsamer werdend umrundete er sie und hielt dann vor ihr an. Kendra hatte erwartet, dass er sich sofort auf sie stürzen würde. Doch das geschah nicht.

Ihr Blick traf seinen.

»Endlich«, stieß der Tigerhai triumphierend heraus.

»Ich glaubte einmal, dass wir uns niemals wiedersehen, Kahn«, erwiderte Kendra und ihre Stimme klang nicht im Mindesten ängstlich. Es gab so Vieles, das durch ihren Kopf ging, aber schon allein wegen der überstandenen Geburt fehlte ihr die Kraft, um sich einen guten Einstieg zu überlegen.

»Endlich habe ich dich gefunden«, sprach er weiter und nun klang seine Stimme bedrohlicher. Der Tigerhai strahlte seine Wut wie Hitze aus. Nur Kendra kannte die darunter liegende Verzweiflung. Sie wünschte, sie könnte ihm begreiflich machen, wie sehr er damit sich selbst schadete.

»Du bist groß geworden, Kahn. Ein wirklich kapitaler Tigerhai, alle Achtung«, lobte sie und dachte an ihre erste Begegnung. Wie fröhlich und freundlich er gewesen war.

»Ein Wunder, wenn man bedenkt, was du mir angetan hast, Kendra.« Ein Beben durchlief seine Kiefer, als sei er ein Käfig, der unter dem Ansturm von etwas Wütendem erzitterte. »Ich wusste, ich würde dich eines Tages finden. Und wenn es das Letzte ist, das ich mache.« Seine Stimme wurde lauter.

»Ich bin beeindruckt von deiner Willensstärke. Wie schön, dass dir das geblieben ist. Ich wünschte nur, du würdest sie für etwas anderes verwenden«, erwiderte Kendra mit ruhiger Stimme.

»Woran hättest du denn gedacht? Für deinen Irrsinn etwa?« Kendra zuckte nicht einmal mit einer Kiemenspalte, was ihn noch wütender machte. »Haie wie dich sollte man zur Strecke bringen!«

Kahn schrie so laut, dass Kendra sich fragte, ob der Pottwal es noch in der Tiefe hören konnte.

»Ich verstehe, dass du wütend bist. Ich verstehe es so sehr. Bitte glaube mir das«, versuchte Kendra ihn zu trösten, auch wenn sie um den mangelnden Erfolg wusste. »Als ich wieder von dir gehört habe, wünschte ich mir so sehr, dass die Zeit deine Wunden geheilt hätte. Es wäre so viel …«

»Sei still, du widerliches Weib! Was du uns angetan hast, ist mit nichts wieder gut zu machen.« Kahns Kiefer schlugen beim Sprechen aufeinander, als wollten sie seine Worte zerreißen. »Dein Plan ist reiner Wahnsinn.«

Wenn du nur wüsstest, dachte Kendra bedrückt. »Du magst deinen Wahn nicht erkennen«, spie er ihr entgegen, »aber ich tue es.«

Er schwamm langsam auf sie zu.

»Ich werde dich aufhalten.«

Kendra dachte keinen Flossenschlag lang zu fliehen. Sie gab nicht mal Antwort, sondern versenkte nur ihren Blick in seinen. Kahn kam immer näher.

Der Abstand zwischen ihnen schmolz auf zwei Meter zusammen. »Soll ich dir sagen, wie ich das machen werde?« Kahns Stimme zischte nun.

»Indem du mich umbringst.«

Kendras Stimme war ganz ruhig. Ohne Angst oder eine sonstige Regung sah sie ihm fest in die Augen.

Ein Beben ging durch Kahns Körper, dann entblößte er sein Gebiss und schnellte mit einem Schrei vor.

»Es tut mir leid«, dachte Kendra noch, bevor Kahns Zähne wie eine brechende Welle über ihr zusammenschlugen.

 

Blüte in der Strömung

 

Die Schwanzflosse des Fisches wedelte wie eine Fahne im Sturmwind. Die Jagd dauerte gerade erst fünf Minuten, doch ihr Ausgang zeichnete sich bereits ab.

»Gleich hab ich dich!« Aro kam dem Fisch so nahe, dass sein Schatten auf ihn fiel.

Der Haijunge riss seine Kiefer auseinander und biss zu. Bevor er den Fisch verschlang, achtete er darauf, die Schwanzflosse abzubeißen.

Aro wollte sie nicht essen, sondern mit ihr etwas anderes tun. Er beeilte sich, den Fisch zu essen, weil er wusste, wen der Blutgeruch bald anlocken würde. Anschließend betrachtete er die auf einem flachen Felsen liegende Flosse eingehend. Aro studierte ihre Form und stupste sie einmal vorsichtig an. Ihm gefiel, wie sie wieder zurück auf den Boden sank. Er stieß sie mehrfach an und grub mit seinem Unterkiefer ungewollt eine Kuhle in den Sand. Ihm kam die Idee, die Schwanzflosse hier zu vergraben, damit sie niemand fände. Er konnte sie später wieder ausgraben und … Die anderen würden dich auslachen, schnitt eine mahnende Stimme durch seine Gedanken. Auch wenn sein Selbstbewusstsein so schwach wie eine Qualle in einer starken Strömung war, gelang es ihm wenigstens, seinen inneren Kritiker zu überhören. Zumindest, solange er alleine war und keine dummen Sprüche von außen dazu kamen.

Dann machte ihn sein Geruchssinn auf mehrere Haie aufmerksam. Sie hielten mit derselben Geradlinigkeit auf ihn zu, mit der Aro auf den Fisch hingesteuert hatte. Er wandte sich von der Schwanzflosse ab und erwog kurz, einfach davon zu schwimmen. Hauptsache, wieder alleine sein. Doch so schnell wie die Haie auf ihn zukamen, lag es wohl nicht nur am Blutgeruch, sondern an ihm selbst. Aro fühlte sich, als würden unsichtbare Tentakel seinen Körper umschlingen.

Silhouetten erschienen in der Ferne.

Aro sah, dass sie wie immer in Form eines Dreiecks auf ihn zuhielten. Über ihnen schwamm, sich halb vom Fahrwasser der anderen tragen lassend, sein ältester Bruder. Er ist ja der Größte, er darf das, dachte Aro zornig und ängstlich zugleich. Das wusste dieser auch und die Bezeichnung der Größte beschränkte er nicht nur auf das Körperliche. Die drei Haie waren Aros Geschwister, die manchmal zusammen im Riff patrouillierten. Trotz eines Alters von nur wenigen Monaten waren sie bereits völlig selbstständig.

Nach Art der Haie hatten sie sich ihre Namen selbst ausgesucht und Aro konnte wohl froh sein, dass sie ihn überhaupt mit seinem ansprachen. »Schaut her, Leute, Aro hat einen Fisch gefangen«, meinte sein ältester Bruder. Die Stelle direkt um seine Rückenflosse zierte ein besonders dunkler Fleck, der so aussah, als hätte ein Tintenfisch sich darüber entleert. Er hieß Finn und trug diesen Namen mit so viel Stolz, als sei er eine Auszeichnung.

»Wohl zum ersten Mal diese Woche«, riefen Lexis und Jaschi hinter ihm wie einstudiert. Was sie vielleicht tatsächlich getan hatten, denn ihren schmächtigen Bruder zu triezen war etwas, worauf sie sich immer einigen konnten. Lexis war weniger kräftig als Finn, dennoch würde man die beiden sofort als Brüder erkennen. Jaschis helle Haut ließ sie fast mit dem Sand verschmelzen. Dadurch wirkte ihre Haut glatt wie die eines Delfins, doch sie war so rau wie der Umgang mit ihrem schmächtigen Bruder. Aro gab ihnen keine Antwort. Wie immer. Auf die Hänseleien seiner Geschwister fiel ihm niemals eine passende Erwiderung ein. Weder wenn sie vor ihm schwammen, noch später, wenn er wieder alleine war. Jedes Mal herrschte in seinem Kopf der gedankliche Zwilling zu Meeresrauschen.

»Wenn du meinen Rat hören willst, darfst du dich nicht auf deinem Erfolg ausruhen«, fuhr Finn fort und da wusste Aro schon, was auf ihn zukam. »Du musst auch lernen dich zu verstecken, wenn … hey, bleib hier!«

Aro mochte so wortgewandt sein wie eine halbseitig gelähmte Meeresschildkröte beweglich, aber er wartete nicht ab, bis seine Geschwister über ihn herfielen. Er wirbelte herum und schoss los wie ein halb verhungerter Barrakuda auf einen Fisch.

»Auf ihn!«, hörte er Finn rufen und wie immer klang er mehr erfreut als wütend. Jubelnd stürmten sie hinter ihm her. Sie waren schneller als er und verstellten ihm bald den Weg. Doch Aro machte seine Langsamkeit durch wildes Hakenschlagen wett.

Manchmal konnten sie ihm kaum mit den Augen folgen, weil er mit der Wendigkeit eines Delfins herumschoss. Als sie versuchten, ihn einzukreisen, richtete Aro seinen Blick zur Oberfläche.

»Oh nein, das machst du nicht!«, rief Lexis, der ahnte, was sein Bruder vorhatte. Er schnappte nach seiner Schwanzflosse, doch Aro war schneller.

Er sprang aus dem Wasser, sah die Rückenflossen seiner Geschwister unter sich und wippte hilflos mit den Brustflossen. Aro wünschte sich, fliegen zu können, und im gleichen Moment hörte er Möwenkreischen. Als ob sie seine Gedanken lesen könnten und sich nun darüber amüsierten. Genau wie seine Geschwister, deren Gelächter Aro noch durch die Wasseroberfläche hören konnte.

»Sag mal, bist du ein Delfin?«, fragte ihn Jaschi, als er wie ein Schiffsanker zurück ins Wasser fiel.

Sie hörte schnell auf zu lachen, weil sie ihren Rachen für etwas anderes brauchte. Sie biss in seine rechte Brustflosse, Lexis in seine linke und Finn in seine Seite. Der körperliche Schmerz war halb so schlimm. Aros dicke Haut verhinderte, dass ihre Zähne tiefer eindrangen, was seine Geschwister auch nicht vorhatten.

Es geht nur darum, mich zu jagen, dachte Aro resigniert, während seine Geschwister ihn herumschoben wie ein Stück Seetang. Früher hatte er sich noch losgerissen, doch als er feststellte, dass sie genau das wollten, hörte er damit auf.

Er ließ es über sich ergehen, bis es ihnen zu langweilig geworden war. Nach etwa fünf Minuten verloren sie meistens wieder die Lust. Meistens. Heute war offenbar sein Glückstag, denn es hörte nach dreien auf.

»Wir sehen uns, Aro!«, rief Finn, so gut gelaunt, als hätten sie sich freundlich unterhalten.

Aro schwamm so dicht am Boden, dass er eine lange Kuhle erzeugte. Wieder neue Freunde gemacht, dachte er und meinte damit die vielen Schrammen, die seinen schmächtigen Körper zierten.

Wenn du so bleibst, wirst du nie richtige haben. Hör auf, Fische manchmal einfach nur zu betrachten, statt sie zu essen. Wie ein Delfin aus dem Wasser zu springen, weil du unbedingt wissen willst, wie sich das anfühlt, ermahnte ihn eine Stimme im Hinterkopf, als er sich aufrappelte.

Aber was ist so schlimm daran, etwas Neues auszuprobieren?, wagte Aro manchmal, seine Kritiker herauszufordern. Er gab sich gelegentlich noch ganz anderen, äußerst verwegenen Gedanken hin.

Vielleicht gibt es ja irgendwo Haie, die so sind wie ich. Die vorsichtige Freude, die er sich zu fühlen gestattete, wurde davongetrieben wie Blütenblätter von der Strömung, als er erkannte: Dafür müsste ich das Riff erst mal verlassen. Immer wenn er sich daran erinnerte, führte ihn sein Weg unwillkürlich zum Ende des Riffs. Aro schluckte schwer, als er die Lücke im Felswall sah. Es erleichterte ihn ungemein, dass es nur eine war, denn allein der kleine Ausschnitt ängstigte ihn schon. Das Meer ist so riesig, dachte Aro schaudernd, als er aus sieben Körperlängen Abstand durch die Lücke blickte. Das tiefste Blau erstreckte sich vor ihm. Aro hielt den Anblick nur wenige Sekunden aus. In dieser kurzen Zeit fühlte er ein Ziehen, als würde eine sanfte Strömung ihn erfassen. Als würde das Meer ihn locken.

Alles Einbildung, redete er sich hastig ein, während er so stark zitterte, dass seine Flossen Wellenform annahmen. Um das Maß voll zu machen, sprang Aro die Vorstellung an, dass es seine furchtsamen Gedanken riechen konnte wie er Fischblut. Da war der Punkt erreicht, an dem Aro sich abwandte und zurück ins Riff flüchtete.

In der Nähe des Ausgangs kannte er ein gutes Versteck. Seine Oberseite sah aus wie mehrere platte Felsen, die übereinander gestapelt waren.

Es waren Tischkorallen, breiter als der größte Schildkrötenpanzer, und imstande, auf Steinen zu wachsen.

In den Zwischenräumen konnte er schwimmen ohne anzustoßen. Mit immer noch wild klopfendem Herzen drehte Aro dort seine Runden und der untere Teil seiner Schwanzflosse malte ein wirres Muster in den Sand, das wie die Schatzkarte eines betrunkenen Piraten aussah. Aro stellte sich zur Ablenkung die verschiedensten Meerestiere vor. Das beschäftigte ihn stundenlang. Denn er kannte bereits jedes einzelne. Aro wusste von der Existenz von Riesenkalmaren, ohne je einen gesehen zu haben. Selbst Delfinarten, die er mit geringerer Wahrscheinlichkeit zu Gesicht bekam, als diese Titanen der Tiefe, waren ihm ein Begriff. Er sah jedes Detail ihrer Körper, als schwömmen sie gerade vor ihm. Das alles verdankte Aro seinem inneren Wissen, der mysteriösesten Eigenschaft aller Haie. Niemand, selbst die Klügsten, wusste woher es kam. Es stand nur fest, dass selbst die größten Dummköpfe unter den Haien damit geboren wurden. Sogar ein Mickerling wie er besaß es. Es gehörte zu ihm wie Jagdtrieb und Geruchssinn. Doch heute beruhigte das Aufzählen Aro nicht. »Ich will hier nicht leben. Ich will weg, aber wohin denn?«, flüsterte Aro leise.

Er wünschte, dass sein inneres Wissen auch darauf eine Antwort hätte.

 

Aus heiterem Gewässer

 

Ein Monat kam und ging und die Haikinder wuchsen weiter heran. Sogar Aro, was ihn noch mehr verwunderte als seine Geschwister. Um sein Wachstum zu überprüfen, schwamm er unter die Tischkorallenhöhle in der Hoffnung, endlich irgendwo anzustoßen.

Doch er konnte sich nach wie vor mühelos bewegen. Ich bin immer noch ein Mickerling, stellte er gallig fest. Einzig seine Beute hatte vor ihm Respekt. Ärgern bringt nichts, redete Aro sich dann immer ein, bevor seine Wut das Wasser zum Kochen brachte. Der letzte Monat verlief dennoch angenehmer für Aro als die vorigen, weil seine Geschwister zunehmend das Interesse an ihm verloren. Sie sprachen lieber über die Außenwelt und Aro hörte ihre Gespräche aus gebührender Entfernung mit. In letzter Zeit schwamm er immer häufiger zum Ausgang des Riffs, auch wenn er sich nach wie vor davor fürchtete. Allerdings mieden seine Geschwister diesen Bereich, weshalb er ausgerechnet dort seine Ruhe hatte.

Auch heute verbrachte Aro seinen Tag damit, Fische zu beobachten und, seine neueste Beschäftigung, die Muster ihrer Schatten auf dem sandigen Grund. Einmal stieß er mit einem Zackenbarsch zusammen, der seine wulstigen Lippen missbilligend verzogen hätte, wenn er dazu imstande gewesen wäre.

»Die Schatten sehen aus wie Möwen«, murmelte Aro ganz versunken, als das Wasser sich plötzlich wie ein Muskel um ihn herum zusammenzog. Er witterte etwas, das ihm fremd war. Dieser Geruch gehörte zu keinem Fisch und keinem Krebs des Riffs. Außerdem, das ließ sein Herz schneller schlagen als die Flügel eines Kolibris im Sturm, gehörte der Geruch zu mehreren Tieren. Die sich dem Eingang näherten, wie sein Geruchssinn hinzufügte. Seine Instinkte regten sich nicht nur, sie überrollten seinen Verstand wie ein Tsunami. Denn sein inneres Wissen lieferte ihm ein Bild von den Fremden. Ich muss mich verstecken, dachte Aro. Er presste ängstlich die Kiefer aufeinander. Erst nach ein paar Dutzend Körperlängen erinnerte er sich an sein Versteck und er hätte sich am liebsten selbst gebissen. Warum bin ich darauf nicht gleich gekommen?, schalt er sich selbst, als ihm einfiel, dass er jetzt nicht mehr zurückkonnte.

Die Fremden waren schon sehr nahe, sein Geruchssinn ließ keinen Zweifel daran. Wenn er jetzt zurückschwamm, würden sie im Riff sein, bevor er das Versteck erreichte. Nein, er musste sich irgendwo anders verstecken. Aber wo nur?, überlegte Aro zitternd. Er raste durch das Riff und suchte mit wachsender Panik, die auf seinen Flossen wie Stacheln eines Rotfeuerfischs brannte, nach einem Versteck.

»Ach, sogar du hast es bemerkt?«, hörte Aro plötzlich eine Stimme, die er vor Schreck erst gar nicht als die Lexis erkannte. Er schrie auf.

»Hochsee, Barsch und Korallenriff! Reiß dich zusammen«, ertönte gleich darauf Finns Stimme. Sein barscher Ton brachte ihn dazu, langsamer zu schwimmen. Zuerst sah er Finn, der seinen Blick mit vor Wut funkelnden Augen erwiderte und dann bemerkte er die anderen neben ihm.

»Wir müssen uns verstecken«, meinte Lexis, dessen Stimme so zittrig war, dass ihn die anderen Haie trotz ihres ausgezeichneten Gehörs kaum verstanden.

»Sie kommen immer näher«, wisperte Jaschi und sah an Aro vorbei. Auch wenn ihm das nicht half, wirbelte er herum. Nichts. Noch nicht einmal Silhouetten zeichneten sich in der Ferne ab. Noch nicht.

»Ich kenne ein Versteck«, behauptete Finn und seine Geschwister wandten sich ihm so schnell zu, dass der Schwung der Bewegung beinahe Zähne aus ihrem Rachen gerissen hätte. »Es gibt einen Felshaufen nicht weit von hier. Unter den können wir uns flüchten.« Das erleichterte Stöhnen, das seinen Worten folgte, war so laut, dass man es mit sich verschiebenden Gesteinplatten verwechseln konnte. »Und wenn wir im schlimmsten Fall nicht alle reinpassen, können wir ja Aro rausstoßen«, fügte Finn hinzu. Keiner widersprach.

Aro wunderte sich keine Sekunde lang.

Die Haikinder folgten Finn zu dem Felshaufen, der an einem größeren Felsen lehnte wie ein verwundeter Delfin.

Finn bremste kaum ab, als er in den Innenraum verschwand. Sie passten tatsächlich alle hinein, aber sie stießen ständig mit mindestens einer Flosse irgendwo an. »Und was jetzt?«, fragte Aro einmal, doch die einzige Antwort, die er erhielt, bestand in einem Psssht. Die Zeit bewegte sich so langsam wie eine arthritische Muräne.

Aro tat sein Möglichstes, nicht an die Eindringlinge zu denken. Er verfluchte sein inneres Wissen dafür, dass es ihm so klare Bilder lieferte. Seinetwegen konnte er nicht einmal hoffen, dass sie vielleicht gar nicht so groß waren. Dann hörten sie das Rauschen. Dieses Geräusch entstand durch Wasser, das durch die Bewegungen von in ihm schwimmenden Wesen beiseite geschoben wurde. Die Haikinder wechselten ängstliche Blicke. Aro zitterte heftiger. Bitte riecht uns nicht. Bitte hört nicht unsere Herzen schlagen, flehte Aro innerlich. Er starrte auf den Ausgang, der in seiner Fantasie plötzlich größer wurde. Wie ein Rachen, der sich drohend öffnete, als würde selbst das Versteck Angst haben. Um Meeres willen, er musste mit diesen Fantasien aufhören! Alle zuckten wie unter dem Hieb eines Stechrochens zusammen, als zwei Schatten auf dem Grund erschienen. Stromlinienförmig wie Delfine, doch die Schwimmweise verriet andere Raubtiere. Sie glitten wie große Suchscheinwerfer dahin. Aro bildete sich ein, dass der Schatten ihrer Brustflossen wie ein Tentakel in das Versteck hineinglitt und tastete, tastete, tastete.

»Hier müssen sie irgendwo sein«, sagte eine männliche Stimme. Sie hörte sich nicht so furchterregend an. Eigentlich überhaupt nicht. Sondern eher … erschöpft?

Als ob er lange unterwegs war, überlegte Aro.

»Wir sollten uns aufteilen, dann finden wir sie schneller«, ertönte eine andere, sehr raue, Männerstimme, die seine Angst wachsen ließ wie eine Welle, bevor sie an der Klippe bricht. Er klang genervt, als ob der Sprecher nur unter Protest mitmachen würde. »Hm, hast recht, Ardos. Weit können sie ja nicht gekommen sein, wir … Moment. Ich rieche etwas.«

Lexis schnappte nach Luft und wurde sofort von Finn gebissen. Aro hörte schnüffelnde Geräusche und versuchte, sich in die hinterste Ecke des Verstecks zu verziehen. Doch seine Geschwister hatten schon längst die gleiche Idee gehabt und drängelten sich ebenfalls hinten zusammen. Aro versuchte dennoch, sich irgendwie zwischen sie zu quetschen. Doch seine geringe Kraft machte ihm wie immer einen Strich durch die Rechnung, sie schubsten ihn einfach weg. Es blieb Aro nichts anderes übrig, als sich an die Seitenwand zu pressen und das tat er so heftig, dass er wohl einen Abdruck hinterlassen würde.

»Ja, Silvan, jetzt riech ich es auch«, sprach der Genervte. Sie mussten nicht überlegen, was sie rochen. Sie rochen nicht nur die Körper der Versteckten, sondern auch deren Angst.

»Hier ist etwas«, sagte der Silvan Genannte und er klang näher.

Aro starrte mit klopfendem Herzen zum Ausgang. Ein Schatten wurde größer und immer größer. Das konnte nur eines bedeuten: Er schwamm immer tiefer.

Wir sind zu klein für sie, die werden nicht satt von uns, sie erreichen uns nicht mal, sie … Aros Gedankenschlaufe vereiste.

Der Kopf eines der Fremden erschien direkt vor dem Ausgang.

Aro zitterte so sehr, dass sein Blick verschwamm. Dieser Hai war groß, so viel größer als sie. Wenn er versuchte, seinen Kopf in den Tunnel zu stecken, würde er an beiden Wänden zugleich anstoßen. Aro sah in seine gelben Augen, deren schmale Pupillen sich auf ihn richteten.

»Ich habe ihn gefunden, er ist in dieser Höhle, zusammen mit ein paar anderen«, meldete er.

»Na endlich«, stöhnte der Übelgelaunte. »Und wie kriegen wir ihn da raus? Lass dir was einfallen, ich werde noch verrückt in dieser Enge.«

»Tja … also …«, murmelte der Hai unschlüssig. »Ich denke, wir sollten sie erst mal beruhigen. Sie haben Angst vor uns.«

Die Haikinder wechselten Blicke.

Finn wich noch ein kleines Stückchen zurück, presste sich beinahe an die Felswand. »Das ist ein Trick.« Seine Stimme glich nur mehr einem Wispern. »Die wollen nur, dass wir uns sicher fühlen und rausschwimmen.«

»Und dann haben sie uns.« Lexis Körper bebte förmlich.

Silvan schwamm ein kleines Stück vom Höhleneingang weg. »Nein, nein, wir wollen euch nicht weh tun.«

»Und ob«, widersprach Finn, der aber nicht wagte, zum Ausgang zu sehen. Stattdessen starrte er auf den Boden.

»Ich verspreche, dass wir euch nichts tun werden. Wir sind gekommen, um jemanden zu finden.«

»Wen?« Jaschis leise Stimme zitterte ebenso wie ihr Körper.

Erst jetzt bemerkte Aro, dass Silvan vorhin von einem Er gesprochen hatte. Seine Eingeweide ballten sich wie Gewitterwolken. Woher wussten sie, dass hier Haikinder lebten?

»Wir wollen den mit den grünen Augen«, ertönte Ardos Stimme.

Aro spürte ein heftiges Stechen in seiner Magengrube, als ob Zähne sich darin eingrüben.

---ENDE DER LESEPROBE---