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»Diese Wackelkontakte sind super: Man steht ständig unter Strom!« Steffi von Wolff Silvester in Köln: Karina Schneider zieht um. Besser gesagt, aus. Ihr Freund hat die Nase voll von ihren Affären. Den Job in seiner Redaktion ist sie los und ihre beste Freundin auch. Und so schmiedet Karina voller guter Vorsätze einen Dreipunkteplan: Neuen Job finden, Freundin versöhnen, ein Jahr Sexverbot. Doch die Versuchung wohnt direkt nebenan: Ein Profi-Fußballer vom 1.FC gibt der schimmerlosen Journalistin Nachhilfe in Sachen Abseits, Foul und Elfmeter.
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Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2009
Sabine Leipert
Wackelkontakte
Kein Sex geht gar nicht
Roman
Fischer e-books
Roman
Der 31.Dezember war ein rein willkürliches Datum, das den Jahreswechsel für den größten Teil der Weltbevölkerung einheitlich kennzeichnen sollte. Nichts weiter. Genauso gut hätte Silvester auf den dritten Vollmond nach der Wintersonnenwende fallen können oder auf den 31.Juli. Dann würde man sich beim Feuerwerk wenigstens nicht immer den Arsch abfrieren, und heute wäre ein Tag wie jeder andere.
Das versuchte ich mir zumindest einzureden, um der Tatsache, dass Silvester ausgerechnet mit dem schlimmsten Tag meines Lebens zusammenfiel, ihren schicksalhaften Beigeschmack zu nehmen. Im Grunde war dieser Tag auch nur der konsequente Abschluss eines miserablen Jahres, in dem ich nicht nur das magische Alter mit der Drei vorne erreicht hatte, das Frauen von einem Tag auf den anderen zu hormongesteuerten Babyfanatikerinnen werden lässt. Nein, ich hatte im letzten Jahr – oder, um genau zu sein, in der letzten Woche – auch noch meinen Freund, meinen Job und meine Wohnung verloren, und zwar genau in dieser Reihenfolge.
Während ich noch krampfhaft nach etwas Positivem für meinen persönlichen Jahresrückblick suchte, wurde ich von einem lauten »Und was machen wir jetzt?« aus meinem Selbstmitleid gerissen. Tina war schon immer die Lauteste, Ungeduldigste und – »Ich habe keinen Bock, mir hier die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen. Ich habe nämlich im Gegensatz zu dir noch eine Verabredung, Schätzchen!« – Unsensibelste von uns dreien. Sie guckte gereizt auf ihre Uhr, während Özlem peinlich berührt mit den Schultern zuckte.
Ich richtete mich auf und hoffte, mir würde beim Anblick eines vollbeladenen Europa-LKWs ein Geistesblitz kommen. Wir standen vor verschlossenen Türen. Sogar in zweifacher Hinsicht. Erstens war der Nachbar, der mir die Schlüssel für meine neue Wohnung übergeben sollte, nicht da, was vielleicht mit unserer etwa zweistündigen Verspätung zu tun haben konnte. Und zweitens kämpfte ich schon eine ganze Weile vergeblich mit den Hebeln des LKWs, die die Laderampe öffnen sollten. Beim Einladen hatte sich netterweise noch Frank darum gekümmert, vermutlich wollte er mich so schnell wie möglich loswerden. Aber jetzt gab der LKW nur noch genervte Zischlaute von sich. Die Laderampe bewegte sich keinen Millimeter.
»Also ehrlich«, fuhr Tina fort, »ich verstehe immer noch nicht, wie du deinem Arschloch von Ex den Gefallen tun konntest, ausgerechnet an Silvester auszuziehen, und diesem zwanzigjährigen magersüchtigen Möchtegernmodel freiwillig das Feld geräumt hast. Ich meine, was erwartet der denn … «
»Dreiundzwanzig.«
»Was?«
»Sie ist dreiundzwanzig und seine Praktikantin. Diese Unterwäschengeschichte ist nur ihr Nebenjob.« Ich drückte weiterhin abwechselnd die Hebel am LKW. Nichts geschah.
»Nimmst du sie jetzt etwa auch noch in Schutz? Hör mal, Schätzchen, diese Halbfett-Version von Heidi Klum hat dir deinen Typen ausgespannt.«
»Ich glaube nicht, dass es etwas Ernstes zwischen den beiden ist«, wandte ich müde ein. Es hatte keinen Sinn. Diese Diskussion hatten wir schon die ganze Fahrt über geführt, aber irgendwie drehten sich unsere Argumente im Kreis. Tina war ein absoluter Party-Freak und konnte nicht verstehen, dass ich ausgerechnet zum Jahreswechsel umziehen musste. An dem Party-Tag schlechthin, an dem es Tina zufolge völlig egal war, wer mit wem wann wieso in welcher Wohnung und vor allem in welchem Bett schlief. Aber ich hatte Tina nicht die ganze Wahrheit über Frank und seine Praktikantin erzählt, die genau genommen auch gar nicht zur Wahrheit gehörte. Und dafür hatte ich meine Gründe. Zumindest hatte ich dafür einen Grund, der war aber dafür umso größer und hieß Klaus. Ich beschloss daher, mich gar nicht mehr auf diese Diskussion einzulassen. Schließlich versuchte ich gerade, die Ereignisse der letzten Woche zu verarbeiten, soweit das unter diesen Umständen möglich war. Und außerdem hatte ich im Moment wirklich andere Probleme. Ich konnte meine Möbel unmöglich unbewacht über Nacht im LKW lassen und auf die nächstbeste Silvesterparty gehen. Es konnte schließlich jemand vorbeikommen, der mehr Ahnung von Laderampen hatte als ich und sich nur zu gern an meinen Ikea-Möbeln bediente.
»Also, gehen wir jetzt feiern oder nicht?«, rief Tina mir zu.
Sie wollte uns alle auf ihre ultra-hippe Medienfuzziparty im Belgischen Viertel mitnehmen, aber Özlem murmelte entschuldigend, dass sie eigentlich schon längst wieder bei ihren Eltern sein sollte, Familienfest und so.
Auf meinen zaghaften Vorschlag hin, dass wir es uns ja auch hier gemütlich machen und eine Flasche Sekt köpfen könnten, machte Tina ziemlich deutlich, dass ihre Silvesterpläne auf gar keinen Fall eine spontane Stehparty zwischen LKW und Haustür auf einer menschenleeren Seitenstraße mitten in Köln-Ehrenfeld beinhalteten. Sie verabschiedete sich und versicherte, mir morgen ganz früh beim Umzug zu helfen. Özlem dagegen war einfach zu nett, um mich tatenlos den Gefahren dieser eiskalten Silvesternacht zu überlassen. Sie blieb unentschlossen am LKW stehen, während ich mich wieder einmal meinem Schicksal ergab und im Führerhäuschen eine geeignete Liegeposition für die bevorstehende Nacht suchte. Eine war unbequemer als die andere, und gerade als ich dachte, ein paar Kissen und mein Schlafsack könnten nicht schaden, hörte ich im Hintergrund ein vielversprechendes Summen. Özlem war es tatsächlich gelungen, die Laderampe zu öffnen.
»Du bist ein Schatz.« Ich bahnte mir einen Weg ins Innere des LKWs. In der ganzen Hektik hatte ich meine Sachen nicht gerade sehr sorgfältig verstaut, und so dauerte es eine Weile, bis ich mein komplettes Survival-Kit zwischen Regalbrettern, Schreibtischplatte und Sofa zusammengesucht hatte. Zumindest war ich jetzt gegen alle Widrigkeiten des Winters gewappnet. Wenn ich nun auch noch etwas gegen meinen Hunger finden würde, wäre diese Silvesternacht so gut wie überstanden.
Mein Blick fiel auf den Kiosk an der Straßenecke. Er hieß »Eckis Büdchen«, was ich für einen Eckkiosk sehr passend fand, und es brannte sogar noch Licht. Ich lief hinüber und öffnete die Eingangstür. Wenigstens eine Tür, die sich heute Abend einmal problemlos öffnen ließ, dachte ich noch, als mir ein lautes »Wir haben geschlossen« entgegenschallte. Ich blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen, denn ich konnte zunächst keinen Menschen ausfindig machen, der für diese Mitteilung verantwortlich war. Gerade als ich zu der Erkenntnis gelangt war, dass der Besitzer ein Tonband installiert haben musste, das beim Öffnen der Tür aktiviert wurde, um potentielle Kunden darauf aufmerksam zu machen, dass eine offene Tür nicht gleichbedeutend war mit einem offenen Kiosk, erkannte ich hinter dem versteckten Kassentresen eine ausgebreitete »Bild«-Zeitung. Dahinter musste sich wohl der Resonanzkörper dieser gewaltigen Stimme verbergen. Ich beschloss also, in Richtung Zeitung zu antworten: »Aber die Tür ist doch noch offen.«
»Wir schließen um zehn.« Ein schrumpeliger Zeigefinger kam hinter dem Rand der Zeitung hervor und deutete nach oben, wo eine riesige Uhr hing. Es war in der Tat schon elf Minuten nach zehn, aber das widerlegte nicht mein Argument, dass die Tür noch offen war.
»Hören Sie, ich muss heute Nacht in dem LKW da hinten übernachten« – im Grunde war es überflüssig, auf den LKW zu deuten, denn wer auch immer sich hinter der Zeitung verbarg, hatte sich heute noch nicht die Mühe gemacht, dahinter hervorzukommen, und würde es auch jetzt nicht tun –, »und ich brauche nur ein paar Chips, die mich vor dem sicheren Hungertod bewahren.«
Der mysteriöse Zeitungsmensch hatte weder Mitleid noch Sinn für Humor. »Auf eine Tote mehr oder weniger kommt es in der Silvesternacht auch nicht mehr an«, grummelte er, ohne von der Zeitung aufzuschauen. »Wissen Sie eigentlich, wie viele Menschen jedes Jahr durch selbstgebastelte Feuerwerkskörper ihr Leben verlieren?«
»Nein, und ehrlich gesagt interessiert mich das im Moment auch nicht«, erwiderte ich wahrheitsgetreu. »Darf ich mir also jetzt ein paar Chips holen, oder nicht?«
»Nein, wir haben immer noch geschlossen.«
Ich spielte schon mit dem Gedanken, mir einfach ein paar Chipstüten zu schnappen, da der Verkäufer wohl kaum von der Zeitung aufschauen würde, als ich einen kleinen Dackel bemerkte, der mich die ganze Zeit über misstrauisch aus seinem Körbchen heraus anstarrte. Nun verstand ich das System. Der grummelige Zeitungsmann war die Stimme, der Dackel die Augen und vermutlich saß irgendwo im Hinterzimmer noch ein dressierter Affe, der das Wechselgeld herausgab.
»Na, vielen Dank auch«, sagte ich ärgerlich. »Und sehen Sie bloß zu, dass Sie Ihre Tür verbarrikadieren, bevor man Ihren Laden mit selbstgebastelten Silvesterraketen in Brand setzt.«
Ich wollte es mir zwar nicht gleich am ersten Tag mit den neuen Nachbarn verscherzen, aber der Hunger und der misslungene Umzug hatten meine Geduld ohnehin schon aufs äußerste strapaziert, und der griesgrämige Kioskbesitzer trug nicht gerade viel dazu bei, meine Laune zu bessern. Immerhin war es mir damit gelungen, ihn hinter seiner Zeitung hervorzulocken. Er war genauso, wie es seine Stimme vermuten ließ – groß, alt, mit Halbglatze, und sein dicker Bauch wölbte sich weit über den viel zu eng geschnallten Gürtel seiner Cordhose, als er sich schwerfällig aus dem Sessel hievte.
»Jetzt aber raus hier, freche Göre!«
Diesmal widersprach ich ihm nicht, sondern verließ so schnell wie möglich den Laden. Ich hörte noch, wie er hinter mir die Ladentür zweimal zuschloss, und lief zurück zum LKW. Dort traf ich die letzten Vorbereitungen für mein unfreiwilliges Survivaltraining. Ich machte es mir im Führerhäuschen so gemütlich, wie man es sich auf einer durchgesessenen Sitzbank und einem riesigen Schaltknüppel nur machen konnte, und rief Özlem aus dem Fenster zu: »Alles klar, ich glaube, ich habe alles. Du kannst die Laderampe wieder hochfahren.«
»Ist gut. Wie denn?«
»Was?«
»Wie geht die Laderampe denn zu?«
»Aber das musst du doch wissen. Ich meine, du hast sie doch auch geöffnet.«
Das Schweigen am anderen Ende des LKWs war deutlich zu hören. Vermutlich war Özlem nur zufällig an die Schalter gekommen, als sie sich gegen den LKW gelehnt hatte. So etwas passierte ihr ständig. Mit dieser dunklen Vorahnung ging ich nach hinten, wo Özlem vergeblich nach Schaltern oder Knöpfen suchte, die für so ein aufwendiges Vorhaben wie das Schließen einer Laderampe in Frage kommen könnten. Genervt zeigte ich ihr eben jene Hebel, die ich vor ein paar Minuten schon einmal erfolglos bearbeitet hatte.
»Könnte es sein, dass du hier gegengekommen bist, als sich dieses Tor dort hinter dir auf magische Weise geöffnet hat?«
Özlem sah mich mit ihren großen dunklen Augen unschuldig an und zuckte ahnungslos mit den Schultern. Und nachdem ich erneut einige Minuten ohne Ergebnis die beiden Hebel bedient hatte und der LKW mir nun nicht mal mehr über Zischlaute mitteilte, ob ich nah dran war oder nicht, gab ich es auf. Ich setzte mich auf die Laderampe und rauchte eine Zigarette, während ich meinen Lagebericht aktualisierte.
Erstens: Die Lage hatte sich durch das erfolgreiche Auffinden meiner Decke nur kurzfristig entspannt, war jedoch bei genauerem Hinsehen jetzt eher schlechter.
Zweitens: Tatsache war, dass ich es mir nun nicht mal mehr im Führerhäuschen gemütlich machen konnte, da sich sonst jeder, der vorbeikam, problemlos an meinen Sachen bedienen könnte.
Drittens: Ich sollte mich mit dem Gedanken anfreunden, die ganze Nacht wach zu bleiben, um meine Ikea-Regale, das Ikea-Sofa und die wunderbaren, von meiner Großmutter geerbten Fünfziger-Jahre-Cocktail-Sessel vor Silvesterraketen, Plünderern und Besoffenen zu beschützen.
Während ich zu dem Ergebnis kam, dass ich eine verdammt kalte und ungemütliche Nacht vor mir hatte, räusperte Özlem sich vorsichtig. »Ähm, also ich muss dann jetzt leider nach Hause. Mein Vater ist bestimmt schon total sauer. Sei mir nicht böse, ja.«
»Ach was«, sagte ich. Özlem konnte man ohnehin nicht böse sein. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie mit ihrer zierlichen Gestalt und den zum Zopf gebundenen schwarzen Haaren selbst mit siebenundzwanzig noch wie ein kleines Mädchen wirkte. Leider benahm sie sich oft auch so, und ich wünschte mir innerlich, sie würde durch ihre Hilfsbereitschaft nicht ständig alles nur noch schlimmer machen. »Bis morgen dann.«
Eine Stunde später war ich mir sicher, dass ich diese Nacht nicht überleben würde. Warum hatten wir ausgerechnet dieses Jahr den kältesten Winter seit Menschengedenken? Warum hatte mein verdammter zukünftiger Nachbar nicht berücksichtigt, dass man sich bei Umzügen schon mal zwei Stunden verspäten konnte? Und warum hatte der blöde Verkäufer in dem Outdoorladen gelogen, als er mir versicherte, der Schlafsack sei vor allem bei Nordpol-Expeditionen besonders beliebt?!
Ein vertrautes Ploppen unterbrach meinen negativen Gedankenfluss. Es war unverkennbar das Geräusch einer geköpften Sektflasche.
»Na, was ist das denn hier für eine Trauerveranstaltung? So kann man doch nicht das neue Jahr begrüßen!« Tina streckte mir wie selbstverständlich einen Dom Pérignon entgegen. Scheinbar waren auf ihrer Promi-Party doch nicht so viele Möchtegernstars aufgekreuzt, sonst wäre sie nicht schon vor zwölf wieder gegangen.
»Ach, die Party war der absolute Reinfall. Ich kannte keinen.« Dann warf sie mir einen merkwürdigen Blick zu. »Nur Köppi war kurz da. Ich wusste gar nicht, dass ihr euch kennt.«
Köppi war der Künstlername von Klaus. Und um jedes tiefere Nachbohren ihrerseits zu verhindern, stürzte ich mich auf Tinas Alkohol- und Essensmitbringsel, denn Tina hatte die Angewohnheit, sich den Eintrittspreis in Naturalien zurückzuholen, wenn eine Fete schlecht war. Trotzdem ließ sie nicht locker. »Kann es vielleicht sein, dass Köppi was von dir will?«
Ich verschluckte mich an einem Sushi-Stückchen und versuchte, das Häppchen mit Champagner hinunterzuspülen, wobei der Schaum den Stau in meiner Speiseröhre nur noch verschlimmerte.
»Interview«, hustete ich und hoffte, die Frage sei damit beantwortet.
»Waaaas? Du hast ihn interviewt?«, rief sie entsetzt.
»Natürlich. Du hattest mir ihn und seine Band doch empfohlen, als Frank mir diesen blöden Artikel über Kölner Nachwuchsbands aufs Auge gedrückt hatte«, spielte ich die Angelegenheit herunter. Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, aber Tina war an dem besagten Abend schon so betrunken gewesen, dass sie sich hoffentlich nicht mehr an die Einzelheiten erinnern konnte. Eigentlich war der Abend vor vier Wochen so verlaufen, dass ich wutentbrannt in unsere Stammkneipe gestürzt war und den anderen vorgejammert hatte, dass ich von Musik nicht die geringste Ahnung hätte. Als Tina aus Spaß meinte, dass sie den Sänger einer Kölner Hardrock-Cover-Band kenne, der aber mit seinen zweiunddreißig Jahren kaum noch zu den vielversprechenden Nachwuchsmusikern zählte, wurde ich hellhörig. Einen Tag später hatte ich Köppi ausfindig gemacht und konnte ihn ohne Probleme zu einem Interview überreden, nachdem ich nebenbei das Wort Titelstory fallen gelassen hatte. Köppi, oder Klaus, wie er von mir genannt werden wollte, schlug vor, mir eine CD seiner Band vorzuspielen, damit ich mir ein besseres Bild von ihrer Musik machen konnte. Ich hielt das damals für einen guten Einstieg in meine Recherche. Nur leider blieb die Musik an dem Abend nicht das Einzige, wovon ich mir ein besseres Bild machte. Klaus stimmte eine Rockballade an, sah mir dabei tief in die Augen, und zwei bis drei Bier später kamen wir uns bei seinem Versuch, mir ein paar Gitarrengriffe beizubringen, überraschend näher. Während ich noch glaubte, tiefergehende Recherche zu betreiben, hatte Klaus schon den Feierabend eingeläutet und war zum gemütlichen Teil übergegangen. Aber das fiel mir dummerweise erst auf, als seine Lippen bereits meinen Nacken erkundeten und ich keine geeignete Gelegenheit mehr für einen deutlichen Hinweis auf mein rein berufliches Interesse fand. Einige Tage später erfuhr ich von Özlem, dass Klaus Tinas Wunschkandidat Nummer Eins war, was mich in einen tiefen Gewissenskonflikt stürzte. Nicht zuletzt, weil Klaus mir jede Menge Material zukommen ließ, das ich nur noch fein säuberlich zu einem Artikel zusammenfügen musste. Meine ungewöhnlich gründliche Recherche in der Kölner Musikszene war irgendwann allerdings auch Frank nicht mehr entgangen, was ihn leider dazu bewog, mir sowohl beruflich, trotz meines gelungenen Artikels, als auch privat zu kündigen.
Das alles ging mir durch den Kopf, als Tina ihre Frage noch einmal lauter und etwa drei Oktaven höher wiederholte: »Du hast ihn interviewt?!!«
»Ja, na und?« Ich versuchte es möglichst unspektakulär klingen zu lassen und stopfte mir ein weiteres Sushi-Häppchen in den Mund. Offenbar traute Tina meiner Interviewtaktik nicht so recht, denn sie schaute mich immer noch argwöhnisch an.
»Ach, komm schon, Tina, was ist denn dabei?«, nuschelte ich mit vollem Mund.
»Hast du etwa mit ihm geschlafen?«
Ich verschluckte mich auch an meinem zweiten Sushi-Stückchen. »Was?«, keuchte ich und schnappte nach Luft.
»Na, ob du mit ihm in die Kiste gesprungen bist?«
In meinem Kopf überstürzten sich die Gedanken. Ich konnte ihr unmöglich die Wahrheit erzählen, auf jeden Fall nicht jetzt, wer sollte mir dann morgen helfen, die Möbel hochzuschleppen? Außerdem wusste ich ja damals noch gar nicht, dass sie in Klaus … als ich … Im Übrigen war mir Klaus vollkommen egal, ich hatte schließlich genug Sorgen. Tina sollte jetzt bloß nicht so tun, als sei sie die Unschuld vom Lande.
Ich arbeitete noch an meiner Verteidigungsstrategie, als Özlem plötzlich weinend um die Ecke kam und mich aus dem Schlamassel rettete. Ich sprang von der Ladefläche herunter und schloss sie enthusiastischer, als es angebracht war, in die Arme. Auch Tina hatte angesichts unserer aufgelösten Freundin Klaus schnell vergessen. Özlem konnte vor lauter Schluchzen gar nicht sprechen, aber nachdem wir ihr etwas Champagner eingeflößt hatten, brachte sie allmählich zusammenhängende Sätze zustande.
»Mein Vater will mich mit einem Türken verheiraten«, stammelte sie.
Tina und ich schrien gleichzeitig entsetzt auf: »Waaaas?«
Wir sahen uns hilflos an, jede von uns versuchte, die andere durch Blicke dazu zu bringen, doch endlich die rettende Formel von sich zu geben. Und nachdem diese stumme Kommunikation eine Weile ergebnislos verlaufen war, warf ich schließlich ziemlich lahm ein: »Aber du hast doch jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft.«
»Das ist es ja eben!«
Jetzt verstand ich überhaupt nichts mehr. Özlem beruhigte sich langsam und versuchte, uns den schwierigen Sachverhalt zu erklären. Das tat sie wie immer kurz und knapp. Ich führte ihre auf Fakten reduzierten Aussagen auf das Jura-Studium zurück. Später im Beruf würde diese Konzentration auf das Wesentliche sicherlich von großem Vorteil sein. Auf privater Ebene führte sie dagegen oft zu Verständigungsschwierigkeiten.
»Der Sohn von einem Freund meines Vaters ist verhaftet worden, weil er angeblich mit der PKK zusammengearbeitet hat«, erklärte Özlem. Damit war ihrer Meinung nach alles gesagt. Die Zusammenhänge musste man sich selbst erschließen, was mein juristisch weniger geschultes Gehirn allerdings ein bisschen überforderte.
»Dein Vater will, dass du einen kurdischen Terroristen heiratest?« Tina verstand es dagegen bestens, die komplexesten Angelegenheiten in das Format einer »Bild«-Zeitungsschlagzeile zu bringen. Ich warf ihr einen mahnenden Blick zu.
»Nein, der Typ ist kein Kurde und kein Terrorist, das ist ja das Problem«, schluchzte Özlem.
Tina wollte schon wieder etwas einwenden, und ich brachte sie mit einem weiteren Blick zum Schweigen. Was ein Nichtkurde mit potentiellen terroristischen Neigungen mit den Hochzeitsplänen von Özlems Vater zu tun hatte, konnte man später immer noch herausfinden. Aber Özlem bemerkte unsere verständnislosen Blicke.
»Ihr versteht aber auch gar nichts. Mein Vater will ihn jetzt nach Deutschland holen, und ich soll ihm dabei helfen. Außerdem meint er, es sei eh Zeit, dass ich heirate.«
Endlich mal ein paar Fakten, mit denen auch ich etwas anfangen konnte. Özlem sollte den Nichtkurden also heiraten, damit er in Deutschland bleiben durfte.
»Und was wird dann aus Matthias?« Tina hatte mal wieder sehr viel Feingefühl bewiesen, denn bei diesem Namen brach Özlem erneut in Tränen aus. Ich starrte Tina ärgerlich an, aber sie zuckte nur mit den Schultern. Matthias war seit drei Jahren Özlems Freund. Sie hatten damals zusammen für ihre Jura-Klausuren gelernt, und während Özlems Eltern noch glaubten, dass ihre fleißige Tochter mit Matthias brav dicke Paragraphenbücher wälzte, wälzten diese sich stattdessen lieber durch fremde Betten. Denn nach Hause traute Özlem sich mit ihrem Lover nicht, und so mussten abwechselnd Tinas oder meine Wohnung für ihre heimlichen Treffen herhalten.
Ich legte meinen Arm um Özlems Schultern, und Tina steckte ihr eine angezündete Zigarette in den Mund und reichte ihr einen Becher mit Champagner. Das war ihre Art, Freundinnen zu trösten, und sie war in der Regel sehr wirksam. Auch diesmal hatte sich Özlem bald beruhigt und leerte den Becher in einem Zug. Ich schaute auf die Uhr. Es war kurz vor zwölf. Wir mussten uns ranhalten, wenn wir noch so etwas wie Partystimmung aufkommen lassen wollten.
»Wisst ihr was, jetzt lasst uns doch einfach diese ganzen bescheuerten Männergeschichten vergessen und auf das neue Jahr anstoßen.« Einen kurzen Moment lang dachte ich, ich hätte das mit den Männergeschichten lieber nicht sagen sollen, aber Tina war viel zu sehr damit beschäftigt, die zweite Champagnerflasche zu öffnen, als dass sie es auf Klaus oder Köppi oder wen auch immer bezog.
Um uns herum ging das Feuerwerk allmählich in seine heiße Phase über. Für jeden Normalsterblichen war dies der Zeitpunkt, an dem er innehielt, um diesen einzigartigen Moment wie jedes Jahr mit einer Mischung aus Angst, Freude und Sekt bewusst zu erleben. Bei uns brach dagegen wie jedes Jahr Hektik aus, damit eben genau dieser Moment einzigartig sein würde.
»Auf meiner Uhr ist es schon zehn Sekunden nach zwölf.«
»Ach was, wir haben noch genau eine Minute.«
» … drei, zwei, eins, FROHES NEUES JAHR!«
»Wo ist denn der Champagner? Was, ist es schon zwölf?«
»Hilfe, schieß den Korken gefälligst woanders hin.«
»Uups, deine Matratze hat auch etwas abbekommen.«
»Hey, Mädels. Es ist zwölf.«
»Aber die Glocken läuten doch noch gar nicht.«
Nachdem wir dann etwa zwei Minuten umsonst auf den Sekundenbruchteil zwischen vierundzwanzig und null Uhr gewartet hatten, verstummten wir gleichzeitig und schauten uns an. Dann brachen wir in großes Gelächter aus und umarmten uns mit einem kollektiven »Frohes neues Jahr«.
Etwas später richteten wir im LKW ein großes Schlaflager her, indem wir meine Matratze durch Kartons erweiterten. Ein Teil ragte hinaus auf die Ladefläche, und so legten wir uns mit dem Kopf nach draußen ins Bett. Obwohl es inzwischen ziemlich kalt war, wurde es uns zu dritt unter der Daunendecke schnell warm. Eine Weile starrten wir stumm in den Himmel, an dem immer noch vereinzelt Silvesterraketen explodierten. Jede hing ihren Gedanken nach, und wie immer, wenn ich etwas getrunken hatte, wurde ich sentimental.
»Also, ich kann mir echt kein schöneres Silvester vorstellen, als mit meinen zwei besten Freundinnen unter einer Decke auf der Laderampe eines LKWs zu liegen.«
»Na ja, vielleicht mit deinen zwei besten Freunden unter einer Decke zu liegen«, prustete Tina los.
»Nein, Karina hat recht. Dasss hier heude isss ech was Besonneres, echt so richtig was Besonneres.« Özlem hatte für ihre Verhältnisse eindeutig zu viel getrunken und wurde richtig gesprächig. »Ich hasse meine Familie. Ihr seid echt meine richtige Familie. Ich hasse meinen Vadder. Hicks.«
Tina schloss sich der Hasstirade an. »Und ich hasse Klaus. Der kann sich seine Arroganz mal in seinen hübschen kleinen Hintern stecken. Außerdem, so hübsch und klein ist der Hintern gar nicht mehr. Der setzt echt Fett an, oder was meinst du, Süße?«
Ich wusste nicht, ob das eine Falle war oder ob sie mich lediglich nach meiner ehrlichen Meinung zu den Fettanteilen an Klaus’ Hintern fragte. Daher beschloss ich, gar nicht darauf einzugehen, sondern mich der Verurteilung der Männer ganz allgemein anzuschließen.
»Ich hasse Frank. Männer sind sowieso nur hinter zwanzigjährigen Schlampen her. Mit dreißig hast du bei denen doch ausgedient.«
Vielleicht hatte Tina ja doch recht. Wahrscheinlich hatte Frank nur nach einem Vorwand gesucht, um mich loszuwerden und sich unsere unterwäschemodelnde Praktikantin zu angeln. Dass er mich mit Klaus im Bett erwischt hatte, kam ihm doch nur gelegen, diesem gemeinen Arschloch.
»Endlich, Schätzchen, lass es raus, richtig so. Auf solche Typen können wir echt verzichten. Ohne die geht es uns viel besser. Scheiß auf Klaus, Frank, Matthias und wie sie noch so alle heißen.«
»Un hicks, scheisss auf meinen Vadder, hicks«, meldete Özlem sich zu Wort.
Ich starrte in den Himmel und dachte an Frank. Aber zum ersten Mal verfiel ich nicht in eine tiefe Depression. Wozu brauchte ich schon einen Mann, einen Job oder eine Wohnung, wenn ich so tolle Freundinnen hatte, die sogar an Silvester mit mir unter freiem Himmel übernachteten? Ohne Frank und Klaus und Özlems Vater ging es uns sowieso viel besser, und das nächste Jahr würde bestimmt ganz toll werden.
Aber das nächste Jahr begann wie immer – mit einem fetten Kater und einem Mann.
Endlich war ich da, wo ich seit gestern Abend hin wollte. In der Badewanne. Genauer gesagt, in der Badewanne meiner neuen Wohnung. Meiner eigenen neuen Wohnung!
Der Umzug hatte länger gedauert als erwartet. Was in erster Linie daran lag, dass Tina plötzlich nur noch Augen für den Hintern meines neuen Nachbarn anstatt für meine Möbel hatte. »O mein Gott, habt ihr den gesehen? Der ist bestimmt Sportler oder Fitness-Trainer oder so.« Und Özlem die meiste Zeit in meinem neuen Badezimmer verbrachte, um ihren Körper zu entgiften. Ich wiederum brauchte eine Weile, bis ich meinem ganzen Ärger über das unverantwortliche Verhalten meines neuen Nachbarn Luft gemacht hatte. Schließlich hatte er, ohne zu zögern, drei Frauen in ihrem besten Alter der eisigen Kälte überlassen, nur weil er sich lieber auf einer Silvesterfeier amüsieren wollte. Und dann hielt er es noch nicht einmal für nötig, sich zu entschuldigen, als er mich heute Morgen mit einem unverschämt breiten Grinsen weckte, während sich mein Kopf doppelt so dick wie üblich anfühlte, meine Haare wie Eiszapfen an mir herunterhingen und ich schon den Anflug einer heftigen Grippe zu spüren glaubte. Keine Frage, mein neuer Nachbar hatte sich bereits disqualifiziert, bevor ich überhaupt seinen Namen kannte. Und ich hatte ihn gerade so weit, dass er bereit war, eine Teilschuld einzugestehen, als Özlem aus dem Bad auf mich zustolperte und mir leise zuflüsterte, dass ich soeben »den« Tim Norlinger zur Schnecke gemacht hatte. Das war wieder einmal so ein typischer Özlemismus. Für sie war damit alles gesagt. Und es dauerte eine ganze Weile, in der ich mir den Kopf darüber zerbrach, woher ich »den« Tim Norlinger unbedingt kennen musste, bis Özlem mich erlöste.
»Na, der Fußballspieler. Tim Norlinger ist doch Stürmer beim FC. Er sitzt aber leider nur auf der Reservebank.«
Na gut, ein Fußballspieler also. Und warum durfte ich ihn dann nicht zur Schnecke machen?
»Der ist früher mal als großes Talent gehandelt worden, war sogar kurz Nationalspieler«, erklärte Özlem in der Manier eines Fußballkommentators. »Aber nach einer Reihe von Knieverletzungen hat er leider nie wieder zu seiner alten Form zurückgefunden.«
Özlem wusste alles über den 1. FC Köln. Sie war geradezu verrückt nach dem Verein, dessen Höhen und Tiefen ihr regelmäßig zu schaffen machten. Und ich konnte sie nur mit Mühe davon abhalten, sich ein Autogramm von »dem« Tim Norlinger geben zu lassen.
Meiner Meinung nach zeigten Tina und Özlem viel zu viel Interesse an meinem neuen Nachbarn, dafür, dass wir gestern Abend noch in den allgemeinen Abgesang auf alle Männer dieser Welt eingestimmt hatten. Aber ich hatte ohnehin befürchtet, dass unser Schwur nicht von langer Dauer sein würde. Sogar mich hatte »der« Tim Norlinger schließlich mit seinem umfangreichen Wissen über LKWs im Allgemeinen und Laderampen im Speziellen wieder milde gestimmt. Denn als ich nach dem Umzug plötzlich wieder vor meinem ursprünglichen Problem stand, hatte er mir erklärt, dass man Laderampen nur in Bewegung setzen kann, wenn man den dazugehörigen Sicherungsknopf neben dem Lenkrad betätigt. Und genau dieses Sesam-öffne-Dich hatte ich bei meiner Turnerei im Führerhäuschen offenbar getroffen, als sich gestern Nacht wie von Geisterhand die Hebel bewegt hatten. Mit Tims Hilfe konnte ich den LKW wenigstens im ursprünglichen Zustand wieder an die Autovermietung zurückgeben und musste nur für den einen Tag Verspätung einen gesalzenen Aufschlag zahlen.
Ich ließ noch mehr heißes Wasser in die Wanne laufen, bis die knallgelben Kacheln im Bad beschlagen waren. Chris hatte wirklich einen gewöhnungsbedürftigen Geschmack, aber damit musste ich wohl oder übel leben. Schließlich war er meine letzte Rettung und seine Wohnung nur eine längerfristige Übergangslösung. Nach meinem Rausschmiss bei Frank war ich zuerst notdürftig bei Tina untergekommen, bis mir eingefallen war, dass Chris, ein erfolgreicher Kölner Nachwuchssportler, der in Deutschland American Football spielte, sein Glück jetzt doch mal in den Staaten versuchen wollte und eine Nachmieterin suchte. Ich hatte ihn vor einiger Zeit interviewt, und er erinnerte sich noch an mich. Für ihn kam ich gerade recht, denn er wollte die Wohnung vorerst gerne behalten, falls es mit der Football-Karriere in Amerika dann doch nicht klappen würde.
Das heiße Wasser taute meine gefrorenen Glieder langsam wieder auf, und ich begann mich zu entspannen. Nach einer Weile waren die Strapazen des Umzugs vergessen. Was machte schon eine Nacht draußen auf einer Laderampe im tiefsten Winter, wenn ich jederzeit ein heißes Bad nehmen konnte? Das konnte ich jetzt jeden Tag tun. Genau genommen konnte ich sogar mehrmals am Tag baden, ja ganze Tage in der Badewanne verbringen, denn diese Wohnung gehörte mir, mir, mir. Wenigstens solange Chris in den Staaten Karriere machte. Keiner konnte mich daran hindern, mein Leben ab jetzt im Badezimmer zu verbringen. Ich durfte hier tun und lassen, was ich wollte. Kein nerviger WG-Mitbewohner würde mich mehr darauf aufmerksam machen, dass ich schon drei Monate lang kein Klopapier mehr gekauft hatte. Ich konnte das benutzte Geschirr so lange sich selbst überlassen, bis es organisch war und mich morgens mit Namen begrüßte. Und ich brauchte beim Sex keine Angst mehr davor zu haben, dass meine Mutter, meine Mitbewohnerin oder Frank plötzlich in der Tür stehen könnten.
Über der Vorstellung, die Badewanne zu meinem Lebensmittelpunkt zu machen, musste ich dann wohl eingeschlafen sein, denn als ich wieder aufwachte, war das Wasser kalt und meine Haut schrumpelig. Das genügte, um mich von diesem Plan abzubringen und widerwillig aus der Wanne zu steigen. Nachdem ich wieder trocken und meine Haut zu ihrer ursprünglichen Form zurückgekehrt war, fing mein Magen an zu knurren. War dieser Körper eigentlich nie mit mir zufrieden? Ich machte einen Rundgang durch meine neue Wohnung, aber mir war klar, dass ich in meiner Küche jetzt nicht mehr Essbares finden würde als heute Morgen. Die Küche, oder besser der Raum, der dafür vorgesehen war, war eindeutig der Haken an dieser Wohnung. Was vor allem daran lag, dass sie nicht vorhanden war. Chris hatte vor seiner Abreise netterweise alle Küchengeräte entsorgt, weil sie ohnehin kaum noch funktionstüchtig waren. Obwohl die Küche statistisch gesehen der Raum war, den ich am wenigsten benutzte, war die komplette Abwesenheit einer Küche auch für einen Fastfood-Junkie wie mich mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Wie sollte ich so meine Tiefkühlpizzen aufbacken, wenn das einzige Küchengerät, das noch vorhanden war, eine verrostete alte Spüle war?
Auf der vergeblichen Suche nach einer geheimen Notration Chips wühlte ich in meinen Umzugskartons. Wenigstens kam unter dem Geschirr noch eine Flasche Bordeaux zum Vorschein, die ich mir als Wegzehrung eingesteckt hatte. Und da ich mich wohl oder übel bei meinem neuen Nachbarn für seine Hilfsbereitschaft bedanken musste, war es vielleicht jetzt ein günstiger Moment dafür. Wenn ich mir Mühe gäbe, könnte dabei sogar ein Abendessen rausspringen, er hatte ja gesehen, wie spärlich meine Küche eingerichtet war. Ich versuchte, die Weinflasche ein wenig feierlich herzurichten, indem ich eine Schleife aus einem Streifen Zeitungspapier um den Flaschenhals band.
Aber als ich die Wohnungstür öffnete, war ich von der Genialität meines Plans nicht mehr so überzeugt. Aus der gegenüberliegenden Wohnung schallte mir lautes Geschrei entgegen. Gerade als ich mich dazu entschlossen hatte, das gemeinsame Abendessen auf einen anderen Tag zu verschieben, wurde die Tür aufgerissen, und eine wütende Blondine stürmte auf mich zu. Sie sah so aufgebracht aus, dass ich nicht wagte, mich zu bewegen.
»Training, immer nur Training«, fauchte sie. »Ich habe langsam echt die Nase voll. Kannst du dir nicht vorstellen, dass ich auch mal Zeit mit dir verbringen will, und zwar nicht nur auf dem Scheiß-Fußballplatz? Ich hasse Fußball!«
Jetzt hatte sie mich bemerkt und starrte mich ärgerlich an. Ich hatte dieser Feststellung eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Deswegen nickte ich nur vorsichtig und versuchte, die Weinflasche unauffällig hinter meinem Rücken verschwinden zu lassen. Ich wollte ihr nicht noch mehr Gründe geben, wütend auf ihren Freund zu sein. Die Blondine schnappte sich eine große Reisetasche und ging die Treppe hinunter. Meiner Ansicht nach war ihr Abgang einen Tick zu theatralisch, um überzeugend zu sein, aber auf meinen Nachbarn zeigte er Wirkung. Er lief ihr ein paar Stufen hinterher.
»Sabrina, jetzt bleib doch hier. Verdammt, Fußball ist halt mein Job.«
Ich war zwar auch nicht gerade die Einfühlsamste, wenn es ums Zwischenmenschliche ging, aber dass das nicht die Antwort war, die sie zurückbringen würde, war selbst mir klar. Mein Nachbar hielt das jedoch für ein überzeugendes Argument und wurde noch deutlicher: »Das ist eben nicht so wie bei dir, wo man nach sieben Stunden nach Hause geht und sagt, so das war es für heute, jetzt kann ich mich amüsieren. Das ist echt ein knallharter Job.«
Dafür werdet ihr Blödmänner ja auch viel zu gut bezahlt, dachte ich mir meinen Teil, aber ich versuchte, mich aus der Diskussion herauszuhalten. Schließlich gab Tim es auf und kam die Treppe wieder hoch. Erst jetzt bemerkte er mich und zuckte mit den Schultern. Ich wusste auch nicht recht, was ich zu diesem Thema beisteuern konnte, und überlegte stattdessen, wie ich unauffällig zurück in die Wohnung gelangen könnte. Unten fiel die Haustür mit lautem Krachen ins Schloss, und ich war noch keinen Schritt weiter. Es herrschte eine peinliche Stille, und jedem von uns beiden war klar, dass wir nicht wieder in unsere Wohnungen zurückkehren konnten, ohne etwas gesagt zu haben. Sonst würde diesem Streit viel zu viel Bedeutung beigemessen, und außerdem hatte ich auch etwas Mitleid mit meinem Nachbarn. Schließlich gab ich mir einen Ruck und verfolgte meinen ursprünglichen Plan. Ich ging über den Flur, der mir plötzlich unendlich lang vorkam.
»Ähm, das ist jetzt vielleicht nicht der richtige Moment, aber ich wollte mich für deine Hilfe bedanken. Ach ja, und außerdem habe ich mich noch gar nicht vorgestellt. Das ist wohl in dem Chaos heute Morgen etwas untergegangen. Ich heiße Karina. Karina Schneider.« Ich reichte ihm die Hand.
»Ja, hi, ich heiße Tim, aber das weißt du ja schon. Karina? Ist das eine Kurzform von Katharina oder so?« Mein Mitleid war im Nu verflogen. Ich hasste diese Frage, denn ich wurde grundsätzlich Katharina, Karin oder wahlweise auch Katinka genannt. Das hatte man nun von einer linksintellektuellen Mutter, die ihre Studentenzeit in Paris verbracht hatte und Jean-Luc Godard für den besten Regisseur aller Zeiten hielt. Angeblich wurde ich bei der x-ten Wiederaufführung von seinem Klassiker Vivre sa vie auf der hintersten Sitzbank irgendeines winzigen Pariser Studentenkinos gezeugt und musste nun mein Leben lang dafür büßen. Meine Mutter wollte mich unbedingt nach der Hauptdarstellerin Anna Karina nennen, und weil ihr Anna zu gewöhnlich war, hieß ich nun Karina. Dass dieser Künstlername selbst nur eine Abwandlung von Anna Karenina war und damit der Name, der mich eigentlich als eigenständiges Individuum kennzeichnen sollte, lediglich eine mehrfach recyclete Variante eines russischen Romans, war meiner Mutter damals natürlich egal. Und ich war damals leider noch zu jung, um Einspruch zu erheben, denn die Geschichte meines Namens offenbarte sich mir erst nach jahrelanger Recherche.
»Nein, Karina, wie diese französische Schauspielerin.«
»Ach so.« Er nickte zustimmend, aber es war klar, dass er in Gedanken immer noch bei Sabrina war, deren Name sicherlich keine so komplizierte Vorgeschichte hatte. Er schaute abwesend vor sich hin, und ich nutzte die Gelegenheit, um mir ein genaueres Bild von ihm zu machen. Er war ziemlich groß, bestimmt eins neunzig, durchtrainiert, aber das durfte man von einem Profi-Fußballer wohl auch erwarten, hatte mittellange dunkelbraune Haare und einen ernsten Blick, der ihn irgendwie tiefgründig wirken ließ. Okay, ich musste Tina recht geben, er war nicht übel. Aber der hypermoderne Jogginganzug und die albernen blondgefärbten Strähnchen gaben eindeutig Abzüge in der B-Note.
»Kann ich dir irgendwie helfen?«, unterbrach Tim meine Punktevergabe plötzlich. »Willst du vielleicht doch lieber wieder im LKW übernachten, nachdem du die Wohnung gesehen hast?«
Ach nee, Humor hatte er also auch.
»Nein, ich gewöhne mich schon noch an so viel Platz.« Ich zog die Weinflasche hinter meinem Rücken hervor. »Hier, als kleines Dankeschön.«
»Danke, aber ich trinke nicht.«
»Oh, tja, so ein Glück. Dann kann ich die Flasche ja doch selbst trinken. Das war nämlich meine letzte.« Ich versuchte die Situation mit diesem Spruch zu retten, aber er wirkte nicht sehr geistreich. Im Gegenteil, Tim musste mich nach dem heutigen verkaterten Morgen langsam für eine angehende Alkoholikerin halten. Auf jeden Fall konnte ich das seinem etwas seltsamen Blick entnehmen, als er mir den Bordeaux zurückgab. Ich suchte krampfhaft nach einer oberflächlichen Floskel, die das Gespräch in Gang bringen würde, aber mir fiel nichts ein. Schließlich griff ich zum rettenden Strohhalm, oder besser, zur rettenden Zigarette, denn erfahrungsgemäß überwand man durch gemeinsames Rauchen die ersten Anlaufschwierigkeiten. Ich steckte mir eine Zigarette in den Mund und bot ihm eine an.
»Nein danke, ich rauche nicht. Ich bin Sportler.« Aber da war es bereits zu spät. Ich hatte mir meine Zigarette gerade angezündet und einen tiefen Zug genommen, als er seine Abneigung gegenüber diversen Drogen mit dieser Bemerkung noch einmal unterstrich. Langsam konnte ich Sabrina verstehen. Der Kerl war stinklangweilig, und um das herauszufinden, hatte ich noch nicht einmal drei Minuten gebraucht.
Ich tat so, als hätte ich den versteckten Hinweis nicht verstanden, aber das wilde Fuchteln, mit dem er den Rauch von sich wegwedelte, war nun wirklich nicht zu übersehen. Also gab ich nach und schaute mich nach einem geeigneten Gegenstand um, an dem ich die Zigarette ausdrücken konnte. Aber da mir nur die Wahl blieb, die Zigarette elegant auf dem Fußabtreter vor seiner Wohnung auszutreten oder weiterzurauchen, entschied ich mich für das Letztere. Ich versuchte, von seinem Gewedel abzulenken, indem ich endlich die Frage stellte, die mir gerade noch eingefallen war: »Ihr seid also Freunde, du und Chris?«
Im gleichen Moment hätte ich mir am liebsten die Zunge abgebissen, denn es folgte natürlich die obligatorische Gegenfrage.
»Ja, wir haben früher mal zusammen Fußball gespielt. Aber dann ist er auf American Football umgestiegen. Und du, woher kennst du ihn? Ich habe dich hier noch nie gesehen.«
Glück gehabt, Chris hatte es offenbar nicht für nötig gehalten, seinem Freund von unserer kurzen Zusammenarbeit zu erzählen.
»Na ja, eigentlich kennen wir uns auch gar nicht so gut, ich hab ihn nur ein paar Mal interviewt, für einen Artikel.«
Tim starrte mich nachdenklich an, aber dann machte es offenbar Klick, und sein Blick wurde vielsagender. Chris hatte mich also doch erwähnt, aber mit Sicherheit nicht, um meine journalistischen Fähigkeiten hervorzuheben. Ich verschluckte mich an dem Rauch meiner Zigarette, und zu allem Überfluss fiel ein großes Stück Asche auf Tims viel zu sauberen Schuhabtreter.
»Ach so, diese Journalistin«, grinste er. »Tja, bei deinen Bestechungsmethoden warst du bei Chris genau an der richtigen Adresse. Mal ehrlich, du bist doch nur mit ihm ins Bett gestiegen, um mehr über seine Affäre mit diesem Soapstar zu erfahren, oder?«
Was hieß hier Bestechungsmethoden?! Erstens hatte Chris es bei unserem Interview ganz eindeutig auf mich abgesehen. Zweitens war er es gewesen, der mich mit vorgetäuschten Tatsachen in seine Wohnung gelockt hatte, denn sein Bildmaterial entpuppte sich als eine Sammlung alberner Schnappschüsse aus seiner Jugend. Und drittens hatte ich keine Ahnung von seiner Affäre mit dem Soapstar gehabt, sonst hätte ich damit schließlich meinen Artikel noch abrunden können. Tim besaß offenbar überhaupt kein Taktgefühl. Immerhin kannten wir uns gerade mal ein paar Stunden, und schon maßte er sich an, meine Dankesgeschenke abzulehnen, mir das Rauchen zu verbieten und meine Arbeitsmethoden zu kritisieren. Ich hatte meine Zigarette fast zu Ende geraucht, und weil ich beim besten Willen nicht wusste, wie ich sie unauffällig an der Wand ausdrücken und über das Geländer nach unten befördern konnte, zündete ich mir vor lauter Verzweiflung gleich die nächste an dem Stummel der ersten an und stopfte ihn in die Schachtel zurück. Sollte er mich doch für eine Kettenraucherin halten, darauf kam es jetzt auch nicht mehr an. Mit jedem Zug kam meine Selbstsicherheit zurück, und endlich wusste ich, was ich erwidern konnte.
»Eigentlich bin ich Schriftstellerin. Das mit den Interviews mache ich nur nebenbei, um Geld zu verdienen.«
»Ach, wirklich?«, fragte Tim jetzt interessiert. »Muss ich was von dir kennen?«
So, jetzt hatte ich aber die Nase voll. Noch weiter würde ich mich nicht erniedrigen lassen. »Nein, es ist im Grunde wie bei dir. Wir sitzen beide in der Zweiten Liga auf der Ersatzbank und warten auf unsere Entdeckung. Nur dass meine Karriere natürlich mit dreißig noch nicht zu Ende ist.«
Das hatte gesessen. Tims Gesichtsausdruck verriet, dass ich ihn tiefer getroffen hatte, als ich wollte. Er war einen Moment lang sprachlos. Dann schaute er auf seine Armbanduhr. »Tja, ich muss dann mal los. Trainieren. Schließlich kann man sich in meinem Job nicht nur auf seine körperlichen Vorzüge verlassen.«
Na gut. Diesmal hatte er noch einmal gewonnen. Aber das nächste Mal war ich besser vorbereitet auf diesen eingebildeten, sportfanatischen, frauenhassenden Macho und seine alkoholfreie Nichtraucherzone. Darauf konnte er Gift nehmen.
Am nächsten Morgen wurde ich durch ein lautes Klingeln und ein taubes Gefühl in meiner linken Gesichtshälfte geweckt. Erst dachte ich an einen vorzeitigen Schlaganfall, aber dann merkte ich, dass ich mit dem Telefonhörer am Ohr eingeschlafen war und dieser als Kissenersatz heute Nacht nicht nur die Blutzufuhr zu meiner linken Kopfhälfte eingeschränkt, sondern auch ein unschönes Muster in meinem Gesicht hinterlassen hatte. Ich versuchte durch Reiben wieder etwas Gefühl in meine blutleere Wange zu bekommen. Die ohnehin viel zu laute Klingel wurde nun noch durch ein Hämmern gegen die Tür verstärkt, und so wartete ich gar nicht erst, bis mein Gesicht wieder eine einigermaßen ansehnliche Form angenommen hatte, sondern öffnete.
»Gott sei Dank, du lebst. Igitt, was hast du denn für komische Streifen im Gesicht?« Tinas Sorge um mich hatte immerhin fast eine Sekunde gedauert.
»Na ja, ich bezweifle, dass man das, was mein Körper zu dieser unmenschlichen Zeit gerade tut, leben nennen kann«, erwiderte ich müde.
Tina und Özlem grinsten mich unverschämt fröhlich an. Ich hasste es, wenn andere Leute morgens gute Laune hatten und diese dann auch noch an mir ausließen. »Wisst ihr eigentlich, wie früh es ist?« Es konnte noch nicht spät sein, denn gegenüber kam Mister Keine-Macht-den-Drogen gerade von seinem morgendlichen Jogginglauf zurück und schmetterte uns ein freundliches »Guten Morgen« entgegen.
Während ich grummelte: »Was soll an einem Morgen bitte schön gut sein?«, drehten Tina und Özlem sich um und flöteten ihm ein »Hallo« zu, als stände Robbie Williams persönlich vor ihnen. Es dauerte meiner Ansicht nach entschieden zu lang, bis sie sich wieder mir zuwandten, dabei war die Sorge um mein Wohlergehen doch der Hauptgrund für ihren Besuch. Offenbar war ich jetzt nicht mehr so wichtig, da klar war, dass ich noch lebte.
»Was wollt ihr denn so früh hier?« Eigentlich war es eine Unverschämtheit, denn gerade die beiden mussten doch wissen, dass ich vor neun nicht aufstand, vor zehn nicht ansprechbar und erst um elf in der körperlichen Verfassung war, den Tag richtig zu beginnen.
»Wir haben uns furchtbare Sorgen gemacht, Schätzchen. Ich habe gestern Abend bestimmt hundert Mal versucht, bei dir anzurufen, aber es war immer besetzt. Ich dachte schon, du hättest Tabletten eingeworfen oder sonst irgendeinen Blödsinn gemacht, wegen Frank«, erklärte Tina aufgeregt.
»Und dann kommst du erst jetzt?«
»Na ja, ich musste doch erst Özlem Bescheid sagen, und sie konnte gestern Abend nicht. Oder glaubst du etwa, ich will deine Leiche ganz alleine finden?«
Özlem hielt eine Brötchentüte hoch. »Hier, für den Fall, dass du noch lebst, haben wir dir auch Frühstück mitgebracht.«
Ich riss ihr die Tüte aus der Hand. Schoko-Croissants, das entschädigte natürlich für den etwas halbherzigen Rettungsversuch, und ich ließ sie herein. Tina warf Tim, der sich vor seiner Tür die Joggingschuhe auszog, um den Dreck ja nicht in die wahrscheinlich blitzblanke Wohnung zu schleppen, noch schnell ein vielsagendes Lächeln zu, bevor sie elegant an mir vorbei in die Wohnung stolzierte. Tims Blick folgte ihrem gekonnten Hüftschwung und blieb schließlich grinsend an meinem deformierten Gesicht hängen.
»Bist wohl keine Frühaufsteherin, was?«
Ich knallte die Wohnungstür zu, ohne darauf einzugehen.
»Ich glaube es nicht«, rief Tina theatralisch, »du hast ja noch gar nichts ausgepackt. Was hast du denn gestern den ganzen Tag gemacht?«
»Gebadet«, antwortete ich wahrheitsgetreu und suchte in dem Chaos auf dem Küchenboden nach meiner Kaffeemaschine.
»Den ganzen Tag?«
»Ich weiß, was sie gestern gemacht hat«, rief Özlem aus dem Wohnzimmer und kam mit der leeren Weinflasche in die Küche. Sie hielt die Flasche wie ein Beweisstück mit den Fingerspitzen fest. Es fehlte nur noch, dass sie sich vorher Latexhandschuhe übergezogen hätte.
Tina starrte mich entsetzt an. »O nein, du hast ihn doch nicht angerufen, oder?«
Durfte ich nicht wenigstens erst mal einen Kaffee trinken, bevor ich verhört wurde? Dieser Morgen begann langsam, mich zu überfordern. Zu allem Überfluss merkte ich jetzt, dass der Inhalt des Beweisstücks nicht spurlos an mir vorübergegangen war. Ich bekam Kopfschmerzen und suchte noch verzweifelter nach meiner Kaffeemaschine.
» Karina, hast du Frank angerufen? Ja oder nein?« Özlem würde einmal eine wunderbare Anwältin abgeben, aber ich hoffte, dass ich dann niemals von ihr in den Zeugenstand gerufen würde.
»Nein, natürlich nicht. Wieso sollte ich?« Schließlich konnte man einen Anrufbeantworter nicht als Frank bezeichnen, zumal der eigentlich auch mir gehörte.
Tina und Özlem schauten sich an. »Sie hat!«
»So ein Mist.« Ich durchwühlte die Kiste mit dem Geschirr ein zweites Mal.
»So schlimm ist das auch wieder nicht. Du rufst ihn einfach an und sagst, dass du betrunken warst, dass du nicht mehr wusstest, was du tatest, und er den Anruf einfach ignorieren soll.«
Bei Özlem hörte es sich so an, als arbeitete sie an einer Verteidigungsstrategie, mit der sie auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren wollte.
»Aber darum geht es doch gar nicht. Ich habe meine Kaffeemaschine bei Frank vergessen.« Entmutigt sank ich auf den Küchenboden und lehnte mich gegen die Wand. Der Tag war gelaufen. Ohne Kaffee konnte ich gleich wieder ins Bett gehen, da halfen auch keine Dusche oder ein Eimer kaltes Wasser.
»Meinst du etwa die hier?« Tina machte einen Schritt zur Seite und präsentierte mir eine blitzblank geputzte Kaffeemaschine von Tchibo. »Die haben wir gestern schon ausgepackt und sogar programmiert. Allerdings erst auf neun.«
»Oh, ihr seid, ihr seid … « Ich konnte es in Worten kaum ausdrücken. Ich und meine Kaffeemaschine, meine Kaffeemaschine und ich. Das war eine unglaublich tiefgehende Freundschaft, die sich Außenstehenden selten erschloss, ja sogar meist belächelt wurde. Dabei war es so einfach. Es war im Prinzip meine einzige Beziehung, bei der das Verhältnis von Geben und Nehmen perfekt ausgeglichen war. Ich füllte sie jeden Abend mit zehn Teelöffeln voll karamellisiertem Röstkaffee von Tchibo und kaltem Wasser, und sie begrüßte mich dafür jeden Morgen mit pechschwarzem Kaffee. Wir waren ein so gut eingespieltes Team, dass ich mir morgens einen Becher Kaffee einschütten und damit wieder ins Bett verschwinden konnte, ohne überhaupt meine Augen aufmachen zu müssen. Sie verstand meine muffelige Wortlosigkeit am Morgen und verlangte auch keine Rechenschaft über meinen hin und wieder verkaterten Kopf. Wie auf Befehl sprang die Uhr an der Kaffeemaschine auf neun, und in ihr begann es zu gluckern und zu brodeln.
»Ihr seid einfach wunderbar.«
Einige Minuten später saßen wir mit frischen Schoko-Croissants und Kaffee auf dem Fußboden in der Küche, und mit jedem Schluck strömte wieder Energie in meinen von Telefonhörer und Wein malträtierten Körper.
»Also Karina, Schätzchen, so kann das auf gar keinen Fall weitergehen«, stellte Tina fest. Dabei hatte es doch gerade erst angefangen. Vor einer halben Stunde hatte ich noch mit den Symptomen eines frühzeitigen Hirnschlags zu kämpfen gehabt, und jetzt saß ich schon aufrecht und mit einer Tasse Kaffee in der Hand in der Küche. Ich hielt das für einen beeindruckenden Fortschritt, aber Tina war da anderer Meinung.
»Kaum lassen wir dich alleine, lässt du dich gehen. In deiner Wohnung herrscht immer noch ein Megachaos, du trinkst eine Flasche Wein nach der anderen und, schau mich mal an, o Gott, nee, Süße, deine Haare sehen aus, als hättest du heute Nacht mit dem Finger in der Steckdose geschlafen.«
Tina konnte sehr aufmunternd sein, wenn sie wollte. Ich schaute Özlem hilfesuchend an, aber sie nickte nur zustimmend: »Genau, und deswegen haben wir einen Plan erstellt. Einen Dreipunkteplan eigentlich, aber wenn ich dich so anschaue, werden es wohl noch ein paar Punkte mehr.«
Ich überlegte, ob ich die beiden einfach ignorieren, mich wieder ins Bett legen und den Morgen noch einmal in Ruhe beginnen sollte, wie ich es gewohnt war, oder ob ich die beiden aus meiner Wohnung schmeißen und mich wieder ins Bett legen sollte, um den Morgen noch einmal in Ruhe zu beginnen, so wie ich es gewohnt war. Eine dritte Alternative fiel mir nicht ein, denn wenn ich den beiden noch länger zuhören musste, würde mein Selbstwertgefühl sehr wahrscheinlich einen erheblichen Schaden erleiden.
»Also, der Dreipunkteplan heißt Aufräumen-Friseur-Einkaufen«, erklärte Özlem stolz.
Ich war baff. Ihr Plan umfasste wirklich tiefgreifende Veränderungen in meinem Lebenswandel, wobei der Friseur eindeutig auf Tinas Mist gewachsen sein musste. Sie wechselte mit jedem Freund auch ihre Frisur. Özlem schaute mich an, als hätte sie vor den Vereinten Nationen gerade den neuesten Friedensplan für den Nahostkonflikt vorgestellt. »Und? Was meinst du?«, fragte sie aufgeregt.
