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Viktor Wagfall weiß, dass er nicht mehr lange leben wird. Mit einer Mischung aus Sentimentalität und spleeniger Selbstvergewisserung, die das Altwerden mit sich bringen kann, setzt er sich Mitte der neunziger Jahre jeden Tag an den Schreibtisch, um ein nie erzähltes Geheimnis vor dem endgültigen Vergessen zu bewahren. Wer war Isidor Schweig? Vor und während des Zweiten Weltkriegs lebte Wagfall unter eben diesem Namen als Gemäldefälscher in Paris und fertigte virtuose Kopien von Malern wie Courbet, Renoir, Bonnard oder Matisse an. Nach der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940 arbeitet Viktor Wagfall zwar offiziell bei der Reichsbahn in Paris, richtet sich aber, um weiterhin malen zu können, ein geheimes Doppelleben ein. In seiner Freizeit verschwindet er als Maler Isidor Schweig in einem Atelier am Montmartre. Viktor Wagfall schildert in seinen allzu späten "Confessions", die er Aufzeichnungen eines melancholischen Kunstfälschers nennt, was in jener Zeit auf dem Pariser Kunstmarkt passiert, von der Zusammenarbeit mit korrupten Nazi-Kunsthändlern und vom "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg", der im Jeu de Paume die geraubte Kunstbeute der jüdischen Sammlungen zusammentreibt. Mit Erinnerung umzugehen ist ein gefährliches und zugleich lustvoll melancholisches Unterfangen für den alten Wagfall. Er erzählt von seiner Leidenschaft für die Malerei und vom Handwerk des Fälschers. Vor allem möchte er die Geschichte einer besonderen Liebe, die sich in zwei von ihm kopierte Gemälde eingeschrieben hat, noch einmal vor sich entstehen lassen und weitergeben. Im Heute: Wagfalls Hinterlassenschaft einer lange verschwiegenen Vergangenheit wird zu einer Herausforderung für seine Kinder. Viele Jahre nach seinem Tod stößt seine Tochter Karolin, die sich als Fotografin ausgerechnet Paris als Wohnort ausgesucht hat, nicht nur auf das Manuskript, sondern auch auf ein bedeutendes Gemälde.
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Seitenzahl: 573
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Bettina Wohlfarth
Roman
Erste Auflage 2019
© Osburg Verlag Hamburg 2019
www.osburgverlag.de
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des
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und Fernsehen, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
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Lektorat: Bernd Henninger, Heidelberg
Umschlaggestaltung: Judith Hilgenstöhler, Hamburg
Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste
Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-95510-180-0
eISBN 978-3-95510-189-3
Vertraue niemals der Erinnerung, denn sie ist immer aufunserer Seite; sie verniedlicht das Schreckliche, mildert dasBittere, setzt Lichteffekte dort, wo unsere Schatten herrschten.Die Erinnerung hat immer eine Neigung zur Fiktion.
Louis Sépulveda, Der Schatten dessen, was wir waren
Kapitel 1
Kapitel 2
Foto 1
Kapitel 3
Kapitel 4
Foto 2
Kapitel 5
Foto 3
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Foto 4
Kapitel 9
Foto 5
Kapitel 10
Foto 6
Kapitel 11
Foto 7
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Foto 8
Kapitel 15
Foto 9
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
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Kapitel 19
Kapitel 20
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Kapitel 21
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Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
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Kapitel 25
Kapitel 26
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Kapitel 27
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Kapitel 28
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Kapitel 29
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Kapitel 30
Foto 18
Es gibt heute niemanden mehr, der Isidor Schweig noch gekannt hätte. Außer mir, denn ich selbst war es, Viktor Emanuel Wagfall, der sich vor langer Zeit so nannte. Nur ich allein kann und muss zum Erzähler seiner Geschichte werden.
Der Namenstag der Isidors fällt mit meinem Geburtstag zusammen, dem 4. April, und das ist wahrscheinlich der einzige Grund, warum mir dieser kuriose, in unseren Breitengraden eher ausgefallene Name schon als Kind geläufig war, sodass ich ihn eines Tages zu meinem Pseudonym auserkor. Wenn ich ihn leise flüsternd vor mich hinsprach wie eine magische Formel, I-Si-Dor, wurde ich auf der Stelle in eine fantastische Welt versetzt, in eine nur mir bekannte, nur mir zugängliche innere Geheimwelt. Im alten Griechenland bedeutete Isidor »Geschenk der Göttin Isis«. Viel später sind mindestens zwei Isidors in die Geschichte eingegangen. Im siebten Jahrhundert lebte Isidor von Sevilla, ein hochgebildeter Mann seiner Zeit, Kirchenvater und Gelehrter, der nicht nur Schulen und Bibliotheken erbauen ließ, sondern auch die dazugehörigen wissenschaftlichen Werke schrieb. Dann gab es noch Isidore Ducasse, der unter dem Künstlernamen Lautréamont die verruchten und sehnsüchtigen Gesänge des Maldoror verfasst hatte. Er starb mit nur vierundzwanzig Jahren unter nie geklärten Umständen. Das war im Jahr 1870, während der Belagerung von Paris durch die Preußen, als es in der ausgehungerten Ville-Lumière außer Krähen, Ratten und den Tieren aus dem zoologischen Garten nichts mehr zu fressen gab.
Ich wurde 1914 geboren, kurz vor dem Ausbruch des nächsten Krieges mit Frankreich. 1914 standen sich auf der einen Seite der Dreibund mit Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien und auf der anderen die Triple Entente mit Russland, Großbritannien, Frankreich feindlich gegenüber. Italien gehörte also noch – aber nicht mehr für lange Zeit – zu den befreundeten Ländern während dieser spannungsgeladenen Monate vor dem eigentlichen Kriegsbeginn. Dies schicke ich voraus, um zu erklären, warum mich meine Eltern auf die Namen Viktor, der Sieger (der Krieg lag ja schon in der Luft), und Emanuel tauften – nämlich nach Vittorio Emanuele III, dem damaligen König Italiens. Nur ein paar Monate später, nachdem Italien zum Feind übergelaufen war, wäre ihnen dieser Name sicherlich nicht mehr in den Sinn gekommen. Meine gesamte Kindheit und Jugend hindurch trug ich also den Namen eines feindlichen Königs, der noch dazu ab 1918 zu den gegnerischen Siegermächten gehörte, bis sich nach 1933 Hitler-Deutschland und Mussolini-Italien ideologisch wieder angenähert hatten und mein Name dadurch von Neuem akzeptabel wurde.
Was meine Eltern wohl mit dieser Namensgebung im Schilde führten? Ein königlicher Sieger sollte ich wahrscheinlich werden. Wenn mein Vater zu Hause vom Flur hinaufrief: »Viktor Emanuel, komm sofort herunter!« – und nicht etwa nur Viktor oder Vik –, dann wusste ich, dass es Ärger geben würde, oder aber, dass Besuch gekommen war. Es klang scharf, hart und verantwortungsvoll. Ich schaute in den Spiegel, spuckte in die Hände und rieb eine widerborstige Strähne platt. Es war immer dieselbe. Schon früh hatte ich das Gefühl, wegen dieses hochtrabenden Namens Verantwortung für etwas zu tragen, für mich und meine Familie, vor allem aber dafür, den in mich gestellten Erwartungen gerecht zu werden. Wenn ich also »Viktor Emanuel!« von unten heraufschallen hörte, wünschte ich auf der Stelle, mit einem Zaubertrick verschwinden zu können, am besten, indem ich in eine andere Person hineinschlüpfte. Warum nicht in einen Isidor.
Isidors tatsächliche Existenz begann in meinem sechsten oder siebten Lebensjahr. Der Erste Weltkrieg war schon längst vorbei, ein neues Jahrzehnt hatte begonnen, das zweifellos besser sein würde als das vorhergehende. Isidor war von Anfang an ein leidenschaftlicher Maler. Oder, anders gesagt: Ab einem bestimmten Zeitpunkt hatte ich meine Leidenschaft fürs Malen jener Identität übertragen, der ich, spielerisch und ernsthaft zugleich, den Namen Isidor gegeben hatte. Der saß nun wenn irgend möglich an seinem kleinen, zerkratzten und beklecksten Holztischchen und malte. Er malte konkrete Häuser, abstrakte Wälder, Automobile, die Umrisse seiner Hände und Füße, Fahrräder mit riesigen Rädern, Vögel mit fantastischen Flügeln, Fische, Drachen und seine korpulente Mutter, der dicke Tränen über die Wangen liefen, aber keiner verstand warum, denn nie im Leben hatte sie vor ihren Kindern geweint. Sobald er einen Stift, ein Blatt Papier oder gar einen Farbkasten in die Hände bekam, versank er in eine andere Welt aus Farben und ganz speziellen Gerüchen. Die verschiedenen Düfte von Papier und Schiefer, von Kreide, Kohle, Wachsstiften oder Wasserfarben trieben ihn weit aus sich selbst hinaus – oder tief in sich hinein, je nachdem, wie man es betrachten wollte. Isidor malte. Wasserfarben hatten einen ganz besonders reizvollen Geruch, etwa wie nach schillernden Gewässertümpeln im Wald.
Sobald in seiner Umgebung ein neues Bild oder ein neues Gemälde auftauchte, studierte Isidor es eingehend, ging in sein Zimmer, verschloss die Tür und malte es nach. Nicht nur einmal, sondern mehrmals und in verschiedenen Versionen. Er war nun schon zehn oder elf Jahre alt. Kühe zum Beispiel. Er wurde bald zum Fachmann für gescheckte Kühe. Die Wände in seinem Elternhaus wurden von einer Reihe schwäbischer Landschaften heimischer Maler geziert, farbintensive Gemälde mit Hügeln, Bächen, Bauern, Wiesen, Wegen, mit Katen und Bauernkindern und ebenjenen gescheckten Kühen. Außerdem hingen im Wohnzimmer ein tanzender Mädchenreigen in Trachten und ein Stillleben mit Fruchtschale. Eine Reihe von vier Porträts erhabener Vorfahren, die steif, grimmig oder stolz auf einen hypothetischen Betrachter herabblickten, belebte mehr schlecht als recht die Esszimmerwände. Die Flure und der Treppenaufgang des Hauses waren mit Stichen dekoriert, an denen Isidor geflissentlich vorbeischaute, so hässlich waren sie. Mit Ausnahme einer Serie von eindrucksvollen Pferdestichen, die von einem gewissen Johann Elias Ridinger stammten. Jeder Ridinger-Stich stellte einen Lipizzaner mit Reiter und jeweils eine Figur aus der Hohen Schule der Reitkunst dar. Die Nadelstiche der Gravur setzte Isidor in unendlich vielen Etüden und Varianten mit dem Bleistift in zunächst unbeholfene Zeichenstriche um, verfeinerte mit der Zeit den feurigen Ausdruck der Pferde und übte sich in der Darstellung der edlen, durchtrainierten Muskulatur. Dem Reiter maß er wenig Bedeutung bei und wischte ihn auf dem Papier nur flüchtig dahin.
Zu seinem zwölften Geburtstag erhielt er endlich nach langer, mühsamer Überzeugungsarbeit einen großen Holzkasten, der eine Palette mit Daumenloch, ein Bündel Pinsel (Borsten- und Marderhaarpinsel), Malmesser, Leinöl, Terpentinöl und vor allem vierundzwanzig herrliche Zinntübchen mit reinen Ölfarben enthielt. Ocker, Umbra, Karminrot, Kobaltblau, Indigo, Krapplack, Chromgelb, Smaragdgrün – magische Namen. Nichts liebte er von da an so sehr wie den Geruch von Ölfarbe, für Isidor duftete sie besser als sämtliche Parfums seiner Mutter. Ölfarbe hatte in erster Linie mit den Augen, mit Sehen zu tun, aber es war auch eine Angelegenheit der Nase und sogar der Fingerspitzen. Wenn er wissen wollte, ob die Konsistenz seiner Farbmischung gelungen war, spachtelte er einen kleinen Klecks Farbe auf den Zeigefinger, rieb ihn mit dem Daumen, hielt dann den Finger unter die Nase zum Riechtest und untersuchte schließlich die Farbpigmentierung. Notwendig war das nicht, sein Pinselgefühl hätte ausgereicht, aber es war ein sinnliches Vergnügen. Mit Zugabe von Leinöl wurde die Farbe wieder feuchter und der Trocknungsprozess hinausgezögert, mit Terpentinöl wurde sie dünnflüssiger, ohne an Intensität zu verlieren. Malbutter legte er sich auch bald zu, sie bestand aus zähen Harzen und half ihm, seine Farben anzudicken und einen pastosen Effekt auf die Leinwand zu bringen. Kopaivabalsam hingegen, wenn er frischer Ölfarbe beigemischt wurde, machte die Konsistenz cremiger und sanfter, was besonders weiche Farbübergänge ermöglichte. Er roch nach frischem Pfeffer und Zedernholz. Nachdem die Eltern sich einige Monate lang hatten überzeugen können, dass Isidor seine Ölfarben auch wirklich benutzte, bekam er zu Weihnachten die ersehnte Staffelei mit einem Stapel schon bespannter Keilrahmen.
Isidor führte über viele Jahre hinweg eine Parallelexistenz zu Viktor Emanuel und hatte ein vollständiges, aber diskretes Eigenleben. Ich erinnere mich – sogar ein ganzes Leben später noch – an das Gefühl, das ich zu mir selbst hatte, und das sich änderte, je nachdem, ob ich gerade in der Isidor- oder in der Viktor-Rolle steckte. Nach außen hin gab es natürlich nur den einen, einzigen Viktor. Isidor war wie ein zweites Ich, wie ein heimlicher Schatz in einer verborgenen Kammer meines Selbst, und abwechselnd schlüpfte ich vom einen zum anderen, reibungslos, ohne dabei ein Kostüm wechseln zu müssen. Isidor träumte, Isidor las, Isidor schaute sich eingehend Gemälde an und vor allem: Isidor malte. Sonst nichts. Die beiden führten intensive Gespräche miteinander, unauffällig, weil niemand von Isidors Existenz erfahren durfte. Ich hatte schon als kleiner Junge instinktiv begriffen, dass diese Seite in mir unerwünscht war, nicht in meine bürgerliche Umgebung passte und sogar aus dem Rahmen der Akzeptanzmöglichkeiten meiner Eltern fiel, sollte sie mehr Platz einnehmen als ein kindliches Hobby.
Als Isidor mit den Jahren immer professioneller wurde, vom begabten Kind mit Malkasten zum jugendlichen Talent an der Staffelei herangewachsen war, und ich für mein heimliches Alter Ego eine mögliche Zukunft als Maler zu erhoffen begann, fügte ich dem Isidor, damit es stattlicher klang, auch einen Nachnamen hinzu. Ich hatte im Französischunterricht gerade ein Wort gelernt, das mir besonders gut gefiel: Chut! sagte man für »psst«, im Sinn von »sei still«, »schweig still« oder »horch«. Es war ein sanftes Wort, auch ein Wort, das heimliches Einverständnis suggerierte und im Zusammenhang mit einem Geheimnis gesagt wurde. Chut wird wie Schüüt ausgesprochen, mit einem zischenden Sch, dem langgezogenen ü und einem sachte gesprochenen t. Man legte den Finger an den Mund und sagte ganz leise chut!, nachdem man einem Freund ein Geheimnis anvertraut hatte. Es bedeutete dann so viel wie »sag’s nicht weiter«. Oder, wenn man auf einem Spaziergang plötzlich in unmittelbarer Nähe ein wildes Tier bemerkte und es nicht aufschrecken mochte, flüsterte man chut! und hielt mit der flachen Hand den an seiner Seite voranschreitenden Begleiter zurück. »Isidor Chut«, dachte ich zunächst, versuchte es mit einem eingedeutschten Schüt, dann Schütt – es befriedigte mich nicht. Der Sinn passte zwar, er bezeichnete ja aufs Beste mein Geheimnis, aber es hörte sich seltsam an. Auch der Anblick der Unterschrift missfiel mir, wenn ich diese Namensvarianten – Isidor Chut, Schütt, Chüt – zur Probe auf einen Bogen Papier schrieb. So kam ich von der französischen Bedeutung auf das Deutsche zurück: »Isidor Schweig«, sagte ich plötzlich vor mich hin. Dann schrieb ich Schweig mit dem hohen, schwungvollen Bogen im S, dem spitzen w in der Mitte und dem g, das einen Schlenker nach unten weg erlaubte. Schweig still, Isidor. Der Name passte und blieb.
Ich war mir zu jener Zeit noch nicht wirklich bewusst darüber, aber ich hatte offenbar das Glück, ein gut aussehender junger Mann zu sein. Heute ist mein Haar weiß und ich bin völlig aus der Form geraten, aber tatsächlich war ich einmal schlank, ein dunkler Typ mit dichtem Haar und üppigen Brauen, geschwungenen, fast ein wenig zu launischen Lippen und einer Nase, nun ja, ich glaube, dass sie ganz gut ins Gesamtbild passt, nicht knollig, nicht zu groß, nicht zu klein – sogar heute noch. Und meine Augen sind bernsteinfarben, brauner Bernstein mit grüner, kupfer- und ockerfarbener Maserung. Isidor und die Malerei gerieten einige Zeit lang ins Hintertreffen, nachdem ich bemerkt hatte, dass sich tatsächlich hübsche Mädchen für mich interessierten, noch bevor ich angefangen hatte, sie überhaupt wahrzunehmen. Die letzten Jahre vor dem Abitur waren hart. Ich musste meine intellektuelle Schwerfälligkeit oder vielmehr die Momente einer seltsamen Abwesenheit im Unterricht durch zusätzliches Lernen zu Hause wettmachen, denn es war ausgeschlossen und völlig inakzeptabel, dass ich das Abitur etwa nicht bestehen würde. Noch dazu hatte der Börsenkrach von 1929 die Wirtschaft und damit auch meinen Vater ruiniert, was unser Familienleben komplizierter machte. Meine Mutter war ständig am Ende ihrer Nerven, mein Vater ließ sich selten blicken oder hatte unerträgliche Launen. Dem Gärtner wurde gekündigt und dann auch der Hausangestellten, schließlich kam es so weit, dass unser Sägewerk endgültig Pleite machte. Mein Vater fühlte sich gedemütigt von seinem vermeintlichen Versagen und musste ein neues Auskommen für die Familie finden. Ein Stockwerk unseres Hauses wurde vermietet.
Der Alltag wurde kleinlicher, enger, schwieriger. Ich stand wie neben mir, als hätte Isidor mich verlassen oder sei aus mir herausgetreten, als hätte dieser Verlust mich aus meinem inneren Gleichgewicht geworfen. Freilich konnte ich mit sechzehn, siebzehn Jahren keine infantilen Zwiegespräche mehr mit meinem Alter Ego führen. Auch konnte ich nicht mehr zwischen Viktor und Isidor hin- und hergleiten, je nachdem, ob ich auf der Schulbank saß oder allein in meinem Zimmer. Isidor war noch da, auf diffuse Weise Teil von mir, aber ich wusste nicht mehr, wie ich ihm begegnen sollte. Wenn ich mich an eine neue Leinwand setzte, kam es vor, dass ich mich dabei lächerlich fühlte, ohne eigenes Talent, fantasielos. Die eiserne, bürgerliche, noch mit einem Fuß im vergangenen Jahrhundert verbliebene Welt, in der ich aufgewachsen war und die mich zutiefst geprägt hatte, prallte mit Wucht gegen die Avantgarde der zwanziger Jahre, die ich in Zeitschriften wie Der Sturm oder der Gazette des Beaux-Arts mit begeistertem Staunen und einem intuitiven Rest Missbilligung entdeckte. Die deutsche 19.-Jahrhundert-Welt der Spitzweg, Menzel, Leibl, Thoma hatte nichts mehr gemein mit der Auflösung der Formen und Perspektiven von Matisse oder Picasso, mit Fauvismus, Expressionismus und Kubismus oder der Abstraktion von Kandinsky und Klee.
Je mehr der Isidor meiner Kindheit in die Ferne rückte, desto mehr wurde er für mich zu einer Sehnsuchtsgestalt. Manchmal hatte ich gute Lust, alles hinzuwerfen, den Anzug, die Krawatte, die schicke neue Ledermappe, und mich als junger Künstler auf und davon zu machen. Auf in die Welt. Davon nach Paris. Das große Herz der Kunst schlug in Paris, dort und nirgendwo sonst auf der Welt war die europäische Avantgarde zu Hause. Paris war die Stadt der Städte, Mittelpunkt meiner erregten Gedanken, Quelle meiner provinziellen Fantasien.
Die Malerei interessierte mich allmählich auf eine neue Weise, mit einer noch unausgereiften Wissbegierde. Ich lieh mir in der Bücherei einschlägige Werke zur Malereigeschichte aus oder Bände über einzelne Künstler und unternahm erste Ausflüge in die Stuttgarter Staatsgalerie. Mit der Eisenbahn brauchte ich keine halbe Stunde bis in die Stadt. Dort hingen die alten Meister der italienischen und französischen Schule oder Maler des deutschen Klassizismus, und dort entdeckte ich auch Hans Memlings erstaunliche »Bathseba im Bade«, die ich bei jedem Besuch von Neuem fasziniert betrachtete. Vor allem aber begegnete ich in den Sälen, ob es sich nun um Malerei, um Bildhauerei oder das graphische Kabinett handelte, den Schülern der Württembergischen Akademie der bildenden Künste. Sie saßen auf einem kleinen Holzschemel vor einem Gemälde, einer Zeichnung oder einer Skulptur und machten nichts anderes als das, was ich seit der Kindheit mit den Bildwerken meiner direkten Umgebung gemacht hatte: Sie zeichneten es als Studienobjekt ab, und mancher Schüler der Akademie fertigte sogar, mit Staffelei, Palette und Ölfarben ausgerüstet, eine mehr oder weniger exakte Kopie von einem der Gemälde an, das da an der Museumswand hing.
Das imponierte mir. Ich schaute ihnen über die Schulter und guckte mir Tricks und Techniken ab, von denen ich zuvor keine Ahnung hatte. So hatte ich die Vorzeichnungen zu meinen Kopien immer recht frei angelegt, in ungefähren Proportionen, weil es mir ohnehin nie um hundert Prozent exakte Kopien gegangen war, sondern um das Vergnügen am Können, auch daran, die Essenz eines Gemäldes zu erfassen. Dass es aber auch eine Quadratnetzmethode gab, durch die man die Proportionen eines Gemäldes in der Kopie verkleinern oder vergrößern konnte, lernte ich erst durch die Akademieschüler, die mir zeigten, wie man seine Bildvorlage in Raster einteilte, diese dann auf das Kopie-Blatt oder die Kopie-Leinwand übertrug und zuletzt Schritt für Schritt jeden Bildausschnitt abzeichnete. Ich merkte aber auch, dass ich den Kunststudenten in Sachen maltechnischer Geschicklichkeit in keiner Weise nachstand. Mit dem einen oder anderen kam ich häufiger ins Gespräch, wir kannten uns bald bei Namen und tauschten uns über unsere Erfahrungen aus oder sprachen über die Maler, die uns gerade beschäftigten. Da ich kein Akademieschüler war, durfte ich offiziell nichts im Museum nachzeichnen und schon gar nicht mit voller Maler-Ausrüstung vor einem Werk sitzen, um es zu kopieren. Bei meinen Besuchen nahm ich deshalb diskret Block und Bleistift mit, und wählte mir jedes Mal ein anderes Gemälde aus, von dem ich ohne Aufsehen zu erregen kleine Skizzen anfertigte, mir Notizen zu Farben, gestalterischen Besonderheiten und Details machte. Wieder zurück zu Hause fertigte ich dann eine Kopie an. Meistens verschenkte ich sie gleich weiter, es gab bald niemanden mehr unter Freunden und Verwandten, der nicht ein Gemälde von mir an der Wand hängen hatte. »Bathseba im Bade« fand besonderen Anklang, sodass ich sie gleich mehrmals nachmalte – wobei meine Freunde eine üppigere Version der Bathseba bekamen.
Die Erfindung des neuen Isidor war ein langer Prozess. Aber eines Tages stand er vor mir: Chut, schweig still, Isidor Schweig, du wirst nicht nur ein Maler, sondern Maler und Kopist! Kopist, um noch nicht Fälscher zu sagen (denn zu einem Fälscher wurde ich erst ganz allmählich, viel später), sondern um mir selbst deutlich zu machen, was ich am besten konnte, wozu ich am virtuosesten fähig war, nämlich schon in jungen Jahren meisterlich die Meister zu kopieren. Er (beziehungsweise ich), Isidor Schweig, würde mir helfen, im Spagat den Abgrund zwischen meinem Bedürfnis nach Malen und der Anpassung an meine Umgebung zu überbrücken. Ich hatte mich dazu entschieden, eine bewusste Doppelexistenz zu führen. Viktor und Isidor waren nicht mehr wie Ying und Yang in einem Rund, sondern zwei unterschiedliche Möglichkeiten meines Selbst, die janusköpfig in entgegengesetzte Richtungen blickten. Je nach der Situation, in der ich mich befand, konnte ich den einen oder den anderen ausspielen wie zwei unterschiedliche Trumpf-Karten.
Ich glaube, dies ist die einzig schlüssige Erklärung für … Für meine Lüge? Oder das notorische Weglassen einer Information? Ein ganzes Leben lang. Denn so muss ich es nun schwarz auf weiß benennen: Ich habe lebenslang einen Teil meiner selbst ausgegliedert und vor meiner nächsten Umgebung verheimlicht. Isidor war ein anderes Ich, ein Alter Ego im wahren Sinn der Worte. Ich empfand es tatsächlich so: Als wären es voneinander abgetrennte Lebensglieder, vergleichbar mit der Redewendung »die eine Hand weiß nicht, was die andere tut«. Auf dem Weg zum vierzigsten Lebensjahr jedoch, das war in den frühen fünfziger Jahren, habe ich Isidor Schweig nach einer langen Agonie endgültig von mir abgestoßen, in einer letzten, unglücklichen Häutung, habe ihn tief hinabgesenkt ins Moor des Vergessens, und ein neues Leben wie auf Stelzen im Morast als ein und derselbe ungeteilte Viktor Emanuel Wagfall mit Haus, Karriere und Familie darauf aufgebaut.
Deshalb kennt heute niemand mehr Isidor Schweig. Er hätte einer der lange unerkannt gebliebenen, dann unter spektakulären Umständen aufgeflogenen oder sich selbst entlarvenden Fälscher werden können, ein Han van Meegeren, ein Eric Hebborn, ein Edgar Mrugalla. Ich aber bin Oberamtsrat Wagfall geworden, ein beamteter Jemand, der niemand Bestimmtes ist, vielleicht der Mann, der ich wirklich war: ein Jedermann. Und wenn ich mir die Bilderrahmen auf dem Regal anschaue, gleich neben meinem Schreibtisch, mit den Fotos darin, bunt, schwarz-weiß, alte Zeiten, jüngere Zeiten, fröhlich, nachdenklich, ich – Viktor – inmitten meiner Lieben, Porträts von den Kindern, Lars, Alicia, Karolin, das große Wagfall-Familientreffen mit allen zusammen auf der Terrasse, Anna entspannt im Urlaub in Griechenland, dann frage ich mich, wo ich eigentlich war, wenn ich Cheeeeeese rief und auf den Auslöser drückte, oder aber mild, ein wenig trüb und doch freundlich lächelnd in Annas Kamera schaute, mit diesem seltsamen Blick, das fällt mir jetzt erst auf, der sich entschuldigen möchte. Dafür, dass ich da war, überlebt hatte in dieser Welt, vor allem aber dafür, dass ich ausgerechnet unter diesen Menschen weilte, meiner Familie. Als wäre alles ein dummer Zufall, ein Missverständnis, und als würde ich nur so tun, als ob ich dazugehörte. Als wäre ich ein Usurpator, jemand, der sich ins familiäre Gruppenfoto eingeschlichen hätte, nicht etwa aufdringlich, sondern ehrlich unbeholfen, gegen seinen Willen. Dort, zwischen Anna und den Kindern, hätte auch ein anderer stehen können, und ich, der ich offensichtlich da stand, hätte auch inmitten einer anderen Familie stehen können. Ganz genauso lächelnd. Cheese.
Anna hat gestern mit einem einzigen Satz ins Schwarze getroffen. »Genau genommen bist du ein zutiefst melancholischer Mensch«, sagte sie plötzlich am Frühstückstisch in ein langes Schweigen hinein und kratzte dabei den letzten Löffel Weißes aus ihrem Drei-Minuten-Ei. Dann fügte sie hinzu: »Und das ist es, es ist diese hartnäckige Melancholie, die unser Zusammenleben so unerträglich macht.« Natürlich klang es vorwurfsvoll, denn Anna glaubte, dazu kenne ich sie zu gut, dass man durch einen lauteren Bewusstwerdungsprozess des wollenden, charakterstarken »Selbst« die lästige Melancholie mitsamt ihrem depressiven Gefolge ablegen könnte wie einen blöden Trauerflor und dass folglich ihre Bemerkung einen fruchtbaren Ansatz zu meiner baldigen Besserung darstellen würde. Sosehr ich Anna zu schätzen gelernt habe, kann mich doch ihre Art, auf unsensible Weise recht haben zu wollen oder in unpassenden, eigentlich friedlichen Momenten etwas auszusprechen, das man gerade nicht hören möchte, immer wieder gegen sie aufbringen. Ich ließ deshalb die Zeitung vollends sinken, faltete sie ordentlich zusammen, legte sie wie üblich auf den leeren Platz neben meinem Gedeck, stand auf und sagte höflich: »Die Melancholie war immer schon meine treueste Geliebte, es ist also kaum erstaunlich, dass ich ihr ebenfalls hingebungsvoll zugetan bin!« Und ging hinauf in mein Arbeitszimmer.
Die Idee von der Melancholie als der treuesten Geliebten hatte ich von Kierkegaard, aber das konnte Anna nicht wissen, sie las die sogenannte Belletristik, keine Philosophen. Mein Sätzchen hatte hoffentlich gesessen, jedenfalls rettete es meine tatsächlich trübe Stimmung, ich fühlte mich plötzlich streitlustig und kurzfristig sogar guter Dinge. Selbst wenn der Zusammenhang nicht direkt einleuchtend sein mag, aber es ist Annas Ausruf gewesen, der mich auf den Gedanken gebracht hat, endlich, spät, fast zu spät von Isidor Schweig zu erzählen und das Projekt meiner vorliegenden Aufzeichnungen ins Auge zu fassen. Wenn ich endlich jenen Teil meines Lebens aufschreiben würde, von dem niemand, der mich heute noch kennt, auch Anna nicht, eine leiseste Ahnung hat?
Dieser Gedanke fuhr mir, oben am Treppenabsatz angelangt, wie ein Blitz durch den Kopf. Nie zuvor hatte ich daran gedacht. Ich hatte damals einen wohlüberlegten und entschiedenen Strich unter meine Vergangenheit gezogen. Wie viele andere Zeitgenossen hatte ich die Kriegsjahre in den Hinterhof meines Gedächtnisses schieben und bis in ihre Einzelheiten im Schrott meiner sich überlagernden Erinnerungen vergraben wollen. Sie waren, das ist der Lauf der Dinge, immer unfassbarer geworden, je tiefer sie versackten, und der junge Mann, der ich damals gewesen bin, hatte sich mit den Jahrzehnten so sehr verändert, dass die Vergangenheit definitiv zu etwas Abstraktem geworden war. Wenn ich mich an manche Menschen, Situationen oder Ereignisse zurückerinnerte, fühlte sich diese Vergangenheit an, wie die eines anderen, als hätte ein anderes, längst nicht mehr existierendes »Ich« mein Vorleben gelebt. Rein biologisch gesehen, sind wir ohnehin ungefähr alle sieben Jahre ganz neue Menschen, ganz und gar gehäutet, ein sozusagen anderes Fleisch umgibt unsere Knochen, eine andere Leber arbeitet an unseren Gläsern Rotwein, weil unsere Körperzellen ständig abgebaut und wieder durch neue Zellen ersetzt werden. Ein theoretisch beruhigender Gedanke. Ich stecke also längst nicht mehr in dem Körper, in dem ich etwa 1945 gesteckt habe. Alle sieben Jahre ist er wie neu, und sollte man seine Frau einst betrogen haben, dann ist die Sache von einem rein biologischen Standpunkt aus betrachtet definitiv verjährt. Es ist, zumindest was die Körperzellen anbetrifft, ein anderer gewesen, der da in fremden Betten gelegen hat – Anna würde sich mit solchen Erklärungen wahrscheinlich nicht abspeisen lassen.
Mit meinem nun schon etwa zwölfmal erneuerten, über achtzig Jahre alten, an mancher Stelle schmerzenden Körper saß ich also nach diesem kurzen morgendlichen Schlagabtausch am Schreibtisch und kritzelte so vor mich hin auf ein leeres Blatt. Aufzeichnungen eines Kunstfälschers stand dann plötzlich da. Mit einem geschwungenen Eingliederungszeichen fügte ich das Adjektiv melancholisch hinzu. Jetzt gefiel mir der Titel meines gerade gefassten Vorhabens. Unzählbar waren die melancholischen Dichter und Denker, Schriftsteller und Maler. Die Liste war lang, aber einen melancholischen Kunstfälscher hatte es meines Wissens noch nie gegeben, und ohne peinliche Vergleiche anstellen zu wollen, befand ich mich, sollte Annas klinisches Verdikt zutreffen, mit meinem Gemütsleiden in bester Gesellschaft. Namen kamen mir spontan in den Sinn, und ich schrieb auch sie auf das Blatt Papier: Ovid, Dante, Michelangelo, Dürer, Hamlet, Rousseau, Caspar David Friedrich, Büchner, Baudelaire, Munch, Hemingway …
Bonnard, natürlich durfte ich Bonnard in meiner Liste nicht vergessen! Ich ging an den Bücherschrank, in dem ich meine kostbaren Kunstbände vor dem Rest der Familie bewahre, und zog ein großes Album über Pierre Bonnard heraus. Alle Maler, die in mein ganz persönliches Pantheon Eingang gefunden hatten, allenfalls mit Ausnahme von Henri Matisse, waren tiefe Melancholiker, selbst Gustave Courbet. Und Bonnard allemal. Aber das konnte wohl nur entdecken, wer selbst ein Melancholiker war. »Der Maler des Glücks« wurde er manchmal genannt – so stand es jedenfalls in meinem Bonnard-Band. Derlei Missverständnis führte von vorneherein in die Irre. Nicht weil seine Gemälde eher bunt sind und ihm ab und zu auch eine Blumenvase unter den Pinsel gerät, lässt sich sogleich schon auf Glück schließen! Wenn man nämlich seine Gemälde genau betrachtete, mit aller zur Verfügung stehenden Sensibilität, war das sogenannte Glück bei Bonnard längst getrübt, gar gebrochen. Es blieb nur eine Ahnung, dass es einst je existiert hatte. Schon seine Farbpalette ist unterkühlt, er verwendet häufig Blau- und Türkistöne, ein giftiges Gelb mit einem tödlichen Grün, Absinth-Grün habe ich es für mich genannt. Man schaute wie durch den frostigen Filter seines Blicks – seiner Farben und seiner Pinselführung – auf die angeblich freundlichen, warmen oder intimen Sujets.
Aber selbst wenn die dargestellte Szene einen theoretisch schönen Moment festhielt, Badende am Meer zum Beispiel oder Frauen auf einer Terrasse, und sich eindeutig in sommerlicher Wärme abspielte, hatte man als Betrachter das seltsame Bedürfnis, sofort eine zusätzliche Jacke überzuziehen und auch den Figuren etwas Warmes umzuhängen, so sehr brachte seine Farbpalette eine kühle Distanz ins Bild. Nackte Körper lagen in gekachelten Badezimmern in eisigen Wannen wie in einem Sarg oder wie aufgebahrt im Leichenschauhaus der Erinnerung, mal waren die Füße abgeschnitten und mal wollte der Oberkörper partout nicht mit auf die Leinwand. In anderen Gemälden waren seine Figuren nur im Anschnitt zu sehen. Hier ein Arm, der etwas auf die rotweiß karierte Tischdecke stellte, dort eine Frau, die entweder gerade zur Hälfte ins Bild trat oder aber aus dem Rahmen hinausging. Bonnards Welt hatte etwas Fragmentarisches. Und seine Figuren, sollte man sie überhaupt als Ganze sehen, taten darin meist nichts, sie waren in Gedanken versunken oder schauten grübelnd vor sich hin. Ihre Augen waren düstere Flecken, der Blick ging nach innen und nicht hinaus in die Welt.
Warum blätterte ich ausgerechnet in diesem Bildband über Bonnard, nachdem Anna den entscheidenden Satz gesagt hatte? »Genau genommen bist du ein zutiefst melancholischer Mensch!« So hätte ich sie am Frühstückstisch gemalt, mit den Farben Bonnards, umgeben von Absinth-Grün und Blautönen, mit einem Orange, das ins Braune übergeht, oder in einem Violett, das mit Weiß übermalt wurde und deshalb sowohl seine Unmittelbarkeit als auch seine Wärme verlor. Mit diesen Augen, die keinen richtigen Blick haben, sondern nur vage angedeutet sind, hätte ich sie gemalt. Ich hätte sie mit dieser Liebe gemalt, in die das Ende schon eingeschrieben ist. Mit diesem traurigen Bedauern über den Verlust, das ich in jedem Gemälde von Bonnard spüre. Mit dieser undefinierbaren Distanz zum Eigentlichen und mit dem Schleier der Vergänglichkeit. Alles Geliebte im Leben, ein sonniger Nachmittag, ein intimer Moment des Glücks, eine begehrte Frau, schienen bei Bonnard von vorneherein zum Verlust verdammt zu sein.
Ich habe lange aus dem Fenster in den gleißenden Frühling geschaut, sein fast unverschämtes Licht beobachtet (dieser Überschwang!), das zitternd in saftgrüne Baumkronen einfällt. Ein Enthusiasmus, der mich anstecken will. Die hochgeschossene Wiese hätte längst gemäht werden sollen. Jeder Halm glänzt in der Sonne. Die satten Gräser, das Wiesenschaumkraut und die ersten Butterblumen lassen sich vom Wind nehmen, lustvoll, so kommt es mir vor. Sie biegen sich unter seiner sanften Peitsche. Zu lange sitze ich nun schon am Tisch und starre hinaus in den Garten, mit diesem bangen Gefühl im Körper. Endlich ist der Stift fest in meiner Hand. Endlich sind die ersten Seiten geschrieben, ist die erste Hürde genommen. Wie kam es zu Isidor? Endlich habe ich den Sprung in die Vergangenheit gewagt, aber Beklommenheit klebt an mir wie verschüttete pechschwarze Tusche. Der Frühling lacht mir ins Gesicht mit seiner Euphorie. Ich dagegen stehe in meiner rauen, grauen Landschaft, Felsengeröll liegt um mich her, das schwer begehbar ist, vor mir eine unklare Weite, ein ganzes Leben hinter mir. Soll ich mich wirklich noch einmal umdrehen?
Den Stapel alter Schulhefte von den Kindern habe ich in einem Wandschrank im Gästezimmer gefunden. Anna hat sie aufgehoben, weil nur ein paar Seiten beschrieben waren und die vielen leeren Blätter noch einmal nützlich werden könnten. Ein dauerhafter Begleitschaden der Kriegsgeneration, sie kann nichts wegwerfen. In allen Ecken des Hauses gibt es Schränke, Truhen, Kommoden mit Sachen, Dingen, allem möglichen Zeugs − vom Keller bis zum Dachboden. Einmal könnte es wieder von Nutzen sein, glaubt meine Frau. Und tatsächlich erweisen nun die alten Schulhefte mit ihren graublauen Pappumschlägen und weißen Etiketten noch einmal einen letzten Dienst, Schulhefte aus den sechziger oder den siebziger Jahren. Darauf steht in Kinderschrift »Lars Wagfall Deutsch 4c«, »Karolin Wagfall Religion 3f«, »Alicia Wagfall Mathe 7b« – und so weiter. Mit dem obersten Heft des Stapels habe ich angefangen, dem Deutschheft von Lars. Ein paar Seiten sind säuberlich herausgeschnitten, das waren die Seiten, die Lars mit seiner krakeligen, immer schlecht benoteten Schreibschrift versehen hatte. Der Rest ist tatsächlich noch tauglich. Und für meine Aufzeichnungen allemal.
Natürlich habe ich mich schon gefragt, an wen ich mich eigentlich wenden möchte. Die Antwort hat mich selbst erstaunt: An meine Erinnerung. Meine Zeit ist nahezu abgelaufen, ich bin ihrem Gutdünken ausgeliefert und mir bleibt nichts übrig, als mir meine eigene Scheherezade zu sein, mich von Seite zu Seite, Tag für Tag schreibend noch einmal zu überleben, mein Bedürfnis nach Finis – dass endlich der Vorhang fallen möge – so lustvoll wie möglich hinauszuzögern. Jeden Tag ein paar Seiten füllen, methodisch und vor allem unerbittlich mit mir selbst. Solange ich meine Geschichte erzähle, geht es noch einmal weiter.
Im Vordergrund steht auf einem Schreibtisch (Holzgestell mit Glasplatte) nichts als ein geschlossener Laptop. Dahinter eine breite Fensterfront, in der die Stadt und ein Stück Himmel liegen: Das Fenster rahmt die Stadt, sie wird zum Bild, und dunkelrote Vorhänge an beiden Seiten machen sie zur Bühne.
Frühmorgens, wenn Karolin mit der Kaffeetasse in der Hand zum Fenster hinausschaute, tauchte die Stadt grauweiß aus dem winterlichen Dunst auf. Ein Himmel aus Stahl lag über dem Meer der Häuser, über geometrisch ineinander verzahnten Würfeln, Kästchen und Barren. Hie und da ragte der Mast einer Kirchturmspitze auf. Während dieser Morgenstunden warf die Sonne von Osten her silbernes Licht über die Stadt. Am Abend ging sie lachsfarben unter, tauchte als orangeroter Ball hinter dem Würfelmeer der Häuser in den Horizont ein, irgendwo zwischen Eiffelturm und Tour Montparnasse, und überschwemmte diese städtische Geometrie mit einem erstaunlich sanften Licht. Dann ließen die Schatten der Straßenschluchten klare Linien entstehen, Konturen traten hervor, bildeten Schneisen und Territorien. Hier, gleich vor dem Fenster in einer weiten Senke, lag das Zentrum. Links, im Südosten, und auch drüben im Westen drängten sich die Hochhäuser der neuen Wohn- und Büroviertel, die entweder schon zu den Vorstädten gehörten oder gerade noch in Paris intra-muros lagen. Man sagte »intra-muros«, auch wenn es sich längst nicht mehr um einen historischen Wall handelte, sondern um den vierspurigen Boulevard Périphérique, der die Stadt als rauschendes Verkehrsband umschloss. Links, gen Osten also, lagen die Hochhäuser der siebziger Jahre, rechts, im Westen, die gläsernen Türme der neunziger. Ihre Farben waren Weiß, Grau, Blaugrau. Im alten Zentrum hingegen, im wahrhaftigen Paris, gab es fast keine modernen Gebäude, und je nach Lichteinfall, Tages- oder Jahreszeit erschien der Quaderstein der Häuser aus Karolins Vogelperspektive mehr weißlich grau oder eher ockergelb.
Das Fenster mit dem weiten Blick über die Stadt saß in der Fassade eines Hochhauses im Stadtviertel Belleville. Die eierschalenfarbene Mosaikstein-Verkleidung zwischen den Fensterfronten und langen Balkonen mit Geländern aus Plexiglas war mit den Jahrzehnten schmuddelig geworden. Es war ein typisches Gebäude aus den Jahren, die Karolin die Zwischenzeit nannte: Diese fast sorglosen, in vieler Hinsicht tatsächlich revolutionären sechziger und siebziger Jahre, die zwischen der rigiden Nachkriegszeit und den hochmodernen (wie man einmal glaubte) Achtzigern lagen.
Karolin Wagfall war in diese Zwischenzeit hineingeboren worden, in die Epoche des Aufbruchs, der Neuentwürfe und einer Freiheit, in der es zeitweise so schien, als würde sich die Welt als Ganze zu einem definierbar Besseren hin entwickeln. Es war eine zuversichtliche und überschwängliche Zeit, bewundernswerte Jahre, in denen die Vergangenheit tatsächlich vorbei zu sein schien (sie würde uns nie wieder einholen), in denen die Zukunft auf jeden Fall Hoffnungsvolleres brächte als die Gegenwart – und als die Vergangenheit allemal. Es waren Jahre, die rückblickend betrachtet nicht von Dauer sein konnten, derart optimistisch waren sie, mit unbändigen Haaren, VW-Bus und dem Minirock, mit Vollbeschäftigung, antiautoritärer Erziehung und unzähligen Sorten Kunststoff für ein nie da gewesenes Innendesign. Alles war zeitweilig möglich gewesen, auch das forsche Bauen funktionaler Wohnsiedlungen, um jegliche Art von Wachstum zu stimulieren und zu absorbieren.
Es waren die Jahre, gerade bevor es nicht mehr moderner werden konnte, als die Welt noch an Fortschritt glaubte und wenn nicht Gott, dann zumindest die Vernunft oder freie Marktwirtschaft als fähigste Prinzipien am positiven Werk sah. Und während die überheblich gewordene Hochmoderne der achtziger Jahre unweigerlich in eine Postmoderne kippte, während auf lineare und idealistische Konzepte neue Theorien von der eigentlichen Vorherrschaft des Heterogenen, des Chaotischen oder des Fraktalischen folgten, riefen schon einige Zeitgenossen das Ende der Geschichte aus, als müsse sich tatsächlich der zielgerichtete Verlauf der Dinge von Moderne über Hochmoderne bis hin zur Postmoderne (was könnte auch nach post noch folgen) zwangsläufig und endgültig in einer historischen Apotheose liquidieren. Die prinzipiellen weltpolitischen Gegensätze und ihre Denkmuster würden sich in einer letzten, in einer wenn nicht großartigen, so doch globalen Synthese gegenseitig aufheben. Nichts Geringeres stände bevor als der Zusammenbruch der politischen Lager mit ihren beiden sich widersprechenden K-ismen, Kommunismus und Kapitalismus, und damit das Zunichtewerden jenes Kampfprinzips, das Geschichte jahrzehntelang am Laufen gehalten hatte. Was kam, war der Mauerfall. Es folgte dann auch tatsächlich das Ende einer Geschichte, sogar das symbolische Ende einer Epoche, und damit der Sieg des einen Existenzmodells über das andere. Aber es sollte nur kurzfristig das Ende aller dogmatischen Antagonismen bleiben. Zu Beginn dieser neuen Zeit (wie sollte man sie nennen: posthistorischer Neokapitalismus?), kurz nach dem Fall der Mauer, war Karolin Anfang der neunziger Jahre nach Paris gezogen. Sie kam mit dem Intercity-Zug an der Gare de l’Est an, mit zu vielen Koffern für die geplanten drei Monate Aufenthalt, und wusste noch nicht, dass sie bleiben würde.
Mehr als ein Vierteljahrhundert war seither vergangen. Karolin hatte in mehr oder weniger lang anhaltenden Beziehungen in unterschiedlichen Stadtvierteln gewohnt, wobei sich mit der Zeit eine deutliche Neigung zur rive droite ergab. Nachdem sie dann fast sieben Jahre lang mit einem Jazzpianisten russischer Abstammung und dessen beiden Söhnen in einer ehemaligen Blechwerkstatt im Bastille-Viertel gelebt hatte, war sie nun wieder allein. Die Jahre mit Vadim waren derart dicht gewesen, in jeder Hinsicht pausenlos und zehrend, dass Karolin von einem Tag auf den anderen weggegangen war. An einem Sonntagnachmittag, als wieder einmal viele Stimmen, Lachen, Ausrufe und das Brummen eines Kontrabasses in dem allzu großen Wohnraum mit seinen Metallpfeilern und hohen Fensterfronten widerhallten, hatte sie – nicht zum ersten und wahrscheinlich nicht zum letzten Mal – eine Reisetasche mit den wichtigsten Sachen gepackt. Sie hatte in der Tür zur Küche gestanden, auf das glückliche Desaster geschaut, das sieben Jahre lang ihr Leben gewesen war, und wusste in jenem Moment, dass es nicht mehr möglich war, noch einen einzigen Tag so weiterzumachen.
Es war leichter, mit einer zwangsläufigen inneren Mechanik, ja, einer seltsam sturen Launenhaftigkeit, diese einsame Entscheidung zu treffen, und noch am selben Nachmittag unbehelligt von Vadim und den feiernden Freunden ein paar Utensilien zusammenzupacken, Kleider und Schuhe für die nächsten paar Tage sowie Laptop, Kameras, Objektive, USB-Stick und so weiter, dann forsch, ohne sich umzudrehen aus dem Haus zu gehen, als die folgende, definitive Trennung zu erklären und mit überlegten Worten zu besiegeln. Die Entscheidung dieses Sonntagnachmittags wurde erst in den Tagen und Wochen danach wirklich konkret. Karolin war Vadim und den Jungs mindestens eine Begründung schuldig, aber die war nur schwer zu vermitteln. Sie musste außerdem so schnell wie möglich ein Wohnung finden, was in Paris alles andere als einfach war. Zuletzt galt es, ihre Habseligkeiten umzusiedeln, ihre Bücher, Kleider und auch ein paar Möbelstücke, die eindeutig ihr gehörten. Nach sieben Jahren ununterbrochener Geselligkeit empfand sie ihre neue Einsamkeit als einen möglicherweise auch auf Dauer angenehmen Seinszustand.
Karolin hatte nicht etwa ein unerkanntes Burn-out-Syndrom, sie war auch nicht heroisch oder, im Gegenteil, deprimiert. Sie fühlte sich in der Schwebe, hatte ein imperatives Bedürfnis zu verharren, und zwar zwischen zwei Lebensabschnitten, in einem von extremen Emotionen freien Zustand. Vielleicht um einem unbekannten, bedrohlichen Lebensabschnitt (dem der alternden Frau?) noch eine Weile auszuweichen, hatte sie entschieden, oder etwas hatte in ihr entschieden, weiterhin in ihrer Schwebe zu bleiben, auf unbestimmte Zeit, bis sie eines Tages wieder Boden unter den Füßen spüren würde. Es würde nicht derselbe Boden sein, auf dem sie zuvor gestanden hatte, und erst dann könnte sie einen neuen Weg einschlagen. Als hätte sie geahnt, dass ihr etwas bevorstand.
Vorerst wollte sie abwarten, und zwar allein. Genau das hatte sie dann einige Tage später versucht, Vadim zu erklären, und war ehrlich bestürzt gewesen, als sie merkte, dass er sie nicht verstand. Nicht etwa, weil er sich aus Wut oder verletzter Liebe geweigert hätte, Karolin zu verstehen, sondern es war ihm tatsächlich unmöglich, zu begreifen, dass für manche Menschen eine Liebesgeschichte derart plötzlich ein Ende finden kann, reißen kann wie ein zu dünner Faden. Seiner Ansicht nach hatte Karolin schlicht den Faden verloren, wie jemand, der plötzlich ins Stocken gerät und nicht mehr imstande ist, eine Geschichte weiterzuerzählen. Ganz unrecht hatte Vadim nicht.
Weil Karolin tatsächlich mit ihrem Leben in der Schwebe war, hatte sie sich für diese Wohnung im zwölften und obersten Stock eines Hochhauses in Belleville entschieden: drei Zimmer, Küche und Bad, weiße, schnurgrade Wände, Parkettboden und große Fenster mit dem Blick von ganz oben auf die Stadt hinunter. Im Winter trieben an manchen sonnigen Tagen sogar ein paar Seemöwen in den Windböen. Ijà-ijà-ijà iijaaa, schrien sie über den Dächern, und ihr weißes Gefieder im blassen, kalten Licht wirkte elegant neben grauen Tauben und schwarzen Krähen. Karolin hatte den Kopf sozusagen in den Wolken und nannte die neue Wohnung spöttisch ihren Elfenbeinturm. Zum ersten Mal im Leben war sie einsam, weil sie es sein wollte. All das, der Bruch mit Vadim und ihr Umzug, war im letzten Sommer geschehen. Keine drei Monate nach dem Einzug in den Elfenbeinturm kam ein Anruf aus Deutschland. Ihre Mutter war gestorben.
Am Schreibtisch sitzend musste Karolin nur aufblicken, um die Stadt mit ihrem jeweiligen Himmel und Licht zu betrachten. Aus dieser Perspektive hatte Paris überhaupt nichts Romantisches mehr, auch nichts Pittoreskes oder Sentimentales. Karolin war aller Klischees enthoben, nur des Eiffelturms nicht, aber auch der sah aus der Ferne betrachtet eher wie ein Leuchtturm aus, vor allem nachts, wenn ein greller Scheinwerfer an seiner Spitze kreiste. Genau einmal pro Minute strich der Lichtstrahl am Fenster vorbei. Mit Siebenmeilenstiefeln über die Zeit hinwegzuschreiten, auch das ging recht gut von hier oben aus. Seit August 1944, als Karolins Vater Viktor Wagfall mit den letzten deutschen Besatzern aus dem befreiten Paris floh, waren mehr als sieben Jahrzehnte vergangen, und das Paris von damals hatte mit der Stadt von heute nur noch die imponierende Unzahl von stilvollen Fassaden und beneidenswerten Monumenten gemeinsam. Zwischen der Vergangenheit ihres Vaters und Karolins Gegenwart lagen karge und strebsame Nachkriegszeiten, dann zuversichtlich moderne, selbstsicher hochmoderne und angeregt postmoderne Jahrzehnte. Ein neues Jahrtausend war angebrochen mit seinen ersten Zeiten des Missvergnügens. Außerdem lagen zwischen Vater und Tochter zehn französische Präsidenten von Vincent Auriol bis Emmanuel Macron.
Schließlich bestand ich das Abitur mit der Gesamtnote Drei plus. Das galt als gerade noch akzeptabel durch das Pluszeichen an der Drei. Mein Vater hatte 1931 nach dem Bankrott des Sägewerkes eine Tankstelle mit Reparaturwerkstatt und Automobilverkauf eröffnet, das erste und lange Zeit einzige Autohaus unseres schwäbischen Kreisstädtchens. Die Geschäfte liefen anfangs mäßig und das Einkommen lag weit unter dem gewohnten Niveau, aber mein Vater, das muss ich ihm lassen, bewies Geschäftssinn und eine gute Intuition für neue Erwerbsquellen. Das Automobil, wie wir damals sagten, hatte Zukunft. Trotz der finanziellen Schwierigkeiten wurde ich auf die Stuttgarter Universität zum Studium der Volkswirtschaft geschickt. Es war das fatale Jahr 1933.
Das Studium lag mir nicht, es war mit zu viel Theorie und vor allem zu viel Mathematik verbunden. Von Anfang an hatte ich es als Nebensache betrachtet und meine neu gewonnene Freiheit im Stuttgarter Studentenzimmer dazu genutzt, die Malerei voranzutreiben. Die Idee von Isidor Schweig, dem Maler und Kopisten berühmter Gemälde, war schon ausgereift und verlangte nur nach einer geeigneten Strategie, um mein fernes Ziel, Paris versteht sich, zu erreichen. Während des ersten Semesters gelang es mir, einen zwar nicht übermäßig lukrativen, aber immerhin funktionierenden Handel mit kopierten Gemälden im Stil des deutschen Realismus – etwa ein Zimmer mit Balkon nach Adolph Menzel oder eine Jagdszene nach Wilhelm Leibl – aufzubauen. Es gab genügend Interessenten, und mithilfe eines befreundeten Stuttgarter Kunst- und Antiquitätenhändlers, Albert Schönit hieß er, konnte ich unter dem Decknamen Isidor Schweig, ohne dass mich jemand zu Gesicht bekam, in einem halben Jahr etwa ein Dutzend Kopien oder freie Nachahmungen bekannter Künstler verkaufen, die wir übrigens ganz offiziell auch als solche ausgaben. Wir wollten nicht betrügen, sondern eine Marktlücke erschließen. Genügend schwäbische Bürger hatten das verständliche Bedürfnis, ihr Heim mit der Kopie einer Genreszene von Carl Spitzweg zu schmücken oder mit einem Stillleben im alten Stil nach Jean-Siméon Chardin auszustatten. Wenn nötig, überbrachte ich durch meinen Galeristen auch gleich die richtige Aussprache zum Gemälde: Chardin werde mit dem nasalen »iñ« ausgesprochen und nicht etwa falsch französisiert »Schaardeng« oder eingedeutscht »Chaardiin«. Für die ganz Mutigen fertigte ich eine impressionistische Landschaft nach Claude Monet an oder ein pastoses Gemälde mit einem üppigen jungen Mädchen im Stil Renoirs, das Lebensfreude und Sinnlichkeit auf einen Punkt brachte: einen großen Akt wie aus dem Garten Eden.
Die Signatur war besonders wichtig, denn darauf wurde als Erstes geschaut. Welcher Besucher im Wohnzimmer meiner Kunden würde unhöflich fragen, ob dieser Spitzweg nun echt sei oder etwa nur eine Kopie. Darin lag allerdings auch der »kriminelle« Akt, denn das Kopieren von Signaturen – selbst wenn ich sie absichtlich nur von Ungefähr nachahmte – war rechtlich unzulässig. Unsere Käufer wussten allerdings, dass sie es nicht mit einem Original zu tun hatten. Albert Schönit gab auf jeder Verkaufsurkunde an, dass es sich um eine Kopie handelte, gemalt von einem gewissen Isidor Schweig, der übrigens der Ehrlichkeit halber auf der Rückseite signierte. Aber ausgerechnet mein sorgfältig gewählter Name Isidor Schweig, der mich – zumindest was den Vornamen Isidor betrifft – von Kindheit an wie ein liebster Freund begleitete, machte mir nun plötzlich auch zu schaffen. Es gab Kunden, die eine Kopie von einem Isidor Schweig partout nicht kaufen wollten. Die antijüdische Hysterie hatte 1934 längst das ganze Land erfasst. Für manch guten Bürger hatte dieser Name, aus kaum nachvollziehbaren Gründen, einen eindeutig jüdischen Klang und Hintergrund. Was insofern stimmte, als der Name Isidor vom Griechischen über Rom und die Christenheit auch in jüdische Namensregister Eingang gefunden hatte, wahrscheinlich im spätantiken Spanien, wo die römisch-christliche und jüdische Kultur unharmonisch zusammenstießen. Vor allem aber gab es während der Weimarer Zeit eine in der Presse ziemlich breitgetretene Geschichte um den jüdischen Polizeivizepräsidenten in Berlin, Bernhard Weiß. Goebbels hatte ihn zu seinem Erzfeind auserkoren. In einer bissigen Schmähkampagne hängte er ihm den angeblich lächerlich jüdisch klingenden Spitznamen »Isidor« an. Das hatte mich riesig geärgert. Es war, als sei ein zuvor unschuldiger Name plötzlich verdächtig geworden. Vielleicht hießen damals tatsächlich mehr Juden Isidor als Christen. Ich hatte allerdings überhaupt keine Lust, meinen geliebten Namen aufzugeben, der wie eine zweite Haut zu mir gehörte. Noch dazu aus solch absurden Gründen.
Mit meinem Geschäftspartner Albert Schönit musste ich dennoch eine Parade aushecken, nachdem mehrere Kunden an diesem Malernamen Anstoß genommen hatten. Ob das ein Jude sei, fragten sie Schönit. Sogar mein harmloser Nachname Schweig wurde vom Vorurteil erfasst, allzu jüdisch zu klingen. Es gab Juden, die Wagner hießen, so wie es grunddeutsche »Arier« mit dem Namen Salomon gab. Genauso hielt es sich mit Schweig. Aber der hasserfüllte Judenwahn war nun einmal losgetreten. Ich erzählte Albert von Isidor von Sevilla, der 600 bis 636 Erzbischof gewesen war, und unter dessen Kirchenherrschaft in Sevilla Juden verfolgt und Konvertierungen erzwungen wurden. Und dass er sogar ein Werk verfasst habe, das »De Fide Catholica contra Judeos« heiße. Angeblich solle er es für seine Schwester Florentine geschrieben haben, Äbtissin in einem Kloster bei Sevilla, in dem der Legende nach jüdische Kinder, die man ihren Familien entrissen hatte, im reinen christlichen Glauben aufgezogen wurden. Bessere Argumente für römisch-christlich-arische Isidors gab es wohl kaum.
»Könntest du mir nicht ein Gemälde von diesem Isidor von Sevilla machen«, schlug Albert dann vor, »ein Gemälde, das ich bei mir im Antiquitätenladen an die Wand hängen kann und das bei Bedarf Anlass zum Erzählen gibt?« Mir fiel sofort Bartolomé Esteban Murillo ein, ein berühmter Maler aus Sevilla, schönstes spanisches Barock. Eines seiner Gemälde stellt Isidor von Sevilla dar: In kostbare Gewänder gehüllt sitzt der Erzbischof und Kirchenvater erstaunlich entspannt, vielleicht auch schon ein wenig altersmüde, in einem imposanten Thronstuhl, hält in der rechten Hand den Bischofsstab, während seine linke ein riesiges Buch auf dem Schoß stützt. Neben ihm lassen sich zwei seiner Schriften erkennen. Das war es, eine Kopie von Murillo war die Lösung! Und so malte ich für Albert Schönits Kunsthandel in wochenlanger Feinarbeit eine herrliche, großformatige Nachahmung dieses Isidor-Gemäldes, das ich in der Bibliothek in mehreren Abhandlungen als Abbildung auftreiben konnte.
Von dem Tag an gab es keinen Kunden mehr, der nicht nach dem Gemälde gefragt hätte, das dort prunkvoll an der Wand hing. Von wem es sei, wen es darstelle? Albert, der mit der Zeit zu einem Spezialisten sowohl von Isidor von Sevilla als auch von Murillo geworden war, wurde nicht müde, seine Geschichten aufzutischen und gleichzeitig den Kopisten Isidor Schweig für dessen umfassende Talente hervorzuheben. Plötzlich nahm niemand mehr Anstoß am Namen Isidor Schweig, und meine Kopien verkauften sich, sobald sie im Laden hingen, derart schnell, dass die Farbe oft nicht einmal durchtrocknen konnte. Daran störte sich auch niemand, denn es ging ja nicht darum, eine Fälschung an den Mann zu bringen, sondern einfach und ungeschminkt eine schöne Kopie zu verkaufen oder eben ein Gemälde »im Stil von«. Sonst hätte ich mir unendliche Mühe geben müssen, die Tricks und Kniffe von Fälschern anzuwenden, wie etwa bei einem vorgeblich alten Gemälde zumindest das typische feinrissige Krakelee herzustellen. All das lernte ich auch erst später. Wichtig war mir allerdings von Anfang an die Qualität meiner Arbeit. Deshalb legte ich großen Wert auf eine sachgemäße Grundierung mit Bleiweiß, um ein Tiefenlicht entstehen zu lassen, selbst wenn solche Grundierungen eine Weile brauchten, um trocken zu werden.
Ich verbrachte einen beträchtlichen Teil meiner Freizeit, aber auch meiner vorgeblichen Studienzeit an der Staffelei oder mit den notwendigen Recherchen, um neue Kopien und Nachahmungen anzulegen. Dazu gehörten meine Besuche in Stuttgarter Büchereien, Museen und Kunsthandlungen, aber auch kleine Spritztouren im Automobil meines Vaters, etwa nach München, um dort die Sammlungen der Alten Pinakothek zu besuchen. Trotz alledem bestand ich nach fünf unerfreulichen Volkswirtschafts-Semestern zumindest das Vordiplom. Ich war zweiundzwanzig Jahre alt und volljährig, konnte also theoretisch über mein Leben entscheiden. Mein Vater war der Ratschläge müde geworden. Insgeheim beneidete er mich wahrscheinlich sogar um meinen Plan, auf unbestimmte Zeit nach Paris zu ziehen, um – so die offizielle Version – mein Französisch auf ein perfektes Niveau zu bringen und nach Möglichkeit ein »Mann von Welt« zu werden.
Es war Frühsommer 1936, als ich meine Absicht umsetzte. Während die deutsche Propaganda lautstark für die bevorstehende Olympiade in Berlin warb, während in Spanien die politischen Spannungen, die bald zum Ausbruch des Bürgerkrieges und zum Putsch Francos führen sollten, einen Höhepunkt erreicht hatten, herrschte in Frankreich eine vergleichsweise beschwingte Hochstimmung. Die sozialistisch-kommunistische Regierung unter Léon Blum hatte das Anrecht auf zwei Wochen bezahlten Jahresurlaub durchgesetzt, dem in jenem Frühsommer mindestens halb Frankreich entgegenfieberte. Rote Fähnchen hingen überall im Wind und die Rose, Symbol der französischen Sozialisten, wurde auf der populären Pariser Blumenschau zur schönsten Blume des Jahres gewählt. Selbst der modische Martini-Aperitif wurde in Reklamen auf den berühmten Pariser Litfaßsäulen vornehmlich von seiner roten Proletarier-Seite gezeigt: »Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend’ Paar – und für ein Glas Martini!«
Ich kam am Montag, dem 1. Juni 1936, abends an der Gare de l’Est an und setzte zum ersten Mal in meinem Leben einen Fuß auf Pariser Boden. Die Gleise lagen wie im Nebel unter einem stickigen Rauchschleier, denn selbst um die späte Uhrzeit standen mehrere Dampflokomotiven am Prellbock, die erst vor Kurzem eingefahren waren. Der Bahnhof wimmelte von Reisenden, von Trägern, Zeitungsverkäufern, fliegenden Händlern, schrägen Typen, die Hotels anpriesen, und Chauffeuren, die die Ankommenden in ihre Taxis zu locken versuchten. Ich ließ mich mit der Menschenflut über den Bahnsteig und durch die riesige Bahnhofshalle treiben, folgte mit einem Koffer in der Hand meinem Träger, der mit den beiden anderen Koffern mühselig seine Schritte ausbalancierte, auf den Vorplatz hinaus.
Und dann saß ich in den tiefen, weichen Sitzen eines Pariser Taxis, eines dunkelroten Renault G7 mit einem breiten Trittbrett zum Einsteigen, und ließ mich, so hatte ich es dem Fahrer aufgetragen, frei der Nase nach durch die Stadt chauffieren. »Fahren Sie, wohin Sie wollen«, hatte ich gerufen, »ich möchte Paris sehen!« Selbst wenn der Platz der Republik am anderen Ende der Stadt gelegen hätte, wäre der Taxifahrer wohl trotzdem als Allererstes nirgendwo anders als dorthin gefahren. Zum Glück war er nur einen Steinwurf vom Bahnhof entfernt und lag auf dem Weg zur Innenstadt, wir brauchten also nur den breiten Boulevard de Magenta hinunterzufahren, um an den riesigen, rechteckigen Platz zu gelangen. Hier stand die personifizierte Republik, Marianne mit der phrygischen Mütze der Freiheit, auf einem monumentalen Sockel. Mit einem Olivenzweig in der hocherhobenen rechten Hand steht sie für Frieden ein, in der linken hält die revolutionäre Marianne eine Tafel mit der Aufschrift »Menschenrechte«. Drei Standbilder, die Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit darstellen, umgeben als erhabene Maximen das hohe Piedestal der Republik. Der Taxifahrer wollte es sich nicht nehmen lassen, mehrmals rund um das Denkmal herumzufahren, damit ich die Figuren ganz genau von allen Seiten betrachten und die Worte Liberté – Egalité – Fraternité auf dem Sockel entziffern konnte.
Zum ersten Mal sah ich die Pariser Hausfassaden mit ihrem hellbeigen Quaderstein und ihren schmiedeeisernen Balkongeländern. Selbst nach neun Uhr abends waren die Straßen belebt wie bei uns nicht einmal am Tag. Das sanfte Licht der alten Gaslaternen tauchte die kleinen Seitenstraßen in eine schummrige, ockergelbe Stimmung, während die Boulevards schon mit den modernen elektrischen Laternen hell beleuchtet wurden, deren Lichtkegel schroffe Schatten malten. Was mich am meisten erstaunte, waren die vielen Cafés und Restaurants, die sogar bis auf die breiten Bürgersteige hinaus ihre Tische aufgestellt hatten und voll besetzt waren. Die Straßen schienen vor Leben bersten zu wollen, und ich befand mich in einem derart exaltierten Zustand, dass der Taxifahrer seinerseits mit immer pathetischeren Gesten die Sehenswürdigkeiten seiner Stadt kommentierte. Wir fuhren die Grands Boulevards entlang, auf den Bürgersteigen flanierten Spaziergänger in der Frühsommernacht, untergehakte Paare, Männer mit Schiebermütze oder Hut, eine Hand in der Hosentasche, raffiniert gekleidete Frauen, schlank, mit kleinen Hütchen auf hochgestecktem Haar, in glockig ausfallenden Röcken, taillierten Jacketts und mit hochhackigen Pumps. Die beleuchteten Theaterhäuser und Kinopaläste mit ihren Reklamen, die überfüllten Cafés und Restaurants glitten wie in einem Traum an mir vorbei. Ich hatte das Fenster heruntergekurbelt und roch zum ersten Mal die Pariser Nachtluft. Lau war sie, und fröhlich flirrend erschien sie mir. In dieser Luft lag meine Zukunft. Dann kamen wir zum Boulevard Haussmann mit seinen Prunkfassaden und fuhren an der beleuchteten Oper vorbei. Über die Rue Royale erreichten wir die Place de la Concorde, ich sah zum ersten Mal den ägyptischen Obelisken und das riesige, goldene Tor, das in die Tuilerien-Gärten führte. In jener ersten Nacht fuhr ich die Champs-Élysées hinauf bis zum Arc de Triomphe und einmal um den Triumphbogen herum. Nach dem obligatorischen Abstecher zum Eiffelturm bat ich den Chauffeur die Champs-Élysées noch einmal hinunterzufahren, zurück zur Place de la Concorde, weil ich mich nicht sattsehen konnte an der Weite dieser Straße, den Lichtern, den Gebäuden und großzügigen Perspektiven.
Wir sind schließlich über die Rue de Rivoli und am Louvre entlang bis Châtelet gefahren, denn meine erste Nacht habe ich in einem Hotel bei der Place du Châtelet verbracht, gleich neben dem Pariser Rathaus. Wahrscheinlich schlief ich bald schon ein, todmüde von der langen Reise und den neuen Eindrücken, auch mit einem etwas bangen Gefühl von Freiheit, weil ich zum ersten Mal so weit von zu Hause weg war, es aber auch niemanden mehr gab, dem ich Rechenschaft ablegen musste. Viktor Wagfall war hinter mir zurückgeblieben. Ich konnte nun mit Haut und Haar Isidor Schweig werden, ein neues Leben lag offen vor mir wie eine dieser verheißungsvollen Pariser Avenuen.
Meine Tagesstimmungen sind wechselhaft, stehen unter der Fuchtel des launischen Frühlingswetters. Aber heute sage ich mir, dass es tatsächlich mit einem gewissen Vergnügen verbunden sein könnte, Isidor Schweig mitsamt seinem Pariser Leben aus der Versenkung zu holen. Man legt sein Bild langsam an, skizziert Umrisse, zieht die ersten Pinselstriche, denkt über die Farben nach. Lebensbeichte. Das Gefühl untergründiger Schuld kommt manchmal auf. Gerade im letzten Winter gab es diese Momente, in denen ich mich von meinem eigenen Schweigen erdrückt fühlte. Ich hatte geglaubt, dass es unmöglich wäre, den schweren Deckel über der Vergangenheit noch einmal zu heben. Aber vielleicht ist das Gedächtnis, ist Erinnerung wie ein faszinierendes Labyrinth, und nachdem ich nun in seinen Windungen die ersten Schritte gewagt habe, reizt es mich, immer tiefer einzudringen, um allmählich bis zum Herzstück vorzustoßen.
Der Frühling tut mir außerordentlich gut heute. Ich komme vom Spaziergang zurück, bin mit meinen Gedanken in Paris und fühle mich sogar beschwingt. Nonchalance liegt in der lauen Luft wie eine Parfumnote. Apropos Paris und Parfum: Irgendwann kurz vor dem Schwarzen Freitag 1929 schenkte mein Vater meiner Mutter ein Flakon Chanel N°5 zum Geburtstag. Heute ist es unvorstellbar, was für ein Aufsehen dieses Parfum damals erregt hatte. Von außen ein nichtssagendes, viereckiges Fläschchen und darin verborgen eine völlig neue Vorstellung von Parfum, ein Duft wie ein abstrakter Blumenstrauß. Zuerst Rosen, Jasmin und Maiglöckchen als Kopfnote, dann die Herznote mit Ylang-Ylang und Sandelholz, schließlich der sinnliche Nachklang mit Patchouli, Moschus und Zimt. Am liebsten würde ich nun auch sofort von Adèle erzählen, von Adèle in Paris, deshalb die Assoziation der Frühlingsdüfte mit Coco Chanel, denn ich konnte nicht umhin, es meinem Vater nachzutun und meiner Geliebten ein Flakon zu schenken. Gemach! Eines bleibt jedoch unumstößlich: Wenn ich mein Leben genau betrachte, habe ich in all den mehr als achtzig Jahren nur ein paar Jahre lang wirklich gelebt, intensiv und deckungsgleich mit dem, was so etwas wie »Ich« sein könnte, mit meinen wirklichen Bedürfnissen. Neben meinen Kindheitsjahren sind das die Jahre, die ich in Paris verbracht habe. Wenn ich sie malen sollte, würde ich blendende, satte Farben wählen, Rot, Grün, Blau, Gelb. Ja, wie ein Gemälde von Matisse, mit dieser in Farbe umgesetzten Erfahrung von Intensität. Und der Rest meines Lebens, davor, danach, war ein Vorspiel und ein langes Nachspiel. Die reinen Viktor-Jahre sind Jahre der Pflichthaft gewesen. Ich habe sie aus Pflichterfüllung gelebt, als müsste ich eine immerwährende Examensprüfung bestehen. Oder eine Schuld ableisten. Insgeheim wäre ich manchmal am liebsten aus meinem Leben herausgelaufen wie diese unverstandenen Leute, die eines Tages vorgeben, sie würden nur eben Zigaretten kaufen gehen und dann nie wieder zurückkommen.
Anna ist vorhin in die Stadt gefahren. Ich habe ihre Abwesenheit genutzt, um meine alten Terminkalender und Skizzenblöcke vom Dachboden zu holen. Seit 1954 lagen sie dort unangetastet in einem Karton, ganz hinten in der Dachschräge, versteckt von einem dicken Balken. Auf dem Kartondeckel hatte sich eine filzige Staubschicht gebildet, darunter stapelten sich, sorgfältig geordnet, die vielen, kleinen Bücher, die Blöcke und ein Päckchen Briefe. Über Jahre hinweg hatte ich immer dieselben Terminkalender in unserem Stuttgarter Papierwarengeschäft gekauft, in hellbraunes Schweinsleder gebundene Büchlein mit Goldschnitt. Beim schnellen Durchblättern sehe ich jetzt, dass die Einträge sehr unterschiedlich sind. Manche Seiten blieben leer. Mitte Juni 1936 hatte ich ein Zitat von Anatole France notiert: Comme je n’étudiais rien, j’apprenais beaucoup – Weil ich nichts studierte, lernte ich viel. Ich nehme an, dass ich den Spruch als Bestätigung für meinen hochaktiven, immer neugierigen, allerdings eher unakademischen Lebenswandel verstand. Dann: 18 Uhr, Treffen mit Hans und einige Tage später: 20 Uhr, Dîner mit Mademoiselle Valland. Das war Ende Juni, Anfang Juli 1936. Und so hat alles wirklich erst angefangen, mit Hans Wendland und auch mit Rose Valland.
Vier mal drei gleich zwölf alte Schulhefte auf dem Schreibtisch ausgelegt wie ein Patience-Spiel. Auf den Etiketten steht in Kinderschrift ein Name, Schulfach, Klasse. Ein schwarzes Moleskine-Notizbuch liegt als dreizehntes Heft dazwischen.
Karolin konnte sich aus Paris nicht mehr wegdenken. Mit den Jahren war die anfänglich noch fremde, abstrakte Metropole, die sie mit dem Finger auf der Karte studierte, zu ihrer vertrauten Stadt geworden. Wenn es hieß, wir fahren in die Rue Vavin, in die Avenue Mozart, Richtung Austerlitz, Montgallet oder in die Rue Nollet, dann kannte sie den Weg, war schon im Geist an der Place de la République, überquerte die Seine, bog am Boulevard Richard Lenoir rechts ab oder nahm die Rue des Dames, die eine Einbahnstraße war, von der Avenue de Clichy aus. Sie wusste, dass die Linie 4 auf den Schildern in den Metroschächten rot markiert war, die Linie 1 gelb und die Linie 14 violett, Balard und Créteil waren die Endstationen der Linie 8. Aber dass es jenseits dieser Vertrautheit noch ältere, viel triftigere Gründe dafür gab, warum die Stadt zu ihrer Stadt geworden war, hatte sie nicht geahnt. Nicht nur aus Gewohnheit war sie hiergeblieben oder wegen der hübschen Pariser Hinterhöfe und des Lichts über der Seine. Auch nicht nur wegen des anmutigen Klangs mancher Worte wie aéronef, flagorneur, coquelicot, hazardeux oder wegen des fertig zubereiteten Bœuf Bourguignon im Feinkostladen hatte sie ihren Aufenthalt in Paris immer wieder verlängert. Selbst die Liebe war kein nennenswerter Grund mehr für ihr Bleiben, die Liebe kam unweigerlich in jeder Stadt früher oder später auf einen zu, und hier, so sagte man, allemal. Aber sie ging auch wieder, zumal – das fügte dann niemand mehr hinzu – in dieser Stadt.
